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Erlebe den Nervenkitzel des neuen Verliebtseins erneut. Neun Stunden, um zu sehen. Neun Stunden, um zu wissen. Wenn das Leben dir ein Fenster öffnen würde, das dir die Fäden deines Schicksals zeigt und die Wege deiner Freiheit offenbart, für welchen Pfad würdest du dich entscheiden? Laura, eine leidenschaftliche Reisejournalistin, steht genau vor dieser Wahl. Ihr bisheriges Leben, eine unermüdliche Jagd nach Erfolg und Anerkennung, gerät ins Wanken, als eine schicksalhafte Begegnung in Paris ihr die Augen öffnet. Plötzlich findet sich Laura in einem Strudel aus verhängnisvollen Möglichkeiten, jeder Schritt ein mutiger Sprung ins Unbekannte. Tauche ein in eine Ode an die Liebe und das Leben, voller Entscheidungen und der Suche nach dem wahren Glück. Entdecke, welchen Weg Laura wählt und wie eine einzige Entscheidung die Farbe des Lebens neu malen kann. Von den lebhaften Straßen Paris über die Weiten Europas bis hin zu den intimen Momenten der Selbstreflexion – dieses Buch lädt dich ein, die Komplexität des Lebens und die Schönheit des Unvorhersehbaren zu erkunden. Dieser zeitgenössische Liebesroman greift die ewigen Fragen der Menschheit nach Schicksal und freiem Willen auf und bettet sie in eine Geschichte ein, die sowohl zeitlos als auch erfrischend aktuell ist. Mit einem leichten, modernen Ton macht “Neun Stunden” tiefgründige Themen zugänglich und bietet eine einzigartige Perspektive auf die Herausforderungen und Freuden der Suche nach Liebe, Bedeutung und persönlichem Glück in unserer heutigen Welt. Es ist ein Roman, der nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt und dich dazu einlädt, über deine eigenen Lebenswege und Entscheidungen zu reflektieren. Wenn das Schicksal an deine Tür klopft, wirst du es wagen, zu öffnen? Lese jetzt und begleite Laura auf ihrer außergewöhnlichen Reise durch die Lichter und Schatten des Lebens, auf der Suche nach einem Schicksal, das nur sie selbst wählen kann. “Neun Stunden” entführt dich in eine Welt voller Hoffnung, Liebe und Entscheidungskraft – eine Geschichte, die nicht nur inspiriert und berührt, sondern auch zeigt, wie eine einzige Entscheidung das gesamte Lebensbild verändern kann.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Prolog
Laura
Larry, Vic und Sam
David
Antonio
Noah
Zwischenspiel
Marc
Laura
Copyright © 2024 Stefanie Engl
All rights reserved.
Independently published
Berlin
Gewidmet allen, die auf der Suche sind – nach ihrem Weg, nach etwas Hoffnung. Und mit Dankbarkeit an alle, die mich auf dieser Reise begleitet, geholfen und ausgehalten haben.
PROLOG
Wer sind wir? Wirklich … jenseits der Masken des Alltags? Wer schaut uns an, wenn wir im Spiegel unser innerstes Selbst betrachten? Und wie formten uns die Begegnungen mit anderen?
Jeder von uns beginnt seine Reise als offenes Buch, bereit, von den Erfahrungen des Lebens geschrieben zu werden. Getrieben von Bedürfnissen und Erwartungen, fragen wir uns, was uns wirklich formt. Ist es das Gesamt unserer Erlebnisse oder die Essenz dessen, wer wir wahrhaftig sind? Und was bleibt, wenn wir zurückblicken?
Dieses Buch, das du in deinen Händen hältst, ist geprägt von diesen Überlegungen. Die unendlichen Möglichkeiten des Lebens und wie unterschiedlich Entscheidungen unseren Lebensweg beeinflussen können.
‚Neun Stunden‘ entstand in einem Lebensabschnitt, der mich tief mit den universellen Themen von Schicksal und Selbstfindung verband – ein Spiegel meiner eigenen Kämpfe und derer, die wir alle führen. Krankheit und Burnout, ausgelöst durch Phasen, in denen ich unfrei war und Zeit mit Menschen verbringen musste, die mir nicht guttaten. Gehetzt von täglichen Anforderungen, Dingen nachjagend, die ich nicht wirklich begehrte, fühlte es sich oft so an, als wäre ich vom rechten Weg abgekommen. Ich hatte mich plötzlich in einem Labyrinth verirrt, aus dem ich den Ausweg verlor.
In ‚Neun Stunden‘, jener zarte Funke, der in meiner Dunkelheit geboren wurde, durchläuft die Protagonistin ungeplante Veränderungen und versucht sich selbst doch treu zu bleiben – ein ewiges Ringen, wie bei dir und bei mir.
Während dieser Phase, als selbst das Aufstehen eine Herausforderung war, erschien die weltreisende Heldin von ‚Neun Stunden‘ in meinem Bewusstsein – ein Lichtblick, der meine dunkelsten Tage erhellt. Vielleicht sind es letztlich doch unsere Fantasien und die Geschichten, die wir über uns und andere hören und spinnen, die das wertvollste Gut darstellen. Sie könnten das Fundament sein, das uns antreibt und uns die Kraft gibt, weiterzumachen, selbst in den schwierigsten Momenten. Die Gedanken darüber, wie ich mich im Labyrinth zu verirren kam, leiteten mich zu universellen Fragen, die uns alle beschäftigen: Ist unser Leben vorherbestimmt, oder haben wir die Freiheit, unseren eigenen Weg zu wählen?
Wo siehst du dich in dieser Frage? Siehst du dein Leben von dir selbst gesteuert, Kapitän deines eigenen Schiffs, oder manchmal auch von einem unsichtbaren Draht geleitet, wie eine Marionette gezogen vom Schicksal? Diese ewige Auseinandersetzung mit dem Schicksal, der Vorbestimmtheit und unserer eigenen Rolle in diesem großen Spiel des Lebens fasziniert uns Menschen schon seit eh und je. Denk nur an die alten nordischen Mythen, in denen die Nornen das Schicksal der Menschen mit ihren Fäden am Lebensbaum weben. Oder an das antike Griechenland, wo die Moiren das Leben eines jeden Einzelnen in dessen Händen hielten. Sophokles erzählte von mehr als 2000 Jahren schon die Geschichte des Ödipus, der, ohne es zu wissen, in dem Versuch eine Prophezeiung zu vermeiden, seinem vorhergesagten Schicksal direkt in die Arme lief.
Diese Geschichten sind nicht nur alte Erzählungen, sie spiegeln eine Debatte wider, die bis heute in unseren Herzen und Köpfen weiterlebt. Die Begriffe Fatalismus und Determinismus mögen auf den ersten Blick sperrig klingen, doch sie bieten unendlichen Stoff für Diskussionen (falls dir jemals das Gesprächsthema ausgeht, nenne einer dieser Theorien). Kurz gesagt, beschreibt der Fatalismus die Theorie, dass ein bestimmtes Schicksal unvermeidlich ist, obwohl wir vielleicht unterschiedliche Wege einschlagen können, um dorthin zu gelangen. Der Determinismus hingegen vertritt die Ansicht, dass der gesamte Weg unseres Lebens durch frühere Ereignisse und Handlungen bestimmt wird.
In modernen Zeiten erinnert uns Jean-Paul Sartre jedoch daran, wie bedeutend persönliche Wahl und Verantwortung sind, mit der Überzeugung, dass jeder von uns frei ist, sein eigenes Schicksal zu gestalten. Dostojewski taucht in ‚Die Brüder Karamasow‘ tief in diese Thematik ein, in diesem Kriminalroman lässt er die Charaktere im inneren Konflikt mit genau diesen Fragen ringen: Sind wir wirklich die Schmiede unseres Glücks, oder tanzen wir nur nach der Pfeife einer höheren Macht?
Und ich selbst finde mich oft zwischen diesen Welten wieder. Es gibt Tage, an denen ich mich fühle als nehme ich mein Leben selbst in die Hand aber auch andere, an denen ich mich einfach treiben lasse, geleitet von einer Hand, die ich nicht sehen oder verstehen kann. Doch egal, welchen Weg ich wähle, ich fühle das dieser immer etwas von beiden trägt.
Jetzt frage ich dich: Wenn das Leben dir ein Fenster öffnen würde, durch das du die Fäden deines Schicksals und die offenen Wege deiner Freiheit sehen könntest, welchen Pfad würdest du wählen? Deine Entscheidungen in ‚Neun Stunden‘ laden dich ein, diese Frage nicht nur durch die Protagonistin, sondern auch in deinem eigenen Leben zu erkunden – eine Wahl, die du wie unsere Protagonistin für dich selbst finden musst. Würdest du mutig den Sprung wagen und dein eigenes Schicksal in die Hand nehmen, oder würdest du dich lieber in das sanfte, aber unvorhersehbare Fließen des Schicksals fallen lassen?
‚Neun Stunden‘ bietet dir als Leser eine besondere Wahl. Es lädt dich zu einer Entdeckungsreise ein, auf der du selbst den Verlauf der Ereignisse bestimmst, ähnlich den Entscheidungen, die unser Leben prägen. In diesem Buch hast du jedoch auch eine Wahl selbst zu entscheiden. ‚Neun Stunden‘ ermutigt dich, deinen eigenen Weg durchs Buch zu finden. Abgesehen vom festgelegten Anfang und Ende, bestimmst du, in welcher Reihenfolge du die Kapitel entdeckst. Verknüpfte Erlebnisse, ähnlich den vielschichtigen Kapiteln unseres eigenen Daseins.
Meine Hoffnung ist, dass Lauras Geschichten dich berühren, zum Nachdenken anregen und vielleicht sogar inspirieren. Und vielleicht findest du in ihm und Laura auch ein Stück von dir selbst. Während du jede Seite genießt, lade ich dich ein, nicht nur in den Spiegel der Erlebnisse und Gedanken einzutauchen, sondern auch das kunstvoll gewobene Netzwerk von Verbindungen, das das Universum dieser Geschichte zusammenhält, zu entdecken. Wenn du glaubst, das Geheimnis, wie alle Drähte miteinander verbunden sind, entschlüsselt zu haben, zögere nicht, dich direkt bei mir zu melden, um mir deine Version der Geschichte darzulegen.
Also, nimm dir einen Moment, genieße jede Seite, und mögest du in ihren Erlebnissen und Gedanken nicht nur einen Spiegel oder zumindest einen faszinierenden Begleiter finden, sondern auch eine Herausforderung, die dein Verständnis und deine Wahrnehmung erweitert.
Wichtiges PS: Ich wäre dir unglaublich dankbar, wenn du dir die Zeit nehmen könntest, eine Rezension zu schreiben, das Buch auf deinen bevorzugten Social-Media-Plattformen zu bewerten oder es mit deinen besten Freunden zu teilen. Jede Unterstützung hilft ungemein, Lauras Geschichten mit mehr Lesern zu teilen und eine größere Gemeinschaft von Entdeckern wie uns zu schaffen.
LAURA
Dagaz
Ffffffflllkikkkwhefaeriohaiwophfpawhfp…. Laura nahm die Finger von der Tastatur. Sie starrte auf die Buchstaben und ein Seufzen entfuhr ihr. Wie sollte sie diesen Artikel nur fertigbekommen? Seitdem sie den Job im Verlag angenommen hatte, wurden ihre Aufträge von Mal zu Mal banaler. War sie nicht vor noch drei Jahren der gefeierte Newcomer des Jahres? Vor drei Jahren. Damals, als sie noch selbständig war, eigenständig reiste, sich treiben ließ wie ein Blatt im Wind und nur über das schrieb, was ihr wichtig war, ihr wirklich am Herzen lag. Und damals war trotz ihrer Freiheit ein fester Arbeitsplatz ihr weit entfernter Traum. Irgendwas in ihrem Bauch vermittelte ihr immer, dass sie sich erst als Journalistin bezeichnen konnte, wenn sie fest bei einem Verlag angestellt war. Vor neun Monaten war dieser Traum dann Wirklichkeit geworden, doch die Erfüllung fühlte sich anders an, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie ließ den Blick vom Bildschirm schweifen, driftete ab ins Leere.
Ein Schatten, kurz und flüchtig, huschte über ihren Tisch. „Laura ...“, durchbrach eine Stimme ihren verwirrten Gedankenvorhang.
Sie blinzelte und erkannte Marcels Umriss gegen das blendende Sonnenlicht, das ihm eine fast greifbare Aura verlieh. Er betrachtete sie, seine Mundwinkel leicht nach oben gezogen und Laura sah die kleinen Fältchen, die sich um seine Augen bildeten. Instinktiv strich sie sich eine Locke aus dem Gesicht. Marcels Lächeln wurde breiter, als sie ihn nun mit immer noch etwas verwirrten Augen ansah. „Einen weiteren Cappuccino, Laura?“ fragte er, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Ein ungewollt müdes Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie nickte zustimmend.
Er verstand und drehte sich sogleich um, um ihren Wunsch zu erfüllen. Ihr Blick folgte ihm. Seine Bewegungen wirkten so sanft und sicher, erinnerten sie an einen Tanz. Wie er sich durch die Tische schlängelte, jedem Hindernis mühelos auswich und doch im Moment verweilte. Seine Art war so offen. Er wirkte leicht und frei wie eine Feder im Wind – Im kompletten Kontrast zu ihrem momentanen Zustand. Sie saß wie ein Klumpen Zement an ihrem Tisch, der sich unbeholfen versuchte, selbst in Form zu meißeln. Dennoch konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er mit einem eleganten Schwung hinter den Tresen glitt.
Obwohl sie nie lange miteinander redeten, hatte Laura das Gefühl, ihn zu kennen. Jedes Mal, wenn sie in der Stadt war, kam sie hierher und saß in diesem Café zum Schreiben. An den meisten Tagen war Marcel da, wartete bereits mit einem warmen Cappuccino auf sie, ohne dass sie fragen musste. Sie erinnerte sich an die Tage, als Marcels charmanter Charakter ihr zum ersten Mal aufgefallen war. War das tatsächlich schon Jahre her?
Sie konnte nie wirklich sagen, wohin die Zeit verflog. Ihr Leben war fast schon zu lange ein bunter Wirbel aus ständigem Reisen. Fast jeder Tag war lückenlos durchorganisiert und beinahe minütlich geplant bis zur nächsten Deadline. Und wenn sie diese erreichte, begann alles wieder von neuem. Ein anderes Setting, neue Menschen und ein anderes Thema, das sie recherchierte – der Rest blieb jedoch immer gleich. Fast nie war irgendwas länger als vier Wochen im Voraus planbar. Und alles andere in ihrem Leben hatte sich diesem Schema angepasst. Ihre Kleidung war funktional und praktisch, ihre Ausrüstung minimal und tragbar und alles, was sie auf dieser Welt besaß, war immer einfach wegzupacken und mitzunehmen. Und dies hatte mehrere Gründe. Sie war sich komplett bewusst, dass sie ohne diese strikte Ordnung im Chaos versinken würde. Ihr eigentliches, früheres Wesen, vielleicht sogar ihr wahres Ich, war ein kunterbuntes Wirrwarr. Und all das Planen und Kontrollieren half, diese alte Seite von ihr zu zähmen. Ihr Blick traf flüchtig die zwei paar verschiedenen Socken, die sie trug, und sie nahm einen Fuß, um ihr Hosenbein etwas weiter nach unten zu streifen. Ganz hatte sich ihr damaliges Ich doch noch nicht verabschiedet …
Abgesehen von all dem Trubel gab es jedoch diese wunderbaren Ankerpunkte in ihrem Leben. Kleine, heimliche Oasen, die ihr Erdung gaben und ein Gefühl von Zuhause verliehen. Genau wie dieses Café in Montmartre. Auch Paris war einer dieser Ankerpunkte, eine Stadt, die auf sie immer eine unerklärlich beruhigende Kraft ausübte. Das hektische Großstadtgewusel, gepaart mit der gelassenen Lebensart der Bewohner, ließ ihr Herz stets etwas leichter schlagen.
Ihr Blick wanderte instinktiv zu ihrem Handy. Ramons erinnernde E-Mail an die Deadline pulsierte noch immer wie ein blinkender Timer. Ihr Herz schlug kurz schneller und das ihr so bekannte Pflichtgefühl begann zu nagen. Vor ihr auf dem Bildschirm jedoch starrten der blinkende Cursor und die leblosen Sätze ihr wie ein Spiegel ihres momentanen Versagens, fast spöttisch entgegen. Nein. Sie schüttelte den Kopf und klappte den Laptop zu. Sein fast höhnisches Klicken, das ihre vorläufige Niederlage markierte, versuchte sie zu ignorieren. Und mit dem Zurechtrücken ihres Stuhls erlaubte sie sich endlich, für einen Moment in die Außenwelt zu blicken.
Um sie herum brummte das Café vor Leben – fast jeder Tisch war besetzt. Konzentriert und gestresst, wie sie bisher an ihrem Tisch saß, war ihr das lebendige Durcheinander, das sie nun umgab, gänzlich entgangen. Nur zwei Stunden zuvor hatte sie hier in der Stille des frühen Morgens gesessen, allein mit ihren Gedanken und einem Cappuccino. Jetzt pulsierte die Luft voller Energie. Auch die Straße vor ihr pulsierte; Menschen strömten in einem lebhaften Fluss. Ihre Augen beobachteten ein fast rhythmisches Ballett aus Hektik und Muße, aufgeführt von Touristen und Einheimischen auf den Pflastersteinen Montmartres.
Laura zuckte zusammen, als Marcels Arm in ihr Blickfeld kam und er ruhig und präzise den frisch zubereiteten Cappuccino vor sie stellte. „Vertieft wie immer“, begann er, sein Gesicht erhellte sich mit einem aufmunternden Lächeln. „Du weißt, dass es noch ein Leben außerhalb deiner Gedanken gibt?“ sagte er spielerisch. „Paris ist mehr als nur ein Ort für Geschichten. Es ist ein Ort zum Leben, zum Erleben. Wir Franzosen leben fürs Leben, non?“
Ein resigniertes Lächeln zuckte um Lauras Lippen. „Danke dir“, murmelte sie. „Und ja, du hast recht. Aber ich habe ja noch ein paar Tage hier …“ und neue Entschlossenheit lag in ihrem Ton. „Nun, es ist immer eine Freude, dich hier zu sehen“, erwiderte Marcel, seine Augen auf ihr verweilend.
Plötzlich ertönte ein helles Lachen. Laura und Marcel drehten sich gleichzeitig in die Richtung des Lauts. Neben ihr im Außenbereich des Cafés hatte eine Frau Platz genommen, deren elegante Erscheinung eine fast unnahbare Perfektion ausstrahlte. Seidig glattes, schwarzes Haar umrahmte ihr Gesicht, und ihre Kleidung war für Laura der Inbegriff von Pariser Chic: eine elegante Bluse, makellos sitzende Jeans und klassische Prada-Loafer.
Marcel, der sich ihr zur Begrüßung näherte und dessen kurzer Austausch mit der Frau eine Vertrautheit zwischen den beiden offenbarte, wandte sich nun wieder dem Café zu. Laura warf erst einen Blick auf ihren Laptop, schüttelte dann jedoch entschieden den Kopf. Neugierde lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Fremde neben ihr, und sie war noch nicht bereit, den Kampf mit den Wörtern erneut aufzunehmen.
Die makellose Eleganz der Frau neben ihr ließ Laura sich, mit ihren eigenen unzähmbaren Locken und ihrem eher zweckmäßigen Outfit, deplatziert fühlen, fast wie ein Schatten. Ein unnötiges Gefühl der Befangenheit, das sie schon lange nicht mehr hatte.
Sie musste jedoch widerwillig grinsen, als sie sah, wie die Finger der Frau mit erstaunlicher Geschwindigkeit über den Bildschirm ihres Handys flogen, begleitet von einer reichhaltigen und ausdrucksstarken, fast theatralischen Mimik. Man konnte ihr das Textgespräch, das sie führte, fast vom Gesicht ablesen. Unwillkürlich ließ Laura ihren Blick nicht von der Fremden, fasziniert von ihrer Ausstrahlung und ihrem scheinbar perfekten Leben.
Plötzlich sah die Frau vom Handy auf. Ihre Blicke trafen sich. Ein Moment der Stille breitete sich aus, und Laura, die nun selbst erst verstand, dass sie ihr Gegenüber förmlich angestarrt hatte, fühlte sich unangenehm ertappt. Die Fremde jedoch, mit einem sanften Neigen des Kopfes, lächelte nur und meinte: „Dating-Apps – ça prend toujours tellement de temps, n'est-ce pas?“
Lauras Herz setzte kurz aus. „Vous parlez anglais?“, entwich es ihr mit einem Hauch von Verlegenheit im Lächeln. Die Unbekannte nickte, Humor in ihren Augen. „Dating-Apps – nehmen viel zu viel Zeit in Anspruch, oder?“ Laura blieb regungslos, noch immer leicht beschämt über ihr Starren.
Die Frau pausierte kurz, als hätte sie Lauras Verlegenheit gespürt, stand dann aber auf und gesellte sich selbstbewusst an Lauras Tisch. „Ich bin Cécile. Freut mich“, begrüßte sie Laura, deren Hand sie mit einer überraschend warmen Geste ergriff. „Laura. Das Vergnügen ist ganz meinerseits“, gab Laura zurück und kratzte sich am Nacken.
Kokett nach vorne gebeugt fragte Cécile: „Meine Ankunft hat also Eindruck hinterlassen, hm?“ Ihre Stimme war spielerisch und ohne jeden Vorwurf.
Laura errötete und blickte verlegen zur Seite, bevor sie geschickt das Thema wechselte: „Du und Marcel, ihr kennt euch also?“
„Ja, wir hatten ein paar Mal beruflich zu tun. Manchmal kreuzen sich unsere Wege hier.“
Laura nickte, ihr Blick streifte flüchtig ihren Laptop. „Das Café scheint voller Geschichten zu sein.“
„Oh ja. Eine ganze Sammlung von Geschichten.“ Cécile lehnte sich zurück und schlug ihre Beine übereinander. „Ganz wie mein Leben. Einige heiter, andere traurig, und manche …“, sie zwinkerte verschmitzt, „sind fast zu unglaublich, um wahr zu sein.“ Ihr Lachen ertönte hell und ihre Augen glänzten. Laura bemerkte, wie sie Cécile wieder anstarrte. Sie fühlte sich ebenso fasziniert wie eingeschüchtert von ihrer offenen Art.
„Und du?“, Cécile musterte nun Laura mit einem intensiven Blick, ihre Neugier kaum verbergend.
„Meine Geschichten sind vielleicht nicht ganz so aufregend wie deine. Ich bin Reisejournalistin. Wenn ich in der Stadt bin, komm’ ich oft hierher zum Schreiben.“
„Das klingt ja nach einem Traum! Ständig neue Orte, immer auf Reisen“, meinte Cécile begeistert. „Ich kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal Paris verlassen habe …“, ihre Augen leicht zur Seite gewandt.
Laura versuchte, Céciles Begeisterung zu erwidern, doch ihre Augen verrieten eine gedämpfte Freude.
Cécile richtete sich auf, ihr Blick fiel auf die filigrane Uhr an ihrem Handgelenk. Ein leises Seufzen entwich ihren Lippen. „Man merkt gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht“, bemerkte sie, ihr Lächeln wurde nachdenklicher. „Ich sollte mich auf den Weg machen. Ein Termin wartet.“ Sie zögerte einen Moment, ihre Augen suchten Lauras Blick. „Ich habe gleich einen Termin bei Madame Astrid.“
„Madame Astrid?“ Laura sah sie neugierig an.
„Ja, sie ist ein Runenorakel. Ganz in der Nähe“, erklärte Cécile, als wäre es die normalste Aussage der Welt.
Lauras Augenbrauen zogen sich etwas zusammen. „Ein Runenorakel? Also eine Wahrsagerin?“ Ihre Stimme klang etwas vorwurfsvoll, ohne es wirklich so zu meinen.
„Sie ist nicht irgendeine Wahrsagerin“, entgegnete Cécile mit einem Hauch Verteidigung in ihrer Stimme. „Madame Astrid, ihre Lesungen sind … nun, etwas unkonventionell. Es ist schwierig, in Worte zu fassen. Sie deutet Runen und ihre Worte tragen irgendwie immer ein Körnchen Wahrheit.“ Ihr verschmitztes Lächeln kehrte zurück. „Ich sehe sie als einen spirituellen Leuchtturm in diesem chaotischen Meer des Lebens“, erklärte sie zusammenfassend, während sie aufstand und einen weiteren Blick auf ihre Uhr warf. Dann blickte sie Laura mit großen Augen an. „Aber, komm doch einfach mit. Dann siehst du selbst.“
Lauras Blick fiel auf ihren Laptop, der immer noch auf dem Tisch lag, und ein Wirbel aus Gedanken begann zu tanzen. „Die Deadline“, dachte sie zuerst, gefolgt von „ein Orakel besuchen?“ Sie hatte Zukunftsdeutungen nie wirklich ernst genommen, gleichzeitig fand sie diese auch etwas unheimlich. Aber wenn sie weiter hier saß und unzufrieden auf die sich nicht formenden Wörter starrte, würde ihr das auch nicht weiterhelfen. Und vielleicht gäbe ihr der Ausflug auch Material für einen neuen Artikel? Ihr Blick fiel zurück zu Cécile. Auch wollte sie sich von ihr noch nicht wirklich verabschieden.
Cécile, mit einem sanften Lächeln, das fast so wirkte, als könnte sie Lauras Gedanken lesen, sprach beruhigend. „Du musst nicht mitkommen, wenn du nicht willst. Aber vielleicht, so wie damals bei mir, öffnet dir Madame Astrid eine unerwartete Tür?“ Lauras Mundwinkel zogen sich zu einem leicht schiefen Grinsen hoch. Sie atmete tief durch und nickte dann mit neu gefundener Entschlossenheit, die Arme auf die Lehne gestützt. „Okay – ich bin dabei.“
Céciles Augen leuchteten auf. „Ich wusste, du sagst ja! Das wird ein Abenteuer, mon amie.“
∆∆∆
Als sie die pulsierenden Adern Montmartres hinter sich ließen, führte Cécile sie in einen ruhigeren Teil des Arrondissements. Über ihnen ragten die charakteristischen Pariser Wohnhäuser, ihre Fassaden ein buntes Gemenge aus beigefarbenem Stein, Blumenkästen und Straßenkunst. Lauras Augen wanderten von einem Haus zum nächsten, in Gedanken an die Menschen, die in ihnen wohnen, hier lebten und noch leben. Cécile lief lebhaft gestikulierend neben ihr und komplett vertieft in ein Telefonat. Laura versuchte, nicht schon wieder zu starren, und konzentrierte sich auf die Umgebung und ihre eigenen Schritte. Von dem schnell gesprochenen, französischen Arbeitsgespräch konnte sie nur Bruchstücke entziffern, doch die paar Wörter genügten, um ihre Gedanken unweigerlich auf ihr eigenes Handwerk zu lenken.
So oft war sie schon hier gewesen, hatte die Pariser Luft inhaliert, die Atmosphäre auf sich wirken lassen und ihre Eindrücke in Reportagen festgehalten. Ihre Arbeit, ihr ganzer Stolz, hatte sie um die Welt geführt und war der Traum, den sie sich nach Jahren harter Arbeit verwirklicht hatte. Sie war bekannt für ihren ausgefallenen Blick, ihre präzise Sprache und ihre Fähigkeit, komplexe Themen verständlich und spannend zu vermitteln. Immer auf der Jagd nach neuen Perspektiven, mit einem Talent fürs Schreiben gesegnet, das ihr bereits einige Preise eingebracht hatte.
Wenn sie einen Auftrag annahm und in eine neue Stadt reiste, fühlte sie immer den Rausch des Neuen. Die Faszination des Unbekannten und die Spannung einer neuen Aufgabe verliehen ihr unglaublich viel Energie. All die Recherchen dann niederzuschreiben und mit anderen zu teilen, war für sie einfach nur noch das Sahnehäubchen, das alles noch schmackhafter machte.
Doch in letzter Zeit war dieser Zauber verflogen. Ihre Artikel fühlten sich an, als hätte man bei einem Donut den Zucker vergessen – fad und geschmacklos. Sie sehnte sich danach, wieder mit brennenden Augen und klopfendem Herzen zu schreiben. Es war, als ob sie den Funken, der ihre Reportagen einst zum Leben erweckt hatte, nun zwischen den Zeilen ihrer Texte suchen musste. Ein kleiner Stich in ihrem Bauch meldete sich wieder.
Laura bemerkte im Augenwinkel, dass Cécile ihr ein Zeichen gab – sie waren angekommen. Vor ihnen stand ein älteres Wohnhaus mit einem großen Eingangstor. Efeu wucherte an den Fensterläden und verlieh dem Gebäude einen romantischen, fast verträumten Charme.
Cécile, mit einer Selbstverständlichkeit, die zeigte, dass sie hier kein Fremdling war, gab einen Code in ein kleines Panel ein. Ein leises Brummen erklang, und das schwere Tor öffnete sich mit einem sanften Ächzen vor ihnen, um einen bezaubernden Innenhof zu enthüllen.
Die Geräusche der Außenwelt verflüchtigten sich beim Betreten des Hofs. Alles darin schien in einem verträumten Stillstand gehüllt und eine friedvolle Abgeschiedenheit umfing sie, die ihre Gedanken für einen Moment innehalten ließ. Lauras Blick fiel unweigerlich auf den kleinen Brunnen, der die Mitte des Hofes einnahm. Sonnenstrahlen schlängelten sich durch das Blätterdach und tanzten auf dem Wasser, begleitet vom Klang der plätschernden Tropfen.
Doch bevor sie sich gänzlich dem Zauber des Ortes hingeben konnte, lenkte Cécile ihre Aufmerksamkeit auf eine schattige, beinahe versteckte Ecke. Dort, fast geheimnisvoll, führte eine kleine Treppe ein halbes Stockwerk hinab und endete vor einer massiven, alten Tür. Der abgenutzte kupferne Türknauf, der sie schmückte, verlieh dieser ein gewisses Maß an Mystik und fing das schwache Licht ein, während ein leicht schiefes Holzschild, dekoriert mit einem gemalten Baum und Runenzeichen, verkündete: „Madame Astrid“.
„Komm, meine Liebe“, sagte Cécile mit einem fast erwartungsvollen Klang in ihrer Stimme und ließ drei Klopfzeichen an der alten Tür erklingen, die in Lauras Ohren wie der Auftakt eines ihr unüblichen Abenteuers hallten.
Die Stille, die folgte, wurde jäh von einem tiefen Pochen unterbrochen. Es war kein Klicken von Absätzen, sondern eher das Echo eines Gegenstands, der fest auf Holz trifft. Mit jedem Schlag näherte sich der Laut. Laura hielt den Atem an, als das Pochen direkt hinter der Tür zu hören war und dem Geräusch einer sich lösenden Türkette wich. Langsam schwang die Tür nach innen auf und enthüllte eine Frau, deren unscheinbare, fast alltägliche Erscheinung in merkwürdigem Kontrast zu ihrer beeindruckenden Präsenz stand. Laura betrachtete die Frau genau. Sie verströmte eine Aura, die zugleich erdverbunden und exzentrisch anmutete. Ihr langes, silbergraues Haar fiel in wilden Strähnen über die Schultern, und in ihren Gesichtszügen lag eine Art zeitlose Weisheit. Ihre Kleidung, Schlichtheit im zeitgenössischen Stil, war mit Schmuckstücken versehen, die an Symbole der altnordischen Mythologie erinnerten – kunstvoll gearbeitete Amulette und Runen, die an ihrem Hals und an ihren Handgelenken glänzten. Darüber trug sie eine dunkelgraue Tunika, verziert mit Stickereien, die an alte Volkstrachten erinnerten, und die leicht ihren Gehstock überlappte, auf den sie sich stützte.
Laura schätzte die Frau auf Mitte 60. Sie stand fest und unerschütterlich in der Tür, ohne eine Miene zu verziehen, während ihr intensiver Blick Laura festhielt.
Ohne ein Wort der Begrüßung und mit einer bloßen, schweigenden Geste forderte sie die beiden auf, ihr zu folgen, bevor sie wieder in den schattigen Flur verschwand, das Echo ihres Stocks hinter sich herziehend. Laura warf Cécile einen unsicheren Blick zu. Ein sanfter Strudel aus Skepsis und Neugier umwirbelte sie, während ihr Blick auf den dunklen Korridor fiel. Doch Céciles Augen strahlten eine erwartungsvolle Freude aus, die Laura, trotz ihrer momentanen Unsicherheit, ein Gefühl der Beruhigung verlieh.
Mit einem entschlossenen Schritt vorwärts betrat Laura den düsteren Flur, der sich vor ihr erstreckte. Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an das dämmerige Licht, und allmählich wurden die Konturen der antiken Schätze, die die Wände säumten, sichtbar. Runenverzierte Steine und geheimnisvolle Artefakte belebten die Wände, jedes Stück schien sorgfältig ausgewählt und platziert. Mit jedem Schritt, den sie setzte, vertiefte sich Lauras Gefühl, in eine Welt einzutauchen, die von alten nordischen Sagen und keltischen Mythen geprägt war. Auch die Luft schien dicker zu werden, war erfüllt von einem schweren, erdigen Aroma, einer Mischung aus Moos, Kräutern und alten Büchern.
Als sie der Dame in die Küche folgten, betraten sie einen Raum, in dem sich das Thema des Flurs nahtlos fortsetzte. Die Möbel waren schlicht und funktional, aus grobem Holz gefertigt und mit einfachen, aber kunstvollen Schnitzereien verziert. Die Ecken jedoch verzierten kunstvolle Arrangements aus keltischen Knoten, Runensymbolen und verwachsenen Pflanzen, die sich wie stille Wächter an den Raum klammerten.
Das Aroma in der Küche war so intensiv, dass es Laura fast den Atem nahm. Nicht im negativen Sinne, aber es waren Düfte, die sie so noch nicht in einem Wohnhaus erlebt hatte. Alles hier fühlte sich an, als wäre sie in das perfekte Klischee einer inszenierten Szene getreten, dachte Laura, während ihre Augen fasziniert den geerdeten Raum erkundeten. Gemeinsam mit Cécile nahmen sie an einem massiven Eichentisch nahe dem Fenster Platz. Doch nur wenig Licht drang in den Raum, und das wenige, das durch die alten Fensterscheiben fiel, warf tanzende Schatten auf den Tisch, als wolle die Außenwelt ein Teil der Mystik des Raumes sein.
Der Duft frisch aufgebrühten Tees erreichte Lauras Nase. Als Madame Astrid mit ruhiger Gelassenheit den heißen Aufguss in die drei bereits angerichteten Steinguttassen goss, spürte Laura, wie diese einfache, alltägliche Geste eine unerwartete Beruhigung brachte. Diese scheinbar banale Handlung erlaubte Laura ihre Anspannung für einen Moment zu vergessen und für einen Augenblick wieder in Normalität zu verweilen.
Als Madame Astrid sich ihnen zuwandte, traf sie Lauras Blick mit solch einer Tiefe und Intensität, dass Laura unwillkürlich stockte. „The lonely Traveller – Die einsame Reisende“, begann sie unvermittelt auf Englisch, mit einer Stimme, die zugleich sanft und eindringlich durch den Raum hallte. Lauras Augenbrauen zogen sich zusammen. Ihre Gedanken drehten sich zwischen Verwunderung, Verwirrung und Belustigung, als die Worte der Dame ihr Ohr erreichten. Sie bemühte sich jedoch, eine ernste Miene zu wahren, um die Dame nicht zu beleidigen.
Eine stille Pause füllte den Raum, während Madame Astrids Blick weiterhin intensiv auf Laura ruhte. „So allein …“, sagte die Dame nun und ergriff Lauras Hand. Im Moment der Berührung, als die Wärme ihrer Hände sich vermischte, begann der Raum vor Lauras Augen zu verschwimmen. Alles um sie herum wurde unscharf und dunkel. Ein monotones Piepen näherte sich und umhüllte sie. Ein beißender Geruch durchdrang die Luft. Plötzlich erkannte sie es: Es war das Piepen aus dem Krankenhauszimmer, in dem ihre Mutter ihren letzten Atemzug genommen hatte.
Sie sah ihren Bruder in der Ecke sitzen. Sie fühlte den Streit, den sie hatten, ihre beschuldigenden Worte noch im Hals, als hätten sie diesen gerade erst verlassen. Die Kälte jenes Tages ergriff sie erneut – die klirrende Kälte des Alleinseins, die sich damals in ihr Herz schlich und sie seither nie wieder wirklich verlassen hatte. Ein krampfartiger Stich durchzog ihren Magen. Sie öffnete die Augen und sah Madame Astrid wieder vor sich, die ihr zärtlich, fast mütterlich, über die Hand strich. „Die einsame Reisende“, sprach sie wieder. Lauras Augen hasteten durch den Raum, um sich wieder etwas zu fassen. „Wo …?“ brachte sie hervor. Madame Astrid jedoch schüttelte den Kopf. Ein „Schhh, Kind,“ entfuhr ihr, während sie sanft Lauras Hand drehte.
Die Finger der mystischen Dame glitten nun mit einer ruhigen, aber bestimmten Beharrlichkeit über Lauras Handfläche, als würden sie jede Linie und jede Kante erkunden. „Stets in Bewegung. Ah, … auf der ewigen Flucht vor der unausweichlichen Wahrheit“, flüsterte Madame Astrid, während ihre Augen fest auf die Geschichten gerichtet waren, die Lauras Hände ihr zu offenbaren schienen.
Ein scharfer Stich durchzuckte Laura wieder. Auf der Flucht? Schoss ihr durch den Kopf und unbewusst erschien ein Bild ihres Laptops vor ihrem inneren Auge. Sie wollte rebellieren, aber jegliche Worte der Verteidigung blieben ihr im Hals stecken. Madame Astrid, ohne den Blick von Lauras Händen zu wenden, griff nach einem Leinensäckchen, das auf dem Fensterbrett lag. Sie hielt es einen Moment in ihren Händen, nahm es vor ihr Gesicht und begann leise Worte zu murmeln:
„Inn dýpsta auðmýkt ok virðing, ég biðja um forna visku steinanna“,
während sie das Säckchen nun öffnete und einige Runensteine in ihre Handfläche schüttelte. Die Schatten des Fensters flackerten erneut über den Tisch und warfen ihre Tänze über die Szene, die sich vor Lauras Augen auftat.
Madame Astrid fixierte Laura abermals mit einem durchdringenden Blick, der fast durch die schwach beleuchtete Küche zu schneiden schien, während sie sechs Steine in einem präzisen Kreis auf dem Tisch platzierte und einen weiteren in die Mitte legte. Mit bedächtigen, fast rituellen Bewegungen berührte ihr Finger jeden der äußeren Steine im Uhrzeigersinn. „Dagaz, Fehu, Nauthiz, Gebo, Sowilo, Ansuz … “, murmelte sie, und als sie schließlich den mittleren Stein berührte, flüsterte sie „Perthro“.
Ohne ihren Blick von den Runen zu lösen, begann Madame Astrid zu erklären: „Neuanfang …“, eine kurze Pause folgte, „Reichtum, die Notwendigkeit und Widerstand … Partnerschaft, das Band zwischen Seelen … Erfolg und die Synthese, Seite an Seite mit der Kunst der Kommunikation … und schließlich das Rad des Schicksals, das uns alle verbindet.“
Konzentriert und vorsichtig ordnete Madame Astrid die Steine jetzt präzise in einer Linie an. Sie fuhr sanft mit ihrer Hand darüber, als läse sie dessen Energien. Sie richtete ihren Blick wieder auf Laura, „Ein Pfad, unermesslich wandelbar, durch Raum und Zeit. Das Rad des Schicksals hält nicht an, und nur du bestimmst seinen Lauf. Nicht länger wird Einsamkeit dein Begleiter sein, nicht länger die Flucht dein Pfad, nicht länger die Kontrolle deine Last. Perthro – das Schicksalsrad, es wird dich leiten, doch die Wahl …“, sie hielt inne, als würde sie ihre Worte sorgfältig abwägen, „die Wahl bleibt dein eigenes Schicksal.“
Wieder spürte Laura einen stechenden Schmerz in ihrem Bauch. Diesmal ein tiefes Pochen, das fast ihre ganze Aufmerksamkeit gefangen nahm. Sie schluckte, ihr Mund war trocken. „Wie meinen Sie das?“, brachte sie kaum hörbar hervor.
Madame Astrids Augen funkelten in einem tiefen Grau. „Tochter der Nornen, Reisende. Die Runen verkünden dir eine bevorstehende Reise großer Bedeutung. Urðr, Skuld und Verðandi weben deine Reise, weben dein Schicksal mit den Fäden anderer Seelen. Sie verknüpfen euch durch Raum und Zeit. Perthro sprach zu Yggdrasil und schenkt dir neun Stunden. Neun Stunden, um zu wählen, neun Stunden, um zu wissen. Danach verblühen seine Blätter. Nutze diese klug und wähle deinen Weg gewiss. Fruchtet seine Gelehrtheit und webst du deine Fäden mit Bedacht, verlässt die Kälte deine Adern und die Flucht deine Sohlen.“
Als Madame Astrid sprach, schienen die Schatten im Raum lebendig zu werden, tanzten mit jeder Silbe und verdichteten die Luft mit einer fast greifbaren Spannung. Lauras Herz schlug schneller, sie schluckte wieder, ihre Worte, gefangen in einem Wirbel aus Verwirrung. „Ich …“, ihr Kopf schüttelte sich fast unmerklich, während sie sich in Madame Astrids eindringlichen Augen verlor, „Ich verstehe nicht ganz.“
Madame Astrids Blick änderte sich, nun mit einer Spur von Ungeduld, sah sie Laura an: „Der Tag wird es dir offenbaren, mein Kind.“ Sie tätschelte noch einmal sanft Lauras Hand und entließ diese mit einem Schwung.
Die exzentrische Wahrsagerin sammelte die Steine darauf gleich wieder ein und wandte sich Cécile zu, ganz als wäre nichts gewesen. Laura versuchte zu lauschen, aber deren französische Worte entglitten ihr wie Wasser durch die Finger. Ein kalter Lufthauch strich ihren Arm, jedoch ohne dass die frische Luft ihre Lungen erreichte. Sie verschränkte die Arme vor sich, ein Gefühl der Blöße schien in ihr zu verweilen. Die Blicke Madame Astrids, als wären sie in ihrem inneren Auge tätowiert. Ihre Worte, sie klangen noch immer in ihren Gedanken nach. „So alleine…“ sagte die Frau, oder? Und all das Kryptische, „Fäden anderer Seelen … durch Raum und Zeit, Perthro, das Schicksalsrad, neun Stunden, um zu wissen …“ schoss Laura wie ein Echo erneut durch den Kopf. Ihre Augen suchten instinktiv Cécile, in der Hoffnung, etwas Klarheit zu finden, einen Freund und Verbündeten nahezuhaben, doch Cécile war tief in das Gespräch mit Madame Astrid vertieft und nahm Laura nicht mehr wahr.
Als sie schließlich Madames Wohnung verließen, fühlte Laura mit Erleichterung die Klarheit des Pariser Tageslichts in ihren Augen. Frische Luft erfüllte endlich ihre Lungen und sie fühlte sich, als könne sie wieder etwas klarer denken. Cécile, deren Energie ungebremst sprudelte, legte liebevoll einen Arm um Lauras Schultern. Ihre Augen, fast wie funkelnde Diamanten im Pariser Tageslicht, sahen Laura nun neugierig an. „Und? Was sagst du zu deinem spontanen Abenteuer?“, neckte sie mit einer belustigten Note in ihrer Stimme.
Laura starrte auf den Boden. „Ich weiß nicht richtig, was ich davon halten soll, Cécile. Alles war sehr kryptisch und intensiv …“
Céciles Lachen erklang hell und klar in der Luft. „Glaube mir, beim ersten Mal geht es uns allen so. Lass die Worte einfach auf dich wirken, bald wird alles einen Sinn ergeben. Ich verspreche es dir.“
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Laura und Cécile umarmten sich fest, bevor sie sich mit einem letzten Lächeln und den tauschen von Kontaktdaten voneinander verabschiedeten. Als Laura Céciles Silhouette beobachtete, wie sie sich immer weiter ins Gewimmel der vorbeieilenden Menschen auflöste, spürte sie, wie ein unerwartetes Gewicht auf ihre Schultern drückte.
„Was für ein überraschender Tag“ dachte Laura, als sie gedankenversunken durch die Stadt schlenderte. Madame Astrids Worte hallten noch in ihrem Kopf wider – als konnte sie diese noch nicht abschütteln. Hatte sie doch eigentlich nie viel von Wahrsagerei gehalten. Sagte Cécile nicht etwas Ähnliches vorab? Auch der unfertige Artikel schlich sich wieder in ihr Gedächtnis. Dieses Aroma in Madame Astrids Küche. Laura hob ihr T-Shirt kurz an die Nase und prüfte, ob der Duft noch an ihrer Kleidung haftete.
Als sie ihre Füße durch die Stadt führten, die ihr so vertraut war, fühlte sich alles seltsam anders an. Die Gebäude wirkten fremd, die Menschen um sie herum gesichtslos. Eine ungewohnte Leere umhüllte sie, machte ihre Bewegungen mechanisch, ihre Schritte ziellos. Die Tasche mit dem Laptop hing wie ein Bleigewicht an ihrer Schulter, zerrte sie nach unten. Ihr Schatten, der sich auf dem Pflaster hinter ihr abzeichnete, wirkte länger, zog sich zögernd hinter ihr her, fast als würde er ihre gefühlte Schwere widerspiegeln.
Laura kannte solche Momente der Fremdheit. Momente, in denen die Welt um sie herum in einem anderen Licht erschien, als wäre die Perspektive verschoben und alles plötzlich fremd. Aber jetzt … das Gefühl, das sie durchdrang, überstieg alles bisher Erlebte; es war so intensiv, dass ihr Gänsehaut den Arm hochkroch.
Die Unsicherheit, die sie gerade in sich trug, stand im krassen Gegensatz zu der Fülle des Lebens, die sie normalerweise auf ihren Reisen und in ihrem Job spürte. Ein Leben, das aus unermüdlicher Arbeit und Hingabe gewoben war. Unzählige Stunden des Lernens, Experimentierens und des kreativen Selbstausdrucks hatten Laura zu einer gefragten Journalistin und Fotografin gemacht. Das Teilen ihrer Reisen und Entdeckungen mit der Welt war für sie mehr als nur ein Beruf; es war ihre Leidenschaft, ihre Berufung.
Und doch, ohne es explizit auszusprechen, fühlte sich Laura, als stellten Madame Astrids Andeutungen alles, was sie sich aufgebaut hatte, infrage. In diesem Moment schien all die Leidenschaft und Hingabe wie durch einen Schleier betrachtet – fern, fast unerreichbar. Ihr Magen zog sich leicht zusammen, begleitet von der Ahnung, dass in den Worten von Madame Astrid vielleicht doch ein Körnchen Wahrheit steckte – eine Wahrheit, die sie selbst noch nicht ganz verstanden; geschweige denn akzeptiert hatte, die aber schon ein Weilchen in ihr weilte.
Die Einsamkeit der endlosen Nächte in fremden Hotels, das ständige Auf- und Zupacken ihrer Tasche, die verpassten Gelegenheiten für romantische Abendessen, und die immer seltener werdenden Nachrichten von Freunden, der Tod ihrer Mutter und der Kontaktstillstand mit ihrem Bruder – all diese Gedanken drangen nun mit Macht in ihr Bewusstsein.
Der Stich in Lauras Bauch meldete sich wieder. Diesmal war es kein kurzes Zucken, sondern ein stechender Schmerz, der sich wie ein glühender Keil durch ihren Körper bohrte. Panik stieg in ihr auf, ein eisernes Band schnürte ihre Brust zusammen und nahm ihr die Luft. Ihre Beine begannen zu zittern, sie drohte das Gleichgewicht zu verlieren. Ihr Atem wurde tiefer und schneller. Nun, als hätten ihre Beine wieder Kraft gefunden, spürte sie, wie sie sie ungefragt schneller trugen. Vorbei an Zäunen, Menschen, Bäumen und Häusern. Ihr Atem war nun rau und gehetzt, kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn und vermischten sich mit den losgelösten Strähnen ihres Haares. Die Welt um sie herum verschwamm. Nichts hatte mehr Substanz – nicht die sich bewegende Stadt um sie herum noch die Gedanken, die durch ihren Kopf rasten. Sie rannte, getrieben von der Angst, die sie zu zerreißen drohte. Alles wirkte wie durch Smog verhüllt, unsichtbar und unwirklich. Sie lief, verlor sich in der Mechanik der Bewegung, in der schwindenden Realität ihres Bewusstseins. Und dann plötzlich und ohne Vorwarnung – Stopp. Ihre Füße verankerten sich abrupt auf dem Gehweg.
Sie schloss die Augen, die Lider flatterten im Sonnenlicht. Gierig schnappte sie nach Luft. Nur sie und ihr Atem, ein Moment der Ruhe inmitten des Chaos in ihrem Kopf. Die Wut, die sie so energisch vorangetrieben hatte, begann zu schwinden, durchlässig zu werden, bis sie schließlich ganz verblasste, und eine erschöpfende Leere zurückließ. Lauras Herz schlug nun langsamer, doch schwerer, mit jedem Schlag eine dunkle Erkenntnis bestätigend.
Ihr gegenwärtiges Leben, das sie so akribisch gestaltet hatte, das Resultat von so vielen Opfern und harter Arbeit, brachte nicht die Erfüllung, die es versprochen hatte. Sie hatte versucht, die Leere in sich zu füllen, indem sie sich ununterbrochen in Abenteuer, endlose Reisen und die Erkundung ferner Länder stürzte. Doch jetzt, mit den unausgesprochenen Vorwürfen der alten Dame, die in ihrer Seele nachhallten, konnte sie den schmerzlichen, tiefsitzenden Riss in ihrem Inneren nicht länger ignorieren. Sie war nicht mehr glücklich.
Laura atmete tief durch, die Bewegung ihrer Brust sanft und regelmäßig, während sie die Eindringlichkeit des Moments auf sich wirken ließ. Langsam beruhigte sich ihr pochendes Herz und mit jedem neuen Atemzug glitt die Anspannung von ihr ab, als wäre sie ein Kleidungsstück, das man behutsam abnahm. Sie atmete noch einmal tief ein, dieses Mal mit einem Seufzer – Ein leises Eingeständnis an sich selbst.
Einige Augenblicke verharrte sie, konzentriert auf ihren Atem. Noch mit geschlossenen Augen führte Laura ihre Hand langsam in die Tasche ihrer Lederjacke. Dabei stieß sie unerwartet auf etwas Rundes und Hartes und sofort durchzuckte sie ein Gefühl, das einem elektrischen Schlag ähnelte. Reflexartig umschlossen ihre Finger den Gegenstand, und sie öffnete ihre Augen, um diesen herauszuziehen.
Das anfänglich blendende Sonnenlicht offenbarte ihr nun die Silhouette eines Runensteins. Es war der Stein, der bei ihrer Lesung in der Mitte lag. Perthro – das Schicksalsrad. Die Rune funkelte im Sonnenlicht vor ihr, und obwohl ihre Augen den Stein fixierten, konnte sie noch immer nicht verstehen, was sie da in ihren Händen hielt. Ihr Geist wühlte sich durch die Erinnerungen, um herauszufinden, wie dieser Stein in ihre Tasche gelangt war. Hatte ihn Madame Astrid zugesteckt? Oder war es Cécile?
Doch ehe sie sich weiter vertiefen konnte, ehe ihre Gedanken wieder anfingen zu rasen, riss das Geräusch rollender Räder auf Kopfsteinpflaster sie aus ihrer Trance. Ein junger Skateboarder mit einer Mähne aus wilden Locken, die unter einem ausgebleichten Hut hervorlugten, manövrierte geschickt zwischen den Menschen hindurch. Laura bemerkte gerade noch rechtzeitig seinen ausgestreckten Arm, der ihr einen bunten Flyer in die Hand mit dem Stein drückte. „Yo, nur für dich!“, rief er mit einem frechen Lächeln, während er an ihr vorbeirollte und in der Menge verschwand.
Noch immer regungslos, mit dem farbenfrohen Flyer in ihrer festen Umklammerung, starrte Laura auf die schrillen Buchstaben: „F*ck Dating-Apps – Probiere unser Speed-Dating aus. Heute um 15 Uhr – nur 20 Euro.“ Laura sah instinktiv auf ihre Uhr. Es war noch gut eine Stunde Zeit, bis das Ereignis beginnen würde.
„Was zur Hölle …?“, murmelte Laura, ihre Augen weiteten sich beim Anblick des Flyers. Sie las die Worte immer wieder, ungläubig, amüsiert, verwirrt. Und dann, ein zartes Lächeln, – halb skeptisch, halb vergnügt – begleitet von einem leichten Kopfschütteln, ließ ihre Mundwinkel sanft nach oben schnellen. Der ironische Spruch, der in einem schlichten, schwarzen Rahmen im Verlag hing und ihr oft ein Schmunzeln entlockt hatte, schlich sich nun in ihre Gedanken. „Zur Resignation gehört Charakter“, las sie in Gedanken vor. Sie verweilte einen Moment in der Erinnerung.
Vielleicht, nach allem, was heute schon geschehen war, nach Madame Astrids Worten, die noch immer in ihrem Kopf nachhallten … Ein kurzes Zögern, dann berührte Laura reflexartig ihren Bauch, als wollte sie ein erneutes, wiederkehrendes Stechen verbannen. Ein flüchtiger Schauer durchfuhr sie.
