NESTOR - Stefan Högn - E-Book

NESTOR E-Book

Stefan Högn

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Beschreibung

Für den besten Tee der Welt mal eben durch die Zeit reisen? Eine Kleinigkeit für jemanden, der sämtliche Schätze der Welt sammelt. Platon im alten Griechenland besuchen, nur um zu zeigen, dass man es kann? Dabei die Vernichtung Englands riskieren? Warum nicht? Wird schon schiefgehen! Wer durch die Zeit reist, darf sich keine Fehler erlauben … oder er pfeift auf die Folgen! Nestor Nigglepot war in den letzten 12.000 Jahren bei jedem wichtigen Ereignis dabei und nicht wenige davon gehen auf sein Konto. Sein unsterblicher Erzfeind Grafula versucht seit Ewigkeiten ihn dingfest zu machen. Und jetzt ist offenbar soweit … Kostenlose Leseprobe auf: http://www.nigglepot.com

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Seitenzahl: 815

Veröffentlichungsjahr: 2017

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IMPRESSUM

Texte, Umschlaggestaltung, Illustration: © Copyright by Stefan Högn

NN-Logo, Nunc-Dolce-Nunc-Logo: © Copyright by Stefan Högn

Verlag:

Stefan Högn

Bocklsedde 19

42283 Wuppertal

[email protected]

Mehr über Nestor:

www.nigglepot.com

www.facebook.com/SeldomHouse

www.violet-reality.com

I

Fünf Minuten

Die einzige Tür des Raums schlug donnernd zu. Straßengeräusche klangen dumpf durch das geschlossene Fenster und einer der beiden Männer hatte Angst.

»Dieses Mal, mein lieber Nigglepot, wirst du mir nicht mehr entkommen!«

Das bleiche Gesicht des Halbvampirs nahm beinahe einen Hauch rosiger Farbe an – vor Freude!

»Da wäre ich mir nicht so sicher, Grafula!«

Es fiel Nestor Nigglepot tatsächlich schwer, diesen Satz einigermaßen flüssig zu sprechen. Ihm blieb fast die Luft weg … und es war heiß. Seine sonst so leicht vorgetragene Überheblichkeit wirkte nicht so recht.

»Du schwitzt! Ja … du schwitzt! Und ganz sicher nicht nur vor Erschöpfung. Nein, mein Freund, du hast Angst!«

Wie viele Jahre hatte Grafula auf diesen Moment gewartet? Unzählige Male standen sich die beiden schon gegenüber – der eine unsterblich, der andere unausstehlich.

»Angst? Im Leben nicht!« Nestor Nigglepot machte sich beinahe in die Hose und es handelte sich hierbei keineswegs um eine gewöhnliche Hose. Dieses Beinkleid bestand aus einem unglaublich widerstandsfähigen Mischgewebe aus Schurwolle und Wildseide, war wunderbar leicht zu tragen, im Winter warm, im Sommer luftig, sündhaft teuer und entstammte der aktuellen Kollektion des englischen Modestars Debile. In so eine Hose machte man nicht!

»Reiß dich zusammen, Nestor!«, sagte Nestor.

»Leise denken, war noch nie deine Stärke, Nigglepot!«, entgegnete Grafula. »Du hast Angst!«

»Hab’ ich nicht!«

»Hast du wohl!«

»Nein!«

»Doch!«

»Im Leben nicht!«

»Nigglepot! Hör auf!«, schrie der blasse Mann aus Transsylvanien. »Du machst dir doch bald in die Hose!«

»Hallo? In diese Hose? Ich meine, guck mal bitte, weißt du überhaupt, was das hier für eine Hose ist?«, Nestor Nigglepot war völlig entsetzt. »Die ist so teuer, so etwas Wertvolles hast du in deinem ganzen Leben noch nicht gesehen!«

»Ich bin unsterblich …«, antwortete Grafula matt.

»Gut … vielleicht hast du schon mal so etwas Teures gesehen, aber bestimmt nicht als Hose.«

»Schluss, Nigglepot! Damit ist jetzt Schluss! Ich werde dich der örtlichen Polizei übergeben und dann habe ich endlich meine Ruhe!«

Hätte Grafula einen funktionierenden Kreislauf gehabt, hätte ihm sein Blut jetzt vor Aufregung in den Schläfen gepocht.

Bummbumm, bummbumm, klopfte Nestor Nigglepot unauffällig an die Wand hinter ihm.

»Was war das?«, fragte Grafula und drehte den Kopf schlagartig zur Tür.

Blitzartig fuchtelte Nestor an seinem linken Handgelenk herum und den Desorientator hervor, der aussah wie eine protzige Golduhr mit viel zu vielen Funktionen und Edelsteinen. Dieser geniale kleine Apparat machte alle Menschen im Umkreis von zehn Metern, die keinen solchen hatten, völlig orientierungslos. Er drückte den blauen Knopf. Fünf Minuten völlige Leere im Kopf von Grafula müssten reichen, um sich aus dem Staub zu machen.

Pluff!

4 Minuten, 59 Sekunden.

»Wo bin ich?«, fragte der Untote.

»Kann ich ihnen vielleicht irgendwie helfen?«, spielte Nestor Nigglepot sehr hilfsbereit.

»Wem?«, erkundigte sich Grafula.

»Na, ihnen.«

»Mir? Warum?«

»Nicht so wichtig. Aber sie lassen mich doch bestimmt mal eben zur Tür raus, oder?«, biederte sich Nestor an.

»Sehr gerne!«, antwortete der blasse Mann vom Balkan, öffnete die Tür und wünschte: »Einen schönen Tag noch!«

»Danke!«, hallte es im Laufschritt durch den langen düsteren Korridor.

4 Minuten, 40 Sekunden.

Als Nestor Nigglepot aus dem Bürogebäude der Hong Kong Tea Company trat, konnte er nicht mehr rennen, denn sonst wäre er mit seinen schicken Schuhen sofort ausgerutscht. Die Straßen waren schlammig und während der Regenzeit selbst für Automobile kaum passierbar. Sein Weg führte ihn nicht zu einem Hotel, sondern in ein ungenutztes Lagerhaus, das ein paar Straßen weiter weg lag. Nur dort gab es eine frei zugängliche Stromleitung, die genug Energie für die notwendige Ausrüstung bot.

Hätte er seine Ausrüstung in einem Hotel unterbringen wollen, hätte er auch gleich zu Hause bleiben können. Aber ihm war der Tee ausgegangen, also wollte er neuen besorgen. Natürlich hätte er auch Rául, seinen Butler, schicken können, aber der hätte ja doch nur wieder irgendeinen First Flush Darjeeling- Tee gekauft. Allerdings wusste jeder Mensch mit einem kleinen bisschen Stil genau: Der beste Tee aller Zeiten war chinesischer gelber Tee der Marke Yin Zhen, Jahrgang 1921, den die Hong Kong Tea Company vertrieben hatte. Und Nestor Nigglepot hatte jede Menge Stil, aber keinen Tee mehr.

Er schaute auf den Desorientator. In weniger als drei Minuten würde sich Grafula wieder an alles erinnern. »Was für ein feines Stückchen Hochtechnologie!«, dachte er bei sich und musste lachen, weil er sich erinnerte, dass ihm das Ding einmal – ganz aus Versehen – mitten in London auf der Oxford-Street, losging und es nicht mal jemand gemerkt hatte, weil dort alle meist völlig orientierungslos durch die Gegend irrten. Nestor beeilte sich jetzt wieder.

Es war dem Halbvampir gelungen, ihn hier unter 625.166 Chinesen und Briten, bei diesem Wetter, in dieser Stadt und in dieser Zeit zu finden.

»Grafula ist besser geworden. Ich muss mich mehr in Acht nehmen«, dachte Nigglepot.

Kurz darauf erreichte er das Lagerhaus, schaute sich kurz um, und öffnete vorsichtig die Tür. Noch knapp eine Minute.

»Was ist denn das hier für eine komische Maschine?«, fragte ein etwa neun Jahre altes chinesisches Mädchen in einem billigen Kung-Fu-Anzug, der ein bisschen zu groß war.

Nestor Nigglepot zuckte kurz, fasste sich aber schnell.

»Wie kommst du denn hier rein?«

»Durch die Türe vielleicht?«, sagte das Mädchen frech.

»Ja, aber warum denn?«, fragte Nestor erstaunt zurück.

»Vielleicht, weil es draußen regnet wie aus Kübeln!«

Das Mädchen war ihm erheblich zu kess, soviel stand fest.

»Und was ist das jetzt nun für eine Maschine? Kann man damit etwa durch die Zeit reisen?«

»Ach, du meine Güte!«, sagte Nestor.

»Wie, bitte?«, fragte das Mädchen verblüfft.

»Herrje! Ich hab' schon wieder laut gedacht.«

»Ja. Und jetzt schon wieder«, sagte die Chinesin.

»Ähm, ja, äh ja … aber, schau doch mal was ich hier Tolles habe …«, Nestor Nigglepot zeigte dem Mädchen den Desorientator, »Wenn ich auf diesen blauen Knopf drücke …«

Er drückte auf den blauen Knopf.

»Toll! Eine unglaublich protzige Uhr mit einem blauen Knopf. Kann die was Besonderes?«

»Drecksding!«, wunderte sich Nestor Nigglepot, dann stammelte er: »Eigentlich schon … aber, weil ich ihn vor fast fünf Minuten schon einmal gedrückt habe, klappt das jetzt nicht. Erst wenn die einen fünf Minuten vorbei sind, kann ich den Knopf für die nächsten fünf Minuten drücken. Verstanden?«

»Nein. Aber vielleicht erklärst du mir jetzt mal, was das da für eine Maschine ist. So etwas habe ich noch nie gesehen.«

Draußen donnerte es heftig, denn der Regen hatte sich mittlerweile in einen wahren Wolkenbruch verwandelt.

»Das kann ich leider nicht, denn in weniger als zwanzig Sekunden sind die fünf Minuten um!«

Nestor ging zügig auf die Maschine zu.

»Hast du einen Fünf-Minuten-Tick?« Das Mädchen wunderte sich zu Recht, denn dieser Mann benahm sich äußerst merkwürdig.

»Wie bitte? Ähm, nein, ich denke nicht … nur manchmal … vielleicht, jetzt zum Beispiel.«

Es donnerte erneut.

Nestor Nigglepot ging auf die merkwürdige Maschine zu, betätigte ein paar Knöpfe, es piepte hier und da, dann gingen einige Lichter an, und in einer Art Bilderrahmen erschien plötzlich ein Bild, das vorher gar nicht da war. Dann tauchte in dem Bild ein älterer Herr auf und fragte: »Sie wünschen, Sir?«

»Rául, stell den Zeitvektor auf sechzig Sekunden, ich muss sofort zurück, hier ist im Moment alles ziemlich stressig«, sprach Nestor Nigglepot in eine Art Salzstreuer, der an dem Bilderrahmen fest gemacht war.

Die Maschine zischte, weißer Dampf trat seitlich aus dem Gehäuse, und eine Türe öffnete sich mit einem schön hallenden Wuuusch. Nestor drehte sich zu dem Mädchen um.

»Mach’s gut, Kleine! Wir sehen uns nämlich nie wieder!«

Er ging in die Maschine hinein, winkte noch mal kurz, dann schloss sich die Tür, wieder mit dem hallenden Wuuusch. Das Mädchen stand mit offenem Mund da, schaute sich das alles mit großen Augen an und wusste nicht, wie ihr geschah. Sie hatte viele sonderbare Briten in Hongkong kennengelernt, aber dieser Mensch war mit Abstand der Seltsamste.

Ein unglaublich heftiger Knall erschütterte das Gebäude. Ein Blitz war genau in die Lagerhalle eingeschlagen. Nach ungefähr dreißig Sekunden hörte das Mädchen aus dem Inneren der Maschine wüstes Gefluche und danach ein jämmerliches Gequietsche, als wenn schlecht geölte Zahnräder widerwillig ineinandergreifen. Die Tür der Maschine öffnete sich langsam wieder und als der Spalt breit genug war, kam Nestor Nigglepot wieder heraus und sagte zu dem Mädchen: »Ach, du bist immer noch da?«

»Du doch auch!« Dem Mädchen huschte ein freches Grinsen über das Gesicht. »Kann ich vielleicht helfen?«

»Möglicherweise. Wie heißt du denn, mein Kind?«, fragte Nestor überfreundlich.

»Lilly Foo«, antwortete das Mädchen.

»Gut Lilly, kennst du dich mit theoretischer Physik und Astronomie aus?«

»Erst möchte ich mal wissen, wie du heißt!«, entgegnete Lilly Foo.

»Oh, wie unaufmerksam von mir … ich heiße Nestor Nigglepot.«, säuselte er und fuhr zackig fort: »Und verstehst du jetzt was von theoretischer Physik und Astronomie?«

»Nöö!«, sagte die Chinesin.

»Na, toll!«, war Nestors barsche Antwort.

»Aber ich habe ein Gehirn zwischen meinen Ohren und zwei gesunde Hände«, entgegnete Lilly.

»Wie willst du mir, denn damit helfen?«, war die amüsierte Antwort.

»Weißt du, wenn draußen nicht so ein Unwetter wäre, würde ich lieber wieder gehen. Du bist ein unfreundlicher Mann, Nestor Nigglepot!«

»Machst du diese Erfahrung erst jetzt, Mädchen?«, sagte Grafula, der plötzlich und völlig unbemerkt die Lagerhalle betreten hatte. »Du hast verloren, Nigglepot!«

Nestor Nigglepot machte einen Schritt in Lilly Foos Richtung und rief: »Schnell … komm zu mir!«

Das Mädchen erschrak, denn sie hatte erst recht nicht mit dem Auftreten des Halbvampirs gerechnet. Zudem wirkte sein gruseliges Äußeres auch nicht gerade vertrauenerweckend. Sie spurtete Nestor Nigglepot entgegen, der sie in den Arm nahm und gleichzeitig den blauen Knopf des Desorientators drückte, der offensichtlich wieder funktionierte.

Pluff!

Schon wieder herrschten 4 Minuten und 59 Sekunden völlige Leere in Grafulas Kopf, der sehr unsicher »Wo bin ich?« herausbrachte.

»Sie haben sich in der Tür geirrt, mein Lieber«, sagte Nestor, der sich wieder von Lilly gelöst hatte, den Untoten freundlich zur Tür begleitete, ihn nach draußen führte und dann zügig wieder zurückkam.

»Wer war denn das? Und was ist mit ihm plötzlich los gewesen?«, wollte Lilly wissen.

»Das ist ein … Bekannter von mir und ich habe mit meiner protzigen Uhr sein Gehirn für fünf Minuten gelöscht. Er erinnert sich an nichts mehr, weiß nicht, wer oder wo er ist. Sehr praktisch, wenn man Störenfriede loswerden möchte«, antwortete Nigglepot.

»Und wieso wurde mein Gehirn nicht gelöscht?«

»Ich habe dich umarmt, also hat dich mein Desorientator davor geschützt.«

»Gut, aber wieso hast du das gemacht? Du hättest mein Gehirn doch gleich mit löschen können. Oder hab’ ich dich etwa nicht gestört?«, wollte Lilly wissen. »Schon … aber, vielleicht kannst du mir ja doch helfen. Ich hab' nämlich auch nicht allzu viel Ahnung von theoretischer Physik oder Astronomie«, antwortete Nestor leicht verlegen.

»Und wie kann ich dir helfen?«

»Wir müssen diese Maschine wieder ans Laufen kriegen, ganz egal wie!« Nigglepot schaute auf den Desorientator. Es blieben noch etwas mehr, als vier Minuten Zeit. Er ging zu der Maschine, drückte hilflos auf allen möglichen Knöpfen herum, rappelte hier und horchte da, aber es tat sich nichts.

»Versuchs doch mal mit einem Tritt. Wenn der Generator im Heim nicht funktioniert, dann latscht der Hausmeister mit Karacho dagegen und – Zack! – läuft das Teil wieder«, schlug das Mädchen vor.

»Bitte, Lilly! Diese Maschine ist vermutlich, die am höchsten entwickelte Maschine, die du jemals gesehen hast und vermutlich auch in Zukunft sehen wirst. Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn man mit Wucht dagegen latscht?«

»Nein, aber du wirst es mir vermutlich sagen«, gab die Chinesin zurück.

»Sie könnte kaputtgehen!« Nestor war in der Tat verzweifelt, wollte aber, dass das Mädchen nichts merkte.

»Vielleicht ist es dir noch nicht aufgefallen, Nestor Nigglepot, aber diese Maschine ist bereits kaputt. Also, wo soll ich gegen treten?«

»Nirgendwo!«

»Ich kann aber sehr gut treten. Ich kann Kung-Fu!«

»Sehr schön! Hast du noch irgendwelche anderen Ideen? Ich bin nämlich in Eile!« Nestor fing wieder an zu schwitzen und diesmal war es ganz eindeutig Angst.

»Hast du denn keine Ideen? Ich weiß doch noch nicht mal, wofür dieses Riesending gut sein soll.«

Lilly betrachtet die Maschine jetzt genauer. Sie war bestimmt doppelt so hoch wie sie selber und sogar noch breiter, fast so groß wie ein Lastwagen. Ihr Äußeres war komplett aus schimmerndem, bläulichen Metall und nirgendwo war eine scharfe Ecke oder Kante zu sehen. Drei ringartige Gebilde schlangen sich sternförmig um das kugelige Zentrum.

Oben in der Mitte, wo sich die mannshohe Tür befand, hatte die Maschine eine halbrunde Kuppel mit einem winzigen Fenster. Der Türöffner war vermutlich, die handförmige Vertiefung in der Türmitte. Rechts neben der Tür befand sich eine Art Pult, an der Nestor Nigglepot noch vor wenigen Minuten die vielen Knöpfe gedrückt hatte und ein Stück oberhalb dieses Pults befand sich dieser Salzstreuer und der Bilderrahmen. An der rechten Maschinenseite trat ein dickes Kabel heraus, das vermutlich mit einer Stromleitung verbunden werden konnte.

»Pass auf, Lilly, es fehlt mir die Zeit, das alles zu erklären! Dieser blasse Mann von eben wird wiederkommen und dann …«

Nestor fummelte wieder an den Knöpfen herum.

»Braucht diese Maschine denn eigentlich Strom?«, wollte Lilly wissen.

»Jede Menge! Die kann kaum genug davon bekommen.« Er klopfte vorsichtig auf den Bilderrahmen, aber es tat sich nichts.

»Und woher kommt der Strom?«

»Na aus der Steckdose, Lilly! So etwas wirst du doch wohl kennen.« Nestor war sich nicht mehr so sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, ihr Gehirn nicht zu desorientisieren. Er kniete sich unter das Pult und suchte hilflos herum.

»Dann würde ich das Ding auch mal ein stöpseln«, gab Lilly selbstbewusst zurück.

»Wie bitte?«

»Da rechts neben deiner Maschine liegt der Stecker, direkt neben der Steckdose.«

Nestor fuhr hoch, stieß sich ganz fürchterlich den Kopf, sammelte sich kurz, lief rechts um die Maschine und … tatsächlich, dort lag der Stecker. Er musste durch den Blitzeinschlag aus der Wand geflogen sein. Er nahm ihn, untersuchte ihn kurz, stöpselte ihn ein und, als wenn nichts gewesen wäre, summte die Maschine wieder leise los und leuchtete sanft in einem hübschen hellblau – ganz genau wie vorher.

Nigglepot stürzte auf das Pult zu, tippte in erstaunlicher Geschwindigkeit auf den Knöpfen herum, im Bilderrahmen erschien der alte Mann wieder, und Nestor rief hektisch: »Notfall, Rául! Zeitvektor auf dreißig Sekunden!«

»Wie sie wünschen, Sir!«, antwortete Rául gelassen.

Die Tür der Maschine öffnete sich ganz und Nestor drehte sich auf dem Weg hinein noch einmal zu dem Mädchen um. »Ich danke dir, Lilly! Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich dir jeden Wunsch erfüllen, aber ich muss weg. Leb wohl!« Dann ging er in die Maschine hinein.

»Nimm mich doch mit!«, rief Lilly.

»Warum eigentlich nicht?«, dachte Nestor. Oder hatte er es gesagt, denn schon einen Augenblick später stand die Chinesin neben ihm in der Maschine, und die Tür schloss sich mit dem hallenden Wuuusch.

Nestor und Lilly wurden in dunkelblaues Licht getaucht, während eine metallische Stimme gleichmäßig rückwärts zählte: »Vier … drei … zwei … eins … null … Zeitvektor geschlossen!«

Plimm!

Die Lagertür öffnete sich, ein Halbvampir trat ein und starrte fünf Minuten lang in völlige Leere.

II

Seldom House

Nachdem das dunkelblaue Licht erloschen war und die Türe sich mit ihrem Wuuusch wieder geöffnet hatte, trat Nestor aus der Maschine und sagte selbstsicher zu dem Mädchen: »Komm, Lilly! Du wirst staunen!«

Nestor liebte es einzigartig zu sein.

Und Lilly staunte tatsächlich. Sie befand sich nicht mehr in der Lagerhalle, sondern in einer Art Labor. Überall standen Maschinen von verschiedenster Art. Keine davon hatte sie jemals gesehen oder auch nur eine Ahnung, wofür sie gut sein sollten. Unsicher folgte sie dem ungewöhnlichen Mann.

»Wer bist du? Wo sind wir? Was ist das alles hier und wie ist das alles möglich?«, wollte Lilly wissen.

»Fragen über Fragen – wir haben genug Zeit dafür, unglaublich viel Zeit, mein Kind!«, gab Nestor eingebildet zurück.

»Gerade eben hatten wir aber noch überhaupt keine Zeit, Nestor Nigglepot! Und nenn mich nicht mein Kind! Also, was ist hier los?« Lilly war ungeduldig und wollte noch weiter fragen, als sich eine Tür öffnete und ein älterer Mann eintrat. Offensichtlich war es Rául.

»Hatten sie eine angenehme Reise, Sir?« Der Butler hielt kurz inne. »Oh! Wir haben Besuch? Soll ich ein zweites Teegedeck in den Salon bringen lassen?«

»Nein, Rául, keinen Tee, es gab ein paar Probleme beim Einkaufen, nur Wasser für das junge Fräulein, Früchtekuchen und Sandwiches, ich nehme einen … Sherry«, antwortete Nestor Nigglepot leicht genervt.

»Nun, Sir, ich habe vorsichtshalber First Flush Darjeeling Tee für sie besorgt. Das Wasser kocht bereits«, entgegnete der Butler.

»Na gut. Kein Sherry, Darjeeling … besser als nichts.« So klang es, wenn Nestor Nigglepot frustriert war. »Möchtest du lieber Tee statt Wasser, Lilly?« Und so wiederum klang es, wenn er besonders weltmännisch tun wollte.

»Tee und Antworten, bitte!« So klang übrigens Lilly, wenn sie langsam zickig wurde.

»Wenn mir die Herrschaften bitte in den Weißen Salon folgen wollen …« Rául verließ durch dieselbe Tür das Labor, durch die er gekommen war, und Nestor Nigglepot folgte ihm. »Komm! Du wirst staunen!«

»Muss ich das jetzt öfter?«, fragte Lilly.

»Immer und immer wieder, meine Liebe!«, gab Nestor so dandyhaft zurück, wie er nur konnte.

Als Lilly Foo den beiden durch die Tür folgte, betrat sie ein riesiges Gewächshaus, in dem die prächtigsten Blumen, Palmen und exotischsten Früchte wuchsen, die man sich nur vorstellen kann. Für Menschen die Pflanzen liebten, war dieser fast komplett aus Glas und Eisen gebaute Raum, ganz sicher das Paradies. Ihm schloss sich eine Bibliothek von der Größe einer Turnhalle an. Bücherregale standen dicht an dicht, vom Boden bis zur Decke. Es müssen Zehntausende Bücher gewesen sein.

»Du liest aber viel, Nestor Nigglepot. Wieso verstehst du dann nichts von theoretischer Physik und Astronomie?«, wollte das Mädchen wissen.

»Ich? Viel lesen? Unsinn!« Mit einer lässigen Handbewegung wischte er Lillys Frage einfach weg. »Alle diese Bücher sind etwas Besonderes! Wenn nicht einzigartig, dann zumindest sehr selten. Dort zum Beispiel …«, er zeigte nach rechts. »Alle Welt glaubt, es gäbe nur ein erhaltenes Exemplar des über tausend Jahre alten irischen Buchs Book of Kells. Sie irren. Dort steht mein Exemplar – im 9. Jahrhundert handgeschrieben in einem Kloster, nahe der Stadt Cork. Oder da …«, sein Blick wanderte nach links oben. »Dreiundzwanzig Gutenberg-Bibeln aus dem 15. Jahrhundert. Fast die ganze Auflage. Und direkt daneben: das einzige, ich wiederhole, das einzige, erhaltene Exemplar des Gutenberg-Kochbuchs. Außer uns weiß keiner, dass es das überhaupt gibt!« Nestor strahlte über das ganze Gesicht. Der Stolz quoll ihm beinahe aus jeder Pore. »Na ja … und der Rest ist halt auch so was: Unikate, handsignierte Erstauflagen-Exemplare, Folianten … Bücher eben.«

»Sir, sie belieben zu untertreiben! Ihre Bibliothek ist mit Abstand, die wertvollste der Welt«, sagte der Butler antrainiert bewundernd und ging weiter voraus.

»Vielen Dank, Rául, sehr liebenswürdig!«, entgegnete Nestor in lässiger Manier.

Lilly bekam den Mund kaum zu. Als sie die Bibliothek verließen, kamen sie in einen langen Korridor mit hohen Wänden und vielen Türen an beiden Seiten. Zwischen den Türen und darüber hingen überall Bilder, zum Teil in schwülstigen goldenen Rahmen, zum Teil ungerahmt. Viele der Bilder waren offensichtlich Gemälde aus vergangenen Jahrhunderten und vereinzelt sehr groß – einige allerdings waren winzig. Andere Bilder hatten kein erkennbares Motiv, sondern bestanden aus wildem Gekrakel oder einfachen Farbflächen.

»Interessierst du dich auch für Kunst, Lilly?«, wollte der merkwürdige Mann wissen.

»Bisher habe ich mich eigentlich nur für mein Überleben interessiert«, antwortete sie mit ungläubigen Augen.

»Das ist bestimmt auch ein schönes Hobby!« Nigglepot hatte gar nicht richtig zugehört. »Hier, ein Rembrandt, da … ein Chagall, Mondrian, Magritte, Picasso, Michelangelo, Dürer … und dort … ein da Vinci – schwierig zu bekommen. Der malt zu wenig und erfindet zu viel, vergeudet sein ganzes Talent für unnützes Zeug. Eine Schande, sage ich dir!«

Er war kaum zu bremsen und zeigte von einem Bild zum nächsten, erzählte von verarmten Künstlern, die sich Ohren abschnitten und verrückten Künstlern, die zerfließende Uhren malten.

»Du sagtest, du interessierst dich für das Überleben … und, warst du da bisher einigermaßen erfolgreich?«

Lilly folgte ihm nur stumm und sie erreichten die Empfangshalle des Anwesens, das den Namen Seldom House trug, wie sie aus dem nicht enden wollenden Vortrag von Nestor Nigglepot erfuhr. Zu beiden Seiten gingen geschwungene Treppen hinauf in die erste Etage, eine prachtvolle Eingangstür mit vielen kleinen Scheiben eröffnete einen Blick auf einen geschmackvoll gestalteten Vorplatz, der in einen schier endlosen Garten überging.

Auch hier in der Halle waren viele Türen und Gemälde. Aber der absolute Hingucker stand genau in der Mitte. Unter einer großen Gewölbekuppel prangte auf einem Sockel eine steinerne Statue. Ein stehender weiblicher Engel, dessen Arme und Kopf offensichtlich abgebrochen, aber dessen Flügel imposant ausgebreitet waren, füllte den Raum mit seiner Erscheinung.

»Dein Engel ist kaputt, Nestor Nigglepot!«

»Das ist die Siegesgöttin Nike. Ich sah sie während eines Griechenland-Urlaubs und habe mich sofort in sie verliebt. Wir passen gut zusammen, oder?« Nestor suchte nach Bestätigung in Lillys Augen, fand aber keine. »Im Louvre steht nur eine Kopie von ihr … braucht aber keiner zu wissen.«

Sie erreichten den Weißen Salon. Ein erstaunlich sachlicher Raum, eher wie ein Büro, in dem tatsächlich fast alles weiß war. Ein verhältnismäßig großer Tisch stand in der Mitte, darum vier Stühle und schlichte Lampen – alles war auf das Nötigste reduziert. Auffallend war nur das riesige pechschwarze Bild gegenüber der Eingangstür. Die Türen zum Garten waren fast raumhoch, alle geöffnet und gaben den Blick und die Luft frei, in den herrlichen Garten. An zwei Plätzen waren Teetassen gedeckt, eine Teekanne, Zucker, Sahne, Zitronenscheiben, eine Schale mit Bradbury’s Honig-Nuss-Keksen und ein Teller mit Sandwiches standen bereit.

»Nimm Platz, meine Liebe«, sagte Nestor Nigglepot überhöflich. »Du wirst sicher Hunger und Durst haben.«

Lilly setzte sich vor eine der Teetassen und Nestor goss ihr dampfenden, rotgoldenen Tee ein.

»Das ist hier ganz sicher nicht Hongkong, oder?«, wollte Lilly wissen.

»Ganz sicher nicht«, war die amüsierte Antwort. »Zucker, Sahne oder Zitrone für den Tee?«

»Weder noch. Nur Tee, bitte …«

Nestor nahm sich gelassen einen seiner geliebten Kekse und beobachtete, wie viel Spannung sich in dem ratlosen chinesischen Mädchen aufgebaut hatte. Alle diese Fragen, in diesem kleinen Kopf, unter den pechschwarzen Haaren bettelten um Antworten. Und er könnte sie geben – jederzeit, aber noch genoss er diesen Augenblick. Was konnte es Schöneres geben, als einen weiteren Menschen davon zu überzeugen, dass er, Nestor Nigglepot, der erstaunlichste, einzigartigste und unbeschreiblichste Mensch aller Zeiten war.

»Nun?« Er ließ Lilly ein wenig Zeit, um sich für die erste Frage an ihn zu sammeln.

»Du bist bestimmt ein Verbrecher, Nestor Nigglepot!«

Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. »Wie darf ich, denn das bitte verstehen?«

»Was ist daran schon groß zu verstehen? Du hast mir in deiner Maschine ganz sicher eins über den Kopf gebraten. Und jetzt träume ich bestimmt, ich würde mich bei einer Tasse Tee nett mit dir unterhalten. Ich möchte aber lieber wieder wach werden!«

»Was … wie jetzt? Du bist wach. Ganz sicher!«

So etwas hatte Nestor noch nicht erlebt. Viele Menschen bestaunten ihn ungläubig, aber keiner hatte bisher behauptet, er würde Nestor Nigglepots Gegenwart nur träumen. Was aber, je nach Art des Traums, durchaus angemessen wäre.

»Fühl an dem Tee! Er ist heiß. Trink einen Schluck! Hast du schon mal etwas Heißes im Traum gefühlt oder getrunken?«

Lilly nippte an ihrer Tasse und es stimmte, da war heißer Tee drin. So etwas hatte sie in der Tat noch nie geträumt. Sie überlegte, dann schaute sie sich um und ihr Blick blieb an dem Garten hängen. »Wir sind noch nicht mal mehr in China, oder?«

»Nein. Wir befinden uns in England, genauer gesagt in Cornwall. Ich bevorzuge milderes Klima, als das in China.«

»Das bedeutet, als wir in deine Maschine gestiegen sind, haben wir eine Reise um die halbe Welt gemacht … innerhalb von wenigen Sekunden?« Lilly konnte es nicht glauben. »Aber das ist doch völlig unmöglich. Nicht mal ein Zeppelin oder ein Flugzeug kann so schnell, geschweige denn, so weit reisen!«

»Nun, genau genommen waren wir gar nicht so besonders schnell. Immerhin haben wir ungefähr hundert Jahre dafür gebraucht. Das hätten wir sogar zu Fuß geschafft.« Nestor triumphierte.

Aber für Lilly klang diese Antwort nur noch unglaubwürdiger. »Ich weiß nicht, wie alt du bist, Nestor Nigglepot, aber ich war zehn Jahre alt, als ich in deine Maschine gestiegen bin, und wenn ich mich so ansehe, kommt es mir nicht vor, als wäre ich jetzt hundert Jahre älter. Du lügst!«

»Mitnichten, Lilly Foo! Die Maschine, mit der wir gereist sind, ist eine Zeitmaschine.« Ein wohliger Schauer fuhr ihm über den Rücken. Wenn es etwas gab, mit dem man ultimativ angeben konnte, dann ganz sicher mit seiner Zeitmaschine. »Weißt du was eine Zeitmaschine ist, meine Liebe?«

»Eine Uhr?«

»Pah, eine Uhr! Ich glaub’s ja nicht!« Ein missachtender Blick traf die Chinesin. »Eine Uhr ist nur wie ein Kreuz auf einer Landkarte. Mit einer Zeitmaschine machst du die Landkarte selbst! Du kannst Wege, Straßen und Orte jetzt, hier und auf der Stelle aufsuchen, ohne erst zu dem Kreuz zu gehen. Das Kreuz kommt zu dir … eine Uhr zeigt dir nur, wieviel Zeit du bereits verloren hast. Verstehst du das?«

»Schwierig.« Lilly grübelte nach. »Woher hast du denn diese Zeitmaschine? Gebaut haben, wirst du sie ja nicht.«

»Also bitte! Zweifelst du etwa an meiner Intelligenz?«

»Natürlich!« Lilly grinste Nestor breit an. »Wer, außer mir, hat denn hier noch keine Ahnung von theoretischer Physik und Astronomie?«

»Altkluge Trulla!«, sagte Nestor, wollte es aber eigentlich denken.

»Eingebildeter Fatzke!«, dachte Lilly, wollte es aber eigentlich sagen.

»Also gut …«, druckste Nestor rum. »Die Zeitmaschine stammt aus meiner Heimat.«

»In Cornwall kann man Zeitmaschinen kaufen?« Lilly war ganz sicher, dass er schon wieder log.

»Ich komme nicht aus Cornwall, ich lebe nur hier.« Nestor setzte sich gerade hin, verschränkte seine Unterarme auf dem Tisch und sah Lilly scharf an. »Kannst du schweigen, Lilly?«

»Wenn du die Wahrheit sagen kannst, kann ich schweigen, Nestor Nigglepot!«

»Auch wenn du mir nicht glaubst, aber ich habe dich bisher nicht ein einziges Mal belogen.« Zum ersten Mal klang Nestor wie ein normaler Mensch, beinahe ein bisschen unsicher.

»Wünschen die Herrschaften noch etwas?« Der Butler hatte den Raum mit ausgesprochener Zurückhaltung betreten.

»Danke, Rául, alles bestens.« Nigglepot zwinkerte dem älteren Herrn zu.

»Mister Rául! Dieser Mann hier«, sie zeigte auf Nestor und fuhr fort, »hat mich aus Hongkong mitgebracht und erzählt mir nicht die Wahrheit! Sie tauchen hier plötzlich aus dem Nichts auf und er zwinkert ihnen zu … hier stimmt etwas ganz und gar nicht! Um ganz ehrlich zu sein: ich habe Angst und will wieder zurück.«

Rául blickte zu Lilly, dann zu Nestor Nigglepot und wieder zurück zu Lilly. Als er antworten wollte, platze Nestor dazwischen.

»Wohin willst du denn wieder zurück? Nach Hongkong? In dein Kinderheim?«

Lilly Foo war richtig erschrocken, denn er hatte ihr tatsächlich zugehört.

»Was erwartet dich in China im Jahre 1921? Glück, etwa? Frieden, Erfolg oder Gesundheit und ein langes Leben?«

Das Mädchen wurde unsicher, sie dachte nach und sagte: »Woher soll ich das wissen? Ich habe ja keine Zeitmaschine.«

»Aber ich und die Zukunft in deiner Heimat und deiner Lebensepoche könnte für Heimkinder kaum schlechter aussehen.«

»Glauben sie ihm, junge Dame!«, mischte sich Rául plötzlich ein.

»Warum sollte ich dir glauben, Nestor Nigglepot?«

»Weil wir beide etwas gemeinsam haben. Du bist allein und ich bin es auch. Du magst Abenteuer und ich auch!«

»Woher willst du wissen, dass ich Abenteuer mag?«

»Ganz einfach: du wolltest mit mir mitkommen, aus freien Stücken. Das nenne ich abenteuerlustig!«

»Und wieso glaubst du, dass ich allein bin?«

»Hättest du jemand, zu dem du wirklich gehörst, wärest du ganz sicher in Hongkong und im Jahr 1921 geblieben.«

Er hatte recht und Lilly antwortete: »Ich hätte nicht gedacht, dass du doch so clever bist, Nestor Nigglepot!« Sie nahm ein Sandwich, biss hinein, kaute in aller Ruhe und schluckte dann. »Aber, ich glaube dir trotzdem nicht, dass das eine Zeitmaschine ist. Ein Flugapparat? Vielleicht. Aber eine Zeitmaschine? Nie im Leben!«

»Soll ich es dir beweisen, meine Liebe?« Nestor nahm diese Herausforderungen sehr gerne an.

III

Inspector Fazzoletti

Grafula verließ die Lagerhalle und ging hinaus in den Regen. Was machte es schon, dass er wieder nass wurde? Er fühlte sich sowieso wie ein begossener Pudel. Nigglepot war ihm wieder entkommen und diesmal sogar mit einer Komplizin, diesem gelben Kind!

»Der Kerl schreckt vor nichts zurück«, dachte er ungläubig. »Ganz sicher ist er auch schuld an meinen Gedächtnislücken. Ganz sicher!«

Der Weg führte ihn in die Wellington Street im Central District Hongkongs. Dort befanden sich ein Arzt und was noch wichtiger war: die hiesige Niederlassung von Scotland Yard! Die eigene Unsterblichkeit ließ übertriebene Sorgen wegen seiner Gedächtnisaussetzer unbegründet erscheinen, also entschied er, zunächst der Polizei ein Besuch abzustatten. Und wenn Nigglepot sich noch in der Stadt befand, war Eile geboten. Die zahlreichen Erfahrungen mit dieser Plage hatte, den Untoten gelehrt, dass der eingebildete Schnösel sehr beweglich war. Er ging zum Informations-Schalter.

»Officer! Ich muss dringend den zuständigen Kommissar für übernatürliche Phänomene sprechen!« Grafula wählte den schnellen Weg.

»Hinten anstellen!« Der Officer wählte offenbar den langsamen Weg.

»Hören sie, guter Mann! Dort draußen treibt ein Mann seit Jahrtausenden sein schändliches Unwesen!«

»Also werden wir ja wohl noch ein Viertelstündchen Zeit haben, wie?« Der Polizist schaute Grafula jetzt erst an. »Sie sehen blass aus. Fühlen sie sich nicht wohl?«

»Doch, doch …«

»Dann stellen sie sich hinten an, oder kommen sie morgen wieder, und stellen sich dann an.«

»Aber hier ist doch nirgendwo eine Schlange, an der ich mich anstellen könnte …«

»Dann fängt die Schlange eben mit ihnen an!«, entgegnete der Beamte und widmete sich wieder seiner Schreibarbeit.

Als es schien, dass der Officer hatte seine Tätigkeiten erledigt, stand er auf, schaute auf die große Uhr in der Halle, sagte knapp: »Teepause« und ging.

Grafula stand völlig alleine in dem großen Raum und dachte: »Jetzt könnte ich gut eine von diesen Gedächtnislücken gebrauchen.«

Exakt fünfzehn Minuten später erschien der Officer wieder, nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und sprach den Untoten an: »Wird ihnen bereits geholfen, mein Herr?«

»Nun, wie ich bereits sagte, ich muss dringend den zuständigen Kommissar für übernatürliche Phänomene sprechen!«

»Das Kommissariat für übersinnliche Phänomene befindet sich dort …«, er zeigte auf die rechte Tür direkt neben seinem Schreibtisch. Hinter dieser Tür hatte Grafula eigentlich eine Art Abstellraum vermutet.

»Sie waren mir eine große Hilfe, Officer«, sagte Grafula, ging auf die Tür zu und las auf dem Schild: Kommissariat für übernatürliche Phänomene – Inspector Fazzoletti. Der Name Fazzoletti kam ihm irgendwie bekannt vor.

Er klopfte an und ein undeutliches Wort von hinter der Tür ließ ihn vermuten, dieser Inspector Fazzoletti hätte Herein gesagt. Daraufhin drehte der Halbvampir den Türgriff und betrat ein Büro, das so winzig war, dass nur ein kleiner Schreibtisch mit Schreibmaschine und ein Stuhl dort hineinpassten. Auf der Schreibmaschine lag ein angebissenes Sandwich und auf dem Stuhl saß ein dicker Mann, in einem zu kleinen Anzug, mit einer großen roten tropfenden Nase, der kaute und sich gerade die Fußnägel abknipste.

»Darf ich eintreten?«, fragte der Untote ungläubig.

»Iff hab’ laub unb beutliff NEIN wefagb!«

»Wie, bitte?«

Der Mann schluckte, zog deutlich vernehmbar seinen Rotz hoch, schluckte noch mal und sagte: »Schon gut!« Er stand auf, ging barfuß auf den Halbvampir zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte unüberhörbar stolz: »Fazzoletti. Inspector Fazzoletti!«

»Ich weiß, es steht draußen an ihrer Tür. Mein Name ist Grafula, einfach nur Grafula!« Der Halbvampir wollte den Händedruck erwidern, aber Fazzoletti stutzte kurz und rannte an ihm vorbei und bestaunte die Tür. »Das ist ja nicht zu fassen! Seit über fünf Jahren arbeite ich in diesem Büro und bis gestern hing da noch das Schild Abstellraum.« Der Inspector ging zu seinem Platz zurück. »Ich sag’s ja immer wieder … in einer so straffen und schlagkräftigen Einrichtung funktioniert alles – wie in einem Uhrwerk. Scotland Yard! Tolle Behörde!« Er setzte sich zufrieden hin. »Wie war gleich ihr Name?«

»Grafula.«

»Und weiter?«

»Nur Grafula.«

»Nur Grafula?«

»Ja. Nur Grafula!«

»Aha.« Fazzoletti zögerte. »Künstler?«

»So was in der Art.«

»Ich kann Künstler nicht leiden«, sagte der Inspector sehr glaubwürdig.

»Nein, nein! Ich bin nicht wirklich Künstler. Ich hab’ nur keinen Nachnamen.«

Fazzoletti schaute sein Gegenüber eindringlich an und warnte mit dem rechten Zeigefinger. »Bei Scotland Yard wollen wir aber immer schön die Wahrheit sagen, oder?«

»Selbstverständlich!«

»Man kann sich kaum vorstellen, was mir die Leute hier ständig für einen Unfug erzählen. Gespenster, Beschwörungen, Außerirdische … ich glaube diesen ganzen Quatsch eh nicht. Aber scheinbar gibt es da draußen jede Menge Verrückte. Na, ist ja auch egal … wo drückt denn ihr Schuh?«

Der Halbvampir schaute auf die nackten, fiesen, schwieligen Füße des Polizisten. »Eine hässliche Geschichte, Inspector! Seit Jahrtausenden treibt ein Individuum namens Nestor Nigglepot sein schändliches Unwesen auf unserem gesamten Planeten.«

»Aha.«

»Er bringt das Raum-Zeit-Kontinuum ein ums andere Mal völlig durcheinander und niemand ist in der Lage ihn zu stoppen!«

»Wunderbar, dann ist der Fall ja erledigt.« Fazzoletti biss zufrieden in sein Brot.

»Aber ganz und gar nicht! Es wird immer so weiter gehen, wenn sie nichts unternehmen.«

»Herr Grafula … sagten sie nicht, niemand wäre in der Lage ihn zu stoppen?«

»Aber Inspector, sie verstehen mich falsch! Es muss natürlich irgendwann einmal, jemand versuchen ihn wirklich dingfest zu machen!«

»Was hat er denn schlimmes gemacht?«

»Sein ständiges Auftreten, zu allen möglichen Zeiten hat schon unzählige Male den Lauf der Geschichte massiv verändert.«

»Und woher wollen sie das wissen?«, fragte Fazzoletti – fast wie ein guter Inspector.

»Ich war dabei!«

»Aha!« Fazzoletti zog sich die Socken an. »Wie alt sind wir denn?«

»Das tut nichts zur Sache!«

Fazzoletti schaute den Halbvampir lange finster an und musste plötzlich so fürchterlich niesen, dass Grafula einen Schritt nach hinten machte. Der Polizist putze sich laut vernehmlich die Nase und schaute ihn wieder lange finster an.

»Hören sie … Herr Grafula … ich kann ihnen helfen, aber wenn sie nicht freiwillig mit mir zusammenarbeiten, und offen und ehrlich die Wahrheit sagen, kann ich sie auch zum Reden bringen lassen!«

»Ich bin unsterblich …«, sagte Grafula.

»Auf einmal geht es ja doch«, triumphierte Fazzoletti und hatte offensichtlich gar nicht verstanden, was ihm der kleine, fahle Mann, mit der kalten Stimme, da gerade gesagt hatte.

»Ich wurde vor über 36.000 Jahren als Sohn eines Vampirs und einer Sterblichen geboren. Also bin ich ein Halbvampir, was bedeutet, dass ich nicht sterben kann, aber kein Blut trinken muss, ich kann bei Tageslicht überleben, aber meine Flugkünste als Fledermaus gleichen eher der eines Huhns.«

»Aha.«

»In all diesen Jahren ist mir besagter Nestor Nigglepot immer wieder begegnet. Damit muss irgendwann Schluss sein, sonst werde ich noch wahnsinnig!«

»Sie sind auch schon ganz blass.« Fazzoletti schaute kurz zu ihm auf und band dann seine Schuhe zu. »Wenn man sie so sieht, möchte man gar nicht glauben, dass sie unsterblich sind … eher das Gegenteil. Aber, sie sind absolut sicher, dass sie unsterblich sind?«

»Absolut!«

»Könnte das jemand bezeugen, ihre Eltern zum Beispiel?«

»Meine Mutter ist vor über 36.000 Jahren verstorben und meinem Vater wurde seine romantische Vorliebe für Sonnenaufgänge zum Verhängnis.« Grafula klang nur mäßig betroffen. Er hatte mit den Jahrtausenden gelernt privaten Schmerz zu verarbeiten.

»Irgendwelche Nachbarn mit gutem Leumund?«

»Leider nein.«

»Irgendwelche Nachbarn mit schlechtem Leumund?«

»Hören sie, Inspector!« Der Untote wurde nun unruhig. »Die Zeit drängt! Dieser Mann könnte inzwischen überall sein Unwesen weitertreiben.«

»Was hat dieses Individuum denn verbrochen?« An gutem Willen mangelte es dem Inspector zwar erheblich, aber er vermochte die Vorschriften wenigstens einigermaßen einzuhalten.

»Er ist verschwunden!«

»Verschwinden ist im British Empire, einschließlich Hongkong, nicht verboten.« Fazzoletti war inzwischen genauso genervt wie sein Gegenüber. »Damit Scotland Yard aktiv wird, müssten sie schon ein bisschen mehr auf Lager haben. Hat er wenigstens einem Baby die Bonbons geklaut?«

»Kennen sie sich mit theoretischer Physik und Astronomie aus?«

»Nicht, das ich wüsste!«

»Ich meine, verstehen sie etwas von Zeitabläufen?«

»Dass schon«, entgegnete der Inspector. »Wenn sie nicht zügig etwas Stichhaltiges präsentieren, ist Ihre Zeit hier abgelaufen … Also?«

»Ich will versuchen, ihnen ein Beispiel für seine gravierenden Einflüsse auf den Ablauf der Zeit zu geben.« Grafula stemmte seine Fäuste auf die Hüften. »Ich vermute, hätte Nestor Nigglepot im Jahre 1773 auf einer Tee-Party Samuel Adams und seine Freunde nicht mit dem Satz: Dann macht euch doch selbstständig, gegen die britische Krone aufgebracht, dann wären die USA heute kein unabhängiger Staat.«

»Warum hätte er, das denn tun sollen?«, wollte Fazzoletti eher gelangweilt wissen.

»Was weiß ich? Vielleicht wollte er die originale Unabhängigkeitserklärung haben?«

»Schön und gut, aber ich fürchte, dass solche Gegebenheiten dennoch keine Verbrechen sind, und selbst wenn, wären sie vermutlich verjährt. Außerdem müssten sie ihr Anliegen, dann vermutlich an das Betrugs-Dezernat richten.«

»Inspector! Wer weiß, was er jetzt schon wieder plant? Vielleicht wird durch sein Eingreifen China zur größten Wirtschaftsmacht auf diesem Planeten!«

Das war eine unerwartete Wendung. Fazzoletti machte große Augen und sagte: »Gott bewahre!«

Er griff in die oberste Schublade seines Schreibtischs und zog ein Formular hervor, das er unter Schwierigkeiten in die Schreibmaschine spannen wollte. Nach einigen Fehlversuchen kam er auf die Idee, zunächst sein Butterbrot von der Maschine zu entfernen, und erst dann den Bogen einzuziehen.

Der Inspector tippte langsam suchend los. Nach einer Weile hielt er inne. »Tja, lieber Herr Grafula. Ich fürchte, mir sind da doch die Hände gebunden.«

»Aber, warum?«

»Weil sie kein Künstler sind!«

»Das tut doch nichts zur Sache!« Grafula war fassungslos, fast hatte er die Staatsmacht soweit gehabt.

»Leider doch. Ich darf das Feld Nachname auf diesem Formular nur dann leer lassen, wenn der Anzeigenerstatter, in diesem Fall also sie, Künstler ist.«

IV

Sofia

Im Haus von Nestor Nigglepot gab es eigentlich nur eine wichtige Regel: Wenn man nicht wusste, wofür etwas gut war, ließ man am besten die Finger davon. Doch Lilly Foo war nicht nur schlau, sondern auch vorsichtig genug, um auf diese Einschränkung selber zu kommen. Aber, sonst gab es hier jede Menge zu entdecken!

Scheinbar hatte dieser bemerkenswerte Mann so ziemlich jede wichtige Epoche der Menschheitsgeschichte besucht, um sich möglichst viele Besonderheiten, Schätze und Kostbarkeiten unter den Nagel zu reißen. Warum er das tat, war der Chinesin völlig unklar.

Lilly wusste nicht, was sie von Nestor Nigglepot halten sollte, darum war ihre erste Adresse für wichtige Fragen sein Butler Rául. Obwohl der ständig irgendetwas zu erledigen hatte, nahm er sich immer Zeit, um ihr auf fast alles möglichst umfassend zu antworten.

»Arbeiten sie eigentlich schon lange für Nestor Nigglepot, Herr Rául!«

»Nennen sie mich bitte einfach nur Rául, junge Dame!«

»Nur, wenn sie mich Lilly nennen!«

»Gut Lilly, darauf können wir uns einigen«, war die Antwort. Und weiter: »Ich denke, ich habe Herrn Nigglepot kennengelernt, als ich so alt war wie du jetzt.«

»Aber jetzt sind sie ein alter Mann … ähm, tut mir leid … ich wollte …« Lilly war verlegen.

»Ich fürchte, du hast recht.« Rául lächelte sie an. »Aber ein Leben, hier in diesem Haus, kann recht anstrengend sein.«

»Wieso? Hat Nestor Nigglepot sie zu irgendetwas gezwungen, zum Arbeiten, oder so etwas?«

Lilly war wieder in Hab-Acht-Stellung, denn das Kinder zu etwas gezwungen werden konnten, davon wusste sie aus ihrem Kinderheim genug zu berichten.

»Um Himmelswillen!« Jetzt musste Rául richtig lachen. »Nein, ganz sicher nicht. In diesem Haus kann dir nichts passieren. Eigentlich hast du sogar das große Los gezogen.«

»Wieso eigentlich?«, wollte Lilly wissen.

»Wenn du es lange genug mit Nestor Nigglepot aushältst, wirst du erkennen, was ich meine.«

»Wie lange halten sie es denn schon mit ihm aus, Rául?«

»Viel, viel länger, als ich heute alt aussehe«, war die mysteriöse Antwort.

»Stimmt das mit dieser Zeitmaschine wirklich?« Das Mädchen wollte jetzt doch ein bisschen mehr erfahren.

»Auf diese Frage darf ich dir nicht antworten, Lilly.«

»Warum nicht?«

»Weil ich es verboten habe!«, flötete es durch den Raum.

Nestor Nigglepot stand plötzlich mit großer Geste da.

»Das gehört zu unserem Wettkampf, meine Liebe!« Er verschränkte die Arme vor der Brust und grinste von einem Ohr zum anderen. »Du glaubst mir nicht. Das ist dein gutes Recht. Und mein gutes Recht ist – zumindest in diesem Haus – die Spielregeln festzulegen. Und die erste Regel ist: Fragen zum Thema Zeitmaschine oder zur Herkunft von Nestor Nigglepot werden erst beantwortet, wenn alle Beteiligten felsenfest davon überzeugt sind, dass Nestor Nigglepot immer …«, er holte weit mit den Armen aus und fuhr fort: »… und ausschließlich die Wahrheit spricht.« Seine Nase berührte nun fast die von Lilly. »Die zweite Regel lautet: Lilly Foo muss das Reiseziel festlegen!« Damit drehte er sich um und sagte knapp: »Rául, komm mit! Das Fräulein will überlegen.«

»Aber ich weiß doch gar nichts von der Welt. Ich kenne nur Hongkong!«, rief Lilly den beiden hinterher.

»Geh in die Bibliothek und such dir ein hübsches Ziel aus«, antwortete der Hausherr knapp.

»Ich kann aber nicht lesen.« Das Mädchen klang ziemlich kleinlaut.

Nestor blieb stehen und dreht sich zu Lilly um: »Was habt ihr denn in dem Kinderheim, wo du herkommst, gemacht?«

»Geschlafen, gegessen und gearbeitet«, kam es traurig zurück.

»Rául, bring’ Lilly Foo lesen bei.«

»Mit dem Didaktafon, Sir?«

»Nein, ganz normal. Buchstabe für Buchstabe. Wir haben Zeit!« Lachend verschwand er hinter der nächsten Tür.

»Danke, Nestor Nigglepot!« Die junge Chinesin strahlte über das ganze Gesicht.

Rául war ein guter Lehrer und Lilly eine fleißige Schülerin. Darum dauerte es nicht besonders lang, bis sich dem Mädchen der riesige Schatz dieser einmaligen Bibliothek eröffnete. Sie konnte sich kaum satt lesen, denn hier waren alle wichtigen Bücher der Weltgeschichte versammelt.

Natürlich waren viele Bücher schwierig oder in fremden Sprachen verfasst, aber die Bücher, die sie lesen konnte und auch verstand, verschlang sie. Manchmal war sie den ganzen Tag in der Bibliothek oder – wenn es schön war – im Garten und las Seite um Seite. Ihr eigener, persönlicher Wissensvorrat explodierte innerhalb weniger Monate. Allein dafür hatte es sich gelohnt, dass sie Nestor Nigglepot gefolgt war.

Zu fast allem, was sie gelesen hatte, konnte sie sich angeregt mit Rául unterhalten, der scheinbar genauso viel Freude an Büchern hatte wie sie. Und beinahe hatte sie vergessen, warum sie lesen gelernt hatte. Aber nachdem der Herbst vorüber war, fragte Nestor Lilly Foo beim Frühstück, das sie für gewöhnlich zusammen mit Rául, im unglaublich gemütlichen, aber kleinen Bunten Salon, einnahmen: »Und Lilly? Weist du mittlerweile, wo es hingehen soll?«

»Ich dachte an Ägypten … zu den Pharaonen«, war ihre unsichere Antwort.

»Da wäre ich vorsichtig«, sagte Rául nachdenklich.

»Warum?«, hakte Lilly nach.

»Gottkönige können ganz schön merkwürdig sein«, mischte sich Nestor ein.

»Das musst du gerade sagen, Nestor Nigglepot!«

»Frechdachs!«, kam es zurück.

»Na dann … Atlantis.«

»Oh nein!«, sagte Nestor, beinahe Hilfe rufend, und es war klar, dass er das mal wieder nur denken wollte, außerdem hatte er sich verschluckt.

»Nicht nach … Atlantis?«, fragte Lilly zuckersüß.

»Ach nein! Da ist immer schlechtes Wetter, da mitten im Atlantik und außerdem weiß ja keiner, ob es das überhaupt gegeben hat. Und wenn ja, dann wann? Nein, nein, besser nicht nach Atlantis.« Nestors Versuch das Ziel madig zu machen, war einfach gesagt schlecht.

Aber das Mädchen war fair und wollte es sich mit Nestor Nigglepot auch nicht verscherzen. Sie war aber clever genug, das Thema nicht ganz abreißen zu lassen. »Dann möchte ich den griechischen Philosophen Platon besuchen!«

»Platon?« Auch dieser Vorschlag schien Nestor Nigglepot, nicht wirklich recht zu sein.

Aber Rául mischte sich vermittelnd ein. »Lilly Foo hat drei Vorschläge gemacht und Platon ist berühmt, für seine großartigen philosophischen Thesen …«

»… und dafür, dass er etwas über Atlantis wusste! Dieses kleine Miststück!« Nestor Nigglepot zwang sich, das auch tatsächlich nur zu denken. Dann trank er seinen Tee aus, stand auf und sagte: »Rául, bereite alles vor. Wir reisen ins antike Griechenland.«

»Ich glaube, jetzt ist er sauer auf mich«, sagte Lilly Foo zu Rául, der sich daran machte, den Frühstückstisch abzuräumen. »War das mit Platon vielleicht doch keine so gute Idee?«

»Mach dir keine Gedanken. Eigentlich mag Herr Nestor solche Herausforderungen besonders gern. Aber er hat es natürlich lieber, wenn er selbst bestimmen kann, wie diese dann aussehen.«

»Aber irgendetwas hat ihn daran gestört, das war doch nicht zu übersehen.«

»Du willst Platon besuchen, weil du gelesen hast, das er etwas über Atlantis wusste, oder es zumindest vorgab. Und eigentlich wolltest du ja auch lieber dort hin. Aber ganz ehrlich, Nestor Nigglepot hat seine Probleme mit Atlantis.«

»Was für Probleme denn?«, Lilly hakte nach.

»Das muss er dir schon selber sagen.« Rául zuckte mit den Schultern und hob die Augenbrauen. Dann fuhr er fort: »Komm! Es gibt viel zu tun. Willst du mir helfen?«

»Na klar! Womit fangen wir an? Koffer packen?«

»Das kommt später.«

Das Haus in dem Lilly nun lebte, barg nicht nur jede Menge Schätze und Kostbarkeiten, sondern auch viele Geräte und Maschinen, die im Alltag sehr nützlich waren. Die Bilderrahmen, mit den sich bewegenden Bildern, waren das, was Rául Bildschirme nannte, und so gab es hier noch viel mehr, was es in Hongkong im Jahre 1921 nicht gab. In den knapp fünf Monaten, die sie nun bei Nestor Nigglepot und Rául war, hatte sie schnell begriffen, was ein Telefon ist und wie es funktioniert. Sie kannte natürlich die praktischen Küchenhelfer Kühlschrank und Mikrowelle, und selbstverständlich waren ihr auch Fernsehen und Computer nicht entgangen.

Aber der Butler verstand es blendend, ihr, auf den ersten Schritten in dieses neue Leben, Wissen nahezubringen, das auch ohne Strom funktionierte. Wenn man Fernsehen aber nicht kennt, kann plötzlich zu viel davon sehr verwirren. Und Lilly zeigte, zu seiner Freude, erstaunlich wenig Interesse daran. Meist ging es ihr zu laut, zu schnell und zu bunt in dem Kasten her. Bücher waren bisher ihre liebsten Begleiter gewesen.

»Zunächst einmal müssen wir soviel wie möglich über Platon in Erfahrung bringen, so viele Informationen sammeln, wie es über ihn gibt. Am Besten wir wüssten, wo er überall war, wann und warum, mit wem er befreundet war, wo seine Familie lebte, sein Lieblingsgetränk, ob er reich war oder arm, mit welcher Sorte Geld man zu seiner Zeit bezahlte und welche Sprachen er sprechen konnte. Einfach alles!«

»Sein Lieblingsgetränk?«, stutze Lilly.

»Na ja, das wird noch das Einfachste sein. Zu Platons Zeiten kann das nur Wein oder Wasser gewesen sein. Säfte, Tee oder Limonaden gab es damals entweder noch nicht oder es war zu kompliziert, sie herzustellen. Aber das Beste wird sein, wir fragen Sofia.«

»Wer ist das denn?«, fragte das Mädchen und räumte weiter die Spülmaschine ein.

»Unser Zentralcomputer«, antwortete der Butler.

»Und das Ding weiß das alles?«

»Nicht alles, aber was es an Wissen gibt, ist dort gespeichert, übersetzt und vor allem sinnvoll miteinander verknüpft.«

»Ist das so etwas Besonders?«

»Oh ja. Es ist wie in deinem Kopf. Wenn du in einem Buch liest, ein Apfel ist grün und in einem anderen steht, er ist rund, dann verknüpfen sich diese Informationen. Du weißt dann, ein Apfel ist grün und rund. Das Internet zum Beispiel verknüpft nicht. Es kann dir nur sagen, wie viele Seiten über Äpfel du dort finden würdest.«

»Und bestimmt ist Sofia die einzige ihrer Art.«

»Das ist auch gut so.«

»Warum? Es wäre doch super, wenn es viele davon gäbe …«

»… und niemand würde sich mehr die Mühe machen, seinen eigenen Kopf zu benutzen«, ergänzte Rául. »Aber wir brauchen sie ganz sicher, denn ohne Sofia würden die Vorbereitungen für unsere Reise Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen.«

Als sie mit Aufräumen fertig waren, verließen sie den Bunten Salon in Richtung Empfangshalle. Rául betätigte einen völlig unscheinbaren Knopf, der gut versteckt unter der linken Freitreppe angebracht war und eine Geheimtür unter der rechten Freitreppe öffnete sich leise. Das war der Grund, warum Lilly den Zentralcomputer bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Hinter der Geheimtür führte eine schmale Treppe nach unten. Rául ging vor.

»Was macht Nestor Nigglepot eigentlich immer? Man sieht ihn so gut wie nie. Sie habe ich seit meiner Ankunft hier täglich gleich mehrfach, manchmal sogar stundenlang gesehen.«

»Er arbeitet.«

»Und was arbeitet er?«

»Ich glaube nicht, dass Herr Nestor möchte, dass ich dir diese Frage beantworte.«

»Ach bitte, Rául! Ich will doch nur wissen, was er den ganzen Tag über anstellt. Ich meine, der Kerl ist ja fast nie da, nicht mal jetzt.«

»Nestor Nigglepot wünscht, dass keine Fragen über ihn beantwortet werden, und ich werde mich daran halten, junge Dame! Und ob er nicht da ist, kannst du gar nicht wissen. Seldom House ist gewaltig. Es gibt über hundert Zimmer, allein im Haupthaus. Besser du fragst nicht weiter nach ihm.«

»Sind sie mir jetzt böse, Rául?«

»Nein. Ich wäre sogar enttäuscht, wenn du es nicht wenigstens mal versucht hättest.« Er drehte sich um und lächelte sie an. »Neugierde ist gut. Ohne sie wärest du nicht hier.«

Die Treppe, Lilly zählte 42 Stufen, mündete in einen Gang, der zwar nicht so hoch wie die Bildergalerie war, aber mindestens genauso lang und hatte je drei Türen ohne Türgriffe zu beiden Seiten. Am Ende befand sich eine siebte Tür. Wände und Boden waren dunkel und völlig matt. Beinahe hatte man das Gefühl durch ein Nichts zu schweben, wäre an der Decke nicht ein blau leuchtendes Band gewesen. Auf jeder Tür leuchteten Symbole, die das Mädchen nicht kannte, ebenfalls in Blau. Rául steuerte auf die Tür am Ende zu und als er ankam, sagte er: »Hallo Sofia! Mach bitte auf!«

Eine sehr warme Frauenstimme antwortete genauso normal zurück: »Gerne Rául! Willst du mir endlich unsere neue Mitbewohnerin vorstellen?«

Die Tür verschwand einfach und gab den Weg in einen großen, runden Raum frei, der, verglichen mit dem Gang, sehr hell war. Auch hier war das Licht blau, aber die Wände waren metallisch. Sie bestanden aus wabenförmig angeordneten, handtellergroßen Halbkugeln, die scheinbar unvermittelt aufleuchteten und wieder erloschen. Decke und Boden waren aus dem gleichen Material wie die zuvor im Gang.

In der Mitte des Raumes, der einen Durchmesser von gut fünfzehn Metern hatte, waren drei moderne, schlichte, schwarze Sessel um einen schwarzglänzenden Tisch angeordnet. Über dem Tisch schwebte die Hauptlichtquelle des Raums. Eine blaue Lichtwolke, gut einen Meter breit, waberte langsam und unregelmäßig vor sich hin. Es war, als hätte man das Licht anfassen können.

Lilly konnte sich das Staunen in diesem Haus tatsächlich nicht abgewöhnen, denn sie stand mal wieder mit großen Augen da. Die Wolke veränderte plötzlich sehr geschmeidig ihre Form und nahm die durchsichtige Gestalt einer hübschen Frau, mit einer klassisch gewundenen Zopffrisur, an. Als stünde diese Frau mitten in dem Tisch, hörte ihr Körper auf Bauchnabelhöhe auf. Ihr Kleid war klassisch, schlicht und ausgesprochen schick.

»Hallo Lilly! Ich bin Sofia«, sagte die blaue Erscheinung.

»Hallo … Sofia!« Die Chinesin traute ihren Augen nicht.

»Na, mal nicht so schüchtern. Du wirst dich an mich gewöhnen.« Sofia freute sich offensichtlich über die Gesellschaft und schaute dann zu Rául, »Und wie geht es dir, mein Freund?«

»Das Übliche, das Übliche«, antwortete er. »Herr Nestor und Lilly wollen gemeinsam verreisen.«

»Du willst mit Nestor auf Tour gehen? Da werdet ihr eine Menge Spaß haben.« Sofia schaute nun wieder zu Lilly. Sie bewegte sich etwas langsamer als echte Menschen.

Das Mädchen bekam keinen Ton heraus.

»Alles O.K. mit dir, Lilly?« Der Zentralcomputer schaute sie besorgt an.

»Ja … schon, aber …« Sie wollte nicht herumdrucksen, aber es ging nicht anders. Das hier hatte doch viel mehr Ähnlichkeit mit einem Gespenst, als mit einer Maschine.

»Du brauchst wirklich keine Angst zu haben. Alles was du von mir siehst, ist nur Licht. Ich kann gar nicht beißen.« Die Maschine winkte Lilly zu sich. »Komm, fass mich mal an!«

Lilly ging langsam auf den Tisch zu und streckte ihre linke Hand vorsichtig aus. Dort, wo sie Sofia berührte, wich das Licht zurück wie Rauch.

»Siehst du?«

Das Mädchen zog die Hand schnell wieder zurück, dabei folgten ihr ein paar Lichtschwaden, um dann langsam wieder in die Ursprungsform zurückzukehren. Sie schaute Hilfe suchend zu Rául.

»Mach dir keine Sorgen. Sofia ist wirklich nett.«

Lilly nahm ihren Mut zusammen und sagte leise: »Du sprichst und du denkst … aber du bist doch eine Maschine?«

»Du sprichst und denkst doch auch.« Sofia schaute das Mädchen interessiert an.

»Nein … ja doch, tue ich, aber wieso du? Maschinen können doch nicht denken und reden.«

Sofia schaute nach oben, als würde sie überlegen. »Die meisten Maschinen denken und reden nicht, das stimmt. Aber wieso denkst und sprichst du?«

»Ich bin ein Lebewesen«, antwortete Lilly.

»Aber die meisten Lebewesen reden und denken auch nicht, oder etwa doch? Das muss ja ein Geplapper, sein bei euch Lebewesen, wenn jede Ameise und jeder Grashalm ständig ihren Senf dazu geben.«

»Das ist doch Quatsch. Ich bin ein Mensch, nur darum kann ich denken und sprechen.«

»Ja stimmt!« Sofia schaute die Chinesin gespielt erstaunt an. »Du bist ein hoch entwickeltes Lebewesen.«

Lilly hatte verstanden: »Und du bist eine hoch entwickelte Maschine.«

»So ist es, Lilly!« Die blaue Gestalt sah sie lächelnd an. »Deshalb kann ich denken und sprechen. Und lesen und singen … nur weg kann ich hier nicht so richtig, aber dafür muss ich auch nie zum Klo.«

Jede ihrer Äußerungen unterstrich sie mit einer deutlichen und passenden Mimik, als wenn sie um jeden Preis verhindern wollte, dass man sie allzu sehr missverstehen könnte. Sie war fröhlich, freundlich und höflich. Sie hatte keine Launen, war offensichtlich ehrlich und sie scherzte gern. Es war tatsächlich gut, dass nicht jeder eine Sofia hatte. Aber aus einem anderen Grund, als Rául ihn befürchtet hatte. Die Welt würde ganz einfach vor Nettigkeit platzen.

»Wieso bist du so, wie du bist?«, wollte Lilly Foo wissen.

»Wäre es dir lieber, wenn ich wie die anderen Maschinen wäre? Plump, dumm, unfreundlich, selbstverliebt und am Ende würde mich doch keiner ohne Handbuch verstehen?« Sofia schüttelte den Kopf. »Und wieso bist du so, wie du bist?«

»Ich bin so geworden …« Etwas Klügeres fiel dem Mädchen auf die Schnelle nicht ein.

»Mir geht es genauso. Ich musste zwar nicht Laufen lernen, aber ich konnte auch erst denken und sprechen, als ich verstehen konnte. Und das zu lernen, hört nie auf. Jetzt muss ich zum Beispiel lernen, dich zu verstehen.«

»Und ich dich!«

»Ganz genau.« Sofia machte eine kurze Pause. »Also ihr zwei Hübschen, wo soll’s denn hingehen?«

V

Reisevorbereitungen

Nestor Nigglepot, Rául und Lilly trafen sich zum Tee im Weißen Salon. Bald zeigte sich auch, wofür dieser riesige Bildschirm gut war, von dem Lilly anfangs dachte, er wäre nur ein großes graues Bild gewesen. Kaum hatten alle drei Platz genommen, fragte der Hausherr: »Können wir loslegen?«

»Womit?«, wollte das Mädchen wissen. »Wir müssen klären, wer welche Aufgaben zu erledigen hat. Eine Zeitreise ist schon ein bisschen komplizierter als ein Wochenendausflug ins Grüne, meine Liebe«, fuhr er fort und klang so besserwisserisch wie immer.

»Sofia hat das Dossier fertig, Sir«, sagte Rául.

»Na dann, auf den Schirm damit!« Nigglepot verschränkte souverän seine Arme hinter dem Kopf und sein Sessel glitt bequem nach hinten, als er sich zum Bildschirm umdrehte. »Also, bitte!«

Eine Idee später ging der Monitor an und Sofia tauchte auf. Diesmal aber nicht als blaue Lichtwolke und nur halb, sondern ganz und in Farbe. Hinter ihr war eine riesige Landkarte des Mittelmeers zu sehen.

»Guten Morgen zusammen!«, war ihre Begrüßung. Sie tat so, als könne sie in die Teetassen blicken und schnupperte. »Darjeeling? Wie kommt das denn, mein lieber Nestor? Haben wir etwa keinen Yin Zhen von 1921 mehr im Haus?«

Nestor schaute sie pikiert an, sagte aber nichts.

»Na gut, dann will ich mal. Euer Platon wurde nach heutiger Zeitrechnung im Jahr 427 v. Chr. geboren, also vor circa 2.500 Jahren. Und damit fangen eure Probleme auch schon an.«

»Probleme? Lächerlich!« Vor Lilly wollte Nigglepot sich doch keine Blöße geben.

»Du wirst schon sehen, was ich meine, Nestor!« Sofia ließ sich nicht beirren. »Diesmal wird es nicht so leicht, wie kürzlich in Hongkong.«

»Pfff …«, war seine Antwort, und jeder wusste, das diese Reise ein Debakel war.

»Also … euer größtes Problem heißt Lilly.« Sofia lächelte das Mädchen fürsorglich an.

»Aber, aber … warum denn das?« Das Mädchen fiel aus allen Wolken.

»Chinesische Menschen waren zu dieser Zeit in Griechenland ausgesprochen selten. Du wirst also auffallen wie – entschuldige – ein bunter Hund. Aber ich habe eine Idee, wie du trotzdem, erklärbar in dieser Zeit auftauchen kannst …«

Alle starrten gebannt auf den Bildschirm.

»Du, liebe Lilly, wirst als Dienerin von Nestor Nigglepot auftreten müssen, also genau genommen als Sklavin«, ergänzte der Zentralcomputer etwas kleinlaut.

»Ich bin doch nicht verrückt!«, platze es aus Lilly heraus.

»Ach was, halb so wild! Menschen mit meiner Ausstrahlung haben sowieso immer ein aufschauendes Gefolge.«

»Aber natürlich, Sir«, sagte Rául.

»Sofia! Das kann nicht klappen. Dafür bin ich zu frech!«

»Ja, sie hat recht, Sofia! Dieses Mädchen weiß immer alles besser und glaubt mir nicht«, unterstütze Nestor Nigglepot das Mädchen völlig unerwartet.

Die Chinesin sah ihn beleidigt an.

»Jetzt stellt euch nicht so an, ihr beiden!« Der Zentralcomputer ließ sich nicht abbringen. »Die meisten Sklaven zu jener Zeit hatten ein eher freundliches Verhältnis zu ihrer Herrschaft. Viele hatten Familienanschluss und der Besitzer musste für Nahrung und Unterkunft sorgen. Gute Sklaven mehrten den Ruhm ihres Herren. Das würde gut zu dir passen, Lilly!«

»Na, großartig!« Nestor Nigglepot verdrehte die Augen.

»Im Prinzip könntet ihr ja los, wann immer ihr wollt, aber ich würde empfehlen, dass ihr einen Zeitvektor innerhalb der nächsten fünf Tage wählt. Darum muss Lilly noch Altgriechisch und am besten auch Phönizisch lernen«, erläuterte Sofia sachlich.

»Diesmal mit dem Didaktafon?«, fragte Rául.

»Würde ich vorschlagen, sonst dauert es wohl doch zu lange«, sagte Sofia und wandte sich dann zu Nestor: »Du brauchst keine Auffrischung?«

»Sofia … bitte!«, Nestor schaute sie kopfschüttelnd an.

»Ihr werdet euch in den gehobenen Kreisen der griechischen Gesellschaft bewegen, ich würde dir raten, mit mir nochmal ein paar Stunden zu trainieren.« Sie ließ nicht locker.

»In Ordnung …«, antwortete Nigglepot genervt.

»Ich habe als Zeitziel das Jahr 388 v. Chr. ausgewählt. Zu dieser Zeit könnt ihr Platon in der griechischen Stadt Syrakus auf der Insel Sizilien treffen«, erläuterte Sofia. »Vorsichtig müsst ihr in jedem Fall sein, aber erschwerend kommt hinzu, dass sich Platon mit dem dortigen Herrscher überworfen hatte.«

»Gibt es denn keine bessere Möglichkeit Platon zu treffen?«, wollte Lilly wissen.

»Du kannst Sofia auch in solchen Dingen vertrauen«, sagte der Butler.

»Na ja, aber über die Sache mit Hongkong müssen wir nochmal reden«, Nestor war offensichtlich anderer Meinung.

»Gerne, mein Freund! Hattest du nicht morgens festgestellt, dass dein Tee zur Neige geht? Und wolltest du nicht nachmittags wieder zurück sein?« Sofia sah Nigglepot fragend an.

»Gut, dann haben wir das ja auch geklärt!«, war die prompte Antwort und Nestor sagte anschließend zu Rául: »Du kümmerst dich darum, dass Lilly ihre Vokabeln übt, klärst den Rest mit Sofia und ich muss mal eben weg. Bis später dann!«

Er stand auf und verließ den Raum.

»Sofia! War das nötig?«, fragte Rául.

»Das tut ihm manchmal ganz gut«, war die Antwort. »Lilly, unser Nestor muss hin und wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Das ist eine deiner vielen Aufgaben – nicht nur in der Vergangenheit.«

»Ich vermute«, gab die Chinesin zurück.

Sofia ging noch eine gute halbe Stunde auf verschiedene Dinge ein, zeigte Abbildungen von Gegenständen, Fotos von Statuen und Münzen die man mit einer blauen Lichtwolke nur schlecht hätte sichtbar machen können. Darum saßen sie im Weißen Salon. Und Rául nickte fleißig, während Lilly das Gehörte und Gesehene erstmal verarbeiten musste. Schließlich war dies in der Tat keine Reise, die man im Reisebüro buchen konnte.

Lillys Gedanken schweiften ab, denn sie hatte erst jetzt begriffen, dass Rául wohl gar nicht mitreisen würde, und das gefiel ihr nicht. Sie mochte den alten Herrn und er mochte sie. Warum wollte er also nicht mitkommen? Als auch sie und der Butler den Weißen Salon verließen, fragte sie ihn: »Rául, habe ich das richtig verstanden, dass sie hier bleiben?«

»Selbstverständlich, Lilly!«

»Ich finde das aber gar nicht so selbstverständlich. Ich dachte sie kommen mit.«

»Ach … das tu ich schon seit vielen Jahren nicht mehr.«

»Fühlen sie sich zu alt für Zeitreisen?«

»Das nicht, aber irgendwer muss auf Seldom House aufpassen und, wie bei der Hongkong-Reise, unter Umständen schnell eingreifen!«