Neustart auf der Insel der Liebe - Lilac Mills - E-Book
SONDERANGEBOT

Neustart auf der Insel der Liebe E-Book

Lilac Mills

0,0
8,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 3,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Seit mehr als 15 Jahren hat die verwitwete Elspeth ihr Zuhause auf Teneriffa gefunden, und es gibt kaum etwas, das sie auf der Insel noch überraschen könnte. Doch als ein befreundeter Hotelier sie bittet, einen Gast aufzunehmen, da das Hotel ausgebucht ist, lernt sie den gut aussehenden Charles kennen.

Der Tod ihres Mannes vor vier Jahren hat Elspeth zutiefst erschüttert und sie ist noch nicht bereit für eine neue Romanze. Doch irgendetwas an Charles zieht sie magisch an, und langsam kommen sie einander näher.

Als Charles' Urlaub zu Ende geht, steht Elspeth vor einer schweren Entscheidung …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cover for EPUB

Liebe Leserin, lieber Leser,

Danke, dass Sie sich für einen Titel von »more – Immer mit Liebe« entschieden haben.

Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Über das Buch

Seit mehr als 15 Jahren hat die verwitwete Elspeth ihr Zuhause auf Teneriffa gefunden, und es gibt kaum etwas, das sie auf der Insel noch überraschen könnte. Doch als ein befreundeter Hotelier sie bittet, einen Gast aufzunehmen, da das Hotel ausgebucht ist, lernt sie den gut aussehenden Charles kennen.

Der Tod ihres Mannes vor vier Jahren hat Elspeth zutiefst erschüttert und sie ist noch nicht bereit für eine neue Romanze. Doch irgendetwas an Charles zieht sie magisch an, und langsam kommen sie einander näher.

Als Charles' Urlaub zu Ende geht, steht Elspeth vor einer schweren Entscheidung …

Über Lilac Mills

Lilac Mills lebt mit ihrem sehr geduldigen Ehemann und ihrem unglaublich süßen Hund auf einem walisischen Berg, wo sie Gemüse anbaut (wenn die Schnecken sie nicht erwischen), backt (schlecht) und es liebt, Dinge aus Glitzer und Kleber zu basteln (meistens eine Sauerei). Sie ist eine begeisterte Leserin, seit sie mit fünf Jahren ein Exemplar von Noddy Goes to Toytown in die Hände bekam, und sie hat einmal versucht, alles in ihrer örtlichen Bibliothek zu lesen, angefangen bei A und sich durch das Alphabet gearbeitet. Sie liebt lange, heiße Sommer- und kalte Wintertage, an denen sie sich vor den Kamin kuschelt. Aber egal wie das Wetter ist, schreibt sie oder denkt über das Schreiben nach, wobei sie immer an herzerwärmende Romantik und Happy Ends denkt.

ABONNIEREN SIE DEN NEWSLETTERDER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehr

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlage.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Lilac Mills

Neustart auf der Insel der Liebe

Aus dem Englischen von Katrin Reichardt

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Grußwort

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Impressum

Lust auf more?

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

102

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

118

119

120

121

122

123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

137

138

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

153

154

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

165

166

167

168

169

170

171

172

173

174

175

176

177

178

179

180

181

182

183

184

185

186

187

188

189

190

191

192

193

194

195

196

197

198

199

200

201

202

203

204

205

206

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

222

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

234

235

236

237

238

239

240

241

242

243

244

245

246

247

248

249

250

251

252

253

254

255

256

257

258

259

260

261

262

263

264

265

266

267

268

269

270

271

272

273

274

275

276

277

278

279

280

281

282

283

284

285

286

287

288

289

290

291

292

293

294

295

296

297

298

299

300

301

302

303

304

305

306

307

308

309

310

311

312

313

314

315

316

317

318

319

320

321

322

323

324

325

326

327

328

329

330

331

332

333

334

335

336

337

338

339

340

341

342

343

344

345

346

347

348

349

350

351

352

353

354

355

356

357

358

359

360

361

362

363

364

365

366

367

368

369

370

371

372

373

374

375

376

377

378

379

380

381

382

384

385

386

387

388

389

390

391

392

393

394

395

396

397

398

399

400

401

402

403

404

405

406

407

408

409

410

411

412

Für meinen Vater, der viel zu früh von uns ging, und für meine Mutter, die zurückblieb

Kapitel 1

Der frühe Morgen war für Elspeth Evans die schönste Zeit des Tages. Mit einer Tasse Tee in der Hand im Hof zu sitzen und zuzusehen, wie die Sonne über dem Vulkan aufging, der sich in einiger Entfernung im Herzen Teneriffas erhob, war ein verflixt guter Start in den Tag. Obendrein war der April ihr Lieblingsmonat, wenn die sporadischen winterlichen Regenschauer mehr oder weniger aufgehört hatten und die Erde zur Feier der wieder länger werdenden Tage ein erstaunliches Blumenmeer hervorbrachte. Die kleine Stadt Santiago del Teide lag ungefähr neunhundert Meter über dem Meeresspiegel und bekam etwas mehr Regen ab als die Küste, wodurch die Landschaft in ihrer Umgebung das ganze Jahr über grün blieb.

Frühmorgens war außerdem der beste Zeitpunkt, um mit Ray ihre Pläne für den Tag zu besprechen. »Heute ist Freitag, also bin ich im Laden«, sagte sie zu ihm. Sie arbeitete vier Tage in der Woche – häufig genug, um ihrer Woche eine gewisse Struktur zu verleihen, aber nicht so oft, dass sie keine Zeit mehr für sich gehabt hätte.

Da ihr Tee langsam kalt wurde, trank sie rasch einen großen Schluck. Nichts verabscheute sie mehr als lauwarmen Tee. Aber eigentlich geschah es ihr recht, dass er kalt geworden war, denn sie war mal wieder viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, die vertraute Aussicht zu bewundern – derer sie nie überdrüssig wurde –, und hatte darüber ihr Getränk vergessen. Doch nun, da die Sonne die Berge hinter sich gelassen hatte und fröhlich vom wolkenlosen Himmel strahlte, widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer Tasse. Sie bestand, ebenso wie die Untertasse, aus Knochenporzellan. Sie kannte dieses Material noch aus ihrer Kindheit. Ihre Mutter hatte Tassen aus dickerem Porzellan nicht ausstehen können, und Elspeth ging es ebenso. Die, die sie gerade in der Hand hielt, gehörte zu einem Service, das sie aus dem Haus ihrer Mutter gerettet hatte, bevor sich die übrige Familie auf die Besitztümer der armen Frau gestürzt hatte wie eine Schar Krähen auf ein überfahrenes Tier. Keine schöne Analogie, insbesondere in Zusammenhang mit ihrer verstorbenen Mutter, aber dennoch zutreffend und eine perfekte Beschreibung für ihren Bruder und dessen habgierige Frau. Dann gab es noch ihre Tante – die Schwester ihrer Mutter –, die es über Jahre hinweg auf den Verlobungsring ihrer Mutter abgesehen gehabt hatte. Kein Wunder, dass Elspeth inzwischen zu ihnen allen keinen Kontakt mehr hatte – heutzutage schickten sie sich nicht mal mehr gegenseitig Weihnachtskarten.

Böiger Wind zauste ihr Haar, und Elspeth hielt das Gesicht in die Sonne und konzentrierte ihre Gedanken auf den Tag, der vor ihr lag.

»Wir haben gestern neue Ware bekommen«, fuhr sie fort und stellte die Teetasse auf der Untertasse ab. »Ich kann es kaum erwarten, sie auszupacken. Ich hoffe, die Wanderstiefel passen.«

Da sie eine begeisterte Wanderin war, war ihr aktuelles Paar inzwischen abgetragen. Darum hatte sie dafür gesorgt, dass das Modell, das sie im Auge hatte, mit der neuen Lieferung eintreffen würde. Es war verdammt teuer, und obwohl sie nicht unbedingt knapp bei Kasse war, konnte sie es sich nicht leisten, das Geld mit vollen Händen auszugeben. Trotzdem waren bei den Strecken, die sie zurücklegte, anständige Wanderstiefel ein Muss, und die guten aus Leder, die sie sich bestellt hatte, sollten eigentlich eine ganze Weile halten.

Nachdenklich blickte sie auf ihre Füße, die in Hausschuhen steckten. Obwohl sie schon so lange auf Teneriffa lebte, trug sie im Haus noch immer gern Pantoffeln. Sie waren bequem, man konnte einfach hinein- und herausschlüpfen und außerdem hielten sie die Zehen warm – die mit Marmor gefliesten Böden konnten etwas kühl sein.

Zwar wurde es in der Villa nie richtig kalt und auch die Außentemperaturen waren nie frostig, doch sie merkte, dass sie mit zunehmendem Alter immer häufiger fror. Alles unter zwanzig Grad war ihr inzwischen deutlich zu frisch. Deswegen hatte sie auch vor vielen Jahren, als sie das Haus gekauft hatten, Ray gebeten, in einer Ecke des Wohnzimmers einen Holzofen einzubauen. Damals war es ihr rein um die Gemütlichkeit gegangen, für die seltenen Abende, an denen es kalt genug wurde, um ihn anzuzünden, doch vielleicht hatte sie damals schon eine Vorahnung gehabt, dass sie eines Tages über die Hitze der Flammen froh sein würde. Achtundfünfzig Jahre alte Knochen brauchten eben ein bisschen Wärme.

Ein versonnenes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, als sie an Rays alte Strickjacke denken musste, die noch immer im Flurschrank hing. Sie lieh sie sich hin und wieder aus, wenn sie besonderen Trost brauchte. Nach so langer Zeit sah sie nicht mehr besonders schön aus, und vermutlich hätte sie sie am besten entsorgen sollen, doch sie brachte es nicht übers Herz. Er hatte diese Jacke geliebt, hatte sie aus England mit hierhergebracht. Wenn ihre Erinnerung sie nicht trog, hatte er sie kurz vor ihrem Umzug nach Teneriffa gekauft, nachdem er all seine alten Anzüge, die er immer zur Arbeit getragen hatte, einer wohltätigen Organisation gespendet hatte. Er war der Ansicht gewesen, dass Strickjacken für abends viel bequemer wären als ein Sakko. Natürlich hatte er auch weiterhin Anzugjacken getragen, jedoch weitaus seltener als noch vor seinem Ruhestand. Fünfzehn Jahre war das nun schon her. Elspeth wunderte sich jeden Tag darüber, wie schnell die Zeit vergangen war.

Die Geräusche der langsam zum Leben erwachenden Straßen um sie herum drangen in ihre Gedanken. Elspeths Zuhause, die Villa Cruz (Cruz bedeutet Kreuz, hatte Ray ihr erklärt, als sie das bescheidene Haus mit zwei Schlafzimmern zum ersten Mal gesehen hatten), lag versteckt am hinteren Ende des einzigen Platzes der Stadt, von wo aus man einen schönen Ausblick auf die Berge hatte. Allerdings musste man fairerweise zugeben, dass Santiago del Teide im Grunde kaum mehr war als ein mittelgroßes Dorf und man dank seiner Lage auf einem kleinen, auf drei Seiten von Bergen flankierten Plateaus dort so ziemlich überall diesen Ausblick hatte. Ihre Villa bot allerdings das Beste aus zwei Welten – vor dem Haus den Platz mit seinem geschäftigen Treiben, und hinter dem Haus die offene Landschaft aus Wiesen und Bergen. Auf einer Seite Menschen, Geschäfte und Zivilisation – auf der anderen die ungezähmte Schönheit Teneriffas.

Jenseits des Gartens verkündete der charakteristische Upu-pup-Ruf des Wiedehopfs, dass der Frühling nun tatsächlich angebrochen war, die Wiesen außerhalb von Santiago del Teide waren ein buntes Farbenmeer aus gelben, orangefarbenen und lila Blumen, durchwoben von den auffälligen knallroten Blüten des Mohns. Ein Capirote (der spanische Name dieses kleinen Vogels gefiel ihr viel besser als die Bezeichnung Mönchsgrasmücke) zwitscherte in einem Busch jenseits der Gartenmauer, und Elspeth lauschte erfreut seinem melodischen Gesang. Ein winziger gelber Zilpzalp hopste auf der Suche nach Insekten fröhlich zwitschernd durch das Geäst eines nahen Hibiskusstrauchs. Elspeth beobachtete sein lebhaftes Gebaren und bemühte sich, dabei ganz still zu halten, um ihn nicht zu verscheuchen.

Eine Eidechse huschte die Gartenmauer hinauf, blieb oben auf der Kante sitzen und reckte den Kopf in die Sonne, fast so, wie Elspeth es gerade tat. Elspeth nickte ihr zur Begrüßung zu. Ihr gefiel der Gedanke, dass es sich dabei um das Tier handelte, das sie fast jeden Morgen sah, obwohl das wahrscheinlich nicht stimmte. Die Eidechse ihrerseits beachtete Elspeth nicht weiter, doch das leichte Nicken hatte den Zilpzalp erschreckt, der nun entrüstet zwitschernd davonflog.

Von der Hauptstraße drang das leise Brummen des Verkehrs an ihr Ohr, und Elspeth wurde bewusst, dass sie sich besser in Bewegung setzen sollte, aber es war einfach zu schön, hier draußen zu sitzen, so dass sie noch keine rechte Lust verspürte, aufzubrechen. Nicht mal der Duft frisch gebackenen Brots, der aus dem Ofen von einem ihrer Nachbarn zu ihr drang, brachte sie in die Gänge, obwohl ihr Magen als Reaktion darauf knurrte.

Sie sollte es wirklich selbst einmal mit dem Brotbacken versuchen, doch obwohl sie es sich immer wieder vornahm, kam sie irgendwie nie dazu. Dass der kleine Laden direkt neben dem Geschäft, in dem sie arbeitete, jeden Morgen frisches Brot geliefert bekam, war dabei auch nicht gerade hilfreich. Es war so viel einfacher, kurz dort vorbeizuschauen und einen Laib zu kaufen, als ihre Zeit mit Teigkneten und -gehenlassen zu vertrödeln. Apropos – im Schrank lag noch ein halber Laib. Sie könnte ein paar Scheiben Toast mit Honig zum Frühstück essen. Der Honig stammte von einer örtlichen Imkerei und schmeckte göttlich. In diesem Moment konnte sie einige der kleinen Bienen, die ihn produziert hatten, zwischen den zahlreichen Blumen im Garten summen hören.

Elspeth kümmerte sich jeden Abend liebevoll um diese Pflanzen und goss sie mit Wasser, das sie beim Duschen auffing. Das Wassersammelsystem zu installieren war damals recht umständlich gewesen, und sie konnte sich noch erinnern, wie Ray sich in gebrochenem Spanisch mit dem Handwerker, den sie für die Renovierung der Villa engagiert hatten, über den Plan gestritten hatte, das Abwasser der Dusche in ein Regenfass im Garten zu leiten. Der Handwerker hatte Einwände bezüglich des Durchflusswinkels gehabt. Elspeth hatte sich aus allem herausgehalten und es ihrem Mann überlassen, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen. So hatte er etwas zu tun gehabt, und außerdem hatte er Herausforderungen geliebt. Überdies hatte sie sich damals sowieso nicht besonders dafür interessiert. Doch heute war sie dankbar dafür – man musste einfach alles tun, um die wertvollen Wasserreserven der Insel zu schützen.

Ihr Blick fiel auf den Orchideenbaum, den Ray in ihrem ersten Jahr auf der Insel gepflanzt hatte. Damals war sie so sehr mit der Innenausstattung und Möblierung der Villa beschäftigt gewesen, dass sie es ihm überlassen hatte, den völlig überwucherten und vernachlässigten Garten wieder nutzbar zu machen, der zum damaligen Zeitpunkt hauptsächlich aus Geröll und Unkraut bestanden hatte.

»Und sieh sich einer an, was daraus geworden ist«, murmelte sie. Der Hof hinter der Villa war ihr Lieblingsplatz, und sie verbrachte hier draußen eigentlich mehr Zeit als im Haus. Einen Teller Tapas, ein Glas Wein und ein gutes Buch – mehr brauchte sie nicht, und oft zog sie sich erst nach drinnen zurück, wenn es draußen zu dunkel zum Lesen wurde. Ursprünglich hatte sie gewollt, dass Ray dort einen Pool anlegte, doch er hatte dagegengehalten, dass er zu viel Platz in Anspruch nehmen würde, und damit hatte er recht gehabt. Außerdem wäre der Pflegeaufwand inzwischen zu viel für sie gewesen. Als Entschädigung hatte sie strategisch einige Liegestühle an den sonnigsten Stellen des Hofes platziert. Allerdings stellte sie fest, dass sie sie im Lauf der Jahre immer seltener nutzte. Sie liebte zwar die Sonne, doch für reife Haut war sie verheerend, und bei ihren häufigen Wanderungen bekam sie auch so schon genug davon ab.

Doch heute wurde nicht gewandert. Heute war ein Arbeitstag, obwohl sie sich fest vornahm, sich später noch in den Garten zu setzen – sie hatte einen brandneuen Liebesroman, der nur darauf wartete, verschlungen zu werden. Doch vorher konnte sie sich noch auf einen ganzen Tag im Laden freuen.

»Nun gut, Ray. Du kannst vielleicht den lieben langen Tag hier herumsitzen, aber ich nicht«, erklärte sie ihrem Mann. »Einige von uns müssen zur Arbeit.«

Sie stemmte sich aus ihrem Stuhl hoch, nahm ihre Tasse und ihre Untertasse und blies ihrem Mann noch einen Kuss zu. Das tat sie jeden Morgen. Und wie jeden Morgen erhielt sie darauf keine Reaktion.

Wie auch, wenn seine Asche unter dem Orchideenbaum begraben war?

Trotzdem fand Elspeth Trost in der Gewissheit, dass er genau dort war, wo er hätte sein wollen. Außerdem tröstete es sie, dass er trotz seines Todes im Geiste noch immer bei ihr war.

»Bis dann, Liebling«, rief sie und begann sich für einen weiteren Tag fertig zu machen, den sie ohne den einzigen Mann verbringen würde, den sie jemals geliebt hatte.

Kapitel 2

»Guten Morgen!«, flötete Elspeth, als sie Libertad betrat. Sie ließ die Tür offen stehen, um den Laden etwas durchzulüften und den Kunden zu signalisieren, dass er geöffnet war.

Stefan sah zu ihr auf, verzog das Gesicht und schnaubte.

»Verkatert?«, tippte sie.

Ein weiteres Schnauben.

»Ich fasse das als Ja auf«, sagte sie. »Kaffee?«

Ihr Chef verzog das Gesicht. »Bitte.«

»Kopfschmerztabletten?«

»Hast du welche?« Sein deutscher Akzent schlug nach einer durchzechten Nacht immer stärker durch als gewöhnlich, und sie machte sich einen Spaß daraus, ihn als Gradmesser dafür herzunehmen, wie schlecht es ihm ging. Die vergangene Nacht hatte es offenbar in sich gehabt.

Sie nickte, klopfte auf ihren Rucksack und ließ ihn von der Schulter gleiten. Warum fragte er überhaupt? Er wusste doch genau, dass sie immer ein paar Packungen dabeihatte, und dazu Desinfektionstücher, Salbe für Insektenstiche, Pflaster, Steri-Strips und ein einzelnes Verbandpäckchen. Mehr nahm sie nie mit, denn wenn für eine Verletzung mehr als ein Verband nötig sein sollte, fehlten ihr definitiv die Kenntnisse, um sie fachgerecht zu versorgen.

»Ich schalte den Wasserkocher an«, sagte sie und trottete in den hinteren Teil des Ladens durch eine Tür, die in einen Lagerraum führte, und dann weiter in den kleinen Nebenraum, der als Büro und Aufenthaltsraum diente.

Elspeth stellte ihren Rucksack ab, holte eine Packung Schmerztabletten und ihr Handy heraus und betätigte den Schalter des Wasserkochers. Nachdem sie sich zwei Tabletten in die Hand gedrückt hatte, schob sie das Handy in eine Tasche ihrer Cargohose, goss Stefan aus der Flasche im Kühlschrank ein Glas Wasser ein und brachte es ihm.

Als er die Tabletten schluckte, machte er wieder eine Grimasse, und ihr fiel auf, dass er ein wenig grün um die Nase war.

»Aufregende Nacht gehabt, was?«, fragte sie und lauschte darauf, dass der Wasserkocher sich ausschaltete.

»Ja, die beste.«

»Wer war sie?«

»Wer sagt, dass eine Frau im Spiel war?«

Elspeth legte den Kopf zur Seite, stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn wissend an.

»Okay, da war eine Frau«, gab er zu. »Mann, die konnte vielleicht was vertragen.«

»Wirst du sie wiedersehen?«, erkundigte sie sich, beantwortete sich die Frage jedoch selbst, bevor er Gelegenheit dazu bekam. »Wie dumm von mir, selbstverständlich siehst du sie nicht wieder.«

»Vielleicht doch.« Es klang defensiv und ein wenig kleinlaut.

»Eines Tages wird dir jemand das Herz brechen«, warnte sie ihn.

»Nein. Mir doch nicht.« Er schüttelte den Kopf und verzog sofort wieder das Gesicht. »Au.«

»Geschieht dir recht. Wo wart ihr?«

»Strandparty in El Médano.«

Elspeth war nicht überrascht. Der Urlaubsort war ein wahrer Magnet für Surfer und Hippies und punktete mit seiner unkonventionellen Atmosphäre – genau der richtige Ort für Stefan. Er führte zwar sein eigenes Geschäft – und das äußerst erfolgreich –, aber er feierte auch gern, und sie war sich ziemlich sicher, dass er, wenn er es sich hätte leisten können, überhaupt nicht mehr gearbeitet, sondern seine Zeit ausschließlich am Strand verbracht hätte.

Das Wasser kochte, und Elspeth machte sich daran, Kaffee für ihren Chef und Tee für sich selbst zuzubereiten. Stefan zog sie oft mit ihrer Vorliebe für Tee auf. Auch wenn sie bereits seit anderthalb Jahrzehnten auf Teneriffa lebte, gab es gewisse englische Dinge, an denen sie entschlossen festhielt, und ihre Angewohnheit, Tee zu trinken, gehörte dazu. Sie liebte die Sprache und die Kultur der Insel, doch ihr Lieblingsgetränk würde sie niemals aufgeben. Sie war sogar dafür bekannt, für Notfälle immer einen Vorrat an Teebeuteln bei sich zu haben – falls sie sich beispielsweise irgendwo wiederfand, wo es keinen englischen Tee gab. Das passierte zugegebenermaßen nur selten, aber sie hatte schon gehört, dass es vorkam, und war nicht bereit, das Risiko einzugehen.

»Ich überprüfe rasch die Lieferung«, teilte sie Stefan mit, nachdem sie ihr heißes Getränk ausgetrunken hatte. Dafür sollte eigentlich genug Zeit bleiben, bevor die erste Welle Wanderer in der Stadt eintraf.

Elspeth kannte den Busfahrplan auswendig. Das musste sie auch, denn sie besaß kein eigenes Auto und war entsprechend stark darauf angewiesen. Als Ray und sie auf die Insel gezogen waren, hatten sie anfangs noch einen Wagen gehabt, doch inzwischen war sie schon seit langer Zeit autolos. Sie konnte den Betrieb im Laden anhand des Fahrplans vorhersagen. Viele Leute nahmen von Santiago del Teide aus den Bus nach Masca, dem berühmten Dorf, das oberhalb der ebenso berühmten Schlucht lag. Es war ein Mekka für Wanderer und Touristen gleichermaßen, und viele kamen auf dem Weg dorthin durch Santiago del Teide, um umzusteigen. Da es dabei oft zu Wartezeiten kam, erkundeten die Besucher derweil gern die Geschäfte und Cafés auf der einzigen Hauptstraße der Stadt. Libertad befand sich direkt gegenüber der Bushaltestelle, von welcher der Bus nach Masca abfuhr, flankiert von einem Café und einem Lebensmittelgeschäft, und damit in idealer Lage. Die Stadt war außerdem ein bequemer Zwischenstopp für Radfahrer, und die Verlockungen von Kaffee, Kuchen und allem rund ums Fahrrad sowie die ereignisreiche Fahrt von der Küste herauf über extrem steile und kurvenreiche Straßen trugen dazu bei, dass die Läden in der kleinen Stadt mit den Radfahrern ein Bombengeschäft machten.

Elspeth nahm die Wanderstiefel, die sie sich bestellt hatte, aus dem Karton, schlüpfte hinein, band die Schnürsenkel zu und marschierte ein paarmal auf und ab, um zu prüfen, ob die Schuhe kniffen oder scheuerten. Da sie einen recht bequemen Eindruck machten, beschloss sie, sie anzubehalten, während sie den Rest der Lieferung kontrollierte und für den Verkauf fertig machte. Als sie zwanzig Minuten später glatt vergessen hatte, dass sie die Stiefel noch trug, befand sie sie für perfekt und ging nach vorn, um sie zu bezahlen.

»Du zahlst den Selbstkostenpreis«, sagte Stefan, als sie ihm den Karton reichte. Er sah schon wieder deutlich besser aus als vorhin, als sie den Laden betreten hatte, und Elspeth staunte, wie gut die jungen Leute mit solchen Dingen wie einem Kater fertig wurden. Hätte sie so viel getrunken, wie sie vermutete, dass er sich genehmigt hatte, hätte sie wahrscheinlich tagelang daran zu knabbern gehabt.

»Nein. Auf keinen Fall«, widersprach sie und schob ihm ihre Bankkarte hin. Sie hätte ihre Ware auch einfach selbst abkassieren können, doch sie wollte, dass alles offen und ehrlich ablief.

»Selbstkostenpreis«, wiederholte er. »Wir machen das jedes Mal. Warum nur?«

»Weil du etwas verdienen musst.«

»Doch nicht an dir. Du arbeitest hier. Ich werde gewinnen«, fügte er hinzu. »Das tue ich jedes Mal.«

Das letzte Mal, als Elspeth etwas von Libertad gekauft und darauf bestanden hatte, den vollen Preis zu zahlen, hatte Stefan ihr die Differenz anschließend mit ihrem Gehalt wiedererstattet.

»Wie geht es deinem Vater?«, fragte sie, in der Hoffnung, dass er sich von dem Themenwechsel ablenken lassen und den vollen Betrag kassieren würde. Stefans Vater hatte derzeit mit einigen Problemen zu kämpfen, und sie wusste, dass er sich Sorgen um ihn machte.

Seine Miene wurde ernster. »Nicht besonders gut. Meine Mutter befürchtet, dass es ein Gehirntumor sein könnte. Es fällt ihm manchmal schwer, deutlich zu sprechen, und er ist sehr tollpatschig geworden. Es wurden einige Untersuchungen bei ihm gemacht, und am Mittwoch muss er wieder ins Krankenhaus und bekommt die Testergebnisse.«

»Es ist bestimmt nichts Ernstes«, beteuerte sie, in der Hoffnung, dass es stimmte. Stefans Vater Dieter war jünger als sie, und danach zu urteilen, was Stefan ihr über ihn erzählt hatte, war er genauso ein Frischluftfanatiker wie sein Sohn. Sie schob ihm wieder ihre Karte hin, war mit den Gedanken jedoch mehr bei Stefans Vater als bei ihren Wanderstiefeln.

»Selbstkostenpreis, oder ich verkaufe sie dir gar nicht«, sagte ihr Chef bestimmt.

Sie gab widerwillig nach und murmelte: »Eines schönen Tages werde ich einfach anderswo einkaufen gehen.«

»Nein, wirst du nicht«, widersprach er lachend. »Du bist ein … wie sagt man … ein Gewohnheitstier.«

Er hatte recht, das war sie, und sie hatte ihre Kleidung und ihre Schuhe schon hier im Laden gekauft, bevor Stefan ihn übernommen hatte. Hätte er Hausschuhe und Nachthemden ins Sortiment aufgenommen, hätte sie sie vermutlich ebenfalls hier erworben.

»Ich bin gern ein Gewohnheitstier«, erwiderte sie steif.

»Eines Tages wirst du etwas vollkommen Waghalsiges tun«, prophezeite er, woraufhin sie ihn mit einem missbilligenden Blick bedachte.

»Niemals.« Gerade, als sie dazu ansetzen wollte, genau zu begründen, weshalb, klingelte ihr Handy.

»Elspeth, meine Liebe, meine beste Freundin«, hörte sie eine schmeichlerische Stimme am anderen Ende.

»Was willst du?«, fragte sie und seufzte übertrieben, wohl wissend, dass Amanda verstand, wie es gemeint war.

»Einen Gefallen, und zwar einen riesengroßen.«

»Du hast mal wieder eine doppelte Buchung vergeben?«, wagte sie einen Schuss ins Blaue. Das war schon früher ab und zu vorgekommen, und Elspeth war stets eingesprungen. Allerdings wollten weder sie noch ihre Freundin es zur Gewohnheit werden lassen.

»Nicht mit Absicht.«

»Es ist doch nie absichtlich«, sagte sie schmunzelnd. »Wie viele und für wie lange?«

»Eine Person, und er muss auch nur drei Nächte bei dir bleiben, weil er die übrigen elf bei uns verbringen kann. Ich bitte dich wirklich sehr ungern, aber das Paar, das noch in dem Zimmer wohnt, das eigentlich für ihn vorgesehen ist, dachte, es hätte seinen Rückflug für heute gebucht, hat dann aber heute Morgen, als es auschecken wollte, bei einem Blick in die Reiseunterlagen festgestellt, dass der Flug erst am Montag geht. Die beiden sind recht betagt und regen sich wegen ihres Fehlers bereits genug auf, auch ohne dass ich sie zwinge, in ein anderes Hotel umzuziehen. Außerdem kommen sie schon seit Jahren zu mir. Was sollte ich denn sonst tun?«

»Sag ihnen, dass kein Platz in der Herberge ist«, witzelte Elspeth, meinte es aber natürlich nicht so. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie Amanda und Toni aushalf, und zweifellos auch nicht das letzte Mal. Selbstverständlich kam ihr auch das zusätzliche Einkommen gelegen – aber vor allem schuldete sie den beiden ihre Dankbarkeit. Nach Rays Tod waren sie eingesprungen und hatten sie unterstützt, als sie völlig aus der Bahn geworfen worden war und keinen Ausweg aus ihrer Verzweiflung gesehen hatte. »Soll ich ihm auch noch Abendessen servieren?«, bot sie an.

»Oh, ginge das? Das wäre wunderbar. Ich fände es furchtbar, ihn bei dir einzuquartieren und ihn dann zu nötigen, sich zum Essen auf die Socken ins Hotel zu machen. Es ist schon schlimm genug, dass er drei von vierzehn Nächten in einer anderen Unterkunft als dem Hotel, das er gebucht hat, verbringen muss. Ich schulde dir was.«

Amanda schuldete ihr überhaupt nichts. Elspeth würde alles in ihrer Macht Stehende für sie tun. »Wann trifft diese Person ein?«, fragte sie. Die Villa verfügte über zwei Schlafzimmer, und in dem, das sie nicht benutzte, war stets das Bett frisch bezogen. Allerdings würde sie noch Vorräte einkaufen müssen. Amanda und Toni boten Halbpension an, weswegen Elspeth dafür sorgen müsste, dass ihr Gast ein dreigängiges Abendessen und ein reichhaltiges Frühstück bekam. Der Vorteil war, dass es sich um echte Hausmannskost handelte – der Nachteil war, dass ihr armer Gast keine Auswahlmöglichkeiten hatte. Ihre Villa war kein Restaurant.

»Sein Name ist Charles Brown, und er landet heute Nachmittag um Viertel nach fünf«, informierte Amanda sie.

Dann müsste er gegen sieben bei ihr sein, rechnete Elspeth sich aus, wobei sie die Passkontrolle und die Gepäckabholung miteinkalkulierte. Vom Flughafen nach Santiago del Teide fuhr man, je nach Verkehrslage, etwa fünfundvierzig Minuten. Wenn sie sein Eintreffen bei ihr um etwa halb sieben einplante, sollte das hinkommen.

»Holt ihr ihn vom Flughafen ab?«, wollte sie wissen.

»Ja, Toni übernimmt das. Er wird deinem Gast alles Notwendige erklären und ihn bei dir absetzen.«

»Alles klar. Hör mal, ich bin gerade bei der Arbeit – wir unterhalten uns später, ja? Ach, eine letzte Frage noch – hat er irgendwelche besonderen Ernährungsgewohnheiten? Er ist doch kein Veganer oder laktoseintolerant oder dergleichen?«

Für eine Sekunde herrschte Stille in der Leitung, während Amanda die Buchung des Mannes überprüfte. »Er hat zumindest nichts angegeben.«

»Gut, das vereinfacht die Sache.«

»Danke, Elspeth. Ich schulde dir was.«

»Alles okay?«, fragte Stefan, als sie das Handy zurück in die Tasche steckte.

»Amanda und Toni haben ein kleines Problem.« Sie schilderte ihm die Situation, woraufhin er nickte, denn er wusste, dass um diese Jahreszeit – während der Osterferien – alles ausgebucht war. Da es in Santiago del Teide nur drei Hotels gab, konnte es schwierig werden, Gäste kurzfristig umzuquartieren.

»Ich habe dir doch gesagt, dass du etwas Waghalsiges tun wirst«, bemerkte Stefan grinsend.

»Das kann man wohl kaum waghalsig nennen. Und außerdem habe ich so etwas schon öfter gemacht.«

»Nicht, seit Ray gestorben ist.«

Das stimmte. Das letzte Mal, dass sie eingewilligt hatte, einen von Amandas Gästen aufzunehmen, war schon Jahre her. Damals hatte Ray noch gelebt, und sie hatten die ganze Sache gemeinsam geschultert – nicht besonders erfolgreich, soweit sie sich erinnerte. Die beiden älteren Damen waren der Annahme gewesen, sie hätten ein Hotel in Puerto de Santiago, einem lebhaften, kleinen Urlaubsort an der Küste, gebucht. Entsprechend waren sie nicht begeistert gewesen, als sie festgestellt hatten, dass Santiago del Teide ziemlich weit vom Strand entfernt lag und es meilenweit kein Bingo oder Karaoke gab. Sie hatten nichts anderes getan, als zu nörgeln und sich zu beschweren, obwohl es ihr eigener Fehler gewesen war und Amanda nicht dafür verantwortlich gemacht werden konnte, dass der Strand beinahe fünfzehn Kilometer weit weg war.

Was soll’s, dachte Elspeth. Nachdem sie bereits Ja gesagt hatte, würde sie sicher keinen Rückzieher mehr machen und Amanda am Ende in noch größere Schwierigkeiten bringen. Drei Nächte waren machbar, selbst wenn ihr Gast sich als ebenso griesgrämig herausstellen sollte, wie diese Damen es gewesen waren. Drei Nächte, und dann wäre er wieder fort und sie hätte ein paar Euros mehr in der Tasche. Außerdem wäre es vielleicht nett, zur Abwechslung ein wenig Gesellschaft zu haben. Sich mit Ray zu unterhalten, war schön und gut, doch der arme Mann war leider nicht in der Lage, ihr zu antworten, obwohl sie manchmal so tat, als würde er es tun.

Kapitel 3

Suppe war immer eine gute Vorspeise, außerdem konnte man sie vorkochen und direkt vor dem Servieren wieder aufwärmen. Diese Überlegungen gingen Elspeth etwas später durch den Kopf, während sie einige überreife Tomaten in ihren Korb legte und dazu noch eine roten Paprika und Zwiebeln. Als Nächstes dachte sie über den Hauptgang nach, entschied sich schließlich für Hähnchenbrust in Soße mit Kartoffeln und einem Beilagensalat und fügte die dafür benötigten Zutaten ihrem Einkauf hinzu. Außerdem kaufte sie noch einen Laib Brot, eine Auswahl an frischem Obst, ein halbes Dutzend Eier (sie hatte zwar noch fünf zu Hause, wollte aber nicht riskieren, dass sie ihr ausgingen), Bacon, Würste, Joghurt und einige andere Kleinigkeiten.

Als sie schließlich den wenige Hundert Meter weiten Rückweg vom Laden zu ihrer Villa antrat, fühlte es sich an, als würden ihre Ellenbogen ausgerenkt werden, während die Tragegriffe ihrer Jutetaschen ihr die Blutzufuhr in den Fingern abschnürten. All diese Sachen nur fürs heutige Abendessen und das Frühstück am nächsten Morgen! Und danach kamen noch zwei Abendessen, für die sie die Gerichte planen und einkaufen musste.

Während Tomaten, Zwiebeln und Paprika im Ofen für die Zubereitung der Suppe rösteten, bereitete sie das Hähnchen vor. Nachdem das erledigt war, machte sie in den Räumen im Erdgeschoss der Villa sauber und wischte und kehrte ihr ohnehin schon blitzblankes Haus. Anschließend gab sie das Gemüse aus dem Ofen in einen großen Stieltopf, goss Wasser dazu und ließ alles aufkochen, bevor sie das Hähnchen in den Ofen schob.

Danach eilte sie nach oben, um das Gästezimmer, in dem Mr Brown untergebracht werden sollte, sowie das Badezimmer einer kurzen Überprüfung zu unterziehen. Beide Schlafzimmer verfügten über ein eigenes Bad, und Elspeth war froh, dass Ray diese Idee gehabt hatte. Damals hatte sie nur gedacht, dass sie deswegen statt nur einer Toilette gleich zwei putzen müsste; drei, wenn man das Klo im Erdgeschoss mitzählte. Doch im Nachhinein erstaunte sie die Weitsicht ihres Ehemannes immer wieder, und sie blies rasch einen Kuss in die ungefähre Richtung des Orchideenbaums.

Zufrieden damit, dass alles so weit in Ordnung war, ging Elspeth einen Moment in sich, um ihre Gedanken zu ordnen. Es war schon eine Weile her, dass jemand über Nacht in ihrem Haus geblieben war, und sie fand die Vorstellung ein wenig befremdlich – insbesondere, weil es sich bei der betreffenden Person um einen Mann handelte, der nicht mit ihr verwandt war. Selbst als ihr eigen Fleisch und Blut bei ihr übernachtet hatte, war das etwas irritierend für sie gewesen, obwohl sie es eigentlich herrlich gefunden hatte, Gideon wieder einmal unter ihrem Dach zu haben, und sie bei der Abreise ihres Sohnes eimerweise Tränen vergossen hatte. Schon merkwürdig, wie sehr man sich daran gewöhnen kann, nur sich selbst als Gesellschaft zu haben, sinnierte sie, während sie die frischen Handtücher zurechtstrich, die sie an den Halter gehängt hatte, und einen Moment lang die perfekte Position für die Seife auf dem Waschbecken suchte.

Es würde schon gehen. Sie musste sich einfach damit arrangieren und aufhören, sich unnötig Sorgen zu machen. Es waren nur drei Nächte, mehr nicht. Wie viel Arbeit oder Umstände konnte ein einzelner Tourist schon machen? Ehe sie sich’s versah, wäre er wieder fort und sie wäre wieder allein und hätte einige Euros zusätzlich auf dem Konto.

Und falls er ihr Scherereien machte, würde sie Toni und Amanda eben bitte, ihn anderswo unterzubringen – wo, war ihr egal. Ah, das ist bestimmt Toni, dachte sie bei sich, als es laut klopfte und sie nach unten eilte.

»Toni, wie schön, dich zu sehen«, begrüßte sie ihn, als sie die Tür öffnete und sich ihrem Freund entgegenbeugte. Sie umarmten sich und gaben sich Küsschen auf die Wangen. Dabei hielt Toni sie ein klein wenig länger fest, als nötig gewesen wäre, und flüsterte ihr ins Ohr: »Es tut mir leid, aber er scheint nett zu sein.«

»Und Sie müssen Mr Brown sein«, sagte Elspeth an den Herrn gewandt, der geduldig beim Wagen wartete. Da sie von Amanda nichts weiter über ihn erfahren hatte als seinen Namen, hatte sie nicht gewusst, was auf sie zukäme, und so überraschte es sie nun, einen schlanken, groß gewachsenen Mann mit grau meliertem Haar vor sich zu sehen, der ungefähr in ihrem Alter war. Um seine haselnussbraunen Augen zeichneten sich Lachfältchen ab, und er war sauber rasiert und lächelte freundlich.

»Willkommen in meinem Heim«, fügte sie hinzu, machte einen Schritt auf ihn zu und streckte die Hand aus.

Er nahm sie mit festem Griff und schüttelte sie. Seine Hand war warm, und Elspeth war ihm so nah, dass sie sein Aftershave riechen konnte. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Mrs Evans.«

»Ebenfalls, aber nenn mich doch bitte Elspeth«, sagte sie mit einem auffordernden Lächeln. »Ich hoffe, du wirst einen angenehmen Aufenthalt haben. Hat Toni die Situation erläutert?« Sie hob fragend die Augenbrauen.

»Das hat er. Ich heiße übrigens Charles, und es ist wirklich nett von dir, mich so kurzfristig aufzunehmen.«

Sie errötete und tat seine Worte mit einer Handgeste ab. »Kein Problem, wirklich nicht. So, nun lass mich dir dein Zimmer zeigen, während Toni das Gepäck hereinbringt. Anschließend kannst du dich in Ruhe einrichten. Komm einfach herunter, wenn du fertig bist, dann mache ich dir gern einen Tee oder einen Kaffee. Oder würdest du etwas Alkoholisches bevorzugen?« Sie biss sich auf die Lippe. Sie hätte noch ein paar Flaschen Wein besorgen sollen. Verflixt.

»Tee wäre schön«, antwortete er, und Elspeth atmete erleichtert auf. Während er auspackte, könnte sie rasch zum Laden laufen und das Weinproblem beheben.

Sie überließ es Toni, die Koffer ihres Gastes aus dem Auto zu wuchten, und führte Charles ins Haus. »Das Wohnzimmer ist gleich dort drüben – es ist offen gestaltet und mit dem Essbereich kombiniert –, und die Küche findest du dort. Falls du etwas brauchst, bediene dich gern.« In angemessenem Rahmen, fügte sie im Geiste hinzu, sprach es jedoch nicht laut aus. »Ich habe einen hübschen Garten Schrägstrich Hof, den du gern nutzen kannst, aber leider keinen Pool. Falls du schwimmen möchtest, müsstest du den Pool des Hotels nutzen. Und dort ist die untere Toilette.« Sie wies auf eine Tür neben der Treppe, während sie die Stufen erklomm.

Charles ging direkt hinter ihr, und Elspeth empfand plötzlich Unbehagen, weil ihr ein Fremder so nahe kam. Drei Nächte, nur drei Nächte, skandierte sie im Kopf, während sie die Tür des Gästezimmers öffnete.

»Oh, das ist hübsch«, sagte er und blickte sich erfreut im Raum um.

»Dort findest du ein Badezimmer.« Sie durchquerte das Zimmer und öffnete eine weitere Tür. Charles folgte ihr und steckte den Kopf durch den Türrahmen.

»Schön«, sagte er.

»Falls du etwas brauchst, frag einfach. Ich habe bestimmt irgendetwas vergessen.«

»Das hast du sicherlich nicht.«

»Nun gut, dann lasse ich dich jetzt allein«, sagte sie, als sie Toni die schmale Treppe hinaufpoltern hörte. Sie trat beiseite, damit ihr Freund den Koffer ins Zimmer bringen konnte, ging dann rasch hinaus in den Flur und eilte die Treppe hinunter, um in ihrer Küche Zuflucht zu suchen.

Als sie gerade nach dem Hähnchen sah, erschien Toni mit einem Karton unter dem einen Arm und einer Kühlbox unter dem anderen.

»Von Amanda. Sie meinte, dass du Sachen zum Kochen und Bier bräuchtest. Wein ist auch dabei.«

»Das wäre doch nicht nötig gewesen. Aber ich bin euch trotzdem dankbar, weil ich vergessen habe, etwas Alkoholisches zu besorgen. Ich wollte gerade los und noch etwas kaufen.«

»Nicht mehr nötig. Hier drin ist alles.« Er stellte die Kühlbox auf einer der Arbeitsflächen ab.

Toni hatte Englisch gesprochen, doch als er fortfuhr, wechselte er plötzlich ins Spanische. »Es hat ihm nichts ausgemacht, dass er nicht im Hotel wohnen kann, aber falls es Probleme geben sollte, egal welche, dann ruf mich an und ich hole ihn ab.«

»Das wird bestimmt nicht passieren«, sagte Elspeth zuversichtlich und ebenfalls auf Spanisch. »Aber danke für das Angebot.«

»Du rufst an, wenn dir irgendetwas Sorgen bereitet?«

»Mache ich, versprochen.«

»Gut. Ich gehe jetzt, aber nicht vergessen.« Er tat so, als würde er ein Telefon ans Ohr halten.

»Husch, raus mit dir«, wechselte sie nun wieder ins Englische. »Ich muss Suppe kochen.« Sie holte den Mixer von seinem angestammten Platz im Schrank neben der Spüle.

Toni ging und ließ sie allein in ihrem Haus zurück, mit einem Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte, und ohne einen Schimmer, was sie mit ihm anfangen sollte, bis das Abendessen fertig wäre.

Und da kam er auch schon und blieb im Türrahmen stehen, den er auszufüllen schien …

»Das Abendessen ist in ungefähr einer halben Stunde fertig. Möchtest du derweil etwas trinken?«, fragte Elspeth und wühlte in der Kühlbox. »Ich weiß, dass du dir vorhin einen Tee gewünscht hast, aber wir haben hier auch Bier, Cola, Limonade, Weißwein, Rotwein, Rosé –« Du liebe Güte, Amanda hatte wirklich an alles gedacht.

»Gerne, Weißwein wäre schön.«

»Dann sollst du Weißwein bekommen. Wenn du in den Garten gehen möchtest, bringe ich ihn nach draußen. Es ist sehr angenehm dort und man hat einen schönen Blick auf den Sonnenuntergang.« Sie sah ihm nach, als er hinausging, und stieß langsam den Atem aus. Obwohl Toni und Charles vermutlich beide um die eins achtzig maßen und Charles nicht so korpulent war wie Toni, schien er mehr Raum einzunehmen. Oder nahm sie ihn einfach nur intensiver wahr?

Hmm.

Drei Nächte, nur drei Nächte …

Als Elspeth mit der gekühlten Flasche, einem Glas und etwas Besteck in den Hof hinausging, sah sie, dass Charles am anderen Ende stand und auf die Wiese hinausblickte.

»Wie herrlich. All diese Farben«, sagte er. »Ich hatte mir Teneriffa karger vorgestellt.«

»Auf den Süden trifft das auch zu. Aber je weiter nach Norden und je höher man kommt, umso grüner wird es. Zwar längst nicht so grün wie in England, aber trotzdem hübsch, auf eine ganz eigene Art und Weise.«

Sie machte sich daran, ein Glas Wein einzugießen und den Tisch zu decken. »Wie war denn das Wetter bei deiner Abreise?«

»Furchtbar. Feuchtes Nieselwetter. Und so soll es noch während der gesamten Osterfeiertage bleiben.«

»Typisch. Ich kann mich nur an wenige Feiertage erinnern, an denen das Wetter einigermaßen schön war.«

»Hast du schon gegessen?«, fragte er mit Blick auf den Tisch und das einzelne Gedeck.

»Nein, aber ich esse in der Küche.«

»Bitte gesell dich doch zu mir – es käme mir seltsam vor, alleine zu essen.«

Elspeth biss sich auf die Lippe. Sie fühlte sich nicht wohl dabei, mit ihm zusammenzusitzen, doch andererseits wäre es unhöflich gewesen, seine Bitte abzulehnen. »Wenn du dir sicher bist?«, antwortete sie unschlüssig.

»Selbstverständlich bin ich sicher. Ich fände die Vorstellung furchtbar, dass du dort drinnen ganz alleine isst und ich hier draußen ganz alleine esse. Ehrlich gesagt würde ich mich über Gesellschaft freuen.«

Sie zwar nicht, aber sie hatte den Eindruck, dass ihr kaum eine andere Wahl blieb. Ach, was soll’s …

»Und eine Aussicht wie diese«, fügte er hinzu und wies mit einer ausholenden Geste auf den Himmel, den der Sonnenuntergang terrakottafarben, pink und lila färbte, »verdient es, gemeinsam genossen zu werden.«

Während Elspeth die Suppe aufwärmte und einige Scheiben frisches, weiches Brot aufschnitt, ließ sie das Hähnchen noch im Ofen und schaltete die Kartoffeln ab. Dann brachte sie die Vorspeise nach draußen und wappnete sich innerlich für einen heiklen Abend.

»Wie lange lebst du schon auf Teneriffa?«, erkundigte sich Charles. Er brach sich ein Stück Brot ab und tunkte es in die Suppe. »Mmm, das ist gut.«

»Ich habe sie selbst gemacht. Mit gerösteten Tomaten und roten Paprika.«

»Sie ist köstlich.« Er aß noch etwas von der Suppe und wartete dabei mit gespannter Miene auf ihre Antwort.

»Ungefähr fünfzehn Jahre.«

»Lebst du alleine?«

Elspeth goss sich ein Glas Wein ein und nahm ihren Löffel zur Hand. Wer A sagt, muss auch B sagen … »Ja. Ray, mein Ehemann, ist vor vier Jahren gestorben. Es war sein Traum, hier den Ruhestand zu verbringen. Er war sehr viel älter als ich, und ich war eigentlich noch nicht bereit, in Rente zu gehen, doch ich wusste, wie viel es ihm bedeutete, und unser Sohn Gideon war ja schon erwachsen, und so …« Also wirklich, warum hatte sie ihm das alles erzählt? Ein simples Ja hätte doch auch genügt.

»Das mit deinem Mann tut mir sehr leid. Es muss schwer für dich gewesen sein.« Seine Miene war freundlich. »Wahrscheinlich ist es das immer noch.«

Sie nickte unsicher. Es sah ihr gar nicht ähnlich, einem Wildfremden ihre Lebensgeschichte zu erzählen, und seine mitfühlende Miene brachte sie ein wenig durcheinander.

»Hast du nach dem Verlust deines Ehemanns erwogen, wieder nach Großbritannien zurückzukehren?«, erkundigte er sich.

»Eigentlich nicht.« Absolut nicht. »Mein Leben ist hier. Meine Freunde sind hier. Ich hatte nichts, wofür es sich gelohnt hätte, zurückzugehen. Gideon, mein Sohn, war in der Zwischenzeit nach Japan gezogen – er ist verheiratet und hat einen süßen, kleinen Sohn –, weshalb es nichts gab, wohin ich hätte zurückkehren können.«

Über Gideon zu sprechen, weckte in ihr die Sehnsucht, ihn wiederzusehen. Es wurde auch wirklich Zeit, dass er sie mal wieder besuchte, oder sie ihn und seine Familie, aber die damit verbundene Logistik war jedes Mal ein Alptraum, und außerdem durfte man die Kosten nicht außer Acht lassen. Flüge nach und von Japan waren nicht billig. Hätte sie noch in Großbritannien gelebt, wären solche Reisen vielleicht weniger schwierig gewesen, aber trotzdem wusste sie, dass ihre Entscheidung, auf Teneriffa zu bleiben, richtig gewesen war. Sie war glücklich – so glücklich, wie sie unter den gegebenen Umständen sein konnte. Sie hatte lange Zeit gebraucht, um dieses Maß an Zufriedenheit zu erreichen, und dieses schreckliche, trostlose erste Jahr ohne Ray war einfach nur grauenvoll gewesen. Wer weiß, was sie getan hätte, wenn Amanda und Toni nicht gewesen wären. Auch so hatte sie sich mit zu viel Alkohol getröstet, den sie weinend allein im Dunkeln getrunken hatte, draußen im Garten, dicht beim Orchideenbaum, um seine Rinde berühren zu können.

Zum Glück hatte sie diese dunklen Zeiten hinter sich gelassen und war nun dank ihrer Villa, ihrem Job, ihren Wanderungen und ihren Freunden relativ glücklich. Natürlich vermisste sie Ray ganz furchtbar, und sie wusste, dass das immer so bleiben würde, aber sie hatte jetzt ein schönes Leben und ging davon aus, dass sich daran auch nichts ändern würde.

»Was ist mit dir?«, fragte sie. »Machst du Urlaub oder bist du beruflich hier?«

»Urlaub. Ich liebe es, in der freien Natur zu sein. Schon immer. Meine Ex-Frau war davon weniger begeistert, was wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass sie inzwischen meine Ex ist. Sie hat sich höchstens mal für eine Grillparty oder um am Strand herumzuliegen nach draußen bewegt. Das hat uns am Ende auseinandergebracht – dieses altbekannte Klischee, dass man außer den Kindern nichts gemeinsam hat, traf in unserem Fall zu.«

»Wie viele Kinder hast du?«

»Zwei, beides Mädchen. Natürlich sind sie inzwischen erwachsen. So viel kann ich sagen – solange sie noch klein waren, sind wir zusammengeblieben und haben versucht, ihnen eine möglichst schöne Kindheit zu bieten. Ich weiß nicht genau, ob es funktioniert hat oder ob wir Erfolg hatten, aber wir haben es durchgezogen.«

»Wie alt sind die beiden?«

»Gina ist vierunddreißig und Hayley einunddreißig.«

»Hast du Enkel?«

»Zwei. Einen Jungen und ein Mädchen, beides Ginas Kinder. Bei Hayley sieht es bisher nicht so aus, als ob sie irgendwann sesshaft werden will.«

»Ich wette, du bist ganz vernarrt in die beiden.«

»Das würde ich gern behaupten, aber ich sehe sie kaum. Meine Töchter leben beide in Edinburgh, in der Nähe ihrer Mutter, wogegen ich in Bristol wohne«, erklärte er.

Beim Hauptgang und der restlichen Flasche Wein erzählte Charles ihr noch mehr von seinen Kindern. Gina arbeitete für die Gemeindevertretung, Hayley war Fitnesstrainerin.

»Hayley kommt mehr nach mir als nach ihrer Mutter, sehr zum Verdruss meiner Ex. Sie ist ein bisschen triathlonsüchtig, und ich kann schon nicht mehr zählen, wie viele Marathons sie gelaufen ist.« Der Stolz auf seine Tochter stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

»Läufst du auch?«

»Nicht mehr. Früher schon, aber meine Knie machen inzwischen nicht mehr richtig mit. Auf Asphalt zu laufen, geht auf die Gelenke.«

»Dann nehme ich an, du bist zum Wandern hier?«

»Auf jeden Fall! Ich habe gehört, dass man auf Teneriffa fabelhaft wandern und auch Rad fahren kann.«

»Das ist beides korrekt«, stimmte ihm Elspeth zu. »Ich fahre zwar nicht Rad, aber ich wandere oft.«

»Dazu noch das ganze Jahr über Sonnenschein – was mich angeht ein perfekter Urlaub.«

»Santiago del Teide ist ein großartiger Ausgangspunkt, und einige phantastische Wanderwege beginnen praktisch direkt vor der Haustür«, meinte Elspeth.

»Gibt es hier Wanderführer oder Gruppenwanderungen?«

»Ein paar gibt es schon. Aber nicht viele.«

»Schade, ich hatte gehofft, einen Wanderführer zu finden. Du kennst nicht zufällig jemanden hier vor Ort?«

Elspeth verzog das Gesicht. »Es gibt hier einige, aber die sind meistens schon Monate im Voraus ausgebucht. Wenn du möchtest, kann ich dem einen oder anderen eine E-Mail schreiben?« Sie würde sie sich im Internet heraussuchen müssen, aber das war nicht das Problem – sondern eher die Zeit, die sie für ihre Rückantwort benötigen würden. Es konnte gut sein, dass sein Urlaub dann schon halb vorbei wäre, und selbst dann war nicht garantiert, dass sie noch Kapazitäten frei hätten.

»Hmm, das dürfte vermutlich eine Weile dauern. Nicht schlimm, für den Anfang kann ich mir auch selbst Wanderstrecken heraussuchen«, sagte er.

»Es gibt eine schöne Strecke, die am anderen Ende der Stadt beginnt und am Berghang hinaufführt. Man braucht dafür zwar nur zwei Stunden, aber auf diese Weise kann man gemächlich die Gegend kennenlernen und außerdem eine großartige Aussicht genießen. Wenn du möchtest, kann ich sie dir zeigen?«

»Oh, das würdest du tun? Das wäre phantastisch! Ich freue mich schon darauf. Gemeinsam zu wandern, macht viel mehr Spaß als allein.«

Elspeth erstarrte. Das hatte sie damit absolut nicht gemeint. Eigentlich hatte sie ihm die Strecke nur auf der Karte zeigen wollen und nicht in Wirklichkeit. Und sie war vollkommen anderer Ansicht als er – sie bevorzugte es, alleine zu sein. Wenn sie Ray nicht an ihrer Seite haben konnte, wollte sie auch niemanden sonst.

Charles schien ihren Gesichtsausdruck bemerkt zu haben. »Wenn es dir recht ist, selbstverständlich.«

Sie rang sich ein Lächeln ab. Wie könnte sie jetzt noch einen Rückzieher machen? Es hätte unhöflich und unfreundlich gewirkt. Immerhin war das hier sein Urlaub und sie wollte nicht, dass er gleich mit einer Enttäuschung begann.

»Selbstverständlich ist es mir recht.« Sie lächelte strahlender, obwohl ihr das Herz in die Hose rutschte. Seit sie Ray verloren hatte, war sie mit niemandem mehr wandern gegangen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie seit seinem Tod kaum etwas anderes getan, als zu wandern, und sie war mit dem aktuellen Zustand eigentlich ganz zufrieden.

Doch gesagt war gesagt, und nun gab es kein Zurück mehr. Sie würde in den sauren Apfel beißen und es hinter sich bringen müssen. Sie würde es doch wohl ein paar Stunden in seiner Gesellschaft aushalten, ohne gleich einen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Wenn sie sich einfach vorstellte, er wäre einer ihrer Kunden im Laden, würde sie es schon schaffen.

Das musste sie.

Kapitel 4

Elspeth wälzte sich unruhig in ihrem großen, leeren Bett und sehnte den Morgen herbei. Im Grunde war jetzt, um vier Uhr, schon Morgen, aber es war trotzdem noch viel zu früh, um aufzustehen. Manchmal schien das Bett einfach zu groß zu sein, und in diesem Moment fühlte sie sich beim Anblick der Leere auf Rays Seite schrecklich allein. Selbst nach vier Jahren wurde sie ab und zu unerwartet von Trauer gepackt. Sie sagte sich immer wieder, dass sie inzwischen eigentlich damit abgeschlossen haben sollte, doch aus irgendeinem Grund schien sie dazu nicht in der Lage zu sein.

Vielleicht hätte sie nach seinem Tod doch nach England zurückkehren sollen, wo sie nicht ganz so viel an ihn erinnerte. Da sie im Zuge ihres Umzugs nach Teneriffa ihr altes Haus verkauft hatten, wäre eine Rückkehr nach Großbritannien damit einhergegangen, in einem anderen Haus und – wenn sie dazu bereit gewesen wäre – einer völlig anderen Gegend zu leben. Dadurch wäre die Gefahr, plötzlich im Kopf von Bildern bestürmt zu werden, wie Ray in seinem angestammten Sessel saß oder am Fenster stand und im Garten die Früchte seiner Arbeit betrachtete, deutlich vermindert gewesen.

Teneriffa, und insbesondere die Ecke der Insel, in der sie lebte, waren mit so vielen Erinnerungen an ihren Mann und ihr gemeinsames Leben verknüpft. Sie waren so umtriebig gewesen, so aktiv. Ihre Tage waren mit Liebe und Lachen erfüllt gewesen, mit gutem Essen und noch besserem Wein, gemeinsam mit Freunden oder auch allein genossen. Sie waren wandern gegangen und hatten getanzt, hatten die Insel, die sie zu ihrer Wahlheimat auserkoren hatten, mit dem Auto oder zu Fuß erkundet, waren im Meer geschwommen und hatten sich anschließend wie Seehunde auf den Felsen gefläzt.

Sie hatten sich ein Leben aufgebaut, ein Zuhause geschaffen. Doch eines Tages war ihr das alles genommen worden, und sie war zurückgeblieben, verloren und steuerlos, gezwungen, aus den Trümmern ihres alten Lebens ein neues zu errichten. Und das hätte sie ganz allein in England niemals geschafft, ohne die Menschen, die sie kannten (die Ray gekannt hatten) und die sie gernhatten.

Elspeth kannte die Ursache ihres plötzlichen Stimmungstiefs – Charles. Nicht er persönlich, sondern der Umstand, einen Mann in ihrem Haus zu haben, der nicht Ray oder Gideon war. Nachdem sie sich für die Nacht zurückgezogen hatte, hatte sie ihn in seinem Schlafzimmer rumoren gehört. Wasser hatte gerauscht, und hin und wieder waren ein Husten oder das Quietschen eines Dielenbretts an ihr Ohr gedrungen – zugegebenermaßen nur gedämpft, doch trotzdem nahm sie jedes Geräusch, das er verursachte, überdeutlich wahr. Selbst jetzt, um vier Uhr, während im Haus noch frühmorgendliche Stille herrschte, spürte sie seine Gegenwart.

Was ziemlich merkwürdig war.

Unter normalen Umständen hätte sie sich damit abgefunden, dass sie vermutlich keinen Schlaf mehr finden würde, und wäre aufgestanden. Sie hätte sich eine Tasse Tee gekocht, sich nach draußen in die sanfte Dunkelheit gesetzt und der Welt dabei zugesehen, wie sie erwachte, zufrieden damit, ihren eigenen Gedanken nachzuhängen und hin und wieder eine Bemerkung an Ray zu richten.

Doch heute nicht. Sie wollte ihren Gast nicht wecken. Er hatte gestern bemerkenswert gutmütig hingenommen, dass er, anstatt in den Genuss der Anonymität und des Komforts eines Hotels zu kommen, kurzerhand in ein Privathaus abgeschoben worden war, um dort mit einer Frau zu wohnen, die er nicht kannte. Sie bezweifelte, dass sie in seiner Situation so entspannt geblieben wäre.

Es konnte natürlich auch sein, dass Charles seiner Wut bereits im Auto auf der Fahrt vom Flughafen gehörig Luft gemacht hatte, doch irgendwie bezweifelte sie das. Und Toni hatte ebenfalls erwähnt, dass es ihn nicht zu stören schien.