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Der unauffällige und introvertierte Luca Neri, ein Dozent sizilianischer Abstammung und mittleren Alters, ist sowohl bei seinen Studenten als auch im Kollegenkreis beliebt und respektiert. Die junge Lehrbeauftragte Julia Brunner bringt ihrem Förderer sogar erheblich mehr entgegen als bloße Zuneigung. Niemand ahnt, dass Neri ein mörderisches Doppelleben führt. Ausbeuter, Schläger, Dealer - Gnade Gott denen, die sein tödliches Missfallen erregen... Gianmaria Bessaro stellt uns in seinem Roman den sympathischsten Mörder der letzten vierzig Jahre vor. Bessaro schafft es, die Elemente des Krimis, des Thrillers und der angenehmen altmodischen Erzählung geschickt zu verbinden. +++ emotional fesselnd +++ tiefsinnig +++ psychologisch treffsicher +++
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Seitenzahl: 514
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Gianmaria Bessaro, Jahrgang 1964, studierte Medizin und Psychologie in Rom und Bologna. Nach langjähriger Tätigkeit als Landarzt erwarb er von seinen Ersparnissen einen alten Almhof, den er bis heute bewirtschaftet. Gianmaria Bessaro lebt mit seiner Ehefrau und drei Kindern in Südtirol.
– Inspiriert von wahren Ereignissen –
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Wer immer Luca Neri zum ersten Mal gesehen hätte, hätte ihn wahrscheinlich für einen eher durchschnittlichen und unauffälligen Menschen gehalten.
Neri war weder groß noch klein – obwohl er bisweilen durch seinen Körperbau größer erschien, als er tatsächlich war – und konnte weder als dünn noch als dick bezeichnet werden. Auch schien Neri in gewisser Weise alterslos zu sein. Seine dunklen, kurz geschnittenen Haare waren dicht und nur an den Schläfen mit ersten Silberfäden durchsetzt, und sein schmales, aber nicht hageres Gesicht zeigte nur so wenige Falten, dass er selbst nach größeren Anstrengungen kaum ermüdet erschien.
Mit seinen scharf umrissenen Zügen konnte er ebenso vierzig wie fünfzig Jahre alt sein; und obwohl er sicher einmal zwanzig gewesen war und wohl vielleicht einmal siebzig sein würde, war es unmöglich, sich ihn als jungen oder alten Mann vorzustellen: Sein jetziges Alter schien das ihm angemessene zu sein, so wie jetzt hätte er immer aussehen müssen.
Auch seine Gestalt verriet auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Neri war nicht schmächtig, und ein genauerer Blick auf ihn verriet regelmäßige sportliche Aktivität.
Wenn er, was selten vorkam, während seiner Arbeit das Jackett ablegte, war zu erahnen, dass er zu den Männern gehörte, von denen andere Männer respektvoll sagen, dass man sich in ihnen täuschen könne. Eine stattliche Erscheinung hingegen war er ganz entschieden nicht.
Auch sein Kleidungsstil war unspektakulär. Bei seiner Arbeit trug er stets Anzug und Krawatte, und weder ein heißer Sommer noch die leicht skeptischen Blicke seiner Kollegen hatten ihn jemals veranlasst, mit dieser Gewohnheit zu brechen. In seiner Freizeit kleidete er sich sportlich, leger und zweckmäßig – doch man konnte sehen, dass seine Kleidung hochwertig und mit Geschmack ausgesucht war.
Aber einige seiner Eigenheiten konnten einen ersten Betrachter doch ein wenig irritieren. Neris Blick unter seinen dichten, dunklen Brauen war durchdringend und bisweilen etwas starr, fast so, als würde er sein jeweiliges Gegenüber geradezu einscannen, um sich entweder später an jede noch so belanglose Einzelheit erinnern zu können oder als ob er die Fähigkeit besäße, einem anderen Menschen bis auf den Grund seiner Seele zu sehen.
Seine Mimik setzte er Fremden gegenüber sparsam ein. Ein leichtes Stirnrunzeln, ein kurzes Andeuten eines Lächelns oder ein leichtes Heben einer Braue schien manchem, was er sagte, einen besonderen, nur schwer deutbaren Nebensinn zu geben.
Dauerhaft einprägsam war zudem Neris recht tiefe, raue Stimme. Auch wenn er in der Lage war, mit höflicher Intonation seine Worte etwas höher und damit erwärmender klingen zu lassen, so schien seine Stimme doch aus den Winkeln eines dunklen, kalten Raumes zu kommen und wirkte trotz seines meist neutralen Gesichtsausdrucks bisweilen unheimlich, nur schwer interpretierbar und durch ihre kehlige Modulation sogar manchmal kalt und bedrohlich.
Wer ihn kannte, maß diesem Umstand keine besondere Bedeutung bei – Neri galt allgemein als introvertiert, und seine Eigenheiten erschienen somit als Folge dieser Introvertiertheit, wenn nicht gar als deren Ursache.
Die Wirkung auf Fremde war eine andere. Diese neigten zunächst dazu, ihm mit gewisser Vorsicht, abwartend und verunsichert defensiv gegenüber aufzutreten. Nicht dass Neri einschüchternd oder gar angstauslösend gewirkt hätte – sein Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen war von ausgesuchter, dezenter Höflichkeit geprägt – aber man besah ihn sich mit der Art von Vorsicht, mit der ein Wettkämpfer einen Kontrahenten betrachtet hätte, dessen Fähigkeiten für ihn noch nicht abschätzbar waren.
Neri lebte allein und bewohnte eine schmucke, großzügige 3-Zimmer-Wohnung in einem Mehrparteienhaus, dessen Lage man als bessere Wohngegend bezeichnen konnte. Zu seinen Nachbarn hatte er wenig Kontakt, auch suchten diese nicht seine Aufmerksamkeit. Man grüßte sich im Treppenhaus, unterhielt sich bisweilen über mehr oder weniger interessante Belanglosigkeiten und behandelte einander ansonsten mit höflicher Zurückhaltung. Seine Wohnung befand sich im Obergeschoss und bot mit ihrer Dachterrasse einen hübschen Ausblick sowohl über gepflegte Grünanlagen als auch über den nahe gelegenen Ort; seine Einrichtung spiegelte in fast skurriler Weise seine Persönlichkeit wider – ein Umstand, der ihn selbst bisweilen amüsierte.
Die Einrichtung war hochwertig, die Möbel geschmackvoll ausgesucht und selbst die Farbgebung der Räume hatte Stil – aber als gemütlich konnte man seine Wohnung auch bei wohlwollender Betrachtung nicht bezeichnen.
Es war eine Männerwohnung, wie es einmal eine seiner wenigen Bekannten auf den Punkt gebracht hatte. Und dies bedeutete nach ihren Ausführungen das Fehlen des Dekorativen, des Sinns für die Ästhetik des Wandschmucks, das Fehlen von Kerzen, Pflanzen und anderen nach ihrer Ansicht unverzichtbaren Elementen des weiblichen Eingreifens bei der Gestaltung heimeliger Atmosphäre.
Ihm war es gleichgültig, denn obwohl er ihren Ausführungen fasziniert zugehört hatte, war er sich seiner eigenen Defizite auf diesem Gebiet be wusst und hatte sie für sich als unveränderbar angenommen wie seine Schuhgröße – was ihn allerdings nicht daran hinderte, die Annehmlichkeiten gemütlicher Wohnungen anderer wahrzunehmen und mit einer Mischung aus Bewunderung und Bedauern über das eigene Unvermögen zu registrieren.
Dass er allein lebte, war im engeren Sinne keine bewusste Entscheidung gewesen. Es hatte sich aus seinen Lebensumständen ergeben, denn nach zwei gescheiterten Versuchen des Zusammenlebens mit einer Frau fehlten ihm sowohl der Mut des erneuten Beginns als auch die Bereitschaft, räumliche Nähe noch einmal mit ungewissem Ausgang zu riskieren.
Mönchisch war seine Gesinnung nicht. Er hatte Beziehungen unterhalten, er hatte Verhältnisse gehabt, und er war weit davon entfernt, das Alleinleben zu idealisieren – schließlich sah er manchmal nicht ohne gewisse Wehmut auch im unmittelbaren Umfeld funktionierende Ehen, glückliche Kinder und die Geborgenheit der Institution Familie.
Aber er hatte mittlerweile akzeptiert, dass sein Inneres sich zu stark dagegen sträubte, die Nähe zu ertragen, die er selbst für eine Lebenspartnerschaft für unabdingbar hielt. So hatte er sich damit abgefunden, sein Leben in der vagen und nur noch selten aufkeimenden Hoffnung zu führen, eines Tages durch reinen Zufall seine Lebensumstände in die Bahnen lenken zu können, die man ihm in seiner Jugend mit dem Begriff »geordnet« anzuerziehen versucht hatte.
Neris Großeltern waren seinerzeit aus Sizilien eingewandert und hatten sich bestens assimiliert – fast zu gut für seinen Geschmack, denn zu seinem Bedauern waren weder die italienische Sprache noch sonstige spezifische Traditionen des italienischen Südens in seiner Familie besonders gepflegt worden, was unter anderem zur Folge hatte, dass Neri kaum Italienisch sprach, noch sich in der italienischen Geschichte nennenswert auskannte.
Nur ihre Vorstellungen über Wichtigkeit und Stellenwert des Familienlebens hatten seine Eltern ihm zu vermitteln versucht; und unter ihrer Enttäuschung darüber, dass ihr einziger Sohn weder geheiratet hatte noch Kinder besaß, hatte er in jüngeren Jahren durchaus gelitten – ebenso wie unter dem deprimierenden, einschüchternden Schuld- und Strafe-Katholizismus, der für ihn als Kind prägend war und von dessen Folgen sich zu erholen ihm später noch gewisse Probleme bereiten sollte.
Dennoch hätte Neri seine Kindheit nicht als unglücklich bezeichnet. Sein Vater war ein fleißiger Mann gewesen, der es in einem der größten Automobilkonzerne des Landes bis zum Meister gebracht hatte; und er war ein Mensch, der sich zu Hause eine künstliche Aura des Autoritären aneignete, dabei aber den Großteil der Erziehung seines Sohnes voller Vertrauen in die Hände seiner Frau legte – und diese, wohl wissend um die hinter der scheinbaren Autorität ihres Mannes verborgene Hilflosigkeit in Erziehungsfragen, spielte ihre Rolle in dieser Komödie gut.
Sie besorgte den Haushalt, liebte, ermahnte, strafte und förderte ihren Sohn in einer ausgewogenen Mischung aus Strenge und Duldsamkeit – und nachdem Neri sein Hochschulstudium als erster Dottore der Familie abgeschlossen hatte, betrachtete Neris Vater seine Frau mit ebenso großem Stolz wie seinen Sohn selbst.
Doch das Verhältnis zwischen Luca Neri und seinem Vater war über viele Jahre sehr ambivalent gewesen. Dabei war der junge Luca ein Kind, wie es sich Eltern konservativ-katholischer Prägung nur wünschen konnten.
Er war ruhig, folgsam und widersprach nur selten den elterlichen Wünschen oder Anweisungen; schulische Elternsprechtage, von manchen Eltern mit einer Mischung aus Hoffen und Bangen erwartet, förderten nichts zutage, was seinen Vater hätte beunruhigen oder aufregen müssen.
Die schulischen Leistungen waren gut, das Betragen ließ nichts zu wünschen übrig, das Verhalten den Mitschülern gegenüber war vorbildlich.
Doch genau dies verursachte in Neris Vater eine merkwürdige, schwer fassbare Mischung aus Stolz und Sorge. Neris Vater war ein starker und oft unbeherrschter Mann, in seiner Jugend ein aufbrausender, rebellischer Typ, der nur mit Mühe und Strenge gezähmt worden war; darüber hinaus war er ein recht erfolgreicher Amateurboxer gewesen, der über Jahre in zweiundneunzig Kämpfen nur zwölfmal besiegt worden war.
Die Ruhe und Gelassenheit seines Sohnes, seine Anpassungsfähigkeit, sein von schulischer Seite bescheinigtes ungewöhnlich reifes Sozialverhalten sowie seine mit allen Familientraditionen brechenden schöngeistigen Interessen waren ihm unheimlich – und dies in einem Maße, dass er sich bisweilen sogar Sorgen um die sexuelle Orientierung Lucas machte, überflüssigerweise, wie sich kurz nach dessen fünfzehntem Geburtstag herausstellte.
Nichtsdestoweniger versuchte er, seinen Sohn für die Dinge zu begeistern, die nach seiner Gefühlslage zu der gesunden Entwicklung eines Jungen beitragen sollten. Denn längst hatte er sich eingestanden, sich vielleicht doch einen weniger braven, angepassten und vielleicht sogar aggressiveren, aufsässigeren Sprössling gewünscht zu haben. Doch seine Versuche scheiterten.
Ob es um gemeinsame Reparaturen am Familienfahrzeug, ums Angeln, um handwerkliche Tätigkeiten oder um das Boxen ging – sein Sohn widersprach nicht, er rebellierte nicht, er nahm es sogar hin, im ehemaligen Boxverein seines Vaters von dreiundzwanzig Kämpfen lediglich sechzehn mühsam zu gewinnen und ansonsten zum Teil auf fast unansehnliche Art Prügel zu beziehen, aber er zeigte keine erkennbare Regung außer höflichem Desinteresse.
Sein Vater kapitulierte schließlich, nachdem Lucas Mutter endlich ein kategorisches basta ausgesprochen hatte. Sie hatte ihrem Mann gegenüber zum ersten und einzigen Mal einen lauten, harten Ton angeschlagen und ihm gesagt, er solle froh sein und den Heiligen danken, einen Sohn zu haben, der seinen Kopf zum Denken benütze anstatt ihn vor die Fäuste eines Gorillas zu halten, dass es noch andere Talente gebe als technische und boxerische und dass er noch genug Anlass zum Stolz haben würde, wenn ihr gemeinsamer Sohn eines Tages die Schule abschließen und die Universität besuchen würde. Capisce?
Roberto Neri hatte verstanden. In der Folgezeit ließ er seinen Sohn weder offene Missbilligung noch gar Verachtung spüren. Aber er betrachtete ihn mit der besorgten Faszination eines Gärtners, der in seinem Beet eine exotische Frucht entdeckt, von der er noch nicht so recht weiß, was aus ihr einmal werden würde. Luca ignorierte die Befremdung seines Vaters so gut er konnte; und seiner Mutter gegenüber empfand er größte Dankbarkeit für ihre deutliche Stellungnahme.
Aber er war hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, von seinem Vater anerkannt zu werden und dem Gefühl der Unzulänglichkeit, dessen Erwartungen auch nur ansatzweise erfüllen zu können. Es blieb ihm nur übrig, das Problem auszusitzen.
Er lernte gut und schnell, schrieb sich nach dem Abitur für Psychologie, Soziologie und Philosophie ein und schloss in angemessener Zeit ab – auch sein Vater, der den erfolgreichen Studienverlauf seines Sohnes mit zunehmendem Interesse verfolgt hatte, zeigte ihm am Ende eine für ihn ungewohnte und ungewöhnliche Art väterlicher Liebe. Er legte ihm die Hand auf die Schulter, setzte sich und betrachtete mit verräterisch feuchten Augen abwechselnd die alten Familienfotos an der Wand und die fast noch druckfrische Promotionsurkunde seines Sohnes.
Der unmittelbar folgende Ausdruck väterlichen Stolzes war im Endergebnis weniger anrührend. Neri senior ließ es sich nicht nehmen, seinen Sohn auf eine ausgedehnte Kneipentour durch all die Lokale zu entführen, die ihm über viele Jahre ans Herz gewachsen waren.
Zwar war er nie ein starker Trinker gewesen, aber die Geborgenheit, die Fachsimpeleien über Sport oder Beruf, der Zweitwohnsitzcharakter all der kleinen Kneipen in dieser unwirtlichen, seinerzeit von den Nazis aus dem Boden gestampften grauen Stadt hatten ihm stets einen gern angenommenen Rückzugsort von der Tristesse seines täglichen Arbeitslebens geboten.
Dort kannte man ihn, dort schätzte man ihn, und dort waren die anderen Gäste über seine Lebensumstände ebenso im Bilde wie er über ihre. Was hätte also näher gelegen, als in eben diesen Lokalen seinem Stolz über den eigenen Sohn, dem Dottore, freien Lauf zu lassen?
Sogar Luca fühlte sich nicht unbehaglich; obwohl er sich auch als Student von allzu wüsten Gelagen ferngehalten hatte, vermischten sich bei ihm im Laufe der Stunden Alkohol, die Freude über die eigene erbrachte Leistung und ein angenehm warmes Gefühl der Verbundenheit mit seinem Vater, dem er sich nur selten so nahe gefühlt hatte wie an diesem Abend. Kurzzeitig blitzte in ihm Verständnis für die Ambivalenzen der eigenen Vater-Sohn-Beziehung auf; und zwar jene Art von Verständnis, die ohne zu werten einen Sachverhalt analysiert und reflektiert, ohne dabei auf die Ebene plumper Kumpanei zu rutschen. Zweifellos hatte sein Vater gewollt, dass er, Luca, es weiterbringen sollte als es ihm selbst möglich gewesen war; zugleich hatte er eventuell jene diffuse Furcht entwickelt, sein Sohn könne sich dadurch seinem erzieherischen Einfluss entziehen, die Art von Furcht also, die für assimilierte Mittelstandsfamilien so typisch war.
So willkommen der Erfolg des eigenen Sohnes in vielerlei Hinsicht auch sein mochte: Das zerbrechliche Ego eines arm und vergleichsweise bildungsfern aufgewachsenen Mannes, der sich über viele Jahre mühsam hochgearbeitet hatte, vertrug sich in den verborgenen Tiefen seiner Seele vielleicht nicht allzu gut mit dem scheinbar mühelosen Erfolg des von den Umständen privilegierten Sohnes.
Der Abend verlief, nachdem tiefere Reflexionen über Familienbeziehungen alkoholbedingt eingestellt worden waren, nicht ohne gewisse dramatische Komik. Signora Neri höchstselbst, die ihren Ausschluss von diesem unvermeidbaren Männerabend ohne Murren hingenommen hatte, hatte sich kurz nach Mitternacht auf die Suche nach ihrer Familienbande gemacht – übrigens ohne jede Illusionen darüber, wie dieser Abend verlaufen würde. Da sie die bevorzugten Aufenthaltsorte ihres Mannes kannte, musste sie nicht allzu lange suchen, um in einer kleinen Taverne Ehemann und Sohn zu finden, und zwar beide in einem Zustand, der mit angeheitert nicht mehr hätte beschrieben werden können.
Der herbeitelefonierte Taxifahrer weigerte sich, wohl aus Angst um seine Sitze, das Trio nach Hause zu fahren, und so ging, schwankte und torkelte man, sich gegenseitig mehr schlecht als recht stützend, durch die Nacht heimwärts, begleitet von den Geräuschen der nächtlichen Stadt und den Schimpftiraden einer leidgeprüften Ehefrau und Mutter, die es allerdings fertigbrachte, Zetern und Lachen über die Absurdität der Situation in gesundem Maße zu verbinden. Zu Hause angekommen erbrachen sich Vater und Sohn schließlich auf dem Gehsteig, und nachdem beide mit tatkräftiger Hilfe ins Bett verfrachtet worden waren, ließ sich Signora Neri zu etwas hinreißen, was sie sonst nur in den seltensten Fällen nervlicher Anspannung zu tun pflegte: Sie verdrehte die Augen himmelwärts und rief auf Italienisch die Muttergottes an.
Etwas über zwanzig Jahre später, an einem freundlichsonnigen Frühlingsmorgen, erwachte Luca Neri gegen sechs Uhr, etwa gut zwei Stunden vor der üblichen Zeit seines Tagesbeginns.
Dies war ungewöhnlich; normalerweise schlief er länger und schaffte es meist nur unter gewissen Anstrengungen, den Anweisungen seines Weckers Folge zu leisten. Zudem lag ein Wochenende hinter ihm, welches er mit Sport, Lesen und dem Besuch eines Restaurants der gehobenen Kategorie ausgestaltet hatte – und mit dem Genuss des Ausschlafenkönnens, was sein frühes Erwachen noch ungewöhnlicher machte, als es ohnehin war.
Neri befand sich in einem halb wachen Zustand der Orientierung; eine merkwürdige Mischung aus dem Säubern des Bewusstseins von Traumresten diffuser Art, der Reflexion des vergangenen Tages, des als nicht wirklich unangenehm empfundenen Muskelkaters infolge seiner sportlichen Wochenendaktivitäten sowie aus dem bedächtigen, geradezu bestürzend nüchternen Analysieren seiner Vergangenheit und Gegenwart.
Neri war mit dieser Situation vertraut; häufig schon hatte er erlebt, dass er vor sich seinen Werdegang Revue passieren ließ – dies allerdings immer mit einem gewissen Gefühl der Entfremdung, ja des Befremdlichen allgemein, denn stets waren seine Gedanken so vergleichsweise neutral, dass ihn manches Mal eine vage Form des Unbehagens ergriff, weil er nie das echte Gefühl hatte, sich selbst, sondern vielmehr eine andere, wenn auch ihm flüchtig vertraute Person zum Objekt seiner Gedankengänge zu machen.
Nach dem Abschluss seines Studiums hatte Neri für sich entschieden, keine klassische akademische Karriere anzustreben. Die zahllosen Wasserträgertätigkeiten für seinen Doktorvater, die Existenzängste, die mit befristeten Stellen an der Hochschule zwangsläufig einhergingen, das Bangen um eventuelle Verlängerung des Arbeitsvertrags hatten ihn in dieser Hinsicht kuriert.
Seine Dissertation war eine Fleißarbeit gewesen, ein unspektakuläres Projekt, das höchstens wenigen Interessierten etwas hätte geben können, und wie viele ähnliche Qualifikationsarbeiten im Regal der Universitätsbibliothek verschwand – und zwar in der Kategorie der Bücher, die die Welt nicht braucht, wie Neri es selbstironisch einmal auf den Punkt gebracht hatte.
Trotzdem hatte Neri von eben dieser Zeit als junger Doktorand etwas Entscheidendes gelernt. Er unterrichtete gern. Und er hatte Talent, ein seltenes, von ihm während seines eigenen Studiums bei seinen Professoren und Dozenten oftmals schmerzlich vermisstes Talent, Interesse, Begeisterung und manchmal sogar Leidenschaft für ein Thema zu wecken. Und er war beliebt gewesen.
Seine Zuhörer, damals kaum wesentlich jünger als er, brachten ihm offene Zuneigung entgegen und schätzten seine Fähigkeit, noch das trockenste Pflichtthema anschaulich und spannend abzuhandeln – mit dem Ergebnis, dass Neri von weniger talentierten Mitarbeitern misstrauisch beäugt wurde und er sich des Öfteren dem Vorwurf ausgesetzt sah, seine Veranstaltungen entweder nicht ernst genug zu nehmen oder sie nur oberflächlich abzuhandeln.
Aus diesen Gründen hatte sich Neri, als sein Ausbildungsende absehbar war, bei verschiedenen Bildungseinrichtungen beworben und war schließlich als Dozent für Psychologie und Gesellschaftswissenschaften an einer Fachschule für Gesundheitsberufe in Süddeutschland angenommen worden. Er fühlte sich wohl dort.
Die leicht bergige Landschaft war reizvoll, die Stadt mit ihren gewachsenen Strukturen, die Fachwerkhäuser in den engen Gassen seines Wohnortes – all dies unterschied sich wohltuend von der unausrottbaren Künstlichkeit seiner Heimatstadt.
Und er konnte unterrichten, zudem noch auf einer unbefristeten Stelle im Öffentlichen Dienst, was ihm die Freiheit gab, sich ohne materielle Sorgen auf seine Arbeit zu konzentrieren – ein fast unerhörter Luxus im Gegensatz zu der ihm bekannten Situation des universitären Prekariats.
Während er aufstand, um in der Küche Kaffee aufzusetzen – gegen seine Gewohnheit hatte er sich entschlossen, früher als sonst in der Schule zu erscheinen – musste er unwillkürlich lächeln. Denn seine Schule war vor einigen Jahren aus ihm selbst unerfindlichen Gründen durch einen ministeriellen Handstreich in den Rang einer Fachhochschule erhoben worden und nannte sich fortan University of Applied Sciences of Healthcare; abgesehen davon, dass er sich unsicher war, ob dieser dick aufgetragene Anglizismus grammatikalisch korrekt war, belustigte ihn vor allem der Umstand, dass fast das gesamte Kollegium für zwei Wochen nach dieser Umbenennung wie auf Wolken gelaufen war.
Denn immerhin durften sich die Dozenten nun Professoren nennen – ein Privileg, von dem einige gerne regen Gebrauch machten. Auch eine Art der akademischen Laufbahn, dachte Neri, und immerhin, so hoffte er, könnte der ganze Unfug zwei Vorteile haben.
Wer die Schule erfolgreich durchlief, hatte anschließend als B.A. vielleicht bessere Berufsaussichten; zum anderen würden in Zukunft an neu einzustellende Lehrkräfte höhere Anforderungen gestellt werden. Und dies wiederum könnte bedeuten, dass einige von ihm geschätzte junge Lehrbeauftragte eine echte Perspektive bekämen – könnte bedeuten, wenn das Ministerium die Stellen auch freigäbe, statt den Status quo zu konservieren und eben diese jungen Nachwuchskräfte mit falschen Hoffnungen bei der Stange zu halten. Man würde sehen.
Neri duschte und rasierte sich anschließend mit peinlicher Sorgfalt. Sein Bart war, anders als sein Kopfhaar, schon in jungen Jahren ergraut, was ihn in unrasiertem Zustand unverhältnismäßig alt und wenig gepflegt erscheinen ließ. Danach kleidete er sich an; er kombinierte einen neutralen dunklen Anzug mit einem weißen Hemd, einer angemessen gedeckten Krawatte und zeitlosen Budapestern.
Außer seinem Kaffee nahm er heute früh nichts zu sich; er hatte Appetit auf ein kräftiges Frühstück mit Schinken und Ei, wollte aber nicht mit unangenehmen Gerüchen im Anzug in der Schule auftauchen. Außerdem war die Cafeteria dort hervorragend, und Neri, der morgens nicht unbedingt gesprächig war, genoss neben dem Essen trotzdem die Kontakte, die sich dort zwangsläufig ergaben ebenso wie die Möglichkeit, andere zu beobachten – eine Beschäftigung, der er sich seit seiner Jugend gerne hingab.
Nachdem er seinen Kaffee getrunken hatte, nahm er seine bereits am Vorabend gepackte Tasche und verließ seine Wohnung. Er betrat den Fahrstuhl zur Tiefgarage, entriegelte dort seinen Wagen und legte seine Tasche auf den Rücksitz. Neri setzte sich ans Steuer und hielt kurz inne, bevor er den Motor startete.
Er mochte sein Fahrzeug und genoss die Bequemlichkeit des Sitzes, den leichten Geruch nach Leder, die vielen sinnvollen Extras sowie das übersichtlich-funktionelle Interieur. Vor zwei Jahren hatte er den Wagen gebraucht gekauft. Ein japanischer Hersteller hatte versucht, mit diesem Modell in der Oberklasse des deutschen Marktes Fuß zu fassen und war letztlich gescheitert.
Das Modell verhieß kein Prestige, war designerisch bestürzend geschmacklos, hatte sich schlecht verkauft und war am Ende auf den Kiesbetten der Gebrauchtwagenhändler gelandet, die es zu Spottpreisen anbieten mussten, um es überhaupt loszuwerden. Merkwürdig, dachte Neri, welch hoher Preis im Einzelfall für Prestige gezahlt wird.
Er startete den Motor, öffnete das Tor mit seiner Fernbedienung und verließ die Garage. Das Tor schloss sich hinter ihm automatisch, und er ordnete sich in den Verkehr ein. Die Fahrt zur Schule würde etwa eine halbe Stunde dauern.
Das Radio blieb ausgeschaltet, er genoss die Ruhe am Morgen und würde auch die Tageszeitung in der Cafeteria lesen können. Und so saß der unauffällige Dozent Luca Neri am Steuer, entspannt und nicht ohne Vorfreude auf seinen Arbeitstag.
Nur eine kleine Besonderheit, eine kleine Anomalie in seiner Persönlichkeit unterschied ihn von seinen Mitmenschen und hob ihn aus der Masse heraus, die von eben dieser Anomalie nicht das Geringste ahnte. Neri hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Menschen getötet.
Etwa fünfundzwanzig Minuten später erreichte er die Schule und lenkte sein Fahrzeug auf den für ihn mit einem Blechschild reservierten Parkplatz. Dr. Neri, dachte er; seltsam, dass hier im Süddeutschen sogar die Parkplätze mit akademischen Würden verziert waren. Aber er kannte mittlerweile die regionalen Unterschiede in der Handhabung von Titeln.
Während man im Norden doch eher gelassen, fast hanseatisch vernünftig mit ihnen umging, wurden sie im Süden wie im Osten Deutschlands doch insgesamt mit peinlicher, fast sakraler Ehrfurcht behandelt – von Österreich ganz zu schweigen. Seine Gefühle demgegenüber waren gemischt.
Die permanente, penetrante Anrede Herr Doktor war ihm im Grunde etwas zuwider, andererseits verschaffte ihm der Titel im Kollegenkreis einen gewissen Sicherheitsabstand – kaum jemand wagte es, in fachlichen Diskussionen offenen Widerspruch zu riskieren.
Sehr bequem, wie Neri schon früh bemerkt hatte, vor allem denen gegenüber, die sich gern als Kenner profilierten, dabei aber von einer steten latenten Furcht getrieben wurden, an einem bestimmten Punkt des Diskurses zu versagen. Neri stieg aus. Bemerkenswert, dachte er, dass er jeden Morgen etwa eine halbe Stunde zur Schule fuhr und nachmittags die gleiche Zeit für den Rückweg brauchte, dabei konzentriert und umsichtig fuhr, ohne sich aber anschließend an Einzelheiten der Fahrt erinnern zu können. Alltagsdissoziation, drängte sich der Fachbegriff in sein Bewusstsein.
Mit seiner Tasche in der Hand betrat er das Gebäude. Die Schule war für ein Lehrgebäude ausnehmend schön; eine modernisierte Jugendstilvilla, die im Laufe der Jahre durch zahlreiche, dem ursprünglichen Baustil Rechnung tragende Anbauten erweitert worden war. Da die Trägerschaft zur Hälfte dem Land und zur anderen Hälfte einem finanzstarken Klinikverbund unterlag, war auch die innere Ausgestaltung ansprechend. Solide Wände und Teppichböden verhinderten den sonst typischen hohen Lärmpegel einer Schule; die Arbeitsmittel waren erstklassig und modern – obwohl Neri, wie er es selbst oft bezeichnete, noch aus der Kreidezeit stammte und in der Regel mit Tafel, Büchern und bestenfalls mit Folien arbeitete – es gab Fahrstühle, ein gemütliches Lehrerzimmer sowie eine Cafeteria, die eher die Bezeichnung Restaurant verdient gehabt hätte. Wer das Unterrichten liebte, fand hier geradezu paradiesische Zustände vor.
Neri nahm den Fahrstuhl und ging in die Cafeteria. Einzelne Grüße verschiedener Kollegen und Schüler erwiderte er mit einem freundlichen Kopfnicken; da man ihn und seine Gewohnheiten kannte, erwartete niemand ernsthaft mehr von ihm, schon gar nicht um diese Zeit. Am Tresen angekommen, bediente ihn ein höflicher junger Mann mit roten Haaren, der sich noch in der Ausbildung zum Koch befand.
»Grüß Gott. Schinken und Ei, dazu Kaffee, stimmt’s, Herr Doktor?«, fragte der Junge freundlich.
»Stimmt. Können Sie hellsehen?«, erwiderte Neri so höflich, wie es ihm die Tageszeit ermöglichte.
»Wenn ich das könnte, würde ich nicht Koch lernen. Dann würde ich Lotto spielen und Millionär werden«, lachte der junge Mann, »Nein, aber wenn Sie so früh hier sind, heißt das für mich, dass Sie was Kräftiges wollen und zu Hause keine Lust zum Brutzeln hatten. Erfahrung sozusagen«, fügte er noch immer lächelnd hinzu. »Empirie, stimmt’s?«
Neri war amüsiert. Der Junge war höflich und respektvoll, ohne dabei übertrieben unterwürfig zu wirken.
Er bezahlte, nahm das Tablett mit seinem Essen und setzte sich an einen der freien Tische am Fenster. Er aß Schinken und Ei und griff sich, bevor er sich dem Kaffee zuwandte, die ausliegende Tageszeitung. In Wahrheit interessierten ihn die Nachrichten um diese Zeit nur wenig. Der Griff zur Zeitung war für ihn eher eine Art Rückzug, ein Signal an seine Umgebung, ihn möglichst nicht oder nur in dringenden Fällen zu stören. Kaum etwas war ihm verhasster, als am frühen Morgen eine Unterhaltung aufgenötigt zu bekommen.
Nur eine Art von Ausnahme machte er von dieser Regel: Er legte seine Zeitung zur Seite, wenn er jemanden für so sympathisch oder interessant befand, dass er ein Gespräch würde genießen können. Heute erschien als Ausnahme von dieser Regel Julia Brunner.
Neri hatte Julia Brunners Eintreten bemerkt und seine Zeitung gerade in dem Moment zur Seite gelegt, als sie mit ihrem Kaffee in der Hand lächelnd zu seinem Tisch schlenderte.
»Darf ich?«, fragte sie überflüssigerweise, denn natürlich konnte sie Neris Signale längst deuten. Immerhin kannte sie ihn schon seit etwa einem Jahr.
»Bitte«, erwiderte Neri und schenkte ihr eine Art Lächeln, einen Gesichtsausdruck, der die junge Lehrbeauftragte vor längerer Zeit noch irritiert hatte. Es war kein eigentliches Lächeln, Neris Mund bewegte sich nur unmerklich und blieb geschlossen. Aber um seine Augen bildeten sich freundliche kleine Falten; und abgesehen davon, dass er auf diese Art trotz seiner rauen Stimme, seiner scharfen Gesichtszüge und seines durchdringenden Blicks, der ihr noch vor Monaten etwas unangenehm gewesen war, recht liebenswert wirkte, hatte sie anfangs gerade aus diesem Gesichtsausdruck auch schließen können, dass er doch nicht mehr ganz so jung sein konnte, wie sie ursprünglich einmal gedacht hatte.
Sie schob die Zeitung beiseite, stellte ihren Kaffee ab und beugte sich vor dem Hinsetzen nach vorn – etwas weiter als nötig gewesen wäre, dachte Neri, der einen kurzen Blick auf ihren Brustansatz werfen konnte. Julia war hübsch. Nur etwas kleiner als Neri, von sehr schlanker Gestalt, trug sie meist Jeans, Sneakers und sportlich-praktische Shirts; ihre Haare waren dunkel und etwa schulterlang, wurden aber von ihr in einem lockeren Pferdeschwanz gebändigt. Ihre Gesichtszüge waren fein, die Brauen dunkel und dicht, ihre Augen waren braun, ihre Ohren lagen eng am Kopf an, und ein hervorstechendes Merkmal ihres schlanken Gesichts war ihr Mund. Er war breit, aber nicht schmallippig, und ihre strahlend weißen Zähne waren recht groß, ohne im Mindesten die Harmonie ihrer Züge zu stören. Ihre Hände waren schlank und gepflegt, aber sie wirkten durch die sich deutlich abzeichnenden Adern, die auch auf ihren Unterarmen sichtbar waren, alles andere als schwach. Ihre Figur wirkte jungenhaft, und durch ihre eng sitzenden Jeans zeichneten sich trainierte, muskulöse Beine ab. Androgyn, dachte Neri, ein bisschen wie die junge Hilary Swank.
Während sie sich nach vorn gebeugt hatte, hatte Neri, wie schon so häufig, ihren Eigengeruch registriert.
Zwar hatte er nie bemerkt, dass sie einen bestimmten Duft aufgetragen hätte, aber immer roch sie angenehm, frisch und nach einer unbestimmbaren Art von Süßem – am ehesten, so schien es Neri, nach frisch gebackenem Aprikosenkuchen. Zum Anbeißen, dachte Neri, vielleicht kommt der Ausdruck ja daher. Fast hätte er über seine eigenen Gedankengänge gelächelt.
»Nun?«, fragte Julia.
»Nun was, bitte?«, wollte Neri, noch immer über seine Gedanken amüsiert, wissen.
»Wie war Ihr Wochenende? Waren Sie wieder aktiv?« Julia wusste, dass Neri für sein Alter recht sportlich aktiv war.
»Wenn Sie mit aktiv Sport meinen, ja, war ich. Deshalb kann ich auch die Zeitung kaum noch halten.«
Er legte den Kopf leicht zur Seite, hob die linke Braue und scannte sie. Ihre Hände befanden sich in nervöser, ungezielter Beweglichkeit, sie saß nicht entspannt, ihre Beine legte sie in schnellem Wechsel übereinander, wobei ihre Füße in ständiger Unruhe blieben. Ihr hübsches Gesicht war nun deutlich angespannt, ihr Lächeln war verschwunden.
»Sie wollten mich nicht wirklich nach meinem Wochenende fragen, stimmt’s?«, fragte Neri mit einer Stimme, die ihr zeigte, dass er bereits wusste, worum es ihr ging.
»Ja, stimmt ... Sie wollen, dass ich noch vor dem Sommer zum ersten Mal die höheren Jahrgänge unterrichten soll. Und in die Prüfungskommission haben Sie mich auch berufen. Ich hab’s am Freitag erfahren, als Sie schon weg waren. Natürlich freue ich mich – einerseits. Dass Sie mir das ermöglichen, meine ich. Aber mein Unterricht wird – nun ja, von manchen hier schon jetzt kritisch gesehen. Vielleicht auch ich als Person«, fügte sie hinzu, und ihr Gesicht wurde ernst.
»Von manchen? Unsinn. Ich weiß, wen Sie meinen«, sagte er kurz und bündig. »Sie unterrichten hier meine Fächer und ich bin der Fachkoordinator.« Neri senkte seine Stimme. »Also keine Angst vor der guten Frau. Sie sind jung, Sie sind gut, und nichts provoziert mehr Neid bei irgendwelchen älteren Funktionären als eine junge und kompetente Dozentin.«
»Aber warum haben Sie mich nicht zuerst informiert, warum erfahre ich so etwas von – nun ja, Sie wissen schon von wem?«, fragte Julia nicht ganz ohne Vorwurf in der Stimme.
»Weil Sie, liebe Julia, dann eventuell aus Angst vor Sie wissen schon wem nein gesagt hätten. Vergessen Sie nicht, dass ich auch einmal ein junger Nachwuchsdozent war – und auch mit einer gehörigen Portion Angst vor den alten Platzhirschen und vor der eigenen Courage. Auch wenn das natürlich aus Ihrer Sicht noch im Mittelalter war«, fügte er mit der Andeutung eines Stirnrunzelns, aber nicht ohne Humor hinzu. »Und ich würde Ihnen nichts aufbürden, was ich Ihnen nicht auch aufrichtig zutraute«, schloss er seine Stellungnahme mit ermutigendem Unterton. Julia sah ihn dankbar an.
Seltsam, dachte sie, er hat immer ein sehr gutes Gespür für meine Gemütslage. Vielleicht hat er dieses Gespür ganz allgemein – eine Art psychologischen Röntgenblick.
Tatsächlich hatte sich Neri von Anfang an um Julia Brunner gekümmert. Er mochte sie. Sie war vor etwa einem Jahr als Lehrbeauftragte an die Schule gekommen. Da sie sich noch vor der Europäischen Hochschulreform eingeschrieben hatte, konnte sie einen Diplom-Abschluss vorweisen und unterrichtete in Neris Fachbereich. Und er hatte ihr bis auf wenige Unterweisungen bei der gesamten Gestaltung ihres Unterrichts freie Hand gelassen, ein Vertrauensbeweis, der ihr schmeichelte und der ihr viel von ihrer Anfangsnervosität genommen hatte.
Außerdem fühlte sie sich von ihm beschützt – obwohl sie selbst nicht einmal genau hätte sagen können, wovor oder vor wem. Vielleicht vor der Arroganz der Etablierten, die mit denen ihre Machtspielchen trieben, vor deren Kompetenz sie sich insgeheim fürchteten?
Julia nippte an ihrem Kaffee und betrachtete Neri, der ihren Blick erwiderte. Es hatte einige Zeit gedauert, seine durchdringenden grünen Augen ohne Beunruhigung auszuhalten. Anfangs, so fiel ihr ein, hatte sie sich manchmal von seinem Blick geradezu ausgezogen gefühlt, und für kurze Zeit hatte sie sogar damit gerechnet, dass er versuchen würde, sich ihr zu nähern. Als er dann allerdings selbst nach Monaten nie den geringsten Versuch unternahm und sich stets korrekt verhalten hatte, schämte sie sich fast für ihre anfänglichen Überlegungen.
Dabei fand sie ihn selbst, trotz ihres Altersunterschieds, sehr attraktiv. Er sah vielleicht nicht im engeren Sinne gut aus – aber er verfügte für ihren Geschmack über Ausstrahlung, Persönlichkeit und natürlich: Intelligenz. Auch war er für ihren Geschmack eine gepflegte, sportliche, auf angenehm altmodische Art elegante Erscheinung.
Sein Verhalten war ebenso altmodisch höflich; deshalb hatte es ihr auch nie Unbehagen bereitet, dass er sie mit Vornamen ansprach, ohne ihr das Du angeboten zu haben. Julia, Sie ... – wenn er das sagte, klang es aufrichtig herzlich, nicht etwa gönnerhaft. Aber das wirklich Fesselnde an ihm ist, dachte Julia, dass er in gewisser Weise undurchschaubar bleibt. Auch nach einem Jahr war sie immer noch nicht in der Lage, seine Persönlichkeit wirklich umfassend einzuschätzen. Er schien ein echter Gentleman zu sein. Aber ein Teil von ihm blieb ihr bis heute ein Rätsel, und wohl gerade das machte ihn für sie zu einem durchaus interessanten Mann.
»Essen Sie nichts, Julia?«, riss Neri sie plötzlich aus ihren Gedanken.
»Ich hab’ schon«, sagte sie lächelnd. »In einer WG ist immer was im Kühlschrank.«
»In meinem Kühlschrank ist auch was, und ich lebe in keiner WG«, konterte Neri trocken.
Julia schwieg einen Moment. Sie wusste natürlich mittlerweile, dass Neri allein lebte. Und fast beneidete sie ihn um die Fähigkeit, das Alleinleben auszuhalten. Sie selbst sah sich dazu außerstande. Mit ihrem letzten Freund hatte sie vier Jahre zusammengelebt; danach war ihr die Vorstellung, nach der Arbeit in eine leere Wohnung zu kommen, unerträglich geworden.
»Vielleicht machen Sie aus der Not eine Tugend, weil Sie zu alt für eine WG sind«, versuchte Julia zu scherzen, im nächsten Augenblick erschrocken über ihre gewagte Formulierung. Aber Neri zeigte keine Anzeichen von Ärger.
»Vielleicht tue ich das wirklich.« Aufstehend und das benutzte Geschirr auf das Tablett stellend sagte er schließlich: »Aber solange Sie mir Ihre Sorgen anvertrauen, fühle ich mich noch nicht wirklich zu alt.«
Die Cafeteria füllte sich langsam. Julia nahm ihm das Tablett ab und stellte es, von ihm begleitet, in den Geschirrwagen. In ihrem Kopf arbeitete es, sie dachte nach. Warum hilft er mir? Warum fördert er mich, und warum nimmt er mir die Angst vor der Schulleiterin? Vielleicht, dachte sie, hatte sein letzter Satz einen verborgenen Nebensinn. Vielleicht hört er sich meine Sorgen an, weil er mich mag. Und sicher vertraue ich ihm auch, weil ich ihn ein klein wenig mehr als nur mag.
Neris und Julias Wege trennten sich auf dem Weg zum zweiten Stock. Julia hatte Unterricht im ersten Block, das heißt von acht Uhr bis halb zehn. Neri bemerkte, dass sie immer noch nervös war – ihr Hals hatte sich ein wenig gerötet, und ihre Hände zitterten, wenn auch kaum wahrnehmbar. Neri kannte ihre Nervosität. Er selbst hatte sich als junger Dozent oft ähnlich gefühlt; eine seltsame Mischung aus Lampenfieber, Versagensangst und der Befürchtung, vielleicht zu gut zu sein – und damit den Unwillen der Altgedienten auf sich zu ziehen.
Er war sich sicher, dass Julia ihren Weg gehen würde, aber noch fehlte ihr das, was Neri in vielen Jahren entwickelt hatte: die Fähigkeit der Abspaltung. Er war in der Lage, einen tadellosen und spannenden Unterricht abzuhalten, sich dabei aber gleichzeitig mit einem Teil seiner Seele anderswo zu befinden.
Es war das, was man als out-of-body-experience bezeichnet; ein aus der puren Angst geborener Adrenalinflash, ein hitzeauslösender Hormonkick, das befremdende, anfangs sogar surreale Gefühl, neben sich zu stehen und das eigene Verhalten wie das einer anderen Person zu betrachten.
Neri kannte dieses Gefühl seit seiner Jugend, erstmalig hatte er es verspürt, als sein Vater ihn in einem seiner häufigen Wutanfälle schlagen wollte und er wirkliche Angst vor den Folgen hatte – bis seine Mutter eingriff und ihn vor dem Schlimmsten bewahrte.
Auch im Boxring erlebte er diese Entfremdung von sich selbst. Ein aggressiver Gegner, der rein technisch gesehen nicht einmal ein guter Kämpfer war, hatte ihm in seinem ersten Kampf den Schneid abgekauft und ihn nach Belieben verprügelt, ohne dass er sich noch nennenswert zur Wehr setzen konnte.
Sein Vater hatte über die Feigheit seines Sohnes getobt; aber Neri selbst erkannte, dass dieser seltsame Mechanismus seine Vorteile haben könnte, wenn er es schaffte, ihn bewusst für sich einzusetzen. Und er schaffte es.
Bei Provokationen auf dem Schulhof stand er fortan ebenfalls neben sich, allerdings ohne die demütigende Hilflosigkeit seiner ersten Erfahrungen. Er hatte die Kontrolle über das Verhalten seines bewussten Ichs, und so gelang es ihm, Angst und Furcht durch besonnenes Verhalten ebenso zu beherrschen wie seinen Gegner und die Situation.
Er galt fortan seiner Umgebung als cool, und wohl niemand durchschaute, dass sich hinter der beherrschten Fassade eine reine Überlebensstrategie verbarg.
Doch Neri bemerkte auch die Schattenseite seiner Fähigkeit. Als ihm in einem seiner nächsten Kämpfe ein ungestümer Gegner in einen harten Schlag hineinlief und schwer k.o. ging, merkte er, dass er auch in diesen Sekunden innerlich unbeteiligt blieb. Er wusste in dem Moment, als seine Faust das Kinn des Gegners traf, dass der Kampf zu Ende war. Der Schlag war zu hart und zu präzise, als dass sein Kontrahent vor der Zeit wieder aufstehen würde; aber er hatte auch in diesem Moment nicht das Empfinden, wirklich selbst gehandelt zu haben. Vielmehr betrachtete er das Geschehen quasi von außen, nüchtern, kühl und mit fast wissenschaftlicher Neugier, aber ohne jede Form von Anteilnahme oder gar Bedauern.
Er war froh, dass er nach einiger Zeit mit Einverständnis seines Vaters das Kämpfen aufgeben durfte. Denn trotz aller Vorteile, die seine Bewältigungsstrategie auch mit sich bringen mochte, war er zutiefst erschrocken über seine Unfähigkeit zur Empathie oder zum Mitleid.
Vielleicht, dachte Neri auf dem Weg zum Lehrerzimmer, wurden durch all das die Weichen für das gestellt, was schließlich aus mir wurde. Ein höflicher Mensch mit feinen Antennen für die Belange anderer, ein Wissenschaftler mit unstillbarer Neugier bezüglich der menschlichen Natur, ein Lehrer aus Leidenschaft – und ein Mensch, der in gewissen Situationen weder Reue noch Mitleid noch Furcht empfinden kann.
Aber immerhin, dachte er weiter, war er nicht wirklich gefühllos. Er mochte und schätzte Julia, er stand mit den meisten seiner Kollegen auf gutem Fuß, und er brachte seinen Schülern aufrichtige und offene Sympathie entgegen.
Die Partnerinnen, die er im Verlauf der Zeit gehabt hatte, hatte er wirklich ehrlich und ohne Einschränkung geliebt.
Seine Anomalie, über die er im Laufe vieler Jahre oft genug reflektiert hatte, betraf somit nur einen kleinen, wenn nicht gar winzigen Teil seiner Persönlichkeit. Er hatte diesen Aspekt seiner selbst mittlerweile zu sehr als festen Teil seiner Seele akzeptiert, als dass er noch allzu viel über die Ursachen für seine gravierende Andersartigkeit nachgedacht hätte und war zu dem Schluss gekommen, dass es vielleicht einfach sein Schicksal gewesen war, zu dem zu werden, was er war.
Da sich zudem die Zeit nicht zurückdrehen ließ, fügte er sich – abgesehen von langen, schlaflosen Nächten, die ihn bisweilen heimsuchten und in denen ihn die Vergangenheit manchmal quälerisch einholte – in die unverrückbar feststehenden Tatsachen.
Er verscheuchte jetzt diese Überlegungen mit gewisser Routine und steuerte das Lehrerzimmer an. Der Raum war gemütlich und erinnerte durch seine Teppiche, die schweren Ledersessel und die gediegenen Tische an den Salon eines edlen Hotels; die Kälte und oft bestürzendes Unbehagen verursachende Schmucklosigkeit herkömmlicher Lehrertreffpunkte kam hier nicht einmal ansatzweise auf.
Als er das Zimmer betrat, war er zunächst etwas überrascht, nur zwei seiner Kollegen anzutreffen. Andererseits, dachte er, war er ja schließlich für seine Verhältnisse auch ungewöhnlich früh in der Schule erschienen, und natürlich war wohl ein Teil des Kollegiums bereits im Unterricht des ersten Blocks.
Er selbst vermied diese Uhrzeit; vor zehn Uhr zu unterrichten ging ihm gegen seinen gewohnten Rhythmus. Den Beginn seiner Arbeitszeit selbst bestimmen zu können, freute ihn und bot ihm die Gelegenheit, seine Gedanken für das Kommende zu ordnen.
Er stellte seine Tasche beiseite und ließ sich in einem bequemen Ledersessel nieder; seine Beine legte er übereinander und dachte an seine heutigen drei Kurse, als ihn sein Kollege Feldmann auch schon aus seinen Gedanken riss.
»Servus, Neri, was macht der Schöngeist?«
»Servus, Feldmann. Dem Schöngeist geht’s gut. Und wie geht’s dem Pferdemetzger?«, fragte Neri, den Anflug eines Gähnens unterdrückend.
»Oh, bestens – wir leben so miteinander und lieben uns«, sagte Feldmann lächelnd. Die Hand reichten sie sich nicht; Neris Abneigung gegen das Händeschütteln war allgemein bekannt.
Der Wortwechsel war ein altes Ritual der beiden und keinesfalls von Geringschätzung geprägt. Feldmann war Mediziner, Facharzt für Chirurgie und dafür bekannt, seine Schülerschaft regelmäßig mit teils recht blutigen, teils eher amüsanten Erlebnissen aus seiner Zeit als Notarzt zu unterhalten.
Er war Mitte fünfzig und hatte sich vor zwei Jahren entschieden, die anstrengende und belastende Kliniktätigkeit der früheren Jahre zugunsten des doch ruhigeren und gemütlicheren Postens eines Dozenten einzutauschen. Feldmann war ein Gelehrter von fast altmodischem Zuschnitt; hager, groß gewachsen und von der Natur mit einer kaum zu bändigenden grauen Einsteinmähne versehen, gekleidet mit erbarmungswürdig anmutenden Cordhosen, Gesundheitsschuhen und an kalten Tagen mit Pullunder, dazu noch die unvermeidbare Nickelbrille – all das erinnerte Neri stark an eine Wilhelm-Busch-Karikatur. Und nicht nur ihn.
Neri wusste, dass Feldmanns Schüler ihm den Spitznamen Lehrer Lämpel angehängt hatten, und er vermutete stark, dass Feldmann dies wusste. Aber mit der Gelassenheit des Alters nahm Feldmann es hin, wohlwissend, dass man als Lehrer gegen Spitznamen ohnehin nichts tun konnte.
Auch war Neri bekannt, dass er selbst von seinen eigenen Schülern hinter vorgehaltener Hand Der Don genannt wurde, was ihn eher erheiterte als ärgerte – man konnte auf diesem Gebiet schließlich deutlich schlechter abschneiden.
Aber Feldmann war nicht einseitig. Er spielte Orgel und sang im Kirchenchor, besuchte Theater und Opernhaus und kannte sich sowohl in der Literatur als auch in der Philosophie aus. Vielleicht, dachte Neri, genoss er deshalb seine Dozententätigkeit. Er konnte mit der Erfahrung des altgedienten Arztes einen tadellosen Unterricht abliefern und hatte dennoch die Zeit, seinen kulturellen Interessen nachzugehen.
Und Feldmann war beliebt. Sein Unterricht war spannend, er überforderte nicht, seine Umgangsformen waren liebenswert und er prüfte fair – all das machte ihn zu einem guten Lehrer und angenehmen Kollegen.
Als Feldmann sich seiner Zeitung und einem Becher Kaffee zuwandte, musterte Neri seinen anderen anwesenden Kollegen, und sie gewährten sich als Begrüßung nur ein kurzes Zunicken.
Bernd Hansen, ein farbloser, pickliger Jüngling aus Hamburg mit dem obligatorischen Notebook auf dem Schoß, unterrichtete Gesundheitsmanagement. Er hatte vor einem Jahr an der Schule angefangen und stand bereits nach wenigen Wochen in dem Ruf, ein Langweiler zu sein. Dabei waren seine Fachkompetenz und seine Kenntnisse hervorragend, seine Abschlüsse tadellos und seine Unterrichtseinheiten stets arbeitsintensiv und akribisch vorbereitet.
Neri scannte ihn ein.
Hansen trug einen schlecht sitzenden grauen Anzug, seine Krawatte war laienhaft gebunden, seine Schuhe stammten erkennbar nicht aus dem hochwertigen Angebot eines Herrenausstatters. Er fuhr sich wiederholt durch die Haare, konnte die Füße nicht stillhalten und klimperte unentwegt auf seiner Tastatur herum – wahrscheinlich, um eine seiner bei den Schülern aufgrund der absoluten Reizüberflutung unbeliebten Präsentationen zu optimieren. Mehrfach warf er einen Blick zum Fenster, in dem sich sein Gesicht spiegelte, und seine Unruhe schien nun, da sich sein Unterricht näherte, zuzunehmen.
Neri erahnte sein Problem. Sein Fachgebiet galt allgemein als wenig spannend, und anstatt diesem Ruf durch Originalität zu begegnen, fühlte sich Hansen in seiner Würde verletzt und verfiel dem Irrglauben, fachliche Kompetenz und künstlich aufgesetzte Autorität allein könnten den Sachverhalt zu seinen Gunsten ändern.
Doch im Gegenteil – seine Schüler erkannten mit untrüglichem Instinkt Hansens Schwächen und ließen ihn ihre Langeweile über sein Tun deutlich spüren, was ihn wiederum nur noch stärker in die Rolle eines Unterrichtsverwalters zurücktrieb.
Fast hätte Neri Mitleid mit ihm entwickeln können, aber Hansen hatte sich innerhalb seines ersten halben Jahres an der Schule eine schwer erträgliche Arroganz zugelegt und galt zu Recht als harter, unbarmherziger Prüfer – nachvollziehbare Abwehrmechanismen, zweifellos, seine Art der Rache für die von ihm empfundene Missachtung seiner Person – aber für Neri unwürdig, kindisch und albern.
Und aus diesen Gründen wäre er nie auf die Idee gekommen, Hansen in irgendeiner Weise zu beraten oder ihm durch behutsame Unterweisungen zu einer besseren Position gegenüber seinen Schülern zu verhelfen.
Feldmann und Hansen verließen schließlich fast zeitgleich den Raum, und Neri überlegte kurz seinen Tagesablauf.
Vormittags zwei Einführungskurse in Psychologie, anschließend Mittagspause, Essen und danach ein soziologisches Seminar zum Thema Rollentheorie. Routine, dachte Neri, aber nicht ganz. Er hatte stets viel Wert darauf gelegt, seiner Zuhörerschaft nicht allein bloßes Faktenwissen zu vermitteln, sondern sie darüber hinaus zum eigenständigen, kritischen Denken anzuleiten. Und es war zum Teil recht spannend zu erleben, mit welchen unvorhersehbaren Fragen, Reflexionen und Einsichten sie ihn – vor allem nach dem Wochenende – konfrontieren würden.
Es konnten persönliche Erlebnisse sein, Filme, die im Kino liefen oder tagespolitische Ereignisse, die von seinen Schülern unter wissenschaftlichen Aspekten erörtert werden wollten, und in diesen Momenten freute sich Neri zutiefst darüber, dass sein Unterricht unübersehbar Denken, Empfinden und vielleicht sogar Charakter seines Publikums nachhaltig beeinflusste und veränderte.
Außerdem war Neri immer wieder angenehm überrascht, wie bildungshungrig seine jungen Zuhörer waren. Er war nie ein Kulturpessimist gewesen, der sich in Gemeinplätzen über Lernverweigerung, stromlinienförmiges Karrierestreben oder über Leistungsunlust junger Menschen ergangen hatte, und von einer naiven Verklärung früherer Zeiten war er zeit seines Lebens weit entfernt geblieben.
Aber seine Erfahrung hatte ihn längst zu der Ansicht gebracht, dass alle jungen Menschen ohne Ausnahme neugierig und voller Wissensdurst sind und dass alle, die seinen Ansichten widersprachen, entweder nie unterrichtet hatten oder es nicht auf die richtige Weise taten.
Aus dieser Überzeugung leitete sich auch Neris Abneigung gegen Lernmodule ab. In seinen Anfangsjahren hatte er die akademische Freiheit, seinen Unterricht nach eigenem Ermessen zu gestalten. Lernziele waren vorgegeben, aber die Wege zu diesen Zielen auszuwählen blieb seine Sache. Die Neigung zur Standardisierung, eine allgegenwärtige Tendenz zur Zertifizierung und Normierung aller möglichen Betriebe und Einrichtungen, machte auch vor seiner Schule nicht halt.
Neri sah dies mit Besorgnis, denn er hielt das individuelle, freie Gestalten der Lehre für unverzichtbar, um die Schüler dort zu greifen, wo es für das Erwecken von Interesse zwingend notwendig war. Aufmerksamkeit lässt sich erzwingen, Interesse nicht, dachte Neri.
Und bereits zweimal war er mit der Schulleiterin aneinandergeraten, weil er nicht daran dachte, sklavisch einem Lehrplan zu folgen oder auf das themengebundene Vorführen von Spielfilmen im Unterricht zu verzichten – obwohl diese in aller Regel hervorragend geeignet waren, einen einfachen Einstieg in eine komplexe Materie zu bieten.
Da die meisten seiner Kollegen seine Auffassung teilten, war er nicht allzu beunruhigt über diese kleineren Reibereien. Nur Gnade uns Gott, dachte Neri, wenn eines Tages die Normierer und Zertifizierer dieser Welt über Forschung und Lehre entscheiden.
Neris Unterricht an diesem Morgen verlief ohne Besonderheiten. Er stellte seinen Anfängerkursen verschiedene psychologische Denkansätze vor, verwies auf die wissenschaftgeschichtliche Verwandtschaft seiner Disziplin mit der Philosophie sowie der Theologie und illustrierte diese Thematik mit der Grundsatzfrage der menschlichen Willensfreiheit.
Seine Zuhörer diskutierten Für und Wider des Themas mit Interesse und Engagement; sie waren fasziniert von der Frage, inwieweit menschliches Verhalten – auch ihr eigenes – vom bewussten Wollen bestimmt wurde und in wieweit von unbewussten Wünschen, Trieben und Bedürfnissen, über deren Ursache selbst der handelnde Mensch sich im Unklaren war. Schließlich, so argumentierten sie, handle der Mensch zum Teil auch gegen seine bewussten, rationalen Einsichten und sei von so unüberschaubaren einzelnen Aspekten seines gesamten Lebenslaufs geprägt, dass der Mensch kaum als rein vernunftgesteuertes Wesen angesehen werden konnte.
Neri war angetan von diesen differenzierten Betrachtungen. Er selbst war ohnehin der Meinung, dass allein die Unumkehrbarkeit der Zeit die Frage, ob ein Mensch in einer bestimmten Situation hätte anders handeln können, unsinnig machte.
Diese Überlegungen hatten ihn selbst bereits als Kind stark beschäftigt; im Religions- und Kommunionsunterricht war, wie auch in den entsprechenden Lehrbüchern, stets davon die Rede gewesen, dass der Mensch von Gott den freien Willen erhalten habe und sich dementsprechend bewusst sowohl für das Gute als auch für das Böse entscheiden könne.
Versuchungen zum Bösen seien Prüfungen, die Gott den Menschen auferlege, um sich vor Ihm zu bewähren, und am Jüngsten Tag habe der Mensch sich für all sein Tun und Handeln zu verantworten – mit der Aussicht auf ewige Seligkeit oder auf ewige Verdammnis.
Neri war nicht überzeugt, sein wacher Verstand empfand diese Lehre als Zumutung gegenüber jeder logischen Überlegung.
Wenn Gott allmächtig und allwissend war, warum legte Er seinen Geschöpfen Prüfungen auf, von denen Er wissen musste, dass sie diese nicht bestehen würden?
Wenn Gott allwissend war, musste Er folgerichtig bereits bei der Geburt eines jeden Menschen auch wissen, welchen Weg dieser Mensch einschlagen würde.
Welchen Sinn hätte dann das Jüngste Gericht?
Sollte der Sinn etwa darin bestehen, dass Menschen von vornherein für Himmel und Hölle vorherbestimmt seien?
Und sollte ein liebender Gott wirklich einen Menschen, dessen gesamter Lebensweg ihn durch widrigste, von ihm selbst nicht zu verantwortende äußere Umstände zum Bösen geführt hatte, einer ewigen Strafe aussetzen?
Neri konnte das nicht glauben, und er hatte seinerzeit seinen ganzen Mut zusammengenommen und seinem Priester seine Zweifel anvertraut.
Dieser reagierte überraschend verständnisvoll und schien fast ein wenig stolz zu sein, dass ein knapp zehnjähriger Junge aus seiner Kirche derart komplexe Überlegungen anstellte. Seine Antworten beruhigten Neri.
Der Priester versicherte ihm, Gottes Gnade sei unerschöpflich, niemand sei für die ewige Strafe geschaffen und verwies mit einem Augenzwinkern auf Origenes und die sogenannte Allversöhnung – die Rückkehr aller Geschöpfe zu Gott und dass die Hölle vielleicht existiere, aber nach dem Jüngsten Gericht leer bliebe.
Neri war beruhigt, und in den folgenden Jahren, in denen viele seiner ebenfalls religiös erzogenen Altersgenossen zum Teil erhebliche Gewissenskonflikte bezüglich Schuld und Sünde, gerade auch aufgrund ihrer erwachenden Sexualität erlebten, lebte er einfach und blieb von Anflügen zwanghafter Grübelei über den Stand der Gnade verschont.
Und später, als er ein wenig älter wurde, lebte er seine körperlichen Wünsche und Bedürfnisse lustvoll aus. Er hätte zwar niemals Gefühle, die er nicht erwidern konnte, für sich ausgenutzt, aber er sah auch keinen Grund, seine Sexualität auf den Prüfstand der Moraltheologie zu stellen. Er gab und nahm, er genoss und schwieg – er wurde auf diesem Gebiet zu einem echten Gentleman altmodischer, wenngleich nicht prüder Ausprägung.
Natürlich hütete sich Neri, Beispiele aus seiner eigenen Biografie zum Unterrichtsthema zu machen. Dennoch war er immer wieder beeindruckt, welche Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen den Gedankengängen und Überlegungen seiner jungen Zuhörer und seinen eigenen Überzeugungen und Einsichten feststellbar waren.
Und er war ebenfalls immer wieder erstaunt darüber, welche starken Zweifel in Bezug auf konventionelle Vorstellungen jeder Art diese jungen Leute hatten.
Zweifel und nicht etwa Gewissheiten waren nach Neris Meinung der Motor des Fortschritts, und mit der tiefen Befriedigung der Einsicht, dass seine Schüler zu zweifeln bereit waren, ging Neri in die Mittagspause.
Zum Mittag war die Cafeteria wie üblich gut besucht. Neri wählte ein Steak mit Salat und setzte sich mit seinem Tablett an den langen Dozententisch in der Mitte des Raums; während er morgens gern für sich blieb, fügte er sich hier der Konvention.
So war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass die festangestellten Lehrkräfte an einem Tisch saßen, die Lehrbeauftragten an einem anderen; die Schülerschaft belegte Tische, die etwas abseitsstanden.
Neri bemerkte aus den Augenwinkeln Julia Brunner inmitten anderer junger Honorarkräfte und nickte ihr zu; aus ihrem Lächeln schloss er, dass ihr Unterricht gut verlaufen war. Er klopfte zur Begrüßung auf den Tisch und registrierte seine anwesenden Kollegen. Hansen und Feldmann waren da, ferner Andrea Schwitters, Cornelia Schulze sowie Petra Timpe – Ärztinnen mit guter Reputation und als Lehrerinnen beliebt. Die Schulleiterin, Ulrike Senne-Schwarzenberg, saß wie gewohnt vor Kopf und hob zum Gruß kurz die Hand.
Ebenfalls anwesend waren die grauen Mäuse Joachim Martens und Diana Kirchhoff, Fachbereich Gesundheitspädagogik – Wahlfächer ohne besondere Relevanz für die Abschlussprüfungen, da sie nur auf Wunsch der Kandidaten geprüft wurden, die ihren Notendurchschnitt noch ein wenig anheben konnten.
Martens schaute wie gewohnt leisetreterisch aus einem wüsten Vollbart, Kirchhoff, die mit ihrem Batikkleid und ihrer Schmetterlingsbrille wie ein Relikt aus den Siebzigern wirkte, hob nur kurz den Blick und bedachte Neri mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken.
Während er sich seinem Essen zuwandte, wurde am Tisch die Unterhaltung fortgeführt, die durch sein Erscheinen unterbrochen worden war. Es ging, wie schon so häufig, um die Frage, ob das Essen der Cafeteria umgestellt werden sollte.
Nicht dass es direkten Anlass zur Beanstandung gegeben hätte. Die Küche war abwechslungsreich, relativ preiswert und ausgesprochen gut. Es ging vielmehr um Fragen der Ethik – oder um das, was manche darunter verstanden. Fair-Trade-Kaffee, Ökogemüse, Fleisch aus artgerechter Tierhaltung, mehr Angebote vegetarischer und auch veganer Mahlzeiten.
Neri hätte am liebsten die Augen verdreht. Nicht dass er Fragen der Ethik für nebensächlich gehalten hätte, er selbst war alles andere als blind gegenüber den Problemen dieser Welt.
Aber er war pragmatisch. Die Umstellung des Cafeteria-Angebots würde das Essen erheblich verteuern und letztlich die Finanzschwachen treffen, nämlich die Lehrbeauftragten und Schüler.
Luxusprobleme, dachte Neri, ihn störten sowohl der missionarische Eifer der politisch Korrekten als auch die überhebliche Ignoranz gegenüber denen, die es sich finanziell einfach nicht erlauben konnten, beim Essen nebenbei noch die Welt zu retten.
Er hielt sich aus der Diskussion heraus, er hatte schon vor langer Zeit für sich entschieden, dass Gespräche mit manchen Menschen zu manchen Themen einfach nur Zeitverschwendung bedeuteten.
Und seine übliche Reaktion auf eine Debatte, die ihn langweilte oder ihm auf die Nerven ging, war ein stereotypes Wie Sie meinen – Neris Art, den Götz zu zitieren. Also stellte er seine Ohren taub und genoss seine Mahlzeit, ohne sich weiter um die Statements am Tisch zu kümmern. Aber als er sein Essen beendet hatte und im Begriff war aufzustehen, ließ sich die Schulleiterin vernehmen.
»Dr. Neri, kann ich Sie gleich noch in meinem Büro sprechen? So in zehn Minuten?«
»Natürlich«, sagte Neri, der nun bereits ahnte, was auf ihn zukommen würde.
Das Büro der Schulleiterin befand sich im Obergeschoss des Gebäudes. Neri klopfte kurz an der Tür des Vorzimmers und betrat den Raum, ohne auf eine Aufforderung zu warten. Die junge Sekretärin Nicole Sasse, eine dralle Mittzwanzigerin, war wie immer gut gelaunt. Neri konnte sich nicht erinnern, sie jemals missgestimmt erlebt zu haben – was er für ein kleines Wunder hielt, wenn er bedachte, wie vielfältig ihr Aufgabenbereich war und wer ihr täglich unmittelbar im Nacken saß.
»Servus, Dr. Neri. Warten Sie bitte noch kurz. Frau Senne-Schwarzenberg telefoniert gerade. Möchten Sie einen Kaffee?«
Neri nickte und setzte sich auf einen der beiden Stühle im Vorzimmer; auf dem Tisch lagen zwei leicht esoterisch angehauchte Zeitschriften zum Thema Gesundheits- und Ernährungslehre.
Während Nicole ihm den Kaffee reichte, blickte er ihr aus gutem Grund routiniert ins Gesicht. Sie war eher sportlichleger als geschäftsmäßig gekleidet, rothaarig und dezent geschminkt; auch konnte man sie durchaus als aparte Erscheinung bezeichnen. Ihre Gesichtszüge waren feminin, ihre Hände gepflegt, ihre Zähne waren ebenmäßig und weiß.
Doch sie war von der Natur mit einer so ausladenden Oberweite gesegnet, dass fast jeder ihr penetrant auf die Brust starrte. Segen und Fluch, dachte Neri, wie nahe liegt doch manchmal beides beieinander.
Der Umstand, dass Neris Selbstbeherrschung sehr ausgeprägt war und er ihr daher, anders als andere, ausnahmslos ins Gesicht oder auf ihre Hände sah, wurde von ihr dankbar zur Kenntnis genommen. Sie mochte ihn und schenkte ihm stets ein aufrichtig freundliches Lächeln.
Neri verrührte den Zucker in seinem Kaffee, während sich Nicole wieder ihrer Arbeit zuwandte. Er hörte die Schulleiterin telefonieren und schließlich den Hörer auflegen; wenige Augenblicke später stand sie in der Tür und bat ihn herein. Sie schloss die Tür hinter ihm und wies auf die Sitzecke. Ihr Büro hatte Stil. Ein schwerer Jugendstilschreibtisch, erlesene Teppiche sowie diverse Bilder und Kunstgegenstände zeugten von ihrem guten Geschmack.
»Nehmen Sie Platz. Wenn Sie noch Kaffee wollen oder vielleicht ein Wasser ...«
»Ich bin versorgt, danke. Was kann ich für Sie tun?«
Die Schulleiterin setzte sich und schien nachzudenken.
Neri scannte sie.
Sie war Mitte fünfzig, geschieden, etwas größer als er und füllig, was sie allerdings durch weite und lockere, farblich gut abgestimmte Kleidung vorbildlich kaschierte. Ihr Gesicht hatte nichts Herausragendes, nichts Charakteristisches an sich, und es wäre schwer gefallen, ihre Züge zu beschreiben. Sie waren weder anziehend noch abstoßend, und ihre Haare befanden sich in bemerkenswerter Unordnung, ohne dass sie allerdings ungepflegt gewirkt hätten. Ihre Hände waren für die einer Frau recht groß und zeigten deutliche Spuren regelmäßiger Gartenarbeit – bekanntermaßen ihr Steckenpferd. Vor ihrer Brust baumelte an einer Kordel eine Lesebrille, die sie reflexhaft aufzusetzen pflegte, wenn sie Autorität verströmen wollte. Und eben hier lag ihr Problem. Nicht dass sie etwa inkompetent gewesen wäre; sie leitete die Schule sehr gut, war auf Harmonie im Lehrkörper bedacht und vertrat sämtliche wichtigen Belange des Unterrichtswesens geschickt gegenüber dem Ministerium – eine Aufgabe, um die sie Neri wahrlich nicht beneidete.
Aber sie litt unter einer alten seelischen Verletzung, von der sie sich nie wirklich erholt hatte und die sie Neri vor Jahren bei einem Ausflug des Kollegiums nach einigen Gläsern Wein anvertraut hatte. Vor vielen Jahren war ihr als junger Doktorandin in Erziehungswissenschaften der Doktorvater weggestorben, und da sie keinen geeigneten Ersatz gefunden hatte, blieb ihre Promotion unvollendet.
Neri hatte ihr damals versichert, dass ein solcher Unglücksfall jeden hätte treffen können und dass ein Doktortitel wirklich nicht notwendig sei, um eine Schule erfolgreich zu leiten.
Aber das Verhältnis zwischen ihnen hatte sich im Anschluss an ihre Selbstoffenbarung merklich abgekühlt, sei es, dass sie ihre eigene Offenheit anschließend bereute, sei es, dass sie Neris Anmerkungen nicht traute.
Sie blieb ihm gegenüber zwar höflich, aber deutlich zu höflich, als dass er ihren Stimmungswandel nicht bemerkt hätte. Dabei war sie bei Weitem nicht das einzige Mitglied im Lehrkörper, das nicht promoviert war.
Der Doktorgrad war für eine Tätigkeit an dieser Schule nicht zwingende Voraussetzung. Aber allein der Umstand, dass sie die Promovierten im Kollegium fast zwanghaft korrekt mit Doktor ansprach, verriet Neri, wie tief ihre alte Verwundung reichte.
Und manchmal, wenn sie einen schlechten Tag hatte, diskutierte sie erbittert über Nebenaspekte der Unterrichtsgestaltung; aus diesem Verhalten schloss Neri, dass ihr verborgenes, verdrängtes und eigentlich unberechtigtes Minderwertigkeitsgefühl der Auslöser für ihre Bemühungen war, sich Autorität zu verschaffen.
Zu dumm nur, dachte Neri, dass nichts echte Autorität so nachhaltig zerstört wie der Versuch, sie sich verschaffen zu wollen. Nun ja, schloss Neri seine Überlegungen, nicht mein Problem.
»Ich wollte mit Ihnen kurz über Frau Brunner reden«, sagte sie, schwieg aber dann und ließ den Satz in der Luft hängen. Neri wartete eine Weile und trank in Ruhe seinen Kaffee.
»Kommt noch was, oder muss ich mir den Rest denken?«, erwiderte er schließlich. Sein Ton war völlig indifferent, weder freundlich noch unfreundlich – wie meistens, wenn er mit ihr sprach.
Sie setzte ihre Brille auf, lehnte sich zurück, räusperte sich und suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen mangelnden Respekts. Aber Neri hielt ihrem Blick stand und legte den Kopf fragend zur Seite.
»Warum haben Sie Frau Brunner schon für die höheren Lehrgänge vor dem Sommer eingeteilt? Und für die Prüfungsgremien in diesem Jahr?«
»Warum nicht? Frau Brunner ist kompetent genug dafür, und es ist über Ihren Schreibtisch gegangen. Sie selbst hatten doch offenbar auch nichts dagegen.«
»Ich habe mein Okay gegeben, weil ich mich nicht über Sie als Fachkoordinator hinwegsetzen wollte. Aber warum nicht Toni Kapfhammer? Er ist ebenso gut und geeignet wie Frau Brunner.«
»Nein. Ist er nicht. Ich kenne Toni. Er ist gut, das stimmt. Und er ist länger hier. Aber er ist von seinen Schwerpunkten her zu eng aufgestellt – und für einen Prüfer hört er sich noch zu gerne selbst reden«, insistierte Neri.
Sie schwieg zunächst, als müsse sie sich erst Klarheit über irgendetwas verschaffen.
»Mögen Sie Frau Brunner?«, fragte sie plötzlich und unvermittelt, und genau das hatte Neri erwartet.
»Ja«, antwortete er lapidar. Sein Blick wurde etwas starrer, seine Stimme etwas tiefer und kälter, obwohl er sich seine Verärgerung nicht wirklich anmerken ließ. Aber ab jetzt stand er neben sich.
»Wer tut das nicht?«, fügte er mit einem leicht boshaften, zuckersüß verlogenen Unterton hinzu. Neri legte seine Beine übereinander und lehnte sich bequem zurück. Schadenfroh sah er sein Gegenüber rot werden. Er wusste, dass Senne-Schwarzenberg durch seinen mit stoischer Miene abgeschossenen Giftpfeil getroffen war.
»Es ist so, Dr. Neri, dass Ihre Sympathie für Frau Brunner kein großes Geheimnis mehr ist. Sie trinken morgens Kaffee mit ihr, ermutigen Sie zu unkonventionellen Lehrmethoden, Spielfilme im Unterricht, ich bitte Sie, genau wie bei Ihnen, und ...«
»Dieses Thema hatten wir schon. Sie wissen selbst, was bei konventionellem Unterricht herauskommen kann. Denken Sie an Hansen – damals bei den Einstellungsgesprächen übrigens Ihr Favorit, nicht meiner«, fuhr ihr Neri nunmehr kalt dazwischen.
»Nun fühlen Sie sich doch bitte nicht gleich persönlich angegriffen«, versuchte sie einzulenken. »Ich versuche lediglich, Frau Brunner zu schützen. Und auch Sie.«
»Darf ich fragen wovor?«, fragte Neri kühl.
»Das wissen Sie genau. Ich wünsche kein Gerede an meiner Schule – in Ihrem und Frau Brunners Interesse.«
Neri lachte – ein kurzes, scharfes Bellen.
