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Vincent lebt in einer Welt, die sich auf den ersten Blick gar nicht so sehr von der heutigen Gegenwart unterscheidet. Nur Kleinigkeiten sind anders. Die vielen kleinen Unterscheide summieren sich zu einem Strudel unaufhaltsamer Ereignisse. Eine Geschichte aus der Zukunft die viel über unsere Gegenwart sagt.
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Seitenzahl: 23
Veröffentlichungsjahr: 2014
Eine kleine Schleife lag hinter dem Grab. Vincent bückte sich und hob sie auf. Langsam ging er zum Ausgang des Friedhofs. Er schaute auf die Uhr. Es war bereits nach 18:00:00. Er wunderte sich, dass um diese Zeit noch ein Vogel flog. Eigentlich war die Ausflugzeit bereits lange vorbei. Auch war die SO2 Konzentration um diese Zeit schon so hoch, dass ein biologisches Lebewesen ohne Atmungsunterstützung sich besser nicht mehr im Freien aufhalten sollte. Vincent fragte die Parameter der Außenluft ab. Ja, er hatte Recht gehabt. Der Vogel durfte da nicht fliegen, beziehungsweise, wenn er so biologisch war, wie sein zerzaustes Gefieder aussah, dann konnte er es gar nicht.
Eine Woche später. Vincent war in einem der freigegebenen Parks. Die Mittagssonne schien und ein frischer Wind wehte von links nach rechts durch den Park. Er musste wieder an den Vogel denken. Die Eule auf der kleinen Esche am Wegrand, hinten, ganz am Ende des hellgrauen Aschewegs, hatte einige Federn, die genauso zerzaust waren, wie die des Vogels. Vincent schlug im Omni-Lex den Begriff „Eule“ nach und verknüpfte ihn mit den Suchworten „Tageszeit“ und „Aktivität“. Eigentlich war sie in der Nacht aktiv, die Eule, stand da, aber für die renaturierten Parks mit den meist auf kleinem Raum komprimierten und für eine hohe humanoide Nutzerfrequenz konzipierten Umwelten waren Tiere, deren Aktivitätsphasen außerhalb der Hauptnutzungszeit lagen, ökonomisch sinnvoll nicht einsetzbar. Das Ziel einer wohnraumnahen Biodiversität ließ sich nur durch eine züchterische Anpassung bestimmter Arten erreichen. Ein konsequenter Schritt, möglich durch den Erfolg der modernen Bio-Genetik und der algorithmenunterstützten Züchtungsforschung.
Vincent bewunderte die Kollegen durchaus für ihre Kreativität und die vielen innovativen Ideen. Er selbst hatte einmal für ein Planfeststellungsverfahren die Rechnerkonfiguration für die Simulation des ökologischen Zusammenspiels der für den Park ausgewählten Artenzusammenstellung entwickelt. Das waren ganz und gar nicht triviale Probleme, die da gelöst werden mussten. Ein einziger Populationsrepräsentant bestand aus bis zu drei Milliarden Vektoren. Auch nur einen mittelgroßen Park für mehr als einen Tag durchzurechnen, selbst wenn man die Pfadvarianz auf einige dutzend Möglichkeiten einschränkte, war eine Aufgabe, mit der ein durchschnittliches regionales Rechenzentrum überfordert war. Er hatte damals, weil die Ressourcen für das Projekt nicht da waren, zu einem einfachen Trick gegriffen. Mit einem kleinen selbst geschriebenen Robot hatte er auch die nichtannocierten Leerlaufzeiten der benachbarten Zentren in die Simulation eingebunden, dynamisch zwar, und so stand nicht für den gesamten Simulationslauf immer alle Rechenleistung zur Verfügung, aber er hatte stets ausreichende Kapazitäten um den Hauptprozess so schnell laufen zu lassen, dass er nie unterhalb der Echtzeitschwelle war. Das war ein interessantes Projekt gewesen, damals.
