Natalija - Mara Krezdorn - E-Book

Natalija E-Book

Mara Krezdorn

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Beschreibung

Ihr Name ist Natalija. Sie bemüht sich, ihre Vergangenheit außer Acht zu lassen. Dennoch spaziert sie ihr in den Jahren, in denen unweigerlich alle Rechnungen des Lebens zusammenlaufen, wie ein Strahl der frühen Morgensonne nach dem Erwachen, ganz von allein und ungerufen in die Gedanken hinein ... Nach Jahren, die hinter ihr liegen, lebt sie glücklich und zufrieden mit sich selbst, irgendwo in den Hochalpen, in Norditalien. Der Weg gen Märchen führte sie von einen kleinen Örtchen in Serbien über Deutschland, dann erneut Serbien - in jenen schwierigsten Neunzigern - nach Italien und in die Straßen Roms, wo sie dank humanitären Organisationen überleben konnte. Hinter ihr liegen eine Kindheit, in der sie nie wahre elterliche Liebe erfahren hatte, eine Ehe ohne die geringste Spur von Liebe, außerdem viel Pein, Erniedrigung und Leid, zwei Söhne - die einzigen Lichtpunkte ihrer Vergangenheit, grenzenlose Hingabe und etliche Träume ... Ihre Vergangenheit unterscheidet sich wahrscheinlich nicht sonderlich von anderen Lebensgeschichten der Frauen vom Balkan, aber ihre Gegenwart ist das, wovon viele dieser Frauen ewiglich träumen werden. Und zu eben diese Gegenwart kam sie, indem sie ihren Träumen folgte ... All ihre falschen Entscheidungen hat sie selber getroffen, ebenso kamen sie auch ihre Lebensfehler teuer zu stehen, aber sie hat sich alles, was sie heute ist, selber erkämpft. Deswegen hegt sie keine großen Lebensträume mehr. Heute ist sie eine Frau im besten Alter, die ihr Leben genießt ... Von diesem in einen kleinen Ort in Serbien geborenen Mädchen hat sie einzig und allein den Namen und die Erinnerungen behalten. Aus der Rezension Dragan Tosic ,Prof.

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Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2018

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NATALIJASEHNSUCHT NACH LIEBE

Autor MARA KREZDORN

Rezensent DRAGAN TOŠIĆ

Lektorat und Korrektur DRAGAN TOŠIĆ

Druckvorbereitung DraganLazarević

Übersetzung JASMINA KUVELJIC

Erste Ausgabe

Inhaltsverzeichnis

Ich bin…

Kindheit

Jugendzeit

Der Aufbruch

Deutschland

Rückkehr nach Serbien

Stefan

Serbien in den Neunzigern

Aufbruch nach Italien

Josef

Ich bin…

Ich bin Natalija. Bin gerade in dem Alter, in dem Frauen ungern über die bisher gezählten Winter und Sommer reden. In dem sie grundsätzlich nicht gerne über Zahlen sprechen. Wie komisch mir das auch immer erscheinen mag, wundert es mich nicht im Geringsten. Ich bin mir dessen bewusst, dass wir in einer Welt leben, in der Frauen schon mit Vierzig alt und abgeschrieben sind. Aber, wenn man dies als eine Genugtuung bezeichnen könnte, finden mich viele noch ziemlich anziehend. Ich habe langes blondes Haar, für mein Alter einen ziemlich schlanken und wohlgeformten Körper und wenn ich mich etwas bemühe, weiß ich von Männern Komplimente hervorzulocken…

Ich gehöre zu jener Frauengruppe, die morgens ihr Gegenüber, wenn sie sich im Spiegel betrachten und eine neue, winzige Falte über den Lippen oder um die schönen, großen, grün-braunen Augen, die ich an mir übrigens am meisten mag, entdecken, immer noch anlächeln können und die feststellen, dass die Zeit, die hinter ihnen liegt auf ihrem Gesicht nur noch eine weitere Spur von Weisheit und einer durchlebten Erfahrung hinterlassen hat.

Mein Alter bereitet mir kein Kopfzerbrechen, noch leide ich wegen allem, was ich in der Vergangenheit als schwere Last bewältigt habe. Ich bereue kein einziges Erzittern und Erflimmern meines Herzens. Auch Tränen vergieße ich keine mehr wegen einer mich erdrückenden Pein. Ich lebe für den dämmernden Morgen und den vor mir liegenden Tag.

Dennoch, wie sehr ich mich dagegen sträube, an die Vergangenheit zu denken, kehrt sie manchmal allein, uneingeladen in meine Gedanken ein. Dann stelle ich mir die Frage, ob sie mich quälen und verfolgen möchte oder mir nur nicht zulässt, zu vergessen. Aber nach all dem, bin ich mir fast sicher, sie wolle mir nur zu Wissen geben, dass ich im gegenwärtigen Leben kein Recht auf Tränen, Unzufriedenheit und schlechte Laune habe.

Kindheit

Meine Eltern sind aus einem entfernten Bergdorf in meine Geburtsstadt gezogen, um der Armut und dem Elend, in denen sie lebten, zu entfliehen. Selten besuchten sie ihre Heimat, und wenn sie es dennoch taten, waren es nur Stippvisiten, weil Vater arbeitete und Mutter sich um Haus und Kinder kümmern musste. Nun erscheint mir das wie eine gute Ausrede, mit der sie sich vor den ewigen Tadeleien meiner Oma, Vaters Mutter, wehrten, welche die Angewohnheit hatte, ihnen vorzuwerfen, Großvater und sie vollkommen vergessen zu haben, und wenn ihnen nicht daran gelegen sei, sie zu Lebzeiten noch zu sehen, bräuchten sie ihnen auch nicht ans Grab zu kommen.

Und mir schien es schon damals, als kleinem Kind, dass Vaters Familie in der Tat im erbärmlichsten und ärmsten Dorf der Welt lebte. Wie selten meine Eltern das Dorf auch besuchten, noch seltener nahmen sie mich und meine Brüder mit. Und ehrlich gesagt, litten wir deswegen nicht besonders.

Ein einziger Besuch bei Oma und Opa ist mir im Gedächtnis geblieben, doch auch dieser keineswegs in Gutem. Das Dorf konnte man nicht per Bus erreichen, da es für diesen dort keine Zufahrtsstraße gab. Die Bushaltestelle, an der wir ausstiegen, befand sich unter einem alten, weit verästelten Nussbaum, neben der mit groben Schotter belegten Straße.

Von dieser Stelle aus führte ein festgestampfter Pfad zwischen den Akazien- und Zerreichenbäumen bergauf. Meine Brüder und ich versuchten mit unseren Trippelschritten, Vater und Mutter einzuholen, die hurtig vor uns her spurteten. Üblicherweise warteten sie am Waldrand, der an mach kleine Äcker und Felder grenzte, auf uns. Außer Atem vor Anstrengung rannten wir zwischen den emporgeschossenen Weißdornsträuchern zu ihnen, über die Kratzer klagend, die ihre scharfen Dornen auf unseren bloßen Armen und baren Füßen hinterlassen haben. Ich entsinne mich nicht mehr, wie lange wir gelaufen sind, aber ich weiß, dass es mir damals als Siebenjähriger, wie eine ganze Ewigkeit vorgekommen ist.

Auch unser Haus in der Stadt, in dem wir lebten, war kein Palast, aber als wir endlich bei Omas und Opas Haus eintrafen, zeigte sich uns ein kleines, heruntergekommenes Holzhäuschen mit schiefem Dach und kleinen Biberschwanzziegeln, das an einer der vier Seiten eingefallen war, wahrscheinlich wegen der brüchig gewordenen Balken und Latten, die es stützten. Von den Hauswänden blätterte die weiße Farbe ab, mit der sie einst vor langer Zeit getüncht wurden. Die Ecken, die sich auf das Fundament aus grob gehauenen Steinen lehnten, waren abgeschlagen und man konnte die Farbe des getrockneten Lehms deutlich sehen.

Das Material, aus dem einst hierzulande Häuser gebaut wurden, nennt man Pressmasse, und sie wurde so hergestellt, indem man Lehm und klein geschnittenes Stroh mit Wasser vermengte und diese Mixtur dann zwischen die tragenden Balken einpresste, die diese derart gemachten Wände stützten. Das Haus betrat man über drei Steinstufen durch die verblichene Holztür, und links und rechts von ihr waren zwei Fenster mit gezimmerten Fensterläden.

Im Haus gab es keinen Strom, was uns Kindern schon zu jener Zeit unvorstellbar vorkam. Mit Sonnenuntergang tauchten Haus, Hof, Blockhütte und die gesamte Umgebung in undurchdringliche Dunkelheit ein. Und wir, klein wie wir waren, hatten Angst vorm Dunkel.

Der Hausboden war nur mit gut eingestampfter Erde überdeckt und sein einziger Vorteil bestand darin, dass wir nicht davor bangen mussten, etwas darauf zu verschütten oder ihn zu verschmutzen und mit Krümeln zu übersäen, was uns unsere Mutter in der Stadt nie durchgehen ließ. Dennoch bespritzte Oma ihren Lehmboden jeden Abend mit Wasser und kehrte ihn mit ihrem selbstgemachten Reisigbesen.

Während sie dies verrichtete, erinnerte sie uns an die Hexe aus unserem Bilderbuch über Hänsel und Gretel, welches wir daheim hatten und immerfort durchstöberten. Nicht so sehr ihretwegen und weil sie ihr ähnelte, sondern mehr wegen dem Gesamtbild, das sich einem im einzigen Raum des Hauses bot.

Neben ihr, die mit diesem sonderbaren Besen herumwedelte, hing mitten im Zimmer, vom deckenlosen Dachboden aus überkreuzten Querbalken ein mit Ketten daran befestigter Kessel voller ständig brodelndem Wasser, da das Feuer immerzu mit frischem Holz genährt wurde.

Obwohl es Sommer war, sprühten ringsum Funken von der Feuerstätte her und bildeten in den kühlen Nächten einen Dampf, von dem die Fenster dauernd beschlagen waren. Wenn wir rausschauen wollten, mussten wir zunächst den tröpfelnden Nebel wegwischen, der die kleinen Fensterluken bedeckte.

“Weg vom Fenster! Was schmierst du mit der Nase darauf herum?”, brüllte Oma, wenn sie es bemerkte.

Opa, der sozusagen ununterbrochen schweigend auf einem glatt eingesessenen Holzschemel am Feuer saß, stammelte nur verärgert hervor: “Lass doch die Kinder in Ruhe! Sie werden sonst nie wieder herkommen, du alte Hexe!"

Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir Kinder in einem kleinen Holzhäuschen, das man weder als Blockhütte noch Schuppen bezeichnen konnte, schliefen oder besser gesagt, die Nächte darin verbrachten, und wohin wir uns beim flackernden Licht einer Kerze begaben, die Oma beim Gehen stets mitnahm, angeblich aus Vorsorge, dass wir die Hütte nicht anzündeten.

Sie gab uns eine alte, raue Wolldecke zum Zudecken, die uns die ganze Nacht über kratzte und an uns nagte, aber die echte Qual begann erst, nachdem man das Licht ausgemacht hatte, weil sich zugleich auch die Flöhe dazugesellten, deren Bisse uns unbarmherzig plagten. Wir konnten kein Auge zutun, da wir uns die ganze Nacht über kratzen mussten.

“Schwesterchen, ich möchte nach Hause!”, jammerte mein Bruder Mitar ununterbrochen, von mir Hilfe und Schutz erbittend. Ich versuchte ihn zu trösten und zu beruhigen, fühlte mich jedoch selbst keines bisschen besser als er. Die Flöhe bissen mich, die Wolldecke kratzte, ich fürchtete mich vor der Dunkelheit, den Hexen und erwartete jeden Augenblick, dass eine von ihnen an meine Tür klopfte. So verbrachten wir die ganze Nacht über wach. Tags darauf dösten wir vor uns hin und konnten es kaum erwarten, dass Vater und Mutter zum Aufbruch nach Hause riefen.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass zumindest Mitar, mein jüngerer, dazumal vierjähriger Bruder, und ich, die sieben Jahre alt war, in Vaters Dorf und Geburtshaus nur damals und nie mehr wieder dort gewesen sind. Opa war im Recht. Wir besuchten sie kein weiteres Mal mehr, denn, wenn auch nur erwähnt wurde, dorthin zu gehen, erfanden wir Ausreden, warum es gerade jetzt nicht ginge.

Vielleicht trug zu alledem noch bei, dass Opa nur dann etwas von sich gab, wenn er mit Oma zankte, und Großmutter hatte ein jähzorniges und boshaftes Gemüt. Deshalb liebten wir sie nicht. Alles musste immer nach ihrem Willen geschehen und ihrem Befehl ablaufen. Darüber hinaus hatte sie sich nie darum bemüht, unsere Liebe zu gewinnen, uns mit einer Kleinigkeit an sich zu binden oder zu fesseln. Das kam ihr nicht in den Sinn, denn über alle Maßen hinaus war sie geizig.

Niemals hatte sie uns etwas geschenkt, wie andere Großmütter es taten, und was noch am Schlimmsten war, uns als ihren Enkelkindern nie echte und aufrichtige Liebe entgegengebracht.

Zuerst Großvater, und bald darauf auch Großmutter, sind für uns Kleinen in den Himmel gegangen. Ihr verfallenes Haus fiel vollkommen zusammen und eines Tages stürzte es unter dem Einfluss von Windböen, Regen und Kälte ein. Dennoch blieb es für immer in meinen Erinnerungen haften und hinterließ für alle Zeiten eine Angst in mir vor diesem Elend und der Notdurft, in der sie gelebt hatten.

* * * * *

Mutters Familie lebte in einem anderen, nicht so weit entlegenem Dorf, und im Gegensatz zu Vaters Eltern führten sie ein viel besseres Leben. Aber erheblich wichtiger für uns Kinder war, dass Opa und Oma mütterlicherseits uns gegenüber immer Güte zeigten.

Deshalb konnte ich die Sommerferien kaum erwarten, um sie zu besuchen. Für mich war das ein echtes Erlebnis.

Ihr Haus war geräumig, mit Dielen belegt, so dass alles nach Holz roch. Schöne Flickenteppiche, die Oma selbst am Webstuhl gewebt hatte, lagen am Boden verteilt. Oft versuchte sie auch mir das Weben beizubringen, aber es wollte mir einfach nie von der Hand gehen.

Die kleinen Holzfenster am immer frisch getünchten Haus waren mit weißen gehäkelten Gardinchen verhängt. Das Haus roch immer nach selbstgemachten, frischgebackenem Brot.

Großvater war für mich der beste Opa der Welt. Obwohl schon in gediegenem Alter, war er ein schöner Mann, mit dunkelblauen Augen, Vollbart und langem Haar. Nie scherte er sich darum, ob sein Bart und seine Haarpracht jemandem gefielen oder nicht.

Er pflegte zu sagen: „Jesus hatte es ebenso getragen, und ich mache es genauso.”

Viele schätzten ihn, aber einige, die sich über ihn lustig machen wollten, betrachteten ihn als einen Sonderling, da er Erzählungen schrieb und Gedichte verfasste. Das waren noch jene Zeiten, als dies allen, insbesondere den ungebildeten Leuten auf dem Lande, unvorstellbar war, so dass sie mit Argwohn solche beäugten, da die Mehrzahl der Ansicht war, dass diesen Käuzen etwas fehlte.

Auch heutzutage noch, insofern sie nicht zu einem von jenen Schriftstellern gehören, die auch in der Schulliteratur Einzug gehalten haben, betrachtet das niemand als ernstzunehmende Tätigkeit. Deshalb bewundere ich ihn noch mehr, da er in der Tat erfolgreich gegen ihren Spott ankämpfte.

Für mich, aber auch für viele anderen, war er ein äußerst intelligenter Mann. Wahrscheinlich verlangte man von ihm, sich auch politisch zu engagieren, um ihn zum Bürgermeister vorzuschlagen und aufstellen zu lassen. Aber er hatte das abgelehnt.

Seine Rechtfertigung lautete: „Auch Jesus hatte so etwas nie gemacht“. Lieber setzte er mich zu sich und las mir etwas vor. Er war in der Lage, mir stundenlang verschiedene Geschichten und Gedichte vorzutragen, und ich sog alles in mich hinein. Mit den Augen, dem Herz und der Seele. Wenn er innehielt, bat ich ihn:

“Komm schon Opa, lies weiter. Mehr, bitte noch mehr"...

Und er würde dann zufrieden weiterlesen. Weder ich noch er konnten von den Geschichten und Gedichten je genug kriegen.

Er war kein Verächter von guten Getränken. Neben dem Haus befand sich ein Holzspeicher auf festen, dicken Holzsäulen aufgestellt. Das war sein Paradies. Darin errichtete er sich ein Holzbett, legte einen Strohsack hinein, darüber eine Wolldecke und schlief dort, den Winter ausgenommen, das ganze Jahr hindurch.

Gegenüber von seinem Bett stellte er ein Fass mit Wein griffbereit auf, mit Zapfhahn, aber auch einem dünnen eingesteckten Gummischlauch, womit er den Wein direkt in langen Zügen ohne Glas schlürfen konnte, was oftmals mit einem Besäufnis endete. Dann würde er seine Lieblings-Opanken ausziehen, seinen gewebten Beutel, in den er Speck, Brot, Wein und ein kleines Messer steckte, an einen Stock hängen, diesen dann schultern und sich so ohne Schuhwerk zu Fuß in die etwa zehn Kilometer entfernte Stadt aufmachen.

Es war wirklich wundersam, einen solchen Greis mit langem Haar und Vollbart barfuß des Weges schreiten zu sehen, der nichts und niemanden beachtete. Nun, wenn ich mich dessen entsinne, geht mir durch den Kopf, dass ihm in solchen Augenblicken einzig wichtig war, dass seine Erscheinung nicht nur Jesus so sehr ähnelte, sondern gar selbst an diesen erinnerte.

Ehrlich gesagt entsprach dies halbwegs der Wahrheit. Etwas Ähnlichkeit bestand in der Tat. Normalerweise pflegte er nach zwei Tagen nach Hause zurückzukehren und niemand wagte es jemals, ihn zu fragen, wo er gewesen sei noch was er getan habe. Nach solchen Ausflügen schloss er sich in seinen Holzspeicher ein, ersann und schrieb neue Geschichten und lustige Gedichte nieder.

Auch jetzt noch kann ich mich gut daran erinnern, wie sehr ich lachen musste, als er mir ein Liedchen vortrug, das er während seinem Krankenhausaufenthalt verfasste, weil ihn ein Holzspan ins Auge getroffen hatte, weswegen er auf diesem Auge blind wurde.

Es ging ungefähr so: In meinem Großen Hain, fiel mir ein Span ins Aug` hinein ...Habe meine Frau Kata, die Eule, schlafe aber trotzdem in der Scheune. Hab` kein Huhn noch Ente. Weder Gehalt, noch Rente...

Des Winters zog er tatsächlich in die Scheune um. Es war ein kleines, schönes Holzhäuschen mit einem einzigen Raum, worin sich ein Holzbett, selbstverständlich wieder mit Strohsack, ein Tisch und ein Stuhl befanden.

Auf dem Tisch lag ein Haufen Bücher, die er immer wieder aufs Neue las und niemand durfte sie auch nur anrühren. Nicht einmal Großmutter. Nur ich allein.

"Wohlan Opas Schmuckstück", wusste er mir zu sagen, während er mit seinem scharfen kleinen Messer den hausgemachten Speck in dünne Streifen schnitt, die ich genussvoll verputzte, "lass uns lesen".

Sein Vorlesen versetzte mich in Entzückung. Stundenlang lauschte ich von Feen, Elfen und Hexen.

Gerne half ich meinen Großeltern bei den anfälligen Stallarbeiten. Sie hatten viele Nutztiere. Kühe, Schafe, Schweine und einige Hühner, die regelmäßig Eier legten. Auf dem Scheunendachboden lag viel Heu. Ich liebte diesen Geruch. Immerzu stieg ich die Holzleiter zum Dachboden hinauf, um die Eier einzusammeln und aufs Neue den Duft des Heus zu erspüren, der an meiner Kleidung haften blieb, während ich mich darauf wälzte.

Als kleines Mädchen genoss ich Sommer für Sommer die Zeit bei ihnen auf dem Dorf und konnte die nächsten Ferien kaum erwarten.

* * * * *

Unser Leben verlief jedoch vollkommen anders...

Wir lebten im Vorort einer Kleinstadt, eingebettet in einen Talkessel. Mit einer Seite grenzte sie an ein Gebirgsmassiv, das über der Stadt ragte und nächtens gewaltig und erschreckend anmutete. Tagsüber konnte ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass der Berg da stünde, um uns mit seinen riesigen Armen aus Bäumen, Waldlichtungen und Felsen, zu umarmen, um uns zu schützen.

Manchmal vor dem Regen, streckte ich meine Arme in seine Richtung, weil es mir dünkte, ich könnte ihn mit meiner kleinen Hand anfassen und liebkosen. Durch die Stadt schlängelte ein seichtes Flüsschen hindurch, aber hin und wieder, wenn es lange regnete und die schnellen Bergbäche, die darin mündeten, anschwollen, stieg dieser kleine Fluss an und trat über die Ufer, wobei er große Probleme verursachte.

Wir wohnten in sicherer Entfernung zu ihm, so dass wir uns vor Überschwemmungen nicht fürchten mussten. Unser Haus war nicht allzu groß und bestand nur aus zwei Zimmern und einer Küche. Wir lebten zu fünft darin wie zusammengepfercht.

In der kleineren Kammer schliefen meine Eltern, und in der zweiten, meine beiden Brüder, Mitar und Mihailo, zusammen mit mir. Im Verhältnis zum Rest des Hauses war die Küche ungewöhnlich groß. Der Boden war aus Linoleum, den ich jeden Tag wischte, weil er glänzen musste.

Der Holzofen brannte fast ununterbrochen. Wir hatten auch einen Elektroherd, den wir selten benutzten, da Strom teuer war. Vor dem Fenster hing eine wunderschöne Gardine, die ich über alles liebte, da wir sie von meiner Tante, die in Frankreich lebte, bekommen haben.

Diese gute Tante von mir, Mutters Schwester, brachte uns stets schöne Dinge mit: Bettzeug, Gardinen, Kleider, und wir alle freuten uns immer über ihren Besuch.

Aus der Küche führte eine Tür in die Abstellkammer, die winzig klein war, aber dafür gab es darin alles im Überfluss. Mutti legte regelmäßig Wintervorräte an, kochte Marmelade, Konfitüre, presste Säfte aus allen möglichen Obstsorten. Das alles bereitete sie alleine zu.

Auf die Zeit des Konfitüre-Kochens freute ich mich jedes Mal sehr. Ich labte mich in diesen wundervollen Gerüchen von Obst und stand Mutter gerne zur Seite. Aus einer Ecke der Abstellkammer lächelten uns immer ein Kartoffel- und ein Zwiebelsack entgegen. Wenn die Speisekammer damit gefüllt war, konnte Mama sicher gehen, dass wir nicht an Hunger leiden müssten.

Von einem Nagel an der Wand hing ein fest zusammengeflochtener Kranz Knoblauch und ein Bund frisch getrockneten Basilikums herab. Die gold-gelben Quitten versprühten von dem obersten Regalbrett einen Geruch von Sommer, und daneben standen immer einige Flaschen selbstgebrannten Schnapses.

Der Sliwowitz durfte im Haus nie zur Neige gehen. Vater sagte des Öfteren, dass ihm Schnaps wichtiger wäre als Brot! Auf einem Regalbrett glänzten die Flaschen mit passierten Tomaten.

Ich erinnere mich, dass ab und an die eine oder andere Glasflasche nach dem Kochen übergärte oder wie Mama es nannte aufschrie, und daraufhin explodierte, alles verspritzte und die Abstellkammer in einen echten Saustall verwandelte. Mutter schimpfte dann und fluchte lauthals, und belegte tobend alles Heilige im Himmel mit Verwünschungen.

Den größten Teil des Zimmers nahm ein Ehebett ein, in dem meine zwei Brüder gemeinsam mit mir, wie Sardinen aneinander gepfercht, in den Schlaf sanken. Das Zimmer war gerade einmal so groß, dass es Platz genug für dieses Bett und einen dreiflügeligen Schrank bot, von dem uns ebenso wie in der Speisekammer, reife aneinandergereihte Quitten anlächelten, von deren Duftwolke das gesamte Zimmer durchflutet war. Die Holzdielen waren um das Bett herum von drei Seiten mit gestreiften Flickenteppichen bedeckt, gewebt von den Händen meiner fleißigen Oma mütterlicherseits.

Unsere Familie lebte in ziemlich ärmlichen Verhältnissen und wir konnten uns nichts Besseres leisten. Wir waren sogar glücklich, auch das zu haben. Viele unserer Bekannten, mussten zu den gewaltigen Lebenshaltungskosten und der Bedürftigkeit, auch noch Miete zahlen. Ihnen erging es noch schlechter.

Nur Vater ging in unserer Familie einer Beschäftigung nach. An allen Ecken mangelte es an Geld. Häufig kam es vor, dass wir nicht einmal Geld für Grundmittel hatten. Mit Ach und Krach schafften wir es über die Runden zu kommen, und uns, wie mir schien, von Monatsanfang bis Monatsende durchzuboxen, wahrscheinlich genauso wie viele andere Familien zu jener Zeit auch. Natürlich gab es auch solche, die viel besser lebten als wir. Mit Leuten von diesem Schlag verkehrten wir jedoch nicht.

* * * * *

Im Unterschied zu mir war mein älterer Bruder Mihailo ein stämmiger Junge, etwas beleibt, dennoch hübsch und gutmütig. Aus meiner Kindheit hatte sich ein Bild von ihm im Gedächtnis fest eingeprägt, wie er mit vorstehendem Bäuchlein unter seinem bunten verschlissenem Pullover, dastand, mit auf die Taille gestützten Händen, sowie in kniehohen Gummistiefeln eingesteckten Hosenbeinen. Ich könnte schwören, er hätte sie immer getragen, des Winters gewiss, und im Sommer ziemlich oft.

Er hatte dunkles Haar, und Augen, schwarz wie die Nacht. Bis mein Bruder und ich auf die Welt kamen, wuchs er als Erstgeborener umsorgt von überschwänglicher Liebe der Mutter heran, zu der er als Kleinkind eine besondere Bindung aufgebaut hatte.

Er wurde zu strengem Gehorsam erzogen und dazu, sich nie den Eltern zu widersetzen. Womöglich gerade deswegen, wuchs er zu einem äußerst scheuen, extrem empfindlichen und emotiven Jungen heran, mit der gütigsten Seele der Welt.

Alle, die ihn kannten, fühlten seine Empfindsamkeit und Güte, aber viele, wie es so oft im Leben läuft, missbrauchten und nutzten sie aus. Er war nicht in der Lage, sich jemandem zu widersetzen und sich seine Rechte zu erkämpfen, nicht einmal unter seinen Freunden. Deshalb zog er sich zumeist im Hintergrund zurück, währenddessen seine Gleichaltrigen schon coole Jungs spielten und sich in der Clique behaupteten, indem sie die Schwächeren und Zurückgezogeneren piesackten.

Zu allem Übel trieben seine Eigenschaften Vater zum Wahnsinn, so dass ihn jedes Mal, wenn er von seinen Quasi-Freunden Prügel bezogen hatte, daheim dasselbe von Vater erwartete, der sich über seine Unbeholfenheit aufregte.

"Hast du denn keine Fäuste, um dich zu wehren, du Tollpatsch?!", brüllte er ihn an.

Und dann hörte man ein - Klatsch!

Auf Mihailos Wange zeichneten sich die Fingerabdrücke von Vaters Ohrfeige ab. Mihailo fasste sich an die rote Backe und suchte weinend das Weite in seinem Versteck hinterm Haus, um nicht noch mehr abzubekommen, denn er wusste, wenn Vater ihn tränenüberströmt vorfände, drohten ihm richtige Prügel.

Unser Vater hatte einen jähzornigen Charakter, in gleichem Maße wie seine Mutter, unsere Oma, die wir nicht liebten. Seine Wut ließ er für jede Kleinigkeit, die ihm über die Leber lief, an uns aus, meistens an Mihailo, obgleich der arme Junge Problemen stets aus dem Weg ging.

Wenn Mitar, mein jüngerer Bruder, und ich, einen Narrenstreich anstellten, zog er sich immer abseits zurück, aus Angst vor Vater.

"Habt ihr den Verstand verloren? Wenn Papa euch sieht, seid ihr dran!!!" - schrie er panisch, versuchte uns aber nie zu schlagen.

Wir scherten uns überhaupt nicht um sein Geschrei. Schließlich, wenn es für uns Jüngere Schläge gab, bekam er sie auch, da er als älterer Bruder nicht gut genug auf uns aufgepasst hatte.

Ich denke an eine Situation zurück, die uns unserer Unvernunft wegen hätte ganz schön teuer zu stehen kommen können.

In dem Zimmer, wo wir drei schliefen, hatte Vater auf den Schrank neben die verführerischen Quitten auch eine Flasche seines obligaten Schnapses gestellt, die er jener Tage von einem Kollegen bekommen hatte, als dieser uns mit seiner Frau besuchen kam.

Vater und Mutter gingen in die Stadt, um neue Steppdecken zu kaufen, da die unsrigen schon zerrissen waren, so dass durch den roten Stoff, der sie umsäumte, zu allen Seiten hin die synthetische Wolle, mit denen sie gefüllt waren, herausquoll. Für mich und Mitar war diese weiche, watteähnliche lockere Masse interessant, so dass wir immer daran zupften und sie für alles Mögliche benutzten, angefangen von allerlei Spielereien bis hin zum Schuhe putzen. Es dauerte nicht lange, und die Decken waren voller Löcher und teils fast leer. Deshalb mussten neue her.

Während unsere Eltern beim Einkaufen waren, blieben wir allein zurück. Mitar und ich, immer spielbegierig, luden flugs drei Nachbarskinder zu uns ins Haus ein. Wir waren eine buntgemischte, kleine Bande im Alter von fünf bis zehn. Anfangs nörgelte Mihailo gewohnheitsmäßig, dann aber stellte er sich zur Seite, schaute zu und bekreuzigte sich.

Einem von uns kam mit der Zeit die Idee, Vaters Schnapsflasche vom Schrank zu nehmen, zu öffnen und daran zu kosten. Mihailo protestierte prompt:

“Ihr seid doch nicht normal! Wenn Vater es bemerkt, bringt er uns um!" Aber Mitar hatte sofort eine Lösung parat:

“Ach lass doch, dauernd musst du rumquengeln! Wir füllen Wasser nach! Als ob er es merken würde. Er hat ihn noch nicht einmal probiert, woher weiß er, wie er schmeckt."

Schluck um Schluck tranken wir fast die Flasche leer und waren alle, ausgenommen Mihailo, betrunken. Wir kicherten und hüpften auf dem Bett herum, so klein und wild wie wir waren, bis die Bretter, die die Matratzen trugen, brachen und alles auf dem Boden landete.

Nicht einmal das reichte uns, so dass jemand den Vorschlag machte, das Rauchen auszuprobieren, so wie Erwachsene. Da wir keine Zigaretten hatten, rollten wir altes Zeitungspapier auf. Wir öffneten auf der Herdplatte den großen Ringdeckel, durch den man größere Holzscheite in den Ofen hineinwarf, die nicht durch die Ofentür passten und zogen an der gewickelten Papierrolle als zündeten wir Zigaretten an. Mich stachelten sie an, erste zu sein. Die Flamme stach durch das Papier hindurch, meine Zigarette ging in Flammen auf und verbrannte meine Augenbrauen. Ich schrie wie am Spieß, und die gesamte Küche stank nach meinen versengten Augenbrauen. Genauso, wie wenn Vater nach dem Schweineschlachten die Schweineborsten abflammte.

Als die Eltern zurückkamen, brach für uns die echte Hölle aus. Sie hatten auch kein Mitleid, dass wir uns so übel fühlten und fortdauernd den getrunkenen Schnaps erbrechen mussten, noch dass mir Tränen wegen der verbrannten Augenbrauen liefen. Wir bekamen solche Prügel, dass ich mich sogar heute noch daran erinnern kann, doch ich weiß, dass sie im Recht waren. Jetzt bin ich mir dessen bewusst, wie tragisch es hätte enden können.

Selbstverständlich bekam Mihailo wieder das meiste ab...

* * * * *

Mein jüngerer Bruder Mitar war das pure Gegenteil zu Mihailo. Klein, schmächtig, keck, aufbrausend. Immer mussten alle nach seiner Pfeife tanzen, sonst wäre im Haus Chaos ausgebrochen. Er war das Ebenbild Vaters. Die Augen und der Blick von ihm, seinesgleichen, wie aus dem Gesicht geschnitten. Natürlich glich er ihm auch vom Wesen her. Stets dachte er zuerst an sich. Er scherte sich kein bisschen darum, ob Mihailo oder ich etwas brauchten. Wenn er sich in den Kopf gesetzt hatte, etwas zu kriegen, wusste er auch, wie er es erreichen konnte.

Zunächst legte er mit einer Geschichte los, die schon erahnen ließ, was er vorhatte. Danach folgten Schmeicheleien und Versuche des Einschmeichelns, und wenn das nicht fruchtete, schmollte er den ganzen Tag herum und jammerte Mutter die Ohren voll und verlangte von ihr partout, ihm nachzugeben, bis er seinen Willen durchgesetzt hatte. Kein Mensch sonst interessierte ihn. Ihm war es völlig egal, ob er mit seinen Wünschen und Kapriolen jemanden verletzte. Er musste bekommen, was er wollte, und Punkt.

Mutter war ihm gegenüber stets gelinde. Immer fragte ich mich, weshalb bloß. Die einzige Erklärung, die ich finden konnte, war, dass er Jüngster und Papas Liebling gewesen ist. Auf eine ihr eigene Art konnte sie es ihm immer Recht machen und all seine Forderungen erfüllen. Heute noch ist mir unklar, wie. Des Öfteren sah ich sie wegen seiner unerhörten Ansprüche weinen und das schmerzte mich.

Als er noch ganz klein war, so hitzig, weinte er wegen jeder Kleinigkeit, und Mihailo und ich mussten uns um ihn kümmern, ihm alle Wünsche erfüllen, und taten wir das nicht, wussten wir, was uns blühte. Stets wollte er unbedingt genau jenes Spielzeug haben, mit dem gerade einer von uns beiden spielte. Wenn wir uns weigerten, es ihm zu geben, war schon klar, was wir zu hören bekommen würden:

"Er ist klein, gebt es ihm doch, damit er nicht weint!"

Als er etwas herangewachsen war, trug er nie Schuld an dem, was er angerichtet hatte. Schon wieder wurden wir zur Verantwortung gezogen, da wir älter waren und ihn nicht angemessen gehütet haben. Es kam auch vor, dass er mich schlug, wenn wir um etwas stritten, und dann, wenn ich versuchte, es ihm heimzuzahlen, fing er an zu schreien und zu klagen, mich dabei ununterbrochen hauend, bis Vater und Mutter kamen und mich obendrauf verprügelten. Meine Beteuerungen, dass mich keine Schuld träfe und ich nichts gemacht habe, er doch verhätschelt sei, blieben immer ohne Erfolg. Sie hielten stets zu ihm.

Er liebte es, mir und Mihailo allerlei üble Bosheiten zu bereiten, weil ihn das wahnsinnig belustigte. Einer davon endete für Mihailo ziemlich schmerzhaft und natürlich traumatisch.

Auf einem Grundstück, das bis dahin nur Brachland gewesen ist, auf dem wir Kinder spielten, begannen die Leute, die es gekauft haben, ein Haus zu bauen. Zu dieser Zeit kaufte man Ziegelsteine selten. Hauptsächlich wurden diese aus Erde und Wasser per Hand hergestellt, gerührt, in Formen gegossen, und dann errichtete man kleine Ziegelöfen, in denen sie gebrannt wurden. Dasselbe galt auch für den Kalk, den man zum Hausbau benötigte. Kalkstein wurde gebröckelt, dann in Mulden, die in die Erde gegraben wurden, hineingeworfen, gebrannt, und nach dem Abkühlen, mit Wasser gelöscht und auf diese Weise gewann man Kalkmasse, die weiter verwendet wurde.

Dementsprechend befanden sich auf diesem Grundstück sowohl eine Ziegelei als auch eine Kalkgrube. Der Hausbau ging verständlicherweise langsam voran, so dass wir weiterhin dort spielten, wenn die Handwerker nicht arbeiteten. Natürlich bereitete es Mihailo Sorgen, weil wir diesen Platz zum Spielen nutzten und ihm bangte davor, die Arbeiter, Eigentümer, Mama oder Papa könnten auftauchen. Ich und meine Freundinnen kümmerten uns nicht sonderlich darum, aber Mitar war von Mihailos Gemecker genervt, und brütete und heckte tagelang aus, wie er ihm eins auswischen und ihn zügeln könnte.

Über der Kalkgrube häufte er Zweige mit frischen Blättern an und verdeckte alles so, dass die Grube nicht mehr zu erkennen war. Er spielte neben einem unechten aus Gestrüpp errichteten Busch. Mihailo war wiederum besorgt, und ich befand mich am ganz anderen Ende des Grundstücks. Dann erschallte Mitars Geheul:

“Aua, Wespen! Wespen! Ein ganzer Schwarm! Sie stechen! Auaaa, es tut weh!"

Mihailo, gutmütig wie er war, kam in seine Richtung geschossen und fiel blindlings in die Kalkgrube hinein. Zum Glück war der Kalk gelöscht und die Grube nicht allzu tief.

Krabbelnd und beim Versuch sich aus dem Gezweig zu befreien, mit dem Mitar die Grube überdeckt hatte, wurde er ganz weiß, wie getüncht, mitsamt Gesicht und den Haaren. Und alle lachten ihn natürlich aus. Aber das Problem kam erst auf, nachdem er endlich aus dem Loch herausgekrochen war und das rechte Bein nicht mehr aufsetzen konnte. Er brach in Tränen aus, da er sich nicht einmal darauf stützen konnte. Mit Mühe brachten wir ihn nach Hause. Und selbstverständlich gab es von Vater wieder furchtbare Schelte, weil er ein gewöhnlicher Trottel und Dussel ist. Mutter tat er leid, da er sich den Fuß verstaucht hatte, jedoch nahm keiner Notiz von Mitars Missetat.

Auch später als er älter wurde, scherte sich Mitar nicht allzu sehr um andere. Wichtig für ihn war nur, sich zurechtzumachen