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Susanne hat von ihrem geliebten Großvater ein kleines Grundstück auf dem Land geerbt und macht sich auf den Weg, um ihre Erbschaft in Augenschein zu nehmen. Dort angekommen schlägt ihr zum einen ein unverhohlenes Interesse der Dorfbewohner entgegen, aber gleichzeitig auch ein gewisses Misstrauen, das sie sich nicht erklären kann. Die einzige Person, die nicht misstrauisch zu sein scheint, ist der ortsansässige Tierarzt, der ganz schamlos mit ihr flirtet. Gut, dass er so überhaupt nicht ihr Typ ist, findet Susanne. Von Tag zu Tag erfährt sie mehr über ihren Großvater und dessen besondere Beziehung zu dem kleinen Ort - ihr ganzes Weltbild verschiebt sich langsam, während sich das dunkle Geheimnis ihrer Familie lüftet.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Für Tim, in Liebe
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Als ich die Autobahnauffahrt hinaufrollte, atmete ich tief durch und schaltete das Radio aus, das ich kurz zuvor aufgedreht hatte, um die Verkehrsdurchsage zu hören. Ich wollte die zwei Stunden Autofahrt nutzen, um über vieles nachzugrübeln. Es war einfach viel zu viel passiert in den letzten paar Wochen. Da war die Sache mit Christian, dann der Tod meines geliebten Großvaters und mein Erbe.
Naja, „Erbe“ klang natürlich sehr großspurig für das, was mein Großvater mir vermacht hatte, aber irgendwie musste er sich schon so seine Gedanken dabei gemacht haben, ausgerechnet mir sein kleines Stückchen Land in seiner Heimatgemeinde zu vermachen, das er früher mal als Schrebergärtchen mit Wochenendhäuschen oder besser -hütte benutzt hatte. Das war natürlich zu der Zeit gewesen, als er sich noch selbst hinters Steuer seines uralten VW Käfers gesetzt hatte. Es musste wohl schon fast sechs Jahre her sein, dass Großvater das letzte Mal dort gewesen war.
Als kleines Mädchen schon hatte er mir immer viel über Birkenfeld und über seine Kindheit dort erzählt. Und natürlich hatte ich ihm immer mit leuchtenden Augen zugehört, wenn er mir von seinen Streichen berichtete und von den Konsequenzen dieser kleinen Strolchereien. Ich musste mir eingestehen, dass ich sehr an meinem Großvater gehangen hatte. Er war für mich irgendwie immer schon der ruhende Pol in unserer ganzen chaotischen Familie gewesen. Zu ihm konnte ich gehen, wenn ich ein Problem hatte, für das mir sonst keiner ein offenes Ohr lieh, er hatte immer einen guten Rat oder eine seiner Weisheiten für mich parat, wenn es mir schlecht ging. Aber auch wenn ich glücklich war, oder irgendetwas erreicht hatte war es komischerweise immer Großvater, dem ich es zuerst erzählen musste. Uns hatte schon von Anfang an ein unsichtbares Band zusammengehalten. Meine Mutter erzählte mir, dass ich als Baby oft geweint hatte und keiner mich beruhigen konnte, wenn ich mich mal wieder in einen Heulkrampf hineingesteigert hatte. Außer, mein Großvater kam zur Tür herein - er brauchte mich nur auf den Arm zu nehmen und mit seiner tiefen Stimme auf mich einzureden, schon war ich ruhig und schlief in seinen Armen friedlich ein.
Tja, und jetzt konnte ich es noch immer nicht fassen, dass er nicht mehr da war, mein Opa Karl. Er war friedlich eingeschlafen und einfach am nächsten Morgen nicht mehr aufgewacht - ganz so, wie er es sich immer gewünscht hatte. Das beruhigte mich in meinem Schmerz ein wenig. Außerdem war er weit über achtzig Jahre alt geworden und hatte sich stets bester Gesundheit erfreut. Irgendwie war das beneidenswert, fand ich. Und jetzt musste ich mich allein ohne die weisen Kommentare von Opa Karl durchs Leben schlagen. Naja, nicht ganz ohne: seine Sprüche und Weisheiten wusste ich fast alle auswendig, aber nun musste ich für mich selbst immer den passenden Spruch für die Situationen finden.
Aber was sollte ich zum Thema Christian wohl sagen - oder besser: was hätte Großvater wohl dazu gesagt? Er hatte mir schon immer prophezeit, dass Christian nicht der „richtige“ Mann für mich sei. Ich hatte immer nur gelacht und diese Aussage ein wenig auf Opas Eifersucht geschoben: natürlich musste er das Gefühl haben, dass Christian ihm sein kleines Mädchen wegnahm. Aber jetzt wusste ich natürlich, dass Großvater Recht gehabt hatte mit seiner Aussage. Christian hatte nicht nur für längere Zeit eine andere Freundin gehabt, er hatte auch noch die Frechheit besessen, sich mit ihr in unserer gemeinsamen Wohnung zu treffen. Dass ich aufgrund meines Jobs im Reisebüro öfters unterwegs war, traf sich daher nur allzu gut. Fünf lange Jahre hatte ich mit diesem Kerl verschwendet - nicht zu fassen! Je länger ich darüber nachgrübelte, desto wütender wurde ich. Ich atmete tief durch, nahm den Fuß vom Gas und fuhr auf den Rastplatz an der Autobahn. Etwas frische Luft war genau das, was ich jetzt brauchte.
Ich überprüfte den Fahrradständer auf dem Autodach, auf dem ich mein neues Mountainbike festgezurrt hatte. Unglaublich, ich hatte diesen Dingern nie getraut, wenn ich auf der Autobahn hinter einem Fahrzeug mit Fahrrädern auf dem Dach hinterhergefahren war. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, zu sehen, wie sich die Räder langsam lösten und dann auf mich im Auto dahinter draufflogen. Zu meiner eigenen Überraschung stellte ich jetzt fest, dass so eine Halterung doch stabiler war, als ich es für möglich gehalten hätte. Erst letzte Woche hatte ich mir ein Mountainbike gekauft, als ich beschloss, mir meinen geerbten Landstrich genauer anzusehen.
Schon seit einer Ewigkeit hatte ich keinen Urlaub mehr gehabt, da mich die Leitung des Reisebüros zu sehr in Anspruch genommen hatte. Irgendwie hatte ich auch nie das Bedürfnis gehabt, Urlaub zu nehmen, da mir mein Job sehr viel Spaß machte. Dennoch war meine Arbeit sehr zeitintensiv und erforderte oft meine ganze Aufmerksamkeit, sodass Christian sicher auch oftmals das Gefühl gehabt haben musste, vernachlässigt zu werden. Aber nachdem ich beim Notar der Testamentseröffnung meines Großvaters zugehört hatte, in der er mir mitteilen ließ, ich solle mir Zeit nehmen, um herauszufinden, woher ich stammte, war ich ganz sicher, dass Großvater etwas ganz bestimmtes damit im Sinn hatte und bewusst wollte, dass ich mich nun auf den Weg machte, sein kleines Heimatdorf kennenzulernen. Und da Großvater ganz offensichtlich viel daran gelegen war, mich dazu zu bewegen, hatte ich mir gleich eine Woche Urlaub genommen, um gleichzeitig ein wenig Abstand und Ruhe zu bekommen und mich mit meinem neuen Mountainbike auch etwas sportlich zu betätigen. Absichtlich hatte ich sowohl mein allgegenwärtiges Handy und meinen Laptop zu Hause gelassen – nichts und niemand sollte mich stören!
Ich hatte mir in der einzigen Pension des Ortes ein Zimmer angemietet, da ich nicht sicher gewesen war, in welchem Zustand sich das Gartenhäuschen meines Großvaters befand, nachdem es jahrelang vernachlässigt worden war. Komischerweise war ich niemals mit Großvater in Birkenfeld gewesen. Als Kinder hatten mein Bruder Stephan und ich immer mit ihm fahren wollen, wenn er sich zu einem seiner Wochenend-Ausflüge auf den Weg machte, aber er hatte immer gesagt, das sei nichts für uns. Immer gab es einen anderen Grund: einmal hatte er zu viel im Wagen zu transportieren, sodass wir nicht hineinpassten, einmal fand er, die Autofahrt sei zu lang für uns und manchmal wollte er einfach nur seine Ruhe haben. Unsere Eltern unterstützten Großvater immer, indem sie auch nie von sich aus vorschlugen, die ganze Familie solle mal einen Ausflug dorthin machen. Schließlich waren wir ja sowieso Dorfkinder und was sollte es für uns in einem anderen kleinen Dorf wohl Interessantes geben. Für uns waren Wochenendausflüge ins nahegelegene Frankfurt oder manchmal sogar an den Rhein viel interessanter: man konnte ins Museum gehen, wo es so herrlich verstaubte Dinosaurier Skelette gab und Nachbildungen von ägyptischen Mumien, oder es gab riesige Eisbecher für uns alle in einem Straßencafé, oder wir machten eine der Ausflugsfahrten auf einem Schiff mit. Was konnte es in einem Dorf, in dem wir nicht mal die anderen Kinder kannten, schon Aufregendes geben? Ich schüttelte den Kopf: es war mir tatsächlich nachher, als ich älter war und mein eigenes Auto fuhr, auch nie mehr in den Sinn gekommen, mich einmal auf eigene Faust nach Birkenfeld aufzumachen. Da musste Großvater mir erst sein Gärtchen vermachen, damit ich mich aufraffte. Ich stieg wieder in meinen Geländewagen und fuhr auf die Autobahn.
Nach zweieinhalb Stunden Fahrt bog ich auf eine Landstraße ab und folgte den kleinen, fast zugewachsenen Schildern Richtung Birkenfeld. Ich fuhr eine gewundene, holprige Straße entlang, auf der noch nicht einmal genug Platz für einen Mittelstreifen war und so wurde Gegenverkehr jedes Mal zum Erlebnis. Der Notar hatte mir eine Fotokopie des Plans von der gesamten Gemeinde mitgegeben, auf der die einzelnen Grundstücke eingezeichnet waren. „Mein“ Grundstück hatte er mit einem Leuchtstift markiert, damit ich wenigstens ungefähr wusste, wohin ich musste.
Ich passierte das Ortsschild von Birkenfeld und sofort kam ich mir vor, als sei die Zeit hier stehengeblieben: auf einer Bank, die an einer Hauswand entlang der Hauptstraße lehnte, saßen zwei alte Frauen in Kittelschürzen und unterhielten sich angeregt, wobei die eine grüne Bohnen kleinschnippelte und die zweite gerade einen Apfel schälte. Ich bremste abrupt: da liefen doch tatsächlich drei Hühner seelenruhig über die Straße! Na, hier konnte ich wirklich meine Ruhe wiederfinden, dachte ich mir und fuhr rechts an den Straßenrand, um einen alten Bauern, der gerade in seiner Hofeinfahrt stand, zu fragen, wie ich wohl zur Pension „Waldesruh“ finden würde. Er erklärte mir mit knappen Worten und ohne eine Miene zu verziehen, wie ich fahren musste und drehte sich auf dem Absatz um, um ins Haus zu gehen. Ich sah ihm verdutzt nach. Nein, unfreundlich war er eigentlich nicht gewesen, aber auch ganz offensichtlich nicht interessiert an einem Gespräch mit mir. Naja, konnte mir ja auch egal sein, was diesem alten Herrn über die Leber gelaufen war. Ich wollte jetzt nur erst mal in meine Pension, mich umziehen, auf mein Mountainbike schwingen und die Gegend ein wenig erkunden.
Als ich bei dem kleinen Fachwerkhäuschen mit dem Schild „Waldesruh“ vorfuhr, konnte ich mein Glück gar nicht fassen: so eine wunderschöne kleine Pension und so idyllisch! Komisch, dass man oft Tausende ausgab, um an irgendeinen Ort der Welt zu fahren, um sich dort an irgendwelchen idyllischen Fleckchen zu ergötzen, obwohl man eigentlich das eigene Land so wenig kannte. Ich klingelte und eine freundliche, rundliche ältere Dame öffnete die Tür.
„Sie müssen Fräulein Ebert sein! Kommen Sie rein, ich bin Frau Hansen. Willkommen in Birkenfeld!“
Erfreut folgte ich ihr in den kühlen Hausflur und die Stiege hinauf, wo sie mir im ersten Stock mein Zimmerchen zeigte. Zwar war es nicht besonders groß, aber sehr geschmackvoll und mit viel Liebe eingerichtet: ein wunderschönes altes Bett mit einem Spitzenüberwurf, ein alter Bauernschrank und ein Sekretär. Ich bedankte mich bei Frau Hansen und begann, meine kleine Reisetasche auszupacken. Viel hatte ich nicht eingepackt, denn ich hatte geplant, so viel Zeit wie nur möglich draußen zu verbringen und entweder Fahrrad zu fahren oder im Garten zu arbeiten. So hatte ich mich auf zwei Paar Jeans beschränkt, ein beachtliches Arsenal an T-Shirts und Hemden und nur ein einziges dünnes, bequemes Sommerkleid. Meine Turnschuhe wühlte ich zum Schluss aus den Tiefen der Tasche und zog sie gleich an. Als ich die Treppe herunterging, erwartete mich schon Frau Hansen.
„Sie möchten sicher ein wenig spazieren gehen nach der langen Autofahrt, nicht wahr?“
Ich antwortete ihr lächelnd, dass ich mein Fahrrad mitgebracht hätte, um die Gegend ein wenig zu erkunden. Sie nickte und fragte mich, ob sie ein Abendbrot für mich vorbereiten solle. Ich überlegte kurz und da ich den Ort noch überhaupt nicht kannte, beschloss ich, es sei das Beste, mich am ersten Abend Frau Hansens Fürsorge zu überlassen.
„Das wäre ganz furchtbar nett, Frau Hansen“, antwortete ich, „aber bitte machen Sie sich keine Umstände, vielleicht nur ein paar Brote mit Käse oder so. Ich denke, dass ich gegen sieben spätestens zurück bin“.
Artig verabschiedete ich mich von Frau Hansen, nachdem sie mich intensiv beobachtet hatte, wie ich ächzend mein Mountainbike vom Autodach gehievt hatte, und strampelte los. Als ich um die erste Kurve gebogen war und somit aus dem Blickwinkel von Frau Hansen, zog ich den kopierten Plan aus der Hosentasche und versuchte, mich zu orientieren. Das war gar nicht so einfach, einen fotokopierten Plan der Gemarkung und die gewundenen, zugewachsenen kleinen Sträßchen hier im Ort irgendwie in Einklang zu bringen. Glücklicherweise hatten wir als Kinder mit unserem Vater zusammen oft Wanderungen gemacht, bei denen er uns das Karten lesen beigebracht hatte - sonst wäre ich ganz sicher schon gleich an dieser Aufgabe kläglich gescheitert. Nach einer Weile hatte ich ungefähr herausgefunden, wohin ich fahren musste und trat kräftig in die Pedale, denn ich konnte es jetzt kaum noch erwarten, das kleine Häuschen zu betreten. Als ich in die Sackgasse Richtung Waldrand einbog, kam mir der wortkarge Bauer von vorhin mit seinem Schäferhund entgegen. Ich war so in Gedanken vertieft gewesen, dass ich mich richtig erschreckte, ihn hier zu sehen. Nachdem ich mich gefangen hatte, grüßte ich ihn freundlich lächelnd. Er blickte mich nur mit unbeweglicher Miene an, rief seinen Hund zu sich und ging dann wortlos die Straße hinunter.
Heilfroh, nun endlich an Ort und Stelle zu sein, sprang ich vom Fahrrad und ließ zunächst einmal das Bild meiner „Erbschaft“ auf mich wirken: ein buckliges kleines Häuschen mit Holzverkleidung und ein paar Bahnen Dachpappe, die hellblaue Farbe blätterte schon an vielen Stellen ab. Hellgrün gestrichene Fensterrahmen zierten traurig-blinde Fenster und ein Teil der Regenrinne, die wohl einmal dazu gedient hatte, Regenwasser in der rostigen Tonne zu sammeln, hing halb vom Dach herab. Umgeben war das Gebäude von einem recht großen, ziemlich verwahrlosten Garten, der von einem wohl ehemals weißen Holzzaun begrenzt war. Ich verliebte mich sofort in dieses Stückchen Land und das kleine Häuschen, das für mich einen eigenen Charakter ausstrahlte. Unwillkürlich musste ich lächeln.
Beim Versuch, die Gartenpforte zu öffnen, scheiterte ich allerdings bereits und mein Lächeln verschwand. Sofort begann ich, in meiner Hosentasche zu wühlen, wo ich einen Schlüsselbund mit allen möglichen alten Schlüsseln meines Großvaters hatte. Ich probierte einige der rostigen Schlüssel an dem Vorhängeschloss aus, aber es passte keiner.
„Mist!“ sagte ich laut zu mir selbst.
„Na, kein Wunder, dass das Schloss verrostet ist, es war ja seit Jahren keiner mehr hier, der sich um das Häuschen gekümmert hätte. Sehen Sie bloß, wie es im Garten aussieht!“
Erschrocken drehte ich mich um und blickte in das freundliche Gesicht einer alten Bäuerin. Ihr Lächeln und die funkelnden blauen Äuglein in ihrem von tiefen Runzeln zerfurchten Gesicht flößten mir aus irgendeinem Grund sofort Vertrauen ein.
„Entschuldigung, dass ich mich so erschreckt habe, ich habe Sie gar nicht kommen gehört, guten Tag“, grüßte ich die alte Frau.
„Haben Sie das Grundstück gekauft, oder gehören Sie zur Familie Berger?“ wollte sie nun von mir wissen.
„Ja, wissen Sie, ich bin gewissermaßen die Erbin dieses Grundstücks. Karl Berger war mein Großvater und er ist vor einem Monat leider verstorben.“
Die Miene der alten Frau verfinsterte sich augenblicklich.
„So, so, Karl Berger lebt also nicht mehr.“
„Kannten Sie meinen Großvater noch?“ fragte ich sie, da ich hoffte, ich könnte etwas mehr über ihn und dieses Häuschen erfahren.
„Ach ja, von ganz früher natürlich. Wer kannte ihn und seine Familie hier nicht? Na, was erzähle ich, Sie wissen sicher selbst, dass Ihrem Großvater einmal der größte Bauernhof hier im Ort gehörte. So, jetzt habe ich aber genug geredet. Ich muss nach Hause und die Kühe füttern.“ Sie drehte sich grußlos um und verschwand erstaunlich flink für ihr hohes Alter.
Das hatte ich nicht gewusst! Unsere Mutter hatte uns nur erzählt, dass die Familie ihrer Mutter sehr wohlhabend gewesen sei und dass nach ihrem frühen Tod mein Großvater allen Familienbesitz geerbt habe. Großmutter war gestorben, als meine Mutter gerade zwei Jahre alt gewesen war. Aus irgendwelchen Gründen hatte sie nie viel aus meinem Großvater herausbekommen können, was seine Frau betraf. Er wurde immer sofort sehr traurig, wenn man ihn auf Großmutter ansprach und er hatte meiner Mutter nur erzählt, dass seine Frau vom Heuboden gestürzt war und sich das Genick gebrochen hatte. Man hatte Großmutter erst Stunden später entdeckt, als Großvater von einem Treffen des Bauernvereins zurückgekommen war. Er war damals untröstlich gewesen, weil er sich immer vorwarf, er hätte ihr noch helfen können, wenn er nur rechtzeitig zur Stelle gewesen wäre. Alle hatten ihm eingeredet, dass auch er sie nicht hätte retten können, aber er hörte seinen Freunden gar nicht zu. Mit der Zeit hatte er sich mit dem Tod seiner Frau abgefunden, den Hof und das Land verkauft und war mit ein paar persönlichen Habseligkeiten und meiner damals dreijährigen Mutter auf dem Arm aus dem Dorf verschwunden. Er hatte sich eine Bahnfahrkarte gekauft und war so in unserer Kleinstadt angekommen, wo er bis zu seinem Tod lebte.
Mutter hatte mir einmal erzählt, sie könne sich noch dunkel erinnern, dass Großvater zu Anfang krampfhaft versuchte, alles zu vergessen und zu verdrängen. Er hatte sich in den Umbau des Hauses gestürzt, das er für sich und seine kleine Tochter gekauft hatte und nachdem er eine Arbeit auf einem der größeren Gutshöfe der Gegend bekommen hatte, nahm seine neue Aufgabe als Gutsverwalter ihn voll in Anspruch. Meine Mutter bekam ein Kindermädchen, die sich rührend um sie kümmerte und für sie zu einer Art Ersatz ihrer leiblichen Mutter wurde. Geldnot hatte meine Mutter auch in den harten Jahren nach dem Krieg nie gekannt. Ihr Vater brachte stets genug Lohn nach Hause, dass die beiden sich ein bequemes Leben leisten konnten. Auch das Geld, das vom Verkauf des Hofes in Birkenfeld übrig geblieben war, hatte er gut angelegt, sodass er auch härtere Zeiten nicht fürchten musste. Erst als meine Mutter im Teenager-Alter war, hatte Großvater ihr eines Tages gesagt, er werde mit dem Auto übers Wochenende nach Birkenfeld fahren, um alte Freunde zu besuchen. Mutter protestierte nicht und fragte auch nicht, ob sie mitkommen könne. Nichts verband sie mit dem Dorf, in dem sie geboren war und sie wusste innerlich, dass Großvater lieber alleine in die Vergangenheit zurückreisen wollte. Als er am Sonntagabend zurückkam, fand meine Mutter, er sei ganz verändert gewesen: ziemlich still und kurz angebunden. Er wollte ihr nichts von seinem Ausflug erzählen. Er sagte ihr nur, er hätte sich ein kleines Schrebergärtchen gekauft und beabsichtige, eine kleine Hütte für seine Wochenendausflüge dorthinein zu bauen, da er jetzt öfter nach Birkenfeld fahren werde. Großmutters Grab wolle er pflegen, schließlich sei er ihr das schuldig.
Während ich so nachgrübelte, hatte die Sonne bereits begonnen, unterzugehen und der ganze Waldrand, das Gärtchen und das Holzhaus waren in ein mildes, rötliches Licht getaucht. Wie wunderschön erholsam, dachte ich und nahm mir vor, von nun an jedes zweite Wochenende hierherzufahren.
Zunächst musste ich mir den Garten anschauen, da konnte man sicher viel draus machen, wenn man die entsprechende Zeit und Arbeit hineinsteckte!
Kurzentschlossen kletterte ich über den Zaun, da die Bemühungen mit dem Schlüsselbund meines Großvaters fruchtlos geblieben waren. Irgendwie kam ich mir ein bisschen wie ein Eindringling vor, aber ich sagte mir immer wieder, der Garten sei ja schließlich mein Eigentum und da konnte ich über den Zaun klettern, so oft ich wollte. Ich bahnte mir den Weg durch den überwucherten Vorgarten, den Gartenweg aus alten, zerbrochenen Betonplatten entlang bis zur Haustür. Auch dort versuchte ich wieder mein Glück mit den Schlüsseln. Einer schien zwar zu passen, drehte sich jedoch nur widerwillig im Schloss und blieb auf halbem Wege stecken. Ich fluchte und zog den Schlüssel wieder ab. Morgen würde ich etwas Öl besorgen und die Aktion nochmals starten. Ich musste ja nichts überstürzen. So beschloss ich, mir den großen Garten etwas genauer anzusehen und stolperte los über außer Kontrolle geratene Ranken von Himbeersträuchern, Rosenbüschen und Efeu. Es musste einmal ein sehr schöner, liebevoll angelegter Garten gewesen sein, viele Blumen und Blütensträucher zwischen dem hüfthohen Gras und Unkraut ließen das vermuten. Sogar große alte Obstbäume gab es hier! Sicher, es würde wirklich ein hartes Stück Arbeit sein, den Garten wieder herzurichten, aber ich freute mich schon richtig darauf und konnte kaum erwarten, gleich morgen damit anzufangen.
Nachdem ich bis zur hinteren Grundstücksgrenze gelaufen war, die säuberlich ebenfalls mit dem weißen Holzzaun markiert war, drehte ich um und lief wieder zurück zu meinem Fahrrad. Auf dem Bürgersteig vor dem Haus stand ein älteres Ehepaar, die mich offensichtlich schon eine Weile beobachtet hatten. Als sie sahen, dass ich auf sie zukam, drehten sie sich rasch um und gingen weiter. ‘Komische Leute hier’, dachte ich und schwang mich über den Zaun, auf mein Fahrrad, um zu Frau Hansen zurück zu radeln, die sicher schon mit den Käsebroten auf mich wartete.
Wie erwartet saß Frau Hansen auf der kleinen Holzbank vor ihrem Haus und sprang sofort auf, als sie mich um die Ecke kommen sah.
„Da sind Sie ja wieder! Na, Sie müssen aber jetzt ordentlich hungrig sein, kommen Sie rein, ich habe schon für Sie in der Küche gedeckt.“
Dankbar sank ich auf den hölzernen Küchenstuhl in der gemütlichen alten Küche. Auch hier war alles mit sehr viel Liebe zum Detail hergerichtet: ein alter, dunkler Küchenschrank mit kleinen Gardinen an den Glasscheiben, ein großer Tisch aus grobem Holz, dem man die langen Dienstjahre ansah, blankgeputzte kupferne Backformen und Kochtöpfe, die an der Wand und von der Decke hingen. Eine Küche so richtig zum Wohlfühlen mit knarrendem Holzdielenboden und blau-weiß karierten Gardinen - nicht so, wie die moderne Einbauküche, die ich in meiner Eigentumswohnung in der Stadt hatte.
Frau Hansen holte Butter und eine riesige Käseplatte aus dem Kühlschrank. Das frische Sauerteigbrot stand schon auf dem Tisch und war, offensichtlich eigenhändig, in dicke, unregelmäßige Scheiben geschnitten.
„Darf ich Ihnen ein kühles Bier dazu anbieten?“ fragte mich Frau Hansen und ich nickte dankbar. Das war genau das richtige nach der staubigen Radtour. Ich mampfte drei dicke Scheiben Brot mit den verschiedenen leckeren Käsesorten, die, wie Frau Hansen mir erklärte, alle vom hiesigen Bauernhof seien. Wir unterhielten uns ein wenig über das Wetter und die Stadt, aus der ich kam (Frau Hansen war dort zweimal mit ihrer Tochter gewesen). Gegen neun verabschiedete ich mich freundlich und entschuldigte mich, dass ich schon müde sei. Ich verschwand in meinem Zimmer, wo ich mich zu allererst unter die Dusche stellte. Nachdem ich mich erfrischt hatte, zog ich meinen Bademantel an und legte mich aufs Bett, um mir noch ein paar Gedanken über den heutigen Tag zu machen.
Ich musste wohl so müde gewesen sein, dass ich sofort eingeschlafen war, denn ich wurde erst am nächsten Morgen von Vogelgezwitscher und dem Gebell eines Hundes geweckt. Ich stand auf und ging zum Fenster, um einen Blick auf den Ort zu werfen. Von hier oben unter dem Dach hatte man einen wunderbaren Blick über die unregelmäßigen schindelgedeckten Dächer und über die Straße, die an der Pension vorbeiführte. Im hellen Sonnenlicht warfen die alten Bäume unregelmäßige Schatten auf den Gehweg und auf die Vorgärten, die alle so aussahen, als sei man sehr darauf bedacht, eine noch schönere Blumenpracht zur Schau zu stellen, als der Nachbar. Da sah ich auf einmal die alte Frau wieder, die mir gestern am Gartenhäuschen von meinem Großvater erzählt hatte. Sie kam mit einer Milchkanne in der Hand die Straße hinuntergelaufen und bog in den Vorgarten der Pension ab. Sicher lieferte sie Frau Hansen frische Milch fürs Frühstück an. Rasch wusch ich mir das Gesicht, putzte die Zähne und zog mich an.
Unten im Hausflur war Frau Hansen gerade dabei, sich von der Bäuerin zu verabschieden.
„Also, vielen Dank nochmal, dass du die Milch vorbeigebracht hast, das war wirklich nicht nötig! Bis bald mal - ach, wie wär’s denn, wenn Du heut’ Nachmittag auf ein Tässchen Kaffee und ein Stückchen frischen Kuchen vorbeikämest? Lass’ doch die Jungen mal arbeiten, du hast dir eine Verschnaufpause doch auch mal verdient!“
Die Frau sagte lächelnd zu und man einigte sich auf heute Nachmittag um vier Uhr. Frau Hansen war schon fleißig gewesen, als ich noch geschlafen hatte: sie hatte einen Kuchen gebacken, der einen köstlichen Duft in der Küche verbreitete. Sofort begann mein Magen zu knurren, obwohl ich mir gar nicht vorstellen konnte, wovon ich schon wieder hungrig sein sollte. Musste wohl die frische Landluft sein. Das bestätigte mir auch Frau Hansen.
„Setzen Sie sich, Kindchen, ich brühe uns gleich einen Kaffee auf.“
