Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ich fühlte noch deutlicher als zuvor, dass das, was soeben geschah, rein gar nichts mit mir zu tun hatte und keineswegs den Keim von etwas Gutem in sich trug. So stand ich plötzlich außerhalb, gehörte definitiv nicht dazu. Die Weltmeister spürten das anscheinend, trotz des Taumels, und ich spürte wiederum die Blicke all dieser Jubelnden, Tanzenden, Deutschen um mich herum. Als ich die ersten Umarmer und Antanzer zurückwies, wurde ich beschimpft und mit einem feindseligen So-sehen-Weltmeister-aus-Grölen verabschiedet. Sie sangen es nicht nur, sie glaubten es auch.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Georg Schaar schreibt gerade an seinem Lebenswerk. Als der Verlag nach seiner Vita fragte, kam zur Antwort: "Ich wurde geboren und ich schreibe. Alles andere ist unwesentlich."
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Erste Auflage 2017
Copyright © 2017 Verlag duotincta, Berlin
Alle Rechte vorbehalten.
Satz und Typographie: Verlag duotincta, Berlin
Cover: Jürgen Volk, Berlin; unter Verwendung von Motiven von © pixabay
ISBN 978-3-946086-24-6
Besuchen Sie uns bitte im Netz unter www.duotincta.de
oder auf facebook und sagen Sie uns Ihre Meinung zu Buch und Programm!
Als ich das erste Mal den Sachsenweg entlangging, unterschied die Straße nichts von anderen Straßen im Land: schwarz-rot-goldene Fahnen hingen an den Balkonen und Fenstersimsen; in den Cafés und Kneipen, auf meinem Weg von der Bushaltestelle zum Haus, flimmerte auf den eiligst installierten Flachbildschirmen das Grün des Rasens, denn das erste Gruppenspiel des Tages hatte gerade erst angefangen. Spielstand nach 15 Minuten: Spanien – Ukraine 1:0.
Meine WG saß zu Hause und sah das Spiel. Das wusste ich und war darüber genauso wenig erstaunt wie über das strahlend weiße Retrotrikot der Nationalmannschaft, das auch ich auf dem Leib trug.
Eigentlich verstanden wir uns als links, wenn auch nicht radikal, so doch ein wenig radikaler als der Rest aller Studenten, die sich als links verstanden, obwohl sie schon allein aufgrund ihrer bürgerlichen Herkunft nichts verstehen konnten. Ganz sicher waren wir anti-national, aber schlagartig, mit dem Beginn des Turniers, geschah etwas Merkwürdiges. Vielleicht war es der auf einmal wieder einsetzende Kontakt mit den Massenmedien und wir waren doch leichter beeinflussbar, als wir dachten. Vielleicht war es auch der Clou der PR-Magier, die uns dieses Märchen vor Augen führten, der eben darin bestand, Menschen wie uns in aller Sanftheit quasi unter Druck zu setzen, damit wir als gute Gastgeber und Deutsche ein Bekenntnis ablegen mussten, damit die Party, dieses Fest der Völker, für all die Gäste aus aller Welt erst ein Erfolg werden würde. Einmal losgetreten wogte die Welle dann auch übers Land, rief synergetische Reaktionen in Familien und Nachbarschaften hervor, die in ihrer Unvorhersehbarkeit dazu führten, dass die internationale Presse im Makrokosmos das wiederentdeckte Nationalbewusstsein der Deutschen feierte, während auf der Mikroebene Leute wie mein Mitbewohner Bastian, der einzige, der wirklich als radikal bezeichnet werden konnte, zwar nicht gleich seinen roten Schnürsenkel aus dem Stiefel zog, aber doch ein 54er-Wunder-von-Bern-Trikot überstreifte, Schwarz-Rot-Gold auf den Wangen trug und seine Glatze von den Mädels als Fußball bemalen ließ, womit er zum wandelnden Beweis für die Thesen wurde, die im Makrokosmos emanierten ‒ aber das sollte erst zum Halbfinale geschehen. Vorerst war ich in die Trikotüberstreifphase eingetreten und bemüht, mich so gewandet auf der Straße normal zu verhalten; damit meine ich, ich war ein wenig schüchtern, schamhaft gegenüber Freunden und Bekannten, die aber zusehends alle demselben seltsamen Zauber verfielen, der sich über die Straßen der Republik gelegt hatte.
Hier auf dem Sachsenweg hatte ich das Urteil meiner Bekanntschaften allerdings nicht zu befürchten, denn ich war ja in einem anderen Bezirk und das Trikot sollte mir sogar ganz unversehens eine Hilfe dabei werden, das zu bekommen, was ich dringendst vor Ende des Monats suchte: Eine Wohnung.
Leider hatte ich das Studentenwerk unterschätzt und erst zu spät gemerkt, dass die Drohungen ernst gemeint waren. Prüfung. Zeugnis. Exmatrikulation. Wohnungskündigung. Aus der entspannten Jobsuche war eine Wohnungssuche geworden, mit der unangenehmen Folge, dass die Jobsuche weniger entspannt ablaufen würde. Eigentlich war keine Zeit für zwei Spiele pro Tag.
Doch wie es sich für ein gutes Märchen gehört, löste sich alles in Wohlgefallen auf, als ich freundlich den Türken-Opa, der seinen grauen Schnauzbart streichelnd auf einem Klappstuhl vor dem Sachsenweg 18 saß, grüßte. Denn just in diesem Moment kam der Vermieter an und gab mir gleich die Hand. Bisher hatte ich nur mit dem Mieter gesprochen, der die Besichtigungstermine koordinierte. Der Vermieter, ebenfalls ein Deutschlandtrikot tragend, öffnete die Türe und stellte sich als Herr Müller vor – wie Gerd Müller? Sagen Sie das, wegen meines Alters? Haha! Nein, aber ich komme aus der Stadt, in der Gerd Müller geboren wurde. Wirklich? Na dann kommen Sie mal rein – der Grundstein war gelegt.
Eine halbe Stunde später verließ ich die Wohnung in der dritten Etage und hatte den unterschriebenen Vertrag in der Tasche. Ich war nicht anspruchsvoll und Herr Müller wollte zum Deutschlandspiel wieder zu Hause sein. Genauso wie ich. Und egal, wie das Spiel ausgehen würde, es gab etwas zu feiern.
Als ich die Türe hinter mir ins Schloss fallen hörte, konnte ich es nicht mehr unterdrücken und eilte mit meinem breitesten Grinsen, demjenigen, das normalerweise einer Gratiskonzertkarte gilt, die Treppe hinunter und rannte dabei fast in einen meiner künftigen Nachbarn, der gerade aus seiner Wohnungstür kam. Ich entschuldigte mich noch im Zurückweichen und als ich sah, vor wem ich stand, hätte mir mein Grinsen eigentlich entgleiten sollen, doch meine Gesichtsmuskeln schienen gerade in der Prioritätenliste meines Bewusstseins zugunsten der visuellen Wahrnehmung weit nach unten gerutscht zu sein. Was diese gerade an mein Großhirn sendete, machte sogar die Prioritätenliste vergessen, löste roten Alarm auf allen Ebenen aus: Glatze, Bomberjacke, Schultern wie ein Ochse. Ich senkte meinen Blick auf die Schuhe: Scheiße! Schnürsenkel weiß. Und während ich noch dachte: Tragen Nazis das alles überhaupt noch oder ist das jetzt bei denen Retrostil, schrie er mich an:
»Was gibt’s denn da zum Grinsen! «
»Nichts, ich freu mich halt. « Das hatte nicht männlich geklungen.
»Was? Wegen der Wohnung? … Da brauchst du gar nicht zu glotzen. Selber schuld, wenn ihr es im ganzen Treppenhaus rumschreit.«
Er sah an mir herab.
»Wenigstens ein Deutscher. Ein Türke unterm Fenster reicht ja auch! Wird sich schon noch zeigen, ob du ein guter Deutscher bist … Das ist hier ist ein deutsches Haus! Verstanden Kamerad?«
»Was soll es denn sonst sein, Sven?«, ertönte Herrn Müllers Stimme hinter meinem Rücken: »Es steht ja auch in Deutschland. Vor allem ist es aber immer noch mein Haus, wenn auch nur noch so lange bis es, ich zitiere, ins Land, in dem die Zitronen blühen, geht. Welcher deutsche Dichter?« Sven sah ihn plump an und Herr Müller fuhr fort: »War ja klar. Unser Kenner und Verteidiger der deutschen Kultur! Ich hab dir schon mal gesagt, ich will deinen Krampf hier nicht hören. Grüß lieber deinen Vater von mir. Du besuchst deine Eltern doch, oder?«
»Ja, Herr Müller. Ja doch. Am Wochenende.«
»Das will ich für dich hoffen. Und Sie kommen mit mir«, wandte er sich an mich: »Ich nehm Sie noch mit zum Bahnhof. Einen Guten Tag, Sven. Und lass Opa Özdogan in Frieden. Der hat mehr im Leben gearbeitet, als du es je tun wirst!«
Herr Müller erklärte mir auf dem Weg zum Bahnhof , dass er Sven als Freund seines Vaters schon seit dessen Geburt kenne und den Eltern versprochen habe, ein Auge auf ihn zu werfen, als er arbeitslos geworden war und begann, in die rechte Szene abzudriften. Die alte Wohnung war für die Hartz-Kriterien zu groß und Sven willigte deshalb sofort ein, in die kleinere Wohnung im Sachsenweg zu ziehen. Sven schaltete nach Herrn Müllers Aussage ein wenig langsamer und begriff erst später, warum seine treu sozialdemokratischen Eltern, bei aller Wut auf ihn, ihre Kontakte hatten spielen lassen.
Sven wurde zwar bei gleichbleibender Arbeitslosigkeit immer rechtsradikaler, daran ließ sich so schnell nichts mehr ändern, aber seine Eltern verloren nicht völlig den Kontakt, solange Herr Müller berichten konnte. Zumindest so lange, bis er sich in Italien zur Ruhe setzen und das Haus verkaufen wollte.
So war ich im Zug tatsächlich ein wenig beruhigter. Ich hatte eine Wohnung, zumindest fürs Erste, und vielleicht würde ich gar nicht lange bleiben und jobbedingt in eine andere Stadt ziehen müssen …
Im Zweijahrestakt hissten nun die Bewohner des Sachsenwegs wie alle Bürger des Landes brav ihre Fahnen und feierten die Helden der Nation. 2008, zur EM in der Schweiz und Österreich, wurden nach euphorischem Beginn die meisten Fahnen so schnell wieder eingemottet, wie der Christbaumschmuck nach Weihnachten. Allerdings ließen auch einige ihre Fahnen hängen, so wie manche Exzentriker den Christbaum erst im Juni vor die Türe stellen. 2010, nach der WM in Südafrika, blieben schon weitaus mehr Fahnen gehisst und an manchem Außenspielgel verblassten die Nationalfarben so langsam wie die Erinnerungen an den verpassten Titel, bis 2012 zur EM in Polen und der Ukraine alles turnusgemäß erneuert wurde. Und ich streifte mir alle zwei Jahre dasselbe 54er-Retrotrikot über, im selben Geiste wie anno 2006.
