Nemesis - Asuka Lionera - E-Book

Nemesis E-Book

Asuka Lionera

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Beschreibung

»Ich war das Feuer und er der Sturm. Ich war die Flamme und er das Gewitter. Wir prallten aufeinander wie die Elemente, jederzeit bereit, den anderen mit Haut und Haar zu verzehren.« Nachdem sie ihre Aufgabe als Hüterin des Feuers erfüllt hat, landet Evelyn Porter, genannt Nemesis, wieder in ihrer eigenen Welt. Verbissen sucht sie über Jahre hinweg nach einem Weg, um die Tore nach Mareia erneut öffnen zu können, während die Erinnerungen an die vergangene Zeit sie weiter antreiben. Denn nur in der Welt Mareia kann sie den Mann finden, dem ihr Herz gehört: ihren Wächter Lucian. Als ein neuer Wettstreit der Götter bevorsteht, gelingt es Evelyn, wieder der Erdgöttin Gaia gegenüberzustehen. Doch diese hat sich eine andere Hüterin auserkoren: Liz, das Kind von Feuer und Sturm. Mit Evelyn und ihren vier Wächtern an der Seite soll sie die Göttin aufs Neue aus ihrem Schlaf erwecken. Doch ist Liz dieser Aufgabe gewachsen? Oder wird sie alle, einschließlich ihrer Wächter, ins Verderben stürzen? Teil 2 der "Nemesis"-Reihe

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Nemesis: Feuer & Sturm

Asuka Lionera

Tagträumer Verlag

Tagträumer Verlag

Jessica Strang

Stapenhorststr. 15

33615 Bielefeld

www.tagträumerverlag.de

E-Mail: [email protected]

Satz: Asuka Lionera

Umschlaggestaltung: Asuka Lionera

Illustrationen: Asuka Lionera

Lektorat/Korrektorat: Michaela Retetzki

ISBN: 978-3-94684-331-3

© Tagträumer Verlag 2018

Alle Rechte vorbehalten.

1

»The flow of time is always cruel;

its speed seems different for each person, but no one can change it.

A thing that does not change with time is a memory of younger days.«

– Shiek (The Legend of Zelda: Ocarina of Time)

Für alle, die sich einen zweiten Teil gewünscht haben!

Inhalt

WidmungTeil I. START GAMEPrologSee you in my DreamsKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Teil II. LEVEL UPI've got your BackKapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Teil III. NEXT STAGEAgainst all OddsKapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Teil IV. NEW SKILLSMaybe, Maybe NotKapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Teil V. GAME OVERBelieve in meKapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Teil VI. LOAD FILE100 Lifes, 100 WorldsKapitel 43EpilogDanksagungPlaylistÜber die Autorin

I

START GAME

Prolog

Gaia

Ich hatte die Hoffnung, an meinen Aufgaben wachsen zu können, doch mit jedem verstrichenen Tag muss ich mehr und mehr einsehen, dass ich das, was ich mir vorgenommen habe, nicht erfüllen kann.

Ich besitze keinerlei Erfahrung als herrschende Göttin, ganz im Gegensatz zu meinen beiden Brüdern, die nicht müde werden, mir mein Fehlverhalten wieder und wieder unter die Nase zu reiben. Zwar hat meine Hüterin es erstmals geschafft, mich aus meinem ewigen Schlaf zu befreien, aber ich weiß nicht, was ich mit meiner gewonnenen Freiheit anfangen soll. Mein Volk gedeiht prächtig, auch ohne dass ich mich einmischen muss. Ohne die Scherereien, die ihnen die Völker meiner Brüder in der Vergangenheit eingebrockt haben, können die Menschen sich in meiner Welt entwickeln und so leben, wie sie es sich erträumt haben.

Sie sind glücklich und preisen mich.

Zumindest die meisten von ihnen. Eine Handvoll Menschen jedoch plagte die gleiche Unsicherheit wie mich. Sie warteten auf etwas – jemanden -, ohne genau zu wissen, auf wen oder warum. Ich beobachtete sie, sah ihre Verwirrung oder ihren Schmerz, wenn sie sich schemenhaft an Begebenheiten erinnerten, von denen sie gar nichts wissen durften.

Sie verhielten sich genauso getrieben wie ich. Sie suchten Antworten und einen Sinn in dem, was sie taten, wie sie lebten, fanden aber nichts als immer neue Fragen und Hindernisse.

Mittlerweile sind sie alle verstorben, denn auch wenn sie meine Wächter waren, machte sie das nicht unsterblich. Die Zeit nahm sie mir, einen nach dem anderen. Mit jedem Tod fühlte ich mich einsamer. Seit über achtzig Jahren bin ich nun erwacht, aber die Welt ist ohne meine Wächter, die so viel für mich getan und geopfert haben, nicht mehr dieselbe.

Ich könnte damit zufrieden sein, dass es meinem Volk gut geht und ich so wenig eingreifen muss, aber etwas fehlt mir. Ich fühle mich nutzlos und unwürdig als Göttin.

Ruhelos wandere ich in meinem Schrein umher, ungesehen von all den Pilgern, die täglich herkommen und um meinen Beistand bitten. Ich höre mir ihre Wünsche an, doch über die Behebung alltäglicher Problemchen gehen sie nicht hinaus.

Es ist nicht so, dass ich mich damit nicht befassen will, aber … ich suche nach einem neuen Sinn in meinem ewigen Dasein, nachdem ich zum ersten Mal nicht hilflos mit ansehen muss, wie mein Hüter und seine Wächter kläglich scheitern.

Ich müsste stolz sein auf das, was Evelyn und ihre vier Wächter erreicht haben und was sie bereit waren zu opfern.

Nachdem mein Volk so viele Jahrhunderte ohne meinen Beistand auskommen musste, habe ich das Gefühl, dass sie mich auch jetzt nicht benötigen. Sie kamen ohne mich zurecht, haben sich gegen das Luft- und Wasservolk behauptet, selbst wenn es zu Verlusten oder schlimmen Jahren führte. Aber sie haben sich aufgerappelt, egal, wie widrig die Umstände waren.

Sie sind zäher, als ich es je für möglich gehalten hätte.

Doch was soll eine Göttin tun, wenn niemand sie braucht? Welchen Daseinszweck habe ich jetzt, nachdem ich nicht mehr schlafe?

»Grübelst du schon wieder, Gaia?«, höre ich die Stimme meines ältesten Bruders Aeon in meinem Kopf.

Sein unsterblicher Körper liegt versiegelt in einer geheimen Kammer im Land des Luftvolkes, hoch über den Wolken, doch wir Geschwister können in Gedanken miteinander kommunizieren. Manchmal ist das praktisch, meistens jedoch nervig.

Auch jetzt verdrehe ich die Augen, bevor ich ihm in Gedanken antworte: »Ich grübele nicht.«

»Seit du erweckt wurdest, bist du noch ruheloser als zuvor«, schaltet sich nun auch noch mein zweiter Bruder Nehir ein. »Es ist fast nicht mehr zum Aushalten mit dir. Wenn du nichts zu tun hast, dann misch dich doch unter dein Volk und mach dich nützlich. Sicher gibt es irgendeine Aufgabe für dich.«

»Mir geht es blendend«, stelle ich klar. »Meine Hüterin hat mich erweckt und ich kann endlich etwas anderes tun, als euch beiden dabei zuzusehen, wie ihr euch gegenseitig bekriegt.«

Für einen kurzen Moment herrscht Schweigen, ehe Nehir sagt: »Eigentlich habe ich den Sieg deiner Hüterin nicht anerkannt.«

Ich schnappe erschrocken nach Luft und halte in meinem Auf-und-ab-Gehen inne. »Wie bitte?«

»Genau«, pflichtet Aeon ihm bei. »Du hast gemogelt.«

Ich glaube mich verhört zu haben und ziehe scharf die Luft ein. »Meine Hüterin und ihre Wächter waren bereit, ihre Leben zu opfern, um mich zu erwecken. Sie haben allen Gefahren getrotzt und eure Hüter besiegt.«

»Nun ja, meiner hat sich selbst umgebracht«, wirft Nehir ein. »Und das nur, weil er deiner Hüterin helfen wollte.«

»Was willst du damit sagen?«

»Überleg doch mal, Schwesterchen. Hätte mein Hüter sich nicht erhängt, hätte sich deine Erdhüterin auf ewig in ihrem Tempel versteckt und weiter abgewartet. Nichts wäre passiert. Indem mein Hüter jedoch den Freitod wählte, verließ sein Element die Welt Mareia und die anderen Hüter waren gezwungen zu handeln.«

»Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun«, sage ich. »Früher oder später hätte meine Hüterin reagiert und trotzdem gewonnen. Aeon, deinen Hüter hätte sie fast beim Angriff auf ihren Tempel besiegt, wenn er nicht im letzten Augenblick feige geflohen wäre.«

»Genau, Aeon, dein letzter Hüter besaß nicht sonderlich viel Ehrgefühl«, stichelt Nehir, und ich schöpfe Hoffnung, dass sich ihr Gesprächsthema nun von mir weg verlagern wird.

Doch meine Hoffnung kommt zu früh.

»Das täuscht!«, antwortet Aeon in meinem Kopf. »Immerhin war er kurz davor, die Erdhüterin zu besiegen, und er war sich nicht zu schade, Überraschungsangriffe durchzuführen, als eure Hüter untätig die Hände in den Schoß gelegt hatten und ihren Wächtern nachgestiegen sind.«

Uuh, das trifft einen wunden Punkt bei mir. »Dein Hüter war zu Gefühlen wie Liebe überhaupt nicht fähig«, grolle ich. »Wage es ja nicht, über meine Hüterin und ihren Wächter zu urteilen!«

Nehir murmelt in Gedanken eine Zustimmung. Auch sein Hüter verliebte sich in eine seiner Wächterinnen, jedoch kam sie während eines Angriffs ums Leben.

»Aber lassen wir all das für einen Moment außer Acht«, fährt Aeon fort. »Dennoch steht fest, dass du gemogelt hast.«

»Ich habe nicht gemogelt!«, entgegne ich. »Wie kommt ihr nur darauf?«

»Das Boot«, sagt Nehir. »Ohne deine Hilfe hätten deine Wächter niemals den Ozean überqueren und zur Insel meines Volkes gelangen können, um ihre Hüterin zu befreien. Du hast eingegriffen und ihnen geholfen, weil du Angst hattest, dass sie wieder versagen, wo sie doch schon so weit gekommen waren.«

Schnell presse ich die Lippen aufeinander. Meine Fuchsohren zucken nervös hin und her, als ich fieberhaft nach einer glaubhaften Ausrede suche. Denn leider haben die beiden recht: Ich habe gegen unsere älteste Regel verstoßen und eingegriffen. Wenn man es genau betrachtet, habe ich tatsächlich gemogelt.

»Diese Insel, auf der dein Volk dich anbetet, ist mir nach all den Jahren noch ein Rätsel, Nehir«, sinniert Aeon und lenkt dadurch von seinem Vorwurf mir gegenüber ab. »Es ist doch das Wasservolk und du der Gott des Wassers. Warum leben sie nicht in ihrem Element, sondern an Land?«

»Weil meine Hüter sich nie dazu durchringen konnten, unter Wasser zu leben«, gibt Nehir geknirscht zu. »Sie können zwar dank der Kraft, die ich ihnen während der Auswahl verliehen habe, problemlos unter Wasser atmen, aber sie kommen eben ursprünglich vom Land. Sie benehmen sich seltsam, wenn sie nicht an der Erdoberfläche sind, und können die einfachsten Bewegungen nicht ausführen. Glaub mir, es war für alle Beteiligten einfacher, dass ich meinen Tempel auf einer Insel errichten ließ.«

»Womit wir wieder bei besagter Insel wären«, fügt Aeon an, und ich spüre förmlich, wie sich die Aufmerksamkeit meiner Brüder wieder mir zuwendet. »Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, Gaia?«

Ich zögere, aber so krampfhaft ich auch überlege, ich finde keine Ausrede, die den beiden genügen würde. Also bleibe ich bei der Wahrheit. »Ich habe einen alten Gefallen eingefordert und ihn dazu benutzt, meinen Wächtern zu helfen. Ich selbst habe dabei nicht direkt eingegriffen, sondern ihnen nur einen Schubs in die richtige Richtung gegeben. Sie wussten bereits, dass ihre Hüterin sich auf Nehirs Insel aufhält. Sie hatten nur noch keine Ahnung, wie sie dort hingelangen sollten.«

»Du gibst also zu, gemogelt zu haben?«, hakt Nehir nach.

»Na ja, es war kein direktes Mogeln … nur eine kleine Hilfestellung.«

»Seit wie vielen Zeitaltern frönen wir nun schon diesem Wettstreit?«, grollt Aeon. »Und du hast die Regel noch immer nicht verstanden?!«

Obwohl sie es nicht sehen können, ziehe ich den Kopf zwischen die Schultern. »Ich kenne die Regeln«, sage ich kleinlaut. »Wie kommt ihr jetzt überhaupt darauf? Bald schon steht ein neuer Wettstreit an, denn meine hundert Jahre Herrschaft sind in weniger als zwanzig Jahren vorbei.«

»So genau weiß ich gar nicht, wie wir darauf gekommen sind«, gibt Nehir zu. »Bestimmt haben wir uns wieder darüber aufgeregt, dass keiner von uns beiden diesmal mitmischen kann. Schließlich wurde in der Vergangenheit der Gewinner jedes Mal unter Aeon und mir ausgemacht. Wir sind es nicht gewohnt, beide zum Nichtstun verdammt zu sein, und gehen uns deswegen auf die Nerven. Und als wir noch mal durchgegangen sind, wie es deine Wächter wieder und wieder geschafft haben, ihre Hüterin aus allen Widrigkeiten zu befreien, sind wir auf die Sache mit dem Boot gekommen.«

»Dann habe ich eben ein wenig nachgeholfen«, sage ich schulterzuckend. »Na und? Ich war es leid, die Einzige zu sein, deren Hüter immer versagen. Ich konnte nicht zulassen, dass die letzte Hüterin und ihre Wächter wieder so kurz vor ihrem Ziel scheitern.«

»Du gibst es also zu?«, fragt Nehir.

Seufzend antworte ich: »Wenn ihr euch danach besser fühlt, dann ja. Beim kommenden Wettstreit werde ich wieder das Nachsehen haben und einer von euch wird erweckt werden. Lasst eurer kleinen Schwester doch diesen Triumph.«

Eine Weile herrscht Stille. Habe ich sie damit besänftigen können, sodass sie mich mit diesem Thema in Ruhe lassen werden?

»Nach so vielen Jahren kann ich es nicht hinnehmen, dass die bekannten Regeln missachtet werden«, donnert Aeon plötzlich und ich zucke zusammen. »Du hast nur gewonnen, weil du betrogen hast, Gaia. Das ist unfair.«

»Das fällt dir aber früh ein«, gifte ich. »Was gedenkst du jetzt zu tun? Ich bin erwacht, und das schon seit über achtzig Jahren. Könnt ihr es nicht einfach bis zum nächsten Wettstreit gut sein lassen?«

»Nein«, antwortet Aeon sofort. »Wer die Regeln bricht, muss bestraft werden.«

»Aber …« Nehir klingt nicht überzeugt. »Es ist doch jetzt nicht mehr so lange hin. Wir könnten sie zur Strafe beim nächsten Wettstreit unter erschwerten Bedingungen antreten lassen oder so. Jetzt noch etwas zu unternehmen, wäre …«

»Nein!«, fährt mein ältester Bruder Nehir an. »Ich fordere jetzt eine Entscheidung, nicht erst in zwanzig Jahren. Wer weiß, welche hinterhältigen Tricks sie sich bis dahin ausgedacht hat.«

»Übertreibst du jetzt nicht ein bisschen, Aeon?«, frage ich ungläubig.

Ich kenne meine Brüder gut genug – vielleicht zu gut nach all der Zeit – und weiß, dass sie sowohl gelangweilt als auch kontrollsüchtig sein können. Wenn beides zusammen auftritt, sind sie unausstehlich. Da Aeon sich hintergangen fühlt und während seines Schlafes zum Nichtstun verdammt ist, kommen seine schlechtesten Eigenschaften zum Vorschein, und mir ist bewusst, dass es nichts gibt, um ihn zu besänftigen, solange er seinen Willen nicht bekommen hat.

»Ich fordere einen neuen Wettstreit, und zwar jetzt«, poltert Aeons Stimme durch meine Gedanken. »Ich erkläre den Ausgang des letzten Wettstreits für ungültig, weil du betrogen hast, und verbanne dich erneut in deinen Schlaf!«

»Nein!«, schreie ich, doch es ist zu spät.

Schwere Fesseln, die bei Aeons Worten plötzlich aufgetaucht sind, legen sich um meine Handgelenke. Sie sind so schwer, dass ich augenblicklich zu Boden sinke. Mit aller Kraft stemme ich mich dagegen, doch eine bleierne Last legt sich zusätzlich über mich. Ich bekomme gar nicht mit, wie ich von der Erde um mich herum verschlungen werde. Dunkelheit umfängt mich und ich weiß, dass ich wieder in meinen ewigen Schlaf gefallen bin. Mein Geist hat sich von meinem Götterkörper getrennt, der nun in seinem irdenen Sarg hinter dem Siegel verweilt, bis ein Hüter und seine Wächter es schaffen, mich wieder zu erwecken.

Mein ältester Bruder war der Erste von uns, der in Mareia existierte, und er ist mit Abstand der mächtigste Gott. Seinem Wort muss sogar ich mich beugen. Er missbraucht seine Macht nicht, aber er vergisst gerne, eine Sache zu Ende zu denken.

»Du Idiot!«, grolle ich. »Jetzt sind wir alle drei versiegelt und keiner von uns hat lebende Wächter, um einen Hüter auszuwählen. Wie stellst du dir das vor?«

Die neuen Wächter sollten erst jetzt um diese Zeit geboren werden, um in knapp zwanzig Jahren alt genug zu sein, um ihre Bestimmung erfüllen und den erwählten Hüter beschützen zu können.

»Das liegt doch auf der Hand«, sagt Aeon. »Wir wiederholen den Wettstreit von damals. Und diesmal wirst du nicht mogeln.«

»Eure Hüter und unsere gesamten Wächter sind tot«, entgegne ich, darum bemüht, nicht erneut zu schreien. Aeons sprunghafte Handlungen treiben mich noch in den Wahnsinn! Manchmal habe ich das Gefühl, dass ihm die Versiegelung und der damit verbundene Schlaf nicht guttun.

»Wir werden die letzten achtzig Jahre ungeschehen machen, schließlich hätten sie so gar nicht existieren dürfen«, erklärt der Luftgott.

Als mir dämmert, was er vorhat, zische ich: »Das kannst du nicht machen! Du kannst nicht einfach …«

»Du hast es doch auch getan, oder nicht?«, unterbricht Aeon mich. »Als du den Wunsch deiner Hüterin erfüllt hast, hast du ebenfalls die Zeit manipuliert. Und genau das werden wir jetzt erneut machen. Zwar handelte es sich damals nur um ein paar Monate auf Mareia und nicht um mehrere Jahrzehnte, aber ich denke nicht, dass das ein Hindernis darstellen sollte. Wir reisen zurück zu dem Zeitpunkt, an dem deine Hüterin ihren Wunsch ausgesprochen hatte.«

»Aber dann habt ihr noch immer keine Hüter. Sie sind zurück in ihre Welt, zusammen mit meiner Hüterin.«

»Nein, sind sie nicht«, sagt Aeon, und ich kann sein Grinsen förmlich vor mir sehen.

»Er hat recht«, murmelt Nehir. »Wir haben sie … hierbehalten.«

»Ihr … habt was?!« Ich glaube nicht, was ich da höre. Sie haben die beiden Erdlinge hier in Mareia gehalten? Aber wie? Und warum?

»Ich habe das Potential meines Hüters erkannt«, erklärt Aeon. »Und ich mochte seine Erst-angreifen-dann-nachfragen-Methoden. Damit kann ich etwas anfangen. Deshalb wollte ich ihm eine Chance geben, wo du doch so nett warst, ihn wiederzubeleben.«

»Mein Hüter hätte die euren um Längen geschlagen, wenn seine Wächterin nicht gleich zu Beginn getötet worden wäre«, hält Nehir dagegen.

Das Bedürfnis, mir die Ohren zuzuhalten, um den Blödsinn meiner beiden Brüder nicht mehr hören zu müssen, wird beinahe übermächtig, aber leider ist das unmöglich. Unaufhörlich schwirren ihre Stimmen in meinem Kopf umher.

»Aber nur damit wir uns richtig verstehen«, sagt Aeon, »deine Hüterin hat ihre Aufgabe beendet. Du darfst sie nicht noch einmal ins Rennen schicken.«

»Was?« Ich brauche einen Moment, um das Gesagte zu verarbeiten. »Aber … Warum dürft ihr dann eure Hüter erneut als Spielfigur verwenden? Das ist unfair!«

»Genauso unfair wie dein Vorgehen beim letzten Wettstreit«, grummelt Nehir, der sich bisher sehr zurückgehalten hat. »Deine Hüterin hat ihre Aufgabe beendet und weiß, wie sie unsere Hüter besiegen kann. Es wäre ungerecht, wenn du sie wieder nutzen könntest.«

Das darf doch wohl nicht wahr sein! Evelyn war die einzige Hüterin, die während meiner gesamten Existenz meine Erweckung bewirkt hat. Und ausgerechnet sie darf ich nicht mehr für mich in den Wettstreit schicken?

Aber … Es gibt da noch jemanden, auf den ich meine Hoffnungen setzen kann.

»Na fein«, knurre ich. »Ich darf Evelyn nicht ein zweites Mal zu meiner Hüterin ernennen. Diese Kröte muss ich wohl schlucken. Aber im Gegenzug möchte ich die Erlaubnis, mir frei einen anderen Hüter erwählen zu dürfen, ohne Anbetracht des Zeitverlaufs, den wir zurücksetzen werden.«

Ich höre das Flüstern meiner Brüder, das durch meinen Kopf rauscht.

»Einverstanden«, sagt Nehir. »Da wir die Vorzüge sowie auch die Schwächen unserer Hüter bereits kennen, ist es nur fair, wenn du deine Wahl unabhängig von weiteren Einschränkungen treffen darfst.«

»Ich stelle noch eine weitere Forderung.« Ich beschließe, die Möglichkeit beim Schopfe zu packen, solange meine Brüder gewillt sind, mit mir zu verhandeln. »Evelyn darf nicht meine Hüterin sein, aber ich möchte sie als eine Art Beraterin. Sie darf den neuen Hüter unterstützen, erhält aber nicht die gänzliche Feuerkraft.«

»Dann wäre sie aber dennoch im Vorteil«, gibt Nehir zu bedenken.

»Es wird ihr nur möglich sein, die Elementarkraft mittels eines Wächters, den ich bestimme, beschwören zu können«, sage ich. »Sie wird nur hier sein, um den neuen Hüter zu begleiten und ihn im Notfall zu schützen. Dazu braucht sie die Feuerkraft; ohne wäre sie euren Hütern und Wächtern schutzlos ausgeliefert. Aber sie wird nicht über das Kraftarsenal eines vollständigen Hüters verfügen. Und wenn ich erneut gewinnen und die Überlegenheit meines Hüters und seiner Wächter unter Beweis stellen sollte, will ich eure Zustimmung, dass sie ein Teil dieser Welt werden darf. Das sind meine Forderungen. Im Gegenzug stimme ich zu, dass ihr eure bereits bekannten Hüter und deren Wächter benutzen könnt, obwohl ich dieses Privileg nicht habe.«

»Einverstanden«, sagt Aeon. »So soll es geschehen. Wähle deinen Hüter. Und triff deine Wahl gut, denn unsere Hüter warten nur darauf, ihr Versagen von damals ungeschehen zu machen.«

»Mach dir da mal keine Gedanken«, antworte ich grinsend. »Ich habe bereits den perfekten Hüter im Sinn.«

Kapitel 1

Evelyn

Müde erwidert mein Spiegelbild meinen Blick. Eigentlich müsste ich diesen Anblick gewohnt sein, aber es überrascht mich immer wieder, wie gerötet meine Augen morgens sein können. Dabei habe ich gut geschlafen, nur das Aufwachen bereitet mir Probleme, vor allem, wenn er mich in meinen Träumen besuchen kommt.

Als ich wie mechanisch die Bürste durch meine rote Mähne ziehe, in die sich jedoch bereits graue Strähnen mischen, blitzen einzelne Fetzen des Traumes vor meinem inneren Auge auf. Schnell schüttele ich den Kopf, um die Bilder zu vertreiben. Nicht dass ich mich nicht an sie erinnern will, doch … die Erinnerung schmerzt zu sehr. Zwar weine ich schon lange nicht mehr jeden Morgen, nachdem ich bemerkt habe, dass es doch nur ein Traum war, aber das bedeutet nicht, dass mein Herz nicht jedes Mal zerbricht, wenn ich ihn vor mir sehe.

Mein Herz, das selbst nach zwanzig Jahren nur ihm gehört.

Ich würde fast alles dafür geben, nie aus diesen Träumen aufwachen zu müssen. Würde fast alles dafür tun, ihn noch einmal ›mo soléy‹ in mein Ohr flüstern zu hören. In der alten Sprache seiner Welt bedeuten diese Worte ›meine Sonne‹.

Als ich mir die Haare hochstecke, fahren meine Finger über den Knubbel in meinem Nacken, unter dem sich der Chip verbirgt. Sofort bildet sich ein Kloß in meinem Hals und das Atmen fällt mir schwer. Ich weiß nicht, wie oft ich den Spruch ›Die Zeit heilt alle Wunden‹ in meinem Leben schon gehört habe, aber mittlerweile weiß ich: Das ist Bullshit. Vielleicht gilt es auch nur für körperliche Wunden, aber ein gebrochenes Herz fällt definitiv nicht in diese Kategorie. Es heilt nie. Vielleicht schafft man es im Laufe der Zeit, es zu kitten und irgendwie von den Rissen, die es durchziehen, abzulenken, aber trotzdem wird es nie wieder so schlagen wie zuvor. Wie ein Motor, der trotz Reparatur unrund läuft, schlägt das meine monoton in meiner Brust und erinnert mich unaufhörlich daran, was ich verloren habe.

Zu lange bleibe ich sitzen und starre in den Spiegel, sodass ich in aller Eile in meinen Anzug schlüpfen und zur Arbeit hetzen muss. Obwohl ich mittlerweile die zweite Chefin der Firma für ›Augmented Reality‹ bin, erscheine ich trotzdem als Erste an der Arbeit und gehe als Letzte.

Jeden Tag.

Der Gang durch den gläsernen Eingangsbereich absolviere ich beinahe im Schlaf. Die Wachmänner nicken mir zu, als ich durch die Sicherheitsschleuse trete. Ich kenne sie alle mit Vornamen, und manchmal, wenn es die Zeit erlaubt, plaudere ich mit ihnen über ihre Familien. Nachfragen zu meinem Beziehungsstatus ersticke ich jedoch im Keim. Kaum ein Mitarbeiter weiß mehr als nötig über mich. Sie kennen mich nur als arbeitswütig und ehrgeizig, vielleicht auch etwas pedantisch, aber sie wissen nichts über mich persönlich, und das ist auch gut so. Schließlich würden sie mir sowieso nicht glauben, und ich erinnere mich noch sehr gut daran, was das letzte Mal passiert ist, als ich versucht habe, jemandem meine Geschichte zu erzählen. Ich stand schon mit einem Fuß in der Psychiatrie und das ist eine Erfahrung, die ich unter keinen Umständen wiederholen möchte.

Ich laufe durch die leeren Flure und das Klackern meiner Absatzschuhe hallt von den Wänden wider. Noch nie war ich ein Fan der Inneneinrichtung: Alles ist in Weiß gehalten und die Wände werden durch bodentiefe Fenster durchbrochen. Dennoch wirkt es auf mich steril, farb- und leblos. Aber ich bin nicht hier, um in einer schönen Umgebung zu sein.

Wie besessen arbeite ich daran, mithilfe der neuesten Technik einen Weg zurück zu finden. Schon mehrmals standen wir kurz vor einem Durchbruch, doch jedes Mal wurde ich bitterlich enttäuscht. Wir haben bahnbrechende Erfindungen im Bereich der bewusstseinserweiternden Wahrnehmung in Videospielen gemacht, aber keine dieser Erfindungen schaffte es, mich zurückzubringen. Noch immer bin ich hier – suchend und wandelnd in einer Welt, die sich für mich nicht richtig anfühlt. Es klingt vielleicht verrückt, aber nichts um mich herum fühlt sich so echt an wie das, was ich dort erlebt habe.

Nichts, bis auf eines: meine Tochter.

Schon von Weitem sehe ich ihre flammend roten Haare, die ihr bis zur Hüfte reichen und einen leuchtenden Kontrast inmitten der weißen Laborhallen bilden, die sich jetzt langsam mit Leben füllen.

»Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du dir einen Zopf machen sollst?«, tadele ich sie im Vorbeigehen, doch ich ernte dafür nur ein Augenrollen.

Ich kann ihr nicht böse sein, konnte es nie. Viel zu sehr erinnert sie mich an mich selbst, als ich in ihrem Alter war. Auch jetzt noch fühle ich mich wie damals, obwohl ich die vierzig bereits überschritten habe. Aber man ist nur so alt, wie man sich fühlt, nicht wahr? Und ich fühle mich keinen Tag älter als fünfundzwanzig. Dummerweise verhalte ich mich auch oft genug noch so und nicht wie eine Frau im gesetzten Alter und in einer hochrangigen Position. Ich bin weder vernünftig noch weitsichtig oder geduldig. Alles Eigenschaften, die mich nicht dafür prädestinieren, meinen Job ordentlich oder meiner Tochter Vorwürfe zu machen.

Jedes Mal wenn sie eine Dummheit macht, erinnere ich mich daran, wie ich in ihrem Alter genau dasselbe getan habe – und wie meine Eltern darauf reagiert haben. Sie versuchten bei jeder Gelegenheit, mich zu verbiegen, mich zu dem Vorzeigepüppchen zu machen, das sie gerne gehabt hätten. Kurzum: Sie versuchten mich zu brechen. Und das ist eine Erfahrung, die ich meinem eigenen Kind unter allen Umständen ersparen will. Deshalb hat sie zu viele Freiheiten, die sie auch gnadenlos ausnutzt, weil sie genau weiß, dass sie mit nichts weiter als einer Rüge davonkommt.

Ich vermeide es oft, meinem Mädchen ins Gesicht zu sehen. Nicht weil es unansehnlich wäre – ganz im Gegenteil! -, aber ihre Augen … Die hat sie eindeutig von ihrem Vater geerbt, und es versetzt mir jedes Mal einen Stich, wenn ich das Silber in ihnen aufblitzen sehe. Wenn sie wütend ist oder sich über etwas ärgert, verdunkeln sich ihre Augen, bis mich das Silber an dunkle Gewitterwolken erinnert.

Halbherzig kommt Lizzy meiner Aufforderung nach, dreht sich die Haare zu einem unordentlichen Knoten auf und schiebt zur Befestigung einen Kuli hinein. Anschließend schlendert sie mir hinterher.

»Schmuck ist hier eigentlich auch verboten«, zitiert sie die Laborvorschriften. »Aber trotzdem trägst du deinen Ring.«

»Ich bin nicht mehr für die Technik zuständig, deshalb kann ich die Regeln ein wenig aufweichen«, entgegne ich.

Um nichts in der Welt würde ich den Ring abnehmen. Selbst beim Duschen lasse ich ihn an. Neben Lizzy ist er das Einzige, was ich von ihm besitze. Mit dem Daumen drehe ich den Ring an meinem Ringfinger und versuche verbissen die Erinnerung an die Nacht, als er mir dieses Schmuckstück angesteckt hat, zu verdrängen. Wenn ich arbeite gelingt es mir ganz gut, die Erinnerungsfetzen aus meinem Bewusstsein zu verbannen, aber manchmal … manchmal kommen sie so übermächtig zurück, dass ich mich in meinem Labor einschließe, in eine Ecke sitzend die Beine nah an den Körper ziehe und heule wie ein kleines Kind. Es ist nicht so, dass ich mich dafür schäme, aber ich möchte auch nicht, dass mich meine Angestellten – und noch weniger meine Tochter – in dieser Verfassung sehen.

»Was machen wir heute?«, fragt sie.

Die mangelnde Begeisterung in ihrer Stimme lässt mich vermuten, dass sie mir immer noch böse ist. Gleich am ersten Tag habe ich ihr klargemacht, dass sie hier, in meinem Unternehmen, während ihres Praktikums keine ruhige Kugel schieben kann, nur weil sie meine Tochter ist. Wahrscheinlich hat sie damit gerechnet, dass ich ihr eine Blankobescheinigung ausfülle, wenn sie ihre drei Wochen bei mir ableistet, aber da hat sie sich getäuscht. Ich bin zwar viel zu oft zu nachlässig mit ihr, aber ich will, dass sie etwas lernt.

»Wir testen die neue Maschine, die Bill aus der Technikabteilung angeliefert hat«, antworte ich. »Du darfst die Brille testen, wenn du magst.«

Ein kurzes Lächeln huscht über ihre Lippen und ich muss ebenfalls grinsen. Hätte ich auch nur den leisesten Zweifel, dass dieses Mädchen meine Tochter ist, wäre er jetzt ausgelöscht. Sobald es um Videospiele geht, ist Liz Feuer und Flamme – genau wie ich. Zwar habe ich das professionelle Zocken nach meiner Rückkehr an den Nagel gehängt, aber gegen eine Runde Konsolenspiele habe ich nie etwas einzuwenden. Da bin ich wohl zu altmodisch.

In den letzten Jahren hat sich die Szene sehr verändert. Kaum einer nutzt noch die Konsolen, sondern entwickelt nur noch in Richtung ›erweiternde Realität‹. Im Grunde ist es genau das, was ich auch will, aber für den Chip, der mit meiner Wirbelsäule verbunden ist, haben wir noch nicht das Passende gefunden. Obwohl das auch nicht richtig ist … Es gibt Augmented-Reality-Spiele, die mit meinem Chip funktionieren und die mich in die Spielwelt eintauchen lassen, aber nicht auf die Weise, wie ich mir das vorstelle … Nicht komplett. Und nicht in diese eine Welt, die ich so verbissen suche.

Deshalb forsche ich unermüdlich weiter. Ich gebe erst auf, wenn ich einen Weg gefunden habe, zu ihm zurückkehren zu können, selbst wenn ich bis dahin eine alte Frau sein sollte. Das ist mir egal, ich will nur … Ich will nur wissen, ob ich ihn und die anderen retten konnte.

Wir betreten mein Labor. Auf dem mittleren Tisch steht bereits das Gerät, an dem Bill seit einiger Zeit getüftelt hat. Er benennt seine Erfindungen mittels irgendwelcher Zahlencodes, die ich mir nie merken kann.

Zielstrebig geht Liz auf die Maschine zu und greift nach der Brille, die durch ein Kabel mit Bills neuester Erfindung verbunden ist. Bevor sie sie aufsetzt, dreht sie sich zu mir um. Ihre silbergrauen Augen funkeln vor Vorfreude. Ich muss bei diesem Anblick schlucken und fixiere schnell einen Punkt hinter ihr.

»Darf ich es wirklich als Erste testen?«, fragt sie mit kindlicher Vorfreude.

»Natürlich«, antworte ich, woraufhin sie sofort die Brille aufsetzt und die Verbindung herstellt. Ich setze mich an meinen Computer, um alle Daten aufzuzeichnen. Das Spiel, das zu Testzwecken läuft, ist ein simples Jump ’n’ Run, aber es geht auch nur um die Wahrnehmung des Spielers.

Gerade als ich das Spiel starten will, klopft es an meine Tür.

»Herein!«, rufe ich.

Es ist Karen von der Postabteilung, die mit einem entschuldigenden Lächeln eintritt. »Ich will euch beide nicht lange stören«, sagt sie und reicht mir ein Päckchen. »Das wurde gerade für Lizzy abgegeben.«

Ich runzele die Stirn, bedanke mich aber bei ihr und schaue ihr nach, als sie das Labor verlässt.

»Warum lässt du dir deine Post hierher ins Labor liefern?«, frage ich meine Tochter, die zu mir getreten ist.

»Lasse ich nicht«, antwortet sie. »Ich habe keine Ahnung, was da drin ist.«

Ich halte das Päckchen ans Ohr und schüttele es kurz. Nachdem ich sicher bin, kein Ticken zu hören, reiche ich es an Liz, die sich sofort daranmacht, es aufzureißen. Voller Vorfreude späht sie hinein und zieht dann einen Flunsch.

»Was ist drin?«, frage ich.

Als Antwort hält meine Tochter eine CD-Hülle hoch. »Eine CD«, murmelt sie. »Wer stellt denn heutzutage noch so was her?« Sie wirft einen Blick auf die Rückseite, wodurch ich einen Blick auf das Frontcover erhaschen kann.

Augenblicklich erstarre ich. Der Kuli, den ich noch in der Hand hatte, um die Entgegennahme zu quittieren, fällt zu Boden, rollt unter meinen Tisch und bleibt dort unbeachtet liegen.

Das … Das kann nicht sein!

Ich will aufspringen und Liz die CD-Hülle aus der Hand reißen, aber mein Körper fühlt sich an, als wäre er mit dem Drehstuhl verwachsen.

»Muss wohl ein Konsolenspiel sein«, sinniert Liz. Sie dreht die Hülle in ihrer Hand und sieht sie sich von allen Seiten an. »Aber Spiele werden doch heutzutage nicht mehr auf CDs gebrannt. Das läuft doch alles über die Cloud.«

Meine Finger zucken, so sehr haben sich meine Hände um die Stuhllehne verkrampft. Sinnlos öffnet und schließt sich mein Mund, ohne dass ein einziger Ton herauskommt, während ich meinen eigenen Herzschlag in den Ohren dröhnen höre.

Das muss ein schlechter Scherz sein. Irgendwer muss an die leere Hülle gelangt sein, die ich zu Hause in einer Schublade liegen habe. Ja genau, das muss es sein. Jemand will mir einen Streich spielen. Es ist unmöglich, dass …

»Tatsache, eine CD-Rom!«, sagt Liz, nachdem sie die Hülle abgeklappt hat.

Blitzschnell springe ich auf und reiße ihr die Hülle aus der Hand. Meine Hände zittern so sehr, dass sie mir um ein Haar aus der Hand fällt. Ich muss aussehen wie eine Geisteskranke, während ich auf die CD-Rom starre.

Die Hülle, die ich zu Hause lagere und hüte wie einen Schatz, ist leer. Die CD-Rom, die sie vor Jahren enthielt, ist in meinem PC-Fach zu einem schwarzen Klumpen geschmolzen. Egal, was ich tat, egal, wo ich suchte, ich konnte keine Version dieses Spieles mehr finden. Es war, als wäre es nie produziert worden. Doch jetzt … Jetzt liegt sie direkt vor mir. Mit zitternden Fingern streiche ich über die Oberfläche, spüre die leichten Erhebungen des Drucks. Sie verschwindet nicht, so wie die anderen, die ich hin und wieder in meinen Tagträumen gesehen habe. Ich … halte sie wirklich in Händen.

Mein Hals ist wie zugeschnürt, während mein Gehirn weiterhin versucht, alles zu verarbeiten. Ich merke richtig, wie es gar nicht hinterherkommt. Es ist, als würde ich unter Schock stehen, und genau so ist es wahrscheinlich.

»Mum?«, fragt Liz, aber ich höre sie nur undeutlich. Das Rauschen in meinen Ohren ist viel zu laut. »Mum, was ist los mit dir?«

»Liz«, murmele ich mit kratziger Stimme. »Ich hab dich lieb, das weißt du, oder?« Ohne auf eine Antwort zu warten, wirbele ich herum, schnappe mir meine Handtasche und krame meine Geldbörse hervor. Eine Hand hält weiterhin die Hülle so fest, dass sich meine Finger verkrampfen.

»Mum, du machst mir Angst …«

Ohne die CD-Hülle auch nur für einen Moment loszulassen, halte ich Liz sämtliche meiner Kreditkarten hin. »Die PINs findest du auf einem Zettel in der zweiten Küchenschublade. Ich habe auch noch ein Konto für dich angelegt, an das du kommst, sobald du zwanzig bist. Das ist ja nicht mehr so lange hin. Versprich mir, dass du dieses Praktikum beendest und dann einen Job lernst, an dem du Spaß hast. Und bitte triff dich nicht mehr mit dem Typen aus dem Nachbarort, der ist ein Loser.«

»Ich … verstehe nicht. Was soll das plötzlich?«

»Bei Oma und Opa habe ich einen Brief für dich deponiert, nur für den Notfall. Sie werden sich um dich kümmern, bis du auf eigenen Füßen stehen kannst.«

Im Eiltempo rattere ich all das herunter, was ich mir für den unwahrscheinlichen Fall, dass genau das hier eintreten könnte, zurechtgelegt hatte. Unzählige Male habe ich dieses Gespräch in meinem Kopf durchgespielt, habe überlegt, was ich meiner Tochter sagen kann, um den Abschied für uns beide zu erleichtern, aber ich hätte nie damit gerechnet, dass es tatsächlich passieren könnte.

Ich bin fast froh, dass es so lange gedauert hat. Wäre Liz noch jünger, hätte ich Skrupel gehabt, zu gehen. Aber jetzt … Jetzt ist sie fast eine erwachsene Frau, die ihren eigenen Weg gehen muss. So wie ich vielleicht endlich meinem folgen kann. Ich weiß, dass sie dazu in der Lage ist. Sie ist genauso stark und dickköpfig wie ich, und ich bin mir sicher, dass sie alles meistern kann, was sie sich für die Zukunft vornimmt.

Dieses Wissen nimmt mir eine ungeheure Last von meinen Schultern.

»Was habe ich dir über deinen Vater erzählt, Liz?«

Ihre Augenbrauen ziehen sich für einen Moment zusammen, während sie mich mit einem Blick ansieht, der mir durch und durch geht. »Praktisch nichts. Ich weiß nicht einmal, wie er heißt. Aber er muss scheinbar der Hammer gewesen sein, wenn er dich für die Männerwelt so dermaßen verdorben hat.«

Ein zaghaftes Grinsen umspielt meine Mundwinkel. »Oh ja, das war er.«

»Ich meine, ich bin fast zwanzig und wirklich aus dem Alter raus, dass es mir was ausmachen würde, wenn du mit einem anderen Mann nach Hause kommst, aber du … Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du je einen Mann mit heimgebracht hast.«

»Das habe ich auch nicht«, sage ich. »Aber das hat nicht nur mit dir zu tun. Es gab einfach niemanden, der sich mit ihm messen konnte.«

Es ist nicht so, dass ich blind durch mein Leben gelaufen bin. Als die Jahre vergingen und meine Tochter sich zusehends von mir abnabelte, wurde ich immer einsamer und spielte durchaus mit dem Gedanken, Ausschau nach einem Mann zu halten, um nicht mehr allein zu sein. Mir war klar, dass ich niemanden wie ihn finden würde, aber ich versuchte es trotzdem. Es gab Dinge, die mir bei einem Mann auffielen. Die Art, wie er sich mit der Hand durchs Haar fuhr, erinnerte mich an ihn. Oder die Neigung seines Kopfes, wenn er nicht verstanden hat, was die Bedienung zu ihm sagte. Das und noch viel mehr waren kurze Momente, in denen mein Herz anfing zu flattern.

Doch diese Momente vergingen schnell.

Mehr als winzige Übereinstimmungen, die kaum der Rede wert waren, konnte ich nicht finden. Meistens endete es, sobald sie den Mund aufmachten oder mich ansahen.

Nichts und niemand löste je das Verlangen in mir aus, das er mit einem einzigen Wort oder einem einzigen Blick entfachen konnte. Von unseren Berührungen ganz zu schweigen; die bestanden aus purem Feuer, das sich durch meine Haut und direkt in mein Innerstes fraß. Doch das Feuer von damals ist schon lange zu einem schwachen Glimmen verkümmert, das mich in der Kälte nicht mehr wärmen kann.

Manchmal habe ich Angst, dass mir die Erinnerungen an ihn entgleiten. Ich vergesse, wie er gerochen hat. Ich vergesse den Klang seiner Stimme. Ich vergesse das Gefühl seiner Muskeln unter meinen Händen. Das Glimmen ist zwar noch in mir, aber es birgt zu wenig von dem, was ich erlebt habe. Ich habe Angst davor, ihn zu vergessen, denn das wäre, als würde ich einen Teil meiner selbst vergessen. Verbissen klammere ich mich an die Erinnerungsfetzen, die mir geblieben sind, und an die wenigen Stunden in der Nacht, in denen wir zumindest in meinen Träumen vereint sind.

Doch jetzt … Ich starre auf die Hülle in meiner Hand. Jetzt ist das nicht mehr genug. Nein, es war noch nie genug, aber nun ist es unmöglich, nur noch von der Erinnerung an das einstige Feuer zu leben.

Lizzys Schnauben holt mich ins Hier und Jetzt zurück. »Muss ja echt ein Traumtyp gewesen sein.«

Lächelnd schüttele ich den Kopf. »Wäre er nichts weiter als ein Traum gewesen, wärst du jetzt nicht hier. Und nun nimm die Karten.«

Erneut wedele ich mit den Kreditkarten vor ihrer Nase, bis sie zögerlich die Hand danach ausstreckt. Ihr Blick ist weiterhin zweifelnd, als wäre sie sich nicht sicher, ob sie gerade ihre Mutter oder eine Gestörte vor sich hat. Sie versteht nicht, was in mir vorgeht, schließlich habe ich ihr nie davon erzählt. Ihr Vater war ein Tabuthema, das ich sofort abgewürgt habe, sobald auch nur im Entferntesten die Sprache darauf kam.

Ich kann es ihr nicht verdenken, dass sie nun so verhalten reagiert. Obwohl ich keinerlei Zeit verschwenden will, könnte jetzt meine letzte Chance sein, ihr von ihm und dem, was ich erlebt habe, zu erzählen. Ansonsten würde sie es nie erfahren, denn auch meine Eltern sind unwissend.

Ich mache einen Schritt nach vorne und schließe meine Tochter fest in die Arme. Sie japst erschrocken auf, legt nach kurzem Zögern jedoch auch ihre Arme um mich.

»Warum habe ich das Gefühl, dass du weggehen wirst?«, fragt sie mit bebender Stimme.

Ich spüre ihre Angst und ihren Argwohn, merke, wie sich ihre Finger Halt suchend in meinen Laborkittel krallen, und ohne dass ich es verhindern kann, treten mir Tränen in die Augen.

»Weißt du noch, dass ich dir davon erzählt habe, wie ich früher genannt wurde?«, frage ich.

Liz schnieft kurz, nickt dann aber an meiner Schulter. »Du warst eine professionelle Gamerin und dein Alias war Nemesis.«

Es ist lange her, seit ich diesen Namen zuletzt gehört habe. Allein sein Klang lässt das Glimmen in mir auflodern. Aber genauso schnell, wie es aufgetreten ist, ist es auch schon wieder vorbei.

»Richtig«, antworte ich, nachdem ich mich wieder gefangen habe. »Aber das ist nicht alles. Ich weiß nicht, ob du mir glauben wirst, aber es gab eine Zeit, in der ich mehr war als eine Gamerin. Ich war eine Hüterin, die Hüterin des Feuers. Gemeinsam mit meinen vier Wächtern gelang es mir, eine Göttin aus einem langen Schlaf zu erwecken und den Menschen den lang ersehnten Frieden zu bringen.«

Liz windet sich in meinen Armen und weicht einen halben Schritt zurück, sodass sie mir in die Augen sehen kann. Ich zwinge mich dazu, diesmal nicht den Blick abzuwenden, und verliere mich im blitzenden Silber ihrer Iriden.

»Was soll das bedeuten?«, fragt sie und runzelt dabei die Stirn. »Hüterin? Wächter? Göttin? Klingt für mich nach einem Fantasy-Spiel.«

»Ja, das war es auch. Und ich war ein Teil des Spieles.« Mit einer Hand fahre ich mir über den Nacken, fühle die leichte Erhebung. »Ich war die Heldin des Spieles. Gefangen in einer Welt, die ich für nichts weiter als ein Game hielt, musste ich das Spielende erreichen, um zurück nach Hause kommen zu können.«

»Moment. Sprichst du von einem Augmented-Reality-Spiel?«

»Nein«, sage ich. »Diese Technik gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht. Nur ihren Vorgänger.« Ich drehe den Kopf zur Seite und deute mit dem Zeigefinger auf den Knubbel in meinem Nacken. »Den sehr unausgereiften Vorgänger. Es gab wohl Probleme mit der Technik oder was auch immer, jedenfalls landete ich nicht in einem Spiel, wie ich es vermutet hatte, sondern in einer anderen Welt. Eine Welt, die mich zu einer Hüterin machte.«

»Das klingt …«

»… verrückt, ich weiß«, unterbreche ich sie. »Glaube mir, du bist nicht die Erste, die mir das sagt. Aber es ändert nichts daran, dass es tatsächlich passiert ist. Schließlich gäbe es dich sonst nicht.«

Nun weicht sie vollends vor mir zurück und starrt mich an, als wären mir zwei Extraköpfe gewachsen. Ich kann es ihr nicht verdenken.

»Der Brief, den ich bei deinen Großeltern für dich hinterlegt habe«, sage ich so behutsam wie möglich, »darin wirst du alle Antworten finden. Ich kann dir keine Beweise liefern, außer dem, dass es keinen Grund gäbe, dich anzulügen. Es wäre viel einfacher zu sagen, dass dein Vater irgendein Kerl wäre, den ich irgendwann irgendwo getroffen und dann nie mehr wiedergesehen hätte.« Mein Mund verzieht sich zu einem traurigen Lächeln. »Aber leider ist das nicht der Fall.«

»Ich glaube dir kein einziges Wort!«, schleudert sie mir entgegen. Ich war darauf gefasst, aber dennoch trifft mich ihre Wut. »Wenn du mir nichts über meinen Vater erzählen willst – schön! Von mir aus! Ich bin auch groß geworden, ohne zu wissen, wer er war. Ich habe mich zwar immer gefragt, was so schlimm an dir und mir ist, dass er nie Kontakt zu uns aufgenommen hat …«

Ich stoße gequält den Atem aus, den ich bis eben angehalten hatte.

»… aber wie gesagt, ich bin auch ohne ihn erwachsen geworden. Von mir aus rede nicht über ihn, aber tische mir keine wirren Lügen auf. Dachtest du ernsthaft, dass ich dir so etwas glauben könnte?«

Meine Schultern hängen herab, jegliche Spannung ist aus meinem Körper gewichen. »Nein«, antworte ich. »Ich hatte es gehofft, schließlich habe ich keinen Grund, mir eine solche Geschichte auszudenken, aber wirklich daran gedacht, dass du mir tatsächlich glauben könntest, habe ich nicht. Wie dem auch sei, lies bitte trotzdem den Brief, den ich dir hinterlassen habe. Vielleicht kannst du mich dann ein bisschen besser verstehen.«

»Ich verstehe gar nichts mehr!«, schreit sie. »Warum verhältst du dich plötzlich so? Du klingst, als … würde ich dich nie wiedersehen.«

Ich zwinge mich, ihrem Blick standzuhalten, und kann im Aufblitzen ihrer Augen genau den Moment erkennen, in dem sie es begreift.

»Du … du willst mich tatsächlich verlassen«, murmelt sie. Ihr Blick huscht unstet umher, bevor er an der CD-Hülle in meiner Hand hängen bleibt. »Das hat etwas mit dieser CD zu tun, nicht wahr? Was hat das zu bedeuten?«

»Du glaubst mir ja sowieso nicht«, sage ich betont ruhig. »Ich stelle dich für heute frei.«

»Wenn du denkst, dass ich mich einfach umdrehe und gehe, hast du dich aber geschnitten!«, grollt sie. »Ich will Antworten von dir. Warum benimmst du dich plötzlich so seltsam? Ist es, weil ich mich wieder mit Steven treffe? Ich weiß, dass du ihn nicht leiden kannst, aber …«

»Steven ist mir scheißegal!«, schreie ich. »Bitte … geh.«

Erneut beginnen meine Hände zu zittern, ebenso wie der Rest meines Körpers. Ich halte die CD in Händen, die mich mit großer Wahrscheinlichkeit zurück nach Mareia bringen kann. Jede Sekunde, die ich weiterhin hier in dieser Welt bin, kommt mir plötzlich verschwendet vor. Meine Tochter ist erwachsen und ich habe für ihre Zukunft vorgesorgt. Ich weiß, dass es ihr gut gehen wird und dass meine Eltern ein Auge auf sie haben werden.

Sie braucht mich nicht mehr.

Es gibt nichts, was mich hier noch hält. Es wird Zeit, dass ich an meine eigene Zukunft denke. Ich habe zwar keine Ahnung, was mich erwarten wird, wenn ich die CD ins Laufwerk des alten PCs lege, den ich für Notfälle hier im Laborzimmer habe, und anschließend das Kabel in meinen Nacken stecke, aber … Ich habe keine Zeit für Zweifel. Selbst wenn die Chance, ihn wiederzusehen, auch noch so gering ist – ich werde sie ergreifen. Ich brauche Gewissheit.

Noch immer hat sich Liz keinen Zentimeter bewegt. Meine Gereiztheit wandelt sich allmählich in Wut. Die Unruhe, die in mir wütet, lässt mich irrational reagieren, und ich kann mich nur mit Mühe davon abhalten, meine Tochter erneut anzuschreien.

»Du willst zusehen?«, presse ich hervor. »Du willst mit eigenen Augen sehen, wie ich verschwinde?«

»Mum, du redest wirr.« Sie streckt eine Hand nach mir aus, doch ich weiche einen Schritt zurück. »Ich weiß nicht, was mit dir los ist. Soll ich einen Arzt rufen?«

Schnaubend wirbele ich herum, haste durch das Labor und ziehe einen alten PC unter einem der hinteren Tische hervor, über den eine Plane ausgebreitet ist.

»Schließ die Tür ab«, weise ich meine Tochter an.

Sie gehorcht, doch ihre Bewegungen sind zögerlich. Als ich das Klacken des Türschlosses höre, reiße ich in Windeseile die Kabel des laufenden PCs heraus und verbinde die wichtigsten mit dem alten Modell. Mit zwei großen Schritten bin ich an meinem Arbeitsplatz, nestele mit schwitzigen Fingern in meiner Kitteltasche und ziehe den Schlüsselbund heraus, den ich tagein, tagaus mit mir herumtrage. Ich finde den passenden Schlüssel für das kleine Schreibtischfach sofort.

In der Schublade bewahre ich nicht viel auf. Wenn jemand sie knacken würde, würde er rein gar nichts von Wert finden. Fast mutterseelenallein liegt ein aufgerolltes Kabel darin, unbeachtet, aber nicht vergessen seit fast zwanzig Jahren.

Mit klopfendem Herzen greife ich danach, schlinge meine Finger fest darum, ehe ich es auf den Sitz des Drehstuhls lege. Anschließend schiebe ich den Stuhl zum mittlerweile hochgefahrenen PC. Das alte Ding röhrt ungewohnt laut und ich habe Angst, dass es nicht mehr funktionieren könnte. Ein Betriebssystem aus der Steinzeit ist installiert, aber das kümmert mich im Moment nicht. Ich konzentriere mich wieder auf die CD-Hülle, die ich die ganze Zeit umklammert habe. Vorsichtig öffne ich sie und lasse erneut meine Finger über die Oberfläche gleiten. Das Kribbeln in meinem Bauch wird immer stärker, sodass mir beinahe schlecht davon wird.

»Was wird das?«, fragt Liz hinter mir und linst mir dabei misstrauisch über die Schulter.

»Du wolltest Antworten. Die bekommst du jetzt«, antworte ich. »Sorge anschließend dafür, dass mein Körper ins Pflegeheim Memorial Days gebracht wird, wie ich es in meinem Testament verfügt habe.«

»Testament?«, kiekst sie. Ihre hohe Stimme schrillt unangenehm in meinen Ohren.

»Tu einfach, was ich dir sage. Das Pflegeheim bekommt eine stattliche Summe dafür, dass es sich um meinen Körper kümmert. Befolge alles, was in dem Brief und dem Testament steht.«

»Wie kannst du von einem Testament reden? Willst du dich etwa umbringen?«

Ich wiege den Kopf hin und her. »Es ist eher so was wie eine erweiterte Patientenverfügung. Da es mein letzter Wille in dieser Welt ist, nenne ich es der Einfachheit halber mein Testament.«

Ich setze mich auf den Drehstuhl und führe das Ende des Kabels in den Chip in meinem Nacken ein. Kurz rauscht ein unangenehmes Gefühl meine Wirbelsäule hinab, aber ich ignoriere es. Unendlich vorsichtig nehme ich die CD aus der Hülle und lege sie in das ausgefahrene CD-Fach. Die ganze Zeit über halte ich die Luft an. Als das Fach sich mit einem lauten Geräusch wieder schließt, glaube ich, jederzeit an einem Herzstillstand sterben zu müssen.

Einige quälend endlose Augenblicke lang passiert gar nichts.

Verbissen kämpfe ich den Frust und die aufsteigende Übelkeit nieder. Werde ich so kurz vor dem Ziel scheitern?

Doch dann beginnt mein Sichtfeld sich zu verdunkeln. Mit einem Lächeln drehe ich mich um und schaue meine Tochter an, brenne mir ihren Anblick für immer ins Gedächtnis.

»Ich hab dich lieb«, murmle ich.

Sie starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an, streckt die Hand nach mir aus und kommt auf mich zu, doch ich weiß nicht, ob sie mich erreicht.

Ich verschwinde in der Dunkelheit.

Kapitel 2

Evelyn

Mein Schädel dröhnt, als ich die Augen wieder aufschlage, und durch das helle Weiß, das mich plötzlich umgibt, wird es nicht besser. Trotzdem setze ich mich auf. Mein Herz klopft mir bis zum Hals, als ich mich umsehe.

Ich … Habe ich es geschafft? Bin ich zurück?

»Das Paket war an deine Tochter adressiert«, sagt eine Stimme hinter mir, bei deren Klang mein Herzschlag aussetzt.

Unendlich langsam drehe ich den Kopf, lege ihn in den Nacken und starre auf die Göttin, die keine zwei Meter von mir entfernt knapp über dem Boden schwebt. Ich werde mich nie an den Anblick ihrer spitzen weißen Ohren auf ihrem Kopf und der drei bauschigen Schwänze, die hinter ihr hin und her peitschen, gewöhnen.

Aber es gibt keinen Zweifel. Sie ist es.

»Gaia«, wispere ich. Meine Stimme versagt selbst bei diesem einen Wort.

Sie nickt mir zu. »Evelyn«, sagt sie. »Es freut mich, dich wiederzusehen. Nichtsdestotrotz war es deine Tochter, nach der ich verlangt habe. Zum Glück ist sie dir gefolgt.«

Ich verstehe nur Bahnhof und kann nichts weiter tun, als die Göttin ungläubig anzublinzeln. Was will sie von Liz?

Als ich mich nicht rege, hebt die Göttin ihre Hand und deutet auf einen Punkt neben mir, wo plötzlich Lizzys leblose Gestalt auftaucht.

Ich schnappe nach Luft und stürze sofort auf sie zu, drehe sie auf den Rücken und taste nach ihrem Puls. Ich spüre ihn fest unter meinen Fingern schlagen, und als ihre Lider zu flattern beginnen, stütze ich ihren Kopf, um ihr das Aufsetzen zu erleichtern. Sie hustet und würgt ein paar Mal, während ich sie festhalte und ihr beruhigend über den Rücken streichle.

»Willkommen in Mareia«, tönt Gaias Stimme hinter uns.

Liz starrt fassungslos auf die schwebende Göttin. Ihr Mund öffnet und schließt sich wie bei einem Fisch, ohne dass auch nur ein Ton herauskommt.

»Ich habe nach dir gerufen, Elizabeth«, fährt die Göttin fort.

Auf einmal kriecht mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. »Nach ihr?«, frage ich. »Warum solltest du nach Liz rufen?« Ich rappele mich auf. Meine Knie zittern zwar unaufhörlich, doch irgendwie schaffe ich es, nicht sofort wieder zu Boden zu gehen. »Was willst du von meiner Tochter?«

Gaia mustert mich von oben bis unten. »Ich habe sie zu meiner neuen Hüterin auserkoren.«

Es fühlt sich an, als würde sie mir mit diesem einen Satz den Boden unter den Füßen wegziehen. Mein Magen sackt herab und ich schlucke hektisch die aufsteigende Galle hinunter. »Nein«, sage ich mit zitternder Stimme. »Ich war deine Hüterin. Wenn du erneut eine Hüterin brauchst, werde ich das wieder übernehmen. Aber bitte … Bitte tu das meiner Tochter nicht an! Schick sie nicht durch deine Prüfungen. Ich werde nicht zulassen, dass du sie so leiden lässt wie mich.«

»W-Was geht hier vor?«, höre ich Lizzys piepsige Stimme hinter mir.

»Liz ist nicht wie ich«, fahre ich fort. »Ich habe für dich gekämpft, Gaia. Ich habe Leute, an denen mir sehr viel lag, sterben sehen. Ich habe das letzte Opfer erbracht, um dich zu erwecken. Es hat mir das Herz zerrissen, als ich zurück in meine Welt musste, und ich habe jeden Tag nach einem Weg zurück nach Mareia gesucht. Aber ich werde nicht zulassen, dass meine Tochter dasselbe durchmachen muss. Mich hätte es fast gebrochen, hätte ich sie nicht gehabt.«

»Mein letztes Geschenk an dich«, sagt die Göttin. »Und du hast es weise genutzt. In deiner Tochter steckt mehr, als du ihr zutrauen willst. Sie ist die Nachfahrin einer erfolgreichen Hüterin und eines Wächters. In ihr sind beide Welten, beide Stärken vereint. Etwas Vergleichbares ist noch nie da gewesen. Es gibt keine passendere neue Hüterin für mich. Sie ist das Kind von Feuer und Sturm.« Ihr Blick huscht zwischen Liz und mir hin und her. »Aber auch für dich habe ich eine Aufgabe, Evelyn.«

»Ich will deine Aufgabe nicht«, sage ich und straffe die Schultern. »Ich bin nicht hier, um erneut deine Hüterin zu werden. Allerdings würde ich es tun, wenn ich dadurch meine Tochter vor diesem Schicksal bewahren könnte. Du weißt genau, warum ich hier bin.«

Die Göttin legt den Kopf schräg und seufzt. »Ja, ich weiß, nach wem es dich verlangt. Doch sicherlich hast du schon bemerkt, dass sich der Zeitfluss unserer Welten stark unterscheidet. Du warst mehrere Monate in meiner Welt, doch in deiner sind nur wenige Minuten vergangen. Was glaubst du, wie viel Zeit vergangen ist, seit du zurück warst? Deine Tochter ist erwachsen, die Jahre sind auch an dir nicht spurlos vorbeigegangen. Auch hier in Mareia lief die Zeit unaufhörlich weiter.«

Meine Gedanken überschlagen sich bei ihren Worten. Wenn fast ein halbes Jahr nur Minuten in meiner Welt waren, dann müssen fast zwanzig Jahre in meiner Welt hier …

Ich sacke auf die Knie und presse die Hand vor den Mund, um das Schluchzen zu unterdrücken, das sich mit aller Kraft einen Weg nach draußen bahnt.

Zwar wusste ich, dass die Zeitströme anders verlaufen, aber der Wunsch, ihn wiederzusehen, war stärker als die nervige Stimme in meinem Kopf, die mir wieder und wieder sagen wollte, dass jedwede Hoffnung verloren ist.

»Mum, was ist los mit dir?« Liz packt mich an den Schultern und zwingt mich, sie anzusehen.

»Er … Er ist …«

»… tot«, beendet Gaia mein Gestammel. »Schon so lange, dass seine Knochen mittlerweile zu Staub zerfallen sind.«

Nun schaffe ich es nicht mehr, mich zu beherrschen. Ich schluchze hemmungslos und drücke dabei mein Gesicht an Lizzys Schulter. Doch nichts kann den Schmerz betäuben, der in mir wütet.

Ich habe keine Ahnung, wie lange mein Körper von meinen Weinkrämpfen geschüttelt wird, und es ist mir auch egal. Nachdem es mir endlich gelungen ist, wieder nach Mareia zu gelangen, erfahre ich nun, dass alles umsonst war. Es hat zu lange gedauert. Ich habe zu lange gezögert, nicht gründlich genug nach einem früheren Weg zurück gesucht.

Doch nein, das ist nicht richtig. Ich zwinge mich dazu, ruhig zu atmen, inhaliere dabei Lizzys vertrauten Duft und löse mich aus ihrer Umarmung. Ich hätte nicht früher gehen können, denn mein Mädchen hat mich gebraucht. Ich hätte sie nicht zurücklassen können, selbst für ihn nicht.

Sie war mein Licht in der Dunkelheit, als ich nichts weiter hatte als meine verschwommenen Erinnerungen.

»Es gibt einen Weg, wie du ihn wiedersehen kannst«, schaltet sich die Göttin erneut ein.

Sofort bin ich hellhörig und wirbele zu ihr herum. »Was für einen Weg?«

»Eine Aufgabe, für dich und deine Tochter«, antwortet Gaia und sieht uns abwartend an. »Meine Brüder, die Götter der Luft und des Wassers, sind der Meinung, dass dein Sieg und meine Erweckung nur geschehen sind, weil ich gemogelt habe. Sie meinten, ich hätte betrogen und haben dafür gesorgt, dass ich erneut versiegelt wurde, bevor die Zeit für einen neuen Hüter gekommen war. Ich habe die Zeitströme verschoben, um jetzt mit euch beiden reden zu können. Im Moment befinden wir uns hier im Zwischenraum.« Sie deutet mit einer Handbewegung auf das endlose weiße Nichts um uns herum.

»Gemogelt?«, frage ich fassungslos. »Sie … sie haben mir meinen Sieg aberkannt?«

Gaia nickt und sieht sogar ein bisschen zerknirscht aus. »Meine Brüder können sehr … aufbrausend sein.«

»Ich … Ich habe dafür gelitten, dich zu erwecken. Ich bin dafür gestorben, verdammt noch mal!«, schreie ich. »Wie können sie es wagen, das nicht anzuerkennen?«

Ein Schmunzeln huscht über die Lippen der Göttin. »Es freut mich zu sehen, dass du auch nach all den Jahren über dein altes Temperament verfügst. Leider bin ich machtlos gegen die Kraft meiner Brüder, deshalb musste ich mich ihrem Willen beugen. Ich wurde erneut versiegelt und meine Brüder werden zeitlich zu dem Punkt springen, den du durch deinen Wunsch erschaffen hast. Von da an werden wir den Wettstreit erneut austragen.«

»Wettstreit?« Meine Stimme überschlägt sich beinahe, als ich auf die Füße springe. »Ist bei euch eine Schraube locker? Bei der Erweckung werden wir verletzt, wir bluten und sterben sogar. Wir leiden. Und für euch ist das nichts weiter als ein beschissener Wettstreit? Ich glaube das alles nicht … Alles, was ich getan habe, war umsonst!«

»Nein«, sagt die Göttin schnell. »Du warst meine erste Hüterin, die mich erweckt hat. Und nur weil ich deinen Wächtern dabei geholfen habe, dich von der Insel des Wasservolkes zu retten, sind meine Brüder der Meinung, dass es beim letzten Mal nicht fair zugegangen ist.«

Ich verziehe den Mund, als ich mich an meine Zeit als Gefangene der Fischmenschen erinnere. Eingesperrt in einen Turm, abgeschnitten von der Kraft und dem Feuer meiner Wächter, vegetierte ich wochenlang vor mich hin. Mit jedem Tag, der verging, verlor ich mehr und mehr die Hoffnung auf Rettung und ergab mich schließlich den Forderungen des feindlichen Hüters. Er wollte mich zur Frau, wollte so ein Bündnis zwischen Erde und Wasser herstellen. Und nachdem ich innerlich zu Eis erstarrt war, willigte ich ein. Als meine Wächter mich retteten, war ich kurz davor, die Frau des Wasserhüters – Thunderstrikes Frau – zu werden.

»Du hast damals aufgegeben«, sagt Gaia, als könne sie meine Gedanken lesen. »Du hast deine Aufgabe vergessen und den leichtesten Weg gewählt. Ich konnte nicht zulassen, dass das geschieht, und deine Wächter sind zu dem Zeitpunkt wie aufgescheuchte Hühner umhergerannt, ohne etwas zustande zu bringen. Es war nicht möglich, länger zu warten, also musste ich eingreifen. Ich bereue nicht, dass ich gemogelt habe, denn ich weiß, dass es die einzige Möglichkeit war, nicht wieder als Verliererin dazustehen. Ich werde mich dafür nicht entschuldigen.«

Ich schlucke einige passende Erwiderungen hinunter und starre die Göttin an, bis ich mich wieder halbwegs unter Kontrolle habe. »Was ist diese Aufgabe, von der du gesprochen hast?«

»Da du deine Pflicht als meine Hüterin erfüllt hast, haben meine Brüder beschlossen, dass du nicht mehr meine Hüterin sein darfst.«

»Wie bitte? Wie können die einfach …«

Sie bringt mich mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Aber ich darf mir frei einen neuen Hüter wählen und mit ihm einen Berater.«

Gaia sieht mich abwartend an.

»Du willst meine Tochter als deine neue Hüterin«, schlussfolgere ich. »Und ich soll die Beraterin spielen, weil ich weiß, was von ihr erwartet wird. Habe ich recht?«

»Das trifft es, ja«, antwortet die Göttin.

Ich verschränke die Arme vor der Brust und stelle mich vor Liz. »Wie ich schon sagte, ich werde nicht zulassen, dass du meine Tochter da mit reinziehst. Sie ist keine Gamerin, keine Strategin, wie ich es war. Sie ist für den Posten nicht geeignet.«

»Das warst du auch nicht«, erwidert Gaia. »Du warst der Meinung, dass du in einem Spiel festsäßest, und warst so sehr damit beschäftigt, Herr über deine Gefühle zu werden, dass du dir nur unnötig selbst im Weg standest und dein wahres Potential nicht ausschöpfen konntest.«

Ich knirsche bei ihren Worten mit den Zähnen, gebe mir aber die größte Mühe, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie mit ihren Worten ins Schwarze trifft.

»Aber man wächst mit seinen Aufgaben, nicht wahr?«, sinniert die Göttin. »Deine Wächter haben es immer wieder geschafft, dich aufzurichten und anzutreiben, und wider Erwarten bist du vorwärts gestolpert. Warum sollte das deine Tochter nicht auch schaffen? Noch dazu, wenn sie dich als Beraterin hat?«

Ich werfe einen Blick über die Schulter und schaue Liz an. Bisher hat sie kaum etwas gesagt, seit wir hier sind. Wahrscheinlich ist es ein bisschen zu viel auf einmal, das sie verstehen und verarbeiten muss. Ich kann es ihr nicht verdenken. Aber ist sie dazu in der Lage, eine Hüterin zu sein? Ich weiß, was die Verlierer erwartet, und ich gehe nicht davon aus, dass der siegende Hüter so weitsichtig ist wie ich und seinen Wunsch dazu nutzt, das Opfer der anderen rückgängig zu machen.

»Ich kann das nicht zulassen«, sage ich an die Göttin gewandt. »Wenn sie verliert … Ich werde meine Tochter keiner solchen Gefahr aussetzen, ausgeschlossen!«

»Das ist deine einzige Chance, ihn wiederzusehen«, sagt Gaia und sofort gerät meine Entschlossenheit ins Wanken. »Elizabeth wird deine alten Wächter bekommen. Du kennst ihre Gaben und ihre Fähigkeiten und weißt, dass sie deine Tochter beschützen werden. Und sie hat dich.«

»Was soll ich denn ausrichten? Beim letzten Mal war ich froh, wenn ich ein Schwert an der richtigen Seite festgehalten habe. Ich hatte keinerlei Skills, nur die Kraft des Feuers, die ich aber diesmal nicht haben würde.«