Nelson - Das Glück kommt auf Samtpfoten - Hannes Steinbach - E-Book

Nelson - Das Glück kommt auf Samtpfoten E-Book

Hannes Steinbach

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Beschreibung

Ein kleiner Abenteurer reißt aus: der bewegende Katzen-Roman »Nelson – Das Glück kommt auf Samtpfoten« von Hannes Steinbach als eBook bei dotbooks. Was so schön an Wundern ist? Dass sie immer dann auf uns warten, wenn wir sie am wenigsten erwarten … Der zum Grummeln neigende Arthur braucht nichts und niemanden in seinem Leben: Weder seine Tochter, die ihm fremd geworden ist, noch seine Enkelin, die er kaum kennt … und schon gar kein Haustier! Doch das scheint dem kleinen Kätzchen, das eines Tages leise schnurrend vor ihm steht, vollkommen egal zu sein. Nelson kuschelt sich an Arthur – und plötzlich ist die Welt nicht mehr so grau, wie sie lange wirkte. Aber wo ist der kleine Ausreißer eigentlich hergekommen? Obwohl Arthur spürt, dass er Nelson schon viel zu sehr ins Herz geschlossen hat, macht er sich auf die Suche nach seinem Zuhause … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der einfühlsam erzählte Roman »Nelson – Das Glück kommt auf Samtpfoten« von Hannes Steinbach ist ein Lesevergnügen für alle, die Katzen lieben, und natürlich auch die Fans von Peter Gethers und James Bowens' »Bob, der Streuner«. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über dieses Buch:

Vom Himmel hoch, da komm ich her … Ein Tannenbaum voller Lichter, staunende Kinderaugen und das Gefühl, sich in einer Familie geborgen zu fühlen – davon kann der Krippenschnitzer Arthur nur träumen. Von seinem Stand auf dem Weihnachtsmarkt aus beobachtet er ein wenig traurig, wie die anderen Menschen die Adventszeit genießen, und kehrt spät am Abend in seine dunkle Wohnung zurück. Das ändert sich, als eines Tages ein energisches Maunzen ertönt: Ein Kätzchen hat sich aus dem Trubel zu ihm geflüchtet. Mit jedem Schnurren zaubert der kleine Nelson immer größere Risse in die Mauern, die Arthur um sich herum aufgebaut hat – und öffnet so den Weg für ein Wunder, das die Weihnacht in den wärmsten Farben leuchten lässt …

Über den Autor:

Hannes Steinbach ist das Pseudonym eines erfolgreichen deutschen Schriftstellers, der auf einem Bauernhof in Westfalen aufwuchs – umgeben von vier Katzen und einem Hund, die heute immer noch einen Platz in seinem Herzen haben. Hannes Steinbach lebt inzwischen in Berlin, wo er in seinem Freundeskreis als der perfekte Hunde- und Katzensitter bekannt ist … und sich von seinen vierbeinigen Gästen zu berührenden Romanen inspirieren lässt!

Bei dotbooks veröffentlichte Hannes Steinbach auch den Roman »Woody – Ein Fellnäschen zum Verlieben«.

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eBook-Neuausgabe November 2021

Dieses Buch erschien bereits 2013 unter dem Titel »Nelson, das Weihnachtskätzchen« bei Weltbild.

Copyright © der Originalausgabe 2013 Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Steinerne Furt, 86167 Augsburg

Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von shutterstock.com.

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96655-918-8

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Hannes Steinbach

Nelson – Das Glück kommt auf Samtpfoten

Roman

dotbooks.

Kapitel 1

Nelson hatte keine Ahnung, wohin er gebracht werden sollte. Aber irgendetwas stimmte nicht, davon war er überzeugt. Marie war völlig außer sich, sie weinte schon den ganzen Morgen. Außerdem wollte sie nicht, dass er in sein Körbchen gesperrt wurde. Dabei war das sein fester Platz, wenn sie mit dem Auto fuhren. Aber heute drückte Marie ihn so fest an sich, als hinge ihr Leben davon ab.

Nelson wurde unruhig. Er ließ sich ohne Gegenwehr in den Transportkorb sperren, blieb aber wachsam. Außerdem machte er sich Sorgen um Marie. Wenn sie unglücklich war, spürte er das. Maries Mutter saß am Steuer und startete den Motor. Sie sprach auf ihre Tochter ein, mit lauter Stimme und strengem Tonfall. Marie hörte schließlich auf zu schluchzen und wurde ganz still. Was war denn nur los? Was passierte hier?

Er wusste nicht, wie lange sie gefahren waren, doch irgendwann blieb der Wagen stehen, und der Motor verstummte. Die Mutter sagte zu Marie: »Du bleibst hier und wartest. Ich bin in zwei Minuten wieder da, dann fahren wir weiter. Und Nelson bleibt solange in seinem Körbchen, hast du mich verstanden?« Dann stieg sie aus und warf die Tür hinter sich ins Schloss.

Marie öffnete den Anschnallgurt und rutschte quer über die Rückbank. Sie steckte den Zeigefinger durch die Gitterstäbe des Transportkorbs. Nelson strich mit seinem Köpfchen daran entlang und ließ sich von ihr am Hals kraulen. Maries Gesicht war verweint, und Hoffnungslosigkeit lag darin. »Ach, Nelson«, flüsterte sie. »Was machen wir denn jetzt nur?« Ganz vorsichtig öffnete sie das Türchen, um ihn besser kraulen zu können. Nelson legte seinen Kopf in ihre Hand, doch er ahnte: Jetzt war nicht der rechte Moment, um sich schnurrend hinzugeben.

Die Autotür öffnete sich, und Maries Mutter streckte den Kopf herein. »Marie! Was habe ich denn gesagt! Du sollst ihn nicht rauslassen!« Marie zog ihre Hand aus dem Körbchen und wandte sich ihrer Mutter zu. Die schimpfte weiter, doch Nelson achtete nicht mehr auf sie. Die Autotür stand offen, und die beiden Menschen waren abgelenkt.

Er wusste nicht, ob es richtig war, was er tat. Doch er konnte nicht anders. Hier lauerte Gefahr, den ganzen Morgen schon. Er folgte seinen Instinkten. Mit einem großen Satz sprang er auf den Vordersitz und dann zwischen den Beinen der Mutter hindurch auf den Bürgersteig. Wie ein Blitz schoss er davon. Vorbei an Menschen, Fahrrädern und Kinderwagen und dann an einer stinkenden Autoschlange entlang. Es folgte ein Slalom zwischen einem Akkordeonspieler und einer Wurstbude hindurch, und schließlich jagte er um einen Betonpfeiler herum und versteckte sich in einer düsteren Nische.

»Mami, guck mal, eine Katze!«, hörte er einen Jungen rufen, doch da war er längst abgetaucht. Vor ihm ein Lüftungsgitter, breit genug, um sich hindurchzuzwängen. Er glitt in die dahinterliegende Dunkelheit ab. Kein Mensch mehr weit und breit, kein Verkehr und keine neugierigen Blicke. Hier war er ganz allein.

Nelson legte sich flach auf den Boden, robbte zurück ans Gitter und spähte vorsichtig hinaus. Ein breiter belebter Bürgersteig, dahinter eine mehrspurige Straße. Eine Straßenbahn bimmelte laut, Ampeln wechselten die Farbe, es wurde gehupt, und ein Mann schrie wütend herum. Überall Lärm und Gewusel. Ganz anders als dort, wo er zu Hause war. Hier gab es keine Gärten und Apfelbäume, keine Zäune und Hecken und vor allem keine Erdlöcher, in denen Mäuse hockten.

Er verkroch sich tiefer im Lüftungsschacht. Marie kam ihm in den Sinn. Ihr trauriges Gesicht und die verweinten Augen. Was sie wohl gerade machte? Wäre er doch in seinem Körbchen geblieben! Aber jetzt konnte er nicht mehr zurück. Da draußen lauerten zu viele Gefahren. Er drückte sich an die Wand und wartete.

Vielleicht tauchte Marie ja gleich hinter dem Gitter auf. Sie würde seinen Namen rufen, sich hinhocken und ihm die Hand entgegenstrecken. Und Nelson würde sie trösten. Sich auf ihre Knie legen und seinen Kopf in die warme Mulde ihres Bauchs legen.

Er musste nur warten.

Kapitel 2

Eine Melodie wehte durch die frostige Luft herüber. Jingle Bells. Leises Glockengeläut, der Rhythmus der Schellen, eine samtene Stimme. Das alles konnte nur eines bedeuten: Weihnachten. Arthur Hummel schüttelte mürrisch den Kopf. In den nächsten Wochen würden sie noch mehr als genug Weihnachtslieder zu hören bekommen. Trotzdem gab es da draußen irgendeinen Spaßvogel, der gar nicht genug davon bekommen konnte und sich schon jetzt auf die Adventszeit einstimmte, am Abend vor der Eröffnung des Weihnachtsmarktes.

Arthur Hummel ertappte sich dabei, in Weihnachtsstimmung zu geraten. Er nahm sich zusammen. So ein Unsinn! Missmutig blickte er aus seinem Holzhäuschen heraus. Vielleicht wurden ja nur irgendwo die Lautsprecher getestet.

Draußen in den Gängen wurde überall gearbeitet. Schmale Häuschen wurden aufgebaut, mit Giebelchen und hübschen Markisen. Ein kleines Weihnachtsdorf entstand hier, mitten in Berlin, dahinter ragte das Rote Rathaus in den Himmel und ein Stück weiter der Fernsehturm. Schausteller schmückten Weihnachtsbäume, installierten Lichter und räumten Waren ein. In den Pausen standen sie in kleinen Gruppen zusammen und probierten schon mal den Glühwein dieser Saison. Wie jedes Jahr vor der Eröffnung herrschten Aufregung und Vorfreude. Würde es ihnen gelingen, wieder einen bunten und unvergesslichen Weihnachtsmarkt zu erschaffen? An den sich die Kinder der Stadt noch lange erinnerten? Alle nahmen das als sportliche Herausforderung.

»Hey, Opa!«, rief ein türkischer Jugendlicher, der mit seinen Eltern den Socken- und Wollmützenstand nebenan betrieb. »Mach doch mal eine Pause! Komm zu uns, wir trinken ein Glas Punsch. Du bist herzlich eingeladen!«

Der junge Mann kannte Arthur Hummel offenbar noch nicht. Sonst hätte er niemals so etwas gefragt.

»Du bist wohl neu hier, du Rotzlöffel. Ein bisschen mehr Respekt, wenn ich bitten darf!«

Der Junge grinste frech. »Sorry. Und was ist jetzt mit dem Punsch?«

»Ich hab keine Zeit für so was. Ich bin schließlich zum Geldverdienen hier. Und jetzt troll dich, und lass mich in Ruhe arbeiten.«

Arthur stellte einen Karton mit geschnitzten Krippenfiguren auf die Verkaufsfläche und wickelte einen betenden Hirten aus. Vorsichtig lugte er zum Nachbarstand, wo der Junge ein paar andere Schausteller zusammengetrommelt hatte. Die Stimmung war gut, es wurde viel gelacht. Arthur achtete nicht darauf und wandte sich seiner Arbeit zu. Er hatte es immer vorgezogen, Abstand zu den anderen Schaustellern zu halten. Sich mit Menschen einzulassen, bedeutete nur, Ärger zu bekommen. Es war besser, er blieb allein mit seiner Arbeit.

Das ganze Jahr über saß er in seiner kleinen Werkstatt und schnitzte Krippenfiguren. Nirgendwo sonst konnte er seine Einsamkeit so gut vergessen. Er konnte völlig versinken in dieser Arbeit, denn er liebte seine Figuren, jedes Detail an ihnen. Natürlich stand der Verkaufspreis in keinem Verhältnis zu den endlosen Arbeitsstunden. Aber das störte ihn nicht. Solange irgendein Detail – die Finger des Jesuskindchens oder die Nüstern des Esels – nicht perfekt war, legte er die Figur nicht aus der Hand. Er steckte sein ganzes Können hinein, bis alles am Ende genauso aussah, wie er sich das vorstellte. Seine Krippen sollten die schönsten der ganzen Stadt sein. Dafür arbeitete er Tag und Nacht.

Wieder wurde nebenan laut gelacht. Punsch und Glühwein wurden ausgeschenkt. Die Schausteller trugen die übliche Kleidung: dicke Stiefel, warme Hosen und mehrere Pullover übereinander. Arthur betrachtete die fröhliche Runde, doch ihm fiel nichts ein, was er mit ihnen hätte reden können. Er blieb lieber für sich.

Ein Stück entfernt entdeckte er plötzlich eine Katze. Ein schmales, getigertes Tier, das an den Hütten entlangschlich. Wer brachte denn sein Haustier zum Weihnachtsmarkt mit? Und war es richtig, das Tier allein in der Kälte herumlaufen zu lassen? Nicht, dass es am Ende noch verloren ging.

Arthur beugte sich über seine Verkaufsfläche.

»He!«, rief er in Richtung der Schausteller. »Wem gehört denn …?«

Er stockte. Die Leute drehten sich zu ihm um. Ihre Gesichter wirkten distanziert. Im Gegensatz zu dem Jungen, der ihn zum Punschtrinken eingeladen hatte, kannten sie Arthur bereits. Sie waren dem mürrischen und einsilbigen Mann schon in den vergangenen Jahren auf dem Markt begegnet. Keiner von ihnen schien ihn besonders zu mögen.

»Was gibt’s denn, alter Mann?«, rief einer.

Arthur sah zu der Stelle hinüber, wo er eben die Katze gesehen hatte, doch die war verschwunden.

»Ach nichts«, brummte er und wandte sich wieder seinen Figuren zu. Die Schausteller murmelten, es wurde gekichert, doch Arthur störte sich nicht daran. Er wollte mit den anderen ohnehin nichts zu tun haben. Was ging es ihn an, wenn da jemand nicht auf seine Katze aufpassen konnte? Sollte das Tier doch hier erfrieren, das war nicht sein Problem. Dennoch wanderte sein Blick ein weiteres Mal zu den Hütten, wo die Katze gewesen war, doch sie blieb verschwunden. Er schlug sie sich aus dem Kopf und hob den nächsten Karton auf die Verkaufsfläche.

Am Morgen der Eröffnung herrschte strahlender Sonnenschein. In der eiskalten Nacht hatte sich Raureif gebildet, und bei jedem Atemzug entstanden kleine Wölkchen vor dem Gesicht. Arthur Hummel warf sein Elektroöfchen an, das ihn vor der ärgsten Kälte schützen sollte. Er trug lange Unterhosen, dicke Socken und eine Steppjacke. Trotzdem war es gut, das Öfchen dabeizuhaben, damit er sich zwischendurch aufwärmen konnte.

Der Sicherheitsdienst schob an den Eingängen die Eisengitter beiseite, und der Markt war eröffnet. Noch wurde zwar überall gearbeitet, es wurden Glasvitrinen geputzt, Grillroste und Mandelröster wurden angeworfen, und am Glühweinstand gegenüber beschrieb eine Frau mit Kreide die Preistafeln. Doch vereinzelt tauchten bereits erste Besucher auf, die neugierig umherflanierten. Erfahrungsgemäß würde es an den ersten Tagen ruhig bleiben, das war immer so. Der wirkliche Ansturm kam erst ab der zweiten Woche.

Arthur machte es sich auf seinem Sessel neben dem Öfchen gemütlich. Er zog sich eine Decke über die Knie und hing seinen Gedanken nach. Sophie, seine verstorbene Frau, hatte ihn immer ermuntert, an seinen Holzfiguren zu arbeiten. Sie hatte seine Schnitzereien so sehr geliebt. Früher war zu wenig Zeit dafür gewesen. Erst nach ihrem Tod hatte er richtig damit angefangen. Sophie war vor drei Jahren an einem Krebsleiden gestorben. Da war sie dreiundachtzig gewesen, vier Jahre älter als er. Dreiundachtzig, dachte er. Aber was hieß das schon? Sie hätten auch zusammen dreihundert Jahre alt werden können, und er hätte jeden Moment mit ihr genossen. Es wäre ihm niemals langweilig geworden mit Sophie. Sie fehlte ihm so furchtbar.

Es war ein einfaches Leben gewesen, das sie geführt hatten. Reisen, Geld, ein Eigenheim – das alles hatte es nicht gegeben. Seine Arbeit als Busfahrer bei den Verkehrsbetrieben hatte gerade einmal ihr Überleben gesichert. Trotzdem hätte er sich kein besseres Leben gewünscht.

»Die sind ja wunderschön!«

Eine Frauenstimme. Arthur hob den Kopf. Eine ältere Dame mit silbergrauen Locken und einem fein geschnittenen Gesicht war vor seinem Stand aufgetaucht.

»Sind die etwa handgefertigt?«, fragte sie und nahm eine Figur des Josef in die Hand, der eine winzige Stalllampe hielt und den Mantel schützend vor Maria und dem Jesuskindchen ausbreitete.

»Natürlich sind die handgefertigt. Das sieht man doch, was glauben Sie denn!«

Die Dame ließ sich von seinem ruppigen Tonfall nicht beeindrucken. »Beachtlich«, sagte sie. »Sehr gute Arbeit. Das sind ja richtige kleine Kunstwerke. Haben Sie die gemacht?«

Arthur brummte missmutig, was so viel wie Ja bedeuten sollte. Er mochte es nicht, wenn Kunden ihn in ein Gespräch verwickelten.

»Dann sind Sie ein wahrer Künstler«, fuhr die Dame unbeirrt fort. »Die Figuren sehen aus, als hätten sie ein Eigenleben. Eine Seele. Da kommen fabrikgefertigte nicht mit, das kann ich Ihnen sagen.« Sie blickte auf das Preisschild unterm Fuß des Josefs. »Sie könnten wesentlich mehr dafür nehmen.«

»Was ist jetzt, wollen Sie was kaufen oder nicht?«

Sie stellte die Figur wieder weg. »Ich bin Liselotte«, sagte sie und lächelte. »Liselotte Stubenrath. Eine der Märchenerzählerinnen. Wir sind also quasi Kollegen.«

Sie deutete zu einer Gasse, die im Stil einer Altberliner Straße gestaltet war. Pappfassaden bildeten die Kulisse wilhelminischer Häuserfronten, und in den Erdgeschossen waren Verkaufsfenster mit bunten Markisen eingebaut. Mittendrin gab eine kleine Theaterbühne, die in die Häuserfront eingelassen war. Dort war ein Wohnzimmer aus der Kaiserzeit mit einem großen Ohrensessel zu bestaunen, in dem die Märchenerzählerin bei ihrem Auftritt Platz nehmen würde. Arthur kannte die Bühne bereits von den vergangenen Jahren. An den Nachmittagen würden sich die Kinder davor tummeln und dem Geschehen mit großen Augen folgen. Nur diese Liselotte Stubenrath kannte er noch nicht.

»Im letzten Jahr habe ich Sie hier aber nicht gesehen«, sagte er. Das war ihm so herausgerutscht. Er wollte sich ja eigentlich gar nicht mit dieser Frau unterhalten.

»Nein, dies ist mein erstes Jahr.« Sie strahlte übers ganze Gesicht. »Ich bin ganz aufgeregt. Ich hoffe, die Kinder mögen mich.«

Arthurs Antwort war wieder ein Brummen. Das war zwar nicht besonders höflich, aber er wollte jetzt wieder allein sein. Die Schausteller taten immer gern so, als wären sie eine große Familie. Aber Arthur wusste, das war eine Lüge. Am Ende verbrachte jeder das Weihnachtsfest für sich allein.

Liselotte Stubenrath schien zu verstehen.

»Also gut. Einen schönen Tag noch«, sagte sie. »Übrigens, eine schöne Katze haben Sie da. Auf Wiedersehen.«

Damit wandte sie sich ab und ging davon.

»Eine … was?«

Arthur drehte sich um. Tatsächlich. Es war die Katze, die er bereits am Vorabend gesehen hatte. Sie hatte es sich auf seinem Sessel neben dem Öfchen gemütlich gemacht.

»Wie zum Teufel …?«

Er sah sich um. Die Tür zu seinem Häuschen stand einen Spaltbreit offen. Dort musste sie hereingelangt sein. Das warme weiche Plätzchen am Ofen wirkte offenbar verführerisch auf sie. Die Katze blickte Arthur abwartend an. Der kleine Körper stand unter Spannung, bereit, jeden Moment aufzuspringen, sollte die Situation gefährlich werden. Aber sie blieb sitzen, wo sie war. Nur auf Verdacht wollte sie den Platz ganz offensichtlich nicht räumen.

Das Tier wirkte ein bisschen mitgenommen. Das Fell war struppig, und im Gesicht hatte es einen Kratzer. Ganz so, als hätte es die vergangene Nacht auf der Straße verbracht.

Seltsam. Von streunenden Katzen mitten in Berlin hatte Arthur noch nie gehört. Am verkehrsreichen Alexanderplatz hätten sie auch keine hohe Lebenserwartung. Nein, das Tier musste einem der Schausteller gehören.

Der Besitzer sollte besser auf sein Tier achtgeben, fand er. Dabei ging ihn das Ganze ja eigentlich nichts an, und er wollte sich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute einmischen.

Arthur klatschte laut in die Hände.

»Wirst du wohl verschwinden!«

Die Katze sprang vom Sessel und jagte zum Ausgang. Im Türspalt blieb sie stehen und sah zurück. Große Angst schien sie nicht vor ihm zu haben.

»Untersteh dich!« Arthur machte einen Schritt auf sie zu. »Hau ab! Hier ist kein Platz für dich!«

Die Katze schoss durch den Spalt nach draußen. Nachdem er die Tür verschlossen hatte, blickte er über die Verkaufsfläche hinweg in die Gasse vor ihm. Die Katze war ein paar Meter weiter neben dem Glühweinstand stehen geblieben und drehte sich zu ihm um. Ihre Augen waren groß und voller Traurigkeit. Als wäre sie von Arthur tief enttäuscht worden. Dann wandte sie sich ab und schlich davon.

So ein Unsinn!, dachte Arthur. Katzen sind nur Tiere. Die können nicht unglücklich sein.

Er spähte ihr nach, bis sie hinter einem Stand verschwunden war. Dann nahm er seine Zeitung, setzte sich in den Sessel am Öfchen und begann zu lesen.

Kapitel 3

Aus dem Küchenradio drang leise Adventsmusik: »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.« Es war ein Kinderchor, das hörte Anna Brandt sofort. Sie hielt inne und sah hinaus in die von Raureif überzogenen Baumkronen. Wie schön diese Jahreszeit doch sein konnte.

Etliche Nachbarn in der Siedlung hatten Adventsschmuck angebracht. An Haustüren hingen Kränze aus Nadelholz mit tiefroten Schleifen, hinter Fenstern standen Gestecke mit dicken Kerzen, deren Flammen in die beginnende Dunkelheit hinausleuchteten, und hier und da hingen auch schon Lichterketten in den Vorgärten. Anna nahm sich vor, noch an diesem Abend den Adventsschmuck aus dem Keller zu holen.

Sie tat das alles, obwohl bei ihr zu Hause alles andere als Weihnachtsstimmung herrschte. Ganz im Gegenteil, es wurde fast nur noch gestritten. Aber sie hatte beschlossen, sich zusammenzureißen. Was blieb ihr auch anderes übrig?

Mit einem Seufzer wandte sie sich vom Fenster ab. Sie hatte noch einiges zu tun. Der Küchentisch war übersät mit Bastelmaterial: Tannen- und Ilexzweige, Schleifen und Kerzen, Blumendraht, Moos, Silberspray und Weihnachtskugeln. Daneben noch eine Heißklebepistole und ein wenig Lametta. Alles, was man brauchte, um Adventsgestecke zu fertigen. Sie setzte sich, nahm Zweige und Draht und machte sich an die Arbeit.

Die Haustür fiel krachend ins Schloss. Als Nächstes wurde ein Schulranzen gegen die Garderobe gepfeffert. Das war ihre Tochter Laura, die von der Schule nach Hause gekommen war. Sie steckte den Kopf durch die Küchentür, sah das gesammelte Weihnachtsbastelzeug auf dem Tisch liegen, verdrehte daraufhin die Augen und verschwand wieder.

»Hallo, Laura!«, rief Anna mit aufgesetzter Fröhlichkeit. »Wie war’s denn in der Schule?«

Sie bekam keine Antwort. Ärgerlich legte sie die Klebepistole hin und lief in den Hausflur. Ihre vierzehnjährige Tochter stieg gerade die Treppe zu ihrem Zimmer hoch.

»Musst du gar nicht mehr antworten, wenn ich dich was frage?«, beklagte Anna sich. »Bin ich so schrecklich, dass man nicht einmal mehr reagieren muss, wenn ich rede?«

Laura blies genervt die Backen auf und sagte: »Wie soll es in der Schule schon gewesen sein? Ganz okay halt.«

»Hast du deinen Französischtest wiederbekommen?«

»Nee. Erst nächste Woche.«

Sie wollte in ihr Zimmer gehen, doch Anna hielt sie auf.

»Und warst du nicht heute in der Theaterwerkstatt?« Laura ging einmal wöchentlich zu einem Bühnenprojekt für Jugendliche, wo gerade eine Weihnachtsaufführung vorbereitet wurde. »Weißt du denn schon, welche Rolle du spielen wirst? Du freust dich doch so darauf.«

»Nein, keine Ahnung. Darf ich jetzt gehen?«

Wenn Anna gehofft hatte, ihre Tochter würde sich mit ihr unterhalten, dann hatte sie sich wohl getäuscht.

»Das Mittagessen steht im Ofen«, sagte sie.

»Ich hab keinen Hunger.«

»Aber du musst doch etwas …«

Ihre Tochter explodierte. »ICH HAB KEINEN HUNGER!« Mit einem Schnauben fügte sie hinzu: »Darf ich jetzt endlich hochgehen?«

Anna war verletzt, aber das wollte sie ihre Tochter nicht spüren lassen. Sie nickte stumm und kehrte zurück in die Küche. Im Radio lief nun »Es ist ein Ros entsprungen«. Eines ihrer Lieblingslieder.

Die Haustür draußen öffnete sich erneut, und wieder wurde eine Schultasche gegen die Garderobe gepfeffert. Das war Max, Annas zwölfjähriger Sohn. Er und seine Schwester kamen nie zur selben Zeit nach Hause. Sie hielten auf dem Heimweg von der Schule immer ein paar Meter Abstand, als sollte niemand auf die Idee kommen, sie hätten etwas miteinander zu tun. Dabei waren sie als kleine Kinder unzertrennlich gewesen.

Max schlurfte in die Küche und steuerte den Herd an.

»Hallo, Mama. Was gibt’s zu essen?«

»Gemüseauflauf mit frischem Rosenkohl.«

Er öffnete die Ofenklappe und verzog das Gesicht. Es gefiel ihm nicht, dass Anna neuerdings vegetarisch kochte. Aber liebsten würde er den ganzen Tag Hamburger und Currywürste essen.

»Och nee, kein Rosenkohl, Mama. Davon muss ich kotzen. Echt.«

»Aber der ist ganz mild, Max. Den habe ich nach der Arbeit im Biomarkt besorgt. Probier ihn doch mal.«

Doch ihr Sohn hatte die Ofenklappe bereits wieder geschlossen. Heimlich zog er aus dem Einkaufskorb, den Anna noch nicht ausgeräumt hatte, eine Tüte Erdnüsse, und steuerte den Ausgang an.

»Max! Erst isst du was Ordentliches. Vorher gibt es kein Knabberzeug.«

Er ignorierte sie einfach. Anna wusste, sie musste sich jetzt durchsetzen. Auch wenn sie am liebsten nachgegeben hätte.

»Max! Bleib stehen! Die Erdnüsse bleiben hier!«

Er schien zu prüfen, wie ernst es ihr war, dann warf er das Tütchen kurzerhand zurück in den Korb.

»Probier doch mal den Rosenkohl. Der ist lecker. Wirklich.«

Doch Max ging hinaus. Wahrscheinlich setzte er sich jetzt an seinen Computer, wo er bleiben würde, bis das Abendessen auf den Tisch kam.

Anna spürte Traurigkeit in sich aufsteigen. Im Grunde interessierte sich keiner für ihren Adventskranz. Früher war das anders gewesen. Da hatten die beiden mit großen Kinderaugen vor dem Kranz gesessen und ganz andächtig gelauscht, wenn Anna und ihr Mann Adventslieder sangen. Sie hatten diese festliche Stimmung geliebt und das Geheimnisvolle der Adventszeit. Doch seitdem hatte sich viel geändert. Manchmal fragte sie sich: Für wen machst du das alles überhaupt noch?

Aber nein, diese Frage war falsch. Wenn die beiden ihre Meinung änderten – und das taten sie ständig in diesem Alter –, dann würde sie es nicht ertragen, traurige Kinderaugen zu sehen, nur weil es keinen Weihnachtsschmuck gab. Nein, es war richtig, das Haus zu schmücken. Und ihr selbst gefiel es ja auch.

Ihr Blick fiel auf die Erdnüsse, die oben im Einkaufskorb lagen. Darunter waren die Zutaten für die Weihnachtsbäckerei verstaut. Jetzt, wo sie alles eingekauft hatte, konnte sie jederzeit damit anfangen.

Laura kam ihr in den Sinn. In den letzten Jahren war das Plätzchenbacken das Einzige gewesen, das sie noch verband. Laura liebte es zu backen. Anna hoffte, sie auch in diesem Jahr dafür begeistern zu können. Sie würde so gern wieder etwas gemeinsam mit ihrer Tochter unternehmen.

Am besten fragte sie gleich einmal nach. Sie ging nach oben, klopfte kurz an und trat ein, ohne dass Laura sie hereingebeten hätte.

»Mama!«, schrie Laura entsetzt. »Was willst du hier?«

Als hätte Anna ihre Tochter mit einem Jungen erwischt. Sie blickte sich um. In dem Zimmer herrschte furchtbare Unordnung. Aber dazu sagte sie jetzt lieber nichts.

»Ich wollte dich was fragen, Laura.«

»Ich bin hier am Chatten!« Immer noch in einem Tonfall, als wäre Anna in ihre intimste Privatsphäre eingedrungen.

»Und deshalb kannst du nicht mit mir reden?«, fragte Anna gereizt.

Laura seufzte schwer. »Was ist denn?«

»In den nächsten Tagen wollte ich für Weihnachten backen. Es wäre doch schön, wenn wir zwei …«

Laura stöhnte auf. »Mama, bitte!«

»Aber du hast doch sonst immer so gerne beim Backen geholfen.«

»Ich hab wirklich keine Zeit für so was. Außerdem wird man von dem Zeug eh nur fett. Ich werd dieses Jahr jedenfalls keine Plätzchen essen.«

Anna fand ja, ein vierzehnjähriges Kind sollte noch nicht über sein Gewicht nachdenken. Das schien ihr nicht gesund zu sein. Aber sie verkniff sich jeglichen Kommentar.

»Muss das denn unbedingt sein?«, fuhr Laura fort.

»Aber nein«, sagte Anna und bemühte sich, ihre Kränkung zu verbergen. »Es soll dir ja Spaß machen. Müssen musst du gar nichts.«

»Danke. Ich mein, dieser ganze Weihnachtsterror nervt doch sowieso.«

»Also gut. Dann lassen wir es.«

Laura nickte und wandte sich wieder ihrem Computer zu. Als sie bemerkte, dass ihre Mutter immer noch in der Tür stand, fauchte sie: »Was ist jetzt? Kann ich weiterchatten?«

»Ach so. Natürlich.«

Anna schloss die Tür und ging hinunter in die Küche. Sie hätte am liebsten losgeheult.

Dann atmete sie tief durch, überwand sich und fuhr mit der Arbeit fort.

Zwei Stunden später stellte sie die fertigen Gestecke und den Adventskranz auf die Anrichte, um Platz zum Saubermachen zu schaffen. Ihr Blick fiel auf die Straße. Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen. Zu ihrer Überraschung brannte im Haus gegenüber Licht. Die Grünbergs wollten doch heute früh in den Urlaub fliegen. Oder brachte sie da was durcheinander? Es sollte auf die Kanarischen Inseln gehen. Dort wollten sie die Wochen bis zum Weihnachtsfest verbringen – auch wenn Anna nicht verstand, was daran reizvoll sein sollte. Weihnachten auf den Kanarischen Inseln, das machte doch keinen Spaß. Palmen und Strand waren in ihren Augen nicht die passende Kulisse für den Heiligen Abend.

Vermutlich hatte sie den Tag verwechselt, und die Grünbergs flogen erst morgen. Sie dachte an Marie, die fünfjährige Tochter der Nachbarn. Die wäre wohl lieber in Berlin geblieben. Das Kind träumte nämlich von weißen Weihnachten, genau wie Anna. Marie und Anna waren fast so etwas wie Freundinnen. Das Nachbarskind saß ständig bei ihr in der Küche, während Anna kochte oder bügelte, und malte dabei ein Bild oder erzählte vom Kindergarten, in den sie vormittags ging. Anna genoss es, wenn sie Marie um sich hatte. Es erinnerte sie daran, wie es früher mit Laura gewesen war. Im Gegensatz zu Laura hätte es Marie sicher großen Spaß gemacht, Anna bei der Weihnachtsbäckerei zu helfen. Aber leider ging das nicht, die Familie flog ja in den Urlaub.

Anna blickte hinüber zu den Nachbarn und sah Dorothee Grünberg, die Mutter von Marie, die telefonierend im Raum auf und ab lief und mit der freien Hand wild gestikulierte. Sie wirkte ziemlich gestresst. Und dann entdeckte sie Marie, die durch die Glastür auf die Terrasse trat und zu Annas Haus herübersah. Sie war sehr blass, und ihre Augen sahen verweint aus. Was war denn nur los?

Anna trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch und ging zur Haustür. Marie kam ihr bereits entgegengelaufen.

»Anna! Anna!«, rief sie und warf sich ihr um den Hals. »Nelson ist weg!«

Anna war perplex. »Du meinst, er ist jetzt in der Katzenpension?«

Marie war ganz verzweifelt gewesen, weil Nelson Weihnachten in einer Katzenpension verbringen sollte. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, es wäre ein Tierheim – da konnte ihre Mutter reden, wie sie wollte.

Anna hatte angeboten, Nelson für die Zeit des Urlaubs bei sich aufzunehmen. Doch Dorothee wollte das nicht. Sie wollte ihr nicht zur Last fallen. Außerdem meinte sie, die Katzenpension wäre ideal für Nelson. Marie sollte sich einfach damit abfinden.

»Er ist nicht in der Katzenpension«, schluchzte Marie in ihren Armen. »Er ist weggelaufen!«

»Weggelaufen? Wann denn das? Und wo?«

Marie erzählte, wie er ihr entwischt war, als ihre Mutter am Alexanderplatz etwas in der Apotheke besorgen wollte. Das war auf dem Weg zu dieser Katzenpension gewesen. Marie hatte das Türchen des Transportkorbs nur ganz kurz aufgemacht, und schon war er durch Dorothees Beine hindurch entwischt.

»Du liebe Güte«, entfuhr es Anna. »Am Alexanderplatz?«

Alles andere als ein Ort für eine Katze. Welche Überlebenschancen hatte der arme Nelson denn dort? Nichts als Verkehr, Autos, Busse, Straßenbahnen. Eine gefährliche Reizüberflutung für so ein kleines Tier.

»Ja«, stieß Marie hervor. »Und alles ist meine Schuld.«

Anna nahm das Mädchen fest in den Arm. Es schluchzte an ihrer Schulter. Anna wechselte einen Blick mit Dorothee Grünberg, die sie und ihre Tochter im Haus gegenüber entdeckt hatte. Dorothee gab ihr ein Zeichen: Kümmere dich um das Kind, ich komme gleich zu euch. Sicher hatte ihre Nachbarin jetzt alle Hände voll zu tun. Schließlich konnten sie nicht ohne Weiteres in den Urlaub fliegen und den Kater einfach sich selbst überlassen. Das würde Marie ihren Eltern niemals verzeihen.

»Ich bin schuld. Ich ganz allein«, jammerte das Kind.

»Nein, das bist du nicht, mein Schatz«, flüsterte Anna. Sie trug das Mädchen vorsichtig ins Haus. »Jede Katze kann mal weglaufen. So etwas passiert immer wieder. Du darfst dir keine Vorwürfe machen.«

»Aber ich hab doch das Türchen aufgemacht.«

Anna strich ihr übers Haar. »Denk nicht mehr darüber nach. Ich mache dir erst mal einen heißen Kakao, was hältst du davon?«

Sie setzte Marie in der Küche ab und stellte einen Topf auf den Herd. Marie saß stumm da und zog von Zeit zu Zeit die Nase hoch, während Anna den Kakao anrührte.

»Wenn ihn jemand findet, wird er ihn sicher zurückbringen«, sagte sie. »Schließlich trägt er ein Halsband mit Namensplakette. Und er hat einen Chip unter der Haut, weißt du? Wenn er ins Tierheim gebracht wird oder zu einem Tierarzt, dann können die auf dem Chip euren Namen und eure Adresse lesen. Glaub mir, das ist nur eine Frage der Zeit, bis er wieder auftaucht.«

Marie stand auf und betrachtete Annas Adventskranz. »Ob Nelson jetzt irgendwo ist, wo Advent gefeiert wird?« Sie klang unendlich traurig, als sie hinzufügte: »Er liebt die Weihnachtszeit, weißt du?«

Anna dachte an den lärmenden Alexanderplatz. Wo würde sich ein Kater wohl verstecken? In einem Parkhaus? Oder in einem Kellergeschoss? Sie konnte nur hoffen, dass er nicht einfach auf die Straße gelaufen und überfahren worden war.

»Wir werden ihn wiederfinden.« Anna nahm das Gesicht des Mädchens in die Hände, damit Marie ihr in die Augen sah. »Hörst du? Wir werden Nelson wiederfinden. Das verspreche ich dir.«

Sie folgte einem Impuls, als sie das sagte. Dabei wusste sie, wie schwer es sein würde, dieses Versprechen zu halten. Doch sie konnte nicht anders, es war wie ein Zwang.

»Ich bringe ihn zurück, mein Engel«, sagte sie. »Ganz fest versprochen.«

Kapitel 4

Der Mond stand hell leuchtend über dem Roten Rathaus. Unter dem sternenklaren Himmel sanken die Temperaturen unter Null. Ein eisiger Wind pfiff durch die mittlerweile menschenleeren Gassen auf dem Weihnachtsmarkt. Nelson fror entsetzlich. Er war zurückgekehrt, weil er gehofft hatte, der alte Mann würde ihn nun vielleicht doch am Öfchen sitzen lassen. Bei dieser furchtbaren Kälte würde er eine Katze doch nicht einfach davonjagen, das würde er nicht übers Herz bringen. Aber die Stände waren verwaist und die Türen allesamt versperrt.

Nelson schlich frierend an einem Karussell vorbei. Ihm war nicht nur kalt, er hatte auch schrecklichen Hunger. Aber nirgends gab es was zu essen. Die Plastiksäcke, in die tagsüber auf dem Weihnachtsmarkt die Essensreste geworfen wurden, waren alle fortgebracht worden. Und auch sonst lag nirgendwo etwas Essbares herum. Enttäuscht machte er sich auf den Weg zurück zu seinem Versteck hinter dem Lüftungsgitter. Dort ging wenigstens nicht so ein grässlicher Wind.

Laternenlicht fiel über die breiten Bürgersteige. Der Kater versuchte, sich im Schatten der Hauswände zu bewegen, auch wenn anscheinend kein Mensch unterwegs war. Er wollte vorsichtig sein, denn er spürte, dass hier Gefahren lauerten. An einem Betonpfeiler stand ein offener Mülleimer, von dem unterschiedlichste Gerüche ausgingen. Nelson schöpfte Hoffnung. Mit einem Satz war er oben auf dem Rand und spähte hinein. Er entdeckte ein Papiertaschentuch und ein Stück Folie, eine leere Flasche und eine alte Zeitung. Nelson streckte eine Pfote hinein und schob die Zeitung beiseite. Eine weitere Flasche kam zum Vorschein und daneben eine zerknüllte Papiertüte aus einer Bäckerei. Etwas Schweres lag darin, und das Papier war an einigen Stellen von Butter durchweicht. Nelson konnte sein Glück kaum fassen: Er hatte etwas zu essen gefunden.

Mit seinen Pfoten und dem Mäulchen versuchte er, die Papiertüte aus dem Mülleimer zu zerren, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren und selbst hineinzufallen. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, doch schließlich war es ihm gelungen. Das Tütchen lag auf dem breiten Rand des Mülleimers, und augenblicklich begann er, an dem Papier zu nagen und zu zerren, um den Brotrest zu befreien. Er war so in seine Tätigkeit vertieft, dass er den Mann erst bemerkte, als er über dem Mülleimer stand.

»Hey, du blödes Vieh! Verschwinde!«