Neuanfang oder so ähnlich - M. E. Wuchty - E-Book

Neuanfang oder so ähnlich E-Book

M. E. Wuchty

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Beschreibung

Akademikerin, 35, sucht Perspektive. So oder so ähnlich würde Carmen ihr Leben zur Zeit beschreiben, denn so, wie es jetzt ist, kann es für sie einfach nicht weitergehen. Männer, Job - hinten und vorne hakt es. Weil aber ein Neuanfang nicht so einfach vom Himmel fällt, beschließt sie, etwas zu ändern. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

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Seitenzahl: 654

Veröffentlichungsjahr: 2015

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M. E. Wuchty

Neuanfang oder so ähnlich

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Dank

Impressum neobooks

Prolog

„Ist es das wirklich? Das Beste, was ich erreichen kann?“

Mit dieser Frage fing es an und ich stellte sie mir im zarten Alter von 35.

Nun, ich stellte diese Frage nicht nur mir selbst, wobei sie eine gehörige Portion Selbstvorwurf enthielt, sondern auch einer höheren Instanz, deren Ernsthaftigkeit in Bezug auf mein gegenwärtiges Schicksal ich damit anzuzweifeln gedachte.

Manchmal tat ich das. Die Augen gen Himmel richten und ein ganz und gar unverschämt kindliches „Hä? Du beliebst wohl zu scherzen!“ in den Äther zu entlassen.

Die ganze harte Arbeit, all das Bemühen, Überwinden von Hindernissen und Tiefs, für gefühlt mehr oder weniger einen Schmarrn? Es ging mir nicht darum, mit 30 eine Million Euro auf dem Konto zu haben, oder einen Nobelpreis an der Wand oder ähnlich hochfliegende Ziele erreicht zu haben, ich wollte eine Perspektive! Dummerweise bot mir das, was ich hatte, nicht nur keine Perspektiven, mir graute richtiggehend davor, dass es so oder so ähnlich weitergehen würde.

An diesem bestimmten Tag stellte ich also mir und dem Universum diese Frage: „DAS? Allen Ernstes?!“ Ganz bewusst und weniger kindlich.

Um Ihnen die Situation leichter begreiflich zu machen, stelle ich mich jetzt am besten vor:

Ich, Carmen Royner, bin, wie bereits festgehalten, tattrige 35, Diplomingenieurin, arbeite im Lebensmittelbereich und ich habe einen Freund - oder so ähnlich. Außerdem bin ich die Tochter zweier bewundernswerter Menschen, die sich mit ihrer Hände und Köpfe harter Arbeit aus mehr oder weniger Nichts ein gemütliches, sicheres und liebevolles Heim geschaffen haben. Mein Bruder und ich waren stets gut genährt, gekleidet und geliebt und wurden, so gut es ging, auf das Leben vorbereitet.

Felix, der jüngere von uns beiden, war auch immer der „Bessere“, bei fast allem, egal, ob Sport, Schule oder was auch immer. Nur den Altersunterschied, den konnte er nie wettmachen, der kleine Streber. Für das Empfinden einer älteren Schwester, war er auch immer der Geliebtere. In den Zeiten, als man uns beide nicht unbeaufsichtigt allein in einem Raum lassen konnte, nannte ich ihn immer den „kleinen Prinzen“. Vor allem, um ihn zu ärgern und das hat es. Dennoch, ich hatte immer das Gefühl, er profitiere von dem, was ich mir hart erkämpft hatte und ich fand es unfair! Noch dazu wurde dieses kleine Balg von vorne bis hinten verhätschelt! Er durfte sich so viele Dinge erlauben, die ich mir im Leben nicht hätte erlauben dürfen! Unfair hoch Drei! Um zu erkennen, wie subjektiv die Wahrnehmung in diesen Situationen und vor allem diesem Alter ist und dass auch Eltern nur Menschen sind und schwierigere Kinder (und mein lieber Bruder war ein schwieriges Kind, glauben Sie den Worten unserer Mutter) mehr Aufmerksamkeit und „Arbeit“ verlangen, habe ich Jahre gebraucht. Es macht nichts, speziell in der Rückschau, denn so wurde ich die emotional Unabhängigere, schneller persönlich selbständig – hat Vorteile, kann einem aber auch manchmal ganz schön den Boden unter den Füßen wegziehen.

Mein lieber Bruder, diese kleine Intelligenzbestie mit einem IQ jenseits der Schallmauer, hat seine Begabung auch entsprechend genutzt und eine Karriere im akademischen Bereich eingeschlagen. Es wäre meiner Meinung nach auch Verschwendung gewesen, diesen begnadeten Theoretiker mit einem Talent zum Unterrichten, in der Privatwirtschaft zu verheizen.

Tja, die große Schwester hat zwar keine Chance auf den Nobelpreis (meinen IQ erreichen Sie locker mit einem Mittelklasseauto), aber dafür hab ich beim Hausverstand laut und deutlich „HIER!“ geschrien.

Sehen Sie, ich bin eine Frau, die ihre Freunde und Freundinnen dazu bringt, eine Selbsthilfegruppe mit dem Titel „Hilfe, meine Freundin ist praktisch veranlagt!“, zu gründen. Die Idee mit der Selbsthilfegruppe hatten übrigens zwei meiner lieben Freundinnen, als wir zu viert bei einem Brunch zusammen saßen. Eine der Vier darf, wie ich, Diplomingenieurin vor ihren Namen schreiben und hantiert auch genauso gern und geschickt mit Werkzeug. Irgendwann kam zur Sprache, dass sie für eine Nachbarin in deren Abwesenheit die Blumen gießt und wir begannen, uns zu überlegen, wie man sich das Leben diesbezüglich einfacher machen konnte. Lange Geschichte, kurzes Ergebnis: Wir waren am Ende bei einer Regentonne mit einem Wasserstandsmesser und Anschluss an die Wasserleitung, sowie einer zeitgesteuerten Pumpe angelangt. Die beiden anderen Frauen am Tisch sahen uns nur ungläubig an und beschlossen, sie gründen jetzt eine Selbsthilfegruppe mit eben jenem oben genannten Titel. Seither war das ein geflügeltes Wort. Und ja, ich besitze einen Bohrhammer und kann damit umgehen und ich weiß auch, wie man einen Hammer richtig herum hält. Reifen wechseln bei meinem Auto, Abblendlichter tauschen und das Auffüllen der Scheibenwaschflüssigkeit ist auch kein Problem.

Darüber hinaus bin ich nicht hässlich (glaube ich jedenfalls): Rotblondes, langes Haar, graublaue Augen, hohe Backenknochen, volle Lippen und meine 1,70 m passen recht gut in Größe 38. Abgesehen davon kann ich mich sowohl in Sportschuhen als auch in Highheels durchaus graziös bewegen, wobei ich, zugegeben, öfter in der flachen Variante anzutreffen bin.

Ich habe einen Job, bei dem ich mehr verdiene als der durchschnittliche Mann und ich habe auch keine Hemmungen, die Männer in der Firma, in der ich arbeite, herumzuscheuchen und ihnen zu sagen, wie herum die Welt sich dreht.

Oh, noch eines: Die Rolle des hilflosen Weibchens (gespielt oder nicht) liegt mir nicht, Mund halten auch nicht und bevor ich um Hilfe bitte, habe ich mich mit dem Problem wahrscheinlich schon drei Mal halb umgebracht. Letzteres ist zwar weder vernünftig, noch auf lange Sicht gut für die Gesundheit, aber ich wäre auch nicht die Erste, deren falscher Stolz sie an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringt (ganz zu schweigen davon, dass meine innere Dramaqueen dann immer die Zeit ihres Lebens hat).

In kurzen Worten: Ich bin ein Albtraum für ungefähr 98% aller männlichen Egos. Und wie es schein, ganz besonders für das Ego jenes Exemplars, das sich da mein Freund nannte.

Kapitel 1

Ich war also mit einem Mann zusammen, dessen Ego/Selbstüberschätzung in etwa gleich groß war, wie seine Selbstzweifel/Minderwertigkeitskomplexe - eines übrigens so nervtötend wie das andere und um das Paket zu vervollständigen, kam zur Tarnung all dessen auch noch eine „Sensibilität“ hinzu, die ich in der Rückschau maximal als Zickigkeit beschreiben würde.

Klarerweise stellt sich hier jede intelligente Person die Frage, wie ich mit ihm zusammen gekommen und warum um alles in der Welt ich noch mit diesem Mann zusammen war, der mir so offensichtlich nicht gut tat. Glauben Sie mir, ich habe mir diese Frage selbst gestellt und die wenig schmeichelhafte Antwort war: Zusammengekommen waren wir, weil ich wieder einmal ein Opfer meiner eigenen Muster geworden war und noch immer zusammen waren wir aus Bequemlichkeit und der Angst vor dem Alleinsein. Man gewöhnt sich zu schnell an die Anwesenheit einer anderen Person. Selbst, wenn es diese Person irgendwie darauf anzulegen scheint, einen in den Wahnsinn zu treiben.

Was aber brachte das Fass letztendlich zum Überlaufen und mich zur Besinnung?

In meinem Fall war es eigentlich eine Kleinigkeit (aber ist es das nicht immer?). Ich hatte einen schon älteren, wunderschönen, dreieckigen Wohnzimmertisch aus Buchenholz. Ein nicht alltägliches Stück mit einer ebenso dreieckigen Glasplatte in der Mitte. Wie an allem, nagte auch an ihm der Zahn der Zeit und es erfüllte mich mit ein wenig Kummer. Oft schon dachte ich darüber nach, ihn abzuschleifen und neu zu lackieren, aber ich scheiterte – raten Sie! – an eingebildetem Zeitmangel und meiner inneren Abneigung, Hilfe für dieses Unternehmen in Anspruch zu nehmen. Eines schönes Abends dachte ich wieder einmal laut über mein Vorhaben nach, was bei – nennen wir ihn einfach D – zu einem spontanen Begeisterungsausbruch führte.

„Super Idee! Das wär doch wieder einmal was, das wir gemeinsam machen könnten!“

Um ehrlich zu sein, war ich etwas überrascht. Der Mann machte sich nicht gern die Hände schmutzig. Sie sollten einmal sein Badezimmer sehen! Oh, natürlich, ich verstehe, putzen ist etwas Anderes.

Nun, ich versuchte also, die Termine von drei Personen unter einen Hut zu bringen. Drei deshalb, weil ich mich letztendlich durchgerungen hatte, einen lieben Freund, seines Zeichens Tischlermeister mit einer eigenen Werkstatt, um seine Expertise zu bitten. Rudi und ich hatten auch schnell ein Wochenende im Auge, an dem er mir persönlich und mit seinem Werkzeug zur Seite stehen konnte, D jedoch fand eine Ausrede nach der anderen: Einmal war es ein „spontanes“ Treffen mit Freunden, dann wollte er lieber ins Kino gehen, wieder ein anderes Mal war er zu müde, weil seine Arbeitswoche ihn „physisch so ausgelaugt hätte“ – der Mann hatte einen Bürojob, um Himmels Willen! Und jedes Mal sah er mich treuherzig an und fragte, ob es für mich in Ordnung war, wenn wir die Renovierung meines Wohnzimmertisches verschieben könnten, weil „er wolle ja soooo gern dabei sein“.

Nachdem ich also Rudi drei Mal abgesagt und zu den Eskapaden meines Freundes geschwiegen hatte, trank ich inzwischen zwei Liter Käsepappeltee am Tag, um meine aufflammende Gastritis in den Griff zu bekommen, ganz zu schweigen von den unzähligen Thomapyrin, die ihren Weg in meinen Organismus gefunden hatten, um meinen schmerzenden Schädel zu beruhigen.

Eines schönen Morgens wachte ich auf und fand mich überrascht in einem Zustand wieder, den ich nur als „beinahe erleuchtet“ beschreiben konnte. Das mit D und mir hatte keine Zukunft, in vielerlei Hinsicht, genauso wenig, wie abzuwarten, dass sich der Beste dazu durchrang, endlich seinen Hintern in Bewegung zu setzen und bei meiner „Ich renoviere meinen Wohnzimmertisch“-Aktion mitzumachen. Ich beschloss, meinem Wohnzimmertisch und mir noch eine Chance zu geben, fragte meinen befreundeten Tischler ein letztes Mal schüchtern um einen Termin und zuckte mit keiner Wimper, als D wieder etwas Besseres vorhatte. Weder wunderte es mich, noch juckte es mich am Hinterteil, als er mir am Donnerstagabend freudestrahlend eröffnete, dass einer seiner Freunde eine Radtour geplant hatte und er mitfahren wollte. Stattdessen schluckte ich eine Bemerkung, die sinngemäß widergegeben hätte, dass dies wohl auch die einzige Gelegenheit sei, bei der er seinen Hintern auf ein Rad schwünge, zu einem anderen Behufe, als zur Arbeit zu fahren. Selbst planen, selbst organisieren und ausführen, was mit seinem Job nichts zu tun hat, war des Aufwandes zu viel und … Lassen wir das.

Wie gesagt, es flanierte mir inzwischen an der Avenue du derrière vorbei, so hatte ich freie Hände und Ellenbogen. Rudi lachte schallend, als ich ihm am Telephon davon erzählte.

„Mädel, der Typ tut dir echt nicht gut!“

„Erzähl mir etwas, das ich noch nicht weiß“, grummelte ich.

„Ich hol dich am Samstag um Neun ab“, lachte er, bevor er auflegte.

An diesem Samstag überlegte ich ernsthaft, ob ich das Richtige gelernt hatte. Es hat total Spaß gemacht, mit der Schleifmaschine zu arbeiten! Natürlich wollte Rudi vermeiden, dass ich mich verletze, aber er hatte auch Vertrauen in meine Fähigkeiten und mit ein bißchen Hilfe wurde ich in wenigen Stunden zur Königin der Schleifmaschine! Haha, nimm das! Dann noch die eine oder andere Schicht Lack und des Abends saßen wir beide bei mir, bei belegten Broten und ein paar Bier und sahen uns Zeichentrick-DVDs an. Auch etwas, das wir gemeinsam hatten, wir mochten beide Cartoons und ich hatte Rudi gern um mich, mit seiner ruhigen, unprätentiösen Art.

Am Sonntagabend konnte ich mein Tischlein im neuen Glanze wieder in mein Wohnzimmer stellen. Hach, diese Freude!

Meine stillverzückte Versunkenheit wurde von einem Anruf meines Freundes unterbrochen, der sich von der Radtour zurückmeldete und sich beschwerte, dass ihm seine Knie weh täten, weil sein Freund den Sattel seines Rades falsch eingestellt hätte.

„Und? Was soll ich jetzt tun? Gerald anrufen und ihn schimpfen?“ fragte ich spitz. Ich hatte dieses Gemaule so satt, vor allem weil er das scheinbar nur bei mir machte und von mir zu erwarten schien, dass ich jetzt meinen Zauberstab auspackte und auf wundersame Weise wieder alles ins rechte Lot brachte. War mein zweiter Vorname Hermine?!

„Du bist alt genug, du hättest deinen Sattel auch selbst einstellen können“, fügte ich trocken hinzu.

Am anderen Ende der Leitung herrschte kurz Schweigen.

„Ja, wie auch immer … kommst du vorbei?“

Wozu? Um mir anzuhören, wie weh ihm die Knie taten? Oder um Krankenschwester zu spielen? Nein, danke, keine Lust.

„Mmm, nö“, sagte ich gut gelaunt, „Ich hab heute noch was vor.“

„Was hast du denn heut noch vor?“ Oh, die Überraschung war unüberhörbar! Scheinbar hatte er erwartet, dass ich zu Hause saß und seiner Heimkehr harrte! Ätsch, nix da.

„Oh, Mist, so spät schon! Ich muß los! Ciao, ciao!“ flötete ich in den Hörer und legte auf.

Zufrieden pflanzte ich meinen Hintern auf die Couch, meine Füße auf meinen frisch renovierten Wohnzimmertisch, futterte Chips und sah mir „Armageddon“ im Telewischer an (eines der Filmplakate hätte lauten können: Nie wieder Beziehungsstreß, versprochen!).

Scheinbar hatte meine Taktik bei D eine Art Alarm in Gang gesetzt, denn am nächsten Tag, kaum, dass ich von der Arbeit nach Hause gekommen war, läutete das Handy und er schnurrte mich an, ob ich ihn heute sehen wollte. Meinetwegen, seufzte die innere Stimme und tatsächlich stand er keine halbe Stunde später vor der Tür, lächelnd und gurrend, wie Valentino. Diese Masche kannte ich schon, so benahm er sich, wenn er Sex wollte. Auch recht, denn bekommen würde er ihn nicht, nicht von mir, nicht heute.

Als D mein Tischlein im neuen Kleide erblickte, erstarben Lächeln und Gurren, er runzelte die Stirn, setzte sein „Ich bin so arm, weil keiner auf mich Rücksicht nimmt!“-Gesicht auf, verzog den Mund und maulte: „Ich wollte doch dabei sein! Immer lässt du mich außen vor, wenn du etwas mit deinen Freunden machst!“

Im ersten Moment holte ich vor Fassungslosigkeit tief Luft, dann entschied ich mich für die ultimative Antwort, die eigentlich schon lange fällig war: „Weißt was, hupf in Gatsch und schlog a Wöll´n!“ (Für alle, denen das ostösterreichische Idiom nicht so geläufig ist, hier die Übersetzung: Rutsch mir den Buckel runter!).

Seine Erwiderung war Sprachlosigkeit. Ich gab ihm keine Erklärung, es gab keine Entschuldigung, kein gar nichts, außer einem Rauswurf. Wozu? Sollte ich ihm aufzählen, dass er drei Termine gecancelt hatte, weil ihm „nicht danach war“, dass es egal gewesen wäre, wie oft ich ihn gefragt hätte, wie lange ich darauf gewartet hätte, ob der Gnädigste endlich Zeit und Lust hat – ziemlich egal, wenn es um etwas ging, das mir wichtig war? Oder hätte ich ihm sagen sollen, dass sich die Welt nicht um ihn drehte und alle darauf warteten, dass er endlich den Arsch in die Höhe bekam, um dann, wie in einem schlechten Werbespot, um ihn herumzuscharwenzeln, auch, wenn es ursprünglich und eigentlich nicht um ihn ging?

Wissen Sie, D war einer von den Typen, die immer zu spät kommen und beleidigt sind, wenn man sich über ihre Unhöflichkeit beschwert. Oder wie gerade, beleidigt, weil man einfach keine Lust mehr hat, sich nach ihm zu richten. Abgesehen davon war die ganze Welt schlecht, er furchtbar arm und immer das Opfer – von Menschen oder Umständen, egal. Und überhaupt waren alle anderen nur und ausschließlich dazu da, ihn zu unterhalten, sich um ihn zu kümmern und ihn zu therapieren! Nämlich! Weil er hatte ja fast jedes verfügbare Buch zum Thema Selbstwert, Bewusstseinsbildung und persönliche Weiterentwicklung gelesen, das auf dem Markt verfügbar war und liebte es, über seine Erkenntnisse zu dozieren. Meine Erkenntnis diesbezüglich hatte sich im Laufe der letzten Monate dahingehend verdichtet, dass er vor allem eines herausgefunden hatte: Dass immer die anderen Schuld hatten und wie man diese Schuld möglichst überzeugend transportiert. Blöd nur, dass sich die Welt im Allgemeinen und manche Menschen im Besonderen irgendwann nicht mehr darum scherten.

Ich für meinen Teil war es endgültig leid, Mutterersatz, Therapeutin und Projektionsfläche für seinen Frust und seine Respektlosigkeiten zu sein, die Verliebtheit, die mich all das hatte ertragen und rechtfertigen lassen, war einen traurigen Tod gestorben und an ihre Stelle war etwas getreten, was ich schon viel früher aus dem Koma hätte holen sollen: Das Bewusstsein für meinen Selbstwert. Also besann ich mich darauf, erkannte von einer Sekunde auf die andere, dass ich so ein Weh (ostösterreichisch für Trottel) nicht notwendig hatte und setzte ihn vor die Tür.

„Bitte von außen schließen, danke!“ waren meine letzten Worte an ihn.

Dass es ihn tief getroffen hatte, konnte ich deutlich sehen, dass es ihn verwirrte, auch. Seine Verwirrung rührte daher, dass ich normalerweise sehr verständnisvoll und tolerant ihm gegenüber gewesen war – kleiner Nachteil eines großen Herzens und von Verliebtheit. Wahrscheinlich erwartete er eine wortreiche Erklärung oder eine Entschuldigung, die er bis dato ja auch immer bekommen hatte, meistens inklusive einer tätigen Wiedergutmachung. Nun ja, ich hatte ein für alle Mal die Schnauze voll davon, immer den Schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen und lang und breit erklären zu müssen, warum auch ich das Recht hatte, mit Respekt und Anstand behandelt zu werden. Die rosarote Brille war im Müll gelandet und was den Rest betraf – siehe oben.

Ok, jetzt war ich also den Mann endgültig los, dachte ich wenigstens. Obwohl ich erleichtert war und das Gefühl hatte, dass mir eine Riesenlast abgenommen worden war, nagte da doch noch etwas an mir. Ich hatte aufgegeben, war gegangen, anstatt zu kämpfen. Normalerweise tue ich das, nicht nur, weil ich so erzogen wurde, sondern weil ich überzeugt bin, dass es eine Lösung für jedes Problem gibt. In meinem Hinterkopf erschien die Frage: Hatte ich wirklich alles getan, was notwendig gewesen wäre, um diese Beziehung zu retten, oder hatte ich einfach den bequemeren Weg gewählt? Es braucht zwei, um eine Beziehung zu führen und auch zwei, um sie zu ruinieren. Es war ja auch nicht das Gefühl gewesen, dass er nicht gewollt hatte, eher die Tatsache, dass er nicht gewusst hatte, wie! Hätte ich ihn noch mehr unterstützen müssen, mehr tun, oder hätte ich …?

Ich konnte mir selbst die Frage nicht fertig stellen, weil sich plötzlich eine sehr laute, sehr bestimmte und eindeutig wütende Stimme meldete, die mir mitteilte, ich hätte getan, was mir möglich gewesen war und wenn er nicht erkennen konnte, was er gehabt hatte, solle er sich doch bitte einer Lobotomie unterziehen, damit wenigstens etwas Licht in dieser Gehirn gelangt! Wir sind alle für unser Glück selbst zuständig und in einem seiner Bücher stand dieser Satz auch garantiert drin!

Ich weiß, ich kann ein Miststück sein, und wie es scheint, auch mein Unbewusstes, aber es half mir, meine Selbstvorwürfe zu begraben und mit neuem Optimismus in die Zukunft zu schauen.

Wenn man eine Beziehung beendet hat, gibt es zwei Arten, weiterzumachen: Man stürzt sich auf die nächste, oder man legt eine Pause ein. Bei mir war es gemischt. Je nachdem, wie die letzte Beziehung zu Ende gegangen war, hatte ich Lust, mich auf eine Neue einzulassen.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen noch etwas über mich verraten und gestatten Sie mir die Kleinkind-Metaphorik: Die meisten meiner „Partnerschaften“ hatten das Stadium des Laufen-Lernens, also die neun bis zwölf Monate knapp erreicht, bevor sie den Bach runtergingen. Sehr, sehr wenige hatten es zum selbständigen Laufen gebracht und nur eine einzige hatte es in den Kindergarten geschafft, bevor ich dahinterkam, dass mein Freund mich betrog und ich Schluss machte. Bei aller Wertschätzung für eine Beziehung hatte ich also sehr wohl auch meinem Singledasein gefrönt, wie man das so schön Neudeutsch sagt und ich habe mich in diesem Zustand eigentlich immer sehr wohl gefühlt. Sei es, dass ich dann meine Unabhängigkeit zu sehr liebte oder einfach keine Lust auf die Auseinandersetzungen oder die Arbeit hatte, die eine Beziehung mit sich brachte. Es konnte natürlich auch sein, dass ich mir während meiner Singlephasen sehr viele Gedanken darüber machte, was denn falsch gelaufen war, oder ob ich einfach zu nett und verständnisvoll für den durchschnittlichen Mann war und dann konnte ich keinen von jenen gebrauchen, um meine tiefgreifenden Denkvorgänge zu unterbrechen, ganz speziell dann nicht, wenn Alkohol und andere Frauen involviert waren.

Außerdem ist es so schön, seine Wohnung ganz für sich allein zu haben und seine Zeit nicht damit zu verbringen, den verkümmerten Selbstwert eines Mannes aufzubauen, der gleichzeitig meint, die Weisheit der Welt mit dem ganz großen Löffel eingeflößt bekommen zu haben. Nicht zu vergessen, dieses wunderbare Naturereignis namens „Freundinnen“. Eine davon arbeitete glücklicherweise auch noch in derselben Firma wie ich.

Am nächsten Morgen also begaben Veronika und ich uns zur traditionellen Gewerkschaftspause in den Lichthof. Ihrem scharfen Auge entging mein veränderter Beziehungszustand natürlich nicht und sie fragte sehr vorsichtig: „Wie geht´s dir? Du wirkst etwas …“, sie kniff die Augen leicht zusammen und machte eine abwägende Handbewegung, „… verändert.“

Für einen Moment hielt ich die Luft an, dann sagte ich: „Unbemannt und glücklich damit!“

„ Wer hat wen …?“

„Hm, genau genommen, wir einander und das schon vor langer Zeit, aber keiner von uns hat den Arsch in die Höhe bekommen und endlich Schluss gemacht.“

„Wusah! Ich bin so stolz auf dich!“ kicherte sie und machte eine winkende Bewegung mit gespreizten Fingern. Sie kannte die ganzen Geschichten und Bonmots und hatte sich auch nie zurückgehalten, wenn es darum gegangen war, mir die Meinung zu sagen. Hätte ich nur früher auf sie gehört.

„Alkohol am frühen Morgen? Drogen? Medikamente? Krieg ich das auch?“ fragte ich lachend.

Ein paar Minuten, sprich, eine Zigarettenlänge und eine Tasse Kaffee später, traten Frau Kollegin und ich aus der Teeküche auf den Gang und stießen mit ihrem Chef zusammen. Unwillkürlich musste ich bei seinem Anblick immer an eine nervöse Bulldogge denken – er hatte einen Tick, dass er immer zu zwinkern anfing, wenn er mit jemandem sprach, dazu kam dieses runde Gesicht mit leichten Hängebacken – fehlte nur noch, dass er irgendwann bellte.

„Carmen, machst du morgen den Hygienerundgang?“

„Yep.“

„Veronika, ich hätte dich gerne dabei. Vier Augen sehen mehr als zwei und ich hab keine Lust.“

Klare Ansage, wenn auch völlig unangebracht, der Mann war Qualitätsmanagementbeauftragter und „hatte keine Lust“? Pardone moi! Was machte er, wenn wir jetzt sagten, wir hätten auch keine?!

Veronika und ich wechselten einen langen Blick. Dann zuckten wir gleichzeitig mit den Achseln und meinten unisono: „Machen wir.“

Sehen Sie, der einzige Unterschied zwischen meiner Beziehung und meinem Job war die Bezahlung – für diesen Job wurde ich wenigstens einigermaßen gut bezahlt. Aber sonst? Kindergarten, Sandkiste, Streit um des Kaisers Bart, Umschichten heißer Luft, beleidigte Sensible – ich machte mir manchmal Gedanken, ob ich nicht eigentlich das Falsche für diesen Job gelernt hatte. Kindergärtnerin oder Hamsterdompteuse schien mir, wäre die bessere Wahl gewesen, je länger ich in diesem Hause Dienst tat.

Das war nicht immer so gewesen. In meinen Anfangstagen in dieser Firma war ich neugierig gewesen, begierig zu lernen und mich zu etablieren.

Es hat Zeiten gegeben, da freute ich mich über jedes einzelne Mal, wenn jemand mich geschäftlich zu sprechen wünschte. Egal, ob der Anruf mich persönlich betraf, oder, ob ich nur an einen Kollegen, eine Kollegin verweisen konnte - es gab mir ein Gefühl von Wichtigkeit, des Wahrgenommen-Werdens. Eine Befriedigung, dass das professionelle Ich seine Daseinsberechtigung unter Beweis stellen kann! Wenn man schon sonst auf Ersatzmutter und Therapeutin reduziert wird.

Gefragt zu werden bedeutete, dass man wichtig war, dass deine Meinung wichtig war, dass … dass man irgendwann den Fehler machte, sich tatsächlich zu bemühen, sich Gedanken zu machen, entgegen allen Regeln Entscheidungen zu treffen und seine Meinung und Entscheidung auch tatsächlich ernst zu nehmen, ohne sich eine Ausrede zu überlegen, wie man sich später wieder herauswinden konnte. Es bedeutete, dass man irgendwann zur universell Zuständigen (oder auch Trottel für alles) gemacht wurde. Und inzwischen nervte dieses Telephon nur noch tierisch.

Aber bei all dem hatte ich mir ja wieder eine Oase der Ruhe geschaffen – zu Hause. Heim kommen, die Tür hinter sich zu machen und die Welt sich eine Runde ohne mich drehen lassen.

Dennoch, bei aller Freude über das Singledasein war ich doch immer wieder verblüfft, wie ich es schaffte, einen ganzen Tag mit völlig sinnlosen Dingen zu verbringen, wenn mir langweilig war, wie zum Beispiel fernsehen. Mit erheblichem Schrecken musste ich dann am Ende des Tages feststellen, dass ich wieder Stunden mit dieser „Tätigkeit“ verbracht hatte.

Tätigkeit? Habe ich das wirklich gerade als Tätigkeit bezeichnet? Dieser Begriff impliziert „Tun“! Entweder mit dem Körper oder dem Gehirn oder wenigstens irgendetwas! Tatsächlich tat sich aber während des TV-Glotzens herzlich wenig bei mir. Hin und wieder schob ich den Popsch ein wenig auf der Couch hin und her, damit er nicht einschlief, aber sonst? Fernsehen ist eine absolut schlechte Gewohnheit, stellte ich fest, deshalb wurde mir dabei auch häufig langweilig. Kein Scherz. Ich weiß, ich weiß, ich war irgendwie ein Paradoxon in mir selbst. Ich drehte den Fernsehapparat auf, weil mir langweilig war und dann wurde mir erst recht langweilig dabei. Dummerweise war ich aber im Moment zu träge, mir etwas Besseres einfallen zu lassen, speziell nach einem Arbeitstag, nach dem mir die Motivation fehlte, etwas Anderes zu tun, als mich berieseln zu lassen. Und mir waren in letzter Zeit auch keine guten Bücher untergekommen.

Kapitel 2

Also stand ich trotz der Veränderung wieder am Anfang und bei der Frage: „Ist es das wirklich? Das Beste, was ich erreichen kann?“

Weder konnte, noch durfte die Antwort „Ja“ lauten! Abwechslung musste her und zwar pronto! Also begann ich, in einem Chor zu singen (keine Angst um ihre Gläser, ich strebte keine Solo-Karriere an, ich bin auch kein Sopran, also nix mit hohem C). Nun, ich hatte zwar keine musikalische Ausbildung, das einzige Instrument, das ich spielte, war mein mp3-Player, aber trotzdem machte es Spaß und ich zeigte sogar ein gewisses Talent! An dieser Stelle meinen innigsten Dank an meine Eltern, die mir ein gerüttelt Maß an Musikalität und ein gutes Gehör vererbt haben und an unseren Chorleiter, dass er mich nicht gleich wieder heimgeschickt hat.

Wir waren zwar samt und sonders Amateure – ich war sogar musikalische Anarchistin! Wie angedeutet, konnte ich nicht einmal Noten lesen, geschweige denn vom Blatt zu singen und manchmal sang ich auch etwas ganz Anderes – aber wir hatten den weltbesten Chorleiter und wir waren mit Herz und Seele dabei und dadurch waren wir auch wirklich gut! Darüber hinaus lernte ich einige Menschen kennen, die mir auf Anhieb sympathisch waren und mit ein paar von ihnen freundete ich mich sehr schnell an. Also gab es in meinem Leben ab sofort einen Abend, auf den ich mich mehr als auf jeden anderen freute.

„Mist“, dachte ich nach einem Blick auf die Uhr. Es war schon Viertel nach Sechs, die Straßenbahn brauchte noch vier Minuten, bis sie endlich kam und das hieß, ich kam gnadenlos zu spät zur Chorprobe. Mit einem Seufzen ergab ich mich in mein Schicksal. Es hätte auch nichts geändert, hätte ich mich darüber geärgert.

Raschen Schrittes eilte ich dann von der Haltestelle zum Probenlokal und stürzte die Stiegen in den ersten Stock hinauf. Eine Viertel Stunde Verspätung ist noch vertretbar. Möglichst leise versuchte ich, in den Probenraum zu schleichen, flüstere ein halblautes „Hallo!“ in Richtung Georg, unseren Chorleiter, und steuerte auf einen freien Platz bei den Tenören zu. In der letzten Reihe links außen, weil ich ersten Tenor sang. (Tenöre? Wie jetzt? Ja, tatsächlich, ich sang Tenorlage, bei Frauen heißt diese Stimmlage „Kontraalt“ und kommt in Amateurchören gar nicht so selten vor. Auslöser war Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Herren am Kreuze“, bei dem die Tenorlage so hoch notiert ist, dass eine Frau zwar keine Probleme damit hat, die Herren sich aber sehr plagen müssen und teilweise auch abschmieren. Also „opferte“ ich mich und die anderen Tenöre empfanden es sogar als Verstärkung, weil ich eben locker nach oben kam und auch oben blieb. Danach bin ich bei den Knaben geblieben, weil sie sich leider nicht wundersam vermehrt hatten. Sie sehen, verwöhnt waren die Männer in diesem Chor wirklich nicht).

Auf dem Weg zu meinem Stammplatz winkte ich Rita zu und wurde danach von Adam mit einem leisen: „Hallo, schönste aller Tenörinnen!“ begrüßt.

„Habt Dank für den Rosenstrauch!“ flüsterte ich zurück und schaute nach links, um zu sehen, wer sonst noch da war. Eigentlich rechnete ich ja nur mit Wolfgang, Helmut und Franz, aber, siehe da! Ein neues Gesicht in unsrer illustren Runde! Ein Gesicht mit vielen dunklen Haaren darin und drumherum, aber schönen Augen. Überrascht lächelnd winkte ich ihm zu. Eigentlich hätte ich gedacht, dass diese Geste in ihrer friedfertigen Natur kaum missverstanden werden kann, aber er sah mich an, als wäre ich ein Geist. In diesem Moment rief der Chorleiter zur Ruhe.

„Heute sind eine Menge Leute entschuldigt, scheinbar geht´s in der Arbeit hoch her, aber wir haben auch einen Neuzugang bei den Männern!“ Georg deutete in die Richtung des noch Unbekannten. „Sebastian, der uns übers Internet gefunden hat, oder?“

„Yep.“

Wir begrüßten ihn mit einem durchaus ernst gemeinten Applaus.

„Schön, dass unsere Männer Unterstützung bekommen haben!“ sagte Christine hoch erfreut. Christa grinste mich ganz breit aus dem Alt an und ich grinste breit zurück. Dass ich Tenöse bin, sorgte auch nach ein paar Monaten immer noch für Erheiterung. Auch Tina machte sich mit einem Winken bemerkbar, das ich klarerweise erwiderte. Das war der Wermutstropfen bei meinem Wechsel – die Altistinnen in diesem Chor waren nicht nur wirklich, wirklich gute Sängerinnen, sondern auch eine lustige Truppe, die immer wieder für Gelächter sorgte, während die Tenöre leider viel zu beschäftigt damit waren, mitzuhalten. Manchmal vermisste ich die Mädels schmerzlich.

„Gut, dann fangen wir an. Wir machen heute etwas Neues, könnt ihr bitte die Noten austeilen?“

Wir gingen also gleich mitten rein, ich nicht nur in ein neues Musikstück, sondern auch in eine Mischung aus Frustration und Überraschung. Unser neuer Tenor war ein lyrischer Tenor reinsten Wassers und offensichtlich konnte der Mann auch Noten lesen und vom Blatt singen! Verdammich! Da klangen samtweiche Tiefen und glasklare, sichere Höhen und das Ganze auch noch in einer gut wahrnehmbaren Lautstärke, ohne aufdringlich zu sein. Hatte sich da am Ende ein Profi zu uns verirrt?

An Georgs Gesicht konnte ich die gleiche Überraschung ablesen und mehr als eine Dame drehte sich neugierig um, wer denn da die Ehre des Tenors so gekonnt rettete.

Da ich das Stück noch nicht kannte, brauche ich auch keinen Versuch zu machen, mitzuhalten und hörte meistens nur zu. In mir wuchs die Gewissheit, dass ich hier ziemlich überflüssig geworden war.

In der Pause dann, war ich schnell wie nie draußen und unten, zur Pausenzigarette (auch die Tiefe will gepflegt sein). Meine Frustration hatte ein erhebliches Ausmaß angenommen, ganz zu schweigen von den leichten Vibrationen in meinen Knien. Es wäre sinnlos, zu leugnen, wie sehr ich auf Klang reagierte. Eine schöne Sing- oder Sprechstimme geht über meine Ohren, in mein Gehirn und von da direkt in meine Physis. Gänsehaut, ein Kribbeln im ganzen Körper, ein tiefes Seufzen, das alles konnten Sie dann von mir haben und es ähnelt nicht umsonst den Anzeichen von Verliebtheit ... Vor den anderen wäre diese Reaktion allerdings aus meiner Sicht unangebracht gewesen, aber irgendwann musste es raus und da ich die einzige Raucherin war, war es mir vergönnt, mich für drei Minuten zu erholen und meine Contenance wieder aufzubauen; draußen, am Brunnen vor dem Tore – nein, kein Brunnen, kein Lindenbaum in jener Wiener Gasse, aber Sie bekommen das allgemeine Bild der Situation.

„Hey, ich dachte immer, rauchen sei schlecht für die Stimme“, sagte da plötzlich dieser neue Tenor neben mir. Ich blies eine Rauchwolke in die andere Richtung und drehte mich grinsend um. Gelobt sei der Herr, dass wenigstens die Optik nicht so ganz passte, das half mir beim Ruhig-bleiben.

„Kontraalt wird man nicht einfach so“, sagte ich einen Hauch arrogant. „Das ist ein großes Opfer, ich rauche hier ja nicht zum Spaß.“

Seine dichten, dunklen Augenbrauen schossen in die Höhe und für eine Sekunde formierte sich in meinem Gehirn die Vorstellung, wie die beiden eine unabhängige Konversation miteinander hatten. Dabei fiel mir auf, dass er wirklich schöne Augen hatte. Ein wenig schräg, in einer Mischung aus Bernstein und Grün, sehr exquisit. Allerdings wurden sie buchstäblich von seinem dichten Schopf, diesen etwas zu ausufernden Augenbrauen und einem etwas struppigen Vollbart in den Schatten gestellt. Und von der Tatsache, dass seine Hosen etwa zwei Zentimeter zu kurz waren. Erstaunlich, was einem in so kurzer Zeit alles auffallen konnte.

Sein Blick war meinem nach unten und wieder hinauf gefolgt und er sah etwas verwirrt aus.

„Soll das heißen …?“

„Dass sie dich pflanzt? Ja“, mischte sich da Tina ein und grinste sehr breit.

„Hey Süße“, begrüßte ich sie endlich richtig und wir tauschten Bussis auf die Wange und eine Umarmung.

„Hallo, ich bin die Tina“, sagte sie zu unserem Neuankömmling und hielt ihm die Hand hin.

„Sebastian, freut mich.“

Jetzt merkte ich erst, wie groß der Mann wirklich war. Tina überragte mit ihren 180 cm schon beinahe jeden im Chor, aber Sebastian war noch ein wenig größer als sie.

„Carmen, richtig?“ fragte er und lächelte.

„Richtig.“

Er betrachtete mich für circa fünf Sekunden, dann schüttelten auch wir einander artig die Pfötchen. In mein Gehirn schlich sich der Gedanke, dass er für einen Mann seiner Größe sehr schlanke Hände hatte. Normalerweise gehen meine eher schmalen, kleinen Hände in den Händen großer Männer ziemlich verloren, aber nicht bei ihm. Spannend, spannend. Der Gedanke, der gleich darauf folgte, war eine direkte Information von meinen Augen: Nicht nur die Hose war zu kurz, auch das Poloshirt, das er trug, hätte einen Nachfolger verdient gehabt. Was einstmals Schwarz gewesen sein musste, hatte jetzt nur noch die Anmutung von Anthrazit, etwas ungleichmäßigem Anthrazit. Hm.

Als wir uns nach der Pause wieder in die Arbeit stürzten, bemerkte ich zu meinem Entsetzen, dass Adam neben mir ausdauernd schwieg.

„Alles ok bei dir?“ fragte ich leise, während die Damen ihre Stellen probten.

„Der Neue nervt“, grummelte er, „Der singt viel zu laut und lenkt mich ab.“

Für eine Sekunde war ich irritiert. Dann ereilte mich die Erkenntnis. Hier ging es nicht um zu lautes Singen, das war ein klarer Fall von Eifersucht, weil Adam bis jetzt immer der beste Tenor gewesen war.

„Adam, bitte, du kannst mich doch nicht so im Stich lassen!“ flüsterte ich eindringlich. Er war meine Stütze, wenn ich Probleme hatte, oder mit dem Stück noch nicht so sicher. „Ich brauche dich dringend! Und der Rest vom Chor auch!“

Zum Glück fiel mein Hilferuf auf fruchtbaren Boden und nachdem er noch ein paar Sekunden weitergegrummelt hatte, war er wieder er selbst.

Nach dem Ende der Chorprobe gingen ein paar Leute traditionell noch etwas trinken und ich eigentlich fast immer traditionell nach Hause. Ich wohnte etwas ab vom Schuss und brauchte entsprechend lang, um öffentlich heimzukommen. Weil aber mein Wecker gnadenlos in aller Frühe los düdelte und ich meinen Schönheitsschlaf brauchte, zog ich es vor, zu einer halbwegs vertretbaren Zeit ins Bett zu kommen.

Sebastian machte einen vorsichtigen Versuch, mich zu überreden, doch mitzugehen, aber mir war an diesem Abend noch weniger danach, als sonst.

Als hätte ich es am Vorabend schon gespürt, wachte ich am folgenden Morgen, einem Donnerstag, mit leichten Kopfschmerzen auf und fühlte mich auch sonst nicht besonders. Ich war absolut unleidlich mit Kopfschmerzen. Schmerzen in den Knien, der Schulter oder auch Gastritis – damit konnte ich problemlos umgehen, aber wenn mir der Kopf weh tat, keine Chance. Da halfen nur noch Thomas und Pyrin, die Schutzheiligen der Schmerzgeplagten, am besten in doppelter Dosis.

Ich lief also etwas ferngesteuert in die Firma ein und hoffte auf einen ruhigen Tag.

Diese Hoffnung wurde in dem Moment zunichte gemacht, als ich meine Emails öffnete. Meine Vorgesetzte verlangte darin eine Erklärung von mir, warum ich den Vertragsentwurf eines Kollegen blockieren würde.

Wie bitte? Ich blockierte keine Vertragsentwürfe, das fiel nicht in meinen Aufgabenbereich. Kaum hatte sich der Gedanke in meinem trägen Gehirn manifestiert, stand sie auch schon vor mir, der Inbegriff aller nerv tötenden Personen.

„Guten Morgen! Geht´s euch gut?!“ flötete Lena, die ganzen 160 cm, zu denen sie sich strecken konnte, dekoriert mit 65 kg, strahlten vor Motivation, oder jedenfalls tat sie so.

„Noch“, antwortete ich.

„Ach ja, Carmen, kannst du gleich in mein Büro kommen?“

Das fing ja schon wieder gut an. Wie vermutet, sprach sie mich auf ihre zuckersüße Art auf den Vertrag an.

„Weißt du, du kannst nicht einfach Kommentare abgeben, ohne dich mit mir abzusprechen. So etwas muß über mich laufen.“

Mir schlief fast das Gesicht ein. Natürlich musste so etwas über sie laufen, sonst wäre sie überflüssig, es sei denn, die Arbeit interessierte sie gerade nicht, dann war ich gut genug, sie für sie zu erledigen. Wie in diesem Fall – das Mail inklusive Anhang war vor einer Woche an die Gnädigste gegangen, die es dann an mich weiterleitete, damit ich „Einen Blick darauf“ würfe, was ich auch getan hatte und dem Kollegen natürlich geantwortet hatte. Böser Fehler, Carmen, böser Fehler.

„Du hast mich gebeten, das Traktat durchzulesen und zu kommentieren und das habe ich getan“, erwiderte ich, noch ruhig.

„Aber Carmen“, sagte sie in einem Ton, als spräche sie mit einem grenzdebilen Kind, „Du hättest die Kommentare an mich weiterleiten sollen, damit ich das Mail beantworten kann.“

Ah, daher wehte der Wind! SIE machte die ganze Arbeit ganz allein, eh klar.

„Und?“ dachte ich, „Dann mach deinen Job, du dumme Kuh!“

Laut kamen die Worte: „Und? Was soll ich jetzt tun?“ über meine Lippen.

Wie erwartet, seufzte sie tief und entließ mich mit einem Winken. „Ich kümmere mich darum.“

Ach du armes angeschossenes Huhn! Hättest du es gleich gemacht, hättest du dir das alles ersparen können und mir auch!

Wortlos verließ ich ihr Büro, innerlich schäumend. Wir hatten diese Art der Auseinandersetzung inzwischen unzählige Male gehabt. Ich machte ihre Arbeit, weil sie mich darum bat und postwendend beschwerte sie sich, dass ich den Job machte, weil ich es wagte, selbständig zu denken und zu handeln und nicht zu apportieren, wie ein braver Hund.

„Alles ok?“ fragte mich Elisa. Sie kannte mich gut genug, um an meinem Gesicht ablesen zu können, wie es mir ging.

„Nein.“ Ich bemühte mich um eine möglichst ruhige Antwort, weil ihre Frage ja lieb gemeint war, konnte aber nicht verhindern, dass mein Ärger durchklang.

„Wer quält dich denn schon wieder?“

Auch Anita und Marie sahen mich inzwischen neugierig an.

„Ich will nicht darüber reden.“

Damit war für mich die Sache fürs Erste erledigt. Weder wollte ich jetzt meinen Gefühlen Luft machen, noch hätte es mir genutzt. Mit wissenden Blicken wandten sich meine Kolleginnen wieder ihren jeweiligen Tätigkeiten zu.

Es war eine dieser typischen Situationen, wie wir sie sonder Zahl hatten, immer wieder. Wenn ich mir die Konstellation in der Abteilung so ansah, kam mir unwillkürlich die Metapher mit der Schafherde in den Sinn: Alle rennen einem Leitschaf nach, das wäre dann ich, bäbä. Lena ist der Hirtenhund – nervend mit ihrem Gekläffe und dem zeitweiligen Schnappen nach unseren Beinen, aber im Großen und Ganzen harmlos. Bis zu dem Zeitpunkt, wo das Leitschaf den Hirtenhund ignorierte und seinen eigenen Weg ging. Das bedeutete die in Frage Stellung ihrer Position, bzw. ihrer Person und wenn wir eine Aufgabe hatten, dann die, sie zu unterstützen, vorbehaltlos und widerspruchslos, egal, wie unsinnig ihr Tun auch war. Alles lief bestens, solange Routine herrschte und keiner aus der Reihe tanzte. Solange wir brav nachmachten, was sie vorhüpfte. Das schien auch für den Rest der Abteilung in Ordnung zu sein, wollte mir scheinen. Wehe aber, etwas lief aus der Schiene, dann bekamen alle den großen Stress – nur ja nichts entscheiden, nur ja nicht exponieren!

Wie auch?

Unsere Abteilungsleitung und nicht nur die, machte es ja allen Tag für Tag vor!

Individualität war ein leeres Schlagwort ohne Bedeutung. Verantwortung fiel in die gleiche Kategorie und bitte nur ja keine Eigenverantwortung einfordern! Das war die berühmte heiße Kartoffel, die so lange hin und her geschossen wurde, bis sich die Entscheidung entweder erledigt hatte, oder bei jemandem landete, dem diese kindischen Spielchen zu blöd waren – wie mir. Ja, ich hatte keine Angst davor, eine Entscheidung zu treffen, Maßnahmen zu setzen und dafür einzustehen und das passte ihr nicht, weil ich nicht jedes Mal bei ihr stand und ihre Meinung dazu einforderte! Wie auch, wenn sie die halbe Zeit nicht da war! Aber langsam lehnte ich jede Verantwortung ab, ging zu Dienst nach Vorschrift über.

Wo war das Problem, werden Sie jetzt fragen?

Das Problem war, dass ich weder so arbeiten wollte, noch konnte. So ticke ich einfach nicht. Abgesehen davon, dass ich mir wirklich schön langsam verarscht vorkam, denn immer, wenn es passte, wurde ich an meine Stellung als die Stellvertretung der Abteilungsleitung erinnert und in die Entscheidungsverantwortung gesetzt; was dann auch postwendend widerrufen wurde, sobald ich wirklich Entscheidungen traf. Der Widerruf ging dann auch jedes Mal mit der „Erinnerung“ an meine Position als Laborleiterin einher.

Prinzipiell würde man einer solchen Person raten, die Arbeit Arbeit sein zu lassen und nicht ins Private mitzunehmen. Fakt war nur leider, dass diese Situation, die mich für viele Stunden jeden Arbeitstag begleitete, irgendwann auch begonnen hatte, mich persönlich zu beeinträchtigen. Verdammt. Ich verabscheute Jammern, ich war kein Opfer. Aber irgendwann musste meine Frustration auch raus und meine Freunde kannten inzwischen alle diese Geschichten und in meinen Ohren war es immer das gleiche Lied. Ich hätte mit Freude jeden der Jobs angenommen, die mir im Laufe der Zeit angeboten worden waren, wäre da nicht immer dieser kleine Haken gewesen: Ich kannte die Firmenstrukturen mehrerer Firmen inzwischen zu gut, aus eigener Erfahrung und aus den Berichten von Bekannten und Freunden, um nicht zu wissen, dass es woanders genauso gelaufen wäre. Anderes Orchester, gleiche Symphonie. Der einzige Unterschied wären also eine neue Umgebung und die Einarbeitungszeit gewesen. Somit auch keine Alternative. Mist, Mist, Mist.

Weder meine Laune noch meine Arbeitssituation besserten sich in den folgenden Tagen. Meine einzigen Lichtblicke waren Veronika, die mich immer wieder aufbaute und sich bei mir ausweinte (ich war nicht die Einzige mit einer grenzwertigen Vorgesetzten) und der Mittwoch. Tatsächlich war ich aber inzwischen zu nicht mehr in der Lage, als zu funktionieren. Bitte nicht ansprechen und nicht umarmen, sonst fange ich an zu heulen! Meine Frustrationsschwelle war weit überschritten. Am liebsten hätte ich mich manchmal in eine Ecke gehockt und geweint.

Rita reichte ein Blick und ein Kopfschütteln meinerseits und ihr war alles klar. Wortlos legte sie mir eine Hand auf den Rücken und beließ es dabei.

Das Singen tat gut, aber ich steckte so tief in meinem Tief, dass ich mich nur oberflächlich darauf einlassen konnte. Scheinbar war ich ganz gut darin, meine Stimmung unter Kontrolle zu halten, denn nicht einmal Tina schien in der Pause etwas zu merken – oder sie sprach mich einfach nicht drauf an, weil sie mich inzwischen zu gut kannte.

So gut es mir also gelang, funktionierte ich durch die Chorprobe hindurch, aber es wäre gelogen, zu sagen, ich hätte mich nicht auf ihr Ende gefreut. Ich wollte nur noch nach Hause und ins Bett.

„Fährst du heim?“ fragte Sebastian mich, als ich mir die Jacke anzog.

„Mhm“, antwortete ich einsilbig.

„Möchtest du mitfahren?“

Überrascht hob ich den Kopf, um ihn anzusehen. „Mitfahren? Wo fährst du denn hin?“

Sein Bart hob sich und um seine Augen bildeten sich Fältchen. „Wenn ich die Chorliste richtig gelesen habe, ganz in deine Nähe.“

Meine linke Augenbraue ging nach oben. „Und wo ist „ganz in meiner Nähe“?“

„Moselgasse.“ In seiner Stimme klang ein leises Lachen mit. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie Ute Sonja etwas zuflüsterte, die kurz in unsere Richtung sah, lächelte und nickte. Was hatten die zwei Grazien denn zu tuscheln, hm?

„Das ist in meiner Nähe“, bestätigte ich ihm trocken, dann lächelte ich mühsam. „Danke, ich fahr gerne mit.“

Ich verabschiedete mich noch von den anderen, bevor ich ihm auf die Straße folgte. Als er den Knopf an seinem Autoschlüssel drückte, blinkten die Lichter bei einem Jaguar X-Type auf. Zuerst dachte ich, das sei Zufall, wurde aber eines Besseren belehrt, als er mir die Beifahrertür aufhielt. Unwillkürlich warf ich ihm einen spöttischen Blick zu. Autos sind für mich Mittel zum Zweck – das Mittel, mich in erlebbarer Zeit von A nach B zu bringen und dafür muß die Schüssel unter meinem Hintern kein Vermögen kosten. Ganz zu schweigen davon, dass der Mann, der dieses Auto fuhr von seiner Aufmachung her so gar nicht dazu passte! Seine Hosen waren schon wieder zu kurz und sein Jackett hätte einem Mann um die sechzig gestanden – wobei ich mich an dieser Stelle stumm bei meinem Vater entschuldigte, der hätte das Ding definitiv nicht angezogen: Brauner Hahnentritt-Tweed mit Lederflecken auf den Ellenbogen, kantiger, etwas formloser Schnitt - aua.

„Du weißt schon, was man über Männer sagt, die so PS-starke Autos fahren?“ neckte ich ihn. „Baut Jaguar überhaupt irgendetwas, das weniger als 150 PS hat, außer möglicherweise die 1:25 Modelle ihrer Autos?“

Ohne eine Erwiderung ging er um seinen Boliden herum, stieg ein und startete.

So wenig ich ein so teures Auto brauchte, es war doch zugegeben ein erheblicher Unterschied, ob mein Skoda Diesel startete oder dieses schnurrende Kätzchen.

Sebastian schwieg so lange, bis wir auf den Ring einbogen.

„Du warst heute sehr ruhig“, stellte er fest. „Ist alles in Ordnung?“

Falsches Thema, ganz falsches Thema! Ich schluckte einmal, atmete tief durch und sagte dann sehr leise „Ja“ in Richtung meiner Knie.

Seine Erwiderung war ebenso leise: „Lügnerin.“

Ich warf ihm einen Blick von der Seite zu. Ganz kurz sah er mich an. Im dunklen Auto konnte ich seinen Blick weder richtig sehen, noch deuten.

„Du willst nicht drüber reden, oder?“

„Nein.“ Meine Stimme schwankte ein wenig und ich mochte mich nicht dafür. Ich mochte es nicht, so emotional zu sein, ich fühlte mich dann so verletzlich und angreifbar.

Sebastian tat mir den Gefallen, nicht weiter zu fragen oder irgendetwas zu sagen. Das gab mir Zeit, um mich wieder zu fangen.

„Darf ich dich etwas fragen?“ Ich hatte beschlossen, wenigstens ein bißchen Konversation zu betreiben.

„Sicher.“

Wir standen an der Ampel am Ende der Prinz-Eugen-Straße.

„Woher kommst du ursprünglich?“

„Was meinst du?“ Die Ampel sprang auf grün und wir bogen nach links auf den Gürtel ein.

„Du bist kein Österreicher, das hört man, aber ich weiß nicht, wo ich dich hintun soll, dazu ist dein Hochdeutsch zu sauber.“

Er lachte erheitert auf und beschleunigte auf die erlaubten 50 km/h. Bei diesem Auto fühlte es sich an, als schiebe eine Mutter einen Kinderwagen, sehr liebevoll.

„Ich bin Schweizer, aus Zürich.“

„Ein Schweizer?!“ Unwillkürlich musste ich lachen. „Normalerweise gehen die Österreicher in die Schweiz, nicht umgekehrt.“

„Ich hatte meine Gründe“, meinte er nur kryptisch.

„Und du willst nicht darüber reden.“

„Nein.“

Als wir an der letzten Ampel vor der Autobahn standen, sahen wir einander ein paar Sekunden lang an – und mussten grinsen.

„Gleichstand, würde ich sagen“, bemerkte ich.

Er nickte nur und bis wir zu Hause waren, hielten wir beide den Mund. Erst, als er an der Kreuzung Moselgasse/Urselbrunnengasse anhielt, fiel wieder ein Wort.

„Danke fürs Heimbringen“, sagte ich und machte Anstalten, auszusteigen.

„Warte noch kurz, Carmen.“

„Ja?“ Erwartungsvoll drehte ich mich in seine Richtung.

„Wenn du doch einmal drüber reden willst …“ Er ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen.

Ich rang mir ein Lächeln ab. „Danke, das ist lieb, aber das willst du nicht, glaub mir.“

Als ich wirklich ausstieg, vermeinte ich, ihn sagen zu hören: „Doch, ich will, glaub mir.“

Kapitel 3

Mühsam hielt ich die letzten eineinhalb Arbeitstage bis zum Wochenende durch. Inzwischen brauchte ich diese Auszeiten, wie einen Bissen Brot! Ausschlafen, in Ruhe die Dinge tun, zu denen unter der Woche die Zeit fehlte und wenn ich in einem so miesen Zustand war, wie im Moment, eine ganze Menge Eigenmentaltraining. Am Freitagmittag freute ich mich darauf! Dummerweise machte ich mir selbst einen Strich durch die Rechnung.

Am Samstagmorgen nämlich beschloss mein Körper einfach um halb Acht, er hätte jetzt genug geruht und ich möge doch meinen Kadaver gefälligst aus meiner Bettstatt heraus bewegen. Das hätte ja prinzipiell noch nicht der Untergang des Abendlandes bedeutet, wäre da nicht noch eine Nebenwirkung gewesen: Es war wieder einer dieser Tage. Ich war so unrund, dass ich mich selbst nicht mochte. Eine innere Unruhe machte unkonzentriert und unentschlossen, ich wollte nichts anfangen, obwohl ich weiß Gott genug zu tun gehabt hätte: Zum Beispiel Haushalt und die Diplomarbeit für meine Ausbildung zur Mentaltrainerin schreiben, um nur zwei zu nennen.

Seufzend rang ich mich dazu durch, wenigstens das Geschirr abzuwaschen. Danach stand ich wieder unschlüssig herum. Soll ich laufen gehen? Mag nicht, zu faul. Bäh.

Mein Handy düdelte los, Nummer kannte ich nicht.

„Royner.“

„Hallo? Carmen? Hier spricht Sebastian.“

„Hallo!“ Hm? Woher hatte unser Neuzugang denn meine Telephonnummer? Ah ja, Chorliste, alles klar.

„Hi! Ich wollte fragen, ob du heute schon etwas vorhast. Ich … ja … ich bin ja noch nicht so lange in Wien und hätte gern einen Spaziergang gemacht … in der Stadt vielleicht oder so etwas in der Art und brauche einen Location Guide.“

Mühsam unterdrückte ich ein Seufzen. An jedem anderen Tag, nur nicht heute.

„Sebastian, tut mir leid, ich …“

„Nein, nein, mir tut´s leid“, unterbrach er mich, „Ich dachte, weil ich nichts vorhabe, haben auch andere nichts vor. Verzeih.“ Er klang schrecklich enttäuscht.

„Das ist es nicht. Ich bin nur entsetzlich unrund und unleidlich und wäre dir heute eine furchtbar schlechte Gesellschaft“, erwiderte ich, mit ein wenig schlechtem Gewissen.

„Unrund? Was bedeutet das?“

Unwillkürlich musste ich lachen. „Kennst du das Gefühl völliger innerer Ruhe und Gelassenheit? Wenn du mit dir und der Welt völlig im Reinen bist?“

Ein leises Lachen drang an mein Ohr. Bei diesem Geräusch stellten sich die Haare auf meinen Armen auf. Was für eine Stimme …

„Ja, manchmal.“

„Du Glücklicher. Unrund ist das genaue Gegenteil.“

Für eine Sekunde war es still in der Leitung. „Oh und warum bist du so … so unrund?“

„Wenn ich das wüsste“, seufzte ich und schalt mich gleich darauf eine dumme Nuss. Ich musste ja nicht gleich alle neuen Bekannten vergrämen mit meiner Jammerei! Ganz zu schweigen davon, dass ich es ja erst vor wenigen Tagen erfolgreich vermieden hatte, mit ihm über meinen Gemütszustand zu reden.

„Vielleicht kann ich ja bei einer Fact finding Mission behilflich sein“, schlug er vor.

„Danke, das ist lieb von dir, aber ich fürchte, das ist eine one woman show.“

Er seufzte leise. „Dann wünsche ich dir viel Erfolg dabei.“

„Danke, ich tue mein Bestes. Schönen Tag wünsche ich dir noch.“

„Dir auch, trotz unrund.“

Phantastisch, jetzt hatte ich auch noch ein schlechtes Gewissen. Grummelnd vergrub ich mein Gesicht in einem Polster. Und weil ich schon so schön auf mein Sofa drapiert war, blieb ich auch gleich da.

Am frühen Nachmittag reichte es mir dann endgültig. In meiner Unruhe würde ich noch die Couch durchwetzen! Da erschien es mir doch vernünftiger, ein paar Kilometer auf die Sohlen meiner Sportschuhe zu bringen, auch gegen das laute Protestgeschrei meines inneren Schweinehundes.

Nach ca. zwanzig Minuten, ich wurde gerade warm, kam mir eine männliche Gestalt in kurzen Laufshorts entgegen. Was ich aus der Entfernung erkennen konnte, rief in meinem Gehirn ein höchst unreifes Wort der Beschreibung hervor: Lecker! Groß, schlank, lange Beine – mmm! Als wir uns einander näherten, begann mein Gehirn noch etwas zu melden: Kenne ich, diese Gestalt!

„Hi!“ rief Sebastian und winkte mir.

„Hallo!“ Ein bißchen atemlos blieb ich stehen. „Ich dachte, du wolltest in die Stadt!“

Er joggte locker auf dem Stand weiter, er atmete nicht einmal schneller – Angeber.

„Du bist ja nicht mitgegangen.“

„Na super, jetzt bin ich wieder schuld!“

Für einen kurzen Moment stoppte er und hob die Hände. „Nein! Das war doch nur ein Scherz!“

„Oh ja, das sagen sie alle!“ Jetzt war ich dran mit „scherzen“.

„Nein, ehrlich …“ Seine Stimme verebbte, als er merkte, dass ich ihn auf den Arm nahm. Dann stützte er die Hände in die Seiten und senkte lachend den Kopf. Auf meinen Armen stellten sich schon wieder die Härchen auf. Ich musste meinen Körper irgendwie dazu bringen, diese Reaktionen einzustellen!

„Trotz allen unrund Seins bist du aber trotzdem rausgegangen.“

„Erschien mir die bessere Alternative … zum Durchwetzen der Couch … zu sein. Ist auf Dauer billiger.“ Langsam kam ich wieder zu Atem.

Mein Tenorkollege kicherte erheitert, ob wegen meiner Atemlosigkeit oder etwas Anderem blieb mir verborgen. „Vielleicht kann ich ja doch noch etwas beitragen, um dein Wohlbefinden zu steigern.“

Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch.

„Ich biete eine Dachterrasse, gemütliche Möbel, wahlweise alkoholische und nicht-alkoholische Getränke und etwas zu essen“, zählte er an den Fingern auf. Schlanken, langen, sehr gepflegten Fingern. Himmel Herrgott! Carmen, was ist los mit dir?! Kaum hatte ich mich selbst wieder einigermaßen unter Kontrolle, kam eine leichte Brise auf und wehte mir aus seiner Richtung ins Gesicht. Sogleich stieg mir sein Geruch in die Nase. Unwillkürlich wollte ich die Luft anhalten, aber da trafen die Moleküle schon auf meinen Riechkolben. Sebastian roch ein wenig nach frischem Weichspüler, ein wenig süß, wie Vanille, aber auch Sandelholz und noch etwas anderem, das ich nicht erkannte. Bevor ich mich zu sehr ihn diesem Geruchserlebnis verlor, zwang ich mich dazu, mich wieder auf das zu konzentrieren, was er sagte.

„Verzeihung?“ fragte ich und schüttelte kurz den Kopf.

Er grinste geradezu unverschämt. „Du wirkst abgelenkt.“

„Unrund-sein bringt das so mit sich“, sagte ich, dankbar für diese wunderbare Ausrede, „Sebastian, ich bin im Moment wirklich nicht die ideale Gesellschaft und ich will dir dein Wochenende nicht verderben, also …“

„… ich biete eine Dachterrasse mit Aussicht, gemütlichen Möbeln und Getränken nach Wahl. Vertreibt Unleidlichkeit und Unrund-sein“, unterbrach er lächelnd. Langsam verwirrte er mich, aber das war ja nichts Neues. Ich seufzte tief, woraufhin er den Kopf schief legte.

„Willst du immer allein sein, wenn es dir schlecht geht?“

Mir entkam schon wieder ein Seufzen, das er offensichtlich als „Ja“ deutete. Schildkrötentaktik nannte meine Mutter das, tut sie noch.

„Auf meiner Terrasse wäre es aber gemütlicher“, beharrte er.

Lachend schüttelte ich den Kopf. „Du gibst wohl nie auf.“

„Nope“, erwiderte er mit einem breiten Grinsen, „Nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass es gut wäre, mich durchzusetzen. Also?“

„Ok“, gab ich schließlich nach, „Aber ich will noch meine Runde fertig laufen und dann brauche ich noch ein wenig Zeit, um mich wieder zivilisationsfähig zu machen. Hm … eine Stunde?“

„Perfekt.“

„Ähm, wo genau wohnst du eigentlich?“ Wusste ich doch nicht, war ja nie vor seiner Haustür ausgestiegen.

„Oberes Ende Moselgasse, linkes Haus neben dem Spielplatz, Top 26.“

„Alles klar, bis später dann.“

Mit einem Winken verabschiedeten wir uns für die nächste Stunde.

Zur verabredeten Zeit stand ich mit einer Flasche Wein vor seiner Wohnungstür. Wie üblich hatte ich nichts Besseres zu Hause, um es mitzubringen.

„Hi! Komm rein!“ begrüßte er mich und trat beiseite, um mich hineinzulassen. Irgendetwas war anders an ihm, ich konnte aber nicht genau sagen, was.

„Hallo!“ Wie zur Verteidigung hielt ich die Flasche hoch und drückte sie ihm in die Hand.

„Also Alkohol“, stellte er grinsend fest.

„Nicht notwendigerweise, aber ich hatte nichts Anderes zu Hause“, stellte ich richtig und zog meine Schuhe aus.

„Da wäre ich auch unrund.“ Er grinste noch immer, diesmal war es unverschämt. „So ganz ohne Essen.“

Ich schnitt ihm eine Grimasse. Meine Ernährungsgewohnheiten gehörten zu den Dingen, die ich nicht diskutierte. Kichernd wies er mit dem Arm in Richtung Wohnzimmer, von wo aus eine offene Terrassentür nach draußen führte.

„Also, was darf´s sein?“

„Mm? Saft?“ Mal schauen, was der Mann so zu bieten hatte.

„Orange, Apfel, Weichsel-Kirsche, Birne, Guave, Mango?“ zählte er auf.

„Holla, hast du eine Saftbar überfallen?“ Ich war ehrlich überrascht.

„So ungefähr. Ich bin ein Fruchtsaftjunkie“, erklärte er zwinkernd und stellte die Weinflasche auf einen kleinen Tisch im Vorzimmer, bevor er nach rechts in die Küche ging. Neugierig warf ich einen Blick in den Raum. Schön, stellte ich fest, sehr klassisch in hellem Holz, mit silbergrauen Arbeitsplatten, hellgrauem Fliesenboden und einem großen Fenster. Dazu noch sehr aufgeräumt und sauber. Ein ziemlicher Gegensatz zur Küche meines Ex, die er nur alle heiligen Zeiten einmal zu putzen pflegte und da er keine Putzfrau bezahlen wollte, sah es dort auch entsprechend aus. Sebastian hatte offenbar eine Putzfrau oder er selbst griff regelmäßig zu den Reinigungsutensilien.

„Guave bitte“, sagte ich, als er mich fragend ansah.

Für einen Moment räumte er im Kühlschrank herum, bevor er mit einer Saftpackung wieder auftauchte und begann, zwei Gläser zu befüllen.

„Mit Wasser oder Sprudel oder pur?“

„Sprudel!“ dachte ich amüsiert. „Wasser bitte.“

„Warum lächelst du so versonnen?“ fragte er, obwohl ich hätte schwören können, dass er mich gar nicht richtig angesehen hatte.

„Kein besonderer Grund.“

Mit den Saftgläsern in der Hand drehte er sich wieder um und da fiel es mir auf: Er hatte seine Haare ganz aus der Stirn gekämmt, seine Augenbrauen ein wenig unter Kontrolle gebracht, wodurch seine Augen besser zur Geltung kamen, seinen wuchernden Bart gestutzt und er trug helle Chinos, die die richtige Länge hatten und ein weißes, makelloses Poloshirt. War ich paranoid oder hatte der Mann zwei „Stylingpersönlichkeiten“?

„Gehen wir raus?“

Ich machte zwei Schritte zur Seite, damit er vorgehen konnte. Als er an mir vorbei ging, beugte er sich ein wenig in meine Richtung und schnupperte. „Du riechst nach Schwimmbad und Urlaub“, stellte er leise fest.

„Sonnencreme, Sebastian, Sonnencreme“, sagte ich, so ruhig es mir möglich war. Heilige Maria Mutter Gottes, was war nur los mit mir? Es stimmte schon, dieser Mann hatte eine außergewöhnlich schöne Stimme, aber warum brachte er mich damit so aus der Fassung, dass mir die Knie weich wurden? Abgesehen von seiner Stimme, seinen Augen und Händen fand ich ihn ja nicht besonders attraktiv. Vielleicht, na ja, seine Größe und Statur – groß und athletisch schlank, wie ich es bei Männern mochte. Oh Gott, ich tat es schon wieder!

Fragend zog er die Augenbrauen hoch.

„Was soll ich machen? Meine Melaninerzeuger sind eine stinkfaule Partie und bescheren mir sogar im Frühherbst noch einen Sonnenbrand, wenn ich nicht aufpasse. Die Jungs stehen mehr auf Mitternachtssonne und solche Scherze.“

Von einer Sekunde auf die andere brach er in schallendes Gelächter aus. „Ich liebe deinen Humor!“

„Danke“, erwiderte ich trocken.

Noch immer kichernd zeigte er auf die Terrassentür, die am anderen Ende des Wohnzimmers offen stand. „Geh schon einmal vor, ich komm gleich. Nimmst du mein Glas auch mit, bitte?“

Nickend nahm ich die beiden Gläser und ging auf die Terrasse, wo ich sie auf einem Holztisch, der zwischen zwei Liegestühlen stand, abstellte.

Er hatte wirklich nicht zu viel versprochen, der Ausblick war wunderschön, direkt auf den Laaer Wald, dahinter die Stadt. Alles war in strahlendes Sonnenlicht getaucht und schien zu leuchten. Ich lehnte meine Ellenbogen auf das Geländer und stützte den Kopf in die Hände.

„Und? Wie gefällt dir die Aussicht?“ fragte er plötzlich von der Seite. Erschrocken zuckte ich zusammen.

„Bist du des Wahnsinns knusprige Beute?“ keuchte ich und atmete einmal geräuschvoll aus.

„Verzeih, war keine Absicht.“

Ich atmete noch einmal tief durch, dann drehte ich mich zu ihm um. „Darf ich mein Zelt auf deiner Terrasse aufschlagen? Ich gieße auch die Pflanzen.“

Derer gab es genug auf dieser Außenfläche.

Sein Bart hob sich und um seine Augen bildeten sich Fältchen. „Ich habe ein Gästezimmer, aber wenn du das Campingfeeling vorziehst, gerne.“

„Wo ist die Gießkanne?“

Er lachte leise und auf meinen Armen stellten sich wieder die kleinen Härchen auf.

„Erzähl mal, warum hat eine Frau wie du am Wochenende nicht ein Date nach dem anderen?“

Wie bitte? Das war eine abrupte Änderung des Themas und sehr direkt gefragt, etwas zu direkt für die Tatsache, dass wir einander so wenig kannten. Verwundert sah ich ihn an. So hätte ich ihn nicht eingeschätzt.

„Verzeihung.“ In einer entschuldigenden Geste hob er die Hände. „Ich … ich wundere mich nur. Im Chor gibt es so viele tolle Frauen ohne Partner und ich verstehe es nicht.“

Mein linker Mundwinkel hob sich in einem spöttischen Lächeln. „Nun, ich auch nicht. Aber wenn ich raten soll, liegt es vermutlich daran, dass wir etwas zu toll sind.“ Zu meinem Lächeln gesellte sich die linke Augenbraue. Verstand er die Andeutung?

Sebastian schüttelte den Kopf. „So gesehen sind wir Männer irgendwie blöd.“

Ich musste laut lachen.

„Willst du nicht … ich meine, magst du keine Männer?“ fragte er vorsichtig.

What the heck? War das wirklich seine Art, oder wurde ich hier gerade Opfer der versteckten Kamera? Auf der anderen Seite – war es nicht völlig egal?

„Meinst du, ob ich auf Frauen stehe?“ fragte ich zurück und lehnte lässig einen Arm auf die Brüstung.

„Mhm.“ Ebenso lässig spiegelte er meine Haltung. Irgendwie hatte ich das dumme Gefühl, dass es bei ihm besser aussah.