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Paul Elmar Litten lebt in einer sehr überschaubaren Kreisstadt: 50.000 Einwohner, die Hälfte katholisch, die andere das Gegenteil. Paul ist verheiratet, arbeitet als Lokalredakteur beim Westfälischen Heimatboten und will endlich mal zeigen, welches Talent wirklich in ihm schlummert. Er macht einen geheimen Deal mit dem Herausgeber und veröffentlicht als ‚Bella Gabor’ einen spektakulären Fortsetzungsroman auf Seite 1 des Heimatboten: »Die Messias«, die Geschichte von Jesu Zwillingsschwester Hannah, die nach zweitausend Jahren Unsterblichkeit endlich das wahre Leben leben will: Sie möchte Liebe finden, Sex haben und vielleicht auch ein paar Kilo abnehmen, möglicherweise sogar gleichzeitig. Das Ganze schlägt ein wie eine Bombe im idyllisch sortierten Westfalen, und auch Pauls Frau ist begeistert – nur ahnt sie nicht, wer ›Bella Gabor‹ wirklich ist …
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Seitenzahl: 321
Veröffentlichungsjahr: 2010
Michael Gantenberg
Neu-Erscheinung
Roman
Roman
FISCHER E-Books
Für Suse, ohne die alles nichts wäre, und Lena und Jan, mit denen alles perfekt wurde
Mein Leben bestand aus reiner Routine: keinerlei Aufregungen, keinerlei Herausforderungen, keinerlei Überraschungen. Aber das sollte sich ändern. Ich stand kurz davor, die Welt aus den Angeln zu heben. So was wie die Entdeckung Amerikas oder die Erfindung der Antibabypille. Nicht mehr und nicht weniger. Aber der Reihe nach.
»Paul Elmar?«
Bettinas Stimme donnerte aus der Küche, während ich mich vor dem Badezimmerspiegel rasierte.
»Paul Elmar?!!«
Am Anfang unserer Beziehung sprach sie mich nie mit meinem Namen an. Sie benutzte nur die üblichen Koseworte, mit denen Frischverliebte versuchen der Realität zu entfliehen, um sich den Hauch des Außergewöhnlichen zu geben. Ein neckisches Spielchen, mit wirbelnden Hormonen und kompletter Ausblendung der Wirklichkeit. Aber schon nach wenigen Wochen heftigsten Turtelns wich auch bei uns dem Schatzi, Hase, Bärchen, Schnuffel und Hörnchen (weiß der Teufel, wie sie auf Hörnchen kam), ein ganz und gar ernsthafter und ausgewachsener ›Paul‹. Es dauerte ein halbes Jahr, und Paul bekam den Zusatz, den auch mein Personalausweis als vollständigen Namen angab: Paul Elmar. Allerdings immer nur dann, wenn es ernst wurde. Sehr ernst.
»Paul Elmarrr!!!«
Bettina meinte es ernst, richtig ernst. So ernst, dass das Elmar-R über einen viel zu langen Zeitraum schnarrte, als müsste es sich bis ins Badezimmer fräsen, um mich direkt vor dem Spiegel zu vierteilen. An diesem Morgen schnarrte das Elmar-R heftiger als bei unseren routinemäßigen Auseinandersetzungen. Es war etwas Wertendes drin, es ging um Elementares, möglicherweise sogar Existenzielles. Nicht im Sinne von lebensgefährdend, mehr im Sinne von ... – ach, was weiß ich, so genau kann selbst ich das Elmar-R über so weite Distanzen nicht analysieren. Diese Stimme hatte in jedem Fall nichts, aber auch rein gar nichts Positives.
»Paul Elmarrrrrrrrrrrrrrrrr?!«
Die vergessenen Socken waren es nicht, die grüne Tonne auch nicht, die stand abholbereit vor der Tür, und irgendwelche verpassten, verdrängten oder einfach nur lästigen Termine waren es ebenfalls nicht. Da war ich mir sicher. Wegen solcher Lappalien schnarrt das Elmar-R nicht so dermaßen lange und unerbittlich.
Bettina hätte mich wenigstens anschauen können, als ich in die Küche kam. Stattdessen schlug ihre Hand auf die Zeitung.
»Da!«
Ich nickte, weil ich wusste, dass es nichts zu sagen gab und sie ein Nicken erst dann zur Kenntnis nehmen konnte, wenn sie mich ansah. Aber Bettina sah mich nicht an. Sie schlug. Die Zeitung hatte eine Menge auszuhalten an diesem Morgen.
»Da!«
»Wo?«
»Da!«
Ich hatte längst begriffen.
»Das gibt’s doch nicht, wie kann man ... wie, ich fass es nicht, das ist doch ... Paul Elmar?«
Bettina hatte diese unnachahmliche Fähigkeit, die Betroffenheit der ganzen Welt und ihre eigene Fassungslosigkeit in ein Konglomerat aus Satzbruchstücken zu packen, ohne dadurch auch nur ein klitzekleines bisschen an Aussagekraft zu verlieren. Ich wusste, was sie meinte, und sie wusste, dass ich es wusste. Wir waren inzwischen an dem Punkt angelangt, wo man sich versteht, ohne etwas zu sagen. Im Buddhismus bekommt man da schon die ersten Treuepunkte. In einer Ehe ist das anders, jedenfalls solange man sich noch etwas zu sagen hat.
»Was soll ich sagen?«, entgegnete ich. Wohl wissend, dass Bettina mir gleich sagen würde, was ich zu sagen hätte. Auch das ergibt sich, wenn man es lange genug miteinander aushält.
»Deine Zeitung!«
Es war nicht meine Zeitung. Ich arbeitete für diese Zeitung. Ich war ihr Lokalredakteur.
»Wie kann man so einen Mist ... ihr seid doch sonst ... das ist doch ... da muss doch einer...« Bettinas Wangen glühten fast so, wie bei unserem allerersten Treffen. Nur dass diesmal keinerlei erotische Vorfreude hinter ihrem Glühen stand.
»Tja«, murmelte ich und versuchte einen interessierten Blick auf die Zeitung zu simulieren.
»Tja?«
»Ähm ...«
»Tja? Weißt du, was das ist?«
Mein Gesicht war ein perfekt inszeniertes Fragezeichen.
»Das ist ...«
»Scheiße?«
»Äh ... genau!« Endlich schaute Bettina mich an, verwundert, irritiert, aber höchst konzentriert.
»Wie ist dieses ... Zeug in euer Blatt gekommen?«
»Du, äh ...«
»Da muss man sich doch mal vorher Gedanken machen. Liest das keiner vorm Druck?«
»Ich, äh ...«
»Man hat doch Verantwortung. Für die Leser. Und überhaupt!«
»Puh, äh, was genau meinst du eigentlich?«
»Was ich meine?« Bettinas Blick machte Platz für das gesamte Spektrum an Fassungslosigkeit, das einer Mitarbeiterin der Katholischen Weiterbildungsstätte Östliches Westfalen widerfahren kann. Und das ist eine ganze Menge Fassungslosigkeit.
»Was ich meine?«
Die Wiederholung eines Satzes ist nicht gerade souverän, aber das darf man keinem sagen, den man mag.
»Ich meine diesen ... Schrott hier: Die Messias! Geht’s noch?!«
Eben noch hatte ich es nur geahnt. Jetzt wusste ich es. Bettinas Wut richtete sich gegen unsere neue Fortsetzungsgeschichte, die im überregionalen Teil »meiner« Zeitung von nun an erscheinen sollte.
»Was soll das sein, Paul? Sakrileg für Arme? Geht es euch schon so schlecht, dass ihr so was ... in deiner Zeitung ...«
»Ich weiß nicht, so schlimm finde ich das jetzt eigentlich ...« »Wenn das fortgesetzt wird, dann kündige ich deine Zeitung. Echt!«
»Wir kriegen sie doch umsonst«, erklärte ich sehr vorsichtig.
»Na und, das ist noch zu teuer! Ich abonnier deine Konkurrenz!«
»Das Käseblatt?«
»Ja, das Käseblatt! So was würden die mir nie zumuten! Echt! Ich bin katholisch!«
»Ich doch auch.«
»Aber mich trifft so was.«
Mich nicht, dachte ich.
»Damit hat deine Zeitung anscheinend kein Problem!«
Ich auch nicht, streng genommen. Aber es war noch immer nicht meine Zeitung, es war nur meine Geschichte. Ich hatte Die Messias in die Welt gesetzt. Ich war ihr Vater. Paul Elmar Litten, 34 und leicht übergewichtig, Ex-Leistungsschwimmer und Ex-Single, Schriftsteller und Geheimnisträger. Denn wer diese Geschichte geschrieben hatte, wussten zu diesem Zeitpunkt nur zwei Menschen. Bettina gehörte nicht dazu.
»Mensch, Paul, wer will denn sowas beim Frühstück lesen: ›Der erste Geburtsabschnitt, die sogenannte Eröffnungsperiode kann bei Zwillingsgeburten etwas länger dauern als bei einer normalen Geburt ...‹«
... er unterscheidet sich sonst aber kaum von einer ›einfachen‹ Geburt.
Ich bin 34 Jahre alt, keine Mutter und noch nicht mal guter Hoffnung. Es hat sich einfach nicht ergeben. Und wenn, dann kam immer was dazwischen. Davor, dabei oder danach. Trotzdem weiß ich alles über Geburten. Theoretisch. An meine eigene Geburt kann ich mich genau erinnern. Gott weiß, warum.
Meine Geburt war keine einfache Geburt. Und damit meine ich ganz bestimmt nicht diese rein gynäkologische Problematik. Ich rede von einer wirklich nicht einfachen Geburt. So was wie meine Geburt gab es danach nie wieder.
Die Eröffnungsperiode ist der heikelste Zeitabschnitt der Entbindung. Oh ja, das ist sie. Niemand kann genau vorhersagen, wann sie zu Ende ist, auch wenn Mütter noch so sehr danach verlangen. Meine Mutter wusste noch nicht mal, was eine Eröffnungsperiode überhaupt ist, aber sie wollte trotzdem wissen, wann sie zu Ende ist. Aber außer meinem, nun ja, Vater, war niemand bei dieser Geburt dabei. Der Mann, der meiner Mutter die Hand hielt, war liebevoll, aber unerfahren. Sowohl was Geburtsbegleitungen als auch was ihre Erklärung und vor allem die Dauer betraf. Ich befreie ihn aber hiermit und ein für allemal von sämtlichen Vorwürfen, denn eigentlich hatte er mit der ganzen Sache wirklich nur am Rande zu tun.
Mein Bruder, der Erstgeborene, sank tiefer und tiefer und drückte auf den Muttermund, was einiges nach sich zog. Zum einen glaubte meine Mutter, dass es nun endlich bald vorbei sein würde, und zum anderen sorgte mein Bruder durch das permanente Drücken für eine Ausschüttung der wehentreibenden Hormone Oxytocin und Prostaglandin. Davon hatte meine Mutter natürlich nicht die leiseste Ahnung, die Geschichte der Medizin steckte zum Zeitpunkt meiner Geburt noch in den Kinderschuhen.
Mein Bruder erblickte ziemlich zügig das Licht der Welt. Unmittelbar danach erblickte er zwei sichtlich erleichterte Menschen. Seine Eltern – nun ja, fast. Er war aber nun mal kein Einzelkind. Was meine Mutter allerdings nicht ahnte – wie auch, Ultraschall und so was. Ich wartete geduldig auf meinen Einsatz. Mein Bruder war längst abgenabelt und auf Heu gebettet (ja-ha: Heu!), als ich noch immer auf meinen Einsatz und Sprung ins Leben wartete. Heute geht man davon aus, dass zwischen dem ersten Kind und dem Zweitgeborenen maximal eine Stunde liegt. Ich war der Gegenentwurf! Ich wartete ganze 24 Stunden. Als Einzige. Denn meine Mutter war eigentlich fertig mit dem Thema. Und mein, nun ja, Vater übte das Vatersein.
So ist es auch kein Wunder, dass die Welt von mir fast keine Notiz nahm, denn ich war nicht vorgesehen. Weder in den Prophezeiungen noch sonst wo.
Ich kam am 25.Dezember im Jahre 0 zur Welt. Ich, Hannah von Nazareth, Jesu Schwester. Tochter von Maria und, nun ja, im weiteren Sinne auch Tochter von Josef. Ich war die Messias und bin es noch heute.
Das konnte ich aber in diesem speziellen Moment keinem sagen, schon gar nicht diesem netten jungen Mann, der mich in genau diesem Augenblick ansprach.
»Haben Sie schon gewählt, Signorina?«, säuselte die Stimme von Angelo, meinem zukünftigen Lieblingskellner.
»Ja. Dich!«
Wollte ich sagen, traute mich aber nicht. Seine tiefbraunen Augen hatten die Schwere eines sonnengereiften Barbera und sein Lächeln den Umhaufaktor einer ganzen Flasche ebenjenes göttlichen Gesöffs. Zwischen seinen sinnlichen Lippen blitzten akkurat gesetzte blitzeweiße Zahnreihen und der Blick auf seinen durchtrainierten Italopo verhieß das Allerbeste.
»Signorina?«
»Ja?«
»Ihren Wunsch, bitte!«
»Ihre Telefonnummer, und ich wäre schon zufrieden.«
Angelo lachte und schrieb ohne jeden weiteren Kommentar sieben Zahlen auf einen Bierdeckel.
Die Fahrt von Muenden in Westfalen nach Dortmund dauert 45 Minuten mit der traditionellen Hellwegbahn. Dabei hält sie exakt 12 Mal. Immer da, wo Halten eigentlich keinen Sinn macht, sondern nur eine höfliche Geste ist. Eine Verbeugung vor dem Fahrplan und ein Hauch von Respekt vor den Menschen, die ihn lesen.
Mit jedem Kilometer, den sich an diesem Morgen die Bahn aus der Provinz in die große, weite Welt hinaustraute, wuchs meine Sorge. Ich hatte allen Grund dazu.
»Herr Masuch möchte Sie gerne sprechen.«
»Kein Problem, wann?«
»Morgen. Hier. Zehn Uhr!«
»Ich ... äh ...«
Bevor ich noch etwas entgegnen konnte, hatte Irene Radicz ihren Job erledigt. Als Sprachrohr ihres Chefs, meines Herausgebers, und in ihrer naturgemäßen Funktion als größtes Miststück aller Zeiten.
Irene Radicz hasste mich. Sie hasste alles, was aus den Wäldern jenseits von Dortmund kam. Wildschweine, Moos, Pilze und vor allem Lokalredakteure. Lokalredakteure aus Muenden hasste sie besonders. Und sie machte auch kein Hehl daraus, dass Menschen aus einer 40.000-Seelen-Gemeinde nur unwesentlich weiter als Kapuzineräffchen entwickelt sein können. Dass die kleinen Tierchen gar nicht so doof sind, wie Diktier-Kopier-und-Kaffeekochsaurier gemeinhin vermuten, nehmen Menschen mit betonierten Vorurteilen einfach nicht zur Kenntnis.
Ich war stolz auf meine Herkunft. Auch auf jede einzelne dieser 41.000 Seelen, die wir seit der Eingemeindung von Örentrup und Firentrup zu Muenden zählen durften.
Frau Löffler, meine Redaktionssekretärin, hart zu sich und weich zu mir, ließ mich höchst ungern in die Höhle des Bösen gehen. Irgendwas in ihr machte sich ständig Sorgen um mich, was an so manchen Tagen auch Bettina Sorgen bereitete. Denn es gab eigentlich keinen zwingenden Grund für Frau Löffler, sich um mich irgendwelche Sorgen zu machen.
An diesem Morgen machte ich mir meine eigenen. Seit die Kostenstelle unserer Zeitung über sämtliche Spesen, Reise- und Recherchekosten penibelst Buch führte und Belege nicht nur ausnahmslos einforderte, sondern gelegentlich sogar erspitzelte, war die unbeschwerte Spendierlaune in so mancher Redaktion unseres großen Verlages nur noch ein Kapitel längst vergangener Betriebsfolklore. Egal, diese Fahrt nach Dortmund auf Kosten des Hauses, ohne Angabe von Gründen, hatte mit Sicherheit keinen angenehmen Hintergrund.
»Mein lieber Litten!«
Günter Masuch versank wie fast immer hinter seinem Herausgeberschreibtisch, der die Bedeutung und Geschäftigkeit seines Besitzers mit Akten- und Notizbergen zentnerschwer ertragen musste. Während sich in meinen Handrillen kleine Rinnsale von Schweiß im Zentrum des Handtellers zu einem Salzsee verabredeten, grub Masuch sich durch einen Berg von Papieren, um mir irgendwas zu präsentieren.
»Wie lange haben wir uns nicht gesehen?«, murmelte Masuch.
»Vier, fünf ...«
»Fünf Wochen und zwei Tage«, ergänzte Masuch gedämpft. »Um ganz genau zu sein: Fünf Wochen, zwei Tage und ...«, jetzt erhob sich mein Herausgeber, und seine 1,64 m Körpergröße wirkten grotesk und unproportional im Verhältnis zu seinem Tisch, » ... dreieinhalb Stunden!«, verkündete er, wobei sein arthritischer Wurstfinger auf das Zifferblatt seiner Uhr tippte.
Ich nickte und schwieg. Wenn es so war, war es so. Und wenn nicht, wäre ich der Letzte, der so etwas zu korrigieren wagte.
Masuch begab sich auf den Weg zu mir. Ich zwang mich zu einem Lächeln und schlug die Beine demonstrativ locker und entspannt übereinander. Die Blättersammlung, die Masuch in der Hand hielt, wirkte gewaltig und bedrohlich. Aber mein Lächeln hielt.
»Wissen Sie, warum ich mich so genau an unser letztes Treffen erinnere?«
»Ich denke schon.«
»Sie denken?! Gut, Litten. Denken ist immer gut. Sehr gut. Ich will’s Ihnen trotzdem noch mal sagen.«
Mein Lächeln war grundlos. Es war deplatziert, unangebracht, aber auch mit bestem Willen nicht zu ändern. Masuch war es nicht entgangen.
»Sie lächeln! Schön, dass ich Ihnen Grund zur Freude gebe. Sehr schön.«
Meine Augen signalisierten Panik, und mein Lächeln drückte das exakte Gegenteil aus. Hilfloser kann man sich nicht fühlen.
»Wir haben über unsere Auflage gesprochen. Litten! Mein lieber Litten.«
Der Papierberg verschwand hinter Masuchs kleinem Körper. Er stand nun so nah vor mir, dass ich ihm aus meiner Besuchersesselperspektive direkt in die Pupillen schauen konnte. Wir waren auf Augenhöhe, physisch jedenfalls.
Und ich lächelte, als gäbe es kein nächstes Mal.
»Maximale Identifikation, zeitgeistorientiert, nicht plump, aber auch nicht zu anspruchsvoll. In jedem Fall frauenaffin, polarisierend und provokativ ... Ihre Worte, Sie erinnern sich, Litten?«
»Ja, ich äh ...«
»Gut. Schön. Es war ja auch alles Ihre Idee! Daran muss man sich dann auch mal erinnern, was, Litten?«
»Ja, das, äh ... kann man sagen.«
»Schön, Litten, schön.«
Masuch schaute mich eindringlich an. Ich schaute eindringlich durch ihn durch. Versuchte es wenigstens, was mir aber nicht gelang. Dafür hielt mein Lächeln noch immer.
»Wissen Sie, warum ich Ihre Messias ins Blatt genommen habe?«
Von mir kam ein Schulterzucken, eine Geste der Verzweiflung.
»Weil ich Ihnen geglaubt habe. Weil ich mir vorstellen konnte, dass es da draußen wirklich Leser gibt, die so etwas wollen. Menschen, die sich schon beim Frühstück aufregen wollen oder begeistern, je nachdem, wie sie zu dem Thema stehen. Ihre Worte, Sie erinnern sich, Litten?«
Oh ja, ich erinnerte mich. Ich erinnerte mich auch an den Tag, als Masuch sein Rundschreiben in alle Lokalredaktionen gebellt hatte. Entweder uns fiele was ein zum Auflagenschwund und seiner sofortigen Beseitigung, oder ihm fiele etwas ein, und das hätte mit Kahlschlag und ähnlich unangenehmen Dingen zu tun.
Während meine Kollegen das übliche Programm von Geschenk-, Gutschein- oder Miniabo-Aktionen vorschlugen, hatte ich diese Idee eines Fortsetzungsromans, der deutlich und kontrolliert ambitioniert aus dem üblichen Muster ragen sollte. Ich hatte da so eine Geschichte im Kopf, einen Aufreger, ein Frauenthema, frisch erzählt, modern und originell. Mit nichts zu vergleichen. Natürlich nicht. Maßgeschneiderte Unterhaltungsware. Und schön frech.
»Wissen Sie, was passiert ist, Litten? Nein, das wissen Sie nicht. Aber ich werde es Ihnen zeigen!«
Der Papierberg wanderte mit einem plumpen Flatsch auf meinem Schoß.
»Hundertachtundsiebzig Protest-Mails innerhalb von zehn Stunden, zwölf Abonnementkündigungen, zwei Faxe, eins von einem Landpfarrer aus Huntrup und eins von einer Hindugemeinschaft aus Erkelenz, weiß der Himmel, wie die an unsere Zeitung gekommen sind. Ich hab auch nicht verstanden, was die überhaupt wollen ... Ach, und ein anonymer Brief, von einer Frauenrechtlergruppe, die aber eher positiv schreibt. Immerhin. Wenn auch anonym. Respekt, Herr Litten, ganze Arbeit!«
Endlich begriff auch mein Lächeln, dass es hier nichts mehr zu suchen hatte. Es verzog sich augenblicklich.
»Und, Litten, was nun?«
»Na ja, ich hab ja gesagt, das Thema ist heikel und ...«
»Und ich habe Ihnen sogar noch erlaubt, unter Pseudonym zu schreiben.«
Masuch tippte sich an die Stirn.
»Das war sehr nett, Herr Masuch.« Zum ersten Mal schaute ich zu Boden.
»Bella Gabor, pfft!«
Der Name war eigentlich mit das Beste an meiner Idee. Ich ging einfach davon aus, dass nur eine Frau über eine Frau so schreiben kann, dass auch eine Frau davon ausgehen kann, als Frau richtig verstanden und dargestellt worden zu sein.
»Mensch, Litten, was mach ich jetzt mit Ihnen?« Masuch wippte mit den Zehen und wuchtete damit seinen Körper in die Höhe. Direkt vor mir. So konnte er wenigstens für Sekundenbruchteile auf mich herabschauen.
»Ich weiß es nicht, vielleicht können wir noch den zweiten Teil nächste Woche abwarten?«
»Den zweiten Teil? Abwarten?«
Ich folgte dem wippenden Herausgeber, so gut es ging.
»Nein, da warten wir nicht ab, Sie Bella Gabor!«
Zwei Menschen auf dieser Welt wussten, wer Bella Gabor war, einer davon wollte mich nun entlassen. Gut, das war es dann. Paul Elmar Litten auf dem Weg ins Prekariat. Der Ex-Leistungsschwimmer und Ex-Single demnächst also auch als Ex-Redakteur. Bettina würde nach Gründen fragen, und mir fielen schon jetzt keine ein, die ich ihr hätte erzählen können. Ihr Mann war Bella Gabor und gefeuert, ich schloss die Augen bei der Vorstellung, ihr das zu beichten.
»Sie fahren jetzt nach Hause und dann ...«
Meine Augen bekamen einen traurigen Schleier.
» ... dann fangen Sie an zu schreiben! Und zwar richtig. Wir gehen jetzt parallel mit einer ganz großen Anzeige auf Seite 3 an das Thema ran. Ganz groß. Cross-Promotion, aber knackig!«
Ich verstand nicht. Seine Worte drangen wie durch eine dicke Wattewand in meine Ohren. Anzeige? Seite 3? Cross-Promotion? Knackig?
»Wissen Sie, wann wir das letzte Mal so ein Feedback auf unsere Zeitung hatten?«
»Äh ...«
»Schon gut, Litten, ich weiß es ja selber nicht. Muss vor der Währungsreform gewesen sein. Mensch, Litten, da draußen passiert was! Diese Geschichte da, das geht! Das geht richtig! Die Messias, das blasen wir auf. Ich will, dass Sie da richtig Gas geben. Ich will das ganze Programm! Mensch, nun gucken Sie doch nicht so! Wir sind wieder im Rennen!«
Es war kein Traum. Der Mann meinte es ernst. Der kleine arthritische Herausgeberfinger tippte diesmal an meine Stirn.
»Ich will alles, was da drin ist. Alles!«
»Alles?«
»Ja, verdammt! Kommt auch noch Sex?«
»Äh, eigentlich ...«
»Gut, Sex ist gut. Sex sells. Aber nicht so dolle, muss alles im Rahmen bleiben, nicht nur wegen der Kinder und so. Wir sind eine Familienzeitung. Aber ... – ach, Litten, Sie machen das schon. Was, Litten ... soll ich Ihnen was sagen, bei mir sind Sie nicht nur Litten, sondern ab heute sogar: Wohl ge-Litten!«
Masuch prustete los, während sein kleiner Körper zu einem schicken Designer-Sideboard am Rande seines Büros kugelte und eine sehr alte Whiskeyflasche aus der Dunkelheit beförderte.
»Den haben wir uns verdient, Litten. Mein Litten!«
Jetzt hätte mein Lächeln zurückkommen können, aber es blieb fern. Ausgerechnet jetzt, wo es endlich gepasst hätte.
»Sagen Sie mal, Litten, wie geht’s da jetzt eigentlich weiter? Wird doch ’ne Liebesgeschichte, oder? Oder geht’s doch mehr so in Richtung Religion, Messias, der liebe Gott, das Ganze?«
»Schwer zu sagen, es geht einerseits um ihre eigene Geschichte, also die von der Messias, andererseits auch um ihre Sehnsüchte, Wünsche und ... ja, irgendwie ist es eine Liebesgeschichte, so, das Ganze.«
»Sex auch?«
»Sex auch!«
Dazu nickte ich bestätigend, weil ich es nicht wagte zu widersprechen. Dann trank ich meinen ersten Herausgeberwhiskey.
Nach siebenundachtzig Minuten öffnete sich die Tür.
Was Irene Radicz nun zu sehen bekam, konnte sie nicht erfreuen. Ein Lokalredakteur und ein Chef, Arm in Arm vor einer leeren Flasche.
»Frau Radicz? Sagen Sie doch mal meinem Fahrer, dass er Herrn Litten nach Hause bringen soll!«
»Nach Muenden?« Die Radicz kämpfte sichtlich um Fassung. Sie hatte nicht nur das böse Wort in den Mund nehmen müssen, sondern auch den Transport genau dorthin zu organisieren. Ein herrliches Gefühl, was durch den einzigartigen Whiskey angenehm befeuert wurde.
»Muenden! Genau, da wohnt er doch, unser Litten!«
Dann bekam die Radicz auch noch die Höchststrafe, denn das, was sie nun zu sehen bekam, kannte sie nur aus ihren sehr privaten Träumen.
»Günter!« Masuch reichte mir die Hand.
»Paul. Paul-Elmar.«
»Weiß ich doch. Aber Paul reicht, was?«
»Natürlich, Günter.«
Aus meinem Herausgeber war ein Mann mit einem Vornamen geworden.
Die Radicz war kalkweiß.
Günter beugte sich zu mir, so nah, dass mir sein wahrscheinlich sündhaft teures Rasierwasser wie eine chemische Nadel direkt ins Gehirn stach.
»Eins noch: keine Vergangenheit.«
»Wie ... wie meinen Sie ... wie meinst du das?«
»Gegenwart!«
»Gegenwart?«
»Präsens. Die Messias muss im Präsens sein.«
Die Radicz starrte uns noch immer an wie ein fleischgewordenes Fragezeichen. Aber auch ich hatte Fragen.
»Ich versteh nicht.«
»Paul, die Geschichte muss uns berühren. Direkt, unmittelbar. Jetzt! Und das kann sie nur, wenn sie auch jetzt stattfindet. Die Messias ist mitten unter uns. Ist doch einleuchtend, oder? Sie passiert in diesem Augenblick. Da draußen! So wie unsere Geschichten. Die ziehen wir doch auch nicht aus der Wochenschau. Unsere Leser müssen das Gefühl haben, dieser Messias jederzeit begegnen zu können.«
Ich schwieg, was Besseres gab es nicht in dieser Situation. Ein Sprung aus dem Fenster wäre eine Alternative gewesen, aber am Ende dann doch eine Spur zu dramatisch.
»Du musst mit der Messias auf Augenhöhe sein, auch zeitlich. Ist doch klar: maximale Identifikation.«
Jetzt fühlte ich mich stark genug, um zu reagieren.
»Es gibt eine ganze Menge Geschichten, die nicht im Präsens geschrieben wurden und ...«
»Nicht in meiner Zeitung!«
»Aber das ist ja ein Roman, ich bin mir nicht sicher, ob ...«
»Ich bin mir sicher. Ganz sicher. Präsens. Punkt!«
Masuch lächelte, wie ein Vater, dessen Aufforderung, das Kinderzimmer aufzuräumen, ganz lieb gemeint war, aber keinerlei Spielraum für Diskussionen ließ.
»Das ...«
»Punkt!!!«
Mit einem gewaltigen Ausrufezeichen banden sich nun unzählige Alkoholmoleküle an sämtliche Rezeptoren meines Gehirns und veränderten mit virtuoser Radikalität die Impulsübertragung zwischen den Nervenzellen.
Ich fiel der Länge nach auf die beigefarbene Auslegeware meines Arbeitgebers. Blau und wahrscheinlich glücklich.
Exakt zu meinem 34. Geburtstag bekam ich von meinem Vater die Unsterblichkeit geschenkt – und die Fähigkeit, stets und immer die Wahrheit zu erkennen. Das war seine Konsequenz aus den traumatischen Ereignissen rund um meinen Bruder. Dessen Schicksal sollte ich nicht teilen und verraten werden schon gar nicht.
Aber Unsterblichkeit und ein Abonnement auf Wahrheit standen noch nie auf der Hitliste meiner größten Wünsche. Mir war von Anfang an klar: prima Geschenke, danke auch! Ich führte schon vorher nicht das Leben einer normalen Heranwachsenden in Nazareth, aber durch diese beiden Gaben wurde ich jetzt endgültig zum Alien. Frauen haben’s noch nie leicht gehabt, und es wird auch nicht leichter, wenn man eine Lüge, Finte oder plumpe Ausrede aus drei Kilometern Entfernung erkennt. Ob man will oder nicht. Nein, so ein Talent ist das Letzte, was eine Frau braucht. Heute wie damals. Ich weiß es genau, ich lebe seit fast zweitausend Jahren damit.
Nach meinem Geburtstag machte ich mich auf eine lange Reise, die noch heute andauert, aber deren Ende mit jedem Tag näher rückt.
Denn ich weiß nun endlich, was ich will. Ich will das Leben! Ein Leben, nur eins! Ganz und leidenschaftlich. Ich will belogen werden und selber lügen. Ich will Frau sein! Jetzt, sofort! Und auf keinen Fall mehr für immer!
Ich sitze in dieser kleinen Altstadtkneipe in Köln, wo blaubekittelte Männer, die sich Köbes nennen, ungefragt sehr kleine Gläser mit Bier, das sie Kölsch nennen, auf den Tisch stellen, und Gästen, die nach einer Cola fragen oder einem Kaffee, sofort Lokalverbot erteilen. Köln ist ein Muss für Menschen, die eine heimelige Mischung aus Wohlfühlmetropole mit Hochwassergarantie und katholisch garantierter Narrenfreiheit suchen. Der Stadt eilt zudem ein extrem integrativer Ruf voraus. Nicht nur weil sich die Stadt innerhalb kürzester Zeit zum San Francisco der Republik gemausert hat, sondern weil die Wahrscheinlichkeit, auf der Domplatte einen Einheimischen zu treffen, so groß ist wie die Wahrscheinlichkeit von weißen Weihnachten in Gelsenkirchen und allein schon deshalb jeder Fremde mehr als willkommen ist. Ich dachte mir gleich, dass ich in dieser Stadt, zwischen architektonisch fixiertem Katholizismus und ganzjährigen Karnevalsvorbereitungen mit meiner speziellen Exotik gar nicht auffallen könnte. Jetzt aber falle ich ganz bestimmt auf, denn meine Wangen glühen für jeden sichtbar. Von hier bis Rosenheim.
Vor mir sitzt Angelo, und ich schmachte ihn an. Diesen Mann kann man nicht beschreiben. Er ist einfach nur schön. Ein Italiener wie aus einer Schablone für perfekte Italiener. Süditaliener.
Ich habe nichts an ihm entdeckt, was den geplanten Verlauf dieses Abends verhindern könnte. Angelo wollte sich wirklich mit mir treffen. Ein einziger Anruf, ein paar Nettigkeiten am Telefon, so selbstverständlich, als würden wir uns schon Ewigkeiten kennen, und jetzt ist er da. Angelo und der große Moment. Für Zweifel ist hier kein Platz. Ich interessiere ihn, und er interessiert mich. Alles in Butter, auch für Lügen und andere schlimme Dinge ist hier kein Platz. Ich trage einen Fummel, der mehr zeigt, als er versteckt, aber noch genügend Raum für Phantasie und männlichen Entdeckerstolz lässt. Männer sind ja so dankbar, wenn sie was entdecken können und dann auch noch behaupten dürfen, es ganz alleine geschafft zu haben. Die ersten Knöpfe meiner dunkelroten Bluse sind reine Dekoration und haben sich von ihren Knopflöchern zentimeterweit entfernt. Die verbliebenen Knöpfe sind anstandshalber verschlossen, noch ist die Zeit nicht reif für textile Entdeckungsreisen. Ich will erst mal wieder nur genießen und schenke uns alle Zeit dieser Welt. Und deshalb interessieren wir uns gemeinsam verschwenderisch lange für die Karte dieser schrecklich hippen Kaffeebar, die uns weismachen will, dass Kaffee erst dann richtig schmeckt, wenn von der Grundsubstanz keine Spur mehr da ist. Und je weniger davon da ist, desto teurer wird er dann auch, logisch.
Angelo bestellt sich einen Espresso und ich auch. Beim Kaffee sind wir uns schon mal einig. Viel Grundsubstanz und maximale Wirkung.
»So, nun sag doch mal, warum wolltest du dich unbedingt mit mir treffen?«, grinst Angelo mich an.
»Das möchtest du wissen?«
»Das möchte ich wissen.«
Angelo grinst betörend unverschämt, so wie einer dieser Klinikärzte in einem amerikanischen Fernseh-Krankenhaus, in deren Gegenwart selbst ein Hautkarzinom noch nett aussieht.
»Wenn ich dir jetzt die Wahrheit sage, habe ich ja mein ganzes Pulver schon verschossen«, grinse ich zurück, nicht ganz so telegen, aber mit jeder Menge Vorankündigung.
»Da bin ich aber mal gespannt!«
Angelo schafft es, sein Grinsen noch erotischer wirken zu lassen, als es gesetzlich erlaubt ist.
Mein Blutdruck schießt in die Höhe. Angelos Augen sind Lava, und ich ... ich, ich hasse mich dafür, wenn ich derartig ins Schwärmen gerate, auch nach all den Jahren, aber ja ... ich schmelze dahin, wie Softeis in einer finnischen Sauna.
»Du hast sehr schöne Augen, Hannah.«
Himmel, er meint es ernst. Angelo mag meine Augen wirklich. Nicht wie diese Deppen, die einem das Schönste auf Erden zusäuseln, um den Weg zum Allerheiligsten so schnell wie möglich zu ebnen. Ich weiß, wovon ich rede, ich bin der fleischgewordene Lügendetektor.
»Ehrlich?« Ich beiße mir auf die Lippen. Natürlich war das ehrlich, geht’s denn noch blöder? Zum Glück weiß er ja nichts von meiner Gabe.
»Du erinnerst mich an ...«
Nein, bitte sag es nicht. Nicht Schwester, nicht Ex-Freundin und schon gar nicht Mutter. Von mir aus sollen dich meine Augen an dein verstorbenes Meerschweinchen erinnern oder deinen Lieblingsteddy oder...
»Giovanni.«
»Giovanni?«
» ... meinen Freund, Giovanni!«
Patsch. Die Lava ist zum Stillstand gekommen. Mein Schmelzprozess abrupt beendet. Angelo ist entzaubert. Zumindest für mich. Mein Ex-Lieblingskellner ist kein Hetero.
Angelo sagt die Wahrheit. Ich erkenne sie, konnte sie nur diesmal nicht vorhersagen. Ist das der erste Schritt zu einem normalen Frauenleben? Hatte ich mir anders vorgestellt.
Mein Vater schaltet sich ein. Seine Hand tätschelt tröstend meinen Rücken, ich drehe mich aber nicht um. Gott sei Dank, wenn man das sagen darf, kann Angelo ihn nicht sehen.
»Verdammt!«
Die Hand hinter meinem Rücken erlaubt sich einen väterlichen Klaps. Ich bin kurz vor einer katatonischen Starre.
»Was ist?«
Angelo hat, ehrlich, nicht den Hauch einer Ahnung.
Eine kleine, den Umständen entsprechend deutlich zu gutgelaunte Kaffeemaus stellt die Espressi auf unseren Tisch.
»Grazie!«
»You’re welcome!«
Ich will jetzt nur noch zahlen und weg. Ganz schnell weg.
»Ich brech ab ... nimmt die einen, der auf Männer steht, so was muss man doch merken ... die Kleine hat ja null Plan!«
Siggis Kommentar war so schlicht wie seine Schreibe. Der selbsternannte König der 40-Zeilen-Plattitüden, Siggi Bennecke, legte die Zeitung auf seinen Schreibtisch. Wie immer hatte ihm niemand zugehört, und wie immer störte ihn das überhaupt nicht, denn Siggi war ja auch wie immer sein eigenes Publikum. Er war der Mann, der sich Applaus spenden und selber Fanpost schreiben würde, wenn es nicht so wahnsinnig peinlich aussähe. Siggis bester Freund war der Spiegel auf unserer Redaktionstoilette, ein alter Alibertschrank, dessen verspiegelte Flügeltüren bei entsprechender Winkeleinstellung und Frontaleinblick des Betrachters einen wunderbaren Hinterkopf formten. Siggi nutzte die Flügeltüren mehr als jeder andere, er war auch der Einzige, der stets vergaß, sie zu schließen. Seine 32 Jahre sah man ihm auch an diesem Morgen an. 32 Jahre auf der Piste und keinen Tag gefehlt. Jeder hätte ihm auch 42 abgenommen. Die Jugendlichkeit hatte sich längst von ihm verabschiedet und einen Teint hinterlassen, der an alten Kefir erinnerte, der etwas zu lange in der Sonne gestanden hatte. Wobei niemand von uns ganz genau wusste, woher die tiefen Furchen in seinem gelblich blassen Pfannekuchengesicht kamen. Siggi sprach immer mit übertriebenem Stolz von den letzten Zeugen der Nacht, die grundsätzlich weiblich waren. Wir vermuteten, dass die letzten Zeugen allesamt trinkbar waren und nie unter 32 Prozent. Aber Siggis Pfefferminzfahne machte eine präzise Analyse unmöglich. Woher trotz unzähliger Exzesse seine Sportlichkeit kam, blieb uns allen lange Zeit ein Rätsel. Siggi fuhr jeden Tag mit dem Mountainbike von seiner Wohnung in Brömel an der Wurz bis zur Redaktion in Muenden. 20 Kilometer mit diversen Anstiegen und meist auch mit Gegenwind. Und natürlich fuhr er auch immer brav zurück. Nochmal 20 Kilometer. Bei jedem Wetter. Respekt und blanker Neid mischen sich da gerne, völlig unabhängig von der eigenen sportlichen Befindlichkeit.
»Da bin ich aber mal gespannt, ob die Kleine mal irgendwann so richtig ...«
Bevor Siggi seine testosterongesteuerte Aussage über die Grenzen der Geschmackssicherheit schießen konnte, fuhr ihm Ansgar, unser Mann für Kultur, in die Parade.
»Hey, ein bisschen Respekt, ja?! Ist immerhin die Tochter Gottes.«
»Hui! Und ich dachte immer, das wär nur der verzweifelte Versuch von oben, ’n bisschen Auflage zu machen!«
»Günter ... –« Ich biss mir auf die Zunge.
»Günter?« Ansgar und Siggi starrten mich an, als hätte ich soeben die Lottozahlen verraten und das Versteck von Bin Laden.
»Ich meine Masuch.«
»Du hast Günter gesagt!«
Siggi hatte diesen fassungslosen Blick, den ich sonst nur von Bettina kannte, wenn ich ihr irgendwas Unfassbares sagte, was sie ganz bestimmt nicht von mir hören wollte.
»Ich hab nicht Günter gesagt!«
»Du hast Günter gesagt!« Ansgar und Siggi waren seit langem mal wieder einer Meinung und artikulierten sie synchron.
»Ich hab vielleicht Günter gesagt, aber Masuch gemeint.«
»Das hast du aber nicht gesagt«, insistierte Ansgar.
»Was ist denn mit Herrn Masuch?« Frau Löfflers Stimme nahm, mit einer perfekt zelebrierten Lieblichkeit, die Spannung aus der Luft, während sie mir, und nur mir, einen Kaffee auf den Schreibtisch stellte.
»Herr Masuch ist sehr angetan von Die Messias.«
»Kein Wunder! Der ... Stilterrorist hat ja auch einfach keinen Geschmack!«
»Ich weiß nicht, so schlimm finde ich die Geschichte nicht, bis jetzt jedenfalls, man kann sich doch auch noch gar keine Meinung bilden. Sind gerade mal zwei Folgen erschienen!«
»Jau, und eine mit ’nem ... – na super«, krähte Siggi ungefragt in die Runde.
»Paul, du weißt genau, wie die Geschichte läuft!« Ansgar bekam wieder diesen Feuilletonistenblick, den ich noch mehr an ihm hasste als sein pseudoakademisches Desinteresse an den Smashing Pumpkins, Element of Crime und Pils vom Fass.
»So, weiß ich das?« Ich bemühte mich um maximale Gelassenheit, zu der mein zittriges Fußzehenklappern so gar nicht passte.
»Natürlich! Wenn nicht du, wer dann? Und jetzt kommt die Geschichte auf einmal im Präsens, sehr peinlich!«
»Was ist denn daran peinlich?«
»Weil das jetzt mal auf die Schnelle noch diese Frauenliteraturnummer bedienen soll. Die schreiben doch auch immer im Präsens. Ist dann wahnsinnig gegenwärtig. Hui, ganz toll. Ganz raffiniert. Ist genauso bescheuert wie diese Wackelkamera, die in den neuen Filmen immer suggerieren soll, dass man dabei ist. Ist man aber nicht!«
»Stimmt.«
»Präsens, albern.«
»Du übertreibst, Ansgar.«
»Nee, ganz bestimmt nicht, ich kenne diese Bücher, meine Frau liest die auch. Angeblich, um sich zu entspannen. Die Wahrheit ist, sie liest sie, weil sie keine Sekunde nachdenken muss und dabei ständig vorgemacht bekommt, dass die Heldinnen dieser Geschichten da draußen tatsächlich rumturnen.«
»Ansgar? Komm mal runter.«
»Wer da wohl hinter steckt?«
»Wie?«
»Na, hinter dieser Gabor, ist doch bestimmt eine von uns!«
»Quatsch!«
»Glaubst du, Masuch kauft eine richtige Schriftstellerin ein, für teuer Geld? Der spart doch, wo er kann, am meisten am Lob. Ich tipp mal, das ist eine vom Sport!«
»Wieso das denn?«
»Alle frustriert, zu viele Termine am Wochenende!«
»Vom Sport? Im Leben nicht! Wenn schon, Kulturteil!«
»So einen Mist? Aus der Kultur? Nie!«
»Ich könnte mir das schon vorstellen«, sagte ich zaghaft.
»Sag mal, du findest doch so was nicht wirklich gut ... und mal ganz ehrlich, ich glaube, du hast recht, das ist keine vom Sport, vielleicht ist es ja noch nicht mal eine Frau?«
»Bella?«
»Wäre nicht das erste weibliche Pseudonym, hinter dem sich ein kleiner ängstlicher Kriecher mit Bartwuchs versteckt.«
»Ansgar ...«
»Ich sag nur: Astrid Lindgren.«
»Hä? Die war hundertpro eine Frau.«
»Sicher?«
Ich rührte nervös in meinem Kaffee, unfähig, den Blick von Ansgar zu lösen. Was hatte sein letzter Satz zu bedeuten, wusste er mehr, war das eine mehr oder minder intelligente Provokation oder nur eine plumpe Anmache. Hatte ich Spuren hinterlassen oder Masuch sich verquatscht?
»Diese Messias ist der billige, bemühte und primitive Versuch, mit ein bisschen Religionsverarsche für eine kleine Provokation zu sorgen. Wenn es nicht so saugefährlich wäre, hätten wir auch die Mohammedkarikaturen ins Blatt genommen, nur um auf uns aufmerksam zu machen. Paul, was sagt denn deine Frau dazu, die muss doch am Rad drehen!«
»Bettina?«
»Hast du noch ’ne andere?!«
»Die Bettina ... ja, die, die findet die Geschichte ...«
»Na?«
»Okay.«
»Im Leben nicht. Selbst meine Frau findet’s peinlich, und der ist verdammt wenig peinlich.«
Ansgars Frau Carola arbeitete als Gynäkologin im Sankt-Maria-Krankenhaus. Ihre präzisen Schilderungen von weiblichen Krankheitsbildern, deren anatomische Details und sekretlastige Ausuferungen niemand wissen will, solange man vor einem gemütlichen Essen sitzt, hatten mich des Öfteren private Einladungen der beiden kategorisch ausschlagen lassen. Carola war nichts peinlich, bis auf Die Messias, was ich partout nicht verstehen konnte.
»Weißt du, was Carola mir heute Morgen beim Frühstück gesagt hat, wenn diese Bella Gabor mal auf ihrem Stuhl liegt, dann ...«
Die Vorstellung, auf ihrem Stuhl zu liegen, schnitt mir mit virtueller Macht in Sekundenschnelle den kompletten Unterleib ab.
»› ... dann werde ich der mal was zeigen, was die Strapazen einer Geburt noch milde aussehen lässt.‹ Und jetzt nochmal im Ernst, du findest diesen Fortsetzungskram doch nicht wirklich gut?«
»Schmeckt er, Herr Litten?«
Frau Löfflers Frage war völlig unberechtigt, denn noch rührte ich in dem Kaffee, ohne ihn probiert zu haben. Doch sie verschaffte mir die Möglichkeit, endlich in etwas anderes zu starren als in Ansgars Augen. Ich beobachtete das Kreisen des Löffels, sinnentleert und stoisch. Siggi hatte sich wieder in irgendwelche Schmuddelseiten des Internets vertieft, und ich nahm endlich einen tiefen Schluck Kaffee.
»Wie immer, sehr lecker, Frau Löffler!«
Frau Löffler strahlte, vermutlich für den Rest des Tages.
»Ich glaube nicht, dass das eine reine Provokation ist. Ich mein, ich kann’s jetzt natürlich nur vermuten, aber so richtig platt wird das nicht werden. Auch Unterhaltung muss ja schließlich eine Relevanz haben. Denke ich.«
»Relevanz? In einem Fortsetzungsroman? In einer Tageszeitung? Paul, wie naiv kann man eigentlich sein? Wenn dieser Boulevardmüll jemals eine Relevanz bekommt, dann ...«
»Was dann?«
»Dann ... – vergiss es, da is’ keine Relevanz drin, und da kommt auch keine Relevanz rein. Das ist ein blöder Frauenroman, von einer blöden Frau für noch blödere Frauen. Punkt! Stimmt’s oder hab ich recht?«
