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Als uneheliches Kind in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts fürchtete Rosa nichts mehr als die Ablehnung ihrer Mitmenschen. Sie wollte dazugehören, ein ganz normales Leben führen, doch das schien nicht möglich. Ihre eigene Mutter verleugnete sie und zwang sie, so zu tun, als wäre sie ihre Schwester. Rosa begehrte gegen diese Ungerechtigkeit auf, die ihr gesamtes Leben dominieren sollte. »Nenn mich nicht Mutter« ist eine wahre Geschichte, die die sozialen und moralischen Werte des bäuerlichen Lebens in Bayern ab 1920 widerspiegelt und zeigt, wie es das Leben einer Frau geprägt hat, die in so eine dörfliche Gemeinschaft hineingeboren wurde,
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2022
Isolde Martin
Nenn mich nicht Mutter
Roman
Copyright: © 2022 Isolde Martin
Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
Softcover
978-3-347-62556-3
Hardcover
978-3-347-62557-0
E-Book
978-3-347-62558-7
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Kapitel 1
Das Jahr 1923
Das Jahr 1923 war gerade mal einen Monat alt. Alle Tage dieses Monats waren so kalt, dass die Temperaturen immer unter der Null-Grad-Grenze blieben. Obwohl solches Winterwetter am nördlichen Fuß der Alpen allgemein als normal angesehen und erwartet wurde, betrachteten die Menschen es doch als Herausforderung, gut und gesund durch diese frostige Zeit zu kommen. Selbstverständlich empfanden die Bewohner dieses Landes Stolz auf ihre Fähigkeit, solche Bedingungen zu überstehen. Es fehlte ihnen nicht an gutem Essen und einem warmen Raum, zu dem sie zurückkommen konnten, um Finger und Zehen aufzuwärmen.
Es gab nur einen einzigen Raum, in dem großen Haus, der beheizt wurde, er fungierte als Wohnzimmer und Küche zugleich. Das entsprach zu dieser Zeit der Architektur und dem Lebensstil der Landwirte in diesem Land. Der Eingangsbereich, das Treppenhaus, das obere Stockwerk mit den Schlafzimmern und das Bad wurden der winterlichen Kälte überlassen. Man war stolz, zäh zu sein.
Nach dem Erwachen am Morgen wurden die Schlaftrunkenen oft von schönen angefrorenen Eisblumen am Fenster begrüßt. Dann galt es, die Kleidung noch kurz im warmen Federbett aufzuwärmen, bevor man blitzartig hineinschlüpfen konnte – unter der warmen Bettdecke, versteht sich. Aber weiter ging das Frieren, da es noch kein warmes Wasser gab. Persönliche Hygiene musste warten. Der Herd wurde sofort eingeheizt, da man warmen Kaffee und Frühstück brauchte. Damit wurde auch das Wasser warm.
An diesem Tag wurde das einzige Schlafzimmer im Erdgeschoss und auf der nördlichen Seite des Hauses etwas warm gehalten, indem man einfach die Tür zu der Stube offenließ. Zwei Frauen standen am Bett der Frau, die mit schmerzverzerrtem Gesicht dort lag. Das lag nicht nur an den Wehen, sondern auch an den bösen Worten, die ihre Mutter auf sie niederprasseln ließ. Die Hebamme Maria stand mit verschlossenem Gesicht dabei, ohne der Mutter Einhalt zu gebieten.
»Das macht nix, du verdienst diese Schmerzen«, fauchte die Mutter auf ihre Tochter Liz herunter. »Das passiert solchen Sünderinnen wie dir. Warum hast du diesem nichtsnutzigen, verantwortungslosen Mann nachgegeben?« In ihrer Wut und Enttäuschung, gepaart mit der Angst vor dem moralischen Urteil der Nachbarn und der Kirche, bedachte sie nicht, dass sie ihre dreizehn Kinder im gleichen Schmerz geboren hatte.
Ja, warum ließ Liz zu, diese Zeit mit ihm in der Scheune zu verbringen? Eine besondere Schönheit war er nicht. Aber er redete süß und charmant und hatte obendrein noch die Möglichkeit, eine Familie zu finanzieren. Liz war schon 29 Jahre alt und wusste, dass sie langsam zu alt wurde zum Heiraten. In dieser konservativen, christlichen Gegend war es aber kein Vergnügen, unverheiratet zu bleiben. Man wurde zum Gespött der Kommune. Aber jetzt, das wusste Liz, würde sie ans Ende der Hierarchie für heiratsfähige und moralisch einwandfreie Frauen sinken. Niemand würde sie jetzt noch als ehrbare Ehefrau und Mutter eines ledigen Kindes in Betracht ziehen. Sie musste einfach zu Hause bleiben. Oh ja, ihre Familie würde sie tolerieren, trotz ihres Fehltritts. Eine zusätzliche Arbeitskraft auf einem Bauernhof war immer willkommen. Später, nach dem Ableben ihrer Eltern, dürfte sie dann immer noch auf dem Hof bleiben, aber sie wäre ihrer Schwägerin unterstellt, sollte ihr Bruder, der vorgesehene Erbe des Hofes, heiraten. Liz zukünftiges Leben war vorbestimmt, aber es waren keine besonders erfreulichen Aussichten. Sie hatte etwas riskiert, für eine bessere Zukunft in ihrer eigenen Familie, aber es sollte nicht sein. Es war noch nicht mal schöner Sex, sondern hatte wehgetan. Sein süßes Gerede hatte sie zum Narren gehalten. Nach Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft zog sich der Kerl zurück, alle Beteiligung verleugnend. Nie kontaktierte er Liz wieder. Als ein respektierter Vater von eigenen vier Kindern war es leicht für ihn, sie der Lüge zu bezichtigen. Sie war offensichtlich eine leichtfertige Frau, warum würde sie sonst so weit weg von zu Hause arbeiten? Liz wusste, dass sie keine Chance hatte. Einmal eine Sünderin, immer eine Sünderin. Das war Usus. Sie entschied sich, ihren Kopf niedrig zu halten, nicht hervorzutreten, in der Hoffnung, dass die Leute vergessen würden. Schließlich, wie jede Mutter, musste sie ja auch ihre Tochter bedenken, die hier in die Schule gehen musste.
»Lass sie jetzt in Ruhe«, rief die Hebamme endlich der Mutter zu. Sie wollte ihre Gebärdende vor so viel mentalen Schmerzen zusätzlich zu den Wehen beschützen. Sie wusste, dass das soziale Urteil Liz’ Selbstwertgefühl, das Gefühl von Schande und Schuld kräftig senken würde. Aber auch der Priester des Ortes hatte immer wieder betont, dass solche Dinge nur in der Ehe passieren dürfen. Und nur dann sind sie keine Sünde. Selbstverständlich musste diese Sünde gebeichtet werden, sollte Vergebung möglich sein.
Liz kannte alle die Konsequenzen dieser einen, nicht mal besonders schönen Stunde und fühlte sich alleingelassen und hilflos.
***
Endlich war der Geburtsvorgang so weit fortgeschritten, dass das Baby das Licht der Welt erblicken konnte. Das kleine Mädchen wusste noch nicht, dass seine Ankunft in diesem Leben nicht die übliche Freude brachte, dass das Dorf sie als Kind der Unmoral betrachten würde. Wie könnte es auch anders sein? Diese Geburt passierte in einem Haus, das direkt neben der Kirche stand. Die Glocken würden dafür sorgen, dass die speziellen Umstände ihrer Geburt nicht vergessen werden konnten.
Liz versuchte, nicht zu schreien, sondern die Geburt ohne Ton durchzustehen. Ein erfolgloser Versuch, ihre angebliche Schande zu verheimlichen. Sie hätte gerne geschrien, aber solche wie sie waren dazu nicht berechtigt.
»Da ist deine Tochter«, sagte die Hebamme und zeigte Liz das erstaunlich kleine Kind.
Liz hob den Kopf, um das Baby sehen zu können, so wie es jede Mutter tun würde. Aber sofort spürte sie Unsicherheit, ob dieses Neugeborene auch eine Sünderin war. Sicher hatte sie nicht den gleichen Wert wie ein legitimes Baby, hatte nicht dieselben Möglichkeiten, die gleiche Wertschätzung, vielleicht noch nicht einmal die gleiche Liebe. Liz war sich nicht sicher, ob sie das Baby schon liebte. Ja, schon, aber sie fühlte auch Ambivalenz. Welche Gefühle waren erlaubt, welche sollte sie haben für ihre Tochter, die gerade mal ein paar Minuten alt war? Hatte der Priester darüber etwas gesagt?
Nichtsdestotrotz nahm sie das Baby von der Hebamme und stillte es unter der Bettdecke. Es war ja kalt im Zimmer. Sie war eine Mutter, ohne Zweifel, beschützend über ihrem Kind wachend. Die Natur machte keinen Unterschied zwischen legitim und illegitim. Die Menschen machen das, so wusste und dachte Liz. Diese Gedanken störten jedoch ihre mütterlichen Gefühle. Die gängige Meinung, die ihr ihre Eltern und anderen Dorfbewohner einflößten, dass dieses kleine Wesen die verbotene Frucht eines unmoralischen Aktes sei, ließ ihre mütterlichen Gefühle sich nicht in Frieden entfalten.
»Nimm es wieder zurück«, sagte Liz und hielt der Hebamme das Neugeborene hin.
Maria nahm das kleine Bündel, legte es in die Wiege und schaukelte es, bis es schlief.
***
Zwei Nächte und ein Tag waren seit der Geburt vergangen. Liz‘ Mutter schimpfte weniger und weniger, bis sie endlich ganz verstummte. Diese Oma, die anfangs das Baby ignorierte, die sich weigerte, der neuen Mutter beizubringen, wie man mit ihm umgehen musste, zeigte Anzeichen einer Änderung ihres Verhaltens. Gerade hatte sie das Baby aufgehoben, um es näher zu betrachten. Liz wusste, dass ihre Mutter im Gesicht des Kindes nach Merkmalen suchte, die dem des abwesenden Vaters oder ihrer eigenen Familie ähnlich waren. Das war wichtig, denn es würde proportional auf die Akzeptanz des Kindes in dieser Familie Einfluss haben. Dieses Kind war und blieb ein uneheliches, nichtsdestotrotz würde es ein Teil der Familie sein. Auf diese Art konnten die Ehre und der Stolz von den Großeltern beeinflusst werden. Man musste also hoffen, dass das Kind nicht dem Vater, sondern der Familie ihrer Mutter ähnlich sah. Wenn das Mädchen als eines der ihren identifiziert werden konnte, und nicht als die Tochter dieses Taugenichts von Vater, dann war schon etwas gewonnen.
Im Moment wusste niemand, wer der Vater war. Sie hatte ihn wahrscheinlich gelockt, wurde unterstellt, hatte sich selbst angeboten oder war einfach nicht keusch genug gewesen, so wie die Kirche und das sechste Gebote es bestimmten. Erst mal wusste man, wo Liz gearbeitet hatte. Es war eine Stunde entfernt, dieses Dorf, wo man links abbiegen musste. Und man wusste, dass dieses Gasthaus viele Gäste hatte, ein idealer Ort, die Moral zu vergessen. Somit konnte der Kreis der Verdächtigen verkleinert werden. Man würde es herausfinden!
Wie die meisten dramatischen und traumatischen Ereignisse im Leben, so beruhigte sich auch dieses und war bald nicht mehr das Topthema im Dorf. Die kleinen Babys hatten ihren eigenen ungekünstelten Charme. Blauäugig und unbedarft blickten sie die Menschen an. Auf diese unschuldige Weise gewann auch dieses kleine Baby, Rosa, die Herzen der Großeltern, ihrer vier Onkels, die noch ledig waren und zu Hause lebten, und ihrer Tante. Großmutter wiegte das Baby oft im Arm, wechselte die Windeln, wenn ihre Mutter draußen auf dem bäuerlichen Hof arbeiten musste. Sie wiegte das Kind in den Schlaf und wachte darüber.
Wenn Thekla, Baby Rosas Tante, auf Besuch zu Hause war, sang sie Schlaf- und andere Kinderlieder, die jedes Kind von der Familie vorgesungen bekommen hatte. Thekla schnitt sogar das Thema Taufe an, etwas, wovor Liz große Angst hatte: »Wann wollt ihr sie taufen lassen?«, fragte sie geradeheraus, was Liz mit Schweigen beantwortete. Schließlich konnte man eine Taufe nicht geheim halten, es würde in der Gottesdienstordnung stehen und jeder konnte es lesen.
Aber Großmutter antwortete scharf zurück: »Weiß noch nicht. Wer, denkst du, würde ihre Taufpatin sein wollen?«
Diese Frage schmerzte Liz sehr. Sie hatte Angst vor Ablehnung. Thekla aber spürte Mitleid mit ihrer Schwester.
»Ich werde nicht rumlaufen und Frauen fragen!«, stellte Großmutter klar.
»Mutter«, rief Thekla, »du solltest still sein. Du hast selbst zwei uneheliche Kinder geboren. Du hattest nur Glück, dass dieser Mann dich geheiratet hat und auch unser Vater wurde.« Theklas Ärger auf ihre Mutter wuchs.
Aber ihre Worte waren bei ihr angekommen. Ihre Mutter war plötzlich sprachlos. Töchter konnten nicht so mir ihren Müttern umgehen. Mutters Blick ging zu ihrem Mann auf der Suche nach Unterstützung.
»Ja und?«, fragte er. »Lasst die Vergangenheit ruhen.« Der Rest seiner Gefühle über uneheliche Kinder und deren Mütter blieb ungesagt. Niemand wusste, dass er diese ganze Angelegenheit überhaupt nicht als Sünde betrachtete. Für ihn war es schön, Söhne oder Töchter in die Welt zu bringen, egal unter welchen Umständen. Er hatte seine höchst persönliche Meinung über Moral und das sechste Gebot.
Thekla beendete das unangenehme Schweigen. Sie präsentierte ihre eigene Lösung des Taufproblems: »Ich werde selbst zum Priester gehen und werde Klein-Rosas Taufpatin sein. Somit wird sie nächsten Sonntag getauft, wie wir alle getauft worden sind.«
Großmutter und Liz waren sprachlos, aber sie hofften, dass diese Taufe nun stattfinden würde. Immerhin hatten sie von Fällen gehört, wo die Hebamme die Neugeborenen taufen musste.
Dieser Priester aber akzeptierte es, die Taufe durchzuführen. Nichts wurde bekannt über das Gespräch, das zwischen Thekla und dem Priester stattfand. Die Taufe wurde nicht im wöchentlichen Aushang aufgenommen. Alles ging sehr leise vonstatten, so wie es sich Liz gewünscht hatte. Trotzdem diese Angelegenheit positiv gelöst wurde, konnte sich die junge Mutter nicht von den Gefühlen der Schuld und Scham befreien. Letzteres war nicht so fest in ihrem Herzen verankert, da dieses Gefühl Hass und tiefe Enttäuschung auf den verantwortungslosen Vater dieses Kindes enthielt. Sie wusste, dass er von der Gesellschaft freigesprochen werden würde. Man benutzte das Argument, dass ein Mann eben einen starken sexuellen Trieb habe und er dem deshalb manchmal nachgebe. Aber es würde ja nicht passieren, wenn da nicht eine Frau wäre oder wenn sie es nicht erlauben würde.
Liz glaubte selbst an eine solche Philosophie. Aber jetzt schien das ganze Gefüge sehr einseitig. Sie hatte ein Kind großzuziehen, sie konnte nicht mehr heiraten, sie konnte nicht mehr zum Tanzen gehen und sie musste die öffentliche Verachtung ertragen. Aber sie hielt alle Gedanken und Gefühle im Herzen verborgen. Kein Wort darüber kam ihr über die Lippen. Was würde es nützen? Es würde nur die Debatte über ihr Fehlverhalten anheizen. In ihrem Kopf allerdings rumorte es: Muss ich jetzt für immer so leben? Werde ich immer die gefallene Frau sein, unpassend für eine Ehe, eine zweite KlasseFrau? Manchmal fühlte sie Verzweiflung und Wut. Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihr Schicksal zum Besseren wenden konnte.
Liz hatte eine Schlaflosigkeit entwickelt. Selbstverständlich stillte sie das Baby. Sie tat das aber mit gemischten Gefühlen. Da war einerseits die Freude, ihre kleine Tochter zu bemuttern. Aber auf der anderen Seite war gerade sie der Beweis ihres moralischen Falls, wie man es damals eben verstand. Ohne sie würde Liz immer noch die schöne, begehrenswerte Frau, blond und blauäugig, sein. Dieser Konflikt wuchs und wuchs in ihr. Eventuell wuchs auch die Angst vor eben diesem Konflikt.
Eines Tages kam Liz zu einem Schluss. Sie wandte sich an ihre Schwester Thekla, die gerade zu Hause wohnte, da sie ohne Arbeit war: »Bevor du heute Abend schlafen gehst, komm bitte in mein Schlafzimmer«, bat sie.
»Mach ich«, sagte Thekla und wunderte sich ob dieser ungewöhnlichen Bitte.
Später am Abend fand Thekla das Baby schlafend in der Wiege. Ihre Mutter aber lag wach im Bett. Ihre schönen Augen waren fest geschlossen, konnten aber das Durchsickern der Tränen nicht verhindern. Ihre Lippen waren fest zusammengepresst.
»Was ist los?«, fragte Thekla.
Liz deutete mit einer Kopfbewegung auf ihre schlafende Tochter und sagte: »Nimm sie mit in dein Schlafzimmer, damit ich ihr nichts antue.«
Thekla zog ihre Augenbrauen hoch, soweit es möglich war. Ungläubig starrte sie auf ihre Schwester.
»Es ist doch nicht so schlimm. Sei nicht albern. Es wird vorüber gehen. Wir alle lieben die Kleine«, sagte Thekla mit lauter Stimme.
»Ja, freilich«, sagte Liz. In ihrer Stimme lag kein Glaube an Theklas Statement.
»Ich kann das jetzt schon machen«, meinte Thekla, »aber ich werde nicht immer hier sein.«
Darauf kam keine Antwort von Liz. So nahm Thekla das Baby in ihre Arme und nahm es mit in ihr eigenes Schlafzimmer.
Am nächsten Morgen wachte Klein-Rosa an einem unbekannten Ort auf und fing an zu schreien.
In dieser Zeit damals verstanden Männer wie Frauen, dass Babys von Frauen betreut wurden. Männer hatten fast nichts mit den Kleinen zu tun. Diese Familie war keine Ausnahme. Diese Regelung hatte alle Zeiten überstanden. Aber die Onkel dieses Babys wurden Schritt für Schritt, und einer nach dem anderen, langsam zu der Magie dieses neuen und so kleinen Wesens, das sich vor ihren Augen entfaltete, hingezogen. Man konnte sie beobachten, wie sie Babylaute in die Wiege sprachen, die kleinen Hände hielten oder den Kopf streichelten. Kon, der jüngste der Onkel, nahm sie manchmal in seine Arme und hielt sie hoch über seinen Kopf. Er freute sich riesig über die Geräusche von Vergnügen seiner Nichte.
Als sich die grobmotorischen Fähigkeiten langsam weiterentwickelten, zeigte das Baby Zeichen von Freude und Erkennen, wenn ihr Onkel kam. Sie streckte ihm ihre kleinen Arme entgegen: Komm zu mir, spiel mit mir. Und so wurde der Grundstein gelegt für eine vertrauensvolle Verbindung, die ein Leben lang halten sollte.
Aber solche Akzeptanz und Liebe erfuhr Rosa auch von ihren anderen Onkeln, sogar von jenen beiden, die nicht mehr zu Hause lebten. Es schien einen Konsens zu geben, dass dieses Kind eine von uns ist.
***
»Was willst du?«, sagte der Älteste zur versammelten Familie, »sie hat keine Schuld.« Seine Meinung konnte in ihrer Wichtigkeit nicht unterschätzt werden, denn er wurde später der Besitzer dieses Anwesens.
Es war damals normal, dass unverheiratete Geschwister auf dem Hof bleiben konnten, bis zu ihrer Eheschließung. Aber eine gefallene Schwester mit ihrem Kind für immer zu behalten, war eine andere Sache. Schließlich war da irgendwo ein Mann, der seiner Verantwortung nicht gerecht wurde. Sollte er für immer davon kommen?
Und so kam es, dass Rosa in voller Akzeptanz und mit Liebe in die Familie ihrer Mutter aufgenommen, ja integriert wurde. Sie hatte Vertrauen in ihre Onkel und die anderen Familienmitglieder. Sie wusste, dass sie geliebt wurde. Unerwarteterweise erfuhr Rosa Schutz gegen die Anfeindungen der Menschen mit anderen moralischen Vorstellungen und hatte deshalb eine fast vollkommen glückliche Kleinkinderzeit. Niemand gab mehr einen Kommentar wegen ihrer illegitimen Geburt ab. Das allerdings sollte sich noch ändern. Trotz aller glücklichen Kindertage hatte Rosa bereits begriffen, dass sie keinen Vater hatte, wie ihre Schul- und Spielkameraden. War sie nicht so gut wie alle anderen?
Mit diesem Wissen und dieser Frage entwickelte Rosa einen sensiblen Charakterzug. Sie brach leicht in Tränen aus, manchmal schien es ohne Grund zu passieren. Ein andermal war der Grund offensichtlich, aber nicht schlimm genug, um zu weinen. Das war besonders auffällig, wenn ihre Mutter sich anschickte, mit dem Fahrrad in das Nachbardorf zu radeln. Dort gab es ein größeres Geschäft. Da weinte Rosa nicht nur, sie heulte laut, wenn sie nicht mitfahren durfte. Die Erwachsenen in der Familie sahen sich erstaunt an. Was hatte sie nur? Es war keine verständliche Reaktion.
»Hör auf!« Ihre Großmutter sprach in scharfem Ton. »Es gibt keinen Grund zu weinen. Deine Mutter wird nur ein paar Stunden weg sein.«
Rosa beruhigte sich aber nicht. Großmutter wusste nicht, dass ihre Enkelin fürchtete, ihre Mutter könnte nicht zurückkommen.
Liz allerdings liebte diese kleinen Ausflüge zum Geschäft. Es gehörte zu ihren Aufgaben, benötigte Dinge zu besorgen. Das nachbarschaftliche Örtchen lag auf einem Hügel, von dem man eine Panoramaaussicht hatte. Liz aber hatte kein Auge dafür. Ihre Mutter hatte ihr das benötigte Geld gegeben und das musste reichen für die Einkäufe für etwas Stoff, Spitzen, Strick-, Haarnadeln und Ähnliches. Liz hatte des Öfteren klug eingekauft, sodass ihr etwas übrig blieb für blaue Bänder für sich und ihren Sommerhut. Blau passte so gut zu ihrer blauen Augenfarbe. Jetzt aber war sie Mutter, legitim oder nicht, und kaufte ein paar Süßigkeiten für ihre Tochter. Es bereitete ihr Freude, das Gesicht von Rosa lächeln zu sehen, wenn sie ihr die Süßigkeiten gab. Es war aber ein Problem, das Bonbontütchen vor ihrer eigenen Mutter zu verstecken. Sie fürchtete ihre Reaktion, wenn knappe Familienressourcen für etwas verwendet wurden, das man nicht unbedingt brauchte. Hier war er wieder, der Gedanke, dass Rosas Existenz nicht geplant war. Liz fühlte immer noch Zwiespältigkeit wegen ihrer Tochter. Nichtsdestotrotz gewannen oft ihre mütterlichen Gefühle die Oberhand. Wann immer sie Rosa Bonbons zustecken konnte, befahl sie ihr, sie draußen oder in der Sandkiste zu lutschen: »Sag es niemand.«
Mit ihren vier Jahren war es eigentlich nicht mehr notwendig, Rosa wegen der Extras zur Geheimhaltung anzuhalten. Sie hatte diesen Gedanken schon integriert zusammen mit dem Gefühl, dass ihre Mutter sie ja doch liebte. Aber wie dieses Verhalten ihrer Mutter zu verstehen war, wenn sie sie mal zurückwies, verwirrte Rosa. Eigentlich hatte Rosa doch manchmal Zweifel, was die Mutterliebe anbetraf, denn sie bekam auch Verhalten in Konflikt mit anderen Begebenheiten. Es war noch nicht so lange her, dass Rosa eine solche Situation erfahren musste. Sie war nicht nur unverständlich, sondern auch äußerst schmerzlich:
An einem Regentag stand Rosa in der Haustür und hatte Schwierigkeiten, ihre Gummistiefel anzuziehen. Da sah sie ihre Mutter den Hof überqueren und in Richtung Scheune gehen. »Mutter, ich kann meine Stiefel nicht anziehen. Hilf mir.«
Liz sah nach ihrer Tochter und legte ihren Finger über die Lippen. Sie bedeutete Rosa, nicht zu schreien. »Setz dich auf die erste Stufe«, sagte sie zu Rosa, »dann zieh ich dir deine Stiefel an. Und ruf mich nicht immer Mutter. Nenn mich mit meinem Namen. Sag einfach Liz zu mir.« Ihre Worte waren fast nur gewispert.
Klein-Rosa war sprachlos und verwirrt. Mit großen fragenden Augen blickte sie in das Gesicht ihrer Mutter. Sie hatte ihre Spielkameraden das Wort Mutter benutzen hören. War das nicht das richtige Wort? Rosa hätte ihre turbulenten Gefühle nicht beschreiben können. Sie fing an zu weinen.
Sofort nahm Liz sie in die Arme und versuchte, sie zu beruhigen. »Wein nicht, Rosa. Ich bin deine Mutter. Nenn mich halt nur nicht so.«
Niemand auf dem großen Gehöft war Zeuge dieses Austausches zwischen Mutter und Tochter. Somit wusste niemand, welchen Konflikt und und welche Schmerzen Klein-Rosa gerade mit sich selbst austragen musste.
Irgendwann später an diesem Tag sah Onkel Kon Rosa auf der Eingangsstufe sitzen und weinen. Er fragte nach ihren Problemen, obwohl er eigentlich keine Antwort erwartete. Er hob sie auf und trug sie zum Wagen, der schon an den Ochsen angehängt war. Vorsichtig setzte er Rosa in die Mitte der Plattform und ließ das Tier anfahren. Er setzte sich neben seine Nichte, die er mit einem Regenmantel bedeckte. Als die Fahrt langsam dahin ging, sprach Kon mit Rosa, deutete auf alle Wasserpfützen, kleine Bächlein auf der Straße, und andere Dinge, die Rosa von ihrem Kummer ablenken sollten. Es tat das sehr wohl und gut. Sie schien sich zu beruhigen. Ihre kleinen Arme schlagen sich um Kons Hals und ihre Wange presste sie an Kons Gesicht.
Solche kleinen Lebenshilfen in Zeiten von Stress funktionierten auch mit ihren anderen Onkeln. Stefan, wenn er auf Besuch zu Hause war, hatte seine eigene Methode, die Kleine zum Lachen zu bringen: Er setzte sie auf seine Knie, mit einer Hand an ihrem Rücken. Dann machte er eine Hautfalte in ihr Knie und sagte: »Schau Rosa, das sieht aus wie das Maul eines kleinen Kalbes.« Rosa kreischte vor Vergnügen. »Noch mal«, sagte sie dann. Und er tat es noch mal, solange, bis sie von dem Spiel müde wurde. Abschließend fragte sie dann manchmal: »Magst du mich?«
Sie war jetzt fünf Jahre alt. Aber manchmal brauchte sie diese Versicherung.
Natürlich gab es noch andere Quellen, aus denen Rosa emotionelle Wärme beziehen konnte, wenn diese auch nicht von Menschen stammte. Der gesamte Bauernhof war ein lebendiger Platz mit viel Flora und Fauna. Klein-Rosa wurde nahezu überall mit hingenommen, wo es landwirtschaftliche Arbeit gab. Sie durfte mit auf die Wiesen gehen, wenn das Gras geschnitten werden musste. Da stand sie inmitten der vielen bunten Blumen, wie in einem Gemälde von Monet. Sie durfte zur Ernte mitfahren, wenn die Wagen mit Getreidepflanzen beladen wurden. Sie liebte es, hoch auf dem Wagen nach Hause fahren zu dürfen. Kon hob sie hoch und wieder runter, mit starken, beschützenden Händen. Eine Fahrt in den Wald, sei es Winter oder Sommer, war für sie immer ein Erlebnis. Dort duftete es nach Waldboden, Nadelbäumen und Moos. Mit Letzterem konnte man ein weiches Bett bauen, auch wenn ihr Popo etwas nass wurde, wenn sie darauf lag. Es gab auch genug zu tun: Da gab es Himbeeren, Heidelbeeren, Brombeeren und nicht zuletzt Pilze zu sammeln. Rosa fürchtete sich kaum, ins Dickicht zu kriechen. Dorthin, wo die Hexen sein könnten oder wo Hänsel und Gretel sich versteckten, wie es in dem gleichnamigen Märchen hieß.
Aber über allen Dingen, die Rosa Freude machten, standen die Tiere, vor allem die Baby-Tiere. Da gab es kleine Kälbchen, rosige kleine Schweinchen, gelbe flaumige Entchen und die feuchten Gänschen, die sie beobachtete, wie sie aus ihren Eiern schlüpften. Alle durfte sie in ihrer Hand halten. Sie hatte keine Angst vor den Kleinen. Die kleinen Kätzchen aber waren ihre absoluten Lieblinge. Hier, so wusste sie schon, musste sie allerdings etwas vorsichtig sein, denn die Katzenmamas waren sehr aufmerksam mit ihren Babys. Aber wenn sie nicht mehr gestillt werden mussten, schliefen manche der kleinen Kätzchen in ihrem Schoss. Rosa fühlte sich geliebt und liebte zurück. Es war der gängige Glaube damals, dass Katzen das Fieber reduzieren konnten. Wenn Rosa im Winter an Grippe erkrankte, durfte sie deshalb eine Katze in ihrem Bett haben. Ein starkes Band entwickelte sich dabei zwischen Rosa und den Katzen.
Nach dem Desaster von Rosas unehelicher Geburt und mit nur einem Elternteil in ihrem Leben, hatte sich das Mädchen, wenn man nur die Oberfläche betrachtete, sehr in das Leben auf dem Familienbauernhof eingefügt. Sie schien sich gut und fröhlich zu fühlen. Sie genoss den Schutz ihrer Großeltern und ihrer zögerlichen, ambivalenten, aber liebenden Mutter. Zusätzlich genoss sie die Akzeptanz und ebenfalls den Schutz ihrer Onkel. Aber bald musste sie lernen, dass sie diesen Rückhalt von ihrer Familie brauchte. Einige Einwohner des Dorfes glaubten fest daran, dass ledig geborene Kinder nicht gleichwertig mit Kindern von verheirateten Eltern waren. Man wusste es doch schon immer, dass ledig geborene Babys ein Produkt der Sünde waren. Oder etwa nicht?
Trotzdem schien Rosa ein glückliches Kind zu sein. Sie hatte viele Spielkameraden. Es waren in jedem Haus in der Nachbarschaft mindestens zwei in ihrem Alter. Die Kinder gingen ohne Probleme in die Häuser der Kameraden, das war Usus. Es gab ein reges Sozialleben zwischen den Kleinen. Wenn das kindliche Geplapper aber deren Väter betraf, wurde Rosa ruhig. Am liebsten schwieg sie. Obwohl sie eigentlich davon laufen wollte, hielt sie es aber aus.
Sie hatte schon einmal zur verbalen Verteidigung greifen müssen: Einmal sagte der fünfjährige Alois vom Nachbarhaus auf der anderen Seite der Dorfstraße zu ihr: »Du hast doch keinen Vater! Meine Mama sagte, dass er deine Mutter nicht wollte.«
Überrascht starrte Rosa Alois an. Ihr Herz schlug wild. »Spinnst du? Das ist nicht wahr!«, schrie Rosa Alois ins Gesicht. Aber dann blickte sie auf den Sand vor ihr und schwieg, als ob sie nichts gehört hätte.
Maria setzte sich zu ihr und fragte nach: »Warum hast du keinen Vater?«
Rosa fing an zu weinen und rannte zu ihrer Großmutter, um Schutz zu suchen. Diese war meist im Haus, um zu kochen. Ihre Mutter arbeitete draußen und war deshalb oft schwer zu finden. Rosa hatte auch schon erfahren, dass Mutter ihre Arbeit nie allzu lange unterbrach, um sie zu beruhigen. Meistens war auch mindestens einer von ihren Brüdern in der Nähe. Dies brachte Liz’ mehr oder weniger unterdrückte Gefühle der begangenen Sünde und Schande an die Oberfläche. Sie glaubte, dass sie nicht allzu viel Zeit mit ihrer Tochter verbringen konnte, denn diese sollte es ja gar nicht geben.
An diesem Tag aber war Liz gerade in der Küche. Sie drückte ihre Tochter kurz und stark an sich und gab ihr den für Rosa nicht leicht verständlichen und durchführbaren Rat »Mach dir keine Sorgen. Sag den anderen einfach, sie sollen ihren Mund halten.« Niemand aber sah die tränengefüllten blauen Augen, wenn sie selbst fühlte, dass sie ihre Tochter zu schnell wieder wegschicken musste.
Bei ihrer Großmutter fand Rosa mehr Zeit, sich zu beruhigen und ihre Tränen zu trocknen. Manchmal rannte sie deshalb zu beiden nacheinander, erst zu ihrer Mutter und dann zu ihrer Großmutter. Aber mehr und mehr suchte sie erst ihre Großmutter auf.
Ihre Großmutter hatte auch den Namen Mutter. Klein-Rosa hatte gelernt, ihre eigene Mutter bei deren Vornamen Liz zu nennen. Es war in ihrem Gedächtnis fest verankert und blieb dort ein Leben lang. Aber für den Moment war sie nicht gänzlich ohne das Wort Mutter, denn sie hörte ihre Mutter und ihre Onkel Großmutter mit Mutter ansprechen. Sie war auch deren Mutter. Sie war eigentlich jedermanns Mutter in der Familie. Deshalb rief Rosa ihre Oma auch Mutter. Niemand korrigierte sie. Obendrein konnte Rosa auch ihren Großvater mit Vater, wie alle anderen, ansprechen. Somit hatte sie eben doch eine Mutter und einen Vater, genau wie die anderen Kinder auch.
Kapitel 2
Die Schuljahre
Rosas Leben war zumindest an der Oberfläche angepasst. Sie hatte ihre Unehelichkeit, die Abwesenheit ihres Vaters, den Namen ihrer Mutter in ihrem Gedächtnis abgespeichert. Sie hatte jemanden, den sie Vater und Mutter nennen konnte und die sie liebten. Auf diese Weise hatte das kleine Mädchen eine einigermaßen glückliche Kindheit. Sie entwickelte sich zu einem physisch starken sechsjährigen Mädchen mit dicken, brünetten Zöpfen. Zusammen mit ihren grünen wachsamen Augen und ihrem freundlichen Verhalten entzückte sie die Dorfbewohner. Besonders ihr Lachen wurde gerne gehört. Es klang wie Wasser, das über die Steine in den Bächen floss. Leider aber war sich Rosa ihrer Attribute nicht bewusst und verfiel immer wieder in Kämpfe mit ihrem Selbstvertrauen. Deshalb war sie auch scheu und zog es vor, Besuchern aus dem Weg zu gehen. Es sei denn sie waren Nachbarn, die sie schon seit ihrer Geburt kannten.
Rosa lebte nicht nur auf einem Bauernhof. Ihre Familie betrieb gleichzeitig eine Schmiede, die alles herstellte, was man auf einem landwirtschaftlichen Betrieb brauchte. Also wurden auch der Bauern Pferde mit Hufeisen beschlagen. Rosa liebte es zuzusehen. Sollte jemand taktlos genug sein und sie fragen, wo ihr Vater war, lief sie einfach davon.
Anders aber verhielt sie sich mit ihren Spielkameraden. Sie konnte bei ihnen sehr streng und selbstbewusst sein. Sie hatte kein Problem, die Kinder zurückzuweisen, wenn sie sich bedrängt fühlte.
Die Dorfschule war nur zwei Minuten zu Fuß von ihrem Haus entfernt. Während der Pausen spielten und tobten die Schulkinder auf dem freien Platz vor dem Hof, dort wo ansonsten die Bauern ihre Pferde und Wagen parkten, wenn sie etwas von der Schmiede brauchten. In letzter Zeit mischte sich Rosa gerne unter diese Schulkinder und lief bei deren Spielen mit. Das war auch gut so, denn im kommenden September 1929 würde sie auch zur Schule gehen und zu diesen Kindern gehören. In ein paar Monaten würde sie in die erste Klasse kommen.
Rosa freute sich auf ihren Schulbeginn. Gleichzeitig fürchtete sie sich auch davor. Sie kannte den Lehrer, von dem man wusste, dass er streng, aber gerecht sei. Aber was hieß das schon? Auch der Priester würde zweimal pro Woche für eine Stunde Religionsunterricht kommen. Ihn fürchtete Rosa. Sie war schon oft mit ihrer Großmutter in der Kirche gewesen, wo der Mann dann, oft während er predigte, schimpfte und gar schrie. Obwohl Rosa nicht verstand, was ihn so verärgerte, fühlte sie sich dabei sehr unwohl und drückte sich dann Schutz suchend an ihre Großmutter.
***
Rosas Garderobe war nie üppig. Dazu fehlten das Geld und auch das Verständnis. Eitelkeit war nicht gewollt. Sie bekam nur, was sie wirklich brauchte. Außerdem war es Usus, in ihrer Umgebung selbst zu schneidern oder zu stricken, was man konnte. Das war sparsam. Rosa wurde in diese Art des Denkens schon sehr früh eingeführt. Aber ein Schulanfang war eine besondere Sache. Es war wichtig für Liz, dass ihre Tochter nicht ärmlich aussah, sondern genauso wie alle anderen Schulanfängerinnen.
Rosa war höchst erfreut und wollte durchaus positiv hervortreten an ihrem ersten Schultag. Sie freute sich über zwei neue Kleider, neue Schuhe, zwei neue Schürzen und blaue Bänder, die den Abschluss ihrer schönen langen Zöpfe bilden sollten. Die anderen Mädchen würden sicherlich neidisch werden. Es gab keinen Grund, dass sie wegen unpassender Kleidung verspottet werden konnte. Die Schule fing gut an.
Endlich war der erste Schultag da. Rosa fühlte eine Mischung aus freudiger Erregung und Angst. Mit ihrem neuen Kleid, ihren neuen Schuhen und den blauen Bändern im Haar drehte Rosa sich in der Stube im Kreis, damit der Rock fliegen konnte.
»Du bist ein hübsches Mädchen«, bemerkte ihre Großmutter mit einem seltenen Lächeln auf ihrem Gesicht.
Liz betrachtete schweigend ihre Tochter. Ihr Herz klopfte stark in ihrer Brust. Sie wusste, was Rosa in der Schule alles erleben konnte, das schmerzhaft sein könnte. Liz hatte Angst davor. Würden der Lehrer und der Priester sie wegen ihrer unehelichen Geburt anders behandeln? Würden die anderen Kinder ihre Tochter deswegen verspotten? Sicher war Rosa nicht das einzige Kind, das einer unverheirateten Mutter geboren wurde, das zählte aber nicht viel. Alle unehelichen Kinder wurden sozial als nicht vollwertig angesehen und deshalb oft benachteiligt. Liz wusste das aus ihrer eigenen Schulzeit. Ledig geborene Kinder hatte es schließlich schon immer gegeben.
Liz war dankbar, dass ihre eigene Mutter ihr geholfen hatte, die neuen Kleider für Rosa zu nähen. Rosa war sicher nicht anders gekleidet als die anderen Kinder. Da gab es Schülerinnen, die aus armen Familien kamen. Aber Liz fühlte Ambivalenz. War es nicht etwas pompös für Rosa so auszusehen, als ob sie reich wäre, als ob sie einen reichen Vater hätte? Auf der anderen Seite konnten neue Kleider Rosas sozialen Geburtsfehler kaschieren. Und das war eine Menge wert!
Die Kinder vom Dorf brauchten nur fünf bis zehn Minuten, um in das Schulgebäude und in das einzige Klassenzimmer zu kommen. Die anderen Schüler, die einen viel längeren Weg hatten, wurden von ihren Müttern gebracht. So wurde Rosa mit einem »Sei gut« in die Schule geschickt, ohne Begleitung, was sie stolz machte. Und das wars.
Sie rannte zur Schule und wartete von dem Eingang, bis der Lehrer kommen und die Tür aufsperren würde.
Schnell versammelten sich alle anderen Kinder, die im Dorf wohnten, vor dem Eingang. Das Schöne war, dass Alois auch schon da war. Rosa stand in der Mitte der versammelten Kinder. Wachsam beobachtete sie, ob da Zeichen der Geringschätzung oder Spott für sie war, aber mitnichten! Jedes Kind wartete aufgeregt auf den Einlass und die Zeit und die Geschehnisse, die dann folgen mussten.
Endlich kam der Lehrer und ließ seine Schüler ein. Er bat sie, leise zu gehen. Rosa tat das mit leichtem Herzen und voller Erwartung. Sie hatte die erste Hürde genommen.
Das Klassenzimmer hatte zwei Sitzreihen. Auf der linken Seite befanden sich Stühle mit Tischen, die für zwei Schüler nebeneinander gedacht waren. Auf der rechten, der Fensterseite, stand die gleiche Konstruktion Möbel, jedoch gleich für vier Kinder nebeneinander. In diesen Bänken saßen die Schüler von der ersten bis zur vierten Klasse. Rosa jedoch wollte nicht in der ersten Reihe sitzen müssen. Der Lehrer wäre immer direkt vor ihr, die meisten anderen Kinder wären hinter ihr. Sie wäre immer im Sichtfeld aller anderen. Das gab ihr ein sehr ungutes Gefühl. Nein, sie wollte etwas weiter hinten ihren Platz haben, fast etwas zum Verstecken. Schnell entschied sie sich und lief zur zweiten Reihe und zum ersten Platz gleich neben dem Fenster. Wenigstens hatte sie dann vier Schulkameraden zwischen sich und dem Lehrer.
Aber dieses Glück sollte nicht lange währen. Mit donnernder Stimme wies der fast glatzköpfige Lehrer die Kinder an, ruhig zu sein. Er würde kein Geschwätz erlauben, sprechen war nur erlaubt, wenn er ausdrücklich jemanden dazu aufrief. Nun aber, was die Sitzordnung anbetraf, würde er jetzt die Plätze zuweisen – nach seinem Dafürhalten. Rosas Herz machte einen starken Schlag. Wie durch einen dicken Nebel hörte sie ihren Lehrer, wie er Alois auffordert, mit Rosa den Platz zu tauschen, er wäre zu groß für die erste Reihe, während Rosa umgekehrt zu klein für die zweite Reihe sei.
Alois nahm seinen Schulranzen und seine Jacke, drehte sich um und sah Rosa an. Diese saß still und steif da, als ob sie sich verhört hätte.
»Geh und nimm deine Sachen, Rosa! Oder hast du mich nicht gehört?«
Rosa wusste, dass man dem Lehrer folgen musste, keine Frage. Tränen brannten in ihren Augen vor Enttäuschung und ihrer Abneigung von der ersten Reihe. Aber sie stand auf und ging zu Alois’ Platz. Als Alois zu Rosa kam, seinen Rücken zum Lehrer, machte er eine triumphierende Grimasse in ihre Richtung. Es ärgerte Rosa sehr. Sie entschied sofort, dass sie das Alois heimzahlen würde. Heute Nachmittag, wenn sich die Dorfkinder zum Ball- oder Versteckspiel trafen, würde sie Alois zum Verlierer machen. Das war einfach, denn sie konnte sehr schnell laufen. Alois konnte sie nicht erwischen.
Aber vorher musste noch dieser erste Schultag überstanden werden. Der Lehrer versuchte, die neuen Erstklässler zum Sprechen zu bewegen. Eine zu diesem Zweck gestellte Frage war die nach den Namen der Eltern. Der Lehrer brauchte diese Information nicht, denn er hatte eine Liste mit allen Neulingen und ihren Eltern. Mit klopfendem Herzen hörte Rosa drei ihrer Schulkameraden zu, wie sie aufstanden und den Vor- und Zunamen ihrer Eltern sagten. Manche standen dort mit hängendem Kopf, nervösen Blicken oder gar mit Stottern, je nachdem, wie groß die Ängste waren. Mit Herzklopfen und einem roten Gesicht wartete Rosa, aufgerufen zu werden. Niemand hatte ihr gesagt, wie sie eine solche Frage beantworten sollte. Schnell war sie an der Reihe. Ebenso schnell hatte sie aber schon eine Lösung für ihr Problem gefunden. Ohne einen weiteren Gedanken benannte sie ihre Großeltern als Mutter und Vater. Schließlich nannte sie jeder in ihrer Familie Mutter oder Vater. Das war keine Lüge. Ihr Lehrer akzeptierte Rosas Aussage ohne ein weiteres Wort. Er wusste Bescheid, was Rosas uneheliche Geburt anbetraf. Rosa hatte gerade die zweite Hürde genommen. Aber das war noch nicht das Ende ihrer Qual.
»Ist Liz auch deine Mutter, Rosa?«, fragte der Lehrer noch.
Rosa nickte nur.
Aber Alois, ihr Spiel- und Schulkamerad rief, mit der besten Absicht Rosa zu helfen: »Sie hat keinen Vater!«
Der Lehrer zeigte mit einem dünnen Zweig, von einem Weidenbaum geschnitten, auf Alois und polterte mit lauter Stimme: »Du bist ruhig! Ich habe dich nicht gefragt.«
Rosas Augen füllten sich mit Tränen, die sie aber tapfer zurückhielt.
»Rosa, setz dich!«
So begann der erste Schultag in der ersten Klasse.
Es war Ruhe eingekehrt unter den Abc-Schützen. Mit großen Augen starrten sie den Lehrer an, um zu hören, was sie machen mussten. Rosa saß kerzengerade. Sie freute sich zu lernen, hatte ihr doch Kon schon das Alphabet beigebracht. Ihr Herz pochte nicht mehr so stark. Sie wusste, dass ihr gute Arbeit in der Schule Respekt verschaffen würde. Damit war die Möglichkeit des Spottes oder das Thema Vater gebannt. So glaubte sie jedenfalls. Deshalb freute sie sich auf die Schule und auf das Lernen. Das sollte ihr in den kommenden Jahren zugutekommen und ihr Selbstbewusstsein stärken.
Nach vier Stunden Schule durften die Kinder nach Hause gehen. Der Lehrer führte sie paarweise zum Haupteingang. Dort öffnete er die Tür und übergab die weit entfernt wohnenden Buben und Mädchen ihren Müttern. Die Dorfkinder allerdings stürmten von der Tür aus los. Rosa lief über den Friedhof, da dies ihren Weg abkürzte und sie dort kein Auto befürchten musste.
Ihre Onkel sahen sie kommen.
»Hast du eine Ohrfeige erhalten?«, fragte Jakob.
»Hat es dir gefallen, war es schön?«, fragte Kon.
»Ja«, antwortete Rosa auf Kons Frage mit einem Grinsen.
Freude erfüllte sie über die Aufmerksamkeit, die sie erfuhr. Sie hatte es getan! Sie war jetzt eine Schülerin der ersten Klasse. Der Stolz stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Nervös wartete Liz im Haus auf ihre Tochter. »Haben sie dich nach deinen Eltern gefragt?«, fragte sie, wobei sie das Wort Vater vermied.
Rosa fühlte ihr Gesicht heiß werden. Wahrheitsgemäß antwortete sie: »Ich habe gesagt, dass Großmutter und Großvater meine Eltern sind. Das ist ja auch wahr, oder?«, forderte Rosa ihre Mutter heraus.
Ohne ein Wort legte Liz ihre Hand auf Rosas Kopf und streichelte ihr lobend die Haare. So wusste Rosa, dass sie es richtig gemacht hatte und dass sie geliebt wurde. Am nächsten Tag um acht Uhr morgens würde Rosa wieder in der Schule sein, und das für die kommenden sieben Jahre.
Am nächsten Morgen mussten sich die Schulkinder schon um sieben Uhr in der Dorfkirche versammeln, wo eine Messe speziell für sie abgehalten wurde. Das war aber keine große Herausforderung für Rosa. Ihre Mutter, ihre Großmutter und ihre Onkel mussten alle schon um fünf Uhr aufstehen, da die Milchkühe gemolken und das Feuer in der Schmiede angefacht werden musste. Obwohl Rosa etwas länger schlafen durfte, war das Frühaufstehen für sie nichts Ungewöhnliches. Und der September war noch ein warmer Monat. Auch in die Kirche zu gehen war Rosa schon vertraut. Großmutter und Mutter hatten sie schon früher mit zur Messe genommen. Nun aber, als Schulkind, musste sie in den ganz vorderen Reihen, gleich vor dem Altar, mit ihren Mitschülerinnen knien. Das mochte Rosa nicht. Sie war sich bewusst, dass alle Erwachsenen, speziell ihre Mutter und Großmutter hinter ihr knieten und sie sehen konnten. Rosa fühlte sich beobachtet. Sie musste sich daher tadellos verhalten. Um das zu erreichen, beobachtete sie aus den Augenwinkeln die anderen Kinder. Wenn sie sich einfach auch so benahm, würde sie auf der sicheren Seite sein. Wenn die Orgel zu spielen anfing, konnte sich Rosa entspannen.
Ohne Zwischenfall wurde der Gottesdienst abgehalten und alle Kinder und die Erwachsenen strebten zum Ausgang. Sobald die Kinder im Freien waren, fingen sie an, auf die Schule zuzulaufen. Rosa mittendrin.
Heute war die erste Stunde Religion mit dem Priester. Als er das Klassenzimmer betrat, wurde er begrüßt und dann saßen die Schüler, von der 1. bis zur 7. Klasse, in einem Raum, alle still. Er war als strenger und auch gelegentlich strafender Lehrer bekannt. Tatsächlich, nach dem Gebet ging er zum Pult und holte sich die Gerte des Lehrers. Rosa, wie die meisten Kinder, saß bewegungslos und mit vor Angst geöffneten Augen in ihrer Bank. Zweimal pro Woche kam er nach dem Gottesdienst in die Schule zum Religionsunterricht. Deshalb war es besser, an diesen Tagen vor dem Unterricht in die Kirche zu gehen. Die Eltern wussten, dass dieser Mann beobachtete, welche Kinder in die Messen kamen.
Dieser Messe beizuwohnen war in den wärmeren Sommertagen kein großes Problem. Der Weg über Wiesenpfade war kühl und angenehm. Blumen blühten über und über. Es sah aus, als ob die Wiesen mit einem bunten Teppich überzogen wären. Jedoch in den frostigen Wintertagen war das anders. Die Schüler kamen in die Kirche mit vor Kälte erstarrten Fingern und Zehen. Es war schwer, aber es war auch seit langer Zeit üblich, dass man ein- oder zweimal auch während der Woche die Messe mitmachen musste.
Rosa ging nicht gerne in die Kirche. Das Stillsitzen fiel ihr schwer. Das war schon so, als sie noch von Großmutter mitgenommen wurde. Aber jetzt war das etwas anders. Alle ihre Schulkameradinnen waren um sie rum und mussten sich auch benehmen, wie es erwartet wurde. Damit war das Stillhalten mehr eine Sache des Wettbewerbs. Danach lockte immer ein Bildchen vom Religionslehrer, dem Priester. Rosa war entschlossen, dieses Bildchen für gutes Benehmen in der Kirche zu bekommen. Schon allein deshalb, weil Alois auf der Bubenseite immer wieder rückwärts schaute oder mit Sepp die Messe schwänzte. Er würde kein Bildchen bekommen. Rosa freute sich, ihm am Nachmittag beim Spielen ihr Bildchen mit Stolz zeigen zu können.
Die Religionsstunden mochte Rosa, aber sie fürchtete auch, dass der Priester nach ihrem Namen fragen könnte. Damit hatte sie eigentlich kein Problem, schließlich war ihr Name gut. Aber oft fragte er auch nach dem Namen der Eltern. Davor fürchtete sie sich. Alle hatten einen Namen, aber nicht alle hatten einen Vater.
Gott sei es gedankt, dass der Priester sie nicht nach ihren Eltern fragte, obwohl er sonst so neugierig war. »Wie viele von euch beten zu Hause?«, wollte er wissen.
Alle Hände ragten hoch.
»Wer kann ein Gebet aufsagen?«, fragte er.
Einige Hände kamen hoch. Rosa konnte ein Gebet auswendig, aber sie meldete sich nicht. Sie zog es vor, unbeachtet zu bleiben.
»Kannst du ein Gebet aufsagen, Rosa?«, fragte er sie, mit dem Stecken auf sie zeigend.
»Ja«, antwortete Rosa leise. Sie stand auf und sprach ein Abendgebet.
Der Religionslehrer schien zufrieden, aber Rosa hatte kein gutes Gefühl, denn sie war die einzige Schülerin, die er persönlich fragte.
Endlich war die erste Religionsstunde vorbei. Sie endete mit einem gemeinsamen Gebet. Es war nicht so schlecht gewesen, wie Rosa befürchtet hatte. Niemand wurde geschimpft, keiner musste in der Ecke stehen, und die Rute wurde nur zum Zeigen benutzt. Die restlichen vier Stunden wurden sie vom Lehrer unterrichtet. Darauf freute sich Rosa.
Unter dem Schutz von ihrer Mutter, ihren Großeltern und ihren Onkel verlor Rosa langsam ihre Besorgnis vor Fragen in der Schule. Sie wurde eine eifrige Schülerin, die das Lernen liebte. Als Erste in ihrer Klasse konnte sie flüssig lesen. Sie wurde dabei nur von Alois herausgefordert. Arithmetik war keine Anstrengung für sie, sondern Freude. Es war das beste Fach, denn diese Hausaufgaben, falls es überhaupt welche gab, waren schnell erledigt.
Der Lehrer war auf Rosa aufmerksam geworden. Erstaunlich,dieses Mädchen, dachte er, es müssen ihre Onkel sein, die solche akademischen Fähigkeiten hervorbrachten. Denn da ist ja kein Vater. Er lag mit dieser Vermutung der Onkel nicht ganz falsch. Kon half ihr nicht mit den Hausaufgaben, Rosa brauchte keine Hilfe, aber er erinnerte sie mit seinen Scherzen jeden Tag daran, dass sie eine Schülerin war, von der etwas erwartet wurde. Wenn Rosa von der Schule zurück war, spottete er ein bisschen, wie mit der Neuigkeit: »Schau, wir haben neue Babyhühner bekommen, während du in der Schule warst.« Oder: »Du warst in der Schule, wo wir so schönes Wetter haben.« Oder: »Musstest du ein Gedicht aufsagen heute?« Rosa wusste, dass diese Bemerkungen von Onkel Kon nett gemeint waren. Er wollte wissen, wie der Tag in der Schule verlaufen war. Es war seine Aufmerksamkeit, die Rosa so mochte. Die Familie freute sich und billigte ihre Art in der Schule. Das war gut. So sollte es sein.
Eines Tages wurden Rosas ohnehin unsicheres Selbstbewusstsein gestört. Sie kam gerade von der Schule nach Hause, ihr Onkel Jakob stand unter dem Nussbaum, direkt vor der Schmiede. Er sprach mit einem Kunden. Plötzlich unterbrach er sich und deutete aufgeregt auf zwei Männer, die zügig die Dorfstraße entlang gingen.
»Schau Rosa, dort geht dein Vater vorbei!«, rief ihr Onkel.
Rosa sah zwei Männer vorbeigehen. Spontan wollte sie hinrennen, unterdrückte aber den Impuls, da sie nicht wusste, welcher von beiden ihr Vater war. Keiner der beiden drehte den Kopf zum Nussbaum, obwohl das kleine Mädchen sie anstarrte. Sie gingen einfach weiter, als ob sie nichts gesehen oder gehört hätten. Intuitiv wusste Rosa, dass sie dort nicht willkommen war. Langsam stiegen die Enttäuschung und der Schmerz in Rosas Gesicht. Welcher auch ihr Vater gewesen sein mochte, er hatte sie ignoriert und wollte keinen Kontakt mit ihr. Er liebte sie nicht. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf.
Jakob nahm sie auf den Arm und sagte: »Wein nicht, Rosa. Dieser Mann ist es nicht wert. Du bist unser Mädchen.«
***
Für die nächsten vier Jahre bestimmten die Schulroutine und der kirchliche Rhythmus Rosas Leben. Jeden Tag ging sie gerne zur Schule, in das einzige Klassenzimmer, das die Schule hatte. Dort unterrichtete der Lehrer sieben Jahrgänge mit etwa siebzig Schülern. Nichtsdestotrotz liebte Rosa den Unterricht. Es kostete sie keine Mühe. Ihre Auffassungsgabe und ihr Gedächtnis waren exzellent. Sie war auch eine gute Sportlerin und liebte die sogenannte Turnstunde. Im Allgemeinen schien ihre Wissbegier grenzenlos. Sie liebte alle Fächer.
Nur Musik war schwierig für sie. Dieses Fach bestand hauptsächlich aus Singen. Nur eine Stunde Musik und Singen pro Woche stand auf dem Stundenplan. Damals mussten die Volkslieder von allen Kindern gelernt werden. Da Rosa aber leider keine Singstimme hatte, die eine Melodie halten konnte, mochte sie diese eine Stunde nicht. Sie hatte in den anderen Fächern bemerkt, dass man vom Lehrer gemocht und von den Schulkameraden respektiert wurde, wenn man gute Leistungen brachte. Das war ein gutes Gefühl für Rosa, denn das brauchte sie für ihr unsicheres Selbstbewusstsein. Wichtig sein war für Rosa eine Strategie. Übersehen oder gering geschätzt zu werden dagegen war eine schmerzhafte Option, die sie nicht wegstecken konnte. Also: Vergiss singen!
***
Die Akzeptanz der unehelichen Rosa und ihrer Mutter wurde immer wieder aufs Neue herausgefordert. Sie kamen nie für lange Zeit zur Ruhe. Das Dorfleben brachte dieses Thema, gewollt oder ungewollt, immer wieder zutage. So war das auch am Fronleichnamstag.
Das war ein aufregender Tag im Dorf. Die Mädchen durften weiße Kleider und einen Kranz im Haar tragen. Als Vorbereitung wurden sogar die Häuser mit grünen Zweigen geschmückt. Aber das wichtigste waren die Heiligenfiguren, die durch die Straßen getragen wurden. Dazu brauchte man Träger und eben kleine Mädchen, die die Stützen trugen, wenn die Figuren an einem provisorischen Altar draußen abgestellt werden mussten. Rosa und ihre Mutter warteten gespannt, wer diese Stecken tragen durfte. Irgendwie geschah es, dass Rosa nicht dazu ausgewählt wurde. Beide hegten den Verdacht, dass Rosas Geburtsumstände der Grund dafür waren. Beide, Mutter und Tochter weinten zusammen in Liz’ Schlafzimmer. Liz wollte nicht öffentlich Mutter genannt werden, aber sie benahm sich wie eine fürsorgliche Mutter, wenn ihre Tochter traurig war. Aus diesem Grund hatte Rosa zwiespältige Gefühle: froh und traurig zugleich.
