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Ohne Vorwarnung widerfährt Nela Vanadis ein schrecklicher Schicksalsschlag, dabei bricht ein großes Unheil über sie und ihre Familie herein. Das Schicksal zeigt sich von seiner grausamen Seite. Ihre gesamte Familie wird während eines Festes in Lüneburg ermordet. Doch gibt es auch in dem Moment des Grauens einen Hauch Gnade. Ihr Wächter Tristan Paladin rettet sie und flieht mit ihr durch ein Schicksalstor in eine sagenumwobene Welt namens Asgard. Dort erfährt Nela ihre wahre Identität. Sie ist eine Walküre, ein Schwanenmädchen. Gleichzeitig begegnet sie ihrer großen Liebe Jarick, der ein mächtiger Lysane ist.
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Seitenzahl: 450
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Nina Lührs
Nela Vanadis
Schicksalsreise
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Landkarten
Prolog
Die Walküre und ihr Wächter
Die Begegnung im Eichenhain
Aikoloh
Neue Wegbegleiter
Der Schwertkämpfer und die Bogenschützin
Der Störenfried
Die ungeheure Gewalt
Die Rachgier der Drauger
Das unrechte Angebot
Die Belohnung
Der Wolfsmann
Viðja
Der Ring aus Blüten
Darkmora
Die Enttäuschung
Folkwang
Der Palast Glitnir
Halbwahrheiten
Umwege
Das Verhör
Der wahre Wächter
Die Gerichtsverhandlung
Die Trauerandacht
Im Kerker
Die wertvolle Tasche
Gespräche
Apfelblüten
Die Beharrlichkeit des Feindes
Helgoland
Epilog
Glossar
Impressum neobooks
Für Angela und Hartmut
Schicksal. Die allumfassende, unsichtbare Macht, die das Leben jedes Einzelnen bestimmt. Ein festgelegter Pfad leitet uns durch das Labyrinth aus unzähligen, gesponnenen Fäden. Unabwendbar folgt man ihnen.
Im Laufe des Lebens gelangt man an Kreuzungen, an denen man nur flüchtig anderen begegnet oder eine Weile einen parallelen Weg folgt. Natürlich spinnt das Schicksal auch besondere Schnüre, die zu einem gemeinsamen Strang verschmelzen.
Auch Nela ist in dem Irrgarten des Schicksals gefangen. Sie kann auf die alten Pfade zurückblicken, aber niemals in die Zukunft. Das Schicksal verrät nicht den bevorstehenden Weg. Unerlässlich weben und verweben die Nornen neue Fäden.
Es gibt für Nela keine Vorwarnung, als das Schicksal unbarmherzig zuschlägt, und ein großes Unheil über sie und ihre Familie hereinbricht. Das Schicksal zeigt sich von seiner grausamen Seite. Doch gibt es auch in dem Moment des Grauens einen Hauch Gnade. Eine verborgene Schnur, die vor Jahren ihren Weg kreuzte und seither mit ihrer verwoben ist, wird sichtbar. Doch andere vertraute Fäden enden; hören auf zu existieren.
Nela befindet sich an einem Knotenpunkt, an dem sich ihr bisheriges Leben entscheidend verändert. Eine schicksalhafte Reise steht ihr bevor, auf der sie neue Bande knüpft und sich ihre Schnur mit einem alten Faden unabänderlich verwebt.
Angsttraum oder Wirklichkeit? Bewegungslos starrte Nela durch die getönte Windschutzscheibe des schwarzen Sciroccos, derweil klammerten sich ihre Finger Halt suchend um den Riemen ihrer Wildledertasche. Viel zu schnell jagten sie in dem dichten Verkehr an den anderen Fahrzeugen vorbei. Weder die hohe Geschwindigkeit noch die Hupgeräusche der aufgebrachten Fahrer ängstigten die Studentin, denn ein dichter Schleier lag schützend um sie, betäubte ihre Gefühle und ihren Verstand, ließ sie alles nur in einem umnebelten Tunnel wahrnehmen, der sie zügig von dem Grauen fortbrachte. Ihr Zeitgefühl war in dem Dunst ihres Schutzschildes verschwunden. Jede Sekunde fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Vor wenigen Augenblicken entschuldigte sie sich noch bei ihren Eltern für ihre Verspätung, ahnte nichts Böses und nun war sie gefangen in diesem Auto.
„Sie verfolgen uns nicht“, stieß der Fremde erleichtert aus. Daraufhin richtete Nela ihren Blick geistesabwesend auf ihn. Mit beiden Händen hielt er eisern das Lenkrad fest, dabei schaute er aufmerksam in den Rückspiegel, da jederzeit die skrupellosen Mörder hinter ihnen auftauchen konnten. Wieder fiel ihr Blick auf die Geschwindigkeitsanzeige. Was sie dort sah, sollte sie eigentlich beunruhigen, doch sie dachte nur an eines: So schnell wie möglich mussten sie zur Polizei. Dort fanden sie Zuflucht. Gefangen in ihrem fassungslosen Leid, brachte Nela dennoch keinen Laut über ihre Lippen. Unentwegt erinnerte sie sich an die schrecklichen Minuten, in denen das Entsetzen ausbrach. Schüsse, Schreie, Schmerzen.
„Lunela, vorerst bist du in Sicherheit“, versprach ihr unbekannter Retter, während er sie mit seinen gütigen braunen Augen ansah. Sicherheit! Ein wundervolles Gefühl, welches zurzeit für Nela unvorstellbar erschien. In jeder Faser ihres Herzens hatte sich diese unerträgliche Furcht eingenistet, dennoch erwachte hinter dem Schleier ihr wacher Verstand und forderte Antworten, um das Entsetzliche zu begreifen. Gleichwohl wunderte sie sich, dass der namenlose Retter sie kannte. Woher? Nela konnte sich nicht entsinnen, ihm zuvor begegnet zu sein. Er trug lässige Alltagskleidung, also konnte er nicht auf der Familienfeier ihrer Eltern eingeladen gewesen sein. Waren sie sich vielleicht flüchtig auf dem Campus der Uni begegnet?
Nach einer Weile wisperte sie mit zittriger Stimme: „Nela. Niemand nennt mich Lunela.“
Verstehend nickte der Mann, dabei bewegten sich seine halblangen dunkelbraunen Haare. „Mein Name ist Tristan Paladin“, stellte er sich vor. „Und du bist Lunela Vanadis.“ Eine kleine Sprechpause entstand, in der er sie mit einem vertrauensvollen Lächeln betrachtete, bevor er sich verbesserte: „Nela.“
„Woher kennen Sie mich?“, flüsterte sie ihre Frage misstrauisch. Zwar hatte er sie vor dem sicheren Tod bewahrt, aber aus welchem Grund? Wer war Tristan Paladin?
„Das ist nicht einfach zu erklären“, wich er ihr aus, nachdem er einen tiefen Atemzug genommen hatte. Erstarrt blickte Nela ihn an, zugleich verstärkte sich der Griff um den Riemen ihrer Wildledertasche. Ihr Retter durfte sich nicht als Unmensch entpuppen!
Mit einem boshaften Blick zielte der Attentäter mit seiner Pistole auf Nelas Kopf. In letzter Sekunde riss Tristan den Arm des Mörders hoch. Dadurch wurde der Schuss von seiner ursprünglichen Bahn abgelenkt und pfiff mit einem ohrenbetäubenden Knall haarscharf an ihrem Kopf vorbei. Die fürchterlichen Schreie sowie der markerschütternde Laut dieses einen Schusses kehrten in ihr Bewusstsein zurück und ließen sie innerlich aufschrecken. Sogleich blitzten die furchtbaren Bilder ihres ermordeten Vaters auf. In seinem letzten Blick lag die stumme Forderung, sie müsse dieses Massaker überleben.
„Wissen Sie, wer diese skrupellosen Männer sind, die meine Eltern und mich ohne Grund überfallen haben?“ Langsam löste sie sich aus ihrem Schockzustand, indem sich der schützende Schleier lichtete, sofort drängte die schmerzende Trauer in ihr empor, doch mit einer enormen Willenskraft sperrte Nela sie tief in ihrem Innern ein. Jetzt war nicht der richtige Moment, einem hysterischen Weinkrampf zu erliegen.
„Birger“, mehr erwiderte er nicht. Das war keine zufriedenstellende Antwort. Wer verbarg sich hinter den Birgern? Warum töteten sie während einer Familienfeier unschuldige Menschen?
Stur richtete er seine Augen auf die vielbefahrende Fahrbahn, die sie, inzwischen dem Verkehrsfluss angepasst, entlangfuhren. Anscheinend wollte er ihr keine Fragen beantworten. Jedenfalls jetzt nicht. Seufzend wandte Nela ihren Kopf ab, weil sie in ihrem jetzigen Zustand keine Kraft zum Beharren auf Antworten fand.
„Vor langer Zeit schloss sich eine Gruppe fanatischer Menschen zu einem Orden zusammen. Sie bezeichnen sich selbst als die Bewacher der Menschheit. Die Birger sind Feinde unseres Ordens. Sie wollen uns vernichten“, fuhr Tristan überraschend fort, sodann beobachteten Nelas grüne Augen ihn aufmerksam. Sein markantes Profil kam ihr bekannt vor, doch sie konnte es nicht einordnen. „Eigentlich darf ich dich nicht einweihen. Du bist eine Unwissende.“
„Unseres Ordens? Unwissende?“, wiederholte Nela verwirrt, während sie nachdenklich seine Gesichtszüge betrachtete, die ihr aus einem unerklärlichen Grund vertraut waren.
Kurz nickte Tristan. „Wir gehören demselben Orden an. Sein Name lautet Elhaz. Das Wort Unwissende erklärt sich von selbst.“
„Ja, ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.“
„Ich werde zum nächsten Ordenshaus fahren, dann sehen wir weiter“, erzählte Tristan ihr sachlich.
„Wo befindet sich das nächste Ordenshaus?“
„In der Nähe von Bremen.“
„Wir müssen sofort zur Polizei!“ Ein mulmiges Gefühl kroch in Nela empor, dass ihr das Atmen erschwerte, und ihr die Kehle zuschnürte. Konnte sie Tristan vertrauen? Warum hatte er sie gerettet? Was wollte er von ihr? Immer mehr Fragen bildeten sich strudelnd in ihrem Kopf.
Kurz schaute er sie nachdenklich an, bevor er mit einer sehr ernsten Stimme beschloss: „Die Polizei lassen wir besser aus dem Spiel.“
„Wieso?“, stieß sie aufgewühlt aus.
„Die Polizei weiß nichts von uns, von unserer Welt.“ Unsere Welt? Keine Polizei? Ist es ein Fehler, ihm zu vertrauen? Heftig raste ihr Herz in der Brust, während sie sich hilfesuchend umsah. Schließlich entdeckten ihre Augen ein Schild mit der Aufschrift „Raststätte Ostetal“.
„Halt an!“, forderte Nela panisch. „Halt sofort an!“ Verwundert schaute Tristan sie an, aber kam ihrer Bitte nach. Der Scirocco verließ die Autobahn und rollte auf den belebten Rastplatz. „Wir müssen...“, mahnte Tristan eindringlich, doch bevor der Wagen zum Stillstand kam, öffnete Nela die Tür und sprang hastig heraus, wobei sie fast über ihre eigenen Füße gestolpert wäre. Fluchtartig rannte sie an den parkenden Fahrzeugen vorbei zu der Schutz versprechenden Raststätte. Überall befanden sich Menschen. Hier war sie in Sicherheit. Zumindest hoffte sie es.
„Nela!“, hörte sie Tristan beunruhigt hinter sich rufen. Doch sie lief weiter und taumelte angsterfüllt durch den Eingang des Restaurants.
„Ich brauche Hilfe!“, schrie sie in den großen Gastraum, dabei blickte sie sich flehend um. Doch keiner der Anwesenden interessierte sich wirklich für ihren Hilferuf. Nur vereinzelte, neugierige Blicke und genervtes Gemurmel. Eine Kellnerin rief ihr zu: „An der Tanke bekommen Sie Hilfe.“
Fassungslos stand Nela am Eingang. Sie hatte doch kein Problem mit dem Auto! Anscheinend erweckte sie mit ihrem eleganten Sommerkleid, das ihrer femininen Figur schmeichelte, den hochhackigen Sandalen und ihren lässig hochgesteckten dunkelblonden Haaren nicht den Eindruck, dass sie auf der Flucht war.
Jemand umfasste ihren Arm mit bebenden Fingern, daraufhin zuckte sie erschrocken zusammen. Ihr Herz raste, zudem erschwerte ihr das drückende Gefühl der Angst das Atmen. Tristan schenkte ihr ein freundliches Lächeln, überdies war in seiner Mimik kein Zorn oder eine Verärgerung zu erkennen, aber er wirkte höchst alarmiert und schaute sich angespannt nach allen Seiten um. Aller Vernunft zum Trotz verspürte Nela keinen erneuten Drang, die Flucht zu ergreifen.
„Ich will dir nichts tun. Im Gegenteil. Ich beschütze dich, weil ich dein Wächter bin. Dein Schicksalswächter“, raunte Tristan ihr zu, augenblicklich zog er sie nach draußen. Erstaunlicherweise vertraute Nela diesem Mann, obwohl die Angst ihr stetig zuflüsterte, vor allem und jedem auf der Hut zu sein. Unbegreiflicherweise fühlte sie sich in seiner Nähe sicher. Tristan, ihr Beschützer, der sie vor diesem eiskalten Attentäter mit den hasserfüllten Augen rettete.
Stockend atmete Nela ein und aus. Niemand interessierte sich für die beiden. Niemand sah hin. Würden sie auch noch wegsehen, wenn sie lautstark um ihr Leben schrie?
Beim Scirocco angekommen, löste Tristan seine Hand von ihrem Arm. „Wir sollten weiterfahren. Überall können uns Birger auflauern“, drängte er gehetzt.
Als sie wieder im Auto saßen, schnallte Nela sich mit zitternden Händen an. Kurz darauf, nachdem er ihr einen ermutigenden Blick zugeworfen hatte, startete Tristan den Motor und fuhr zurück auf die Autobahn.
Einem unerklärlichen Drang folgend, warf Tristan einen Blick in den Rückspiegel und bemerkte einen Mann, der ihnen mit einem hasserfüllten Blick hinterher sah, während er sofort sein Handy ans Ohr legte, dabei wurde seine auffällig große Tätowierung am rechten Arm sichtbar. Auch aus dieser Entfernung war der schemenhafte, farbige Umriss für Tristan eindeutig: das Symbol der Birger. Ein großer Kreis mit blauen und grünen Flächen, der die Erde darstellte.
Verzweifelt versuchte Nela, die Angst abzuschütteln und beschwor das Schicksal, dass sie keinen tödlichen Fehler beging, weil sie wieder in dieses Auto gestiegen war. Leise tönte Musik aus dem Radio und verjagte die laute Stille, die in ihren Ohren dröhnte.
Angespannt umklammerte Tristan mit seinen Fingern das Lenkrad und sah unentwegt mit gehetzten Blicken in den Rückspiegel. Die schlimmsten Vorstellungen brachen in Nela empor, als sie Tristans Nervosität bemerkte. Sogleich wurde ihr Mund ganz trocken, und ihr Hals verengte sich. Hastig blickte sie nach hinten, doch sie konnte nichts erkennen, dass Tristans erneute Anspannung erklärte.
„Auf dem Rastplatz war ein Birger“, stieß er beängstigend aus.
Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie ihn an, als ihr die Tragweite ihres unüberlegten Handelns bewusst wurde. Ihretwegen wussten die Birger, kannten die Birger ihren derzeitigen Fluchtweg. Der saure Geschmack der Galle stieg ihr die Kehle hinauf.
„Bisher verfolgt uns dieser Birger nicht.“
„Was machen wir jetzt?“, stieß Nela schrill aus. Der hohe Ton ihrer eigenen Stimme ließ sie zusammenschrecken.
„Ich weiß es nicht.“ Das waren nicht die Worte, die Nela in dieser Situation hören wollte.
„Was ist mit diesem Ordenshaus? Was ist das überhaupt für ein Orden?“
„Ich habe versagt“, entfuhr es Tristan verzagt, anstatt auf ihre Frage zu antworten. „Nie durfte ich mich, dir zu erkennen geben. Du gehörst nicht in unsere Welt. Du kennst sie nicht.“
„Nein“, widersprach sie ihm vehement, „du hast nicht versagt. Deinetwegen lebe ich noch.“
„Niemals werde ich bereuen, dir das Leben gerettet zu haben“, versetzte er.
„Warum rufst du nicht deine Freunde an, damit sie uns helfen?“
„Besser nicht. Ich möchte keine schlafenden Hunde wecken“, blieb er geheimnisvoll. „Allerdings sollte ich Johanna verständigen“, fügte er noch hinzu, während er nach seinem Handy suchte, indem er mit einer Hand seine Jeans abtastete. „Ich habe es verloren“, stellte er nüchtern fest.
„Gehört Johanna auch zu diesem Orden namens Elhaz? Was bedeutet eigentlich Elhaz?“
Tristan nickte, bevor er ihr eine Erklärung gab. „Elhaz ist der Name einer Rune. Unser Orden ist besser bekannt unter der Bezeichnung Orden der Walküren und der Walkür. Meine Antworten müssen dich nur noch mehr verwirren und verängstigen.“
Zaghaft nickte Nela. Es stimmte, sie war verwirrt, aber nicht nur über seine spärlichen Enthüllungen, sondern auch über ihr natürliches Vertrauen ihm gegenüber. Weshalb?
Tristan schaute kurz zu Nela, die fassungslos auf das ihr so vertraute Fadenmuster ihrer Wildledertasche starrte. Ihre augenblickliche Lage war so unwirklich. Nela versuchte, das alles zu verstehen; hinter die Mythologie zu schauen. Wo steckte der wahre Kern? Letztendlich spielte es keine Rolle, woran Tristan glaubte, solange er ihr kein Leid zufügte. Nach seinen Schilderungen war er nicht der Einzige, der von der Existenz dieser anderen Welt überzeugt war. Die fanatischen Birger taten es und töteten zudem ohne Skrupel. Jenes hatte Nela mit eigenen Augen gesehen, und sie war ebenfalls zu einem Opfer ihres blindwütigen Hasses geworden.
Es war bereits später Abend, als sie das Ordenshaus nahe Bremen erreichten. Ein großes mit Efeu bewachsenes Landhaus mitten im Nirgendwo lag vor ihnen. Direkt vor der Eingangstür des Anwesens hielt Tristan. Gleichzeitig stiegen sie aus und das Klacken der Autotüren unterbrach die friedliche Stille des Anwesens. Es war ein schöner, alter Landsitz, der etwas Geheimnisvolles ausstrahlte. Staksig ging Nela über den festgefahrenen Kies hinter Tristan her, der nun nervös den Türklopfer in der Form eines Schwans betätigte. Ein paar Schritte hinter ihm blieb sie stehen und schaute sich wachsam um. Jederzeit rechnete Nela mit dem Auftauchen der brutalen Birger.
Augenblicke später öffnete sich die Tür, und ein im Frack gekleideter Butler stand vor ihnen. Als er Tristan erkannte, sagte er höflich: „Herr Paladin, kommen Sie doch herein.“ Tristan ergriff Nelas Hand, während sie das Haus betraten.
„Ist Frau Bonengel zu Hause?“
Aufmerksam schaute Nela sich in dem Foyer des Landhauses um. In dem Terrazzo unter ihren Füßen war kunstvoll das Mosaik einer Esche eingelassen. An den kalten Steinwänden hingen Wandteppiche mit farbenfrohen Abbildungen. Der Butler, dessen kurze Haare seinem wohlgenährten Gesicht eine Strenge verliehen, musterte sie argwöhnisch, sofort war er ihr suspekt. Auch innerlich spürte sie Tristans Schutz, der dicht vor ihr stand, immer noch ihre Hand haltend.
„Wenn Sie hier bitte warten würden.“ Der alte Mann ließ sie in dem Vorraum zurück. Gebannt betrachtete Nela einen Wandteppich mit einem schwarzen Schwan, der seinen Flügel schützend über einen weißen Schwan legte. Schweigend verharrten sie dort. Schließlich kam der Butler zurück.
„Frau Bonengel erwartet Sie im Salon.“ Er machte eine einladende Geste, ihm zu folgen.
Als sie das gemütliche, mit antiken Möbeln ausgestattete Empfangszimmer betraten, eilte eine ältere Dame auf Tristan zu. Nela befand sich immer noch hinter dem Rücken ihres Beschützers. „Tristan, ich hörte von dem Angriff der Birger auf die Vanadis“, entfuhr es ihr sogleich bestürzt. „Die Linie ist…“ Weiter sprach sie nicht, da sie nun Nela bemerkte. Fragend schaute die Dame Tristan mit wachen Augen an. Die Altersfalten verliehen ihrer Mimik eine ihr vertraute Autorität. Anscheinend hatte Johanna eine andere Person an seiner Seite erwartet.
Tristan räusperte sich. „Johanna, darf ich dir Lunela Vanadis vorstellen?“
Die ältere Frau schenkte ihr ein Lächeln, das Nela unsicher erwiderte. „Mein Beileid, Frau Vanadis. Es muss sehr schwer sein, die Familie auf solch furchtbare Art zu verlieren.“
„Alle?“, entfuhr es Nela verzweifelt und schaute Tristan hoffend an, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Unmöglich konnte nur sie überlebt haben! Konnte ihr Bruder ihnen denn nicht entkommen? Bilder des Angriffes drängten sich wieder in ihr Bewusstsein. Schüsse fielen. Der leblose Körper ihrer Mutter sackte in sich zusammen. Blut verfärbte den Rasen rot. Unfähig sich zu bewegen, starrte Nela den Leichnam ihrer Mutter an. Panik brach aus, und schmerzerfüllte Schreie begleitet von Gewehrsalven hallten durch den Garten. Beherzt griff sie nach ihrem Handy und wählte den Notruf. Doch bevor sie die Polizei alarmieren konnte, wurde ihr das Gerät grob aus der Hand geschlagen.
Tristan drückte Halt gebend ihre Finger. „Niemand hat den Angriff überlebt.“ Seine Stimme klang mitfühlend, jedoch konnte Nela ihn nur entsetzt anstarren.
„Sie sind die letzte lebende Vanadis“, stockte Johanna. „Wir müssen sehr gut auf Sie achtgeben und später, wenn alles geklärt ist, in unsere Geheimnisse einweihen.“
„Johanna, wir werden immer noch verfolgt“, brach es angstvoll aus Tristan heraus.
„Mach dir darüber keine Sorgen, Tristan. Dieses Ordenshaus ist nicht schutzlos“, erwiderte Johanna eindringlich. „Thomas“, wandte sie sich an den Butler, der bisher reglos an der Tür verweilte, „geben Sie dem Sicherheitspersonal Bescheid, dass jederzeit ein Birgerangriff stattfinden kann.“ Mit einer Verbeugung entfernte sich der Bedienstete, daraufhin richtete Johanna ihre Aufmerksamkeit auf ihre Gäste. „Es war richtig, hierher zu kommen. Vorerst seid ihr hier in Sicherheit.“
Müde trottete Nela dem Bediensteten den langen, schlecht beleuchteten Flur zu ihrem Zimmer hinterher. Nur Leere fühlte sie in sich. Eine große Leere. Der Butler blieb stehen, um die Tür zu öffnen. „Dies ist Ihr Zimmer, Frau Vanadis.“ Abwesend, in ihrem Schmerz gefangen, ging Nela hinein und zog die Tür hinter sich zu. Erschöpft schaute sie sich um. Die Schönheit des Zimmers und die geschmackvolle Einrichtung nahm sie gar nicht wahr. Sie waren bedeutungslos.
Nela griff nach dem Riemen ihrer großen Wildledertasche, der quer über ihrer Schulter lag. Mit einem dumpfen Laut landete die Tasche auf dem Holzboden. Ermattet öffnete sie die Tür zum Bad, ging schwerfällig und müde hinein. Sie stellte die Dusche an, danach zog sie ihre Kleidung aus, die achtlos auf die kalten Fliesen fiel. Schnell wurde das Wasser heiß, und Dampf bildete sich in dem kleinen Raum, als sie unter die Dusche stieg. Zuerst ließ sie das heiße Wasser nur über ihren Körper laufen, einfach die anhaftende Last des schrecklichen Tages von ihrem Körper fortspülen. Mit einem Badetuch bedeckt, ging sie zurück in das Schlafzimmer. Dort ließ sie sich aufs Bett fallen, bevor sie erschöpft in einen Halbschlaf sank.
Erinnerungsfetzen von einem längst vergessenen Reitunfall tauchten in ihrem Dämmerzustand auf. Ihre gutmütige Fuchsstute scheute vor einem grausigen Rascheln im Gebüsch, daraufhin ging sie durch. Nela stürzte, dabei blieb sie im Steigbügel hängen. Der schwarze Schemen des geheimnisvollen Schutzengels blitzte flüchtig auf, als er sich zu ihr hinunter beugte.
Kurze Zeit später wachte Nela auf. Unruhig zog sie sich an, schnappte ihre Tasche und öffnete kaum hörbar die Tür, bevor sie zügig zur nächsten Zimmertür huschte. Sie hoffte, dass Tristan dort sein würde. Zaghaft klopfte sie an, ehe sie eintrat.
Tristan lag nicht in seinem Bett, sondern stand angespannt am Fenster. Kurz drehte er sich zu ihr um, dabei legte er den Zeigefinger an seine Lippen. Leise kam Nela zu ihm. Auf dem Hof unterhielten sich Männer mit Johanna, wo vorhin noch Tristans Scirocco gestanden hatte.
„Drauger“, flüsterte Tristan ihr zu, als sie dicht neben ihm am Fenster stand.
„Drauger?“ Fragend runzelte sie die Stirn. Gehörten Drauger zu dem alten Glauben? Wer oder was waren Drauger?
Die Drauger gingen zu dem dunkelblauen Mittelklassewagen, der ganz in der Nähe des Eingangs parkte. Zügig stiegen sie ein. Doch ehe der letzte sich in das Fahrzeug setzte, blickte dieser direkt zu Tristan und Nela, die in der Dunkelheit der Nacht gehüllt waren. Unmöglich konnte er sie sehen, dennoch wich Nela zurück, während Tristan einen Namen nuschelte, den sie nicht verstand. Rasch, aber unauffällig ohne Beleuchtung fuhren sie die Auffahrt entlang zur Straße. Johanna ging ins Haus, augenblicklich wandte Tristan sich vom Fenster ab und ging zur Tür. „Bleib hier. Ich komme gleich zurück.“ Nela nickte. Ängstlich schaute sie sich im Zimmer um, während sie auf seine Rückkehr wartete. Vor dem Bett stand eine graue Sporttasche, und die Bettdecke lag zerwühlt auf der Matratze.
Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie dieses Landhaus bald verlassen würde. Sie schwebte immer noch in Gefahr, denn sie war noch nicht in Sicherheit. Vielleicht würde sie es nie wieder sein. Panik stieg in ihr auf, aber sie bekämpfte die Angst, da sie einen klaren Kopf bewahren musste, wenn sie überleben wollte, und das wollte sie. Sie wollte leben!
Hektisch kam Tristan zurück ins Zimmer. „Wir müssen gehen. Die Drauger haben uns gewarnt. Die Birger wissen, wo wir uns aufhalten.“ Nela nickte nur, da sie große Mühe hatte, ruhig zu bleiben. Hastig nahm Tristan seine Tasche.
„Nela, vertrau mir. Alles wird wieder gut.“ Sie blickte in sein zuversichtliches Gesicht, sogleich unterdrückte sie die aufkeimende Verzweiflung. Schnell verließen beide das Zimmer, als das Geräusch von quietschenden Reifen von der Straße ertönte. Nur kurz hielten sie inne, um dann den Korridor zur Treppe entlang zu rennen. Sie durften keine Zeit verschwenden, denn die Birger waren eingetroffen.
Bewaffnet kam Johanna ihnen im Erdgeschoss entgegen. Im Vorbeigehen befahl sie eindringlich: „Kommt mit!“
Nelas Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie zu einem Seitenausgang liefen. Vorsichtig öffnete Tristan die Tür einen Spalt weit. Es waren nur wenige Meter bis zum Auto, aber der Weg war ihnen versperrt, da sich dort schon bewaffnete Birger aufhielten, die sich zügig dem Landhaus näherten. Sie saßen in der Falle. Schleunigst mussten sie eine andere Möglichkeit finden, ihnen zu entkommen. Leise schloss Tristan mit einem ratlosen Kopfschütteln die Tür.
Kampfgeräusche drangen an Nelas Ohr, und eine neue Welle der Angst durchfuhr sie. Warum wachte sie nicht endlich auf? Plötzlich ertönte die Alarmanlage. „Sie sind im Haus“, stieß Johanna verärgert und zugleich bestürzt aus. Schnell zeigte sie auf eine Tür und Tristan öffnete diese hastig, bevor jemand sie auf dem Flur entdeckte. Sie betraten die Bibliothek, die sie schnellen Schrittes durchquerten.
„Frau Bonengel“, erklang die Stimme des Butlers von der offen stehenden Flurtür.
„Geht weiter“, befahl Johanna nachdrücklich mit einem Fingerzeig, bevor sie sich unerfreulich ihrem Angestellten zuwandte. „Thomas, was tun Sie hier?“
Vor ihnen im Schatten der Bücheregale erschien eine verzierte Tür aus Eschenholz. In einem Halbbogen waren alte Schriftzeichen in das Holz eingeritzt. Nur flüchtig sah Nela die Runen, da Tristan die Tür rasch mit einem Blick über die Schulter aufriss. Dort war es dunkel. Stockdunkel. Nela griff mit ihrer schwitzigen Hand nach Tristan, doch sie konnte ihn nicht ertasten. Ihr heftiger Atem erklang laut in der totenstillen Finsternis. „Nela?“, flüsterte ihr Schicksalswächter, und sie folgte vorsichtig seiner Stimme.
Als Nela mit Tristan zusammen den dunklen Fluchtweg beschritt, durchflutete sie ein fremdartiges Gefühl. Etwas zog sie an Fäden durch die Finsternis, dabei setzte sie unsichere Schritte auf den federnden Untergrund. Plötzlich befanden sie sich auf der Lichtung eines Laubwaldes, und der Eindruck des Einfädelns war fort. Ringsherum standen mächtige, alte Eichen. Ganz in der Nähe lagen Findlinge und die Überreste einer Burg. Nur wenig Licht ermöglichte es Nela, die Umgebung wahrzunehmen. Nirgends konnte sie einen Weg entdecken.
Nela schaute zum nächtlichen Himmel, der ihr einen atemberaubenden Anblick bot. So klar und so viele Sterne sah sie noch nicht leuchten. Unerwartet tanzte das grün-gelbliche Polarlicht über ihr und wies ihr in wellenförmigen Bahnen den Weg nach Norden.
„Sobald die Walküren auf ihren prachtvollen Rössern reiten, um ihre ehrenvolle Bestimmung zu erfüllen, spiegelt sich das gelbe Mondlicht in ihren glänzenden Schwertern und malt das Nordlicht an den Himmel“, rezitierte sie ergriffen die Worte ihres Vaters.
Kurz lächelte ihr Begleiter. „Wir sind durch ein Schicksalstor gegangen.“ Schicksalstor? Tristan blickte in ihr verwirrtes Gesicht. Die schrecklichen Ereignisse, ihre Trauer, diese rätselhaften Ausdrücke und mystischen Ideen setzten ihr ziemlich zu. Sie brauchte etwas Normalität, an der sie sich festhalten konnte.
„Es heißt, wenn es das Schicksal will, kann es uns an einen anderen Ort bringen“, begann Tristan erklärend. Nela setzte an, um ihm zu widersprechen, aber er fuhr deutlich fort: „Eigentlich sind diese Orte nur parallele Welten zu unserer. Wir können immer zwischen ihnen hin- und hergehen, überall ist dieselbe Zeit. Nur in den anderen Welten halten sie an dem Althergebrachten fest.“ Forschend blickte Tristan sich um. „In welcher Welt sind wir gelandet?“
Fassungslos stand Nela vor ihm. Er musste verrückt sein, anders ließ sich vieles nicht erklären. Sprachlos beobachtete sie Tristan dabei, als er seine Tasche schulterte. Sie konnte doch keinem Verrückten trauen! Aber andererseits hatte sie auch keine andere Wahl, denn sie saß mit ihrem Retter mitten in der Wildnis fest und floh vor den Birgern. Was machte es da schon, dass er verrückte Ideen hatte?
„Nela, wir müssen weiter“, drängte Tristan. Wenige Minuten waren vergangen. Doch schon die kurze Zeitspanne konnte den Birgern reichen, um sie einzuholen. Nela folgte Tristan in den Laubwald hinein. Immer wieder blickte sie über ihre Schulter. Erleichtert stellte sie fest, dass niemand sie verfolgte.
Seit Stunden war die Angst ihr ständiger Begleiter. Mechanisch setzte sie einen Fuß vor den anderen, um der Gefahr zu entkommen. Der Schock saß immer noch tief, und die Angst verschleierte ihren Verstand.
Die Sterne spendeten genügend Licht, um einen Weg durch den lichten Wald zu finden, der kein Ende nahm. Stolpernd bewegte Nela sich mit ihren Stöckelschuhen über den unebenen Boden fort. Nachdem sich beide durch das Gebüsch gekämpft hatten, erreichten sie einen morastigen Weg. Nela schaute in beide Richtungen. Nirgends waren Anzeichen für eine befestigte Straße.
Nach einer Weile des anstrengenden Laufens schmerzten ihre Füße, also streifte sie kurzerhand ihre Schuhe ab. Erleichtert atmete sie auf, als sie unter ihren Füßen den kühlen Erdboden fühlte. Geduldig wartete Tristan auf sie, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte.
„Wir sollten rasten“, schlug er vor und blickte sich nach einem geeigneten Platz um. Müde lehnten sie sich gegen den breiten Stamm einer alten Eiche. Es war eine laue Sommernacht, aber trotzdem fröstelte Nela. Hastig holte sie eine Strickjacke aus ihrer Tasche.
„Dies ist ein uralter Eichenhain“, plauderte Tristan, während er ihr eine Wasserflasche reichte. Dankbar trank sie einen kräftigen Schluck.
„Müssten wir nicht bald auf die Zivilisation treffen?“, fragte sie erschöpft, während sie ihm die Flasche zurückgab.
„Ich hoffe, dass wir schnell eine Siedlung erreichen.“ Das Herumirren durch die Wildnis gefiel ihm auch nicht. Im Geäst raschelte es, und der Ruf eines Waldkauzes erklang. Erschrocken schaute Nela nach oben, dabei entdeckte sie den Vogel, der neugierig mit dem Kopf drehend auf sie hinabblickte.
„Zwar kein ausgewogenes Abendessen, aber es stillt den Hunger.“ Nela schenkte ihm ein dankbares Lächeln, bevor sie in die Süßigkeit hineinbiss. Wie köstlich doch ein Schokoriegel schmecken konnte.
Entschlossen rasch einen Weg aus der Wildnis zu finden, brachen sie auf und folgten dem Pfad durch die unberührte Natur. Mittlerweile mussten sie doch auf ein Haus treffen! Sie hielten sich in Norddeutschland und nicht in irgendwelchen unberührten Teilen der Erde auf, wohin sich kein Mensch verirrte. Deutschland ist dicht besiedelt. Wo befanden sich die Straßen und die Städte? Müde ließ Nela ihre Tasche auf den Boden gleiten. Sagte Tristan die Wahrheit? Waren sie wirklich in einer parallelen Dimension? In einer anderen Welt?
„Wo sind wir?“, stieß Nela zermürbt aus.
„Ich weiß es nicht“, erwiderte Tristan ahnungslos, anschließend schaute er sich bedrückt um. „Bisher habe ich unsere Welt noch nicht verlassen.“
Fassungslos lachte Nela auf. Das war doch alles Irrsinn! Wo war sie nur hineingeraten? „Aber auch hier müssen doch irgendwo Menschen leben!“, entgegnete sie ironisch.
„Ich kann deine Wut sehr gut verstehen, Nela“, entgegnete Tristan verständnisvoll. „Ich habe nicht geplant, uns in eine parallele Welt zu bringen. Es ist nun mal passiert, und wir müssen das Beste daraus machen.“
„Wie kommen wir deiner Meinung nach wieder zurück?“
„Wir müssen ein Ordenshaus mit einem Schicksalstor finden“, antwortete Tristan. Zweifelnd schüttelte sie den Kopf, ehe sie sich auf den Boden sinken ließ. Weiß Gott hatte Nela schon genug Sorgen, deshalb wollte sie sich nicht auch noch mit irgendeiner mythischen Parallelwelt auseinandersetzen, die in Tristans Kopf existierte.
Wolken zogen auf, sogleich verdeckten sie die leuchtenden Sterne. Hin und wieder lugte der Vollmond hinter der Wolkendecke hervor und erhellte die Nacht. Doch es blieb dennoch zu dunkel, um ihren Weg fortzusetzen. Auf einer Lichtung bildeten sich Nebelschwaden. Außerdem war Nela so unglaublich müde, sodass sie ihre Lider kaum noch geöffnet halten konnte. Erschöpft rappelte sie sich auf, um in der näheren Umgebung mühsam Brennholz für ein Lagerfeuer zu sammeln. Tristan entzündete es mit einem Feuerzeug im Schutz einer mächtigen Eiche. Dankbar für die Wärme setzte Nela sich dicht davor. Der kleine Waldkauz, der sie seither begleitet hatte, landete auf einem Ast über ihr.
Nelas Magen knurrte. Leider besaßen sie nichts Essbares mehr. Tristan reichte ihr die Wasserflasche, in der sich kaum noch Flüssigkeit befand. Gähnend platzierte sie ihre Tasche als Kopfkissen und legte sich vor das knisternde Lagerfeuer, während der Waldkauz sie unentwegt beobachtete.
Plötzlich schrie ihr Schicksalswächter. „Wach auf!“ Panik schwang in seiner Stimme mit. Auch in Nela stieg Angst auf, als sie das Knurren der Wölfe wahrnahm. „Bloß keine hektischen Bewegungen machen“, ermahnte sie sich selbst, als sie mit der Hand nach einem brennenden Stock griff. Bedrohlich fletschten die Raubtiere ihre Zähne und waren jederzeit zu einem Angriff bereit. Wölfe! Ein ganzes Rudel! Die Raubtiere umzingelten sie. Furchtlos schwenkte Tristan die schützende Fackel in alle Richtungen.
„Angreifende Wölfe!“ Ihre schrille Stimme überschlug sich vor Angst. In Norddeutschland! In was für einen Albtraum war sie nur gefangen? Schützend schwangen Tristan und Nela die brennenden Hölzer vor den Raubtieren hin und her. Die Augen der Wölfe beobachteten sie ganz genau, darauf wartend, dass sie einen Fehler begingen. Erschrocken bemerkte Nela über ihrem Kopf das aufgebrachte Flattern des Waldkauzes mit einem verächtlichen „U-wee“.
„Oh Gott“, stieß sie aussichtslos aus. Die Wölfe sind doch scheue und friedvolle Tiere, die sich von den Menschen fernhalten. Weder sie noch Tristan sahen eine Möglichkeit, wie sie sich aus dieser gefährlichen Situation befreien konnten.
Plötzlich veränderte sich das Verhalten der Wölfe, indem sie nicht länger lauernd ihre Beute umkreisten, sondern zum Angriff übergingen. Mit gebleckten Zähnen stürzte ein Wolf auf Nela zu. Instinktiv wollte sie fortlaufen, doch sie schlug dem Wolf den glühenden Knüppel an den Kopf. Jaulend zog er sich zurück, doch gleich darauf griff der nächste an. So schnell gab Nela sich nicht geschlagen. Auf keinen Fall wollte sie als Beute eines Wolfsrudels enden.
Wie aus dem Nichts tauchte vor ihnen ein Reiter auf einem Rappen auf, der den angreifenden Wolf mit einem heftigen Schwerthieb tödlich verletzte. Erstarrt schaute Nela dem Fremden dabei zu, wie er mühelos gegen das Rudel kämpfte. Das Pferd bäumte sich auf und trat nach den Wölfen. Hastig zog Tristan Nela schützend zu sich, aber schwenkte immer noch seine Fackel abwehrend durch die Luft.
Schnell schwang sich der Mann vom Rücken seines Pferdes und wehrte die Wölfe mit seinem Schwert todbringend ab. Schließlich gaben die letzten Wölfe des Rudels auf, dabei verschwanden sie winselnd in die Dunkelheit. Noch einen Augenblick schaute der Reiter ihnen hinterher.
„Danke“, stieß Tristan atemlos aus, während er seine Fackel ins Feuer warf. Aufgewirbelte Funken schwebten in der Luft. Längst ließ Nela ihren brennenden Knüppel fallen.
„Gern geschehen.“ Der Fremde drehte sich um. Ihre Blicke trafen sich flüchtig. Rasend schnell schlug ihr Herz. Erneut war Nela dem Tod entronnen. Was hatte diese Tiere nur so bösartig gemacht?
Lässig fielen ihm seine langen dunkelblonden Haare über die Schultern, als er gekonnt sein Schwert zurück in die Scheide steckte. An seinem Waffengurt hingen noch ein Dolch und ein Trinkhorn. Bekleidet war er mit einer dunkelbraunen Hose sowie einem beigen Leinenhemd. Nur die Felle und ein Eisenhelm mit Hörnern fehlten, damit er wie ein richtiger Wikinger aussah. Dieser Wikinger rettete ihr und Tristan gerade das Leben. Träumte sie?
„Ihr kommt aus Midgard“, stellte er entschieden fest.
„Ja. Wo sind wir?“, nutzte Tristan die Gelegenheit.
„In Asgard“, antwortete er knapp.
Für Nela waren es nur weitere Begriffe, die sich zu den anderen rätselhaften Bezeichnungen reihten. Gehört hatte sie die Ausdrücke schon, allerdings wollten sich ihr die Zusammenhänge momentan nicht erschließen. Ihr Körper war ermattet, deshalb konnte sie nicht mehr denken. Wann würde dieser Albtraum endlich aufhören?
„Das ist Nela und ich bin Tristan.“
„Jarick aus Vegard. Ich nehme Euch bis zur nächsten Stadt mit.“
Als die ersten Sonnenstrahlen den Horizont im Osten rot verfärbten, löschte Jarick das Feuer mit Erde. Dann pfiff er nach seinem Pferd, währenddessen Nela automatisch nach ihrer Wildledertasche griff. Krampfhaft verdrängte sie das Erlebte.
Jarick führte seinen Rappen am Zügel und lotste sie zu einem schmalen Pfad, der sich durch den Eichenhain schlängelte. Humpelnd folgte Nela dem Waldweg mit den kleinen Zweigen und spitzen Steinen, die in ihre nackten Fußsohlen stachen. Augen zu und durch! Sie schaffte das! Es waren doch nur kleine Stiche.
„Ist es sehr weit?“, fragte sie Jarick hoffend. Wem machte sie hier eigentlich etwas vor? Ewig würde sie die stechenden Schmerzen an ihren Füßen nicht ertragen. Doch für eine Weile konnte sie sich zusammenreißen. Sie musste nur ein Ziel vor Augen haben.
Kurz hielt er inne, dabei betrachtete er sie nachdenklich, bevor er entschlossen auf sie zukam. Mit einem gekonnten Handgriff fasste er um ihre Hüften und hievte sie auf seinen Rappen, als ob sie nichts wöge. Der Hengst wieherte kurz und stampfte ungeduldig mit seinen Hufen auf, als Nela im Damensitz auf seinem Rücken saß.
„Wieso tragt Ihr keine Schuhe?“, fragte er sie verständnislos. Mit einer hochgezogenen Augenbraue zeigte sie ihm ihre hochhackigen Sandalen.
„Barfuß kann sie besser laufen als in ihren Stöckelschuhen“, mischte Tristan sich ein.
„Aha. So könnt Ihr Eure Füße eine Weile ausruhen“, bemerkte er mit einem charmanten Schmunzeln, ehe er sich wieder in Bewegung setzte.
„Danke“, brachte Nela nur heraus. Jarick hatte eine unglaublich charismatische, aber auch eine kriegerische, raue Ausstrahlung.
Nach kurzer Zeit ließen sie den Eichenhain hinter sich und erreichten einen breiten Weg mit Huf- und Wagenspuren, der sich durch eine eindrucksvolle Waldlandschaft zog. Immer wieder wanderte Nelas Blick zu dem geheimnisvollen Wikinger. Stets fragte sie sich, was er mitten in der Wildnis in solch einem Kostüm verloren hatte?
In der Ferne tauchten die Dächer einer Stadt auf. Schleppend kamen sie vorwärts, da sie Pfützen und tiefem Morast auswichen. Nela spürte den Geruch von Regen in der Luft, aber die Regenwolken waren bereits weitergezogen.
Während sie das Stadttor von Aikoloh passierten, kam Nela nicht aus dem Staunen heraus. Die mondänen Gebäude und Anlagen vereinten die antiken und mittelalterlichen Baustile zu einer einzigartigen Fassade.
„Ihr solltet Euch unauffällige Gewänder zulegen. Ich bringe Euch zum Schneider“, riet Jarick.
Ihr Blick schweifte herum, als das Pferd die befestigte Straße entlangschritt. Die Hufe erzeugten ein rhythmisches Aufschlagen. Es herrschte ein geschäftiges Treiben in diesem Ort. Die Gewänder der Leute war keiner bestimmten Epoche zu zuordnen. Nur eines war offensichtlich, dass niemand sich wie Nela und Tristan kleidete. Was sollte sie jetzt nur denken oder glauben? Hatte Tristan mit allem Recht? War sie wirklich in einer Parallelwelt gelandet, die sich Asgard nannte? Nein, das war hier bestimmt nur eine gespielte Zeitreise in die unterschiedlichen Epochen der Menschheitsgeschichte. Ein Museumsdorf für Geschichtsverliebte.
Unvermittelt stoppte Jarick den Rappen und kam zu Nela herum. „Wir sind angekommen.“ Wieder fasste er um ihre Hüften, hob sie herunter und setzte sie sanft auf ihre schmerzenden Füße. Tristan trat neben sie.
„Es war mir eine Ehre, Euch kennen gelernt zu haben“, verabschiedete Jarick sich von den beiden, anschließend führte er sein Pferd wieder auf die belebte Straße. Ein kleiner, schmächtiger Mann mit kurzen Haaren eilte ihm hinterher. Sein Gang war nicht so anmutig wie Jaricks.
„Huscarl! Huscarl!“, rief er ihm hinterher, aber der Angesprochene reagierte nicht. „Huscarl! Huscarl!“ Schließlich hielt Jarick doch in seiner Bewegung inne, und der Mann schloss zu ihm auf.
„Lass uns passende Kleidung besorgen“, meinte Tristan müde, während Jarick mit dem Mann unterhaltend die Straße entlangschlenderte. Zaudernd wandte Nela den Blick ab und betrat mit ihrem Schicksalswächter die Schneiderei.
„Seid gegrüßt! Was kann ich für Euch tun?“, begrüßte sie der Schneider musternd. „Ah, Besucher aus Midgard.“
Nela schaute sich um, währenddessen Tristan mit dem Mann sprach. Wunderschöne Kleider aus verschiedenen Stoffen und Farben lagen auf einem Tisch ausgebreitet: Seide, Samt, Leinen.
„Wir brauchen schlichte Gewänder. Akzeptiert Ihr Geld aus unserer Welt?“
„Nein. Aber gleich nebenan ist eine Geldstube. Dort könnt Ihr es tauschen“, erwiderte der Schneider.
Daraufhin wandte sich Tristan Nela zu, sogleich ließ er sie leise wissen: „Ich werde schnell Geld wechseln.“ Nur widerwillig stimmte sie zu, denn der Gedanke gefiel ihr gar nicht, hier alleine auf ihn zu warten. Alleine. Schutzlos vor den Birgern.
„Petunia“, rief der Schneider nach hinten, „wir haben Kundschaft.“ Augenblicke später erschien eine rundliche Frau. Ihre Tunika reichte bis zum Boden, gekonnt hatte sie ihre dunklen Haare zu einem Knoten hochgesteckt. Geschult betrachtete sie Nelas Figur und kam langsam auf sie zu.
„Wir brauchen etwas Schlichtes“, informierte der Schneider seine Frau. Während sie Kleidungsstücke aus den Regalen suchte, streifte ihr Blick Nela immer wieder maßnehmend.
Nach kurzer Zeit kam Tristan zurück in den Laden. Die Frau des Schneiders ergriff ihre Hand, ehe sie Nela zu einem hölzernen Wandschirm führte. „Meine Liebe“, sagte Petunia eifrig, „probiert doch mal diese Gewänder an.“ Sie legte die Kleidungsstücke auf eine Ablage, anschließend stellte sie ein Paar feste Lederstiefel auf den Boden. Beim Herausgehen fügte sie noch freundlich hinzu: „Wenn Ihr Hilfe braucht, gebt Bescheid.“
Nun stand Nela alleine hinter dem Paravent und schaute in den großen Wandspiegel. Zwei müde Augen starrten in das abgekämpfte Gesicht. Dreck- und Grasflecke übersäten ihr Kleid. Obendrein war ihre helle Strickjacke ruiniert.
Kraftlos hob sie den Riemen ihrer Tasche mit einer Hand über den Kopf, ließ sie auf den Boden herunter, danach folgten unachtsam ihre Kleidungsstücke. Neugierig schaute sie sich die mittelalterlichen Gewänder an. Schließlich probierte sie den schlichten, dunkelblauen Wickelrock, der ihr bis zu den Knöcheln reichte, und ein im gleichen Farbton eng anliegendes figurbetontes Oberteil mit weiten Ärmeln, an. Zufrieden betrachtete sie sich im Spiegel, bevor sie ihre schmutzigen Kleidungsstücke zusammensuchte, um sie in ihre Umhängetasche zu stopfen. Anschließend schlüpfte sie in die Lederstiefel, die erstaunlicherweise wie angegossen passten.
„Ihr seht bezaubernd aus“, stieß Petunia gleich erfreut aus, als sie Nela sah. Mit einem Lächeln bedankte sie sich für das nette Kompliment. Flüchtig schaute sie zu Tristan, der eine schlichte, dunkelbraune Lederhose und ein weißes Leinenhemd trug. Über seinen Schultern hing ein dunkelbrauner Mantelumhang.
„Wie viel schulde ich Euch?“, fragte Tristan den Schneider mit einem unterdrückten Gähnen.
„Zwei Goldmünzen“, erwiderte dieser, während Petunia der Walküre einen dünnen, dunkelblauen Umhang reichte.
„Gibt es in dieser Stadt ein Ordenshaus?“ Tristan gab dem Schneider die Münzen.
„Nein. Früher gab es eine Elhazenburg im Eichenhain, aber die wurde schon vor Jahrhunderten zerstört. Das nächste Ordenshaus befindet sich in Nemida. Die Stadt liegt direkt an der großen Hauptstraße Richtung Norden.“
Als Nela mit Tristan die belebte Straße entlangging, wanderten ihre Gedanken zu dem Wikinger, der sie und ihren Schicksalswächter vor den Wölfen rettete. Ein Rudel Wölfe! Sie konnte es immer noch nicht fassen. Was bewog diese scheuen Tiere dazu, Menschen anzugreifen? Die Wölfe litten weder Hunger noch hatten sie sie in irgendeiner Form bedroht.
„Wir kaufen uns zuerst zwei Pferde, damit wir komfortabel zum Ordenshaus in Nemida reisen können, wir stärken uns und suchen uns ein Quartier für die Nacht“, schlug Tristan vor. Zustimmend nickte Nela. Es war sinnvoll, sich zuerst eine Fluchtmöglichkeit zu beschaffen, falls die Birger sie hier ausfindig machten.
Kurzerhand sprach Tristan einen Passanten an. „Verzeiht, könntet Ihr mir sagen, wo ich in dieser Stadt zwei Pferde kaufen kann?“
„Beim Schmied. Immer weiter die Straße entlang“, erwiderte der Bauer gestikulierend.
„Wusstest du, dass wir länger unterwegs sein werden?“, fragte Nela neugierig nach einer Weile. Erklärend zeigte sie auf seine Reisetasche.
„Nein. Das ist meine Notfalltasche, die ich immer mit mir führe.“
Unvermittelt riss er an ihrem Arm, um sie schnellstens von der Straße herunterzuziehen. Erschrocken stieß sie einen Laut aus, als ein ausschlagender Rappe an ihnen vorbeigaloppierte. Sofort erkannte Nela den schwarzen Hengst. Suchend blickte sie sich nach seinem Besitzer um, folglich fand sie ihn vor der überdachten Schmiede, hinter der sich eine große Scheune erhob. Rötlich-orange leuchtete die Glut in der Feuerstelle, neben der ein Amboss stand. Hammer in verschiedenen Größen sowie andere Werkzeuge lagen herum oder hingen an der Holzwand.
„Euer Hengst ist ein schwarzer Teufel“, regte sich der vollbärtige Schmied mit seiner breiten Lederschürze auf. Im ersten Moment wirkte er ruppig, aber er hatte gütige Gesichtszüge.
„Ihr seid nur nicht in der Lage, ein Pferd zu beschlagen, Will“, erwiderte Jarick forsch. Nela hatte nicht damit gerechnet, den Wikinger noch einmal zu sehen, der jetzt sein langes Haar geschlossen trug. Unweigerlich erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Warum kauft Ihr Euch nicht ein ruhiges Pferd, Huscarl?“, erklang verständnislos eine Stimme aus einer schattigen Ecke. Nelas Blick wanderte dorthin, und sie erkannte den aufdringlichen Mann von vorhin.
„Das versteht Ihr nicht, Fido“, entgegnete Jarick ihm nachsichtig. „Ich habe den Hengst aufgezogen.“
„Ja und? Er ist einfach kein gutes Reitpferd.“
„Seid gegrüßt“, hieß der Schmied Tristan und Nela willkommen, als sie näher an die Schmiede herantraten.
„Wir möchten zwei Pferde kaufen.“
„Jarick, entschuldigt Ihr mich kurz? Es dauert ohnehin, bis Euer Teufel zurückkommt“, bat der Schmied. Jarick gab seine stumme Zustimmung, während dieser Fido ein verächtliches Schnaufen herausließ.
„Folgt mir“, forderte Will sie im Gehen auf. Schnell schlossen Tristan und Nela auf.
Auf einer großen Koppel neben der Scheune befanden sich mehrere Pferde. Sofort fielen Nela zwei Füchse auf, die sie an das Pony erinnerten, auf dem sie als Kind reiten gelernt hatte. Unvermeidlich kehrte die Erinnerung an ihren geheimnisvollen Schutzengel zurück. Kurz schaute Nela zu Tristan. Sein Profil glich der Silhouette ihres damaligen Schutzengels frappierend.
„Die beiden Füchse sehen vielversprechend aus“, meinte Jarick, während er über den Zaun kletterte.
„Huscarl! Ich rede mit Euch“, rief Fido empört von der Schmiede herüber. Jarick ignorierte ihn, und hielt auf die Pferde mit dem rötlich-braunen Fell zu. Sanft streichelte er über den Mähnenkamm, bevor er dem Ross das Halfter anlegte. Schließlich führte er die zwei Pferde zu ihnen ans Gatter.
„Euer Benehmen lässt zu wünschen übrig, Huscarl“, stieß Fido erzürnt aus, als er an die Koppel kam. Er hatte die Kapuze seines Umhangs über seinen Kopf gezogen.
„Nennt mich nicht Huscarl“, platzte es verärgert aus Jarick heraus.
„Wieso nicht? Ihr seid doch Mitglied der Garde. Also seid Ihr ein Huscarl.“
„Ich war ein Huscarl. Ich gehöre nicht mehr zur Garde.“
„Für mich bleibt Ihr ein Huscarl“, blieb Fido zänkisch.
„Will“, wandte sich Jarick an den Schmied, „mach einen anständigen Preis mit Zaumzeug und Sattel.“ Der Schmied öffnete das Gatter, danach ergriff er die zwei Führstricke, die Jarick ihm reichte. Zusammen mit Tristan und den beiden Stuten im Schlepptau ging der Schmied in die Scheune. Während Tristan das Finanzielle regelte, wartete Nela draußen mit dem Wikinger.
„So schnell sieht man sich wieder“, plauderte Jarick mit einem charmanten Lächeln, das sich kurz darauf in ein schelmisches verwandelte. „Und wie ich sehe, diesmal mit Stiefel.“
„Ja“, fiel Nela nichts Besseres ein. Stille breitete sich zwischen ihnen aus.
„Da ist Euer Teufel“, zeigte Fido wichtigtuerisch auf den Rappen, der erst zögernd vor der Schmiede verharrte, dann auf Jarick zu trottete.
Langsam ging Nela zu dem Pferd, das sie mit seinen Augen musterte. Vorsichtig berührte sie das edle Tier an seiner Stirn und streichelte seine lange schwarze Mähne. Sein Fell fühlte sich wie Samt an. Verwundert stellte Nela fest, dass sich der Hengst in ihrer Gegenwart ruhig verhielt.
„Vorsicht“, warnte Jarick sie. „Normalerweise ist Samru nur bei mir zahm. Vor allem gegenüber Fremden wird er sehr jähzornig.“ Der Wikinger lehnte mit verschränkten Armen an einem Balken des Schauers.
„Samru? Ein ungewöhnlicher Name.“
„Es ist eine Zusammensetzung aus den Wörtern Samt und ruhig.“ Er stieß sich von dem Balken ab, um näher an sie und das Pferd heranzutreten.
„Dann wollen wir mal“, verkündete der Schmied arbeitswütig. Augenblicklich wurde der Rappe unruhig und tänzelte auf der Stelle.
Schaulustig lehnte Tristan sich mit seinen Armen auf einen Holzzaun ab. Augenblicke später gesellte Nela sich zu ihrem Schicksalswächter. Unweit der Feuerstelle stand Jarick, um dem Schmied bei seiner Arbeit zuzuschauen. Will schürte das Feuer, erhitze das Hufeisen und ergriff die Fersen des Pferdes, das wild austrat.
„Vielleicht klappt es, wenn ihn jemand festhält, dem er vertraut“, mischte Nela sich couragiert ein. Jarick trat an Samru heran, behutsam hob er den vorderen Huf hoch.
„Das ist doch alles verschwendete Zeit“, meinte Fido verächtlich, der sich in einer dunklen Ecke der Schmiede herumdrückte.
Zu Nelas Freude verhielt Samru sich ruhig. Auch als der Schmied das Hufeisen befestigte, blieb der Rappe lammfromm. „Es klappt“, stieß Will erfreut aus, daher fuhr er zügig mit dem Beschlagen der Hufe fort.
„Warum habt Ihr die Garde verlassen?“, fragte Fido verständnislos. In seiner Stimme schwang ein Vorwurf mit.
„Ich wollte ein anderes Leben“, antwortete Jarick ihm genervt, denn er wusste, dass Fido seine Antwort nicht nachvollziehen konnte.
„Wie kann man der Garde ein anderes Leben vorziehen? Ihr und Till seid dumm“, brummte Fido verächtlich. „Seit fünf Jahren lebt Ihr nun schon in dieser Gegend und verzichtet auf das Ansehen und den Ruhm, den Ihr in der Garde erlangen könnt.“ Jarick erwiderte darauf nichts, sondern kümmerte sich weiter um seinen Hengst. „Nichts weiter als dieser Gaul interessiert Euch!“ Fido stieß einen abwertenden Ton aus, während er die Schmiede verließ. Erleichtert atmete Jarick auf, als der unsympathische Kerl ihn endlich in Ruhe ließ.
„Lass uns eine Taverne aufsuchen“, schlug Tristan vor, nachdem Will den letzten Huf beschlagen hatte. Zögernd stieß Nela sich von dem Zaun ab und machte sich mit ihrem jetzigen Schutzengel auf den Weg. Nur wenige Schritte waren sie gegangen, als Jarick zu ihnen aufschloss. „Wartet!“ Tristan und Nela blickten zu ihm. „Lasst mich Euch zum Essen einladen“, hoffte Jarick auf eine Zustimmung. Nur widerwillig ließen seine Augen kurz von Nela ab, um Tristan anzusehen.
„Sehr gerne“, nahm Nela die Einladung an. Freude spiegelte sich auf Jaricks Gesicht wider.
Tristan zog sie beiseite. „Nela, wir sollten vorsichtig sein.“ Seine Stimme mahnte sie eindringlich und erinnerte sie an die Gefahr, in der sie schwebte. Ihr Blick wanderte zu Jarick, spontan verließ sie sich auf ihr Bauchgefühl.
„Ich möchte keinen Streit provozieren.“ Jarick wandte sich ab.
„Wartet, Jarick“, rief Tristan ihn zurück, bevor Nela den Wikinger aufhalten konnte. „Versteht mich nicht falsch… Wir nehmen sehr gerne Eure Einladung an.“ Mit einem nachdenklichen Blick bedachte Jarick die beiden aus Midgard.
Gleich in die erste Taverne kehrten sie ein. Nela nahm das, was der Wirt ihnen empfahl. Ruppig stellte er ihnen einen Krug gefüllt mit Met und einen mit Wasser auf den Tisch. Danach servierte er ihnen das Essen: einen Laib Brot und gebratenes Hühnchen. Darbend stillten Nela und Tristan ihren großen Hunger, während Jarick nur Met aus seinem Becher trank.
„Ihr wart Gardist?“, begann Tristan neugierig das Gespräch.
Jarick stellte seinen Becher auf den Tisch. „Vor fünf Jahren habe ich meine Berufung aufgegeben. Seitdem führe ich hier ein neues Leben.“
„Stammt Ihr von hier?“, mischte Nela sich in die Unterhaltung ein, bevor sie ein Stück Brot aß.
„Nein“, antwortete Jarick. „Wie bestreitet Ihr Euren Lebensunterhalt, Tristan?“
„Ich bin Chronist in der Ordensbibliothek der Walküren und Walkür.“
„Ich wusste es gleich, dass Ihr ein Wächter seid. Ihr habt die entsprechende Aura.“ Durstig griff Jarick nach seinem Becher, trank einen Schluck, ehe er seinen nächsten Gedanken verriet. „Und dementsprechend seid Ihr eine Walküre.“
„Nein“, zögerte Nela. Verwundert schaute er zu ihr, dabei wanderten seine Augenbrauen fragend nach oben. „Ich gehöre weder zu dem Orden noch in diese Welt“, reagierte sie auf seinen fragenden Gesichtsausdruck. „Irrtümlich schickte mich das Schicksal auf einen falschen Pfad.“
„Das Schicksal irrt sich nicht. Ihr seid auf dem richtigen Pfad“, beteuerte Jarick überzeugt. Angespannt saß Tristan neben ihr und nahm hastig einen großen Schluck Met. Nela konnte darauf nichts entgegnen, da die schrecklichen Bilder wieder in ihr Bewusstsein drangen. Ihr Vater hielt sich noch an Nelas Tasche fest, bevor er leblos zu Boden fiel.
„Stimmt etwas nicht?“, fragte Jarick sanft nach einer Weile des Schweigens. Räuspernd wollte Nela ihm antworten, doch sie wurden unterbrochen.
„Huscarl!“, begrüßte Fido den Wikinger erfreut und setzte sich ungefragt zu ihnen. „Es gibt zwei Möglichkeiten einen Gardisten zu finden, wenn er keinen Dienst hat. Saufend in einer Taverne oder hurend in einem Freudenhaus.“ Er lachte frivol. Dieser Fido wurde ihr von Minute zu Minute unsympathischer.
„Fido, Ihr solltet die Worte gegenüber einer Dame mit Bedacht wählen“, entfuhr es Jarick gereizt. Doch der Angesprochene zuckte desinteressiert mit seinen Schultern und lugte in die beiden Krüge. Enttäuscht fragte er Jarick: „Keinen Lebenssaft?“
„Nein“, erwiderte der Wikinger kühl. „Geht und bestellt Euch Euren Lebenssaft.“ Fragend schaute Nela zu Tristan, der mit einem Kopfschütteln andeutete, dass er ihr später die Frage beantwortete.
Lustlos schlurfte Fido zur Theke. „Was soll das heißen, der Vorrat an Lebenssaft ist ausgegangen?“, brüllte er plötzlich trotzig. Augenblicklich wurde es ruhig in der Gaststube, denn die Gäste richteten ihre Aufmerksamkeit auf den Störenfried. Sofort sprang Jarick auf, eilte zu dem Unruhestifter und griff ihn am Kragen, bevor dieser über den Tresen zum Wirt gelangte.
„Fido, dies ist eine Taverne für Menschen. Nicht für Drauger. Wenn Ihr Lebenssaft möchtet, dann begebt Euch dorthin.“ Jaricks kalte Stimme ließ Nela einen Schauer über den Rücken laufen.
„Was soll das? Ihr seid doch auch ein Drauger!“, empörte Fido sich, als Jarick ihn aus der Lokalität hinauswarf.
„Dieser Fido Tanner ist die reinste Plage!“, regte der Wirt sich auf. Nela konnte seine Äußerung sehr gut nachvollziehen, denn in ihr war dieser intensive Drang geweckt worden, sich so schnell wie möglich aus Fidos Reichweite zu entfernen.
„Ja“, seufzte Jarick, als er zum Wirt ging, der sich überschwänglich bei ihm bedankte.
„Wir sollten uns ausruhen“, meinte Tristan besorgt, sobald er Nelas Erschöpfung bemerkte.
„Gerne“, hauchte sie ermattet, denn sie war hundemüde und sehnte sich nach einem Bett.
Tristan gesellte sich zu Jarick und dem Wirt, um eine Schlafstätte zu erfragen. Da die drei Männer zu weit entfernt waren, und der Geräuschpegel in dem Gastraum wieder anstieg, verstand Nela das Gesprochene nicht. Also wanderte ihr Blick durch die Gaststube. Vereinzelt saßen Gruppen von Männern und Frauen an Tischen, doch ihr Augenmerk blieb an einem Mann hängen, der in einem abgeschiedenen Winkel des Wirtshauses saß. Er war groß, von kräftiger Statur, hatte rotblonde Haare und trug einen Vollbart. Sein dunkles Gewand sowie seine Waffen zeichneten ihn als Krieger aus. Wachsam beobachtete er seine Umgebung. Nela wandte ihre Augen ab, als sie den stoischen Blick des Kriegers bemerkte. Eine zierliche Frau mit langen hellblonden Haaren, deren Kleidung in verschiedenen Grüntönen gehalten war, saß an dem Nachbartisch und beobachtete sie neugierig. Neben ihr auf dem Tisch lag ein Bogen, den sie sachte mit ihrer Hand berührte.
Während Tristan sich wieder zu ihr setzte, erzählte er von dem Gästezimmer in der Taverne. Nachdem sie ihre Getränke ausgetrunken hatten, erhoben sie sich von der Holzbank, daraufhin kam Jarick vom Tresen auf sie zu.
„Danke für alles“, verabschiedete Nela sich mit einem Lächeln. „Vielleicht begegnen sich unsere Wege wieder.“
„Bestimmt, wenn es das Schicksal will“, flüsterte er leise. Tief schaute er in ihre Augen, bevor er sich ruckartig losriss und die Taverne verließ.
Die Frau des Wirts zeigte ihnen ihre Unterkunft für die Nacht und entzündete eine weiße Kerze auf einem kleinen Tisch. Der Raum war karg mit zwei Betten an den Wänden sowie einer kleinen Schrankkommode möbliert. Durch das kleine Fenster drang nur spärlich das Licht der Abenddämmerung.
„Nela, ich denke, es ist einfach besser, wenn wir uns ein Zimmer teilen. Wenn…“, begann Tristan zögernd.
Nela nickte. „Ich verstehe es. Ich bin sogar froh darüber.“ Tief atmete sie durch. „Da ist dieses Band...“
Verstehend nickte Tristan. „Es ist schwer in Worte zu fassen. Das Schicksalsband verbindet uns. Ein unsichtbarer Faden, den das Schicksal gesponnen hat, um uns zusammenzubringen und -zuhalten. Ich spüre es, wenn du in Gefahr bist“, versuchte er es ihr zu erklären. „An deinem vierzehnten Geburtstag führte das Schicksal mich zu dir. Ich wusste sofort, dass ich dein Schicksalswächter bin. Seitdem beschütze ich dich im Verborgenen.“ War Tristan tatsächlich ihr Schutzengel?
„Ich spüre diese besondere Freundschaft immer deutlicher“, gab Nela zu, während sie sich auf ein Bett setzte.
„Ich möchte dir etwas schenken“, sagte Tristan leise, dabei holte er ein Lederband mit einem Steinanhänger, auf dem eine Rune eingraviert war, aus seiner Hosentasche.
„Das ist die Rune Elhaz. Jeder Wächter gibt seiner Walküre diese Kette. Offiziell bist du nicht meine Walküre, und ich bin auch kein Wächter, sondern ein Chronist. Der Orden sieht es nicht vor, Unwissenden einen Wächter zur Seite zu stellen.“ Nela nahm das Geschenk dankbar entgegen, augenblicklich legte Tristan die Kette um ihren Hals. Erschöpft ließ sie sich auf das Bett nieder und schloss die Lider.
In dem einzigen Blothus der Stadt saß Jarick in einer dunklen Ecke, gedankenverloren starrte er den Lebenssaft in seinem Becher an. Immer wieder schweiften seine Gedanken zu den beiden Menschen aus Midgard. Zufällig war er ihnen im Eichenhain begegnet und ohne zu zögern, befreite er sie aus einer lebensbedrohlichen Situation mit dem aufgehetzten Wolfsrudel. Innerlich lachte Jarick spöttisch auf. Es war kein Zufall, sondern Schicksal. Immer war es das Schicksal.
„Huscarl!“, erklang Fidos erfreute Stimme, ihn gefunden zu haben. Eilig durchquerte er den Gastraum. „Seid Ihr endlich diese Nervensägen losgeworden?“ Wieder setzte er sich ungebeten zu ihm. „Das hier ist der richtige Ort für uns.“ Der Drauger breitete seine Arme aus, als er den letzten Satz verkündete, und Jarick seufzte resigniert. Wann gab dieser Fido es endlich auf, ihm hinterherzulaufen?
„Wirt, bringt mir Lebenssaft!“, verlangte er laut.
„Wenn Ihr an diesem Tisch sitzen bleiben wollt, dann benehmt Euch“, mahnte Jarick kühl, da er keine Muße hatte, ihn schon wieder vor die Tür zu setzen.
Verständnislos drehte Fido seinen Kopf zu ihm. „Ich benehme mich doch immer!“ Fassungslos lachte Jarick auf, denn Fidos Vorstellung von Benehmen unterschied sich erheblich von der Norm.
Der drauganische Wirt brachte einen Krug gefüllt mit Lebenssaft und einen Becher. „Wohl bekommt`s“, wünschte er dem Drauger, flugs verschwand er wieder. Gierig schenkte Fido seinen Becher voll und nahm einen großen Schluck. Mit Wucht stellte er das kleine Gefäß auf den Holztisch, sodass etwas von der Flüssigkeit hinausschwappte, dabei rote Spritzer auf der Tischplatte hinterlassend.
„Ihr müsst mir erzählen, wie Ihr und Till es angestellt habt, in die Garde aufgenommen zu werden“, verlangte Fido.
Der Angesprochene lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Fido, stellt Euch bei der Garde vor, wenn Ihr unbedingt ein Huscarl werden wollt.“
„Das werde ich auch. Aber ich muss wissen, was ich tun muss, damit ich ganz sicher aufgenommen werde.“
