Neoland - H.W. Jenssen - E-Book

Neoland E-Book

H.W. Jenssen

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Beschreibung

Silvio desertiert aus der Armee von Neoland, einer grotesken Steinzeitdiktatur, die in Mitteleuropa liegt und in der nur noch Reste einer Zivilisation bestehen. Silvio will seine Freundin Kim aus einem der Lager im Norden befreien. Der Greiftrupp der unbarmherzigen Militärpolizei von Neoland ist ihm auf den Fersen. Auf der Flucht bekommt er Kontakt zu der weit verzweigten Widerstandsorganisation der 'Aufsässigen'. Cato Olsen, ein dubioser Geschäftsmann aus dem nördlichen reichen Nachbarland, das offiziell Krieg gegen Neoland führt, gerät nach geheimen Verhandlungen mit dem Feind durch Zufall in die Hände der Rebellen. Sie decken ein schauriges Geheimnis auf und stellen Olsen vor die Wahl zu sterben, oder ihnen bei der Befreiung des Lagers zu helfen. Die Rebellen werden geschnappt, aber dann erhalten sie Hilfe von unerwarteter Seite.

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2014

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H.W. Jenssen

Neoland

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Rekruten

Kim

Belial

Latein

Zettel

Terrafranca

Berlin

Wochenschau

Lob

Lara

Knockout

Friesland

Großer Aufstand

Kleiderkammer

Frühstück

Edwina

Wölfe

Zwillinge

Vorseech

Kutter

Verschätzt

Besuch

Geständnis

Wende

Keller

Ausflug

Gefangen

Erwischt

Gerüchte

Treffer

Ballon

Gelemen

Aufschub

Drehbuch

Neue Liebe

Amboss

Butterbrote

Globzon

Äußerer Kreis

Falle

Kalt

Vorsorge

Baden

Überraschung

Impressum neobooks

Rekruten

War er nicht schon tot? Hatten sie ihn nicht vor langer Zeit erschlagen, und war er nicht hinabgesunken auf den Grund des Meeres, wo das Böse wohnte? Sie hatten sich geirrt. Der Leviathan erwachte mächtiger als je zuvor. Übermütig hatten sie ihm neues Leben eingehaucht.

Es schneite. Silvio beobachtete, wie sich das Porträt des Vorsitzenden vom westlichen Ende des riesigen Aufmarschplatzes näherte. Es war mit einem Gestell auf einem klobigen Militärlaster befestigt. Bald konnte Silvio das feiste Präsidentengesicht mit dem fleischigen Mund erkennen, um das Schneeflocken tänzelten. Die fanatischen hellblauen Äuglein des Vorsitzenden blickten unter einer großen Offiziersmütze hervor. Eine Ecke des Porträts zierte Trauerflor. Der Fotograf musste die Aufnahme vor langer Zeit gemacht haben, denn der Verblichene, der hinter seinem Porträt auf dem Lastwagen in seinem kupfernen Sarg lag, wirkte hier so viel kraftvoller und jünger als bei seinen letzten seltenen Auftritten in der Öffentlichkeit. Der Blick des Vorsitzenden war durchdringend und schien dem Betrachter unablässig zu folgen.

Gelegentlich konnte Silvio Musikfetzen eines getragenen Marsches der Militärkapelle hören, die den Leichenzug begleitete. Mit der Musik drangen vereinzelte Schluchzer aus der Menschenmenge herüber, die sich in geometrischer Präzision auf dem Aufmarschplatz versammelt hatte.

Silvios Füße und Gesicht waren taub vor Kälte. Sein Gewehrriemen schnitt ihn in die Schulter. Die Wagenkolonne schwarzer gepanzerter Funktionärskarossen, die dem Sarg folgte, war jetzt noch etwa 500 Fuß entfernt. Silvio würde hier noch Stunden mit seinen Kameraden reglos stehen müssen.

Um vier Uhr früh hatte der Hauptmann das Wachregiment 'Sonnentau' mit dem 'Gruß an den Gütigen Führer' wecken lassen, einer Ode an den Herrscher des Landes, die heute wie an jedem Morgen aus den Lautsprechern der riesigen grauen Kaserne schepperte.

„Euch mache ich Beine, wascht Euch, Ihr Arschlöcher! Wagt es nicht, stinkend vor die Leiche des Gütigen Führers zu treten!“ hatte Zugführer Scholz gebrüllt.

Mit einem seit früher Kindheit eingeübten gleichmütigen Gesichtsausdruck war Silvio mit den anderen Soldaten in den Waschraum gerannt. Stumpf vor Müdigkeit und Kälte wuschen die Rekruten ihre bleichen knochigen Körper. Wie jeden Morgen schaute Silvio auf das bröckelnde Kachelmosaik an der Stirnwand. Es stellte einen grimmigen Soldaten mit muskulösem freiem Oberkörper dar, dessen Sturmgewehr in seinen kräftigen Händen zu verschwinden schien. Der sonnengegerbte Mosaiksoldat – dessen linke Wange fehlte, weil die Kachel, die sie abbilden sollte, herausgebrochen war - stürmte einem Dutzend feindlicher Soldaten hinterher, die nur als krumme, dunkle Silhouetten vor einem rotem Sonnenaufgang zu erkennen waren.

Nach dem Waschen trotteten die jungen Wachsoldaten müde in ihre Stuben zurück, um ihre Paradeuniform anzuziehen. Keiner von ihnen war unter 5 1/2 Fuß groß. Damit galten sie in Neoland als wahre Hünen. Alle waren seit mindestens sechs Monaten bei der Armee.

In der Stube angekommen nestelte Silvio mit morgensteifen Fingern die Aluminiumknöpfe seiner Uniform zu und erinnerte sich daran, wie er und seine Kameraden vor knapp einem halben Jahr Jahren direkt nach der Erntezeit von Militärpolizei festgenommen worden war. Mit drei Dutzend anderer junger Männer waren sie auf offener LKW-Pritsche in die Provinzhauptstädte gefahren worden.

Während sie schwankend auf der Ladefläche des altersschwachen 'Heimat'-LKW standen, ahnten sie, dass dies eine der berüchtigten 'Sonderrekrutierungen' war. Alle eingefangenen Jungen – freiwillig meldeten sich nur Dummköpfe oder Verzweifelte zum Militär - waren auffällig groß.

Jetzt – Monate später - waren die jungen Soldaten längst nicht mehr so dürr wie bei ihrer Zwangsrekrutierung. Dank der Sonderrationen des Wachregiments waren sie kräftiger geworden. Hier im Wachregiment gab es weitaus bessere Verpflegung als beim Rest der Armee – mit Ausnahme der Luftwaffe, wo sie noch besser war. Die Soldaten bekamen mehr und vor allem regelmäßiger zu essen als die Leute in den Dörfern - ganz zu schweigen von den Bewohnern der Ruinenstädte.

Silvio, den sie im Dorf nur 'Lulatsch' nannten, erinnerte sich, wie sie ihn hinter dem Stall erwischt hatten. Die Militärpolizisten hatten ihn grob gepackt und ihn hoch zu den anderen zerlumpten Gestalten auf dem Laster geprügelt, nicht ohne zwei ausgemergelte Ziegen, aus dem Besitz von Silvios Familie für den Eigenbedarf ins Führerhaus zu zerren. Silvios Vater hatte protestiert, aber die Militärpolizisten hatten ihn rücklings in eine Pfütze neben dem Stall gestoßen. Das letzte, was Silvio von seinem Vater gesehen hatte, war, dass er im Schlamm lag und die Soldaten ihm einen Gewehrlauf an den Kopf hielten.

Während sie sich an den Bracken der schaukelnden Ladefläche und an einander festhielten, mussten die Rekruten das 'Lied der kleinen Hagebutte' singen. Schon die Vierjährigen trugen es den Soldaten am 'Tag der Heimat' vor. Jeder leierte das Liedchen bis zum Erwachsenenalter wohl mehrere tausende Male herunter, ohne auch nur je einen Gedanken auf den kaum glaubhaften Inhalt zu verschwenden, der in endlosen Strophen den Heldentod einer Fünfjährigen beschrieb. Der Unteroffizier des Greiftrupps linste immer wieder mal vom Beifahrersitz durch das vergitterte Guckloch hinter ihm. Er achtete darauf, dass jeder zum Gesang die Lippen bewegte und grölte begeistert den Refrain in seinen tarnfleckbraunen Handlautsprecher, den er zum Wagenfenster heraus hielt. Silvio gelang es, unbemerkt mit seinem Nebenmann zu flüstern.

„Wo haben sie dich erwischt?“ fragte er ihn. Der Angesprochene blickte aus den Augenwinkeln vorsichtig nach dem vergitterten Fensterchen, ohne den Kopf zu bewegen.

„Gar nicht. Die Drecksäcke haben alles durchsucht, aber sie haben mich nicht gefunden. Aber dann hatten sie meine Mutter...“, antwortete er. Er zuckte resigniert mit den Schultern.

„He, Ihr da vorne! Maul halten!“, brüllte der Unteroffizier, der genau in diesem Moment durch sein Guckloch geschaut hatte.

Der Laster und der Jeep mit den vier Feldgendarmen, der ihm als Begleitfahrzeug folgte, erreichten rumpelnd das Nachbardorf. Hier wie überall im Land kündeten riesige Transparente von der Überlegenheit des Gesellschaftssystems, warnten vor den grausamen Feinden der Nation, den Saboteuren, den Vernichtern der Lebensmittel, den Verderbern der Jugend und vor den Fremden als solchen.

'Euer Einsatz, Euer Wohlstand!' versprach ein zwanzig Fuß breites und fünf Fuß hohes Plakat, auf dem kleines Mädchen dem 'Gütigen' einen Blumenstrauß überreichte.

Der Jeep mit den vier Häschern hielt vor einem Gehöft. Drei der Feldgendarmen schulterten ihre Maschinenpistolen und verschwanden im Gebäude. Nach einer Weile erschienen sie vor dem Tor und stießen einen weiteren großgewachsenen Jungen mit den Gewehrkolben vor sich her. Auch er musste auf die Ladefläche klettern. Über Feldwege holperte der Konvoi zur Dorfstraße zurück. Sie war von Schlaglöchern übersät, zu denen sich wie in jedem Winter neue hinzugesellt hatten.

Der Fahrer musste bremsen. Die Rekruten hörten ihn fluchen. Ein Pferdekadaver, der aufgedunsen auf der Straße lag, versperrte den Weg. Ein Rudel Hunde stritt mit einem Pulk Krähen um die dunklen Fleischfetzen, die an der Karkasse klebten. Alle Augenblicke stob ein schwarzer Fliegenschwarm von der Pferdeleiche auf. Die Krähen ließen sich von der kläffenden Meute nicht den Schneid abkaufen. Die dreisteste von ihnen krallte sich im Kopf einer Töle fest und hackte ihr in die Augen. Jaulend suchte der Hund mit dem Rest der Meute das Weite.

Die Rekruten mussten absitzen. Bewacht von den Feldgendarmen knoteten zwei von ihnen ein Seil um die Hinterbeine des toten Gauls. Drei weitere Rekruten saßen ab. Mit vereinten Kräften zogen die Soldaten das Pferd von der Straße. Ein Soldat griff mit den Händen in den offenen Bauch des Tieres und zerrte den langen Darm heraus. Dann schnüffelte er in der offenen Bauchhöhle und winkte angewidert ab. Das Fleisch war ungenießbar, denn der Körper war bereits in Fäulnis übergegangen. Der Konvoi setzte die Fahrt fort.

Bald lag das Dorf hinter ihnen. Unter bräunlichem Gras und Gestrüpp lag die Winterlandschaft wie unter einer schmutzigen Decke. Der Konvoi passierte die lustlos abgeernteten Felder, die großflächig mit schwarzen Plastikplanen zugedeckt waren, die angefroren aus Eispfützen ragten.

Wie gefesselt starrte Silvio auf ein riesiges nagelneues buntes Propagandaplakat mitten in dieser graubraunen Einöde, auf dem ein vor Gesundheit strotzendes Mädchen für den Jugendbund warb. Es strahlte mit unnatürlich weißen Zähnen und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Betrachter. Dabei legte es seine rechte Hand in Höhe des Herzens auf die üppige Brust. Halb von dem Mädchen verdeckt stemmte ein Jüngling die muskulösen Unterarme in die Hüften und blickte entschlossen in die Ferne.

„Hast Du eine Freundin?“ fragte der Nachbar Silvio halblaut, der Silvios Blick bemerkt hatte, ohne ihn anzusehen. Silvio den Blick zum Horizont wandern. Er sog den Winter in die Nase, der nächsten Monat wie jedes Jahr von einem Augenblick auf den anderen enden würde. Die Frage des Kameraden riss ihn aus seiner trüben Stimmung.

„Ja“ antwortete er, obwohl das diesen Kerl nach Silvios Ansicht gar nichts anging, aber irgendwie tat es trotzdem gut, wenn jemand fragte.

Niemand wusste, wohin die Reise gehen würde. Die Häscher hatten ihnen jedenfalls nicht gesagt, in welche Gegend es ging. Es war auch nicht sicher, wie lange der Militärdienst dauern würde. Es konnten ein paar Monate sein, aber auch Jahre. Neoland war im Krieg, und nichts war so sicher in Neoland wie die Unsicherheit.

Kim

  Kim und Silvio hatten sich erst im Juni bei der Spargelernte kennengelernt. Kim war zierlich, hatte ein waches Gesicht mit leicht schräggestellten Augen und schwarzes zu Zöpfen geflochtenes Haar, das sie unter einem blauen Kopftuch verbarg, wie es den unverheirateten Frauen des Landes vorgeschrieben war. Sie hoffte auf eine gute Ausbildung und war darum Mitglied des Jugendbundes geworden. Wer dort 24 Monate Dienst tat, durfte ein ganzes Jahr länger zur Schule gehen.

Wie alle Landeskinder ab zwölf Jahren mussten Silvio und Kim im Frühsommer in die 'Spargelschlacht' ziehen. Spargel war die Leibspeise des verstorbenen Präsidenten von Neoland gewesen. Er hatte ihn – so wurde es überall und ständig berichtet - vor dreißig Jahren im Land höchstpersönlich eingeführt. Es existierten unzählige Witze über den 'Alten' und dessen Vorliebe für das Gewächs, aber man ließ sich besser nicht dabei ertappen, dass man diese Scherze kannte, darüber lachte oder sie gar weitererzählte.

Radio Neoland berichtete in seiner Sendung 'Freies Wort' ausführlich und regelmäßig über die kulinarische Passion des Ersten Mannes im Staate. Festlich wurde am 1. Mai überall im Land der 'Tag des Spargelstechens' begangen. Feierlich überreichte die 'Spargelkönigin', ein besonders hübsches Mädchen in Landestracht, bei dieser Gelegenheit dem Staatschef symbolisch den ersten Spargel in Form einer drei Fuß langen hölzernen Nachbildung und wurde dafür mit einem undurchdringlichen Lächeln und einem feuchten Wangenkuss des Herrschers bedacht. Hurra-Rufe der Parteioberen und der zu Tausenden herbeigeschafften Menge begleiteten die von Jahr zu Jahr absurder scheinende Szene.

Bei dieser Gelegenheit pries der Staatschef regelmäßig die Bescheidenheit des Spargelgenusses und lobte allenthalben die Anspruchslosigkeit der Pflanze in endlosen Reden, bei denen er virtuos von einem Thema zum nächsten wechselte. Der 'Gütige' konnte zum Beispiel mit dem Thema Spargelanbau beginnen, die Bedeutung der Infanterie beim Spargelstechen streifen, die Vorzüge des Jugendbundes als 'frischester Organisation der Welt' preisen, um dann zwei bis fünf Fronterlebnisse einzustreuen. Niemand konnte voraussagen, wann der 'Gütige Führer' zum Ende kommen würde, und es war besser, ausgeruht und mit vollem Magen zu den Massenversammlungen zu erscheinen.

Spargel habe ihm damals in der Todeszone das Leben gerettet schwärmte er den weißen Holzspargel fast zärtlich streichelnd. Ohne das köstliche Gemüse wäre er nicht in der Lage gewesen, den 'Großen Aufstand' zu seinem glücklichen Ende zu bringen. Neolands Jugend, so der greise Staatslenker, solle sich gefälligst ein Beispiel an der Pflanze nehmen. Frische, Kraft und Festigkeit seien auch für sie ein Vorbild.

Dabei wedelte er mit dem Mittelfinger phallusgleich und zweideutig, und die Menge lachte pflichtschuldig und voll ängstlicher Übertriebenheit über derartige Anzüglichkeiten. Der Passion des Gütigen Führers folgend war das Land auf seinen wenigen bebaubaren Flächen überzogen von Spargelwällen, zwischen denen die Menschen während der Erntezeit von Aufsehern überwacht wie ein Ameisenheer herumkrauchten.

Unnötige Unterhaltungen und schon gar engere Kontakte zwischen Mädchen und Jungen waren während der Ernte zwar streng verboten, aber trotzdem hatte die Jugend gelernt, sich mit unauffälligen Blicken und Zeichen zu verständigen. So hatte Silvio zumindest Kims Namen erfahren. Nach Sonnenuntergang waren beide aus ihren Unterkunftsbaracken geschlichen und hatten im Mondschein am Rande des Feldes miteinander geredet. Sie hatten den politischen Unterricht geschwänzt, der abends nach dem Ernten stattfand und der im wesentlichen im gemeinsamen Herunterbeten von Losungen bestand, die so perfekt abgespult werden konnten, weil sie von klein auf im Stammhirn verankert zu sein schienen.

Falls herauskam, dass die beiden sich drückten, würden sie sich eine gute Ausrede einfallen lassen müssen. Da aber fast fünfhundert Jugendliche in ihrem Ernteabschnitt arbeiteten, konnten sie Glück haben und nicht auffallen.

„Morgen bringen sie alle Frauen und Kinder an die Küste.“ hatte Kim geflüstert.

„'Landgewinnung', steht im Marschbefehl“, fuhr sie fort. Sie hatten eine Weile geschwiegen.

„Und mich holen sie bestimmt bald zum Militär“ hatte Silvio gebrummt. „Wenn sie mich kriegen...“

Sie lagen aneinander geschmiegt Seite an Seite am Rande des Feldes auf einem Bett aus Plastikplanen und betrachteten die Sterne. Sie strahlten wie jede Nacht hell, weil es im Land kaum Industrie und so gut wie keine Fahrzeuge gab, deren Abgase den Himmel hätten trüben können.

Sie wussten, dass es ein ziemlich großes Risiko, sich hier vor der Arbeitskolonne zu verstecken. Wahrscheinlich würden jetzt alle nach dem Unterricht in der Kantine beim Essen sitzen und alberne Propagandalieder singen. Dieser Moment hier gehörte ihnen ganz allein, und sie würden sich ihn von niemandem stehlen lassen.

Mit der Unschuld der Ahnungslosen und dem Eifer der Gelegenheitsarmen hatten sie sich im Schutze der Dunkelheit zwischen den Spargelwällen geliebt. Morgen würden sie getrennt. Kims Gesicht, ihre Stimme, ihren Körper, ihren Geruch – Silvio wollte nichts vergessen. Er wollte sie wiedersehen.

Kim war sofort in den hageren und auf sanfte Art rebellischen Silvio verschossen, der so anders als die eingeschüchterten Jungs im politischen Unterricht war, die auch bei den absurdesten Behauptungen des Politischen Leiters nicht den geringsten Anflug von Geringschätzung zeigten.

Vor dem Morgengrauen küssten sie sich ein letztes Mal und schlichen zurück in ihre Baracken.

Belial

   Das Schneetreiben hörte auf. Als das Porträt mit dem durchdringenden Blick des Verblichenen seine Höhe erreicht hatte, starrte Silvio einfach durch das Bild hindurch. Er wollte lieber an Kim denken. Wie die meisten Neoländer beherrschte er es perfekt, Aufmerksamkeit bei völliger Teilnahmslosigkeit vorzuspiegeln. Mit einer langsamen synchronen Kopfbewegung folgten die Rekruten dem wenige Fuß entfernten vorbeirollenden Katafalk mit der Leiche des Präsidenten.

Eine unbestimmte Angst arbeitete in Silvios Eingeweiden. Wenn das Leben unter dem 'Gütigen' schon hart gewesen war, wie würde es erst unter seinem Sohn werden, von dem Gerüchte – und davon entstanden in jeder Sekunde Hunderte in Neoland – nichts Gutes berichteten?

Die gewaltige Menschenmenge, die sich jenseits der Paradestraße gegenüber den angetretenen Wachsoldaten versammelt hatte, blickte mit gesenkten Köpfen auf den betonierten Aufmarschplatz mit den auf Halbmast gesetzten Fahnen. Der Betonboden war so kalt, dass die Schneeflocken darauf liegen geblieben waren. Hier und da hörte man ein angestrengtes Stöhnen und Weinen, das sich mit dem Triebwerksgeheule von sechs 'Vaterland-Düsenjägern abwechselte, die in Formation mehrmals dicht über die Köpfe der Menge hinwegdonnerten. Die Jettriebwerke hinterließen lange bunte Rauchfahnen in Blau, Rot und Schwarz, den Farben des Landes.

Jedes Kind lernte, dass Blau für die Weisheit, Rot für die Liebe und Schwarz für den Tod stand, ohne, dass es den Sinn dieser Begriffe verstanden hätte. Schon die Erstklässler der vierjährigen Volksschule (länger gingen nur die Kinder der Partei in die Schule) lernten das Gedicht 'Die drei Farben' auswendig.

Blau, Schwarz und Rot

das ist unser Glück

verlachen wir den Tod

niemals geht's zurück

Belial, der Sohn des 'Gütigen' und ein halbes Dutzend Generäle, schälten sich umständlich aus den schwarzen Limousinen, die dem Sarg auf dem Lastwagen gefolgt waren.

Der Sohn des Toten, der jetzt die fahnengeschmückten Holztribüne betrat, war schon als kleiner Junge herausgeputzt in Begleitung des Vaters bei den Massenveranstaltungen erschienen. In der Phantasieuniform eines 'Kinderadmirals', eines Ranges, der extra für ihn erfunden worden war, hatte er stolz die weiß behandschuhte kleine Hand zum Gruß an die viel zu große Offiziersmütze gelegt, wenn das Defilee der Soldaten an ihm und seinem Vater vorüber marschierte. Der blickte ob dieses Anblicks gerührt und mit gütiger Strenge auf sein Fleisch und Blut herab. Waren das nicht die gleichen wasserblauen Augen, das gleiche strohblonde Haar, der gleiche stets halbgeöffnete fleischige Mund, der immer ein wenig an eine klaffende Wunde erinnerte? Jeder in Neoland kannte das Doppelporträt von Vater und Sohn, das überlebensgroß an jedem Polizeiposten, jeder Schule aber auch jeder der kärglich ausgestatteten Lebensmittelzuteilungsstellen in den Städten des Landes angebracht war.

Vor Jahren, am 'Tag der Heldenmutter', hatte Globzon, Erster Sekretär der Heimatfront und Belials Erzieher, dem jungen Erben der Macht im 'Stadion des Großen Aufstandes' vor aller Augen ein goldenes Kindermaschinengewehr überreicht. Kriegsspielzeug wurde im Rahmen der normalen Waffenproduktion seit Jahren in den Waldwerkstätten von Neoland von besonders zuverlässigen Gefangenen 'für den Export' - wie es hieß - gefertigt.

Dann hatten Clowns Hirsche und Wildschweine ins Stadionrund getrieben. Treiber in orangenen Warnwesten dengelten unter dem Gejohle einer Abordnung von Maiden des Jugendbundes auf Blechnäpfe ein, um das Wild in Aufregung und die Zuschauer in Ekstase zu versetzen. Auf einer großen Leinwand hatten die Zuschauer verfolgen können, wie Belial mit geschickten Handgriffen zuerst das Dreibein seines Kinder-MGs justierte und nun liegend von der Ehrentribüne aus eifrig sein Ziel ins Visier nahm. Atemlose Stille trat ein. Immer wieder korrigierte der Kleine seine Position und visierte sein Ziel an.

Prüfend blickte der Gütige Führer auf seinen Spross. Der flüsterte seinem Vater etwas zu und lächelte ihn an. Wie sehr rührte die Massen diese Geste des Einverständnisses zwischen Vater und Sohn. Ein anerkennendes Raunen ging durch die Ränge. Der Vorsitzende zwinkerte seinem Sohn aufmunternd zu und wich in gespieltem Respekt einige Schritte beiseite. Schon bellte eine krachende Maschinengewehrsalve über die Köpfe der Zuschauer, und ein Keiler und ein Treiber sackten tödlich getroffen zusammen.

Sofort schnellte Globzon von seinem Sitz in der Ehrenloge und applaudierte. Auch die Menge durchzuckte es wie ein Blitz. Beifall brandete auf. Hochrufe erklangen. Den Zuschauern zugewandt waren im Stadionrund Truppen des Wachregiments postiert, das den Vorsitzenden und seinen Spross schützte. Als sie die Unruhe bemerkten entsicherten die zweihundert Wachsoldaten, die ihre Gesichter die ganze Zeit den Zuschauerrängen zugewandt hatten, ihre Sturmgewehre mit hörbarem Klacken. Noch zweimal fegte eine MG-Garbe über Zuschauer, Hirsche, Treiber und Schweine hinweg, ohne etwas zu treffen. Dann setzte Musik ein, und Mädchen des Jugendbundes in fleischfarbenen Leibchen und schwarzen flatternden Bändern tänzelten zum 'Marsch der Mutter' graziös ins Stadion.

Es war zu einem kurzen Massenaufruhr gekommen, in dessen Verlauf Vater und Sohn Vorsitzender von Soldaten des Wachregiments über sichere Pfade aus dem Stadion herausgebracht worden waren. Das Wachregiment hatte nach einer halben Stunde die Kontrolle über das Stadion zurückgewonnen – doch vorsichtshalber war die Veranstaltung in der Staatszeitung (und einzigen Zeitung) 'Freier Gedanke' nur mit einem Halbsatz erwähnt worden.

Aus dem Staatsblatt, einer mit großer Schrift und vielen Bildern erscheinenden Postille, deren bräunliches grobes Papier das Einwickeln von gelegentlich zugeteilten Fleischrationen, aber wegen seiner Beschaffenheit nicht einmal das Reinigen nach dem Stuhlgang erlaubte, erfuhr man über Belial im übrigen, dass er bereits mit zehn Jahren eine Oper komponiert, mit 13 mehrere neue Werkstoffe für die Rüstung erfunden hatte und mit 16 Jahren an der Nordgrenze hinter den feindlichen Linien aus einer Militärmaschine abgesprungen war. Anschließend habe der Sechzehnjährige seinem Stoßtrupp mit sieben Getreuen 20 feindliche Panzer vernichtet. Der Jahrestag jedes dieser Ereignisse wurde im Staatsblatt, im Rundfunk und in der Wochenschau feierlich und ausführlich begangen. Das Fernsehen war seit dem 'Großen Aufstand' in Vergessenheit geraten und sein Betrieb nicht wieder aufgenommen worden.

Nun trat der 19jährige Belial in weißer Bärenfellmütze und weißem etwas zu knappen Zobelfellmantel flankiert von Globzon und dem Militärrat, sechs griesgrämig drein schauenden alten Männern im Generalsrang, an das Mikrofon der Rednertribüne, um die Trauerrede zu halten.

Seit dem Vorfall im Stadion hatte man Belial nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Aus dem blassen dünnen immer etwas abweisend blickenden Kind war ein kräftiger junger Mann geworden, aus dessen dicklichem auf dem riesigen Bildschirm bis zum Erschrecken vergrößertem Gesicht kalte helle Augen einen Punkt oberhalb der hundertausendköpfigen Menge fixierten. Belial schien sich an dem herausgepressten Weinen und Stöhnen zu ergötzen. Schließlich war das Volk zu Tausenden zu diesem Ereignis hergeschafft worden, um seinen Schmerz über den Tod des Landesvaters zu bekunden. Stumm genoss Belial die Szene und wandte sich kurz an einen seiner Generäle. Er wechselte eine paar Worte mit ihm und deutete dann mit einer knappen Geste in Richtung einer Zuschauergruppe, die daraufhin in noch lauteres Schluchzen ausbrach.

Abrupt setzte der Trauermarsch aus. Weinen und Klagen verebbten. Die mächtigen Lautsprecher links und rechts der Tribüne knisterten, als ob die angespannte Erwartung sie elektrisch aufgeladen hätte.

Mit einer erstaunlich hohen gequetschten Stimme, die der des Alten zum Verwechseln ähnlich war, begann Belial zu sprechen.

„VoVoVoVoVolk k k von n n Neeo eo eo land land land!“ schepperte das Echo. Irritiert kniff Belial die Augen zusammen. Auf dem Panorama-Bildschirm konnte Silvio deutlich sehen, wie sich vor dem Mund des neuen Machthabers ein zorniges Atemwölkchen bildete. Belial zögerte, dann sprach er weiter.

„Volk von Neoland...“ Er breitete die Arme aus.

„...Huldige Deinem neuen Herrscher, dem Statthalter des Gütigen! ..ütigen, ütigen“

„Hurra, hurra, Belial lebe hoch“ schrie die Menge in gehorsamer Entfesselung ein ums andere Mal, bis Belial nach einer guten Minute die ausgebreiteten Arme senkte und sich anschließend nach Diktatorenart selbst applaudierte.

„Durch gnadenlose Strenge werden wir dem Gütigen Führer unsere Ehre erweisen und alle Saboteure...“ - Silvio bemerkte, dass der Sohn des toten Präsidenten nicht nur die gleiche Stimme, sondern auch dessen starken S-Fehler geerbt hatte - „... aufspüren und vernichten, die die Lebensgrundlagen unseres heiligen Volkes zerstören. Der Gütige Führer, mein Vater, um den wir hier heute alle weinen, hat befohlen, entschlossen zu handeln, denn die Zukunft unserer ewigen Nation steht dem Spiel.“

Silvio spürte wie seine dicken Zehen vor Kälte taub wurden und versuchte mit wenig Erfolg, sie in seinen Paradestiefeln in eine wärmende Auf-und-Abwärtsbewegung zu versetzen. Um sich von dem Schmerz abzulenken, konzentrierte er sich auf die akustisch schwerverständliche Rede des neuen ersten Mannes der Heimat. Der pries nun bereits seit einer Viertelstunde – thematisch mäandernd wie der Alte - die Menschen, die Landschaft, die Produktion des Landes, seine eigenen sowie - etwas weniger ausführlich - die 'unermesslichen Leistungen' seines Vaters.

Von irgendwo her erklang plötzlich das hohle Geräusch, von aufeinanderschlagendem Blech und Beton. Wenige Augenblicke später das gleiche Scheppern noch einmal. Kein Soldatenkopf rührte sich, aber aus den Augenwinkeln sah Silvio zwei Kameraden reglos bäuchlings auf dem Boden liegen. Ein Stahlhelm, der unsanft in Kontakt mit dem Beton gekommen und Ursache des Krachs war, kullerte im Zickzack in Richtung Rednertribüne. Belial stutzte eine lange Sekunde.

Wahrscheinlich hatten Kälte und Entkräftung die beiden Soldaten gefällt. Derartiges geschah in einem Land, dessen Herrscher stundenlange Militärparaden liebte, natürlich immer wieder. Bei solchen Anlässen zusammenzubrechen hatte für die Soldaten unangenehme Folgen. Zunächst einmal ließ man die Ohnmächtigen unbeachtet liegen. Anschließend würde die geheime Militärpolizei sie aufklauben, aufs Revier bringen und Fragen stellen. Wollte sich hier jemand drücken? Handelte es sich um eine Art Demonstration? Vielleicht steckte gar die Absicht dahinter, den Staat lächerlich zu machen.

Außer dem Verhör und dem Spott der Kameraden blühten dem Bedauernswerten eine Nacht 'im Loch' ohne Decke, ohne Wasser und ohne Essen. Nach einem weiteren kurzen Verhör ließ man ihn dann meistens in Ruhe. Die übrigen Soldaten, die durchgehalten hatten, würden dagegen eine Extraration erhalten. Die Heimat päppelte die Soldaten des Wachregiments.

Latein

   Cato Olsen spielte gedankenverloren an der Fibel seiner marineblauen Toga. Mit der Linken, deren Ellenbogen auf dem Geländer der Terrasse einer klassizistischen Villa ruhte, und die einen herrlichen Blick aufs Meer bot, stützte er das Kinn. Er saß auf einer marmornen Bank und kniff die Augen zu Schlitzen, denn er musste sich konzentrieren, um sein Gegenüber zu verstehen. Obwohl er vor Olsen stand, war der Mann einen halben Kopf kleiner. Zu einer zu engen weißen Toga trug der Zwerg einen stattlichen safranfarbenen Turban. Der Kleine sprach ein stümperhaftes Latein, und er sprach es zudem mit einem hässlichem Akzent. Wo war dieser Mensch nur zur Schule gegangen? Olsen seufzte unmerklich. Schließlich hatte sich seit gut drei Jahrzehnten Latein als Verkehrssprache in diesem Teil der Welt, in Terrafranca, durchgesetzt.

Seit dem 'Großen Aufstand' war die Welt – oder besser das, was von ihr übrig geblieben war - in zwei Hemisphären geteilt, deren Bevölkerung nun schon wieder um die sechs Millionen Menschen betrug. Angeblich sollten es – so wusste Olsen es zumindest vom Hörensagen – zuvor neun Milliarden gewesen sein. Aber das schien unvorstellbar.

„Was möchtest Du genau?“ fragte Cato den Turban mit leichtem Stirnrunzeln.

Da hunderte Sprachen mit ihren Sprechern im Zuge der Katastrophe untergegangen waren, hatte man sich in Terrafranca auf das Idiom der alten Römer besonnen, obwohl es in einem Teil der Welt lag, den sie weder erobert noch jemals betreten hatten.

Ein Grund für die ungewöhnliche Auswahl der Sprache war wohl, dass Flüchtlinge unterschiedlichster Herkunft im Land gestrandet waren, die sich untereinander nicht verständigen konnten. Ein anderer, dass Englisch oder Chinesisch als Sprache der alten Supermächte nicht in Frage kamen. In einer der wenigen Bibliotheken, die der 'Große Aufstand' nicht völlig vernichtet hatte, waren Grammatiken, Wörterbücher und Monographien in Latein aufgefunden worden waren. Um das angestaubte Latein alltagstauglich zu machen, hatte man es mit allerhand neuen Ausdrücken angereichert. Nur wenige sprachen es fließend, und viele mischten dänische Brocken hinein.

In Terrafranca waren Heerscharen von Linguisten über Jahre damit beschäftigt gewesen, die antike Sprache zu ergänzen und moderne Unterrichtswerke zu erstellen. Zwar sah man sich einerseits in römischer Tradition, hatte aber trotzdem Begriffe für modernes technisches Gerät wie Warper, Transluzender oder Schlafmaschinen gefunden.

„Desidero renum pro filiae meae, bedes straks“ wiederholte der Fremde radebrechend, der sich Olsen respektvoll genähert hatte. Sein Gesicht unter seiner Kopfbedeckung glühte knallrot vor Hitze. Er schwitzte und war hochgradig nervös. Olsen musterte den Zwerg kalt und freundlich und zögerte, bevor er antwortete. Mit Daumen und Zeigefinger der Linken und Daumen und Zeigefinger beider Hände formte er die Buchstaben 'L M' für 50.000.

„Nächste Woche kann Deine Tochter ihre neue Niere bekommen“, antwortet Cato höflich.

Sein Gesprächspartner war ihm lästig, aber das ließ er sich nicht anmerken. Schließlich verdiente gut an diesen Leuten. Und Höflichkeit tat einer Geschäftsverbindung immer gut. Zufriedengestellt trottete der Turbanträger davon.

„Nimm Deine Finger weg, Fettsack!“, irgendwo auf der Terrasse schrie eine Frau. Olsen drehte sich um und erblickte über den Köpfen der Menge vor dem marmornen Swimmingpool eine hübsche Rothaarige, die zum belustigten Entsetzen der anderen Partygäste gerade einem korpulenten Mann in einem metallisch glänzenden Umhang einen Pokal Weißwein mitten ins Gesicht schüttete.

Der Dicke schnappte nach Luft und trollte sich. Die Rothaarige drehte sich triumphierend um. Dann rauschte sie zur sonnenbeschienen Balustrade in Olsens Richtung davon. Sie setzte sich auf die steinerne Brüstung in seine Nähe und blinzelte in die Abendsonne und dann kurz zu Olsen herüber.

Er bemerkte den Blick sofort. Günstige Gelegenheiten wie diese durfte man nicht verstreichen lassen. Cato Olsen schnappte sich zwei Weinpokale von einem Tablett, das ein livrierter Kellner bereit gehalten hatte.

„Viel zu schade um den guten Wein...“ sagte er lächelnd.

„...ich bin Cato Olsen und habe uns etwas zum Abkühlen mitgebracht.“

Er reichte ihr einen Pokal.

„Lara Pulkra, ich danke Dir. Nächstes Mal lasse ich dem Kerl die Eier abschneiden“ knurrte sie.

„Oh, bitte – sag mir vorher unbedingt Bescheid. Ich hätte eventuell Verwendung dafür“, warf Olsen lächelnd ein.

Lara Pulkra, Cato Olsen – alle Namen, oder zumindest Namensteile in Terrafranca waren durch die Standesämter latinisiert worden, um durch Anknüpfen an eine vermeintliche römische Tradition jede Erinnerung an die jüngere Vergangenheit zu löschen.

Lara blickte Olsen aus stark geschminkten Augen eine lange Sekunde fragend an, lachte dann schallend und zeigte dabei zwei Reihen perfekter elfenbeinfarbener Zähne. Olsen bemerkte zwei parallele kleine Narben unterhalb ihres gut gefüllten goldfarbenen Bikinioberteils, die sich beim Lachen hoben und senkten. Fachmännisch erkannte er, dass die kurzen Rippen entfernt worden sein mussten, um eine mädchenhaft schlanke Taille zu formen. Über den Schultern trug Lara eine offene orange-gold changierende Toga und an den Füßen silberne Römersandaletten.

Nicht nur die Frauen von Terrafranca ließen ständig etwas 'an sich machen' – wie es hieß. Tätowierungen, Piercings, durch Körperteile gestochener Schmuck und korrigierte Körperzonen sowie bei Bedarf verlängerte oder verkürzte Gliedmaßen entsprachen dem Massengeschmack und waren so alltäglich wie die Nahrungsaufnahme. Lara jedoch brachte bis auf das gelöste Taillenproblem von Natur aus offensichtlich bereits vieles mit, was dem Schönheitsideal nahekam.

„Bist Du nicht eigentlich viel zu beschäftigt, um mit mir zu flirten, Olsen?“, fragte sie prüfend.

Vorsicht war geboten. Cato musste ihr irgendwie aufgefallen sein. Lara war ganz offensichtlich im Marketing-Senat an leitender Stelle beschäftigt. Wenn sie dem Marketing-Senat angehörte, kannte sie vermutlich seine Transluzender-Auswertungen oder konnte diese zumindest mühelos beschaffen. Dass Olsen kaum Zeit hatte, war nicht zu leugnen, verriet das Gerät doch so ziemlich alles über Lebenssituation, Ziele und Motive jedes Bewohners von Terrafranca.

Der Transluzender wurde am Deka – also jedem zehnten Tag - genau um 12 für 10 Sekunden mit je einer Klemme am Ohrläppchen und am Geschlechtsteil angeschlossen und lieferte einen Datenstrom, der es Marketingfachleuten, Versandhäusern, Reiseanbietern, Partnervermittlungen, Immobilienmaklern und natürlich den sogenannten 'Motivatoren' vom Marketing-Senat ermöglichte, maßgeschneiderte Angebote für jedes Landeskind zu entwickeln. Mit dieser kleinen - und nicht ganz schmerzlosen Unannehmlichkeit – erkauften sich die Einwohner von Terrafranca eine reichhaltige und effiziente Versorgung mit allen erdenklichen Gütern.

Erfüllt von der Aufgabe, die anspruchsvollen Massen stets mit den neuesten Dingen zu versorgen, warnte der Marketing-Senat die Bevölkerung, wenn Dinge alt waren. 'Alt' war ein dehnbarer Begriff, der je nach Gegenstand unterschiedliche Bedeutung haben konnte. So war Kleidung nach drei Monaten 'veraltet', Fahrzeuge nach einem Jahr und Immobilien spätestens nach fünf Jahren. Dies bedeutete, dass die Bürger Neues anschaffen mussten, und es galt als 'Verrat an der Republik', sich dem Konsumgebot nicht zu beugen.

Obwohl ständig importiert und produziert wurde, waren manche Waren trotzdem fast nicht zu bekommen. Dazu zählten Zeitungen und Bücher. Diese wurden kaum hergestellt, und alte Bücher gab es so gut wie gar nicht. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit – außer mit der römischen - war nicht gerne gesehen. Bunte Bildbände, die weitgehend ohne Text auskamen, stellten das Leben in im Römischen Reich vor zweitausend Jahren in idealisierter Weise dar. Aus den Bildbänden konnte man sich mit dem Transluzender sofort alles, was abgebildet war, bestellen. Togen, Marmorbänke, Sandalen, Wein, Delikatessen – aber auch Pfauenfedern oder Nachbildungen von Kurzschwertern – alles stand innerhalb kürzester Zeit zur Verfügung.

Literatur aus der Zeit vor dem 'Großen Aufstand' war schwer zu bekommen, da sie größtenteils mit der damaligen Welt untergegangen war. Der Erwerb der wenigen verbliebenen Werke war verpönt und Wissenschaftlern vorbehalten. Verstöße gegen dieses unausgesprochene Tabu fielen aber spätestens im Transluzender auf und konnten mit dem eingebauten Gedankenverbesserer umgehend korrigiert werden. Dafür musste am Gerät nach dem Anschließen lediglich ein Schalter umgelegt und weitere 10 Sekunden gewartet werden. Danach war der lästige Drang, im 'Vergangenen zu wühlen' - wie offizielle Stellen dieses Bedürfnis lächerlich zu machen versuchten, verschwunden.

Manche Terrafrancaner hatten eine regelrechte Obsession für den Gedankenverbesserer entwickelt und nutzten den Transluzender darum verbotenerweise erheblich länger als die erforderliche Zeit. Dies aber galt als 'Energieverletzung' und damit als eines der verabscheuungswürdigsten Vergehen.

Wie durch ein Wunder konnten die Energieverletzer nach einer Übertretung dieser Regel eine Zeit lang weder Luxusartikel kaufen, selbst wenn sie ihre elektrischen Kaufkarten vorlegten, noch Schönheitsoperationen durchführen lassen, selbst wenn sie dafür alle Vorbereitungen getroffen waren. Nachweisbar war diese unausgesprochene Strafe zwar nicht, es gab aber keinen Zweifel, dass der unberechtigte Einsatz des Transluzenders der Grund war.

Cato jedenfalls brauchte keine Maschine, um seine Stimmung aufzuhellen. Eine Frau wie Lara brachte ihn zum Leuchten! Mit einer eleganten Bewegung beugte er sich ganz nahe zu ihr und küsste sie auf den Mund.

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