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Wir hinterlassen Spuren, doch viele verblassen irgendwann. Doch wie bleibt Erinnerung lebendig? Was kann den Augenblick vor dem Vergehen bewahren? Günter Bosien hat Worte gefunden, um diese Spuren zu sichern, um Wege nachvollziehbar zu machen. Manchmal sind es die kleinen, die alltäglichen Dinge, die unsere Erinnerung ausmachen. Was ein ganzes Leben bleibt, sind kleine Symphonien, heißt es in einem Schlagertext. Solche kleinen Symphonien stehen in diesem Buch. Sie sollen dem Leser Vergnügen bereiten. Manch einer wird sich aber auch ertappt fühlen, sich an eigene Missgeschicke erinnern. Glücklich wer am Ende sagen kann: Ich bereue keinen Weg und fast keinen Schritt. Thorsten Küppers, NDR-Redakteur Von jedem verkauften Buch fließt ein Euro an TARGET e.V. Rüdiger Nehberg. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Darum engagieren wir uns, meine Frau und ich, für Target, die vorbildliche Menschenrechtsorganisation von Annette und Rüdiger Nehberg. Ihre Hauptaufgabe ist die Abschaffung der weiblichen Genitalverstümmelung.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Normalität ist eine gepflasterte Straße, man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.
VINCENT VAN GOGH
An meine Leser
Wie du mir
Heimsuchung
Auf Abwegen
Weggeworfen
Vorgeführt
Alles auf Anfang
Lust oder Frust
Heiß & kalt
Paco – Padre communitatis
Aus dem Verkehr gezogen
Tausendmal Weihnachten
Hühner lügen nicht
Der Gesandte
Zu Fall gekommen
Bescherung auf der Straße
Statt eines Nachwortes
Über den Autor
Das Verhalten der Menschen ist manchmal rätselhaft. Das gilt bei kritischer Betrachtung auch für das eigene.
Ich gebe zu, mich haben von jeher Menschen beeindruckt, die sich gewollt oder ungewollt nicht dem Drehbuch gesellschaftlicher Konformität unterwerfen. Darüber hinaus fasziniert mich das menschliche Tun in unerwarteten, ungewöhnlichen Situationen. Die eingeübtenVerhaltensmuster greifen nicht. Je nach Sprachverständnis erscheint dann manches absurd, töricht.
Angepasstes, aber auch rationales Handeln hat den Vorteil der Berechenbarkeit, der Vorhersehbarkeit. Wir wissen, woran wir sind oder sein werden. Ungewöhnliches, bizarres oder chaotisches Gebaren bietet diese Vorzüge nicht. Es kann jedoch Farbe, Leben in die Normalität, das Einerlei bringen und Nachdenklichkeit erzeugen. Sicherlich werden sich die einen fragen, was mit dem oder der los sei, andere werden staunen, sich ärgern oder vielleicht lachen.
Machen Sie mit mir die Tür auf, treten Sie ein in die Welt meiner Geschichten. Was das Leben lebenswert macht, ist die Freude. Das Lachen ist ihr schönster Ausdruck. Ich möchte Sie beim Lesen zum Schmunzeln, zum Lachen bewegen, aber nicht um jeden Preis.
Der Schutz von Persönlichkeitsrechten hat mich bewogen, die Namen zu ändern und einige Handlungsabläufe zu verfremden. An dem Wahrheitsgehalt selbst hat sich dadurch nichts Wesentliches getan.
In diesem Sinne Ihr Günter Bosien
Es gab mal eine Zeit, da lief man nicht wegen jeder Kleinigkeit zur nächsten Polizeiwache, um den Nachbarn oder wen auch immer anzuzeigen. Da hatte nicht fast jeder eine Rechtsschutzversicherung. Das Geld dafür fehlte und der Sinn dafür auch. Aus dieser Zeit stammt Willi, von Beruf Hafenarbeiter. Für ihn wie für andere war es nicht ungewöhnlich zu den Fäusten zu greifen, um Probleme aus der Welt zu schaffen. Das nannte man eine gehörige Abreibung, die der andere verdient habe.
Willis großes Vorbild war sein Vater, der es gleich nach dem 2. Weltkrieg zum Stauervize brachte. Als Vorarbeiter seiner Gang, seiner Arbeitsgruppe, war er beliebt und wusste als ehemaliger Seemann, wie man ein Schiff sachgerecht mit Stückgut belud. Die Ladungsoffiziere kannten und schätzten ihn.
Mit der Frühschicht marschierte auch Willi in dem Heer von Arbeitern, das sich wie ein mächtiger Schwall in den Hafen ergoss. Als hoch gewachsener und kräftiger Junge half er hier und da und war gern gesehen. Dass er viel zu jung war, fiel keinem auf. Sein Vater ließ ihn. Mit ihm hatten er und seine Gang gleich eine Person mehr, um das eine oder andere gefundene Gut durch den Zoll zu schmuggeln. Natürlich ganz zufällig ereignete es sich. Keiner konnte es sich so recht erklären, dass einiges vom Lastwagen fiel oder versehentlich verschüttet wurde. Auch das musste sicher aus dem Hafen gebracht werden. Willi hatte ein gutes Auge. Auf ihn war Verlass, wenn es darauf ankam, die Zöllner auf ihrem Kontrollgang am Freihafenzaun zu beobachten und zu melden, wenn die Luft rein war.
Sie wurde jedoch immer weniger rein, die Luft. Rund um die Uhr überwachten die Beamten den Zaun, sogar in Zivil und mit immer schnelleren Autos. Willis Vater riet seiner Gang erfolgreich zur Mäßigung. Wer beim großangelegten Schmuggel erwischt wurde, dem drohte Hafenverbot verbunden mit Gefängnis. Daran konnten in der Nachkriegszeit ganze Existenzen zerbrechen, Familien in allergrößte Not geraten.
Fundstücke direkt am Mann nach draußen zu schmuggeln, war die gängigste Methode. Sogenannte Fegsel, verschüttete Ware, meist Getreide oder Kaffee, einzusacken, war erlaubt, wenn es sich um die Deckung des Eigenbedarfs handelte. In den ersten Jahren nach dem Krieg drückte mancher beim Zoll sogar beide Augen zu. Es gab aber auch andere, weniger gute Zöllner. Die Schauerleute hatten eigene Schimpfworte für sie. Richtig nett war noch die spöttische Anspielung auf ihre grüne Dienstuniform als Hafenförster. Derber fiel schon die Bezeichnung alte Zöllnersau aus.
Willi liebte das raue Leben im Hafen, und so fing auch er als Schauermann an, selbstverständlich unter seinem Vater. Als der Stückgutverkehr erlahmte und der Containerumschlag an Bedeutung gewann, hatte er auf Anraten seines Vaters bereits seine ersten Umschulungen hinter sich und wurde qualifizierter Hafenfacharbeiter mit einem recht ordentlichen Gehalt. Vorbei die ewige Plackerei und Schinderei; für seine Gesundheit nicht ungünstig. „Der Container ist gut für die Knochen, aber die alten Zeiten waren trotzdem nicht schlecht. Da gab es noch Zusammenhalt, echte Kameradschaft!“, wie Willi gern herausstellte.
Willi hatte im Hafen gelernt, sich durchs Leben zu schlagen. Ein kleines Grundstück mit Haus war bald sein eigen. Anfangs half ihm Vaters Mannschaft beim Bau und beim Organisieren des einen oder anderen Gutes. Alles ließ sich bestens an. Natürlich zog er nicht allein ins Heim ein, sondern mit seiner Frau Anna, die ihre Eltern im Krieg verloren hatte.
Das Schicksal meinte es über viele Jahre gut mit ihnen. Aber das Blatt wendete sich. Willis Vater starb früh, Mutter folgte ihm kurz darauf. Diese Schläge ins Kontor, wie Willi sie nannte, konnte er noch verkraften. Anders sah das mit seiner Frau aus, Anna kränkelte. Die Ärzte konnten nicht helfen, versuchten es mit mehreren Therapien. Alles vergebens, sie wurde zusehends schwächer. Bald war Willi allein, Kinder hatten sie nicht. Recht und schlecht versorgte er sich fortan selbst.
Als er Ende 1990 in Rente geht, beschließt er, dass es so nicht bleiben kann. Seinem Nachbarn Helmut erklärt er in seiner klaren und deutlichen Art: „Das Alleinsein stinkt mir gewaltig. Hier muss wieder eine Frau her! Am besten, ich bestell mir eine aus dem Katalog. Vom alten Kumpel habe ich eine Adresse, die soll was bringen.“
Helmut kennt Willi recht gut. Willis Haus liegt dicht an seinem Zaun. Schon von daher haben sie Kontakt zueinander. Die Männer funken auf derselben Wellenlänge. Bis auf kleine Reibereien kommen sie klaglos miteinander aus. Helmuts Frau Elke hat da schon eher Schwierigkeiten. Ihr ist der Garten zu ungepflegt und Willi zu gewöhnlich, wie sie ab und an ihrem Mann gegenüber betont. Als sie von ihm gar hört, Willi wolle sich jetzt um eine Frau kümmern, sozusagen eine aus dem Katalog zaubern, passt diese Ansage genau zu ihrer Einschätzung: „Wie will dieser Primitivling noch zu einer Frau kommen? Und dann aus dem Katalog, so geht das doch nicht. Aus was für einem Katalog überhaupt? Das kann ja heiter werden! Wer weiß, auf wen wir uns bald einstellen dürfen. Ich ahne Schlimmes.“
Helmut will sich auf diese Diskussion nicht einlassen. Meint nur: „Der Otto-Katalog wird’s vermutlich nicht sein. Aber von Partnervermittlung hast du ja wohl auch schon was gehört. Außerdem sollten wir doch froh sein, wenn er nicht mehr allein lebt. Ich gönn ihm das.“ Damit ist für ihn das Thema erledigt, für seine Frau nicht so ganz. Da sich beide auf eine mehrwöchige Seereise begeben, gerät Willis spezielle Suche in Vergessenheit.
Dieser wird schnell fündig. Seine neue Partnerin heißt Yuna und kommt aus Südkorea. Sie hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Von Beruf Krankenschwester gelangte sie mit vielen tausend anderen Pflegekräften in den sechziger Jahren nach Deutschland und half mit, den ersten Pflegenotstand an deutschen Krankenhäusern zu beheben. Nach rund zwanzig Jahren zog es sie wieder in die alte asiatische Heimat. Aber als ältere alleinstehende Frau stößt sie dort nur auf Ablehnung. Das Angebot einer Partnerbörse, einem rüstigen Rentner mit Haus in Bremen den Lebensabend zu verschönern, klang dementsprechend verlockend. Willi bezahlte den Flug, und auf Anhieb gefiel man sich. Willi als Mann der Tat fackelte nicht lange und ehelichte Yuna. Das alles geschah noch in der Abwesenheit der beiden Nachbarn.
Die staunen nicht schlecht, als sie gewahr werden, was sich auf ihrem Nachbargrundstück in kürzester Zeit getan hat. Der Rasen ist gemäht, hier und da blühen neuerdings Blumen, und sie erspähen eine kleine Frau mit breitem, flachen Gesicht, die in einem Beet kniet. Willi stellt sie als seine neue Eroberung vor. Elke verschlägt es zunächst die Sprache. Helmut dagegen freut sich spontan mit Willi und Yuna über ihr spätes Eheglück.
Die gemeinsame Freude hält jedoch nicht so lange an. Es liegt nicht allein an Elke, die zuweilen etwas über die krummbeinige Asiatin von sich gibt. Nein, das ist es nicht. Yuna lässt ihren frischgebackenen Ehemann an den Köstlichkeiten der koreanischen Küche teilhaben. Dazu gehören unter anderem ausgekochte Fischköpfe und Mahlzeiten mit Farnspitzen. An sich völlig unerheblich, wenn die Nachbarn nicht in den Genuss übler Gerüche bei der Essenszubereitung kämen. Zwecks häufigen Garens der Farnspitzen stellt Willi eine Räucherkammer an seinem Haus auf, denn der Gestank im Haus missfällt auch ihm. Zwischen dem nachbarschaftlichen Zaun und der angebauten Kammer mit Schornstein und separatem Zugang zur Küche kann man noch vorbeigehen, viel mehr nicht.
Yuna spürt eine nicht versiegende Quelle für essbaren Straußenfarn und Zimtfarn auf. Die jungen, zarten noch eingerollten Wedel wäscht sie sorgfältig, befreit sie von der braunen Hülse, gart sie zunächst, brüht sie ab, schmort, dünstet, brät oder frittiert sie in der Räucherkammer, die ihrem Namen durchaus gerecht wird. Aus dem Schornstein qualmt und stinkt es infernalisch, zumindest für europäische Nasen.
Der Protest von Helmut und Elke verhallt ungehört. Willi grinst nur und lädt die beiden statt dessen zum gemeinschaftlichen Farnessen ein mit Butter und Salz. Es sei erstaunlich lecker. Das regt Elke erst recht auf: „Ich lass mich doch nicht von der koreanischen Kräuterhexe vergiften! Was denken die sich eigentlich? Die sind ja wohl richtig süchtig nach dem Zeug. Ich will, dass der Gestank aufhört! Helmut tu was!“
Das ist allerdings einfacher gesagt als getan. Dummerweise erhalten sie keinen Beistand aus der übrigen Nachbarschaft. Offensichtlich sind es immer nur sie, die in der Windfahne hängen. Andere stören sich nicht an der Qualmerei. So bleibt meist nichts anderes übrig, als Türen und Fenster zu schließen und sich ins Haus zurückzuziehen.
An einem schönen, warmen Sommertag liegen Helmut und Elke draußen in ihren Liegen. Wohlig ausgestreckt genießen sie die Sonne. Pünktlich um 12:00 Uhr beginnt es. Weißer Rauch steigt auf und wabert in ihre Richtung. Helmut schnellt hoch, greift sich wortlos eine Leiter, stellt sie an den Zaun. Weist seine Frau an, den Wasserschlauch zu holen, hält ihn von oben in den qualmenden Schornstein und beendet zügig mit wenigen Wasserstößen die Qualmerei. Elke jubelt. Helmut, hoch oben auf der Leiter stehend, verzieht triumphierend das Gesicht.
Aber zu früh gejubelt. Um die Ecke kommen Willi und die klatschnasse Yuna angesaust, mit einem dicken Gartenschlauch im Anschlag, zielen auf Helmut, der von der vollen Ladung getroffen sich so erschreckt, dass er im hohen Bogen von der Leiter fliegt. Ein paar weitere Wasserattacken veranlassen ihn, sich schleunigst aufzuraffen, humpelnd und fluchend ins Haus zu flüchten. Elke kreischend hinterher.
Für die Nachwelt sei vermerkt, die wechselseitigen Güsse aus dem Schlauch führten tatsächlich zu einer Abkühlung der Gemüter. Selbst Helmut und Elke stellten fest, die Spitzen mancher Farnarten seien wahrlich eine Delikatesse und schmeckten wie eine Mischung aus Spargel und Spinat. Der Dunst beim Zubereiten sei dabei eine hinzunehmende Nebensächlichkeit. Ob sie wie Indianerstämme sogar dazu übergingen, gemeinsam berauschende Getränke aus den Farnen herzustellen, ist nicht überliefert.
Der Mensch ist ein soziales Wesen und zielt auf Anerkennung. Um das zu wissen, muss man nicht Psychologe, Soziologe oder sonst was sein. Wie so oft im Leben kommt es darauf an, das richtige Maß zu finden, ganz besonders bei diesem in der menschlichen Natur so tief verankerten Streben.
Anerkennung lässt sich auf vielfache Weise erreichen. Durchaus wirkungsvoll, weil auffällig, versuchen es etliche mit einem schönen Aussehen gepaart mit Kleidung der Extraklasse. Den Schönheitsdurchdrungenen stehen mittlerweile viele Türen offen. Sie zu durchschreiten, ist vor allem eine Frage des Geldes.
Selbst Kinder werden nicht selten als Statussymbole missbraucht. Das geht bereits mit der Namensgebung los. Das Besondere an der Nachkommenschaft soll ein ausgefallener Name signalisieren. Erzieherinnen in den Kindergärten erahnen schon an den Vornamen, was auf sie zukommt.
Eltern, die ihre Kleinen morgens in der Krippe abgeben, vorher und danach noch ein bisschen zusammenbleiben, erfahren hautnah, was manche von ihren Kindern erwarten und bereit sind, ihnen anzutun. Empfohlene Ratgeber werden gewälzt, das angesagte Spielzeug herbeigeschafft, alle möglichen Veranstaltungen besucht und Termine gebucht. Aufgeregt wird diskutiert, was wissenschaftlich erwiesen das Richtige für das Kind sei und was man auf keinen Fall tun solle. Der eine Vater
