Neue Nachbarn - Philipp Ruhland - E-Book

Neue Nachbarn E-Book

Philipp Ruhland

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Beschreibung

Max lernt die neue Nachbarin Jasmin bei einem Fest kennen und entdeckt Gefühle für sie. Doch einige Monate später - auf der Weihnachtsfeier seines Jahrgangs - geschieht etwas, das alles durcheinander bringt und Max und seine Clique auf eine wilde Achterbahnfahrt der Gefühle führt...Findet jeder sein Glück - oder gibt es auch Verlierer im Spiel der Liebe? Jetzt in zweiter, überarbeiteter Auflage!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für meine Oma, die jetzt den Himmel mit ihrem Schweinebraten verwöhnt

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur zweiten Auflage

Die Weihnachtsparty

Die Weihnachtsgeschenke

Der Abend am Lagerfeuer

Gestohlenes Spielzeug

Ein schicksalhafter Tanz

Das neue Jahr beginnt

Nachhilfe

Tränen im Training

Der Roman über Marco Polo

Zwei Wege, die zum Ziel führen

Weiß beginnt, Schwarz gewinnt

Ein großer Zufall

Leia und Slash

Der Drache, der Feuer speit

Der Auftritt

Die Wanderung ins Tal

Verkleidet und unverhüllt

Das Konzert

Die Spätherbstluft Stuttgarts

Ein erster Versuch, ein erster Erfolg

Pasta statt Pizza

Ein Missverständnis

Die Rosen in der Altstadt

Es tut so gut

Ein sonderbarer Vorfall

Das Volksfest

Ein Abend am Lagerfeuer

Der Sieg

Griechischer Wein

Vorwort zur zweiten Auflage

„Fertig! Ich habe es geschafft! Nach 297 Seiten und 90.834 Wörtern habe ich mein erstes Buch fertiggeschrieben. Mit dem Ende, besonders mit dem letzten Satz bin ich zufrieden. Ich bin froh, dass es fertig ist, aber es ist nun auch schade, dass es vorbei ist (auch wenn noch einmal alles überarbeitet werden muss).“

Seitdem ich längere Texte schreibe, halte ich in einem Tagebuch fest, was ich wann geschrieben habe und direkt nach dem Schreiben auch meine ersten und damit pursten Gedanken über das Geschriebene.

Am 20. Mai 2017 habe ich das Obenstehende festgehalten; es war der Tag – ein sonniger im Übrigen -, an dem ich „Neue Nachbarn“ beendet habe. Leider habe ich mich dann selbst betrogen – an den Satz in der Klammer habe ich mich nicht gehalten. Ich habe zwar mit dem Überarbeiten begonnen, allerdings wurde mein Drang, das Buch endlich zu veröffentlichen, immer größer und siegte schließlich über die Gründlichkeit – ich brachte ein Buch heraus, das nicht in vollem Umfang Korrektur gelesen worden war.

Natürlich war ich stolz auf mein Werk – wer ist das nicht? Dennoch entdeckte ich sogar bei einem überfliegendem Lesen Fehler, die bei einem gründlichen Korrekturlesen sicherlich nicht in die finale Fassung des Buches gekommen wären. Dazu zählen Sätze, die mit einem Satzbauplan begonnen und mit einem anderen beendet wurden und somit grammatikalisch keinen Sinn ergeben, ebenso wie Rechtschreibfehler und Buchstabendreher. Nicht nur das, sondern auch die teilweise übertrieben bildliche oder kitschige Sprache erregte meinen Unmut.

Mir stieß mit zunehmender Zeit außerdem das Layout auf, da die Schriftart für ein Buch viel zu groß war und das Format auch keines war, welches ich als Leser für ein Buch präferieren würde. Nicht um mich zu verteidigen, sondern der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass ich „Neue Nachbarn“ bei Tredition, einem Selfpublisher, veröffentlicht habe und somit das Layout selbst erstellt habe; ich bekam dabei keine Hilfe. Da ich noch keine Erfahrung auf diesem Gebiet gehabt habe, habe ich „einfach drauf los“ gelayoutet – das Ergebnis spricht Bände.

„Neue Nachbarn“ sollte ursprünglich eine Kurzgeschichte mit wenigen Kapiteln und einer absolut offensichtlichen Handlung werden. Allerdings wurden während des Schreibens die Ideen und Figuren immer mehr, sodass es für mich unbefriedigend gewesen wäre, den ursprünglichen Plan zu verfolgen und die neuen Ideen unverwirklicht zu lassen. Also habe ich ihnen ihren Raum gegeben und aus „Neue Nachbarn“ einen Roman gemacht. Dabei aber gab es ein Problem: Anfänglich sah die Handlung anders aus. Entsprechend „hatte“ ich mit dem Figuren etwas anders „vor“. Darum gibt es in „Neue Nachbarn“ mehrere schlichtweg unnötige Stellen oder Handlungsstränge beziehungsweise Ansätze von Handlungssträngen, die ins Nichts führen.

All diese Fehler störten mich immer mehr und ich ärgerte mich über mich selbst, ich ärgerte mich darüber, dass ich ein derart vor Fehlern triefendes Buch veröffentlicht habe. Trotzdem blieb der Erfolg nicht aus, was mich sehr stolz gemacht hat und immer noch macht. Der Rottenburger Anzeiger, die Heimatzeitung, berichtete mehrmals über mich und im April 2019 bekam ich sogar den Nachwuchsförderpreis der Berta-und-Bruno-Selwat-Stiftung überreicht, mit der Nachwuchskünstler aus Rottenburg unterstützt werden.

Schließlich bewegten mich die positiven Rückmeldungen derjenigen, die sich durch diesen Dschungel aus schlechtem Layout, Rechtschreibfehlern, übertriebenen Metaphern und einer teilweise unlogischen Handlung gekämpft haben, dazu, mich der Aufgabe anzunehmen und das Buch zu überarbeiten. Dies geschah um den Jahreswechsel 2018/ 2019 und dauerte bis zum 4. Januar 2019. Dabei habe ich natürlich in erster Linie Rechtschreib- und Grammatikfehler ausgebessert, allerdings auch die Sprache ein wenig flacher gestaltet, sodass die Bildlichkeit nun pointierter und somit wirkungsvoller eingesetzt ist. Außerdem ist das Layout nun für den Leser angenehmer gestaltet.

Zu guter Letzt habe ich bei der Handlung unnötige oder unlogische Passagen gestrichen und einige Kapitel miteinander verbunden oder zueinander verschoben. Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, dass die Kapitel nun mit Überschriften versehen sind und nicht mehr mit schlichten – und zugebenermaßen ziemlich langweiligen und einfallslosen – Zahlen.

„Neue Nachbarn“ ist mein erstes Buch und die Reihe wird ein Herzensprojekt bleiben, daran wird sich vermutlich nichts mehr ändern. Die Handlung sowie ausschmückende Beschreibungen sind so sehr von persönlichen Erlebnissen, Beobachtungen oder Hoffnungen geprägt, dass es nicht möglich ist, dieses Buch ohne Emotionen zu lesen. Sollten einige äußerst aufmerksame Leser Figuren oder Ereignisse wieder erkennen, so sei ihnen gesagt, dass manche Anlehnungen an reale Figuren oder Ereignisse durchaus beabsichtigt waren, andere dafür nicht. Wenn sich jemand in schlechtem Licht dargestellt fühlt, so geschah dies nicht mit Absicht oder aus persönlichem Groll, sondern diente lediglich dazu, der Handlung den nötigen Schliff zu geben.

Ich möchte mich bei allen bedanken, die das Buch trotz seiner Fehler gelesen haben, ich freue mich über jeden einzelnen. Es ist ein Gefühl, das zu beschreiben ich nicht einmal versuchen will, weil es nicht möglich ist, Worte dafür zu finden, wenn jemand ein Buch in Händen hält, das man selbst geschrieben hat, und wenn es diesem dann auch noch gefällt. Ich freue mich außerdem darüber, dass mittlerweile der zweite Teil „Distanz und Nähe“ erschienen ist, und hoffe, dass Ihnen das Lesen genauso viel Spaß machen wird wie mich das Schreiben erfreut hat. Ebenso hoffe ich, dass Ihnen die zweite, verbesserte Auflage von „Neue Nachbarn“ gefällt.

Bei der Lektüre viel Spaß wünscht Ihnen

Philipp Ruhland

Im Oktober 2019

Ich habe Max irgendwann einmal kennengelernt und wir wurden engste Freunde. Als er erfuhr, dass ich hobbymäßig Autor war, fragte er mich, ob ich aus seinen Geschichten etwas machen konnte. Ich war von der Idee ganz begeistert und so saßen wir lange beisammen und er erzählte mir seine Geschichten. Als mir klar wurde, dass es nicht gerecht wäre, wenn wir nur die Geschichte von Max erfahren, habe ich auch alle anderen der Gruppe gefragt. Sie haben mir die leeren Flecken aufgefüllt. So ist es mir gelungen, eine Art Tagebuch des Erwachsenwerdens zu erstellen. Der erste Teil der Geschichte, so fand ich es am besten zu erzählen, deckt sich in etwa mit einem Schuljahr. Aber seht selbst…

Die Weihnachtsparty

Gegelt, geduscht und vor allem gespannt verließ Max das Haus und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Er atmete einmal tief die kalte Winterluft ein, ließ die Kälte durch die Lunge strömen und atmete den Schwall aus, sodass die Luft sichtbar wurde. Die Dämmerung war bereits sehr weit fortgeschritten, als er die Einfahrt verließ und auf Jasmins zuschritt.

Ein lauer, aber kühler Wind wehte durch Max‘ Haar, welches dank einer gewissen Menge an Gel dem Drang des Durcheinanders widerstehen konnte. Jasmin verließ gerade das Haus, gefolgt von ihrer Mutter, und erblickte sogleich Max, der grinsend seinen Gang beschleunigte.

Jasmin war die neue Nachbarin, die im Sommer eingezogen war, gemeinsam mit ihrer Familie. Schnell hatten sie sich angefreundet, was noch einmal verstärkt wurde dadurch, dass sie gemeinsam in die Schule im nahegelegenen Neustadt gingen.

Und auf ging die Fahrt. Bis sie in Santiros Dorf, wo die Party stattfinden sollte, angekommen waren, hatte die Dunkelheit die Welt bereits umhüllt. Gesprochen wurde nicht viel auf der Fahrt, zumal Jasmin vorne saß und Max es sich auf der Rückbank gemütlich gemacht hatte.

Er blickte aus dem Fenster, nicht um schöne Landschaften zu sehen, an denen er sich normalerweise ergötzte, sondern um irgendetwas zu haben, auf das er sich konzentrieren konnte. Doch wie er feststellen musste, war das ebenfalls nicht möglich; in der Einöde, wie sie sie durchfuhren, sah man selbst Bäume, die direkt an der Straße wuchsen, nicht mehr. Also fokussierte sich Max auf sich, auf sein Innerstes und versuchte, einen Gedanken festzuhalten, von denen ihm verschiedenste und unterschiedlichste durch den Kopf schwirrten.

Dass Jungs Mädchen verfallen und dann enttäuscht werden, hatte er bereits oft auf Partys beobachten können. Und als er Jasmin betrachtete, die vorne auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, kam ihm ein neuer Gedanke in den Sinn.

Konnte er auch von Jasmin irgendwann enttäuscht werden? Konnte es zu dem Berg, den beide gemeinsam seit jenem Abend am Lagerfeuer erklommen hatten, auch einen Gipfel geben, dem ein Tal, womöglich gar ein tiefes Tal, folgte? War die Stimmung, die zwischen ihnen herrschte, womöglich nur eine Momentaufnahme? Schlug das Leben in seiner Sinusform zurück, indem es sie in ein Tal abstürzen ließ? Eines aber machte Max ziemlich sicher, dass dies nicht so werden würde, dass es kein Tal geben würde. Er hatte derartige Gedanken bereits vor einigen Tagen gehabt, sie aber verworfen, weil er sie nicht glauben konnte, zu weit weg erschienen sie ihm.

Immer mehr wurde Max klar, dass Jasmin ihn nicht so ersetzen würde wie ein Regisseur einen schlechten Schauspieler in einem Film. In den letzten zwei Wochen war ihm klar geworden, dass das Band, das sie zusammenhielt, wohl nicht nur freundschaftlicher Natur war; es ging tiefer.

Sie war der Beweis, dass sich hinter Biegungen und Wendungen im Leben nicht zwingend etwas Schlechtes verbarg. Es erschien Max nun eher wie eine Bestätigung als eine Vermutung, die er schon seit ihrem ersten Treffen mit sich herumgetragen hatte. Es war eine Erkenntnis, von der er dachte, sie würde ihn mehr überraschen, jedoch war da keine Überraschung, sondern mehr eine riesengroße Freude über das neue Wissen.

Er fühlte Gefühle, die alles auf der Welt klein und unbedeutend erscheinen ließen. Er fühlte Gefühle, die die Welt stoppten. Und er fühlte Gefühle, die bewiesen, dass es Magie gab. Er grinste innerlich und trug dies durch eine veränderte Körperhaltung nach außen. Dort draußen, dort war es kalt, dort drinnen, dort wo die Seelen hausten, war es warm.

„Also gut, hier sind wir.“, brach Agnes, Jasmins Mutter, das Schweigen.

„Danke fürs Fahren, Mama.“, meinte Jasmin.

„Und danke fürs Mitnehmen.“, fügte Max an. „Meine Eltern holen uns um eins dann hier wieder ab.“

„Alles klar. Viel Spaß euch!“, verabschiedete sich Agnes und fuhr davon, hinaus in die Dunkelheit.

In entgegengesetzter Richtung erstreckte sich das Sportheim. Es handelte sich mehr um eine Hütte als um ein Haus, auch wenn es aus Ziegelsteinen erbaut war. Die Musik drang schon aus den Lautsprechern nach draußen. Als sie hinein gingen, kam ihnen schon die Mischung aus Gesprächen, Musik, Gelächter und der Geruch von Alkohol entgegen.

Das Sportheim gehörte zum örtlichen Sportverein, wo Santiro Mitglied war und dessen Vater dem Vorstand angehörte. Da er die Schlüssel hatte, stellte er ihnen das Heim zum Feiern zur Verfügung. Das hatte noch einen weiteren Vorteil: die Lage, denn das Dorf, aus dem Santiro stammte, lag nahe an Neustadt, dem Ort ihrer Schule, und somit ziemlich zentral.

Mit der Zeit füllte sich das Heim mit Schulkameraden und Freunden und die Party kam in Schwung. Man unterhielt sich, lachte, genoss die Stimmung. Alkohol floss, Worte flogen hin und her, Musik breitete sich aus und animierte zum Tanzen. Die Gruppe um die Band machte es sich in einer Ecke gemütlich und setzte sich zusammen und sprach so über dies und über das, über das Gestern, über das Heute und über das Morgen.

Die Band bestand aus Santiro, dem Bassisten, Tom, dem Schlagzeuger, Linda, der Rhythmusgitarristin, Lea und Julian, den alle nur Ju nannten, den Sängern, und schließlich Max, der Leadgitarre spielte. Doch die Schulband war nicht nur eine Zweckgemeinschaft, sie war in Freundschaft entstanden und hatte sie zu noch engeren Freunden gemacht.

Die Idee stammte von Max und Ju, die gerne gemeinsam musizierten. Damals – also letztes Schuljahr - gingen sie alle noch in die zehnte Klasse, eine Zeit in der noch Noten und keine Punkte für Leistungen vergeben wurden. Sie wussten auch von Tom, Linda und Lea, dass diese gerne Musik machten. Sie brauchten also noch einen Bassisten und den fanden sie in Santiro. Mit der Idee, eine Schülerband zu gründen, traten sie an ihren Musiklehrer, Max Klabe, heran.

Der war sofort begeistert und blieb sogar extra für die Bandprobe länger in der Schule. Da sie auch schon vor der Band gemeinsam musiziert hatten (zwar noch nicht in einer so großen Gruppe), war es nicht schwer, erste Lieder einzuüben. Sie traten dann beim Sommerkonzert ein erstes Mal auf und ernteten sogleich „Zugabe!“-Rufe. Nun traten sie regelmäßig bei Schulfesten auf und durften schon als Vorband für eine größere Coverband aus Neustadt der Menge einheizen.

Die Gruppe, die mit Jack, Barbara und seit diesem Schuljahr Jasmin nicht nur aus Bandmitgliedern bestand, bildete einen eigenen Tisch. Derjenige, der außen saß, hatte immer die Ehre, für Nachschub zu sorgen. Schließlich saß Ju außen, der auch gerade sein Bier geleert hatte.

„Ich hole mir noch ein Bier. Will noch jemand eins?“, fragte Ju in die Runde. Jedoch war gerade keiner leer, also ging er alleine.

Als Ju zurückkam, hatte er kein Bier dabei, sondern etwas anderes. „Also, Bier habe ich keines geholt, aber dafür, das hier: Schnaps!“, rief er und hob eine halb leere und offene Flasche hoch. „Ups, jetzt hab‘ ich mir was drüber geschüttet. Will mich jemand trinken?“

Nachdem das Gelächter verstummt war, schenkte er jedem einen Schnaps ein, den sie sogleich nach unten kippten. Bei einer Runde blieb es aber nicht, denn Ju schien Flügel verliehen bekommen haben von vorherigen Getränken. Die meisten machten diese auch mit, nur Linda, Lea und Max verzichteten.

Schließlich war es Linda, die aufstand und nach draußen ging. Max erschien sie etwas geistesabwesend und auf eine gewisse Weise auch etwas nervös. Doch da hatte er schon oft getäuscht, das wusste er. An der Tür, die auf den Gang hinausführte, wurde Linda von Tom aufgehalten, der gerade von der Toilette kam. Sie wechselten kurz einige Worte, dann ging sie weiter.

Gleich aber wurde Max aus seinen Gedanken gerissen, in denen er sich befunden hatte, als er dem kurzen Gespräch zwischen Linda und Tom zugeschaut hatte. „Also, wenn das Pferd auf der Erde ist, ja, dann muss das Pfluft in der Luft sein, oder?“, fragte Jack neugierig in die Runde.

Nur Ju ging darauf ein: „Ja, logisch, aber es braucht ja riesige Flügel und gute Bremsen, wenn die Ampel rot ist.“

„Aber ja! Du bist voll das Genie!“

„Du bist höchstens voll, aber kein Genie!“, gab Jasmin zum Gespräch dazu. Alle lachten.

„Voll krass, Alter!“, meinte Jack und hob die Hand, um einzuschlagen. Mit wem, das wusste wohl nicht einmal er selbst.

„Eher krass voll!“, setzte Jasmin noch einen drauf und erntete erneut Lacher. Max war kurz davor, sich in ihren Augen zu verlieren, doch schallendes Gelächter von Ju unterbrach ihn.

Ju versuchte nämlich, mit Jack einzuschlagen, verfehlte aber und brach in schallendes Gelächter aus, sodass sich sogar manche vom gegenüberliegenden Tisch umdrehten und bei dem erbärmlichen Anblick den Kopf verdrehten.

„Du Idiot triffst nicht mal meine Hand, Alter!“, meinte Jack, der, wenn er nüchtern war, ein Künstlertyp war. Er zeichnete gerne Gemälde mit seinen Buntstiften, die für Außenstehende höchst komplex waren, für ihn aber eine besondere Bedeutung hatten, und schrieb Gedichte. Er zog sich außerdem immer schick an und hatte einen gepflegten Undercut. Seine braunen Haare betonten seine blauen Augen.

Max hielt es nicht mehr aus. Die beiden Säufer hatten nur noch krumme Gedanken, die sie äußern konnten. Nur noch Gedanken, über die nicht gesprochen werden konnte, nein, über die nicht einmal gesprochen werden durfte, so absurd waren sie. Sinn hatte es auch keinen, darüber zu diskutieren, denn die zwei waren besoffen und verhielten sich dementsprechend. Es war kaum auszuhalten.

„Max, was tust du denn hier?“, fragte urplötzlich Linda, die hinter ihm aufgetaucht war.

„Ich wollte für ein paar Minuten raus an die frische Luft. Da ist es doch ziemlich warm und laut geworden.“, antwortete Max wahrheitsgetreu und erkannte ein kleines Zucken an Lindas linker Lippenseite.

„Kann ich verstehen. Weißt du was, ich geh‘ auch mit nach draußen, dann bist du nicht so allein“, entgegnete sie mit einem Grinsen, das im Halbdunkel ein wenig skurril anmutete.

Draußen angekommen gingen sie dahin, wohin die Füße sie trugen und spazierten die Häuser entlang, bevor sie links abbogen und sich auf einem Feldweg wiederfanden. Obwohl es kalt war, war bisher noch kein Schnee gefallen. Jedoch hatte es, kurz nach Beginn der Party zu schneien begonnen, und mittlerweile war die Welt leicht überzuckert.

„Das ist irgendwie das erste Mal, dass wir wirklich nur zu zweit unterwegs sind, oder?“, fragte Linda, als sie schon ein bisschen abseits waren.

Max drehte seinen blonden Kopf ein wenig zu ihr hinüber.

Ihr Kopf war von einer rotblonden Haarpracht bedeckt, die im lauen Wind wehte. Darunter breitete sich eine äußerst geschmeidige Haut aus, deren Unebenheiten im Gesicht sehr anmutig waren. Dieses war von Grund auf ziemlich schmal und noch dazu lang. In der Mitte befand sich eine Nase, auf beiden Seiten davon waren große, aufmerksame und weite Augen. Diese zeigten, dass Wissen nicht nur über den Mund vermittelt werden kann. Linda war ein kleines Mädchen, wenn ihre Gesichtszüge nicht so erwachsen gewesen wären, dann hätte man sie getrost in die neunte Klasse stecken können, ohne aufzufallen.

„Ich kann mich auch an keine Situation erinnern.“, stimmte er zu. „Was für ein Zufall.“

Das einzige, was nun noch leuchtete, war das sich entfernende Licht einer Straßenlampe. Der Schnee kam durchaus überraschend, denn die Wolken waren noch nicht lange da. Er fiel in äußerst leichten und kleinen Flocken auf die Welt herab und bedeckte Menschen und den Rest. Der Feldweg wurde weiß, wissend, dass er es bleiben würde.

„Ich finde das hier gerade echt toll. Also dass wir hier rumgehen. Weil die anderen haben mich echt genervt, weil sie so viel getrunken haben. Weißt du, das versteh‘ ich eh nicht, warum man immer so viel trinken muss, damit man Spaß hat. Das geht doch auch ohne, oder?“, meinte Linda und neigte ihren Kopf, damit Schneeflocken auf ihr Gesicht rieseln konnten.

„Ich mag’s auch. Die Ruhe vom Rest tut wirklich gut. Und warum man so viel trinken muss, geht mir auch nicht in den Kopf. Ich hab‘ kaum was getrunken und hab‘ den Abend bisher einen Riesenspaß gehabt.“ Max‘ blonde, kurze, in der Mitte längeren Haare wurden nun auch etwas weiß, während Linda ihre Kapuze übergezogen hatte.

„Naja, so viel muss es dann eben nicht sein. Das versteh‘ ich absolut nicht. Das tut gut, wenn man nicht die einzige ist, die so denkt auf einer Party.“, freute sich Linda aufrichtig.

„Ja, das kann ich gut verstehen. Ist mir früher auch so gegangen.“ Er machte eine kurze Pause. „Und mit ‚früher‘ meine ich vor dem Abend.“ Er lächelte, wandte aber den Blick ab und sah kurz Jasmins Gesicht vor seinem geistigen Auge aufblicken. Das irritierte ihn.

Und dann gingen sie dahin, sprachen aus aktuellem Anlass über Landschaften, die sie faszinierten und kamen dann auf einen Vergleich, der für Spaziergänge typisch war. Zumindest für solche von der Art, dass sie nachts bei Kälte in Zweisamkeit stattfanden. „Weißt du, Landschaften wie jetzt gerade, also in der Nacht und mit ein bisschen Schnee, erinnern mich immer an mich selbst.“

„Das musst du mir jetzt aber erklären, sonst versteh‘ ich es nicht.“, forderte Linda Max auf.

„Ja, logisch. Also, die Landschaft, durch die wir gerade gehen, soll mein Leben sein. Manchmal geht es bergauf und manchmal geht es bergab. Und ist nicht jedes Leben von der Dunkelheit umhüllt? Wartet nicht jedes Leben auf die Erleuchtung und das Licht? Der Schnee ist ziemlich hell und jetzt leuchtet er ein wenig und zeigt uns, wohin wir gehen müssen, damit wir nicht vom Weg abkommen. Der Schnee ist das Licht, das ja für jeden anders erscheint. Schnee erleben wir ja auch unterschiedlich. Manche finden ihn nervig, manche machen Schneeballschlachten, manche fahren darauf Ski und so weiter.“

Linda hatte gespannt Max‘ Worten gelauscht und war nun ganz fasziniert von der Tiefsinnigkeit, die sie bisher überhaupt nicht von ihm gekannt hatte.

„So hab‘ ich die Natur noch nie gesehen. Das hat sich sehr tiefsinnig angehört. Aber du hast Recht. Die Natur ist wie unser Leben: manchmal bergig, mit Berg und Tal und manchmal flach ohne Ausschläge nach oben und unten. Das muss ich mir merken, das gefällt mir wirklich.“

„Danke. Du bist echt total nett.“

„Naja, wir haben eben noch nie über so etwas geredet.“, kam prompt als Antwort.

Sie spazierten noch ein wenig weiter, weg vom Dorf, von der Party, vom spärlichen Licht der letzten Straßenlampe, hinein in die Dunkelheit und doch sollte der Spaziergang alsbald enden. Ein Problem tat auf, das den meisten wohlbekannt sein dürfte.

„Max, mir wird langsam kalt. Können wir bitte umkehren?“ Linda fror und so blieb Max fast nichts anderes übrig, als folgende Worte zu sagen: „Da müssen wir ja fast umkehren, denn das geht ja nicht, dass du frierst.“

Durch den Schnee schritten sie Seite an Seite und hinterließen Spuren, die bald verschwinden sollten, denn weißer Nachschub hing noch in den Wolken.

Kurze Zeit später war die Party in Hörweite, dann bald in Sichtweite. Hinter der Kreuzung offenbarte sich Max als Vorhut zur Party ein Blick, dem er sich gerne verwehrt hätte. Und er konnte kurz einen Blick auf die Gesichter erhaschen, doch ein einziger Blick reichte ihm schon, denn dann wusste er, was vor sich ging. Von nun an war er sehr irritiert und konnte nicht mehr klar denken.

Die nachfolgenden Stunden, bis Max und Jasmin abgeholt wurden, ertrug er nur noch, anstatt dass er sie genoss.

In die Betten fielen in jener Nacht Gegensätze, die weit über das Geschlecht hinausgingen.

Die Weihnachtsgeschenke

In jener Nacht schlief Max sehr unruhig. Er wälzte sich im Bett umher, war lange Zeit wach und saß dabei kerzengerade im Bett. Irgendwann am Morgen gab er dann den Kampf auf, setzte sich auf und suchte Ablenkung am Handy. Die fand er nicht, also ließ er Gedanken zu, die er zuvor zu verdrängen versucht hatte.

Sollte sie erfahren, dass er sie gesehen hatte? Er konnte Jasmin nicht verbieten, dass sie so etwas tat, jedoch hatte er immer geglaubt, dass sie ihn auch als jemanden Besonderen angesehen hatte. Ob sie ihn bemerkt hatte? Hatte sie ihn gesehen –wenn auch nur mit einem kurzen Seitenblick? Hatte sie ihn auch mit Linda weggehen sehen? Vielleicht war sie mit einem Wesen ausgestattet, das chamäleongleich sein Antlitz ändern konnte – jetzt die nette neue Nachbarin, dann…, ja, wer war sie dann?

Es war ein sonderbares Gefühl, denn er wusste noch nicht mal, ob die Dinge, die er für Jasmin empfand, und ob die Gefühle, die er in ihrer Gegenwart fühlte, erwidert würden, wenn er sie ihr offenbaren würde. Wenn. Ziemlich viele Wenns, befand Max. Er war auf eine gewisse Weise enttäuscht, denn er hatte seit jenem Abend am Lagerfeuer gedacht, dass Jasmin für ihn etwas sehr Besonderes war. Und dass es schon irgendwie passieren würde. Doch wieder einmal hatte die Realität etwas anderes vor, so wie sie es oft tut.

Der Morgen graute und es lag nicht nur am trüben Winterwetter, dass der Tag so dunkel und monoton erschien. Irgendwie aber verging der Tag und das Mittagessen erlebte Max nur körperlich. Schnell zog er sich zurück, denn er wollte allein sein mit sich selbst. Am späten Nachmittag, als er sehr große Unlust empfand, blickte er aus dem Fenster.

Auf der anderen Seite – die eine ist nämlich die, dass er enttäuscht war – konnte er sich nicht erklären, wie er über den Spaziergang mit Linda denken sollte. Sie war eine Bandkollegin und gute Freundin – aber sah sie das auch so?

Die Sonne war von einem Vorhang aus Wolken so abgeschirmt, dass sie ihre Kraft nicht entfalten konnte. Max blickte aus dem Fenster, so wie er es früher immer getan hatte, bevor Jasmin in sein Leben getreten war. Das Leben davor war von Eintönigkeit geprägt. Jeden Tag Schule, Hausaufgaben, Musik machen, aus dem Fenster schauen –sein Leben kannte nur am Wochenende Abwechslung, wenn er Zeit hatte, um mit Freunden Unternehmungen zu machen.

Jasmin hatte sein Leben auf links gedreht, sodass er zu der Zeit, als er früher aus dem Fenster geschaut hätte, nun jemanden hatte, mit dem man reden, Spaß haben, Musik machen konnte. Mit Jasmin war er weniger in sich gefangen, mehr aus sich heraus gegangen.

Jasmin passte aus folgendem Grund nämlich gut zu Max: er konnte sehr gut Gitarre spielen, aber weder singen noch eigene Lieder schreiben. Doch Jasmin konnte genau das. Und so hatten sie sich im Sommer einfach nur verabredet, um zu musizieren. Diese Abende gehörten zu den schönsten Erinnerungen. Ihr müsst wissen, Max ist ein schüchterner junger Mann und war deswegen sehr froh gewesen, als mit Jasmin jemanden in seinen Heimatort gezogen war, dem das egal war.

Was sollte er tun? Er könnte es natürlich ignorieren und im Hinterkopf behalten, in den Niederungen meines Gedächtnisses. Vielleicht lichtete sich dieser Dschungel irgendwann einmal, vielleicht beruhigte sich diese See irgendwann einmal, vielleicht verzog sich dieses schlechte Wetter. Irgendwann. Einmal. Doch das sind starke Wörter.

Dann fiel sein Blick auf den Fenstersims. Dort stand das Geschenk, das er für Jasmin gekauft hatte. Für Weihnachten. Er wusste, dass es zu ihr passte und dass es ihr gefallen würde. Und obwohl nun sein Bild von ihr ein klein wenig verkratzt worden war, so sollte sie es trotzdem bekommen. Natürlich. Es ist ja Weihnachten.

Und Max blickte weiter aus dem Fenster. Und er sah eine junge Gestalt die Straße heruntergehen. Der Wind pfiff und deshalb hatte sie ihr Gesicht auf den schneebedeckten Boden gerichtet. Das machte es Max so schwer, sie zu lesen. Gesichter sind wie ein Spiegel der Menschen. Was er aber erkennen konnte, war, dass es sich um ein Mädchen handelte, denn braune Haare wehten um den Kopf herum. Die Gestalt verschwand aus Max‘ Blickfeld, bevor er sich ein Bild von ihr hatte machen können. Ihr Profil blieb unvollständig.

Kurz darauf klingelte es an der Tür. Max‘ Mutter, Sandra, war zu Hause und saß vermutlich gerade auf der Couch im Wohnzimmer. Sie machte aller Wahrscheinlichkeit nach Sudoku, so wie es die meisten Mütter tun. Oder Kreuzworträtsel. Aus Faulheit blieb er in seinem Zimmer, bei seinen Gedanken. Doch aus denen wurde er im nächsten Moment gerissen.

„Max, komm nach unten! Da ist jemand für dich!“, schallte es von der Haustür in sein Zimmer und die Sache mit der Faulheit hatte sich erledigt.

„Muss das denn sein?“, rief er zurück.

„Ja, das muss es!“, tönte eine andere, aber nicht minder bekannte Stimme von unten.

Jasmin.

„Ja, also gut. Wenn du meinst.“

Was sie wohl von mir will, fragte er sich in Gedanken, als er die Treppe hinunterging und auf sie zuging. Jasmin war nicht all zu groß, nicht all zu klein. Sie hatte wunderschöne blaue Augen in den Farben des Meeres. Ihre weiche und sanfte Stimme rundete das Erscheinungsbild ab. Kaum sichtbare Wangenknochen machten das Gesicht sehr ansehnlich. Ihre braunen Haare wehten leicht im Wind, welche ungefähr die Farbe frischen Holzes hatten.

„Hi, was gibt es denn?“, fragte er höflich. Man sah Jasmin nicht an, dass sie dann doch im Laufe des Abends mehr getrunken hatte, als sie vermutlich vorgehabt hatte – es sei denn, sie wollte betrunken werden, dann hätte sie ihr Ziel erreicht gehabt.

„Hi, das zeige ich dir draußen. Komm mit!“, forderte sie ihn mit einem Lächeln auf, das ihn an jenen Abend am Lagerfeuer erinnerte – denn da hatte sie ebenso gelächelt.

Also zog sich Max seine Winterstiefel und seine Winterjacke an und die beiden hockten sich auf die Bank, die gegenüber von Max‘ Haus war. Anscheinend waren früher am Tag schon Menschen darauf gesessen, denn der Schnee war an zwei Stellen plattgedrückt. Auf diese Stellen setzten sie sich nun auch.

„Nun spann mich nicht länger auf die Folter! Wieso habe ich mich hier in die Kälte begeben müssen?“, wollte Max wissen.

„Weil Weihnachten ist. Ich habe hier eine Kleinigkeit für dich.“, sagte sie und kramte in ihrer Jackentasche. Schließlich wurde sie fündig und streckte Max ein kleines Präsent entgegen. Es war mit einem Papier eingewickelt, das wohl manche als kitschig empfinden könnten.

„Das ist ja lieb.“, freute sich Max. „Danke, was ist denn da drin?“

„Das musst du schon selber herausfinden. Ich wollte es dir eigentlich später geben, aber ich dachte, jetzt ist der richtige Zeitpunkt.“, meinte sie schulterzuckend.

„Wie meinst du das?“ Die Fragezeichen in seinem Blick waren kaum zu übersehen.

„Dass es einen schlechteren Zeitpunkt auch gegeben hätte.“, entgegnete sie so prompt, als hätte sie die Frage bereits erwartet. „Jetzt mach schon auf!“

„Jaja, ist ja gut!“

Das Papier raschelte und zum Vorschein kamen viele Plektra. Es handelte sich wohl um das wichtigste Utensil für Gitarristen – abgesehen von der Gitarre selbst natürlich. Und das war noch nicht alles: sie waren teils mit dem Logo von AC/DC bedruckt, teils mit dem von Guns’N’Roses, also von seinen Lieblingsbands. Jasmin hatte genau seinen Geschmack getroffen.

„Wow, danke! Das ist echt cool! Es freut mich, dass du an mich gedacht hast!“, freute sich Max. „Woher wusstest du, dass ich sowas brauchen kann?“

„Weil du Gitarre spielst.“

Siedend heiß viel ihm ein, was auf dem Fenstersims in seinem Zimmer lag.

„Warte kurz hier. Ich habe auch was für dich.“

Also ging schnell wieder ins Warme, widerstand der Versuchung, drinnen zu bleiben, holte das Geschenk für Jasmin und setzte sich wieder auf den Abdruck, den diejenigen hinterlassen hatten, die früher auf der Bank gewesen waren.

„Du schaust so nachdenklich. Ist irgendetwas?“, fragte er sie, denn sie wirkte auf eine gewisse Weise geistesabwesend auf ihn. Doch er konnte sich auch täuschen.

„Nein, nein. Ich bin nur ein wenig müde von gestern, weißt du. Ich habe lange nicht einschlafen können. Und vielleicht habe ich doch einen über den Durst getrunken.“, sagte sie mit einem Lächeln, das man schwer deuten konnte.

„Aber Ju war gestern um einiges voller als du. Du warst ja im Vergleich noch fast nüchtern. Er hat uns tatsächlich mal gefragt, ob wir ihn trinken wollen, weil er sich Schnaps drüber geschüttet hat! So besoffen muss man erst mal sein!“

„Echt, da muss schon viel passieren, dass so was passiert!“

„Aber, naja, gestern ist gestern. Hier, das ist für dich.“, erwiderte Max.

Jasmin öffnete das Geschenk und freute sich.

„Das ist ja schön, ich weiß schon genau, wo ich das hinstellen werde!“

„Das freut mich, wenn’s dir gefällt!“

Das, was Jasmin in ihren zierlichen, sanften Händen hielt, war kein Gebrauchsgegenstand, es war vielmehr ein Genussgegenstand. Es waren drei einzelne Achtelnoten aus Keramik aus unterschiedlichen Farben, die man überall aufstellen konnte. Für eine solch leidenschaftliche Sängerin wie Jasmin war es das perfekte Geschenk. Das hatte sich auch Max gedacht, als er es im Geschäft gesehen hatte und es sofort mitgenommen. Dieses Geschenk musste einfach passen! Und es passte!

Max freute sich und vergaß kurz die Sorgen, die er sich gemacht hatte, und die Fragen, die er sich gestellt hatte. Wegen der Person, die er beschenkt hatte.

„Ich muss jetzt wieder. Ich hab‘ noch zu tun.“, durchbrach Max nach kurzer Zeit das Schweigen mit einer Ausrede, denn Jasmins Gegenwart war ihm auf einmal ungemütlich geworden.

„Das Geschenk freut mich wirklich.“, sagte Jasmin noch.

„Mich auch.“, schob Max hinterher, als ob das vorhin noch nicht klar geworden wäre.

Max stand als Erster auf und Jasmin folgte und umarmte ihn. Dabei hauchte sie Max ins Ohr: „Du weißt, warum heute der richtige Zeitpunkt ist. Und ich verstehe dich.“

Sie hatten sich bereits wieder aus der Umarmung gelöst und so konnte Max ihr Folgendes ins Gesicht sagen: „Hä? Was? Wie, du verstehst mich?“

Sie legte ihm den Finger auf die Lippen und erwiderte: „Pscht! Du weißt die Antwort. Vielleicht bist nur noch nicht draufgekommen. Dafür hast du jetzt noch Zeit. Mach’s gut!“

„Ja, du auch.“ Und da stand Max, Jasmin hinterher schauend, wie sie die Straße entlang nach Hause ging, und er hatte viele Fragezeichen über dem Kopf schweben, die jetzt zu klären waren.

„Du weißt die Antwort. Aber du bist noch nicht draufgekommen.“

Jasmins Worte hallten in Max nach. Er fühlte sich von sich alleingelassen, von dem, das ihn ausmachte, ihn prägte. Von dem, das aus seinen gedanklichen Getreidefeldern ein leckeres, knuspriges Brot machte. Dort drinnen herrschte Leere, die sich nach außen offenbaren musste, so wie er dastand. Er war sehr perplex und stand auf der Leitung, die auch durch seinen Kopf ging, denn Jasmins Worte ergaben keinen Sinn. Noch nicht.

„Dafür hast du ja noch Zeit.“

Was aber bedeuteten die Worte, die ihm Jasmin eingehaucht hatte?

Der Abend am Lagerfeuer

Nun wisst ihr schon, dass Max an diesem Weihnachtsfest sehr verwirrt war. Doch es hatten sich viele Dinge ereignet, die zu diesem für ein Weihnachtsfest höchst ungewöhnlichen Zustand geführt haben. Von dem Abend, der der Auslöser für all das war, möchte ich euch nun erzählen, denn ihr sollt verstehen, was es mit jenem Abend am Lagerfeuer auf sich hat.

Alles begann nämlich einige Tage, nachdem in die Einfahrt des leer stehenden Hauses der Nelkenstraße des Blumenviertels am Stadtrand, in dem Max lebte, ein Umzugslastwagen gefahren war, gefolgt von einem Familienauto. Das betreffende Haus stand seit ungefähr einem Jahr leer. Die ehemaligen Bewohner waren Berufs wegen nach Hamburg umgezogen. Für Max war das kein großer Verlust, da er – und da stellte er keine Ausnahme in der Siedlung dar – kaum Kontakt zu ihnen gehabt hatte.

Die Siedlung, in der sie lebten, lag an einem sanften Hügel. Jenes Haus, in das die Kirchhoffs gezogen waren, befand sich etwas weiter oben auf dem Hügel als ihr eigenes, zu dem eine hübsche, kleine Straße hinaufführte.

Nun, wie dem auch sei, einige Tage nach diesem ungewöhnlichen Ereignis – wann verirrt sich ein großer Lastwagen in eine kleine Wohnsiedlung? - läutete es an der Tür. Es waren die Neuen. Max war in seinem Zimmer und spielte gerade Gitarre, weswegen er die Klingel nicht hörte, also fragte er seine Eltern, worum es gegangen war.

Sie erzählten ihm, dass Jasmin, die Tochter der Familie, die auf den Namen Kirchhoff hörte, sie eingeladen hatte. An jenem Abend wollten sie nämlich die Nachbarn kennenlernen und deswegen veranstalteten sie ein kleines Fest in ihrem Garten.

Um etwa sieben Uhr – man muss ja nicht auf die Minute pünktlich sein! – fanden sich Max und seine Eltern vor der Tür der neuen Nachbarn wieder. Sie läuteten und Jasmin öffnete die Tür. Das war das erste Mal gewesen, als er sie aus der Nähe gesehen hatte. Er war wieder fasziniert, noch faszinierter als von der Ferne, denn er hatte ja von seinem Fenster aus gesehen, wie eine vierköpfige Familie aus dem Auto gestiegen war.

Das Haus schien noch nicht ganz eingerichtet, denn es stand noch so mancher Umzugskarton herum. Sie durchquerten aber das Haus in den Garten, in den angenehm warmen Sommerabend, der das Ende eines schönen Sommertages darstellen würde. Die ehemaligen Bewohner – die in dem Haus übrigens sehr lange gewohnt hatten - hatten gleich bei ihrer Ankunft einen Baum gepflanzt, der mittlerweile groß, stark und mächtig geworden war. Dieser mächtige, starke und große Baum bildete das Zentrum der Feierlichkeiten.

An seinem Stamm wand sich eine Lichterkette empor, die sich verteilte. Weitere Ketten räkelten sich durch den Garten wie Schlangen. Tische und Bänke waren aufgestellt. Als Kirsche auf dem Kuchen, als Krönung stand ein Tisch ein wenig abseits als Buffet da. Bestückt mit Essen, das roch wie das pure Glück, wie der Himmel auf Erden. Armin, Jasmins Vater, transportierte weitere Gerüche zum Buffet, als er eine Platte mit Fleisch, das der Grill so wunderbar kross gemacht hatte, auftrug.

„Was darf’s denn zu trinken sein?“, wurde Max jäh aus seinen Gedanken gerissen. Fragend blickte ihn Jasmin an.

„Ein Bier bitteschön.“, antwortete er.

„Klar, gern, bringe ich dir sofort. Du musst Max sein, ein paar Häuser in diese Richtung.“ Mit den Fingern deutete sie in die Richtung, die sie meinte.

„Ja, der bin ich. Wir wohnen aber genau in die andere Richtung.“

„Oh, Entschuldigung, ich hab das mit den Namen noch nicht ganz drauf.“

„Ach, macht doch nichts. Du musst dann Jasmin sein, oder?“

„Ja, genau, schön dich kennenzulernen.“, meinte sie lächelnd.

„Geht mir genau so.“

„Ich hole dann mal dein Bier.“ Als sie hinein ins Haus ging, fiel Max auf, dass er sie nicht anschaute, sondern nur dachte, er würde sie anschauen. In Wirklichkeit dachte er nur über sie nach.

Das Essen schmeckte so, wie es aussah. Neben Fleisch, das für ihn zum Grillen gehörte wie die Luft zum Atmen, hatte er seinen Teller mit Salat und Brot beladen. Gerade verschlang er sein zweites Stück Fleisch. Kaum hatte er geschluckt, befand sich ein neues Stück in seinem Mund. Von seinem Platz aus erblickte er Jasmin gerade in dem Moment, als sie über einen Witz lachte. Innerlich ging in ihm die Sonne auf, die echte hingegen wurde langsam aber sicher von der Dunkelheit verschlungen.

Ehe man sich versah, war die Dämmerung fast vorüber. Die Nacht hatte die Sonne verschlungen und den Mond als Lichtquelle geboren. Armin, ein großer, braunhaariger Mann, hatte außerdem ein Lagerfeuer entzündet, dessen Flammen sich tanzend gen Himmel reckten. Um das knisternde und knackende Feuer waren Bänke aufgestellt. Max hatte sich als einer der Ersten der feurigen Tanzshow hingegeben, denn er langweilte sich. Außer Jasmin, die aber bisher sehr mit dem Bedienen der Gäste eingespannt war, gab es niemanden in seinem Alter, geschweige denn jemanden, den er wirklich mochte; entweder waren die Gäste jünger oder älter.

Nach einigen Minuten setzte sich Jasmins jüngerer Bruder, Ben, zu ihm. „Du sitzt da ganz allein. Hast du keine Freunde?“, wollte er wissen.

Ben schien unbekümmert. Er sprach, was er dachte.

„Doch, die habe ich schon. Aber die wohnen alle nicht hier, sondern etwas weiter weg.“, antwortete ein überraschter Max.

„Ich hole Jasmin, du magst sie bestimmt. Sie ist die beste Schwester, die man haben kann. Sie hilft mir immer beim Puzzle-Bauen.“, erzählte Ben ganz stolz.

Dann stand er plötzlich auf und ging ins Haus. Nach kurzer Zeit kam er mit einer sichtlich genervten Jasmin im Schlepptau auf Max zu. „Was ist denn?“, fragte sie Ben genervt.

„Der hier ist ganz alleine und da habe ich ihm gesagt, dass er mit dir reden soll.“, antwortete Ben, als wäre es die normalste Sache auf der Welt.

„Und warum redest du nicht mit ihm? Max ist doch super nett, oder?“, fragte sie ihren Bruder.

„Doch, du hast Recht. Aber ihr seid doch genauso alt. Ihr könnt doch viel besser reden. Der interessiert sich bestimmt nicht für meine Sachen.“, gestand Ben.

„Also gut. Dann geh du aber nach drinnen und hilf beim Ausräumen der Spülmaschine.“, gab sie ihm zu tun.

„Dann wollen wir mal tun, was dein Bruder uns aufgetragen hat: reden.“, begann Max, wobei er überrascht war, dass er als erster etwas sagte. Eigentlich war er ein schüchterner Junge und wenn man das bedenkt, macht das die Situation umso bemerkenswerter.

„Auf welche Schule gehst du eigentlich?“, fragte Jasmin.

„Ich gehe auf das Sankt-Christopherus-Gymnasium in Neustadt. Nach den Ferien in die elfte Klasse.“

„Dann werden wir ja Klassenkameraden sein! Schön wenn ich dann schon jemanden kenne!“, freute sich Jasmin. „Und so jemand nettes.“, fügte sie mit einem Lächeln hinzu.

„Danke, das kann ich nur zurückgeben. Endlich jemand aus der Nachbarschaft, mit dem ich irgendwas machen kann. Alle meine Freunde wohnen weit weg. Von Neustadt aus genau in die andere Richtung.“

„Das ist ja schade. Und wann machst du was mit ihnen?“

„Manchmal am Wochenende oder in den Ferien. Aber eher selten.“ Er ließ einen Augenblick verstreichen. „Was hast du mit deinen Freunden gemacht in Stuttgart?“

„Tja, was man in einer Großstadt so macht. Shoppen, ins Kino gehen und so weiter.“

„Vermisst du sie?“

„Einige, meine engsten Freundinnen, aber ich will jetzt neue Leute kennenlernen. Und vielleicht kann ich mich ja mal wieder mit ihnen treffen. Außerdem bin ich froh, dass ich hier Patrick nicht mehr über den Weg laufe.“

„Wer ist Patrick?“, wollte Max wissen.

„Mein Ex-Freund. Ich habe mich vor ein paar Wochen von ihm getrennt. Er ist ein Arsch.“

„Das tut mir leid. Dann ist der Umzug wohl gerade zur richtigen Zeit gekommen.“, meinte Max möglichst ernst und hoffte, damit Jasmin ein bisschen aufmuntern zu können.

Da sie nichts erwiderte, folgte ein Schweigen, in dem beide, Max und Jasmin, sich bemühten, den anderen nicht sinnlos anzustarren. Ihnen beiden kam es so vor, als wäre dies eine Nacht, an die sie sich erinnern würden. Da haben sie sich mitnichten getäuscht! Beide betrachteten das Lagerfeuer, wo jede Flamme versuchte, dem Himmel am nächsten zu sein. Das sah nach einer ungewollten Tanzeinlage aus.

Jasmin sagte schließlich in das Schweigen hinein: „Hey, ich muss sagen, dass ich geglaubt habe, dass das heute total langweilig wird. Aber das ist es gar nicht. Mit dir kann man nämlich wirklich gut reden.“

„Danke, das ist nett von dir. Mit dir aber auch. Wir müssen öfter mal was miteinander machen.“

„Oh ja, das müssen wir.“, stimmte Jasmin zu.

Nach einer kurzen Pause fragte Max: „Wollen wir Nummern austauschen?“

Jasmin holte ihr Handy aus der Gesäßtasche, entsperrte es und diktierte Max mit einem ihre Nummer. Das Austauschen der Handynummer ist wie ein modernes Erklären der Freundschaft.

Max tippte die letzte Zahl, als eine Frau, die sich als Jasmins Mutter herausstellte, herbeikam.

„Na, Jasmin, wen hast du denn hier kennengelernt?“

„Hi, ich bin Max. Von den Lubas.“, antwortete er anstelle von Jasmin, die mit einem Lächeln auf den Lippen hinzufügte: „Er wird auch nach Neustadt auf die Schule gehen.“

„Was ich eigentlich sagen wollte: Jasmin, kannst du mir schnell helfen, die Kuchen zu holen?“

„Von mir aus.“ Zu Max sagte sie im Weggehen: „Ich bin gleich wieder da.“

So saß Max still da. Aber innerlich schwirrten Gedanken umher – als ob sie Mücken wären, die eine Beleuchtung gesehen hatten. Er freute sich, eine neue Bekanntschaft gemacht zu haben, eine hübsche noch dazu, sodass er innerlich Freudensprünge vollführte.

Beim Einschlafen, als der Morgen schon näher war als der vergangene Abend, dachte er nach. Vielleicht war sie sein Kompass im Ungewissen, sein Regen, damit man ihn nicht weinen sah, seine Freude in der Traurigkeit. Vielleicht war sie seine zweite Herzhälfte, nachdem die andere von einem Mädchen fortgetragen war, an das sich Max nicht mehr erinnern sollte. Vielleicht passten sie zueinander, wussten es aber noch nicht. Vielleicht waren sie ein geöffneter Reißverschluss, bei dem erst beide Hälften zusammengefügt werden müssen, damit er ganz war.

Max wusste darauf keine Antwort. Und das störte ihn. Eigentlich gefielen ihm nämlich die Antworten auf Fragen mehr als die Fragen selbst. Das Gefühl, etwas Neues zu erfahren, ist nun einmal besonders.