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Nestor Nadelstreif - eine Zeitreisegeschichte für Jedermann Ausgerechnet ein Gefängnis ist Nestors Zuhause, in dem er seine Kindheit verbringt. Eines Tages schenkt ihm ein mysteriöser Insasse eine geheimnisvolle Hose, die seinen Besitzer durch die Zeit katapultieren kann - sogar in ein anderes Jahrhundert. Dort gelandet, findet Nestor in einem weltberühmten Komponisten endlich DEN Freund, nach dem er immer suchte. Doch bald stellt sich heraus, dass nicht nur ihre Freundschaft an einem silbernen Nadelstreif hängt, sondern der gesamten Menschheit eine Welt ohne Musik droht. Und Nestor läuft die Zeit davon...
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Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Für den Jungen mit den Stoppelhaaren und meinen Großvater, der in einem Gefängnis aufwuchs.
…und er entriss der Hose einen Nadelstreif und verschwand hinter dem Vorhang der Zeitgeschichte, nur sein Lachen blieb in der Luft zurück…
Ebenheim - eine deutsche Kleinstadt 1967
Ein Freund - Salzburg 1767
Ebenheim – Schwedenvilla 1967
Oskar Waisenhaus 1849
Europa – Salzburg 1767
Ebenheim - Schwedenvilla 1967
Washington - Ocean Steam 1850
Paulinius - Salzburg 1767
Ebenheim - Schwedenvilla 1967
Morsezeichen – Washington Ocean Steam 1850
Das Anagramm – Salzburg 1767
Madame Freiheit - Washington Ocean Steam 1850
Xaver - Salzburg 1767
Das Geschenk - New Rochelle 1854
Intuition -Salzburg 1767
Gewagtes Spiel - Salzburg 1767
Zeit-Los - New Rochelle 1853
Ebenheim - Schwedenvilla 1967
Der Wal - Uppland Schweden 1050
Die Glückskordel - Salzburg 1767
Ebenheim - Schwedenvilla 1967
Das Nadelstreifenbuch - New Rochelle 1854
Zauberlehrlinge - Salzburg 1767
Die Zwiebel - New Rochelle 1856
Streifzüge - Salzburg 1767
Ebenheim - Schwedenvilla 1967
Rosula - Ebenheim 1679
Der Tausch – Salzburg 1767
Ebenheim – Schwedenvilla 1967
Ein anderes Leben - Salzburg 1767
Ebenheim – Schwedenvilla 1967
Berlin - September 1946
Ebenheim - Schwedenvilla 1967
Ein eingespieltes Team – Salzburg 1767
Ebenheim – Schwedenvilla 1967
Nadelstreifenbuch - Dresden 1940
Pack ma‘s – Salzburg 1767
Ebenheim – Schwedenvilla 1967
Schloss Mirabelle - Salzburg 1767
Die Erschütterung - Ebenheim - Schwedenvilla 1967
Die Rückkehr - Salzburg 1767
Ebenheim – Schwedenvilla 1967
Im Zweifel der Zeit - Salzburg 1767
Ebenheim – Schwedenvilla 1967
Pfeifergasse - Salzburg 1767
Ebenheim – Schwedenvilla 1967
Letzter Akt - Salzburg 1767
Ebenheim – Schwedenvilla 1967
Epilog
Ebenheim – Schwedenvilla 1970
Nestor lebte in einem Gefängnis. Dabei hatte er nichts verbrochen, im Gegenteil, er galt als Musterschüler, aber sein Zuhause war eine von alten Mauern umgebene Haftanstalt, die er tagtäglich mit ca. 30 Mitinsassen teilte. Doch er teilte noch mehr mit ihnen, nämlich die Sehnsucht ein anderes Leben zu führen. Das war schlichtweg nicht so einfach, schließlich war sein Vater Gefängnisdirektor. Und der bestimmte, wann, wer, was für ein Leben führte und das galt auch für seinen Sohn. Nestors Mitschüler fanden es cool, dass er im Knast lebte. Das Wort „cool“ gab es natürlich noch nicht zu jener Zeit, aber Nestor benutzte es gerne, seitdem er es das erste Mal gehört hatte, aber das war zu einer anderen Zeit. Und überhaupt Zeit hatte Nestor eine Menge, um z. B. darüber nachzudenken, warum er selbst überhaupt nicht cool war. Es fing schon mit dem Schluckauf an. Wenn er nervös wurde, bekam er Schluckauf, wenn er besonders nervös wurde, fing er an zu stottern und wenn er am nervösesten war, passierte beides gleichzeitig.
Besonders häufig geschah das, wenn er vor Leuten sprechen musste. In der Schule sollten sie neulich einzeln ihr Lieblingsgedicht aufsagen und Nestors Lieblingsgedicht war Goethes „Zauberlehrling“. Die bekannteste Strophe, die, in der der Zauberlehrling den Besen mit einem Zauberspruch zum Fegen bewegen will, lautete: Walle, walle manche Strecke, dass zum Zwecke, Wasser fließe und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Bade sich ergieße. Bei Nestor klang das dann so: wa…wa…wa…hicks…al…al…le… wa…wa…wa…hicks…al…alle…Schw... schwa… schwa…all…lle… Es hörte sich nicht mehr annähernd wie Goethes Zauberballade an, sondern eher wie ein Rap von Cro. Natürlich kannte 1967 niemand einen Rapper namens Cro, geschweige denn einen Rap, aber Nestor ahnte nicht, dass er eines Tages vieles, was es zu seiner Zeit nicht gab, kennenlernen würde. Wie auch immer, das Gelächter war groß und Nestor schämte sich in Grund und Boden.
Er rannte von der Schule nach Hause und wünschte sich wieder ein Mal, er wäre weit, weit weg. Er saß in seiner Zelle, blickte hinaus und dachte über sein Leben nach. Er beobachtete zwei Störche, die jedes Jahr zur gleichen Zeit herkamen und auf dem Gefängnisturm ihr Nest bauten. Nestor sehnte sich stets nach dem Moment ihrer Ankunft. Vergnügt klapperte das Pärchen mit den Schnäbeln und tanzte mit ausgebreiteten Flügeln auf ihrer Aussichtsplattform. Sie beflügelten auch ihn. Sie schienen glücklich, sie waren frei, denn sie konnten im Gegensatz zu ihm jederzeit fort und davon fliegen.
Nestor schlief diese Nacht sehr unruhig in seiner Zelle. Er träumte wirr und immer wieder erwachte er vom Klirren der Ketten, mit denen die Betten der Gefangenen tagsüber hochgeschnallt wurden und an denen diese nachts zerrten und herumspielten. Nestor hatte ein gutes Verhältnis zu den „Gästen“, wie sie sein Vater respektvoll nannte, er spielte Fußball mit ihnen im Hof und steckte ihnen hin und wieder eine Süßigkeit zu. Aber das Kettengezerre in der Nacht ging ihm furchtbar auf die Nerven. Wahrscheinlich dachten sie über ihre Zukunft nach oder bereuten ihre Vergangenheit, was ihnen und ihm den Schlaf raubte. Was sollte das auch?! Man kann eh nichts mehr rückgängig machen und nach vorne schauen, stellte er sich auch schwierig vor, solange man doch nicht wusste, was einen erwartete…
Nestors Zimmer lag im 2. Stock. Außer den verschlossenen Zellentüren, war da noch eine verriegelte Eisentür, die er öffnen musste, um allabendlich in seine Vier Wände zu gelangen, dann durch den Gang, vorbei an 6 Zellen, beäugt von Blicken durch enge Gitterstäbe. Manchen nickte Nestor zu, an manchen ging er wortlos vorbei. Die meisten waren gerne hier, einige kamen sogar freiwillig. Das Gefängnis hatte nicht umsonst einen erstklassigen Ruf, die Verpflegung und die Unterbringung waren trotz vieler Jahre auf dem Buckel erste Klasse.
Nestor musste oft schmunzeln, wenn er daran dachte, dass die Haftanstalt früher ein Kloster war und statt schlecht rasierter Halunken hier brave Nonnen tagtäglich im Gebet versunken waren. Eines Tages waren die Schwestern fort. Sie hatten in einer Nacht- und Nebelaktion fluchtartig das Gebäude verlassen, als ob der Teufel höchstpersönlich sie geritten hätte. Keiner wusste, was geschehen war. Sie wurden nie wieder gesehen und das Kloster stand über Jahre leer. Niemand wollte es übernehmen, da man munkelte die Nonnen trieben nun als Geister ihr Unwesen. Was die Kettengeräusche anging, war sich Nestor manchmal auch nicht so sicher. Irgendwann hatte die Gemeinde beschlossen, die einzelnen Klosterzellen als Gefängniszellen umzufunktionieren, was sich ja anbot. Sein Vater sorgte höchstpersönlich dafür, dass keines der Kreuze entfernt wurde und dass neben der schlichten, aber freundlichen Einrichtung – in manchen Räumen hingen sogar Bilder an der Wand – dies weiterhin ein Ort des Glaubens und der Nächstenliebe bleiben sollte. Insgeheim war Nestor auch ein bisschen stolz, dass man von seinem Zuhause sowohl drinnen, als auch draußen nicht von einem Knast, sondern von der „Schwedenvilla“ sprach. Trotzdem war der Weg zu seiner Zelle am Abend alles andere als ein Spaziergang bei Ikea. Auch wieder so ein Wort, das nicht in seine Zeit passte und von dem Nestor zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung hatte, aber das ist eine andere Geschichte…
Heute war Sonntag. Und sonntags pflegte sein Vater immer einen bestimmten Gefangenen zum Sonntagsbraten einzuladen. Eine besondere Ehre und ein Ansporn für die Häftlinge sich gut zu führen. Heute war Theo dran. Er war riesig und sah aus wie ein Mongole, er ging auf zwei Plattfüßen durchs Leben und hielt sich für auserwählt. Er hatte als Arzt im Krankenhaus, Apotheker, Physiklehrer und Jurist gearbeitet und das alles mit gefälschten Zeugnissen. Denn in Wahrheit hatte Theo nie eine Uni von innen gesehen, noch eine abgeschlossene Ausbildung.
Aber er war auf seinem Gebiet genial, konnte Menschen alles erzählen, besaß ein Gedächtnis wie ein mongolischer Elefant und war einfach ein meisterlicher Betrüger in einer anderen Welt. Er kam regelmäßig in die Schwedenvilla, denn so schlau Theo auch war, er machte immer wieder den gleichen Fehler und schwindelte sich in Berufe, die er nie erlernt hatte. Und irgendwann flog alles auf. Theo saß neben Nestors Schwester, die er keinen Moment aus seinen sichelförmigen Augen ließ, denn sie sah aus wie ein Engel. Eine Lichtgestalt, gefesselt an einen Stuhl mit Rädern, neben einem Riesen. Nestors Schwester war älter als er und seit ihrer Kindheit im Rollstuhl, sie hatte Poliomyelitis, eine Viruserkrankung, die zu Lähmungen führen kann. Theo führte mit Ariadne, so hieß sie, eine rege Unterhaltung. Er kannte alle medizinischen Details ihrer Erkrankung und hätte man es nicht besser gewusst, hätte man denken können, sie spräche mit ihrem Hausarzt.
„Sie sind ein paar Jahre zu früh geboren“, sagte Theo, während er mit seinen Pranken die Gabel zum Mund führte. „Das ist sehr schade…“ Nestor wusste, worauf er anspielte. Wäre seine Schwester ein paar Jahre später geboren, wäre sie heute gesund. Denn in ihrer Kindheit gab es noch keinen Impfstoff, der sie vor der Kinderlähmung bewahrt hätte, einer Krankheit, die wie der Name schon sagte, nur Kinder kriegen. Ariadne lächelte. „Alles braucht seine Zeit, man kann sie nicht zurück und auch nicht vor drehen, aber ich bin glücklich, dass anderen Kindern mein Schicksal erspart bleibt.“
Nestor liebte seine Schwester, sie war wahrlich ein Engel und er schämte sich, dass er manchmal mit dem Leben haderte. Was wollte er?! Er hatte eine schöne gemütliche Zelle mit Blick auf den Turm (früher wurden dort Hexen verbrannt), seine Eltern liebten ihn und im Gegensatz zu den Häftlingen konnte er raus in die Schule, in den Wald, in die Kirche oder in die Stadt… Das Räuspern seines Vaters riss ihn aus seinen Gedanken. Er hielt eine kleine Ansprache und lobte Theos fabelhaftes Benehmen während seines Aufenthaltes in der Villa und ermunterte ihn, endlich einen eigenen Beruf zu erlernen, mit dem er seinen Lebensunterhalt und eine Familie ernähren könnte. Theo nickte geflissentlich, zwinkerte Nestor aber gleichzeitig heimlich zu und dieser wusste im selben Moment, dass Theo für immer Stammgast in der Schwedenvilla bleiben würde und tief in seinem Herzen freute sich Nestor darüber.
Nach dem köstlichen Essen – selbst gemachte Knödel, Sauerbraten, Suppe und Schokoladeneis - für das sich Theo in der Rolle des Ernährungsberaters vorbildlich bedankte, forderte seine Mutter ihn auf, die gesellige Runde mit ein paar Pianostücken von Mozart zu beglücken. Nestor spürte wie die Knödel in seinem Bauch beim Namen Mozart rebellierten, er hasste dessen Stücke und er hasste vorspielen, denn er konnte überhaupt nicht gut Klavier spielen, wie er fand. Er startete mit der Andante in C-Dur und endete mit der kleinen Nachtmusik, wobei er sich nur noch verspielte und statt der erforderten leisen, sanften Töne hämmerte Nestor seine Unlust auf die Tasten. War das sein Leben, schoss es ihm dabei immer wieder durch den Kopf. Blöde Stücke auf dem Klavier zu präsentieren, statt richtiger Musik!? Nicht toben, klettern, zelten dürfen, weil seine Eltern ständig Angst um ihn hatten und wenigstens ein gesundes Kind halten wollten? Theo merkte, dass es dem Jungen zu viel wurde und sprang mitten im Stück auf und applaudierte euphorisch. Nestors Mutter erwiderte ermahnend, dass es doch noch weitergehe, aber Theo ganz der Musikwissenschaftler klärte sie darüber auf, dass manche Stücke nicht zu Ende gehört werden dürfen, sie erführen erst in der Phantasie des Zuhörers ihr Crescendo bis hin zur Fuge – dem Höhepunkt jeder Sinfonie. Die Gastgeberin schaute den Riesen mit offenem Mund an, dann bedeutete sie ihrem Sohn mit einem Schnipsen, unverzüglich vom Klavier abzulassen. Sie atmete fest durch, drückte Theo noch ein Stück selbstgemachten Blaubeerkuchen in die Hand und bat Nestor, zu seinem Erleichtern, ihren Gast in seine Zelle zu führen…
Neben Theo wirkte Nestor wie David, der mit Goliath durch das verwinkelte Gemäuer stiefelte. Theo war immer noch aufgekratzt, offenbar hat ihm der Tag gefallen. An Zelle Nummer sieben blieb er plötzlich wie angewurzelt stehen. Ein „Neuer“ lag ausgestreckt auf seiner Pritsche, die Decke bis über beide Ohren hochgezogen und nur ein Wuschel von schwarzem lockigem Haar durchzogen mit grauen Strähnen lugte hervor.
Die wuchtige Haarpracht erinnerte Nestor an das Fell eines schwarzen Bisam-Büffels, so dichtes Haar hatte er noch nie gesehen. Er bemerkte zu seiner Überraschung Schweißperlen auf Theos Stirn, so als würde er sich ängstigen. „Theo, alles in Ordnung?“ Der nickte stumm und ging dann eilig weiter. Nestor warf noch einen Blick zurück und sah, dass sich das Büschel langsam bewegte, dann ging auch er weiter.
„Wer ist das?“
„Keine Ahnung“, schnaubte Theo, „…aber der… der ist anders, etwas geht von ihm aus, er war plötzlich da und schaute mich an…so…als…“
„So, als was?“, hakte Nestor ungeduldig nach.
„So als, wüsste er…als kenne er mich schon lange und wüsste alles über mich.“
Nestor unterdrückte ein Lachen. Der Riese hatte Angst! Zu komisch… Nestor fand die Vorstellung sehr lustig, dass sich ein mongolisch aussehender Koloss wie Theo vor einem Haufen Büffelhaaren in die Hose machte. Er geleitete Theo in seine Zelle und wünschte ihm mit Blick auf die Ketten an der Pritsche noch eine gute Nacht. Dann ging er durch eine Geheimtür zurück in den Elterntrakt, nichtsahnend, dass auch er bald Bekanntschaft mit dem geheimnisvollen Häftling machen würde, der sein Leben komplett durcheinander bringen würde…
Es war spät. Nestor wünschte den Eltern gute Nacht und schnappte sich Poseidon, seinen Schäferhund und treuen Freund, der ihn allabendlich in seine Zelle begleitete. Nestor liebte den wachsamen Gefährten, der ihn jederzeit beschützen würde, auch wenn das bislang noch nie nötig war. Er hatte es heute nicht eilig. Es war anders als sonst, er fühlte sich unwohl. Er fluchte. Theo, dieser Riesen-Hornochse, hatte ihm einen Floh ins Ohr gesetzt. Wovor sollte er auch Angst haben? Lächerlich! Er dachte an seinen Vater, wie er ihn eines Tages vor die Wahl gestellt hatte: auf wen wolle er lieber aufpassen, hatte er ihn gefragt, auf seine Schwester oder die Gefangenen? Es war eng oben im Elterntrakt und sein Vater brauchte dringend ein Büro, also entschied Nestor sich für die Gefangenen und überließ Ariadne ein eigenes Zimmer, zumal er auch kein Feigling sein wollte… Aber genau in diesem Moment bereute er seine Entscheidung.
Er näherte sich der Zelle. Der Zelle des Neuen. Nestor blickte stur geradeaus, nur aus dem Augenwinkel erfasste er, wie jemand in seine Richtung huschte. Nestors Herz schlug schneller, gleichzeitig ärgerte er sich darüber. Er holte tief Luft, dann machte er eine 180-Grad-Drehung und positionierte sich genau vor die seltsame Gestalt, die er sich nicht einmal in seiner kühnsten Phantasie hätte zusammenbasteln können. Erstaunlicherweise ging Poseidon auf den merkwürdigen Gesellen zu und leckte ihm die Füße, so wie er es nur tat, wenn er jemanden gut kannte. „Na Nestor, läuft bei dir?“ Nestor guckte, als ob sein verstorbener Großvater zu ihm gesprochen hätte, nur würde der nie so reden. Läuft bei dir? Was sollte das denn bedeuten und überhaupt, hätte sein Opa nie eine Uniformsacke wie diese getragen. Nestor musterte den Mann. Er war nicht groß, sehr dünn, und hatte eine Nadelstreifenhose an, deren Streifen, teils sehr edel, teils bereits abgewetzt waren. Auf seiner Nase thronte eine ungewöhnliche Brille, die Nestor alt und gleichzeitig neu erschien. Wuchtige Zehen sprießten wie plattgetretene Pilze aus verlotterten Sandalen und - sie waren zu Nestors Entsetzen blau lackiert! Er starrte den Häftling mit offenem Mund an. „Wo…wo…wo…he… heeer…wie…wie…ssen…Sie…mei…mei…nen Nam…“
„Du brauchst nicht nervös zu sein“, unterbrach ihn der Troll, ja genau so sah er aus, und es war eine Unverschämtheit, er war überhaupt nicht nervös. Nestor unterdrückte seinen aufkommenden Schluckauf. „Nestor, schöner Name…heißt der Heimkehrende, das passt zu dir!“, sagte der Mann mit sanfter Stimme. „Das ist griechisch, wir heißen alle so…“ Nestor musste grinsen. „Also nicht alle Nestor, sondern wir haben alle griechische Namen“, sagte er zu seiner Verblüffung flüssig und ohne zu stottern. „Ich heiße Trollinger, aber du kannst mich gerne auch Troll nennen!“ Nestor riss die Augen auf, er spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Wie…woher…wusste…er…dass er genau das gedacht hatte? Er ballte die Faust, blickte fast trotzig zu dem Neuen. Der Troll war durchtrainiert und wenn seine zotteligen Haare sein Gesicht freigaben, sah man darin Güte und sehr viel Schalk. Trotzdem suchte Nestor das Weite. Erstmal.
Trollinger dachte über den schmächtigen Jungen mit den glattgeschorenen Stoppelhaaren nach, der soeben über den Gang in seine Zelle gerannt war. Nestor hatte strahlend blaue Augen, sie ähnelten einem Ozean, der tief und unergründlich, die Sehnsüchte junger Seefahrer entfachte. Sie blickten neugierig und klar in die Welt, die Welt, die sie bisher kannten. Sollte Trollinger Nestor eine andere zeigen und war Nestor der richtige dafür? Er selbst war ebenso neugierig auf das eigenartige Kind, doch er sagte sich, dass er ihn erst noch besser kennen lernen müsse, obwohl er schon einiges über ihn wusste. Zum Beispiel, dass er ein Außenseiter war und das lag nicht daran, dass er völlig uncool mit zu kurzen Hosen, Schnürschuhen bis über die Knöchel und Hosenträger über einem engen Rollkragenpulli herumlief, sondern an seiner Art, staunend durch seine kleine Welt zu spazieren und alles als ein kleines Wunder zu betrachten: das Unkraut, das sich störrisch durch die Ritzen der Hofsteine schlängelte, Eiskristalle, die einen Schuhabdruck im Schnee formten, Haare der Insassen, die wie magische Silberfäden in der Sonne tanzten oder ein ausgespucktes Lackritzbonbon, das wie ein schwarzer Zwillingsbruder neben einer Nachtschnecke lag. Alles faszinierte Nestor und ließ ihn nicht gleichgültig. Und meistens dachte er darüber in der Schule nach, was ihn oft zum Gespött machte. Trollinger seufzte, ja der Junge war speziell, aber das war er schließlich auch.
„Kennst du den?“, fragte Nestor seinen Vater und deutete auf den Troll, der etwas abseits von den anderen Insassen durch den Hof schlurfte. Der Gefängnisdirektor blickte von seiner Bilanz auf, die er immer am Ende des Monats mit großer Sorgfalt an seinem Schreibtisch verrichtete. „Ein verschrobener Kerl, hat wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank, aber harmlos.“ „Und warum ist er hier?“, hakte Nestor nach. Sein Vater spitzte den Bleistift und musste dabei schmunzeln. „Er hat seine Hotelrechnung nicht bezahlt…das heißt, er wollte, aber nicht mit Geld, sondern mit irgendeiner Karte, sah aus wie eine Visitenkarte, nur fester…tsss, er faselte etwas von Geld der Zukunft und so...dann rief der Hotelier die Polizei und jetzt ist er hier.“
Nestor blickte noch mal aus dem Fenster zu dem kleinen Mann, dessen sonderbare Hose an seinen Beinen herunter schlabberte und der so gar nicht zu den anderen Gefangenen passte. In diesem Moment blickte Trollinger zu ihm auf und ihre Blicke trafen sich. Nestor wollte wegschauen, stattdessen lächelte er ihn mit seinen makellosen Zähnen an. Er wusste nicht warum, es geschah einfach. Er lächelte nicht oft. Am besten Klappe halten, so seine Devise. Dabei hatte Nestor wunderschöne Zähne. Ein Zahn reihte sich an den anderen. Das hatte er seiner filmverliebten Mutter zu verdanken, die bei den strahlenden Gebissen der Hollywoodgrößen regelmäßig dahin schmolz. „Kann ich ihn mal in seiner Zelle besuchen?“ Der Vater hob die Augenbraue. „Musst du nicht noch üben heute?!“ Nestors Mundwinkel verzogen sich. Er konnte diesen Mozart und wie sie alle hießen nicht ausstehen, sie stahlen ihm wertvolle Zeit, Zeit, die er mit anderen Dingen verbringen konnte. Aber seine Mutter drangsalierte ihn mit Finger- und Intervallübungen. Manchmal wenn keiner da war, drehte Nestor das Radio auf und da lief ganz andere Musik, Musik, die im Bauch kitzelte und in den Beinen wackelte, aber das behielt er lieber für sich.
Nestors Finger stolperten über die Tasten des Klaviers. Er versuchte sich zu konzentrieren, auch wenn ihm das schwerfiel. Bei jedem falschen Ton kicherte seine Schwester leise in sich hinein. Sie saß ihm gegenüber mit einem Buch in der Hand. Wie Nestor liebte auch sie die Literatur und verschlang alles, was ihr in die Quere kam. Aber sie hatte wie immer auch Mitleid mit ihrem Bruder, der sich am Piano abquälte. Ihre Mutter saß neben Nestor und beobachte mit strengem Blick sein Spiel. Nestor atmete tief durch dann spielte er das Lieblingsstück der Mama fast fehlerfrei. Sie lächelte. Geschafft! Nestor stieß ein Stoßgebet aus. Er sprang auf, gab seiner Mutter einen flüchtigen Kuss und schnappte sich Ariadne samt Rollstuhl und fuhr mit ihr auf den Hof. Beide liebten dieses Ritual und kein Tag sollte vergehen, an dem sie nicht zusammen rumrollten. Nestor schob seine Schwester immer schneller und schneller, bis er völlig außer Atem war. Ihr Lachen war der Motor für den Endspurt und beschleunigte seine Beine. Das war die Aufwärmphase, jetzt war sie dran. Nestor malte mit Kreide eine Startlinie und Ariadne stand mit ihrem Rollstuhl dahinter, daneben ihr Bruder mit seinem Kettcar. Bei drei ging es los und wer zu erst am Gefängnistor war, hatte gewonnen. Ariadne war mittlerweile geübt im Alleinfahren und er musste ganz schön in die Pedale treten, um sie zu schlagen, was nicht immer gelang. Gott sei Dank! Sie berührte mit ihren Händen das Tor, Nestor legte eine Vollbremsung hin. Seine Schwester prustete. Auf ihrer Stirn glitzerten kleine Schweißperlen, in die Nestors Zeigefinger behutsam eine große Eins malte. „Erster!“, hauchte er ihr zu.
Im Schatten der hohen Mauer ruhten sie sich aus. Nestor blickte auf die vergitterten Fenster der Zellen gegenüber. Insgesamt acht. Er kannte jeden der Häftlinge persönlich, die darin logierten. Theo, den begabten Hochstapler, Max, den farbenblinden Einbrecher, Josef, den Hehler, der seine Kinder schlug, aber der erste im Gottesdienst war, Fischer, den Unsichtbaren, der gerne mal randalierte, wenn man ihm zu nahe kam, Gregor, Gentleman und Gauner, der Nestor in die Kunst der Taschentricks eingeweiht hatte, Franz, den Apotheker, der rauschgiftsüchtig war und jenes kostengünstig über den Tresen verkloppt hatte, Sven, den Schweden, der Waffen nicht nur liebte, sondern sie auch mit Vergnügen gebrauchte und schließlich den Troll. Alle hatten ihre Geschichte und Nestor kannte jede einzige, außer die von Trollinger.
Er berichtete seiner Schwester von dem neuen Insassen. Und obwohl Nestor ihn erst zwei Mal gesehen hatte, erzählte er mehr über ihn, als er je über einen anderen Häftlinge gesprochen hatte. Im Gegensatz zu ihm interessierte sich Ariadne nicht besonders für die Bewohner. Nestor brauchte richtige Freunde, seinesgleichen und nicht irgendwelche verschrobenen Männer, die sich mit ihren Verbrechen rühmten. Dennoch hörte sie ihm immer zu, denn sie liebte es, wenn er redete und wie er die Dinge beschrieb. Sie lächelte ihren kleinen Bruder an. Sie war gefangen in ihrem Rollstuhl, aber sie würde kämpfen wie eine Löwin, wenn man ihm wehtat. Sie wusste, dass er es nicht immer leicht hatte und dass das natürlich mit ihr zu tun hatte. Denn sie war diejenige in der Familie, die beschützt werden musste, die im Mittelpunkt stand und seine Aufgabe war es, auf sie aufzupassen. Dafür durfte er selbst keine Risiken eingehen und keiner Gefahr ausgesetzt werden, wobei Gefahr für ihre Eltern schon ein Sprung von einer Schaukel oder schwimmen im See bedeuten konnte, was ihn natürlich von anderen abgrenzte. Sie war es schließlich auch, die sich dafür eingesetzt hatte, dass er den Kettcar bekam. Sie hatte ihre Eltern bedrängt, erpresst, bekniet (zumindest in der Vorstellung), bis diese schließlich nachgegeben hatten unter der Bedingung, dass ihr Sohn nur Schritttempo fuhr.
„Hörst du zu?“, warb Nestor um etwas mehr Aufmerksamkeit. „Ja klar, aber du plapperst so schnell, da kommt kein Vogel hinterher“. Er schubste sie und erzählte weiter. Dass seine Schwester jedes seiner Worte genau verfolgte, bemerkte Nestor in diesem Moment nicht. Denn der Troll, von dem er berichtete, machte ihr Angst. Ariadne spürte, dass dieser eine eigenwillig Faszination auf ihren Bruder ausübte und irgendetwas sagte ihr, dass das nicht gut war.
Trollinger saß in seiner Zelle und fixierte die polierten Gitterstäbe. Er wartete. Er wusste, der Junge würde heute kommen. Bei ihrer ersten Begegnung hatte er ihn ja buchstäblich dazu aufgefordert, aber Nestor hatte ihn nur fragend angeguckt, dann das Weite gesucht. Ob ihm das Schachbrett gefallen wird? Trollinger platzierte es so, dass man durch die Stäbe spielen konnte. Es war ein besonderes Brett mit Figuren aus Elfenbein, aus der Zeit von Louis Quatorze, dem Sonnenkönig. Er hatte ihm Remis angeboten, dafür durfte er das Spiel behalten…
Nestor starrte auf das Brett. Dann in Trollingers Augen, die so schwarz waren, wie die Figuren darauf. Er hatte noch nie so ein edles Spiel gesehen. Es stand offenbar bereit für ihn, so als ob der Troll es extra für ihn hin gestellt hätte. Als wüsste er… Aber, woher wusste er…?
„Du spielst doch Schach?“, zischte die Stimme aus der Zelle.
„Ja, ab und zu, ma…ma…manchmal“, stotterte Nestor unsicher.
„Na dann platziere dich doch und hol dir deinen Schemel aus deinen Gemächern!“ Wieder blickte Nestor auf. Er hatte einen Hocker in seiner Zelle, aber kein Häftling hatte je Zugang dazu. Nestor nickte dann lief er wie ferngesteuert in sein Zimmer und kam mit dem Hocker zurück. Eigentlich hatte er gar nicht vorgehabt länger mit diesem Kautz zu reden, aber er konnte sich seiner Gegenwart nur schwer entziehen. Also setzte er sich dem Wuschelkopf gegenüber und wartete.
Trollinger lächelte, froh, dass der Junge jetzt da war. „Lust auf eine Partie?“ Nestor zuckte mit den Schultern. „Schön, du bist weiß und ich schwarz!“, ignorierte der Troll sein Zögern. Das letzte Mal, dass Nestor Schach gespielt hatte, war mit seinem Vater. Er hätte ihn beinahe geschlagen, aber dann war er über seine eigene Unentschlossenheit gestolpert und es hatte unentschieden geendet. Auf jeden Fall war Nestor ein besserer Schach- als Klavierspieler! Er eröffnete klassisch mit e2–e4. Sein Gegenüber nickte anerkennend. „E4 und weiß gewinnt… hehe, aber oft entwickeln sich die Dinge anders als gedacht…“, bemerkte Trollinger vielsagend.
Nestor und sein Kontrahent schauten im Laufe des Spiels nur wenig hoch, beide waren vertieft in die jeweiligen Stellungen auf dem Brett. Ab und zu trafen sich ihre Blicke. Eine gefühlte Ewigkeit stierte Nestor auf die übrig gebliebenen Figuren. Seine Stirn lag nachdenklich in Falten, was bei einem Jungen von 11 Jahren sehr drollig aussah, resümierte Trollinger, der immer wieder seine pechschwarzen Locken mit dem Zeigefinger trudelte - längst hatte er die nächsten Züge im Kopf. „Junge, du spielst wie ein Kleinbahnhof!“ „Wie…wie…wieso?“
„Jeder Zug hat eine halbe Stunde Verspätung!“ Ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht, was Nestor verwirrte, aber gleichzeitig auch ermutigte. Entschlossen riskierte er den nächsten Zug und fegte den schwarzen Läufer aus dem Spiel. „Krass! Echt krass“, beurteilte Trollinger Nestors entscheidenden Zug grübelnd. „Du kannst mehr als ich dachte, man muss dich nur lassen!“
Nestor grinste. „Ich traue mich halt oft nicht…“
„Wenn du in deiner Schule nicht der Checker bist, heißt das nicht, dass du nichts kannst, Alter!“ Nestor geriet ins Stocken. Wenn er in Trollingers Augen sah, verstand er zwar, was er ihm sagen wollte, aber er hatte noch nie jemanden so merkwürdig reden hören. Eine Mischung aus jenem Wortschatz, den er aus alten Büchern her kannte, alt und umständlich so wie Ausdrücke, die er noch nie in seinem Leben gehört hatte. Noch zögerte er den Troll danach zu fragen, aber er würde es ganz sicher eines Tages tun.
An diesem Abend fuhren seine Gedanken Karussell mit ihm. Alle drehten sich um den Troll und an schlafen war nicht zu denken. Nestor musste lächeln. Er hatte zwar die Partie haushoch verloren, aber dafür einen Vertrauten gewonnen. Im Kopf ging er das Spiel immer wieder durch. Und je mehr er es analysierte, umso mehr verstand er, warum er verloren hatte. Nestor freute sich auf seinen nächsten Besuch. Trollinger war ein hervorragender Spieler und allein in diesem Spiel hatte er mehr über Strategie und Taktik gelernt, als in allen vergangenen Partien mit seinem Vater.
Nestor merkte, dass er besser wurde, als er begann den Gefängnisdirektor schachmatt zu setzen. Der zeigte sich mehr als erstaunt über den Ehrgeiz und die plötzlichen strategischen Fähigkeiten seines Sohnes. Bisher hatte der Junge nie großes Interesse für irgendetwas gehabt…
Das stimmte nur halb, aber der Troll schürte ein Feuer in Nestor, wie er es bisher noch nie gekannt hatte. In seiner Nähe fühlte er sich wie der Zauberlehrling in seinem verpatzten Gedicht: flink, übermütig, ohne Stottern und Schluckauf. Alles ist möglich, war das Gefühl, wenn er bei ihm war. Wieso und warum? Nestor hatte keine Ahnung. Seine Besuche wurden jedenfalls immer häufiger und neben dem Schach, sprachen sie jetzt auch hin und wieder miteinander, wenn Trollinger nicht gerade erwartungsvoll auf diese kleine Platte starrte. Sie sah aus, als wäre sie wichtig, aber offenbar nicht funktionstüchtig, denn der Troll steckte sie immer wieder in seine Hosentasche und nuschelte kopfschüttelnd. „Kein Netz, tss, kein verdammtes Netz.“ Nestor wunderte sich jedesmal, was es mit diesem sonderlichen Netz auf sich haben mag, aber er konnte weder einen Fisch noch sonst etwas netzartig ausmachen, das irgendwie mit Trollinger in Verbindung stehen könnte. Nestor zerbrach sich darüber nicht weiter den Schädel, denn das war schließlich nicht das einzige, was an dem neuen Häftling sonderbar war.
Die Sonne schien durchs Fenster und beleuchtete die Zelle in einem warmen Orange. Sie wirkte fast gemütlich. An den Wänden hingen Bilder, zahlreiche Souvenirs, Fotos und eine Eintrittskarte zu einem Fußballspiel von 1954. Draußen hörte Nestor die Störche klappern. Unweigerlich flog ein Lächeln über seine Lippen. Auch Trollinger lächelte jetzt. Alles erschien plötzlich so vertraut und so fasste sich Nestor ein Herz und begann zu erzählen: dass er sich manchmal allein und ausgeschlossen fühle, von der Bürde der Verantwortung mit seiner Schwester und der Angst, selbst dabei auf der Strecke zu bleiben. Trollinger hatte bisher nie viel dazu gesagt, wenn Nestor ihn etwas gefragt oder etwas von sich preisgegeben hatte, aber er hatte immer geantwortet. Diesmal hielt er ihm unvermittelt seine Gabel vor die Visage. „Das ist eine Gabel?“
„Äh, ja…“
„Falsch!“, korrigierte Trollinger. „Es ist ein Stück Metall, das Essen in deinen Mund schiebt! Das ist ihre Aufgabe, die du für sie bestimmt hast, sie soll dich mit Nahrung füttern!“
Nestor nickte, fragte sich aber, worauf der Troll hinaus wollte. Wieder fuchtelte der dramatisch mit der Gabel durch die Gitterstäbe. „Das ist eine Gabel?“, wiederholte er, „Nein, nur ein Stück Metall!“, fuhr er fort, „Und du hast es in der Hand etwas Neues zu formen! Verstehst du, etwas Neues…!“ Nestor konnte gar nicht so schnell schauen, da präsentierte ihm sein Gegenüber schon einen Schlüssel. Einen Schlüssel geformt aus einer Gefängnisgabel! „Jetzt hat sie eine neue Aufgabe“, krächzte der Troll eindringlich. Nestor schluckte…
„Ja, ein Stück Metall ist zu einem Schlüssel geworden“.
„Ein Stück Metall, das verschlossene Türen öffnen kann…“ Er drückte Nestor den Gabelschlüssel in die Hand und durchbohrte ihn dabei mit einem eigenartigen Blick. „Behalte ihn, er kann Schlösser aufsperren, aber nur, wenn du fest daran glaubst!“
Ariadne begutachtete schmunzelnd das verbogene Metall. Nestor hatte sie gebeten ihm eine schöne Schnur zu geben, damit er den Schlüssel bei sich tragen könne. Sie war nicht damit einverstanden, dass dieser verrückte Kerl ihrem Bruder so viele Flausen in den Kopf setzte, andererseits konnte sie Nestor keinen Wunsch abschlagen und zückte aus ihrem Nähkasten die schönste Kordel hervor, die sie hatte. Nestor band sie stolz um den Schlüssel und versteckte das Ganze unter seinem Pulli. „Wieso sieht er so komisch aus und verhält sich so seltsam?“, löcherte ihn Ariadne.
„Er ist viel gereist, hat viele Eindrücke aus den verschiedensten Ländern und ist froh, dass er bei uns mal zur Ruhe kommt.“
„So ein Unsinn, er sieht nicht aus, wie jemand, der sich teure Reisen leisten kann, auch macht er keinen weltgewandten Eindruck auf mich!“
„Und warum weiß er dann alles?“, hielt Nestor dagegen?
„Weil er wie die meisten hier ein Aufschneider ist, der in einer Phantasiewelt lebt!“
Beim Wort „Phantasie“ schweifte Nestor unwillkürlich ab. Während sich seine Schwester weiter über die Verrücktheiten der Insassen ereiferte, befand sich Nestor längst auf seiner eigenen Reise. Wo wäre er ohne seine Phantasie? Sie nahm ihn gefangen, ohne ihn einzusperren und ließ sein Herz ständig höher schlagen. Er stellte sich vor, wie er mit Theo und Trollinger in einem selbstgebauten Ballon mit Floß und Düsenantrieb über die Kontinente schoss, auf dem Himalaya eine Geburtstagsparty veranstaltete und mit Kamelen in der Sahara Schach spielte, mit Ariadne auf dem Eis Schlittschuh lief und eine Knast-Band gründete und auf Jailhouse-Rock abrockte…
„Nestor! Nestoooooor, willst du deine Einladungskarten jetzt nicht mal unterschreiben?“ „Äh, was? Ach ja klar, gib her!“
Ariadne schüttelte den Kopf, natürlich hatte sie bemerkt, dass Nestor ihr nicht mehr zuhörte, aber jetzt reichte es ihr, sie schrieb seine Karten und er träumte vor sich hin. Nestor versuchte seine Unterschrift so wenig krakelig wie möglich zu schreiben. Das war ihm wichtig. Zum ersten Mal hatte er den Wunsch, jemanden zu seinem Geburtstag einzuladen. Er konnte ja nicht immer der Außenseiter bleiben. Am nächsten Morgen wollte er die Karten verteilen. Das erste Mal. Er freute sich sogar ein bisschen und seine Familie unterstützte ihn dabei, denn auch sie wollten, dass Nestor ein ganz normaler Junge wird.
Der Wecker bimmelte um Punkt sieben. Nestor sprang von seinem Bett hoch, wusch sich und zog sich rasch an. Er flitzte mit seinen Einladungskarten den Gefängnisgang entlang, vorbei an den Gefangenen, die er freundlich grüßte, bis zu Trollingers Zelle. Er wedelte ihm freudig mit den Karten zu. „Guten Morgen! Heute verteile ich meine Einladungskarten in der Schule!“ Trollinger zupfte nachdenklich an seiner Hose. „Wie viele Gäste werden geladen?“ wollte er wissen.
„Sieben! Sieben auf einen Streich!“, lachte Nestor.
„Sieben“, bemerkte Trollinger mit Blick auf seine Zellennummer, „das ist eine magische Zahl!“
„Ja, ich muss jetzt los, sonst komme ich zu spät, bis bald!“, rief er ihm lachend zu und bog schon um die Ecke. Der Troll schaute ihm hinterher und wünschte noch viel Glück! Denn das würde er gebrauchen können…
In der Pause überreichte Nestor die Karten. Der dicke Wolfgang war der erste. Er war etwas einfältig und wenn Nestor nicht gerade an der Reihe war, war er das Opfer. Aber Nestor mochte ihn, er war harmlos und ging mit einem Grinsen über den Schulhof, das immer etwas dämlich wirkte. Wolfi glotzte mit seinen großen Bolleraugen ungläubig auf die Karte, auf der ein Schlüssel und eine Zwölf abgebildet waren, dazu die Adresse: Schwedenvilla 13, Zeit 15.00 Uhr „Danke“, murmelte er bedeppert. Stefan der Streber bekam auch eine, schließlich saß er neben Nestor, auch wenn sie bisher kaum ein Wort gewechselt hatten. Freddy, der eine krächzende Stimme wie eine Krähe hatte und sich für keinen Streich mit den Lehrern zu schade war und den Nestor heimlich bewunderte, war natürlich auch eingeladen. Peter und Johann, die beiden Brüder, die Nestor zwar regelmäßig nachäfften, aber wenigstens mit ihm redeten, sagten gleich zu und Walter, den Nestor ständig abschreiben ließ, schien sich sogar richtig zu freuen. Und dann war da noch Hans. Er überragte nicht nur alle in der Klasse, er war auch der stärkste und was er sagte, wurde gemacht. Nestor hatte Angst vor ihm und genau deshalb wollte er ihn einladen. Er wollte seine Angst einladen, um sich ihr zu stellen und das ging am besten da, wo er sich sicher fühlte. Hans musterte abfällig die Karte. „Du lädst mich zu deinem Geburtstag ein?!“, fragte er herausfordernd. „Warum?“
„Wa…hicks…wa…warum nicht?!“, fing Nestor wieder an zu stammeln. Dann spürte er plötzlich das kalte Metall an seinem Brustkorb und fasste instinktiv nach dem Schlüssel unter seinem Pulli, er blickte noch mal zu Hans. „Du hast doch nicht etwa Angst ins Gefängnis zu kommen, oder?!“, entfuhr es Nestor unvermutet. Hans schaute für einen Moment verdattert, dann legte er wieder sein selbstsicheres Grinsen auf. „Was denkst du denn Pestohr! Solange ich wieder rauskomme ist alles in Ordnung. Das lass ich mir bestimmt nicht entgehen!“, bläffte er und drehte ihm sodann den Rücken zu. Nestor schwitzte, er war erstaunt über sich selbst. Ja, er hatte sich etwas getraut, irgendwie schien ihm auch der Schlüssel oder der damit verbundene Gedanke an Trollinger Kraft gegeben zu haben. Es war gut, dass er diesen Schritt gegangen ist, sagte er sich. Jetzt konnte er den anderen Jungs zeigen, dass er ein schönes Zuhause hatte und wer er wirklich war!
Um Punkt 15.05 Uhr klingelte es an der Pforte. Nestor flitzte zur Tür und machte auf. Sie waren alle gleichzeitig gekommen und jeder hatte ein kleines Präsent für ihn dabei. Nestor strahlte und blickte stolz zu seiner Mutter. Hans überreichte ihm sein Mitbringsel und ging dann schnurstracks an ihm vorbei und noch bevor er am Tisch saß, grabschte er schon nach einem Stück Schokoladenkuchen. Ariadne hob die Braue und blickte streng zu ihrem Bruder, doch Nestor ignorierte ihren strafenden Blick und bat die anderen an den Tisch. Seine Mutter hatte wirklich ganze Arbeit geleistet, so wie er es sich gewünscht hatte, gab es Windbeutel mit Schlagsahne, Schokoladenkuchen und Blaubeertorte. Leider bekam er keinen Bissen herunter, denn er war zu aufgeregt. Nestor musterte die lebhafte Runde. Es sind tatsächlich alle gekommen und alle haben ordentlichen Appetit und sogar Geschenke mitgebracht. Seine Mutter und Schwester saßen mit am Tisch lächelten brav, reichten Kuchen und heiße Schokolade. Ariadne hatte ihren Bruder noch nie so glücklich gesehen. Kein Wunder, wie sie ist er ein Einzelgänger, der sich nichts sehnlicher wünschte, als nicht mehr einzeln zu gehen. Tatsächlich grinste Nestor bis über beide Ohren, wie ein ganz normaler Junge, wobei er nicht Teil des Geplappers war, er hörte zu und war erleichtert, dass es allen schmeckte und jeder zufrieden schien. Nestor freute sich besonders auf die Spiele, die er mit Ariadne in stundelanger Arbeit ausgetüftelt hatte. Es war Herbst und im Hof lagen die Blätter, das hatten sie einkalkuliert und das Laub sollte als Grundlage für Rutschpartien, Bastelarbeiten und Suchspiele dienen. Als alle satt waren, räusperte sich Nestor. „Wollen wir jetzt Ma…Ma…Mal in den Hof gehen…wir haben da ein p…p…..paar Spiele… vorbereit…“
„Willst du nicht erst Ma...Ma…Mal deine Geschenke auspacken?“, verspottete ihn Hans grinsend. Ariadne entging dabei nicht, wie er den anderen einen verschworenen Blick zuwarf.
„Ich glaube mein Bruder hat Geburtstag und er darf entscheiden, was er als erstes machen möchte, oder etwa nicht?“
„Na klar, wir dachten nur, dass es vielleicht für dich zu anstrengend ist auf dem Hof mit dem rutschigen Laub - und dem Rollstuhl!“ Ariadne schnaubte vor Wut. „Wie rücksichtsvoll von euch, zumal ich gar nicht mitspielen wollte, schließlich ist das ja ein Jungen-Geburtstag und ihr seid ja auch schon groß, oder?!“ Nestor funkelte seine Schwester wütend an. Wenn sie ihm jetzt mit ihrem Gekeife seinen Geburtstag verderben würde, dann könne sie in Zukunft alleine im Hof fahren. Nestor stapfte unsicher von einem Bein aufs andere, fasste beherzt unter seinen Pulli und sobald er das Metall zu spüren bekam, legte er los. „Also klar, äh, ich hab zwar Geburtstag, aber ich möchte, dass mei… mei…meine Gäste sich wohlfühlen. Also was wollt ihr machen, erst im Hof spielen oder erst Geschenke auspacken?“ Hans trat dicht vor ihn und leise, fast flüsternd, stachen seine Worte wie Messerstiche in seine Brust. „Erst Knast und Gefangene! Deswegen sind wir doch hier, oder glaubst du etwa es gibt noch einen anderen Grund? Pestohr!“ Nestor drehte sich blitzartig um, er wollte nicht, dass irgendjemand genau in diesem Moment in seine Seele blicken konnte. Sie war nur noch ein zerdrückter Klumpen aus Schmerz und Enttäuschung. Nestors Finger umklammerten hilfesuchend den Schlüssel, als ob dieser ihn aus diesem Alptraum befreien könnte, stattdessen überschlug sich seine Stimme und er jauchzte völlig unnatürlich. „Ja, to…tolle Idee, das wollte ich au…au…auch gerade vorschlagen! Aber…ihr müsst dicht hinter mir ge...ge...gehen und keinen Mucks zu den Gefangenen, sonst könnte das Ganze aus dem Ruder geraten. Ariadne starrte fassungslos zu ihrer Mutter. „Nestor!“, rief diese augenblicklich, um ihren Sohn von seinem Vorhaben abhalten, aber Nestors Blick war so flehentlich, wie sie es noch nie zuvor an ihm gesehen hatte. „Also gut, aber nur kurz!“, gab sie nach.
Nestors Wangen glühten, als er die schwere Gefängnistür öffnete. Seine sieben Besucher hielten sich dicht hinter ihm. Nestor schaute sich noch mal um. Der dicke Wolfgang blickte etwas ängstlich, von seiner Stirn tropften Schweißperlen, die anderen warteten ehrfurchtsvoll, selbst Hans zeigte so etwas wie gespannte Erregung. Nestor machte pathetisch ein Zeichen sich still zu verhalten, dann hielt er vor Theos Zelle. „Da…da…das ist ein Riese, er wurde bereits in der Mon…Mon…Mongolei zum Tode verurteilt, weil er mehrere Kinder ertränkt und ge…ge…ge…quält hat. Er konnte fliehen u…und es verschlug ihn hierher. Sein Trieb und seine Gier führten dazu, dass er immer wieder morden wird!“, schwadronierte Nestor mit klopfendem Herzen und stellte befriedigt fest, dass je mehr er erfand sein Stottern verschwand. „Wie lange sitzt er schon?“, fragte Stefan kleinlaut.
Klar, so schoss es Nestor durch den Kopf, der Streber stellte wieder als erstes eine dumme Frage.
„Frag ihn doch selbst“, platzte es aus Nestor heraus.
Theo hatte bis jetzt nichts gesagt. Er schaute Nestor nur völlig entgeistert aus seinen Schlitzaugen an, erfasste aber sofort die Situation und spielte ganz in seinem Element als Hochstapler das Spiel zu Nestors Gunsten mit. Einen mehrfachen Kindermörder hatte er schließlich noch nie dargestellt. Was für eine Herausforderung! Stefan stellte noch einmal zögerlich seine Frage, während Theo versuchte eine furchteinflößende Miene aufzulegen. „Wie… wie… lange sind Sie schon… hie…hier?“, stammelte er. Nestor bemerkte kalt, warum er plötzlich so stottere. Die anderen lachten. Nestor lachte mit. Theo bäumte sich auf, dann hustete er so laut, dass die Wände zu wackeln schienen. „Wie lange?“, brüllte er, „länger als du alt bist und wäre ich draußen, wärst du nicht mal so alt, wie du jetzt bist…“ Er umfasste mit einem Seitenblick zu Nestor, bedrohlich die Gitterstäbe. „Hat noch jemand von euch Zwergen eine neunmalkluge Frage?!“ Alle schüttelten vereint den Kopf. Nestor nickte und Theo zwinkerte ihm heimlich zu. „Es ist wohl besser, wir gehen wieder zurück!“, schlug Nestor vor. „Auf keinen Fall“, protestierte Hans, „das kann doch noch nicht alles gewesen sein, oder Pestohr!“
Nestor schluckte, er wollte dieses Theater nicht, aber sie hatten ihn dazu gezwungen und jetzt musste er es durchziehen. Er zögerte noch, doch wie bestellt, fing es plötzlich an zu blitzen und zu donnern, was ihn in seinem weiteren Vorhaben bestärkte. Es herrschte eine gespenstische Atmosphäre, Poseidon bellte furchteinflößend im Hof, Nestor lief entschlossen weiter.
„Sei gegrüßt, Nestor“, begrüßte ihn Gregor der Taschendieb freundlich. „Sind das deine Freunde?“ Nestor zuckte mit den Schultern und blickte zu den anderen. „Gregor wirkt harmlos, aber genau das macht ihn so gefährlich…“, präsentierte ihn Nestor wie einen gebändigten Gorilla im Zoo. Gregor kicherte derweil eher wie ein wiehernder Esel, als Nestor fortfuhr seine Gäste mit blutrünstigen Geschichten über ihn zu beeindrucken.
Die Jungs musterten den rothaarigen Insassen mit den vielen Sommersprossen und dem goldenen Schneidezahn zunächst interessiert, während der wiehernd bestätigte, was für ein hervorragender Geschichtenerzähler der Junge doch sei. Nestor redete sich weiter in Rage, doch Hans und seine Kumpanen begannen sich zu langweilen, machten schon Witze und das Ganze schien nun zu Nestors Ungunsten aus dem Ruder zu laufen. Trollinger hatte dem unwürdigen Spektakel aus der Ferne nun schon lange genug zugeschaut. Es musste einen Grund geben, warum Nestor sich so merkwürdig verhielt. Er sah, dass der Junge völlig durch den Wind, nicht er selbst war. Wie auch immer er musste ihm zur Seite stehen.
Nestor saugte sich indes immer mehr absurdes Zeug über Gregor aus den Fingern, als plötzlich ein markerschütternder Schrei durch die Gefängnisflure hallte. Ein Schrei, wie ihn Nestor noch nie gehört hatte. Angst, Wut, Schmerz und etwas Dämonisches lag in ihm. Die anderen blieben ebenfalls wie festgefroren stehen. Nestor ging einen Schritt vor, wieder ertönte der Schrei. Seine sieben Kameraden rannten zurück zu Gregor. Nestor ging weiter, bis er vor Trollingers Zelle stand. Die Jungs folgten ihm in gebührendem Abstand und mit schlotternden Knien. Was sie dort sahen, ließ alle erstarren. Trollinger wirbelte wie ein Strudel in seiner Zelle, er drehte sich und schrie. Nestor bemerkte, dass ein Streifen an seiner Hose leicht gelockert war und wunderte sich, dass ihm dieses Detail gerade jetzt auffiel. Wie war das möglich? Nestor kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Trollinger lief immer mehr zu Hochform auf, er wirbelte ans Fenster und brüllte, heulte und keifte wie ein teuflischer Wirbelwind. Dann landete er abrupt und starrte auf die acht Jungs vor ihm. Nestor wollte gerade etwas sagen, aber der Troll bedeutete ihm mit einer eindeutigen Bewegung still zu sein. Seine schwarzen Augen funkelten bedrohlich, seine Stimme krächzte schaurig, er fixierte jeden einzelnen. „Dieser Ort war lange Zeit heilig, dann wurde er verflucht und die, die hier lebten, mussten fliehen. Mit der Zeit wurde es ruhiger und die Mauern erholten sich wieder. Es herrschte Frieden in ihrem Inneren, aber sie fangen an zu bröckeln, sobald Unrecht geschieht. Ihre Kiesel und Splitter zerschmettern die Seelen der Unrechten und versteinern ihre Sinne…“
Ein Donnern durchbohrte die Stille, gefolgt von einem grellen Blitz, der Trollingers Gesicht in eine bizarre Grimasse verwandelte. Regentropfen prasselten scharf gegen die Gitterstäbe an den Fenstern. Nestor entdeckte die Pfütze zu Wolfgangs Füßen, sie stammte nicht vom Hereinsickern des Regens: Wolfi hatte sich in die Hose gemacht! Freddy hingegen kullerte eine Träne über die Wange, die Zwillinge hielten sich fest an den Händen, Walter zerkaute einen Fingernagel nach dem anderen, Stefan blickte zu Boden und Hans‘ Gesicht war nur noch eine versteinerte Fratze.
Trollinger ging nun auf jeden einzelnen zu und flüsterte ihnen in einem düsteren Singsang etwas zu, was Nestor nicht verstand.
„Qui profane ce lieu est maudit.
Qui profane ce lieu est maudit.
Qui profane ce lieu est maudit.
Qui profane ce lieu est maudit.
Qui profane ce lieu est maudit…“
„Wollt ihr noch mehr sehen?“, beendete Nestor entschlossen Trollingers Mantra. Die sieben schüttelten auf einen Streich den Kopf. Nestor blickte noch einmal zu Trollinger. Er hatte ihm geholfen, aber er hatte ihm auch Angst gemacht.
Nestor stand im Esszimmer. Der Tisch war abgeräumt, allein die sieben Geschenke türmten sich wie die Spitze des Eisbergs auf ihm. Seine Gäste waren gegangen, schneller als sie gekommen waren. Keiner sagte mehr was. Nestor beäugte misstrauisch die Päckchen. Alle hatten die gleiche Größe. Er ahnte nichts Gutes und er sollte recht behalten. Er öffnete das erste: ein Notizblock und ein Bleistift. Dann das zweite: ein Notizblock und ein Bleistift, das dritte, das vierte, das fünfte, das sechste, ein Notizblock und ein Bleistift, das siebte öffnete er nicht mehr, sondern warf es wütend an die Wand.
Alle hatten ihm das gleiche geschenkt! Nestor verstand die Botschaft dahinter. Natürlich ging es nicht um ihn, keiner wollte ihn besuchen, geschweige denn mit ihm feiern, sie wollten alle nur eins: das Gefängnis sehen! Keiner hatte sich auch nur eine Sekunde etwas für ihn einfallen lassen, sie wollten ihn noch zusätzlich demütigen und das hatten sie geschafft. Nestor konnte sich lebhaft vorstellen, wie sie im Pausenhof diesen perfiden Plan geschmiedet und sich halbtot darüber gelacht hatten, wie er ein Geschenk nach dem anderen auspacken und immer wieder das selbe zum Vorschein kommen würde. Nestor schluckte, sein ganzer Körper zitterte. Er wollte nie wieder Geburtstag haben, er wollte nie wieder Freunde haben, er wollte nicht mehr Nestor sein!
Stunden später noch saß er zwischen dem zerknülltem Geschenkpapier und den sieben Blöcken. Ariadne und seine Mutter ließ er nicht ins Zimmer. Immer wieder schrie er wie von Sinnen, er wolle alleine sein. Ariadne hatte irgendwann genug und fuhr zu ihrem Bruder. „Nestor“, streichelte sie ihn und fuhr ihm sachte über den Kopf. „Bitte…“ Nestor blickte auf. Seine Augen waren verquollen und die Traurigkeit in ihnen machte ihr Herz schwer.
„Ich habe auch noch etwas für dich“, flüsterte sie und reichte ihm eine kleine Kiste. Nestor zögerte. „Na mach schon, ist kein Notizblock…!“
Nestor öffnet sie und für einen Moment erhellte sich sein Gesicht. „Eine Schachuhr!“
„Ja, damit du nicht mehr so viel Zeit mit hundert Mal Überlegen vertrödelst“, grinste sie. Nestor gab ihr einen Kuss und drückte sie lange an sich! „Danke! Sie ist wunderschön!“, entgegnete er leise, dann rannte er hinaus.
Poseidon leckte seine Finger. Aber Nestor zog die Hand weg. Er stand auf und lief wie ein Tiger in seiner Zelle hin- und her. Die Gedanken ratterten wie Maschinengewehre. Das schlimmste für ihn war, dass er sich selbst verleugnet hatte, indem er ein Schmierentheater veranstaltete, um den Kameraden zu imponieren. Der arme Theo musste den Kindsmörder spielen und Gregor wurde zur Bestie abgestempelt. Als er den Gang zu seiner Zelle runter gelaufen war, hatte er die beiden keines Blickes gewürdigt, so sehr schämte er sich. Obwohl Theo ihm noch hinterher rief: „na, wie war ich?“ Gregor dagegen hatte vielsagend gelächelt und Trollinger… Oh Gott der Troll! An seiner Zelle war er vorbeigeflitzt, als ob der Leibhaftige darin säße.
Nestor versuchte sich zu beruhigen, es war spät, er sollte sich hinlegen, aber jetzt schlafen? Unmöglich! Er setzte sich auf seine Pritsche und starrte Löcher an die Wand. Minutenlang, stundenlang. Plötzlich schreckte Nestor hoch. Was war das? Poseidon spitze ebenfalls die Ohren. Nestor blickte auf die Schachuhr. Ihr Laufwerk betätigte sich von selbst und begann zu ticken. Tick, Tack, Tick... Nestor hätte schwören können, dass die Uhr aus war, als er sie bekam und er hatte sie auch nicht angemacht. Er fixierte die Zeiger, die sich immer schneller drehten. Panisch drückte er auf den Hebel. Sie verstummte mit einem Schlag. Nestor atmete erleichtert aus, dann nahm er entschlossen die Uhr und schlich aus seiner Zelle.
Trollinger saß bereits an den Gitterstäben. Vor ihm das Schachbrett. Natürlich hatte er ihn erwartet. Nestors Blick war trotzig. „Was war das vorhin?“, fragte er angespannt. „Das, was du dir vorgestellt hast!“
„Ich habe mir überhaupt nichts vorgestellt!“
„Aber du wolltest deine Freunde beeindrucken und das ist dir gelungen!“
„Ich habe keine Freunde, ich hatte noch nie welche und selbst wenn sie beeindruckt waren, was würde das ändern? Sie würden mich nie wegen meiner selbst willen mögen! Und weißt du was, ich verstehe sie sogar, denn ich mag mich auch nicht!“
Trollinger nickte. „Aber ich mag dich!“
Nestor seufzte. „Ja, zwei eingesperrte Sonderlinge, die sich mögen und die Welt dreht sich weiter… Wie hast du das vorhin gemacht…
