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Es ist Frühling auf Nördrum in der Nordsee. Die Abiturientin Gesa muss sich entscheiden, ob und warum sie die Insel endlich mal verlassen will. Da stürzt ihr Bruder aus sehr heiterem Himmel mit seinem Fallschirm ab. An diesem todtraurigen Tag verändert sich alles: Gesas Vater flieht, ihre Mutter schenkt nach Wochen der Trauer all ihre Liebe einer Ente namens Jean-Pierre, auch Tante und Oma benehmen sich maximal merkwürdig. Und Gesa muss in diesem Sommer ein paar fette Wolken beiseite schieben, um so erwachsen zu werden wie nötig und so glücklich wie möglich. »Viele liebevoll gestaltete Charaktere, kleine Absurditäten und eine sympathische Protagonistin mit viel Herz und Humor machen die eigentlich sehr traurige Geschichte zu einem luftig-leichten Sommererlebnis.« Radio Fritz
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Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2010
Michael Gantenberg
Zwischen allen Wolken
Roman
Roman
Fischer e-books
Einmal mehr für meine Frau Suse und unsere Liebe, und weil sie wusste, dass diese Geschichte richtig ist und sie mit ihrer Hilfe und Unterstützung auch fertig wurde.
Für Lena und Jan, die mir noch immer zeigen, dass es auf der Welt nichts gibt, das einen Bruder oder eine Schwester ersetzen kann, und die das auch nie vergessen sollten.
»Weißt du, dass der Tod das Tor zum Leben ist?«
»Keine Ahnung.«
»Ist so, Schwesterchen.«
»Nenn mich nicht immer Schwesterchen. Ich bin neunzehn, kein Baby mehr. Außerdem will ich jetzt nicht darüber sprechen.«
»Sonst willst du immer.«
»Jetzt aber nicht.«
»Gesa?«
»Ja.«
»Vermisst du mich eigentlich?«
»Doofe Frage.«
»Für mich nicht. Also?«
»Manchmal.«
»Manchmal?«
»Oft!«
Die Antwort schien ihm zu gefallen, wir schwiegen, ohne dass es gleich peinlich wurde. Er nahm mich in den Arm, und es war fast schon wieder so wie früher. Doch dann unterbrach er das Schweigen.
»Der Tod ist das Tor zum Leben, Gesa. Echt.«
»Wilko? Du redest so geschwollen wie mein Lateinlehrer.«
»Ich red’ nicht geschwollen, ich red’ wie immer.«
»Eben! Geschwollen!«
»Von mir aus, red’ ich eben geschwollen. Fakt ist – der Tod ist das Tor zum Leben.«
»Okay, wenn du es sagst. Ich glaub’s nicht. Der Tod ist das Ende, hundertpro. Die Liebe ist das Tor zum Leben. Die Liebe, ganz sicher. Hoffe ich … «
»Wenn du meinst?«
Wilko stand auf und jagte davon, ungestüm, federnd, schnell, wie immer.
»Wer zuerst an den Dünen ist!«
Ich hatte es aufgeben, ihn im Wettlauf zu den Dünen besiegen zu wollen. Früher waren es nur die drei Jahre Altersunterschied und eine Menge Muskeln, die Wilko an Stellen hatte, die bei mir nur für zukünftige Hautdellen vorgesehen waren. Jetzt war es was anderes. Vielleicht was Metaphysisches, ganz sicher war ich mir nicht.
Wilko lag schon auf dem Rücken und starrte in den knallblauen Himmel, während die Insel durch die Sirene der ankommenden Fähre lautstark auf neue Gäste vorbereitet wurde. Ich schmiss mich neben ihn, noch völlig außer Atem, und fragte mich, wie er es schaffen konnte, schon wieder so entspannt im Sand zu liegen, während ich noch keuchend und nach Luft schnappend den völlig untrainierten Dünenstürmer gab.
»Erster!«, prahlte Wilko grinsend mit einem leicht arroganten Zug um die Lippen.
»Ja, toll, super.«
»Sei mal still.«
»Was?«
»Hörst du’s?«
Wilko legte sein rechtes Ohr auf den maiwarmen Sandboden und hob dabei den Zeigefinger, als ob es dann für alle leichter wäre zu hören, was er zu hören vorgab.
»Wilko, was?«
»Das Lachen. Man hört es. Das Lachen der Sandflöhe. Ganz deutlich.«
Nur um ihm einen Gefallen zu tun, legte auch ich mein Ohr auf den Sandboden. Das Lachen der Sandflöhe hörte ich nicht.
»Ich hör’ nix.«
»Doch, du musst dich konzentrieren.«
»Ich hör’ nix.«
»Das wirst du noch lernen, Schwesterchen.«
»Nenn mich nicht immer … «
Bevor ich den Satz beenden konnte, war Wilko wieder verschwunden.
Ich heiße Gesa Petersen und lebe auf Nördrum. Noch immer. Das war nicht geplant, ganz bestimmt nicht. Ein ganzer Sommer ist vergangen, seitdem mein Bruder gestorben ist, und jetzt kann ich endlich darüber reden. Ich habe über vieles nachgedacht. Über die Umstände, die zu seinem Tod führten, über Zeichen und Hinweise, die vielleicht wichtig waren, vielleicht aber auch nicht. Manche Menschen glauben, dass es ihnen besser geht, wenn sie alles wissen und die letzten Fragen und Zweifel geklärt haben. Ich glaube, manchmal ist es besser, wenn man nicht alles weiß. Mir geht es jetzt jedenfalls kein bisschen besser. Einiges hätte ich lieber nicht erfahren.
Manche Dinge sieht man klarer, wenn man sie aus der Distanz betrachtet. Wenn sich die Trauer abgewaschen hat. Wenn die dunklen Gedanken endlich mal wieder ein bisschen Licht vertragen. Wenn der Soundtrack des Lebens von Moll auf Dur wechselt.
Ich habe beschlossen alles aufzuschreiben. Die Rätsel, die Geheimnisse, die Vermutungen, die Irrungen und Wirrungen und wie sich alles um mich herum verändert hat. Meine Eltern, meine Oma, meine Tante und ihr Mann, Piet und all die anderen, die in diesem Sommer eine große Rolle spielten.
Mein Leben hat sich radikal gedreht. Unfassbar. Unerwartet. Eigentlich wollte ich diese Insel verlassen. Für immer, direkt nach dem Abitur, aber ich sitze noch immer hier in meinem Zimmer, das ich bewohne, seit ich denken kann. Ein gemütlicher Mix aus Schwedenmöbeln und den ausrangierten Klassikern meiner unmittelbaren Verwandtschaft. Ein abgewetztes Cordsofa, Rattantischchen, diese Richtung. Komisch, das hier ist das einzige Zimmer im ganzen Haus, in dem sich nichts verändert hat. Muss wohl so sein.
Der Blick zum Meer ist einzigartig, aber wenn man ihn schon hat, seit man aus dem Fenster schauen kann, verliert auch so was irgendwann an Faszination. Das Meer halt – mal ist es da, mal nicht. Ebbe und Flut sind auch nichts, was einen täglich hinter dem Ofen hervorholt.
Mein Zimmer liegt im ersten Stock und ist wirklich passabel, auch wenn links und rechts von mir die Pensionszimmer liegen. Früher waren hier nur die älteren Urlauber untergebracht oder kinderlose Paare, das hielt den Geräuschpegel auf einem sehr erträglichen Maß. Alte Menschen machen keinen Krach, sie regen sich nur drüber auf. Und die Jüngeren, die zu uns kamen, waren ziemlich verzweifelt. Wer verzweifelt ist, ist selten laut.
Unsere Pension heißt Möwennest und unsere Insel Nördrum – liegt zwischen Norderney und Baltrum, kennt kaum einer. Mich stört das nicht, kommen noch genug Touristen. Am Anfang des Sommers sogar immer mehr, seit meine Oma diese Sache da fast schon professionell machte. Ein Jahr vor Wilkos Tod hat sie einem kinderlosen Paar aus einem Kaff auf dem Festland Nachkommen versprochen, wenn sie mit ihr eine sehr »spezielle« Wattwanderung machen. Und es hat geklappt. Seitdem kommen ständig neue Paare mit dem gleichen Wunsch. Oma gibt ihr Bestes, vor allem, seit sie im Mittelpunkt einer kleinen Fernsehreportage stand, die sie sich mindestens einmal am Tag auf einem steinalten Videorekorder anschaut.
Für Nördrumer Verhältnisse war Oma zwischenzeitlich ein richtiger Star. Bekannt in der ganzen Republik, zumindest bei kinderlosen Paaren, die sich ein Ticket nach Nördrum gekauft haben. Merkwürdig, dass ich ausgerechnet jetzt erst nur über meine Oma spreche. Obwohl – liegt bestimmt daran, dass ich sie am leichtesten verstanden habe von allen.
Seit Wilkos Tod hatte Oma Insa mehr zu tun als je zuvor. Rein geschäftlich war sie sogar richtig aufgeblüht und ohne ihre kompromisslos schwarze Trauerkleidung, die sie nur zum Fernsehen ablegte, wirkte sie beinahe schon wieder lebensfroh. Oma Insa schaute nur in ihrem Bademantel mit dem schrecklichen Rautenmuster und dem seit Kriegsende ausgefransten Saum fern, während sie ihre Füße in einem alten Schmorbratentopf badete. Den Bademantel trug sie nicht etwa aus Gründen der Bequemlichkeit, sondern weil sie der Meinung war, dass es die im Fernseher nichts angehe, wie sie ordentlich angezogen aussieht, und dass ihre Trauerkleidung erst recht nur für die Insulaner und ihre Gäste bestimmt sei und eben nicht für die Veranstalter dieses fürchterlichen Abendprogramms. Ab acht Uhr abends verpasste meine Oma seltsamerweise keine Sekunde dieses fürchterlichen Abendprogramms, und zwar nur um einen Grund zu haben, sich darüber aufzuregen. Konsequentes Handeln war ihr so fremd wie Grunge, überteuerte Skaterklamotten oder der regelmäßige Besuch beim Gynäkologen auf dem Festland. Ärzte waren ihr generell suspekt, selbst Tante Nele, die immerhin ihre eigene Tochter ist, durfte ihr ärztliches Wissen nicht an ihr anwenden. Einmal in ihrem Leben hatte ein Arzt meine Oma falsch behandelt und damit den Grundstein für ihren generellen Ärzteboykott gelegt. Als ich vier oder fünf Jahre alt war, konnte ich durch das kleine Küchenfenster beobachten, wie meine Oma mit einem kleinen Handbohrer und einem noch kleineren Handspiegel versuchte, ein kariöses Loch in einem ihrer noch vorhandenen Backenzähne so aufzubohren, dass eine erbsengroße, frisch vermengte, feucht glänzende Gipskugel darin Platz finden konnte. Wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob ich das wirklich so gesehen habe oder einfach nur sehen wollte. Erzählt habe ich es auf jeden Fall allen und bei den meisten meiner interessierten Zuhörer mächtig Respekt für meine Oma geerntet. Enkelin einer solchen Frau zu sein bedeutete auf Nördrum einiges. Vor allem bei den Vier- oder Fünfjährigen, die meistens nur über ganz normale Großeltern verfügten.
Ich kann gar nicht aufhören, über Oma Insa zu schreiben, ich hab so viel mit ihr erlebt. Sie hat mich so oft überrascht, und sie hat die ersten Geheimnisse des Lebens für mich gelüftet, bevor es andere tun konnten. Aber ich muss mich jetzt zwingen, alles der Reihe nach zu erzählen. Es fällt mir schwer, aber danach wird’s mir besser gehen.
Mitte April lebte mein Bruder noch. Alles war völlig normal, und nichts deutete darauf hin, dass sich daran etwas ändern sollte. Nördrum erwachte mit jedem Tag mehr aus dem Winterschlaf und schrie nach Kosmetik. Die eisigen Winde der letzten Monate und der ungewöhnlich starke Schneefall hatten das wenige Grün mit tiefen Narben verziert, und die Betonpoller am Strand, zum Schutz gegen Flutwellen, sahen mit ihrem braunen Algenbesatz nun noch hässlicher aus als sonst.
Zu dieser Zeit gehörte die Insel noch den Schippenlosen. Den Urlaubern, die ohne schulpflichtige Kinder urlaubten und statt in kleine Schaufeln und das ganze andere Strandzeugs ihr Geld lieber in die überteuerte Gastronomie investierten. Ich mochte die Schippenlosen nie besonders. Das sind Menschen, die sich nicht um kleine Kinder kümmern wollen. Wollen! Ich rede nicht von denen, die sich nicht um kleine Kinder kümmern können. Das ist ein anderes Thema. Die Schippenlosen wollen einfach nicht. Dahinter steckt eine Haltung. So! Diese Schippenlosen wollen sich aus vielerlei Gründen nicht mit Menschen beschäftigen, die sich bereits am Frühstückstisch zum ersten Mal übergeben oder mindestens einen gescheiten Heulkrampf bekommen, der die komplette Seenotrettungsstaffel zum Auslaufen animiert. Man kann das verstehen. Ich tue es nicht. Obwohl, verstehen tue ich es schon, aber ich kann es einfach nicht akzeptieren.
Meine Mutter Karla aber mochte die Schippenlosen lieber als die Buggys und Strandtaschenschlepper, die morgens mindestens eine Stunde nach dem Frühstück damit verbringen, das Nötigste für einen Tag am Strand zu packen. Also alles. Inklusive zehn Brötchen plus Aufschnitt und diversen Joghurtbechern vom Büfett, weil die Sachen am Strand alle so teuer sind, und man spart ja, wo man kann.
Kurz bevor das mit meinem Bruder passierte, war unsere Pension voll mit Schippenlosen, die am Frühstücksbuffet eifrig in ihre Handys simsten, wie unfassbar schön Nördrum außerhalb der Schulferien ist – und vor allem, wie billig.
Strandkorb pro Tag 5 Euro, super, oder? Vorsaison! – nächste
Woche kostet es das Doppelte, gemein, oder?
Als Mutter von schulpflichtigen Kindern hätte ich gnadenlos zurückgesimst: Danke, sobald meine Kinder deine Rente finanziert haben, mach’ ich auch mal um diese Zeit Urlaub. Super, du Schippenloser!
»Einen Kaffee noch!«
Dem dicken Schippenlosen aus dem Ruhrgebiet, der mit seiner Frau in unserer Pension urlaubte und Urs hieß, was in meinen Augen die gerechte Strafe war für einen Mann, dem Höflichkeitsfloskeln jeder Art fremd waren. Ich stellte mich taub und widmete mich mit provozierender Herzlichkeit und grenzenloser Geduld den Tischnachbarn. Aus dem Augenwinkel konnte ich beobachten, wie sich sein blauweißes T-Shirt mit dem albernen Segelmotiv vor lauter arroganter Gockeligkeit zunehmend blähte.
»Und die Robben kann man heute Morgen auf jeden Fall sehen?«, fragte mich die ältere Dame von Tisch 12.
»Ganz sicher, die freuen sich über jeden Besuch.«
»Ist das süß, hast du gehört Richard, die Robben freuen sich.«
Richard nickte brav, um seiner Frau ebenfalls einen Grund zur Freude zu geben.
»Kaffee!«
Jetzt wurde die Stimme energischer. Ging langsam schon so in Richtung Kasernenhof. Jedenfalls, was ich mir so unter Kasernenhof vorstellte. Das T-Shirt bebte und blähte sich nun dem Platzen der Nähte entgegen. Während sich die Frau des Blähenden noch intensiver mit den Koffern beschäftigte. Sie ahnte wahrscheinlich längst, was kommen musste.
»Aber füttern dürfen wir die Robben nicht?«
»Nee, würde ich nicht machen, es sei denn, Sie wollen mit ’nem Eimer Heringe durchs Watt wandern.«
»Was meinst du Richard, wollen wir das?«
Richard wollte vieles, aber ganz bestimmt nicht mit toten Fischen und seiner Frau zu den Robben wandern. Er wollte sich erholen. Entspannt, ohne Robben, ohne Heringe, ohne Stress und vor allem ohne jeden Termin. Am Tisch nebenan wollte Urs Stress, und zwar mit mir. »Fräulein, Kaffee!«
So, mein Freund, das war einer zu viel. Fräulein darf mich auf dieser Welt nur einer nennen: der Klabautermann, und den gibt es nicht. Ich drehte mich ganz langsam um und gab dem unhöflichen Kaffeesüchtel erst mal Grund zur Annahme, dass ich diese Situation im Griff zu haben schien. Kleine Machtspielchen beherrschte ich wie keine andere.
»Bitte?«, säuselte ich betont süß und unschuldig.
»Kaffee!«
An guten Tagen gelingt mir in solchen Situationen ein Blick, der alles und jeden in die Knie zwingt. Dieser Tag war ein guter Tag. Ich fixierte den Mann. Und er? Er drehte sich sofort zu seiner Frau, um diese Bedrohung durch eine Neunzehnjährige nicht alleine aushalten zu müssen. Was für ein Schisser. Mir war natürlich nicht entgangen, dass seine Frau konsequent aus dem Fenster starrte, um auf der Straße die Koffer zu beobachten, die auf ihre Abholung warteten. Von ihr hatte er keine Hilfe zu erwarten. Und so manch anderes auch nicht mehr. Sie hielt anscheinend alles da draußen für weitaus weniger peinlich als ihren Mann. Zu Recht. Sein nervöses Zucken um die Augen herum erfreute mich. Der Mann zeigte Schwächen. Ich zeigte meine Stärken. Damit stand es mindestens schon 1:0 für mich gegen den Schippenlosen. Leider vermasselte meine Mutter den absoluten Heimsieg ihrer Tochter.
»Kaffee? Gerne, selbstverständlich. Kann ich sonst noch etwas bringen?«
Das freundliche Lächeln meiner Mutter entspannte die Situation. Selbst die Frau des Schippenlosen trennte sich nun von ihrer Kofferstudie und antwortete.
»Nein, danke, nur ein bisschen Kaffee. Für meinen Mann. Bitte!«
»Gerne.«
Meine Mutter drehte sich um und lächelte nun auch mich an.
»Kommst du bitte mit, Gesa.«
Ihr Lächeln war nicht echt. Mein Lächeln war es auch nicht.
»Gerne, Mama.«
Was kommen musste, war klar. Eines dieser unzähligen Gespräche über unsere Gäste, meinen fehlenden Respekt und dass wir es uns nicht leisten können, auf Gäste jeglicher Art zu verzichten, jetzt wo Papa … Aber es kam zu keinem Gespräch, denn Wilko schneite durch die Pendeltür, die zur Küche führte.
»Wilko?!«
Die Art, wie meine Mutter den Namen ihres Erstgeborenen aussprach, hatte etwas Magisches. Es schien beinahe so, als könne sie es nach zweiundzwanzig Jahren immer noch nicht begreifen, dass es so etwas wie Wilko wirklich geben konnte. Und dass ausgerechnet sie es war, die dieses kleine Wunder möglich gemacht hatte. Mein Vater spielt in ihrer Vorstellung von Unfassbarem keine Rolle, was leider auch für andere Bereiche ihres Lebens galt.
»Morgen, Mama.«
»Wilko, guten Morgen.«
Erst nahm er Mama in den Arm, dann mich. Wilko konnte gar nicht anders. Er musste ständig alle in den Arm nehmen. ›Mal drücken‹, wie er immer sagte. Mal drücken – Gott, wie ich das vermisse. Meine Mutter hat sich nach seinem Tod von keinem mehr drücken lassen. So als hätte sie Angst, dass sich durch eine fremde Berührung jede Erinnerung an Wilko wegdrücken ließe.
»Na, Schwesterchen, wieder Scheiße gebaut?«
»Wilko?!«
Ich konnte seinen Namen wesentlich ungerührter aussprechen. Für mich war er kein Naturereignis, sondern nur der beste Bruder, den ich mir vorstellen konnte.
»Kannst es nicht lassen, Gesa?!«
Er gab mir eine kleine Kopfnuss, wie es nur große Brüder dürfen, und alles war wieder gut. Im Ernst, alles. Der miese Schippenlose goss seiner Frau den Kaffee ein, den er eigentlich nur für sich bestellt hatte. Er schenkte ihr mit dieser kleinen Geste wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit als während ihres gesamten bisherigen Aufenthaltes auf Nördrum.
Am Nachbartisch spürte Richard plötzlich die Hand seiner Frau an seiner Wange und die gut gemeinte Absicht dieser Geste und der gesamte Frühstücksraum des Möwennestes wurde schlagartig zu einem Zentrum der Harmonie. Kann man kaum glauben, war aber so. Ich war ja dabei. Und solche Situationen gab es oft mit Wilko. Kein Scheiß! Mein Bruder hatte dieses einmalige Talent. Er konnte total beiläufig und spielerisch die Spannung aus jeder Situation ziehen. Einer wie er hätte die Existenzberechtigung der UN-Vollversammlung in Frage gestellt, wenn sie ihn nur mal gelassen hätten. Wilko war einzigartig, ohne es zu wissen. Was ihn liebenswürdig machte und die drohende Arroganz an ihm vorbeiziehen ließ. Meine Mutter verzichtete auf das Gespräch mit mir und ging lächelnd den Kaffee holen. Diesmal war ihr Lächeln echt.
»Der Typ an Tisch elf, stimmt’s?!«
»Stimmt, Wilko.«
»Fies, oder?«
»Hammerfies!«
Was die Bewertung von Gästen anging, dachten wir synchron, immer schon. Wir dachten überhaupt synchron. Na ja, bei den meisten Dingen, aber bei miesen Gästen ganz besonders.
»Ist Papa schon weg?«
»Keine Ahnung, frag Mama.«
»Die weiß es bestimmt noch weniger als du, Schwesterchen.«
Vor dem Fenster zur Hauptstraße winkte Piet unseren Gästen zu. Was unsere Gäste irgendwie wie immer total klasse fanden. Wahrscheinlich, weil es für Festlandmenschen nichts Größeres gibt als Insulaner, die ihnen morgens zuwinken. Weil Piet das wusste, winkte er täglich mehr als die Queen Mum bei einer offiziellen Parade. Sein Winken war nicht ehrlich gemeint, dafür wurde es aber gut bezahlt. Piet machte während der Saison mehr Trinkgeld mit seiner folkloristischen Winkerei im Fischerhemd als mit echter Arbeit.
Wilko verließ das Möwennest durch die Haupttür, warf Piet noch einen schnellen Blick unter Freunden zu und ging dann in Richtung Strand, um den Surfbrettverleih, der seit kurzem unserer Pension angeschlossen war, zu öffnen. Mit Kunden rechnete von uns niemand. Dafür war die Nordsee noch zu kalt, und die wenigen Surfer, die sich trotz der eisigen Temperaturen aufs Wasser wagten, waren Profis. Und die haben eigene Bretter. Egal, Wilko öffnete. Zuerst kommt der Service, und dann stirbt die Hoffnung.
Während Wilko so was wie einen Plan hatte, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Nicht an diesem Morgen. Da lag das Übliche an. Ich meine, ich wusste generell nicht, was ich mit meinem Leben anstellen sollte. So was wie Surfbretter verleihen kam für mich nicht in Frage.
Bis auf die mündliche Prüfung hatte ich mein Abitur bestanden und nicht den Hauch einer Ahnung, was ich nun damit anfangen wollte. Nur eines wusste ich zu diesem Zeitpunkt genau: Ich wollte weg von Nördrum. Weg von dieser Inselidylle mit den angeblich garantierten 212 Sonnentagen, die genau so gelogen waren wie die leeren Versprechungen der Antifaltencremes, die meine Tante täglich an sich ausprobierte.
»Gesa? Was ist denn jetzt mit dem Möwennest?«
»Mama, das hatten wir doch schon.«
»Ich weiß, Gesa, aber du hast mir immer noch nicht geantwortet.«
»Ich weiß nicht, eigentlich … «
»Ein Jahr?! Dann kannst du doch immer noch aufs Festland. Studieren, oder was du willst, egal.«
»Ein Jahr? Nee, echt nicht. Geht nicht. Nicht böse sein, Mama. Hat nichts mir dir zu tun, aber … geht echt nicht. Kein Jahr.«
»Und Papa?«
»Mama!«
»Gut.«
»Bist du mir jetzt böse, Mama?«
»Nein. Sollte ich?«
Manchmal ist es wirklich gut, nicht zu wissen, was kommt. Man würde sich automatisch zu viele Gedanken machen.
Die Robben mussten an diesem Morgen ohne die Heringe unserer Gäste auskommen. Richard verbrachte mit seiner Frau einen ganzen Vormittag auf dem Zimmer im ersten Stock und bekam endlich die Erholung, die er sich so ersehnt hatte.
Ich war bei Tante Nele. Was einfach besser war, als den ganzen Tag Betten zu machen oder schlecht gelaunten Gästen bei ihrer Freizeitplanung oder dem ersten Inselkoller zu helfen. Anfang Mai wimmelt es auf Nördrum von schlecht gelaunten Gästen, weil die es gar nicht zu schätzen wissen, wie unfassbar privilegiert sie gegenüber den anderen sind, die nur fahren können, wie die Schulen es erlauben.
Tante Neles Praxis lag in unmittelbarer Nähe der Hafenmole und wurde nur selten von Einheimischen besucht. Als kleines Kind habe ich immer gedacht, das liegt an dem Fischgeruch, den die letzten beiden noch aktiven Krabbenkutter bei Westwind in die offenen Fenster der Praxis blasen. Wilko hat mir dann aber irgendwann mal erklärt, woran es wirklich liegt: an Nördrum. Hier hatte einfach keiner daran ein Interesse, sein Furunkel, Blinddarmgezwicke oder Krampfaderproblem zum Inselthema zu machen. Wer was hatte, fuhr lieber aufs Festland, um dort alle Diagnosen sicher und vor allem diskret zu parken. Außerdem, wer nicht zu Tante Nele ging, war automatisch eine prima Werbung für das gesundheitsfördernde Klima von Nördrum. Es hat eine Zeit gedauert, bis ich begriff, dass keiner der Einheimischen seine Krankenkassenchipkarte freiwillig bei meiner Tante abgab. Von da an sah ich so manchen Nachbarn, der mit der Fähre aufs Festland fuhr, mit anderen Augen. Ich stellte mir die dollsten Sachen vor, zum Beispiel, wie Meister Ludolf, Nördrums bester Bäcker, sich nach einer ambulanten Tumorentfernung in Emden mit letzter Kraft zur Fähre schleppt, um abends im Hornblower damit zu prahlen. Obwohl das Blut seit Stunden durch den alten Mull suppt.
Meine Tante hatte nie ein Problem damit, dass die Nördrumer sie mieden.
»Den Hintern, den ich morgens durchleuchte, muss ich abends wirklich nicht mehr sehen.«
Als sie mir das zum ersten Mal erklärte, dachte ich natürlich, dass sie von Onno, ihrem Mann, spricht. Sie meinte aber jeden Hintern der Insel.
Tante Nele hatte ihr Auskommen, seit sie sich auf die Touristen spezialisierte, auf die männlichen. Ihre Spezialisierung betrieb sie mit außergewöhnlicher Raffinesse. Die Krankheiten kamen nicht zu ihr. Tante Nele kam zu den Krankheiten. Sie entdeckte sie. Meistens ganz beiläufig, irgendwo auf der Insel. Dort, wo sich die Touristen aufhielten. Im Sommer am Strand und in den Dünen. Im Winter in den zahlreichen Cafés und Gaststätten. Gelegentlich auch im Thermalbad.
»Entschuldigung, nicht aufregen, aber Sie haben da einen komischen Fleck auf dem Rücken, darf ich mir den mal anschauen … ich bin Ärztin.«
In den kälteren Monaten fand sie ihre Kundschaft auch in der frisch renovierten Bücherei neben dem Kurhaus. Ein Kontakthof erster Güte. Und wer sich da zu sehr in die ausgelegten Zeitungen vertiefte und dabei auch noch einigermaßen attraktiv aussah, hatte kurze Zeit später meine Tante am Hals.
»Haben Sie eigentlich schon mal Ihren Augendruck gemessen, ich hab Sie gerade beobachtet, ich glaube, da sollten Sie mal einen Arzt konsultieren. Möglichst bald!«
Obwohl meine Tante keinerlei Möglichkeiten hatte, den Augendruck zu messen, nahm sie die besorgten Patienten gerne auf.
»Eine Ärztin darf auch die Nachfrage schaffen, wenn das Angebot stimmt.«
Wenn ich bloß schon damals gewusste hätte, welches Angebot Tante Nele damit meinte – aber ich schwamm jahrelang im Trüben wie ein Zwieback in entrahmter Milch.
Meine Familie war froh, dass Tante Nele ihr Auskommen hatte, denn noch jemanden hätten wir nicht durchziehen können. Dafür war das Möwennest zu klein. Und seit Onno keinen Cent mehr verdiente, wäre es erst recht nicht gegangen.
Mein Onkel kommt vom Festland. Aus Jemdüm, einem Dorf in der Nähe von Bingüm. Er ist Bestattungsfachwirt und führte jahrelang einen eigenen Betrieb, den er von seinem Vater geerbt hatte. Die Discountbestatter aus dem Ostblock haben ihm irgendwann den Rang abgelaufen und sein Verhältnis zur Kreissparkasse im Norden empfindlich gestört. So viel ich weiß, zahlt Onkel Onno noch heute irgendeinen Kredit ab. Alles, was ihm von damals geblieben ist, sind vier Eichensärge, ein Dutzend »Engelhemden« und ein paar längst abgelaufene Einbalsamierungscremes. Das ganze Zeug steht bei uns im Schuppen, neben den Surfbrettern, die Wilko in den Wellen geschrottet hat.
»Und, hast du Schiss?«
»Vorm Abi? Nee, ist doch nur noch mündlich.«
»Wie, die Klausuren hast du schon geschrieben?«
»Klar, hab ich doch erzählt.«
»Stimmt. Hast du.«
Tante Neles Liebe zu den Patienten war mindestens so groß wie ihr natürliches Talent, alles zu vergessen. Das hatte nichts mit ihrem Alter zu tun. Mit 45 muss man noch durchaus fit sein, besonders geistig. Auch wenn das für eine Neunzehnjährige wie mich ein Alter ist, das nach Bingonachmittagen und betreutem Wandern riecht. Tante Nele war schon immer sehr vergesslich. Ich habe mir mehr als einmal die Frage gestellt, wie sie mit diesem Memoryleck überhaupt ihr Studium geschafft hat. Eine Zeit lang habe ich sogar geglaubt, dass sie gar nicht studiert hatte und all die Jahre auf dem Festland mit studienfernen Dingen verbracht hatte. Oder anatomischen Feldversuchen, die mit Medizin nur im weitesten Sinne zu tun hatten.
»Du schaffst das schon, Gesa.«
»Klar.«
»Und dann?«
»Bitte, jetzt fang du nicht auch noch damit an.«
»Womit?«
Die Frage war überflüssig, sie wusste genau, was ich meinte.
»Ich mach jetzt noch meine Prüfung, und dann bin ich weg.«
»Ja, natürlich, hast du gesagt. Hast du eigentlich einen Freund?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Keine Ahnung! Warum ist die Sonne nicht blau?«
»Weil sie … na ja, mach erst mal deine Prüfung, dann kannst du immer noch einen Freund haben.«
»Ja. Vielleicht.«
»Vielleicht? Jeder braucht einen Freund, einen zum Liebhaben und vielleicht auch noch einen zum Quatschen, im Ideal fall findest du einen für beides.«
»Okay, ich kümmer’ mich drum. Vielleicht.«
Ein Mann betrat das Sprechzimmer, das an diesem Morgen nicht nach Fisch roch, weil der Wind aus Osten kam.
»Wir haben uns gestern im Hornblower gesehen. Sie meinten, ich sollte mal wegen dem Zucken kommen. Obwohl, heute Morgen, da … «
»Wegen des Zuckens.«
»Was?«
»Es heißt wegen des Zuckens.«
»Oder so, von mir aus, was ist denn jetzt wegen dem Zucken.«
»Das schaue ich mir jetzt mal genauer an.«
»Jau.«
»Schön, dass Sie gekommen sind. Bei dem Wetter lohnt es sich ja auch gar nicht, zum Strand zu gehen. So, dann legen Sie doch bitte Ihre Sachen ab, und einmal den Oberkörper frei machen.«
»Es zuckt doch nur am Mund.«
»Das sagen Sie!«
Es war unfassbar, wie Tante Nele ihren Beruf ausübte, aber es machte sie glücklich. So oder so.
»Petri Heil, Tante Nele!«
»Wie meinst du das?«
Ich schüttelte nur den Kopf und überließ das Zucken des Touristen den kundigen Händen meiner Tante.
Draußen schien die Sonne wie schon lange nicht mehr. Wirklich kein Wetter, um an den Strand zu gehen.
»Gesa, kannst du Onno was bringen?«
»Klar, was denn?«
»Egal. Irgendwas, was ihn beschäftigt.«
Sie machte mich zu einer Mittäterin, und ich wusste nicht, was schlimmer war, dass ich ihr an diesem Tag wieder einmal dabei half, ihrer Obsession nachzugehen, oder dass ich Onkel Onno davor bewahrte, Dinge zu sehen, die er bestimmt nicht sehen wollte.
Ich brachte Onkel Onno einen kaputten Gartenstuhl in seine kleine Gartenwerkstatt. Und ich brachte es sogar fertig, ihn anzulügen, ohne rot zu werden.
»Die Lehne ist kaputt, und wenn heute Gäste kommen, wär’s super, wenn wir ihn wieder hätten.«
Onno musterte den Stuhl und hielt den Kopf schief.
»Oh … da ist aber nicht mehr viel dran.«
»Nee, aber du kannst doch bestimmt … «
Er hielt den Kopf noch schiefer. »Oh oh … heute noch?«
»Wenn es geht?!«
»Muss wohl, oder?«
»Danke, Onkel Onno.«
Er war beschäftigt, das war mal klar, und dass der Stuhl an diesem Tag fertig werden würde, auch.
Nur um mein schlechtes Gewissen ein bisschen zu beruhigen, blieb ich anstandshalber ein wenig länger bei ihm, als es nötig gewesen wäre.
»Eines Tages, Gesa, eines Tages, dann hab’ ich das alles nicht mehr nötig, dann bin ich fertig damit.«
»Ich weiß nicht, ich würd’ mich da nicht so drauf versteifen.«
»Ich find’ den Schatz.«
»Is’ irgendwie cool, dass du da so dran glaubst, Onkel Onno.«
Onkel Onno nickte und begann die Lehne des Stuhls abzuschrauben.
Seit einigen Jahren hatte er diese fixe Idee, den Schatz eines berüchtigten Inselpiraten zu finden. Vor zweihundert Jahren oder noch mehr gab es hier angeblich den Kruden Uden, einen Freibeuter, der mit seinen Männern jedes Schiff, das unsere Insel passierte, auf das berühmte Bürdümer Kliff lockte, um es direkt nach der Havarie auszurauben. Natürlich erst nachdem er die Kliffkrabben mit dem Fleisch der überfallenen Besatzung gefüttert hatte. Der Legende nach gibt es noch heute die fettesten Krabben rund um das Bürdümer Kliff.
Dass Onkel Onno für die Mission Schatzsuche das Konto seiner Frau plünderte, beobachtete Tante Nele, ohne mit der Wimper zu zucken.
»Morgen kommt mein Arrett 250, Gesa.«
»Ah ja, super!«
»Du weißt gar nicht, was das ist.«
»Stimmt.«
»Der Arrett 250 mit Performance Package ist der Porsche unter den Metalldetektoren. Er hat wesentlich mehr Diskriminatorstufen als der 150er und eine Suchleistungseinstellung.«
»Cool.«
»Und der 250er hat eine Suchtiefe, die man sonst nur bei wesentlich teureren Detektoren findet. Vier Tiefensuchleistungsstufen, mikroprozessorgesteuerte Elektronik. Wahnsinn, oder?«
»Unglaublich.«
»Es interessiert dich nicht die Bohne, stimmt’s?«
»Ehrlich?«
Onkel Onno winkte ab. Er tat mir leid, denn er war ganz eindeutig auf der Suche nach jemandem, mit dem er die Vorfreude auf diesen Detektor teilen konnte. Dass er es ausgerechnet bei mir versuchte, machte seine Verzweiflung umso deutlicher. Wahrscheinlich gibt es auf der ganzen Welt niemanden, der sich noch weniger für Metalldetektoren interessiert als ich. Onkel Onno musste das wissen.
Tante Nele heuchelte auch kein Interesse. War aber wahrscheinlich froh, dass ihr Mann noch etwas hatte, auf das er sich freuen konnte. Und das hielt ihn auch davon ab, auf Gedanken zu kommen, die sich mit ihren Patienten beschäftigten. Die Gedanken hätten ihn früher oder später in die Praxis geführt. Auf der Suche nach einer Wahrheit, die weder ihm noch Tante Nele gefallen hätte.
»Ich geh’ dann mal.«
»Ja, tu das, Gesa, und bestell’ Wilko ’n schönen Gruß.«
»Mach’ ich.«
Ich drehte mich um und war schon fast aus der Werkstatt, als Onno mich noch um etwas bat.
»Wenn du Nele siehst, sag ihr, dass ich zu tun habe.«
Ich schluckte. Das schlechte Gewissen schoss durch jede Pore meines Körpers.
»Wollte ja eigentlich auf einen Tee in die Praxis kommen. Na ja, geht ja nun nicht. Wenn der Stuhl heute noch fertig werden soll … «
Die Röte in meinem Gesicht sah Onkel Onno nicht, aber ich bin mir sicher, dass er sie ahnte.
Während Wilko sein Leben in die Hände des Zufalls, Glücks, Schicksals oder sonst einer Macht legte, zermarterte ich mir das Hirn. Eine Entscheidung stand an. Mist! Warum muss man sich eigentlich immer entscheiden, was man als Nächstes tun soll, wenn man irgendwas gerade erst zu Ende gebracht hat? Ich finde es nervig. Unangebracht und sinnlos. Was man isst, was man trinkt, wann man auf die Toilette geht, okay, macht Sinn, das kann man kurzfristig planen. Aber gleich das ganze Leben? Sich entscheiden, was man den ganzen verdammten Rest seiner Zeit machen wird? Macht überhaupt keinen Sinn. Wenn man eine Kristallkugel hätte, die einem genau sagt, was kommt und, vor allem, wie lange da noch was kommt, gut, dann könnte man vielleicht mal darüber nachdenken, das eine oder andere zu planen. Allein schon wegen der Endlichkeit und so. Aber keiner hat so ein Teil, das uns die Zukunft so präzise zeigt wie ein Quarzwecker, keiner.
Ich wusste damals noch nicht mal, was ich überhaupt auf dem Festland wollte. Ich wollte wirklich einfach nur weg. Es war kein richtiger Fluchtgedanke, es gab nichts Konkretes, vor dem ich hätte fliehen müssen. Kein richtiger Stress mit den Eltern oder so was in der Richtung. Gut, die normalen Stresspunkte hatten wir natürlich auch, aber nichts, was völlig aus dem Rahmen geknallt wäre. Es gab auch außerhalb der Möwennestidylle keine konkreten Anlässe. Keine unglückliche Liebe, kein Mobbing, kein Nichts. Irgendwas in mir hatte einfach mal diesen instinktiven Marschbefehl gesetzt. So wie die Vögel irgendwann nach Süden ziehen. Die haben ja auch keinen Wecker, der bimmelt und ihnen dann sagt, so jetzt aber mal in die Flügel gespuckt und los! Und irgendeinen anderen Grund haben die erst recht nicht. Aber es ist richtig, was die Vögel tun. Richtig! Nur das zählt. Und deshalb war ich auch davon überzeugt, dass es richtig sein musste, nach neunzehn Jahren diese Insel zu verlassen. In meinem Fall nach Osten. Süden ist was für Vögel oder Sonnenhungrige. Der Osten klang schon immer mehr nach Herausforderung und Abenteuer.
Irgendwas mit Kunst machen wollte ich, vielleicht sogar studieren. Kunst war immer schon ein Thema für mich. Natürlich nicht diese Möwenmalerei mit Kuttermotiven, die bei uns zahlungsfreudige Touristen mit echter Kunst verwechseln. Ich war da immer schon anders. Kunst, die was auslöst – das war mein Thema. Kunst muss im Bauch anfangen. Wenn sie im Kopf beginnt, ist sie nur noch Handwerk.
Ich hatte mir schon früh vorgenommen, für den Fall meiner späten Berühmtheit die richtigen schlauen Sätze auf die üblichen Fragen parat zu haben. Es ist immer besser, sich rechtzeitig mit so etwas zu beschäftigen, um der Peinlichkeit der Spontaneität zu entgehen. Wer vorbereitet ist, labert keinen Mist. Und ich war vorbereitet. Schon Jahre vor dem Ruhm. Die Frage nach der Inspiration meines Schaffens, die künstlerische Urknallfrage, hatte ich längst beantwortet.
›Gab es etwas oder jemanden in Ihrem Leben, von dem Sie sagen, das war die Initialzündung?‹
›Lassen Sie mich einen Moment nachdenken. Ich glaube, es war Jack Goldstein. Ja, Jack Goldstein, ganz klar.‹
Jack Goldstein war ein irrer Vogel aus den 70ern, der sich im Rahmen einer Kunstaktion auf einem Hügel am Rande von Los Angeles bestatten ließ. Die Zuschauer sahen nur eine blinkende Lampe, die im Rhythmus seines Herzschlags in der Nacht zu erkennen war. Ich hatte den Bericht dazu in einem Sender gesehen, der keine Klingeltöne bewirbt. Hat mich umgehauen. Meine Familie fand die Installation grauenhaft. Mich hat sie begeistert. Da hat einer mit dem Bauch gedacht. Die pure Emotion, ohne den ganzen Ballast komplizierten Denkens. Klasse.
Aber Nördrum ist nicht der Ort, an dem man ganz automatisch an Installationen denkt. Eine Insel, die eine betonierte Strandpromenade besitzt, ist ja schon irgendwie an sich eine Installation. Was soll da noch kommen? Die Flut? Mal abgesehen davon, dass es auf Nördrum auch keinen einzigen gescheiten Hügel gibt, der sich für eine Bestattungsaktion oder ähnliches eignet.
Als ich zwölf war und die Inspiration für das komplette Lebensprogramm fast nur aus den Hormonen kam, habe ich meinen ersten nackten Mann an die Westseite des alten Hühnerschuppens gemalt. Mitten im Winter. Realistisch, mit allen Details. Ein Schock für meine Mutter. Woher hatte ihre unschuldige Kleine nur dieses Wissen? Oh Mama, wenn du das gewusst hättest. Damals glaubte sie, alles über mich zu wissen. Was für ein Fehler. Wilko war ihr Sohn, ich war ihr Schatz. Ein Schatz, der nun nackte Männer malte. So was kann sämtliche Erziehungskoordinaten total durcheinanderwirbeln. Meiner Mutter fehlten erst die Worte, dann die passenden Erklärungen und am Ende ein unschuldiger kleiner Schatz.
Nur Tante Nele fand das Bild irgendwie gut, bedauerte aber, dass man es nicht irgendwo aufhängen konnte. Wie auch, war ja direkt auf die verwitterten Holzlatten gemalt. Das Bild hing nicht lange: Mein Vater gab mir wortlos einen Schwamm mit einer Alkohollösung, und eine Stunde später war der nackte Mann am Hühnerschuppen nur noch ein Kapitel abgewaschener Kunstgeschichte. Damals ahnte niemand, was aus mir werden sollte. Vielleicht besser so. Wer weiß, was mit dem Schuppen passiert wäre.
Mein Vater Harald spielte bis jetzt noch gar keine Rolle. Aus gutem Grund. Ich habe Schwierigkeiten, über ihn zu schreiben. Nicht, weil ich eine zu große Distanz zu ihm habe, ich will ihm einfach nur gerecht werden, und das ist verdammt schwer, bei einem, der so wenig von sich preisgab, wie er.
Mein Vater stellte kaum Fragen und gab noch weniger Antworten. Wenn man einen Menschen beschreiben soll, der kaum Zitierfähiges von sich gab, scheitert der beste Chronist.
»Papa, warum lachen die Menschen eigentlich?«
»Gute Frage.«
»Warum haben dich Oma und Opa eigentlich Harald genannt, das klingt so alt.«
»Eben.«
Mein Vater war bis zu Wilkos Tod ein Orchestermusiker. Oboe. So ein Instrument braucht auf Nördrum niemand. Ein Akkordeon wäre okay gewesen, eine Trompete vielleicht auch noch, aber eine Oboe? Er wurde nicht nur durch seine Instrumentenwahl zu einem Außenseiter. Auch seine ständigen Ausflüge aufs Festland wurden argwöhnisch beobachtet. Richtige Nördrumer verlassen die Insel nur, um wichtige Dinge zu erledigen. Oboe spielen gehört nicht dazu.
Dabei war mein Vater ein durchaus gefragter Oboist. In seinen Kreisen galt er als Koryphäe. Berlin, Paris, Rio, Tokio, New York – im Unterschied zu den meisten Inselbewohnern kannte mein Vater diese Städte nicht nur vom Kreuzworträtsel im Inselkurier. Meine Mutter sprach nicht oft über seinen Beruf, aber wenn sie ihn verteidigen musste, schwärmte sie in den höchsten Tönen von ihrem Mann. Manchmal verschenkte sie auch demonstrativ eine der vielen CDs, auf denen mein Vater zu hören war. Eine CD mit einem Nördrumer Namen drauf hinterließ Eindruck, jedenfalls kurzfristig. Die Nördrumer Dünensinger hatten auch eine CD aufgenommen, die in einigen Souvenirshops zum Kauf angeboten wurde. Sie wurde selten gekauft, was außer den Mitgliedern des Chores niemand bereute.
Als ich das erste Mal Zweifel an der Wichtigkeit meines Vaters bekam, da war ich acht oder so und bereits mehrfach seinetwegen gehänselt worden.
»Dein Papa spielte Popo-e, Popo-e, immer mit dem Po-e!«
Das tat weh. Am meisten, weil ich nicht begriff, was an einem Vater, der einzigartig und toll war, so schlimm sein konnte, dass man mich damit hänseln musste. Damals war er für mich der König, der seine kleine Prinzessin über alles liebte und beschützte. Und auf gar keinen Fall ein Mann, der mit seinem Po Oboe spielt, oder sonst was. Jedes Mal, wenn er zur Fähre ging, mit seinem abgewetzten schwarzen Oboekasten und der ausgeleierten Reisetasche, habe ich Rotz und Wasser geheult. Manchmal so sehr, dass Tante Nele mir etwas geben musste.
Als es meine Mitschüler einmal besonders arg mit der Hänselei trieben, gab mir mein Vater einen Satz mit auf den Weg, den ich in den Hänselschlachten wie ein Schwert führte: »Die Oboe ist ein ganz besonderes Instrument. Wer das nicht weiß, hat keine Ahnung. Ihre Töne sind so klar, dass sie vor den Proben und den großen Aufführungen allen anderen Musikern im Orchester den Kammerton a gibt. Das kann nur die Oboe. Nur die, verstehst du?«
»Bist du ein Bestimmer?«
»Im Orchester bin ich das, mein Kind.«
»Und sonst?«
»Gute Frage.«
Während sich Nördrum immer hübscher machte für den erwarteten Ansturm der Touristen, erreichte meinen Vater eine Nachricht, die ihn sehr traurig machte. Wenige Tage vor seinem Aufbruch zu einer Tournee nach China wurde die gesamte Konzertreise abgesagt. Er hatte wochenlang vorher von nichts anderem gesprochen. Was bei ihm eine Menge bedeutete. Wenn er überhaupt über etwas sprach, dann war es ihm wichtig. Diese Reise ließ ihn regelrecht plappern, was besonders meine Mutter freute.
»Was ist passiert, Papa?«
Er reichte mir den Brief. Irgendein Dirigent, dessen Name mir nichts sagte, hatte während eines umjubelten Auftrittes in der MET einen Herzinfarkt erlitten.
»Kann man da nicht einen anderen Dirigenten nehmen?«, fragte ich meinen Vater, der regungslos vor mir stand mit traurigem Blick und hilflos wie ein kleines Kind. »Papa, sag doch was.«
Mein Vater schwieg und ging zum Fenster, als stünde die Antwort auf meine Frage wartend auf der Promenade.
»Papa?«
»Eine Oboe kannst du ersetzen, kein Problem. Aber einen Dirigenten? Nee, das geht nicht. Das geht einfach nicht.«
»Das stimmt doch nicht, das ist doch totaler Quatsch.«
Er war nicht mehr in der Lage, mit mir zu reden, und es war besser, ihn nicht weiter zu drängen.
