Nauenfahrt - Sibylle Severus - E-Book

Nauenfahrt E-Book

Sibylle Severus

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Beschreibung

Sibylle Severus, 1937 in Oberbayern geboren, lebt in Zürich. "Nauenfahrt" ist die Fortsetzung ihrer beiden ersten Romane "Zum Mond laufen" (1981) und "Seiltanz" (1984). Die Ich-Erzählerin in ihrem neuen Roman erfährt von einer Frau, deren Biographie erstaunliche Parallelen zu ihrer eigenen Lebensgeschichte aufweist. Geschichten werden erzählt. Imaginierend versetzt sich die Erzählerin in Luise oder Louise, in ein oszillierendes Ich oder Wir. Der spielerische Umgang mit der Fiktion, die Überlistung des Endlichen, die Relativierung der Schwermut durch Witz, aber auch die Magie eindrücklicher Landschaften und die leidenschaftliche Teilnahme an der Welt machen das Buch zu einem Lese-Erlebnis. Einmal mehr gelingen der Autorin eindringliche Bilder und Benennungen für bodenlose Verlorenheit.

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Sibylle Severus

Nauenfahrt

Roman

HAYMON

Die Autorin dankt dem MIGROS Kulturprozent, das die Realisierung des Buches mit einem Werkbeitrag ermöglichte.

Ungekürzte E-Book-AusgabeHAYMON Verlag, Innsbruck-Wien 2015www.haymonverlag.at

© 1997 by Skarabæus Verlag Innsbruck-Bozen-Wien in der Studienverlag Ges.m.b.H.

Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck

e-mail: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-3619-1

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.skarabaeus.at.

Inhalt

 

Luise – Teil I

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Louise – Teil II

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

Über die Autorin

LUISE

Teil I

1

In einem Nauen stehen wir in der Mitte des Sees. Zarte Nebel sondern sich von der Wasseroberfläche ab, steigen auf wie der Atem vor unseren Lippen.

Hin und wieder begegnen wir unseren eigenen Spuren. Unser Schiff fährt, alt und zerkratzt, auf demselben See, an dem es einst gebaut wurde. Hier auf dem Wasser sind wir ein wenig unsere Ahnen, sind Spiegel, fast blind schon, sind der Grund am Ufer, gerade noch sichtbar unter zartem Eis. Wenn ich oft ‚wir‘ sage, ist das eine List, die mich über das Schweigen hinwegtäuschen soll; es ist da, es macht sich breit.

Im letzten Sommer hatten Taucher zwei mittelalterliche Schwerter auf dem Grund des tiefen Gewässers gefunden. Es ist anzunehmen, dass die Krieger ihre Waffen kaum freiwillig in den See mit den vielen, weit in die Berge hineindringenden Buchten geworfen haben. Auf dem einzigen Transportweg des Mittelalters, auf dem Wasser, werden sie sich in Nauen, in zwölfstündiger Fahrt, zu ihrer Hauptstadt haben bringen lassen oder zum Standort ihres Kriegsherrn, zusammen mit den Knechten, Rössern und Lasten. Auch aus anderen Richtungen werden Krieger herangefahren sein. Sie könnten sich, in der fahlen Januarsonne, in der Mitte des Wassers getroffen und dort aufeinander losgeschlagen haben: Mitten im morgenhellen See stieben die Funken. Das Krachen und Splittern, das angstvolle Wiehern der Pferde dringt bis ans Ufer. Die Schwerter werden den Kämpfenden aus den Händen geschlagen und fahren, mit dem verzierten Griff nach unten, bis auf den Seegrund. Oder die Waffen sinken rasch zusammen mit den Rittern, die das Schwert noch mit der Faust umklammern oder im Körper stecken haben. Im flaschenklaren Wasser bilden sich kupferrote Wolken. Im Kino schliessen wir an dieser Stelle die Augen. Wir können uns auch ein Wintergewitter vorstellen: Ein orkanartiger Wind schiebt dunkle Wogen mit kalkweiss vorauseilenden Schaumkronen aus der südlichen Bucht in den See. Ein einziger, greller Blitz. Die Nauen können weder vor noch zurück. Stundenweit vom Ufer entfernt sinken sie samt den Rittern, Tieren und kindhaften Pagen. Tausend Jahre liegen sie seither auf felsigem Grund.

Obwohl sich überhaupt nichts beweisen lässt, könnte nach dem Sinken die Energie der Ertrunkenen aus dem Wasser als ein zarter, sonnendurchwirkter Hauch aufgestiegen sein. Einige Zeit hätte das Hypothetische über dem wieder ruhigen und klaren See geschwebt haben können.

Die Bilder der Phantasie werden von einer Kolonie Mandarin-Enten durchkreuzt. Die Leitvögel fliegen auf, von einem Fischerboot gestört. Sie treiben den ganzen Ententeppich in breiten Schleifen wie eine Schleppe hoch und ziehen ihn von diesem Ort weg. Weit draussen sinkt der Vogelschwarm aufs Wasser nieder, ist als Ansammlung kleiner Warzen wahrnehmbar. Nicht mehr zu erkennen sind die herbstblattfarbenen Köpfe und die Flügel, die beim Flattern in der Sonne in allen Weissfacetten aufscheinen.

Der See beplappert das Boot, er schmatzt, flüstert, er streicht wie der Besen des Schlagzeugers über das Holz des Nauen. Auf dem Schiffsboden kauernd, beugen wir uns hinunter und geben dem See unsere rechte Hand. Das eisige Wasser fühlt sich fast wie Glas an, so fest, so glatt. Dazu die Morgennebel, Negliges, täglich wieder über Seeoberfläche und Hügel hingeworfen. Die Sonne, durch sie gefiltert, bleibt bis gegen Mittag blass. Sie zeichnet eine Bahn auf das Wasser, die auch der Mond darauf geworfen haben könnte.

Im Januar standen wir manchmal am Ufer unter reif- und schneeverkrusteten Bäumen, standen an die Stämme gelehnt, sahen hinauf in die Kronen. In weissen Filigranästen hingen die Sterne: winzige, glühende Punkte. Hier fiel uns der untergegangene Nauen wieder ein. Wir dachten, eine unserer Ahninnen, Louise, sei vielleicht in dem Boot gewesen.

Am Ufer auf- und abgehend, gaben wir uns das Wort, bald zu dem anderen See hinüber zu fahren und das Gemälde des verunglückten Nauen anzusehen, vielleicht zusammen mit G.

2

Nachdenkend gehe ich im Gartenquadrat auf und ab.

Eine Amsel, tweedbraun gefiedert, zieht einen Wurm aus dem schwammigen Rasen, legt ihn vor sich auf die Steinplatte. Mit ruckendem Kopf sieht sie sich um, zupft am Wurm. Der Wurm zuckt, der Amselkopf ruckt. Der gelbe Schnabel reisst Stück für Stück Leben ab. Ich zwinge mich, die lebendige Schnur anzusehen. Als der Vogel die Hälfte verzehrt hat, hört das Gezappel auf; die Kreatur scheint tot zu sein. Der Vogel schnabelt den Rest in sich hinein, hüpft wie ein Känguruh über das Gras; zupft da an einem Blatt, dort an einem Halm.

Ende März hatte sich die Amsel ein Nest gebaut und ihre blaugrünen Eier, rostig gesprenkelt, hineingelegt. Sie sitzt Tag und Nacht auf ihrer Brut und starrt in die Luft, bei schönem Wetter mit leicht geöffnetem Schnabel. Mit dem Nestbau hatte sie in der Thujahecke begonnen. Für die Katzen des Quartiers wäre das ein problemloser Fressnapf, gefüllt mit leckeren, jungen Vögelchen, gewesen. Wir hatten das halbfertige Nest entfernt. Die Amsel baute es eins zu eins unter dem Schuppendach, neben der kaputten Dachrinne, in unserer Augenhöhe, wieder auf. Jetzt sitzt der Vogel dort und schaut uns an. Wir kommen um den Auftrag, die Brut zu bewachen, nicht herum. Wir kennen das kurze, abgehackte Schreien des Amselpaares, wenn Gefahr droht. Wir springen auf, wo immer wir sitzen oder liegen, um Katzen und Elstern zu verjagen. Unser Sohn sagt zwar: Mischt euch nicht ein, das ist Natur.

Gar nichts zu tun, ist das beste! behaupten die Chinesen.

Nicht einmal das Telefon abnehmen, das bis in den Garten heult und lärmt.

Gerhard, ein Freund, sagt: „Hallo! Erzählst du mir eine Geschichte?“

„Nicht am Telefon, nur persönlich. Ich möchte dabei das andere Gesicht sehen. Aber ich wollte dich fragen, ob du mit mir nach Luzern kommst? Nauenfahren -“

Gerhard sagt ja. Ich bin perplex. Ihn zum Mitkommen zu bewegen, hiess bis jetzt, sich die einzige Lücke in seinem Terminkalender von einem Hellseher vorhersagen zu lassen.

„Am Dienstag will ich zu einer Beerdigung nach Luzern“, sagt Gerhard.

„Und nachher? Könnten wir dann auf den See?“

„Wahrscheinlich werde ich bleiben“, antwortet Gerhard. „Eine Patientin ist an Krebs gestorben. Der Arbeitgeber weigerte sich, den Lohn während der Krankheit zu bezahlen und kündigte fristlos. Er hatte sich um alle Sozialversicherungen gedrückt. Die Frau prozessierte. Das Gericht bat um meine Meinung als Psychologe. Inzwischen starb aber die Frau und auch der behandelnde Arzt. Damit ist der Fall für das Gericht abgeschlossen. Doch als Satisfaktion für die Frau und zu Ehren des Rechts sollte die Sache weitergezogen werden. Ich denke, dass nach der Beerdigung über den Prozess gesprochen wird.“

„Gibt es eine Familie?“ frage ich.

„Einen Sohn. Aber niemand scheint grosse Lust zu haben, weiterzukämpfen. Es sieht fast aus, als würden die am Prozess Beteiligten der Reihe nach wegsterben.“

„Ich komme mit“, sage ich.

Es ist eine grundsätzliche Frage, ob die Jungvögel gegen die alten, vollgefressenen Quartierkatzen zu verteidigen sind/ ob ich zur Beerdigung fahren soll/ ob ich still halte und alles laufen lasse, wie es läuft.

Heute ist Montag. Erst am Dienstag wird entschieden, ob ein Grund besteht, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen oder nicht. Als sei die Ehre der unbekannten Frau etwas Greifbares oder das Grundrecht der Rechtlosen auf eine Gerechtigkeit. Beides ist reichlich abstrakt.

Ich versuche am Computer zu arbeiten. Die Schrift auf dem Bildschirm verschwimmt. Wellen von klarem Wasser mit Lichtreflexen darin fliessen darüber.

Nichts tun! sagen die Chinesen und sagen meine Augen, die mir eine Unterwasserlandschaft vorspiegeln.

Die Chinesen sprechen auch vorsorglich von einem glückbringenden Tag. Wer vom Unglück spricht, zieht es an, sagen sie.

Es ist mir manchmal in einem Konzert passiert, dass ich das Verklingen der Töne zwar bedauerte, denn die Musik gefiel mir, ich mich andererseits meinen Träumereien überliess.

Als ich schliesslich doch neben Gerhard in der Abdankungshalle bei der Trauerfeier der unbekannten Frau stand, hörte ich dem Pastoralassistenten nur abschnittsweise beim Verlesen von Luises Lebenslauf zu: „Unsere liebe Verstorbene hatte Freude am Arbeiten. Obwohl sie eine freie Stunde geniessen konnte, so doch eher wandernd, Sport treibend, sich den Pflanzen widmend. Ihr Pflichtbewusstsein kam vielleicht daher, dass sie als Kind früh den Vater verloren hatte.“ Ich dachte an mich selbst; dachte: Der Mensch ist dann mehr im Stich gelassen. Was fällt den Kindern ein, wenn sie nicht in einer grossen Familie geborgen sind? Sie haben vor allem Angst, mit ihrer alleinerziehenden Mutter Not leiden zu müssen. Sie denken zu bald schon ans Geld. Noch als Kinder machen sie Heimarbeit.

Der Pastoralassistent: „Frau Luise ging nach einer guten Schulausbildung zu einer Tante, einer äusserst tüchtigen Frau, in die grosse Stadt München. Sie lernte das Kaufmännische. Unserer lieben Verstorbenen war das Lernen leichtgefallen, auch das Freundlichsein, das sich Einfühlen in andere Menschen.“ Ausserdem wurde gesagt, dass Luise am gleichen Tag wie ich geboren worden war, auch in Bayern; dass sie seit Jahrzehnten in der Schweiz gelebt und die wilden Seen und Berge geliebt hatte. Wie ich. Wer hat diese Eigenschaften nicht? Es kann nicht von einem besonderen Zufall gesprochen werden, wenn eine Biografie der anderen gleicht. In Europa gibt es eine ganze Menge ähnlicher Lebensläufe.

Der Pastoralassistent: „Frau Luise war eine gute kaufmännische Angestellte im lebendigen München der sechziger Jahre. Eines Tages lernte sie dort einen Schweizer kennen. Es sollte ihr zukünftiger Mann werden. Zwanzig Jahre alt war die junge Frau, als sie heiratete und in die Schweiz zog.“

Als junge Menschen übersahen wir bei unseren Entscheidungen die Tatsache, ein ganzes Land mitzuheiraten, seine Besonderheiten, seine Distanz zu Fremden, und eine Verwandtschaft, deren Verhaltensmuster einem völlig unbekannt sind.

„Sie gebar einen Sohn. Doch waren die Interessen des jungen Paares zu verschieden. Die Ehe wurde bald aufgelöst. Frau Luise fand eine Stelle als Sachbearbeiterin in der Büro-Abteilung einer renommierten Firma.“

Nachdem das Eis zwischen Luise und mir gebrochen war, glaubte ich hinter die offiziellen Angaben sehen zu können. Ich erinnerte mich an die ruhigen Büro-Arbeitsplätze, oft mit schöner Aussicht, mit einem guten Gehalt zum 25. jeden Monats, mit etwas Freizeit für den Sohn und sogar für sich selbst. Die Situation ist viel weniger chaotisch, als es die Kindheit oder die Ehe gewesen war. Es ist gut, im Büro zu arbeiten. Das Papier und die Maschinchen, alles riecht anständig, sogar Schlachtnebenprodukte wie Jauche und Panseninhalt, wenn sie in Sprache umgesetzt werden. Einige Jahre macht das Tippen im Team Freude. Es herrscht Ordnung, es gibt Halt und Geld. Das ist nicht der schwarze Abgrund wie die Arbeitslosigkeit, wo uns niemand braucht und jeder froh ist, uns nicht zu kennen.

Doch plötzlich spürt der Mensch, dass er mit einem schlaffen Hintern in einem dunkelroten Bürodrehstuhl hockt, vor Augen eine schräg gewachsene, dürre Jukapalme.

Das wirkt wie ein Gongschlag.

Bewegen möchte man sich. Die Arme zum Tragen brauchen; sie nicht angewinkelt auf Manuale halten, aufgestützt auf Plastikarmlehnen; im Ohr das leise Klappern der Tasten und das gleichförmige Brummen der Motoren der Büromaschinen. Wie konnte das früher einmal Musik gewesen sein? Neuerdings wird der Hals steif vom Hinstarren auf den Bildschirm in falscher Höhe. Die Augen werden schlechter. Zum Rauschen und Klicken kommt ein Sirren in den Ohren, das auch am Feierabend bleibt. Trotzdem ist der Mensch noch lange nicht alt.

Der Pastoralassistent: „Oft ging die Kleinfamilie, Mutter und Sohn, hinaus in die Natur, auf einen Berg. Während eines zufälligen Aufenthalts in einem Bergrestaurant war unserer lieben Verstorbenen die Idee gekommen, hier eine Stelle anzunehmen und den Beruf zu wechseln. Sie bestand das Wirtepatent glänzend und wurde geichberechtigte Partnerin des Chefs. Frau Luise war bei allen Gästen beliebt. Im grössten Stress fiel ihr eine witzige Bemerkung ein, die das Chaos in eine heitere Sache verwandelte. Damals ist das starke Interesse an Pflanzen und an Ernährungsfragen gewachsen. Frau Luise hatte sich für alles Botanische mit grosser Fachkunde interessiert.“

Unsere Leidenschaft! Wer, ausser Luise und mir, weiss schon, was die Kuh frisst? An Gräsern: das Wollige Honiggras, Quecke, Weiche, Trespe, Goldhafer, Kammgras. Und die Kräuter? Ha! Kriechender Hahnenfuss, Bärenklau, Scharfer Hahnenfuss, Scharbockskraut, Hornkraut, Kriechender Günsel, Gundelrebe; oder wer, bitte, kann Rotklee, Weissklee, Schotenklee und Goldklee auseinanderhalten? Gänseblümchen und den Wiesenschwingel fressen Kühe natürlich auch.

Der Pastoralassistent: „Mit dem neuen Jahrzehnt wendeten sich die Dinge im Leben der Verstorbenen. Der Pachtvertrag der Bergwirtschaft wurde vom Grundbesitzer nicht erneuert. Frau Luise ging als Hauswirtschafterin nach Zürich.“

Das muss bei dem reichen Herrn Brodli gewesen sein, dachte ich, von dem Gerhard erzählt hatte. Luise war attraktiv und charmant. Gut zu verstehen, dass sich der neue Arbeitgeber von Luise angezogen fühlte, hatte Gerhard gesagt.

Dagegen schien Luise den privaten Wünschen des Herrn Brodli nicht entsprochen zu haben. Dr. Brodli stelle ich mir etwas kleiner als Luise vor, mit einem runden Kopf, einem runden Körper, zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt. Durch seine geschäftlichen Erfolge selbstsicher und ohne auffallende Altersanzeichen. Er hatte die Werbung um Luise wahrscheinlich höflich, genau nach Komment begonnen: eine Blume hier, eine zufällige Berührung dort. Die übliche Wangenküsserei, einmal, zweimal, dann dreimal. Luise wie ich finden das lächerlich. Die nächste Stufe des Herrn waren vermutlich tiefe Blicke und hübsche Wortspiele, die Einladung zu einer Reise. Ins Kino sind wir noch mitgegangen. Aber die Reise, bitte nicht!

Herr Brodli geht gereizt in die Offensive. Seine Hände lässt er zittern, wenn er mit beiden Händen Luises eine Hand festhält. Die ganze Körperkugel bebt, wenn er Luise in die Ecke drängt. Auf die Idee, dass er der Frau nicht gefallen könnte, dass er nicht die richtige Chemie für Luise hat, kommt er nicht. Aus Erfahrung weiss der Herr, dass manche Weiber, sicher weil sie lesbisch sind, ihn nicht mögen. Er streicht stillschweigend die Sozialversicherungen. Den Einsatz für seine Abenteuer hält er grundsätzlich niedrig. Wenn er die Geduld verliert für eine Werbung im Stil des 19, Jahrhunderts, geht er zu feurigen Küssen über und muss eine massive Abfuhr hinnehmen. Das Ereignis verwandelt die Begierde des Chefs in kalte Abneigung. Es widert ihn an, die Frau um sich zu haben, die nun schweigsam ist, launisch. Verdrossene Gesichter mag er nicht.

Der Pastoralassistent: „Diese letzte Anstellung dauerte ein Jahr.“

Ich versuchte mir vorzustellen, was Brodli zu seinen Anwälten gesagt hatte: Wie das gelaufen sei, das hätte er sich doch anders gedacht. Allerdings würde er lieber an das Positive zurückdenken. Er habe das Möglichste getan. Die Frau habe ein Pflichtenheft erhalten als stellvertretende Dame des Hauses. Das Profil habe sie nicht erfüllt. Er könne nichts dafür, dass er (hier lacht Brodli), dass er die gleiche Kompetenz verlange, die er selbst im Beruf habe. Wer eine Herausforderung annehme, müsse ihr auch gewachsen sein. Die Restruktionierung seiner Haushaltung sei schon lange geplant. Er habe Frau Luise aus guten Gründen gekündigt. Niemand könne ihn zu Lohnfortzahlungen zwingen, nachdem die Frau während längerer Zeit hypochondrisch krank gewesen sei, aber trotzdem gearbeitet habe. Entweder oder! Jemand, der ernstlich krank ist, kann gar nicht arbeiten! Da gehe er bis vors Bundesgericht. Reine Schikane ihrerseits. Man solle ihm doch ein ärztliches Gutachten bringen. Er habe aus dem Fall gelernt. Zukünftig sei er mit einem Butler bestimmt besser bedient.

Der Pastoralassistent: „Eine hartnäckige Bronchitis und starke rheumatische Schmerzen waren bei Frau Luise aufgetreten, die doch gesund kochte, sich viel bewegte, ein positives Wesen hatte. Den Arzt wählte sie, wegen der Lapalie eines einfachen Hustens, aus dem Bereich der alternativen Medizin. Lange konnte er keine eindeutige Diagnose stellen. Dem Arzt war es zu der Zeit bereits selbst schlecht gegangen. Er starb plötzlich, noch bevor er die Krankheit als Krebs diagnostiziert hatte. Nach einer leichten, momentanen Besserung suchte unsere liebe Heimgegangene neue Arbeit.“

Ich wusste: Luise schrieb und schrieb Bewerbungen. Hoffte, wartete auf Post, rannte bei jedem Klappern des Briefkastens, kauerte neben dem Telefon.

Die täglichen Enttäuschungen und Absagen müssen wie Schläge gewesen sein, von denen sich Luise von Mal zu Mal schlechter erholte. Die grässlichen Müdigkeiten.

Der Pastoralassistent: „Nach einem langen Jahr“ (in dem der Schuldenberg bedrohlich gewachsen war) „brach sich Frau Luise das Bein, an dem Tag, als sie eine Stelle als Gouvernante hätte bekommen können. Die Krankheit war in ein spätes und aggressives Stadium getreten.“

Das Knochenmark war schon befallen; besser, nicht daran zu denken. Die Gesellschaft hilft den Sterbenden auch nicht. Alle sagen, das wird schon wieder. Heute siehst du aber gut aus! Am Ende sind zwar Hoffnungen wichtig, aber andere als für uns Nimmersatte: Noch ein Spaziergang im Garten; einen bestimmten Menschen sehen; eine schmerzfreie Atempause; ein Zeichen von Liebe. Es geht nicht mehr um die grossen, die unerfüllbaren Versprechungen. Eigentlich ist jeder hilflos. Gerhard hatte Luise, als sie so verzweifelt Stellen suchte, einen kleinen chinesischen Jadebären geschenkt, einen ‚Handschmeichler‘. Die Jade in der Hand zu haben, sich sinnlich an etwas zu halten, sei gut. Luise hätte das Bärchen in der Hand gehabt, als sie starb, hatte Gerhard erzählt.

Sonnenschimmer drang durch dicke, bunte Glasfenster, die in tiefe Mauerspalten versenkt waren. Föhnsonne.

Luises Sohn war ein gutaussehender junger Mann, noch lange nicht dreissig und schon distinguiert; wahrscheinlich im Bank- oder Computerfach. Keine Tränen bei ihm.

Natürlich hatten wir ihn nicht beobachtet, sonst hätten wir unsere eigenen Kinder an seiner Stelle gesehen und unsere eigene Asche in der rosengeschmückten Urne. Das hätte uns schon erschüttert.

Die Asche, so stand es im Leidzirkular, würde auf dem geliebten Berg der Verstorbenen im engsten Familienkreis verstreut werden.

Gerhard hatte mir im Zug gesagt, dass bei der Kremierung die meiste Asche zwischen den Rosten hindurchfällt, bei Kindern fast alles, dass eigentlich nur Knochenrestchen zurückbleiben. Und der Jadebär?

Nach der Trauerfeier schenkte Luises Schwester allen eine Blume aus dem Urnenschmuck. Luises Rose hält sich. Sie wird täglich dunkler, verändert aber ihre knospenhafte Form nicht. Kein Blatt verliert sie, und so bleibt sie als Trockenblume in einer seltsamen, unglasierten Tontasse stehen. Wenn es nach uns ginge, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

3

Es war eine katholische Trauerfeier gewesen. Unsere Jahrgänge waren noch irritiert worden von Himmel und Hölle, von einem strafenden Gottvater und einem Satan. Bilder, die von uns, als wir endlich ausgewachsen waren, umgewandelt wurden in eine lebbare Form. Mut war schon nötig. Ganz sicher konnte niemand sein, dass die Seele nicht doch für die Abkehr von der Kirche in einer ewigen Hölle enden würde.

Die verwegensten Behauptungen, Fegefeuer und Hölle, hat die Kirche raffinierterweise zurückgenommen. Sie verwendet das Wort Hölle nicht mehr, statt Himmel wird Licht gesagt und für ‚in den Himmel kommen‘, ‚eingehen in das Licht‘.

Bei der Feier hörten wir ein weiteres, sensationelles Zugeständnis: „Eingehen in das Licht zu Vater und Mutter!“ Gerhard, der Ungläubige, und ich, die nicht mehr Praktizierende, sahen uns verblüfft an. War das eine Rebellion, von der Basis ausgehend gegen die Kirchenspitze?