Neues aus Bellabü - Heinrich Huch - E-Book

Neues aus Bellabü E-Book

Heinrich Huch

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Beschreibung

Irgendwo in der norddeutschen Provinz treffen Bella und Heini, aus dessen Perspektive diese Geschichten erzählt werden, aufeinander. Man kommt sich sehr schnell sehr nahe und nach einigen ebenso überraschenden wie turbulenten Ereignissen finden sich die beiden als Besitzer eines überregional bekannten Puffs und Swingerclubs wieder. Hier beginnen die neuen Geschichten in diesem Buch. Das Leben im Bellaversum ist bunt, kurios, chaotisch, lustig, manchmal dramatisch und gelegentlich auch frivol. Aber niemals langweilig. Sehr zu Heinis Bedauern. Wir treffen alte Bekannte und neue Verwandte, Prinz Eisenherz, eine Maus namens Meikel, einen Toaster namens Röstfried und natürlich die "O". Freuen Sie sich auf bewegende Dramen aus der Norddeutschen Tiefebene. Dieser zweite Sammelband enthält 29 neue Geschichten aus dem Bellaversum. Die 35 bereits erschienenen finden sich u.a. im ersten Sammelband "Alles Bella".

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Heinrich Huch

 

Neues aus Bellabü

 

Der zweite Sammelband

 

Inhaltsverzeichnis

Rück-Blick und Vor-Wort

Band 4 („La vie est Bella“)

Kapitel 36 – Reiche Kirchenmäuse

Kapitel 37 – Kein Offizier und Gentleman

Kapitel 38 – Wilma in der Wanne

Kapitel 39 – Aufspringer und Abspanngucker

Kapitel 40 – Der Liegeradhering

Kapitel 41 – Konfitüren-Kapitalismus

Kapitel 42 – Leg dich nicht mit Leo an

Kapitel 43 – Robert aus Wuppertal

Kapitel 44 – Aloha!

Kapitel 45 – Röstfried Langschlitz

Band 5 („La Bella famiglia“)

Kapitel 46 – Honey do!

Kapitel 47 – Wurstfinger

Kapitel 48 – Ute, Uta und ein wenig Utah

Kapitel 49 – Gegenbesuch!

Kapitel 50 – Haare lassen für die Kunst

Kapitel 51 – Oh Romeo

Kapitel 52 – Hitzeroad Jack

Kapitel 53 – Thelma, Luise, Hanni und Nanni

Kapitel 54 – Jäger sammeln, Sammler jagen

Kapitel 55 – Die Rückkehr der O

Band 6 („La Bella Époque“)

Kapitel 56 – Eisenherz und die Dildo Deerns

Kapitel 57 – Verstehen Sie Bahnhof?

Kapitel 58 – Radieschen

Kapitel 59 – Viel Wind um kleine Körbchen

Kapitel 60 – Ein Stechen in der Brust

Kapitel 61 – Walrossbrunft

Kapitel 62 – Villa Scharlatan

Kapitel 63 – Es lebt!

Kapitel 64 – Monas Männer

Personenverzeichnis (A-Z)

 

 

Rück-Blick und Vor-Wort

Irgendwo in der norddeutschen Provinz treffen Bella und Heini, aus dessen Perspektive diese Geschichten erzählt wird, aufeinander.

Man kommt sich sehr schnell sehr nahe und nach einigen ebenso überraschenden wie turbulenten Ereignissen finden sich die beiden als Besitzer eines überregional bekannten Puffs und Swingerklubs wieder. Es fühlt sich angesichts dieser Rotlichtimmobilie irgendwie falsch an, hier das Sprichwort von der Jungfrau und dem Kinde zu strapazieren, aber was solls, here we are.

Das Leben im Bellaversum ist bunt, kurios, chaotisch, lustig, manchmal dramatisch und gelegentlich auch frivol. Aber niemals langweilig. Sehr zu Heinis Bedauern.

Im Laufe der bisher 35 Kapitel begegneten wir bereits einer ganzen Reihe von Frauen und Männern, dazu Hühnern, Hunden und obendrein einem kalifornischen Seelöwen. Einige treten nur kurz auf, einige bleiben dauerhaft und einige entpuppen sich sogar als Verwandtschaft. Viele von ihnen treffen wir in diesem Buch wieder.

Betrachten wir das Bellaversum einfach als eine unverfilmte Seifenoper, deren Episoden aufeinander aufbauen, aber in der Regel jeweils in sich geschlossene Geschichten erzählen. Dieses Werk enthält die vierte und fünfte Staffel und im Moment laufen schon die Dreharbeiten für die sechste.

Am Ende dieses Bandes findet sich, wie gewohnt, ein Personenverzeichnis, sollten Sie mal den Überblick verlieren, wer denn hier eigentlich mit wem und warum.

 

Mein von Herzen kommender Dank geht wieder an Melanie Gywer für die gerade noch jugendfreie Covergrafik, an die aufopferungsvollen Testleser, die Kommafehlerfinder und natürlich an @gemuellert für die unschätzbare Hilfe mit Bellas schwäbischer Verwandtschaft und ihrer Idiomatik.

 

Euer Heinrich. Der Neunte.

Band 4 („La vie est Bella“)

Kapitel 36 – Reiche Kirchenmäuse

Hans-Jürgen ist überzeugter Anhänger der Waldorf-Pädagogik. Auf meine interessierte Nachfrage, ob der Bindestrich mitgetanzt wird, reagiert er professionell gelassen. Er hat jetzt allerdings einen geschwollenen großen Onkel, weil er das eichene Tischbein für meines gehalten hat.

Wenn ich artig war, nimmt Bella mich manchmal mit zum Sonntagsfrühstück der Ungläubigen in Marleens kleinem Hofcafé. Und Hans-Jürgen ist einer der besagten Ungläubigen, unserem lokalen Gospelchor. Dessen Mitglieder zwar lautstark Halleluja singen, aber keine Kirchensteuer zahlen.

Freunde dürfen Hans-Jürgen auch Hajü nennen.

„Reichst du mir die Himbeermarmelade, Hans-Jürgen?“, bitte ich ihn höflich. Marleens Marmeladen sind klasse. Besonders Himbeer, denn die wird sorgfältig durchpassiert. Damit wiederum nicht das passiert, von dem der Kirschkern auf Bellas Teller zeugt.

Ums Haar wäre nämlich im rustikalen Ambiente des im ehemaligen Hühnerstall untergebrachten Hofcafés ein Keramik-Inlay im Gegenwert einer Fotosafari in Tansania einem Kirschkern aus dem Alten Land im Gegenwert eines Kirschkerns aus dem Alten Land zum Opfer gefallen.

Aber zurück von malträtiertem Zahnersatz zu malträtierten Hörnerven. Ich persönlich bin ja nun nicht mit nennenswerten musischen Talenten gesegnet. Dem Adventssingen in der Schule verdankte ich den saisonalen Spitznamen „Troubadix“, denn alle Jahre wieder drohte mir Musiklehrer Fidel glaubhaft mit Knebelung, sollte ich auf der Teilnahme bestehen.

Fidel verdankte seinerseits seinen Namen nicht etwa dem mehr oder weniger kunstvollen Umgang mit Streichinstrumenten, sondern der Tatsache, dass sein Nachname Harvanner lautete. Als nützlicher Nebeneffekt patzte in Erdkunde niemand, wenn die Sprache auf die Hauptstadt Kubas kam.

Nun sind auch Bellas Sangeskünste nicht über jeden Zweifel erhaben, doch was ihr an Schmelz in der Stimme fehlt, das macht sie locker durch Organisationstalent wett und sich damit unentbehrlich. Ihr verdanken die Ungläubigen zum Beispiel ihre aktuelle Übungs- und Wirkungsstätte.

Als nämlich Wirtin Ursula die klatsch- und sangesfreudige Bruder- und Schwesternschaft kurzerhand auf die Straße setzte, weil sie um die Einfachverglasung im Klubzimmer bangte, nutzte Bella ihre Kontakte zum örtlichen Klerus. Seitdem erklingt christliches Liedgut nun dort, wo es hingehört.

Nein. So weit, dass er seine schöne, frisch renovierte Kirche samt ihrer vorbildlichen Akustik dem blassesten Gospelchor auf Gottes Erdboden zur Verfügung stellte, soweit reichte die berufsbedingte Nächstenliebe von Ortspastor Winfried Schnell denn doch nicht.

Pastor Winni ist in Ketzerkreisen und am Unternehmerstammtisch, was genau genommen quasi auf das gleiche hinausläuft, als der „Eilige Heilige“ bekannt. Er bot, zwar zögerlich, aber unter Wahrung bester biblischer Tradition, den wackeren Sängerknaben und -knäbinnen eine neue Heimstätte.

Es handelt sich um einen Ort, an dem sich Ochs und Esel zu Hause fühlten. Denn was für Maria und Josef recht war, das musste für die Saints, deren Einmarsch regelmäßig und lautstark intoniert wurde, ja wohl billig sein. Sprach St. Winfried, als er Bella den Schlüssel zum Stall gab.

Ein Stall? Werden Sie erstaunt fragen, sofern Sie mit hiesigen Usancen unvertraut sind. Lassen Sie mich, ganz gegen meine Gewohnheit, ein wenig ausholen.

Die Norddeutsche Tiefebene wurde erst recht spät christianisiert und ohne Kirchensteuer nagte manch Gottesmann am Hungertuch.

Da die mehr oder weniger bekehrten Einheimischen seelsorgerische Dienstleistungen, wenn überhaupt, dann bevorzugt in Naturalien entlohnten, stand über kurz oder lang ein jeder Pastor vor der Frage, wohin mit seinen Schäfchen. Und den Hühnern. Und den Schweinen. Und und und.

Seit die Seelsorger aber kündigungsgeschützt auf Lohnsteuerkarte beim obersten Dienstherrn arbeiten, brauchen sie für ihre Schäfchen keine zugigen Stallungen mehr. Selbige bevorzugen nämlich heute wohlisolierte Doppelhaushälften. Und stehen dem geschlachtet werden kritisch gegenüber.

Knarzend öffnet sich die schwere Eichentüre und hinein in das fußkalte Gemäuer strömt die sangesfreudige Schar. Heute zur Generalprobe in vollem Ornat, das heißt man oder vielmehr frau gewandet sich in eine schwarze Robe, die an die Umhänge gemahnt, die einem stylishe Coiffeure überwerfen.

Die Räumlichkeit wird ansonsten nur noch vom Bibelkreis genutzt, dessen Teilnehmer sich an Psalmen wärmen können, sowie von der evangelischen Handarbeitsgruppe, denen es nicht an warmen Socken gebricht.

Mein Atem bildet kleine Wölkchen. Ich wünsche mir eine Schokoladenzigarette, damit kann auch der passionierte Nichtraucher mal nachdenklich paffend wie ein intellektueller 80er-Jahre-Talkshow-Gast über seinen nächsten Satz nachdenken.

Die Ungläubigen schreckt die Kälte nicht, sie gospeln sich einfach warm. Inklusive Fingerschnippen, Händeklatschen und Schunkeln im Stehen. Niemand sieht die mikrogefaserte Skiunterwäsche, die unter ihrem Wallegewand Bellas entzückenden Podex vor entstellenden Frostbeulen bewahrt.

Eine Viertelstunde lang läuft alles bestens. Misstöne halten sich in Grenzen und die Raumtemperatur ist bereits um ein paar Grad angestiegen. Findet offenkundig auch die hier ansässige Kirchenmaus und traut sich aus ihrem Wohnloch heraus. Womit wir wieder bei den Misstönen wären.

Denn obwohl die Maus hier, nach meiner und sicher auch ihrer Ansicht, eindeutig Hausrecht genießt, wird ihr Erscheinen von der sangesfrohen Schar nicht goutiert.

„Was war das da an meinem Fuß? IIIIIIIIIH, ne Maus! Da!“

Es werden reihum sonst unübliche Tonlagen erreicht. Insbesondere von Hans-Jürgen.

Meikel, wie ich die Maus ohne nähere Kenntnis ihrer geschlechtlichen Identität getauft habe, besieht sich das von ihm ausgelöste Tohuwabohu jetzt von einem sicheren Dachbalken aus. Außer mir hat ihn da oben noch niemand entdeckt. Ich zwinkere Meikel verschwörerisch zu. Er macht Männchen.

Was für ein possierliches Tierchen, denke ich, während die anderen sich in höchst unchristlichen Tötungsfantasien ergehen.

Nein, die Maus muss weg, vorher träfe man keinen richtigen Ton mehr. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass ich da keinen Kausalzusammenhang erkennen kann. Oder einen Mausalzusammenhang. Ich kichere leise.

Was denn da wohl so lustig wäre. Man bräuchte jetzt dringend den amtlich bestallten Exterminator und keine albernen Bemerkungen von den billigen Plätzen.

Eine Mausefalle mit Speck, das wäre das richtige Mittel, wirft jemand in die Diskussion.

Speck? Nein. Das ginge ja gar nicht. Man lebe ja schließlich vegan. Seit letztem Mittwoch. Daher sehe man auch Käse als Köder äußerst kritisch.

Ob es denn, werfe ich mit unschuldigem Augenaufschlag ein, vertretbar sei, unter diesen Umständen den Tod der Maus billigend in Kauf zu nehmen? Meikel nickt zustimmend. Obwohl die Sache mit dem Speck ihn schon gereizt hätte. Das Catering hier lässt doch arg zu wünschen übrig.

Ich schlage zur Lösung des ethischen Dilemmas eine Lebendfalle vor. Mit fair gehandelter Bio-Erdnussbutter als Köder statt Nutella. Das Palmöl, Sie verstehen.

Die Ungläubigen ziehen sich zur Beratung zurück. In den Klubraum von Uschis Kneipe, wo man zwar Sanges-, aber nicht Saufverbot hat. Dort würde man bei einer Flasche Grappa Incidente versuchen, den Nagerschock zu verarbeiten.

Habe ich Ihnen schon die Geschichte der geheimnisvollen Flaschen mit italienischem Tresterschnaps in Uschis Keller erzählt? Nein?

Vor einigen Jahren lenkte Giuseppe P., seines Zeichens Lastwagenfahrer aus dem kleinen Abruzzen-Dorf Campindoli, missgelaunt seinen Sattelzug durch die neblige Norddeutsche Tiefebene. Geladen hatte er edle italienische Spirituosen, die für den skandinavischen Markt bestimmt waren. Eine gesperrte Autobahn später und nachdem er einmal falsch abgebogen war, fand er sich auf der Landstraße in der Nähe unseres beschaulichen Örtchens wieder.

Ebendiese wollte zeitgleich eine ansehnliche Rotte heimischer Exemplare der Gattung Sus scrofa überqueren. Genau, Wildschweine. Und ziemlich viele davon. Es kam, wie es kommen musste, Giuseppe landete samt 20 Tonnen Fusel im Graben. Gestatten Sie mir den Hinweis, dass weder Schwarzwild noch Lkw-Fahrer bei dieser Geschichte zu Schaden kamen.

Giuseppe krabbelte, zum Glück wohlbehalten, wortreich in seiner Muttersprache fluchend aus dem Führerhaus. Der Sattelzug lag, äußerlich unbeschädigt, wie ein seitenschlafender Blauwal im Entwässerungsgraben neben der Kreisstraße, leise gluckernd lief Hochprozentiges aus. Maledetto!

Zum Glück kam in diesem Augenblick Kreisbrandmeister August Augustinus in seinem betagten Kombi des Weges und begann unverzüglich mit den nötigen Sofortmaßnahmen am Unfallort.

Sein kundiges Auge hatte schnell die Lage und insbesondere die Ladung des verunglückten Lasters erfasst. Per Mobiltelefon alarmierte er die zuständigen Stellen. Die sich eventuell von den Stellen, die Sie in so einer Situation für zuständig halten würden, geringfügig unterschieden.

Dem am nächsten Morgen auf der Bildfläche erscheinenden Versicherungssachverständigen bot sich dann jedenfalls folgendes Bild:

Die Ladung des Lkw war leider durch den Unfall nahezu vollständig zerstört worden, überall lagen Glasscherben und durch den nächtlichen Regen abgelöste Etiketten herum. Der Grappa war über den Abwassergraben in Heiners Angelteich geflossen und hatte dort ein Fischsterben ausgelöst, wovon einige tote Flossentiere, die mit dem Bauch nach oben auf dem Wasser trieben, trauriges Zeugnis ablegten.

Totalverlust der Ladung und ein Teichbesitzer mit Schadenersatzansprüchen, dazu die Bergung und Reparatur des Sattelschleppers, da käme ein bisschen was zusammen, murmelte der Fachmann und notierte alles brav auf seinem Klemmbrett. Zum Glück kein Personenschaden, Fahrer Giuseppe war über Nacht allerdings sicherheitshalber zur Beobachtung dabehalten worden. In einem von Uschis Fremdenzimmern, nicht im Kreiskrankenhaus. Wozu das Gesundheitssystem unnötig mit Kosten belasten, hatte die herbeigerufene Dorfärztin befunden.

Außer einer kleinen Beule und einem kräftigen Kater hatte der Trucker weiter nichts davongetragen. Freundliche Einheimische hatten dem armen Kerl auf den Schrecken wohl erst mal ordentlich einen eingeschenkt.

Dorfleute, dachte sich der Sachverständige und schüttelte den Kopf, immerhin schien hier ansonsten alles mit rechten Dingen zugegangen zu sein, Anzeichen für Versicherungsbetrug waren für ihn nicht erkennbar. Er stieg wieder in seinen silbergrauen Dienstpassat und brauste von dannen.

August, Heiner, Uschi und die Mannen von der Freiwilligen Feuerwehr atmeten erleichtert durch. Sie wirkten müde und erschöpft.

Kein Wunder. Hatten Sie es doch in einer Nacht- und Nebelaktion geschafft, einen Großteil der kostbaren Ladung in Uschis Keller zu verfrachten und ein veritables Fischsterben in Heiners jahreszeitlich bedingt komplett unbewohnten Angelteich zu simulieren. Hierzu bediente man sich einiger ohnehin toter, aber noch schwimmfähiger Heringe aus dem Bestand von Fischhändler Rolf.

Fleißige Hände hatten mit warmer Seifenlauge Etiketten von Flaschen gelöst und eine spontane Weißglassammlung war unter den Dorfbewohnern abgehalten worden. An der Unfallstelle hatte man dann einen ansehnlichen Scherbenhaufen aufgeschichtet und die italienischen Originaletiketten untergemischt.

Seitdem und voraussichtlich noch die nächsten zehn bis zwölf Jahre gibt es bei Uschi Grappa Incidente1 zum Vorteilspreis.

Sie gehören jetzt zu den wenigen Eingeweihten, die die Geschichte hinter diesem Namen kennen. Und Sie wissen auch, was von Uschis Erklärung zu halten ist, dass die Etiketten auf den Flaschen leider, leider Opfer eines Wasserschadens im Keller geworden sind. Und wieso der Tresterfusel bei ihr vergleichsweise billig zu haben ist.

Guiseppe hat sich, Gerüchten zufolge, damals nicht nur in Uschis ungarische Gulaschsuppe verliebt. Jedenfalls fährt er immer noch die Grappa-Tour nach Skandinavien rauf und wenn er an der Raststätte Bökelsberg-West Station macht, um zu übernachten, dann schließt Uschi ihre Kneipe früher als sonst und wird bis zum nächsten Morgen nicht mehr gesehen.

Und Heiners Angelteich?

Der sollte sowieso zwecks Ausbaggerung abgelassen werden. Tick, Trick und Track, die drei dressierten Lockforellen, die durch ihre kunstvollen Sprünge den Verkauf von Tagespässen ankurbeln, hatte Heiner deswegen gar nicht erst eingesetzt.

Seit Menschengedenken hat niemand mehr etwas in dem Tümpel gefangen, dennoch gilt er landauf, landab als Geheimtipp. Dafür sorgen die Angler der Umgebung, die ihre besten Fänge extra anschleppen, um sich mit ihnen breit grinsend vor Heiners Kassenhäuschen ablichten zu lassen.

Heiner ist nämlich ein feiner Kerl und vorbildlicher alleinerziehender Vater von Zwillingen. Nein, er ist nicht verwitwet. Seine Olle hat sich abgesetzt und ist jetzt Geliebte eines Promifriseurs auf Mallorca. Oder Barfrau in einem Puff, die Berichte sind da widersprüchlich.

Jedenfalls hilft ihm, wer kann. Sei es durch ein, sagen wir, improvisiertes Fischsterben durch Grappa-Überdosis oder durch ein Polaroid-Foto mit einem extra zu diesem Zweck aus dem Teich von Jungbauer Wolfgang gekescherten monumentalen Zuchtkarpfen. Ganz schön schwer son Viech. Und glitschig.

Woher ich das weiß?

Und dass der Karpfen „Opa Julius“ heißt?

Heiner ist ein Feiner, war er schon immer. Ohne ihn hätte ich vermutlich ein frühes Ende als Bisamrattenfutter gefunden.

Wie das kam?

Nun, in früheren Zeiten wurde alljährlich vor dem Winter der große Fischteich abgelassen, um sich der dort wohnhaften Karpfen zu bemächtigen.

Unter großem Gejohle: „Aal! Dor kommtn Aal. Ach nee dochnich, is nurn Stichling, Herrmann, mach doch ma deine Hose zu!“, wurden am Teichabfluss die zappelnden Fischlein in Empfang genommen, in große Bottiche verladen und abtransportiert, auf dass sie im kristallklaren Bachlauf ihren Modergeruch verlören.

Kinder unter 12 Jahren wurden ausgesandt, im Schlick nach gestrandeten Fischen zu suchen, die die plötzliche und menschgemachte Ebbe an ungünstigem Ort erwischt hatte. Es war eine blutige Schlammschlacht sondergleichen. Aale können beißen und vom scharfen Pompesel-Schilfrohr hab‘ ich heute noch Narben. Nun ja, wir waren geburtenstarke Jahrgänge und ein gewisser Schwund einkalkuliert.

Während die Erwachsenen sich bei saisonal früh hereinbrechender Dunkelheit in der Fischerhütte mit steifem Grog aufwärmten, staksten und schlidderten wir Heranwachsenden durch den Modder, auf der Suche nach Hinterbliebenen.

Auch ich bahnte mir einen Weg durch Morast und Dämmerung, auf der Suche nach der Beute, die den höchsten Ruhm verhieß: dem Großvater-Karpfen. Ein kapitales Exemplar, das jedes Jahr gefangen und nach Wiederanstauung des Teiches wieder eingesetzt wurde, um eine weitere Saison zu gründeln.

So ein Exemplar der Gattung Cyprinus carpio kann locker 40 Jahre alt werden. Auf diesen hier hatten also vermutlich schon Weihnachten 45 englische Besatzungstruppen ein begehrliches Auge geworfen. Und da bisher noch niemand „Hab‘ ihn!“ gebrüllt hatte, musste er weiterhin irgendwo da draußen sein.

Und richtig, bei der versunkenen Eiche, von der normalerweise nur ein glitschiger Ast aus dem Wasser herausragte, von dem wir im Sommer gewagte Sprünge ins trübe Nass wagten, genau dort hatte er sich festgefahren. Das wäre für ihn als passionierten Kiemenatmer bei weiter sinkendem Pegelstand nicht gut ausgegangen.

Ich watete hin, ihn zu retten und Ehre über mich und meinen Clan zu bringen. Schlurrrrp, schlurrrrp saugte der tiefe Modder an meinen Beinen. Kampflos würde der Teich seinen König nicht hergeben. Leider überhörte ich im Eifer des Gefechts das Signal zum Abbruch der Suchmaßnahmen.

Der Fisch war keineswegs davon überzeugt, dass ich nur sein Bestes im Sinn hatte. Und da er knapp halb so viel auf die Waage brachte wie ich, war der Ausgang dieses Kampfes alles andere als sicher.

Im Verlauf opferte ich dem Teichgott meine Gummistiefel, trug aber Sieg und Karpfen davon. Allerdings säße ich noch heute, skelettiert und mit einem Fischgerippe im Arm, auf der alten Mooreiche, wäre nicht Heiner nach zwei Kindergrog (50 % Rotwein, 50 % Wasser) aufgefallen, dass noch jemand fehlte.

Man barg mich samt Großvaterkarpfen und erstversorgte mich. Mit Rumgrog. Medizinischem natürlich.

Archäologen zukünftiger Jahrhunderte werden rätseln, wo wohl die zu den im Teichsediment gefundenen Gummistiefeln gehörende Moorleiche abgeblieben ist. Und was ihr Träger dort in dem Sumpf zu suchen gehabt hatte. Ein finsteres Kinderopfer einer untergegangenen Zivilisation vielleicht?

 

Aber nun von Heiner, Uschi, Guiseppe und wilden, schweinischen Umtrieben in der Fernfahrerkabine schnell zurück zu unserem aktuellen Problemfall. Besser gesagt Befall. Meikel.

Im Schuppen, überlege ich, müsste irgendwo noch eine nicht letale Kleinnagerfalle liegen und mache mich daher auf den Heimweg.

Erdnussbutter haben wir natürlich keine im Haus, für diese Ausgeburt verkümmerter amerikanischer Geschmacksnerven sollte meiner persönlichen Ansicht nach schon lange ein Einfuhrverbot gelten. Genau wie für Oreo-Kekse und Pornofilme mit Silikonmöpsen. Aber ich schweife schon wieder ab.

Ich zupfe daher, und das bleibt bitte unter uns, einer Scheibe edelsten Serranoschinkens den Speckstreifen weg und mache mich auf den Rückweg.

Im pfarramtlichen Stallgebäude rücke ich die Lebendfalle in Position und röste den Speck mithilfe eines Einwegfeuerzeugs, ein Werbegeschenk eines Potenzmittelherstellers. Die Flamme steht wie eine Eins und es riecht jetzt hier wirklich ziemlich lecker.

Die Falle, eigentlich nichts weiter als ein kleiner Drahtkorb mit trichterförmiger Öffnung und Holzboden, aus dem die durchschnittlich intelligente Maus den Weg nicht wieder hinausfindet, ist nun scharf und wartet auf ihre Beute. Ich verlasse den Saal und geselle mich zu den trinkfreudigen Gosplern im Gasthaus.

Man hat offensichtlich das Nagetiertrauma erfolgreich in einer Grappa-Gruppensitzung wegtherapiert, die Stimmung ist jedenfalls allerbest. Ich lehne die Einladung, den zweifelhaften Tresterfusel mit ihnen zu teilen, dankend ab, mein Augenlicht ist mir dann doch zu kostbar.

„Dada gommmderja unsunser Gammerjäger!“, grölt Hans-Jürgen zur Begrüßung, „Gommer un setzich zuuns.“

Er zieht einen Stuhl vom Nachbartisch heran. Auf den sich dummerweise gerade eine junge Dame niederlassen will.

Zum Glück habe ich gelegentlich Anflüge von Geistesgegenwart, sodass es mir gelingt, sie aufzufangen, bevor ihr Steißbein schmerzhaften Bodenkontakt erleidet.

„Hohoho du gehsaber ran du alda Schwerenöder du!“

Hans-Jürgen hat für jemanden mit aufrechter republikanischer Gesinnung ganz schön einen in der Krone und den Ernst der Lage offenkundig nicht erfasst. Zugegeben, mein Zugriff hat die Bekleidung des beinahe gefallenen Mädchens ein wenig in Unordnung gebracht, so was passiert halt.

Mit „ein wenig in Unordnung“ meine ich, dass ich jetzt weiß, dass sie ein Bauchnabelpiercing und auf Höhe des Blinddarms eine handwerklich tadellos tätowierte Rose trägt. Und dass ihr BH zum Höschen passt. Die Dame sagt artig „Vielen Dank“ zu mir, rückt ihre derangierte Garderobe zurecht und scheuert Hans-Jürgen eine. Mit Schmackes.

Ich mag sie, glaube ich. Trotz des Piercings, mir läuft es bei der Vorstellung, einen Bauchnabel dergestalt zu traktieren, nämlich regelmäßig kalt den Rücken herunter. Weswegen ich den Nabel ungetackert und naturbelassen bevorzuge. Es sei denn, er ist von der Art Schweineschwänzchen, Sie wissen schon, so einer, wo der Knoten außen sitzt. Da ist es dann auch egal.

Wo waren wir? Ach ja. Bei Hans-Jürgen. Der hält sich die Wange und räumt mit schief sitzender Brille das Feld, wodurch ein Stuhl für mich frei wird. Sehr schön.

Keine zwei Minuten später habe ich eine sitzen. Ja, eine, nicht einen, denn auf meinem Schoß hat sich eine der angesäuselten Sängerinnen niedergelassen.

„Hupsi“, haucht sie mir ins Ohr, „das ist aber ein bequemer Stuhl.“

Eigentlich war sie auf dem Weg zum Klo gewesen, hatte aber nach dem Aufstehen feststellen müssen, dass ihr Gleichgewichtssinn bereits tüchtig gelitten hat und sich daher zu einer Zwischenlandung entschlossen.

Sodom und Gomorrha, sag ich Ihnen. Langsam wird mir klar, warum Bella normalerweise ohne mich zu diesen Treffen geht. Ihr eisiger Blick vom anderen Ende des Tisches trifft ihre Sangesschwester, die in sittlich grenzwertiger Manier lasziv auf meinen Oberschenkeln herumrutscht.

Es ist in dieser Situation nicht besonders hilfreich, dass mir auch noch die Dame vom Nebentisch freundlich zulächelt, die natürlich mitbekommen hat, in welche Kalamität ich hier geraten bin. Genau, die mit der zusammenpassenden Unterwäsche. Mademoiselle, könnten Sie sich BITTE Ihrem Date zuwenden? Der guckt eh schon so grimmig.

Na ja, vielleicht steht er auch einfach nicht auf Bauchnabelpiercings, wer weiß das schon. Nicht mein Problem. Ich muss jetzt erst mal schleunigst und dennoch galant die anhängliche Chorfrau von meinem Schoß herunterbekommen, bevor die Lage hier gänzlich außer Kontrolle gerät.

Ich greife zum Äußersten und einmal um die Dame herum, als müsste ich verhindern, dass sie herunterrutscht. Sie kichert sichtlich erfreut, wird dann aber etwas unruhig und flüstert mir ins Ohr: „Ich muss mal ganz schnell für kleine Mädchen. Geh ja nicht weg. Bin gleich wieder da.“

Kenntnisse der Anatomie haben noch niemandem geschadet. Insbesondere eine vage Vorstellung, wo beim Menschenweibchen die Blase sitzt, kann sich mitunter als hilfreich erweisen. Ein wenig wohlgesetzter Druck hilft der Aufsässigen, sich zu erinnern, weswegen sie aufgestanden war.

Als sie, immer noch leicht schwankend aber mit klarem Kurs in meine Richtung, nach Besuch der Porzellanausstellung zurückkommt, findet sie ihren Platz besetzt. Bella kann bei Bedarf ein ausgeprägtes Revierverhalten entwickeln.

Ich flüstere „Alphaweibchen“ in ihr Ohr. Sie grinst. Als ich ihr dann noch ebenso leise mitteile, dass ich aus gegebenem Anlass beschlossen habe, heute Abend den Alphaweibchenbauchnabel noch einer gründlichen Inspektion zu unterziehen, beginnt sie ein wenig unruhig auf meinem Schoß herumzurutschen. Habe ich Ihnen schon von Bellas erogenen Zonen erzählt? Nein? Sehr vernünftig von mir, die gehen Sie schließlich einen feuchten Kehricht an.

„Sei froh“, flüstert sie zurück, „dass ich diese Skiunterwäsche drunterhab, sonst…“

„Sonst?“

„Na warte“, sie steht auf und verschwindet auf dem Damenklo, um ein paar Minuten später leicht verschwitzt wieder aufzutauchen und sich mit den Worten: „Na? Hat sich dir zwischenzeitlich keine Schlampe an den Hals geworfen? Wir lassen nach, Herr Kollege!“ wieder auf meinem Schoß niederzulassen.

„Na? Quicki gehabt?“, frotzele ich in Anspielung auf ihren sichtlich auf Touren gekommenen Kreislauf zurück.

„Eher eine Not-OP“, sie deutet auf ihre Handtasche, die plötzlich irgendwie geschwängert aussieht.

Wenn ich eins und eins zusammenzähle, dann befindet sich in ihr jetzt zusammengeknüllt das Textil, das vorher unter dem Wallegewand vor neugierigen Blicken verborgen Bella vom Nabel (sic!) bis kurz über die Knie vor Auskühlung bewahrt hatte. Ich nutze die Vielfaltigkeit ihrer Robe, um meine diesbezügliche Vermutung zu erhärten. Da um uns herum ohnehin jegliche öffentliche Ordnung und Sittlichkeit ein Opfer italienischer Schnapsbrennerkunst geworden ist, fällt das niemandem weiter auf.

„Du hast eigentlich nie kalte Finger“, bemerkt Bella ebenso sachlich wie erfreut, bevor sie leise zu kichern beginnt. Die Kuppe meines wohltemperierten Zeigefingers, das ist das Ergebnis jahrelanger Studien, passt perfekt in ihren Bauchnabel. Besser, man überprüft das ab und an mal.

Für Außenstehende oder vielmehr -sitzende benehmen wir uns weitgehend unauffällig. Wir betreiben höfliche Konversation mit unseren Tischnachbarn und lediglich dem wirklich aufmerksamen Beobachter würde auffallen, dass nur einer meiner für gewöhnlich zwei Arme sichtbar ist. Und vielleicht, dass Bellas Blick ein wenig glasig wirkt, obwohl sie bisher nicht übermäßig dem Alkohol zugesprochen hat.

Ihr Wallegewand verbirgt, was verborgen bleiben soll, doch nach einiger Zeit zunehmend unruhigen Herumgerutsches auf meinem Schoß flüstert sie mir etwas ins Ohr. Ich nicke.

Gute Ortskenntnis ist von Vorteil, insbesondere, wenn man spontan mal ein Plätzchen braucht, um private Dinge ähm sagen wir zu besprechen. Bella und ich verlassen unauffällig den Klubraum und steigen in einem unbeobachteten Moment die im spröden Stil der 70er-Jahre braungeflieste Treppe hinunter zu den beiden Bundeskegelbahnen.

Da heute weder die „Fidelen Pudel von 1962“ noch der Kegelklub „Alle Achte“ hier eine altersbedingt eher ruhige Kugel schieben, haben wir den zum Glück unverschlossenen Vorraum der Kegelbahn für uns.

An seinem langen Holztisch habe ich einst manche Kindergeburtstags-Currywurst mit Pommes verspeist. Auf seinem langen Holztisch mache ich mich nun über etwas weniger Unschuldiges her.

Die Tatsache, dass wir vermutlich für mindestens zweieinhalb Tage Ortsgespräch wären, würde man uns zwei hier unten in verfänglicher Pose antreffen, hat, das muss ich gestehen, etwas durchaus Anregendes. Auf jeden Fall sind wir Uschi jetzt einen dieser kombinierten Salz-, Pfeffer-, Maggi-, Senf-, Ketchup-, Speisekarten- und Serviettenständer schuldig, die man noch vereinzelt im ländlichen Gastgewerbe vorfindet.

Sagen wir einfach, dieses Exemplar wurde ein Opfer der Leidenschaft und vermeiden wir es, hier ins Detail zu gehen. Belassen wir es dabei, dass ich später am Abend wohl noch werde googeln müssen, wie man Maggiflecken aus farbigem Mischgewebe am besten wieder herausbekommt.

Auf dem Nachhauseweg dann schauen wir noch mal am Stall vorbei. Ein voller Erfolg, wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf. Der Speck befindet sich wie geplant in Meikel und Meikel wie geplant in der Falle.

Womit ich allerdings nicht gerechnet habe, ist, dass Meikel Familie hat. Als ich nämlich die Stalltür langsam öffne, zischen haufenweise erschreckte Mäuse in alle Richtungen davon. Aufgrund der schummrigen Beleuchtung kann ich ihre Anzahl nicht genau bestimmen, vermutlich wurde der Begriff „Dunkelziffer“ einstmals von einem pragmatischen Kammerjäger geprägt.

Ich hebe vorsichtig die Falle vom Boden auf und betrachte nachdenklich den Insassen. Meikel wirkt nachvollziehbarer Weise ein wenig verängstigt. Vielleicht hat er aber auch nur Sodbrennen von dem Speck. Oder es ist gar nicht Meikel, sondern sein verfressener Cousin Manfred, wer weiß das schon.

Bella sitzt neben mir auf der riesigen alten Eichentruhe, die vor Jahrhunderten irgendjemand in den Stall geschafft hat und die seither keinen Meter bewegt worden ist.

Es steht etwas zwischen uns. Die Mausefalle nämlich samt pelzigem Inhalt. Meikel macht Männchen und erwartet sein Urteil.

„Wir können ihn unmöglich von seiner Familie trennen!“

Bella lässt keinen Zweifel daran, dass Meikel ihr Herz erobert hat.

Treue, schwarze Knopfaugen und ein imposanter Schwanz, kein Wunder, dass der Typ Schlag bei Frauen hat, denke ich zum Glück nicht laut. Aber sie hat ja Recht.

Mir persönlich ist es ehrlich gesagt herzlich Banane, dass des Pastors Nebengebäude von einer handfesten Nagetierdurchseuchung betroffen ist. Aber wie bringen wir dem Gospelchor schonend bei, dass er seine Übungsräume mit einer zahlenmäßig deutlich überlegenen Mäuseschar teilen muss?

Kennen Sie noch Wickie, diesen ebenso schmächtigen wie vorlauten Nachwuchs-Hornhelmträger aus nordischen Gefilden?

Der fuhr sich immer, wenn er irgendeine geniale Idee ausgebrütet hatte, mit dem Finger an der Nase entlang.

Bella beißt sich in solchen Fällen in charakteristischer Weise auf die Unterlippe.

„Wir könnten doch einfach…“

„Nein.“

„Aber du weißt doch noch gar nicht...“

„Nein.“

„Es wäre auch nur am Dienstag...“

„Nein.“

„Ach büdde...“

„Nein.“

 

Langer Rede, kurzer Sinn: Die Ungläubigen proben jetzt einmal die Woche bei uns. An unserem Ruhetag. Auf der Poledancebühne. Wo sich sonst gelenkige junge Damen leicht bis gar nicht geschürzt kunstvoll um die Stange wickeln, dort ertönen nun christlich inspirierte Rhythmen.

Eine klassische Win-win-Situation. Meikel wird mit seiner Großfamilie wiedervereint und bleibt fortan von akustischen Belästigungen verschont. Und wir sind jetzt immerhin offiziell landesweit der einzige Puff mit eigenem Gospelchor.

Halleluja.

Kapitel 37 – Kein Offizier und Gentleman

Oha. Am Nebentisch findet anscheinend ein Balzritual statt, das wohl heutzutage unter den überflüssigerweise importierten Begriff „First Date“ fällt. Als mit zeitgenössischen Anpaarungsritualen Unvertrauter beobachte ich interessiert. Vielleicht kann man da ja noch etwas lernen.

Die Akteure sind, meiner amateurhaften Einschätzung nach, unterschiedlichen Geschlechts. Die Sache steht allerdings unter keinem guten Stern. Woher ich das weiß? Er bestellt Spaghetti mit Tomatensoße und sie erzählt von ihrem Ex.

Dem Ex, von dem sie natürlich mental schon total weit weg ist, wurde offenkundig von seiner Neuen (im Folgenden „diese Bitch“ genannt), ein Kind angehängt. Und weil er ja so ein herzensguter Kerl ist, steht er voll dazu und macht jetzt auf Familienvater mit Doppelhaushälfte.

Es scheint heute der Erwähnung wert zu sein, dass, wer schwängert, auch für das Produkt des Zeugungsaktes Verantwortung trägt. Wie auch immer. Mit dem Ex hätte sie nicht mehr viel Kontakt. Man träfe sich. Hin. Und auch wieder. Weil er Zuwendung braucht, um mit all dem klarzukommen.

Sowohl ich als auch ihr Date scheinen das gleich zu interpretieren. Da läuft noch was. Neben Seelentrost und Hände halten. Er tippt unterm Tisch in sein Handy. Vermutlich googelt er „Herpesviren“.

„Möchten Sie vorweg Kräuter- oder Knoblauchbaguette?“

Die Bedienung unterbricht das muntere, wenn auch etwas einseitige, Geplänkel. Er entscheidet sich für Knoblauch und, ihrem Gesichtsausdruck zufolge, gegen die Chance, heute Abend noch flachgelegt zu werden.

Vom Ex hat sie anscheinend zufällig Fotos auf dem Handy. Also eigentlich geht es um Griechenland. Sie liiiiiebt Griechenland. Und da war sie halt eben zuletzt mit ihm. Schau, die Akropolis, bei Sonnenuntergang. Und hier, diese entzückende kleine Badebucht.

Oh. Sie reicht ihm ihr Handy.

Also meins müsste man mir aus meinen toten, kalten Händen reißen und die heikelsten Fotos, die sich bei mir finden, sind die des Kennworts auf dem WLAN-Router, das ich ohne Lesebrille nicht entziffern konnte und deswegen fotografisch vergrößert hab. Aber das gehört hier nicht her.

Und richtig. Während er anfängt, munter durch ihre Urlaubsbilder zu wischen, wird ihr bewusst, was sie gerade getan hat. Das Entgleisen ihrer Gesichtszüge würde seitens der Notrufzentrale vermutlich als „Eisenbahnunfall (schwer) mit Personenschaden“ eingestuft werden.

Während sie verzweifelt die Hände nach ihrem Telefon ausstreckt, ist er bereits fündig geworden. „Oh. Oho. Oh lala“. Seinem grenzdebilen Grinsen zufolge ist er auf eine leicht- bis unbekleidete zweidimensionale Miniaturausgabe seines Gegenübers gestoßen.

Sie lächelt verlegen. Vielleicht wird ja doch noch alles gut. „Gibs her. Das ist mir peinlich.“ Ihr Zeigefinger hat das Handy erreicht. Noch ein paar Millimeter nur.

„Da musst du doch nicht für schämen. Du kannst dich doch sehen la...Oh.“

Zu spät.

„Ist das...?“

„Ja.“ Sie sieht sich hilfesuchend um, vermutlich hofft Sie auf ein sich plötzlich im Boden auftuendes Loch. Oder auf eine spontane Laune der Kontinentaldrift, die aus heiterem Himmel ein Weltmeer zwischen die beiden platziert.

Die Plattentektonik zeigt sich unkooperativ.

Ein Gentleman hätte ihr jetzt das Handy diskret zurückgegeben und über den Vorfall das Mäntelchen des Schweigens gebreitet. Gentlemen sind dieser Tage wohl in short supply, er lehnt sich zurück und wischt weiter. Sie greift ins Leere und schlägt mit dem Kinn unsanft auf die Tischplatte.

„Au. Gibs her. Bitte.“

Ihr Flehen bleibt unerhört.

Seiner Frage „Und auf so was stehst du?“ entnehme ich, dass auch er Unerhörtes entdeckt hat. Zumindest kann man sicher davon ausgehen, dass es sich nicht nur um Fotos vom Ex im Anzug beim Fine Dining am Fuß der Akropolis handelt.

Im Restaurant ist es sehr ruhig geworden. Man hätte eine Nudel auf den Boden fallen hören können. Ups. Das war eine von meinen. Ich darf mich beim Essen einfach nicht zu sehr ablenken lassen. Ist auch gar nicht gut für den Magen im Übrigen.

Die Sympathien verschieben sich nun zuungunsten des ungehobelten Flegels. Jemand muss einschreiten und ihr Telefon seinen schmierigen Pfoten entreißen. Ein kräftiger Tritt gegen mein Schienbein zeugt davon, dass Bella klare Vorstellungen davon hat, wer das sein soll.

„Tu was!“

Ich hätte allerdings dieser gezischten Aufforderung nicht bedurft. In meinem kalten Herzen nämlich regt sich Mitleid für die junge Dame, die zwischen seitenspringendem Ex und unerzogenen Totalausfällen wie dem, der ihr feixend gegenübersitzt, im beziehungstechnischen Niemandsland vegetiert.

Doch jetzt gilt es zu handeln und nicht zu lamentieren, denn Bella funkelt mich über ihren gemischten Salat mit ohne Frühlingszwiebeln hinweg gefährlich an. Ich fokussiere mich also auf den Schwachpunkt dieses Typen: Sein eigenes Handy, ein Modell im obersten Preissegment.

Es liegt unbeachtet an der Tischkante. Wie überaus ärgerlich wäre es, wenn dieser überteuerte Protzkommunikator kalifornischer Machart einen hässlichen Sprung im Display davontrüge, käme so ein ungeschickter Trottel wie zum Beispiel ich beim Aufstehen aus Versehen mit dem Hintern dagegen.

„Du entschuldigst mich kurz“, sage ich formvollendet höflich, lege meine Serviette beiseite, erhebe mich, umkreise den Tisch, zupfe unterwegs Bellas Jacke zurecht, die auf der Rückenlehne ihres Stuhles ein wenig verrutscht zu sein scheint und nehme wieder Platz.

---ENDE DER LESEPROBE---