Neustart für den Darm - William Davis - E-Book

Neustart für den Darm E-Book

William Davis

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15,99 €

  • Herausgeber: Riva
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2022
Beschreibung

Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung, aber auch Übergewicht, Schlafprobleme, Gelenkschmerzen und sogar Depressionen oder Angststörungen – all diese Erkrankungen können im Darm entstehen. Der Erfolgsautor Dr. med. William Davis deckt in diesem wegweisenden Ratgeber die Dünndarmfehlbesiedlung, auch SIBO (small intestinal bacterial overgrowth) genannt, als Ursache vieler Krankheiten auf. Er erklärt wissenschaftlich fundiert, wie sich unser Darmmikrobiom durch den modernen Lebensstil, übertriebene Hygiene und insbesondere durch industriell verarbeitete Nahrung so stark verändert hat, dass die Verbreitung von SIBO heute epidemische Ausmaße annimmt: Mittlerweile ist jeder Dritte betroffen. Und gleichzeitig ist SIBO eine der am meisten übersehenen und nicht diagnostizierten Erkrankungen. Hier setzt Davisʼ 4-Wochen-Programm an, das auch 40 Rezepte einschließt: Der Experte zeigt auf, wie Sie SIBO erkennen, Ihr Mikrobiom neu programmieren und mit einfachen Techniken und Änderungen Ihres Lebensstils endlich gesund, schlank, fit und leistungsfähig werden.

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Seitenzahl: 508

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Autor von Weizenwampe

DR. MED. WILLIAM DAVIS

NEUSTART für den DARM

Autor von Weizenwampe

DR. MED. WILLIAM DAVIS

NEUSTART für den DARM

Die Dünndarmfehlbesiedlung SIBO erkennen, das Mikrobiom in Balance bringen und Reizdarmsyndrom, Übergewicht, Depressionen und weitere Beschwerden bekämpfen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

Dieses Buch ist für Lernzwecke gedacht. Es stellt keinen Ersatz für eine individuelle medizinische Beratung dar und sollte auch nicht als solcher benutzt werden. Wenn Sie medizinischen Rat einholen wollen, konsultieren Sie bitte einen qualifizierten Arzt. Der Verlag und der Autor haften für keine nachteiligen Auswirkungen, die in einem direkten oder indirekten Zusammenhang mit den Informationen stehen, die in diesem Buch enthalten sind.

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

1. Auflage 2022

© 2022 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89 80799 München

Tel.: 089 651285-0 Fax: 089 652096

Die englische Originalausgabe erschien 2022 in den USA bei Hachette Go unter dem Titel Super Gut: A Four-Week Plan to Reprogram Your Microbiome, Restore Health, and Lose Weight © 2022 by William Davis, MD. All rights reserved. Die deutsche Übersetzung erschien in Zusammenarbeit mit Liepman AG, The Cooke Agency International Inc. und Rick Broadhead & Associates Inc.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Übersetzung: Dr. Kimiko Leibnitz

Redaktion: Stephanie Kaiser-Dauer

Umschlaggestaltung: Sonja Vallant

Umschlagabbildung: k_nastia/Shutterstock.com

Satz: Satzwerk Huber, Germering

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-7423-2070-4

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1836-4

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1837-1

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Inhalt

Einleitung

TEIL I DARM-BLUES

1 Eine heimliche Invasion

2 Ein Mikrobiom, wie nur eine Mutter es lieben kann

3 Die Geister vergangener Mikroben

4 Die Fäkalisierung Amerikas

5 Die Macht des Mukus

TEIL II DIE FRANKENWAMPE UND IHRE FREUNDE

6 SIBO: Frankenwampe

7 SIFO: Im Dickicht des Pilzdschungels

8 Bezwingung der Frankenwampe: SIBO und SIFO behandeln

TEIL III BAUCHENTSCHEIDUNG

9 Take a Walk on the Wild Side

10 Darmpower

TEIL IV NEUSTART FÜR DEN DARM: EIN VIER-WOCHEN-PROGRAMM

Woche 1: Bereiten Sie den Boden vor

Woche 2: Säen Sie neue Samen in Ihrem Garten

Woche 3: Wässern und düngen Sie

Woche 4: Bepflanzen Sie Ihren Mikrobengarten

Rezepte

Mahlzeitenplan für drei Tage mit Einkaufslisten

Nachwort: Regen Sie sich über Kleinigkeiten auf

Danksagung

Anhang A: Hilfsmittel und Bezugsquellen

Anhang B: Bezwingung Ihrer Frankenwampe: SIBO- und SIFO-Protokolle

Anhang C: Beseitigung von H. pylori

Anmerkungen

In Gedenken an Professor Ilja Iljitsch (Élie) Metschnikow, Biologe und aufmerksamer Beobachter, der vor über einem Jahrhundert als Erster erkannte, welchen Einfluss das Mikrobiom auf die Gesundheit und den Alterungsprozess hat und darüber hinaus ein Joghurt-Liebhaber war.

Einleitung

Dr. Frankenstein: »Ich will Ihnen nicht zu nahetreten, aber ich bin ein ziemlich brillanter Chirurg. Vielleicht könnte ich Ihnen mit dem Buckel helfen.«

Igor: »Buckel? Wessen?«

Frankenstein Junior, 1974

In Mary Shelleys Roman Frankenstein erschuf Dr. Victor Frankenstein mit primitiven Experimenten und grob vernähten Leichenteilen, die er durch Elektrizität zum Leben erweckt, ein unnatürliches und nicht ganz menschliches Monster, ein abstoßendes Geschöpf, das die Flucht ergreift und die Umgebung in Angst und Schrecken versetzt.

Niemand näht hier Kopf und Arme an einen Rumpf oder jagt 220 Volt durch Organe, um sie wiederzubeleben. Aber in den letzten 50 Jahren hat sich eine kuriose Alchemie der menschlichen Gesundheit vollzogen und moderne Schrecken erschaffen, und das in einem Zeitalter nie dagewesener medizinischer Fortschritte – denken zumindest die meisten von uns. Deshalb ist es umso überraschender, dass ein Universum primitiver Kreaturen direkt unter unserem Zwerchfell lebt, hinter dem Nabel, aber jenseits unserer bewussten Wahrnehmung – und der unserer Ärzte –, und es offenbart sich erst jetzt als ein ungemein wichtiges Phänomen der menschlichen Gesundheit.

Vor elf Jahren, in meinem ersten Buch der Weizenwampe-Reihe, beschrieb ich, wie Agrarwissenschaftler und Landwirte diese Pflanze namens »Weizen« veränderten und die ursprünglich 1,5 Meter hohe Pflanze in ein 45 Zentimeter großes Gewächs mit dickem Stängel und großen Körnern verwandelten, eine Veränderung, die nur durch Tausende von Genexperimenten möglich wurde. Das genetisch veränderte Endergebnis brachte tatsächlich ein ertragreiches Getreide hervor, und Bauern ernten pro Hektar deutlich mehr als mit traditionellen Sorten; diese Ertragssteigerung hat dazu beigetragen, den Hunger in den Entwicklungsländern zu bekämpfen. Diese neue Nutzpflanze hat aber auch eine Reihe unerwarteter Nebenwirkungen auf die Menschen, die sie verzehren, unter anderem gesteigerten Appetit, Temporallappen-Epilepsie, seborrhoisches Ekzem bis hin zu einem Anstieg der Zöliakie um 400 Prozent. Typ-1- und Typ-2-Diabetes, früher eher seltene Krankheiten, sind alltäglich geworden, und Menschen, die früher aßen, um zu überleben, haben einen unersättlichen Appetit entwickelt, der kaum noch zu stillen ist. Die gesundheitlichen Auswirkungen des Konsums von modernem Weizen sind so zerstörerisch, so unnatürlich, dass ich ihn gerne als »Frankenkorn« – eben nach Frankenstein – bezeichne.

Der Verzicht auf Frankenkörner führt zu erheblichen, oft lebensverändernden gesundheitlichen Vorteilen. Tausende von Menschen haben auf diese Weise mühelos abgenommen, ihre Gesundheit verbessert und einen flachen Bauch bekommen, wie er in den 1950er-Jahren noch die Norm war, und sie entledigten sich zahlreicher moderner gesundheitlicher Probleme. Außerdem sagte ein großer Anteil von ihnen so etwas wie: »Ich nahm mühelos 20 Kilogramm ab und habe nicht mehr ständig Hunger. Ich bin kein Prädiabetiker mehr und konnte zwei Blutdruckmedikamente absetzen. Meine Arthrose hat sich um etwa 70 Prozent verbessert, und ich muss die Spritze nicht mehr nehmen, die mich jeden Monat Tausende von Dollar kostet. Aber ich bekomme trotzdem noch gelegentlich einen Entzündungsschub und muss dann wieder Steroide und Naproxen nehmen.« Mit anderen Worten: Die Beseitigung von Frankenkörnern aus dem Speiseplan und die Supplementierung mit von mir empfohlenen Nahrungsergänzungsmitteln konnten zwar einige gesundheitliche Phänomene wie Insulinresistenz rückgängig machen, aber nicht alle gesundheitlichen Probleme der Betroffenen beheben. Manche berichteten, dass sie bereits 30 Kilogramm abgenommen hatten und ihnen noch 13 Kilogramm zu ihrem Wunschgewicht fehlten – aber ihr Gewichtsverlust stagnierte, obwohl sie alles richtig machten. Der Weizenwampe-Ansatz umfasst einfache Maßnahmen zur Rekultivierung eines gesunden Mikrobioms – es fehlte aber trotzdem etwas.

Die Weizenwampe-Community war (und ist) groß, international, hochmotiviert und kollaborativ, das heißt, wir teilen unsere Erfahrungen und suchen nach besseren Antworten auf die Frage, wie man einen hundertprozentigen Erfolg erreichen und die verbleibenden gesundheitlichen Probleme überwinden kann. Diese Community ist im Grunde eine gewaltige Ansammlung von Wissen mit Hunderttausenden von Menschen, die Antworten auf ähnliche Fragen suchen. (Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie den Weizenwampe-Ansatz nicht kennen, der trotz seiner Einschränkungen immer noch ziemlich wirkungsvoll ist. Ich werde im Laufe dieses Buches auf seine Grundsätze zu sprechen kommen und sie durch neue und wirkungsvolle Strategien ergänzen, die Sie für einen Neustart Ihres Darms anwenden können.)

Jenseits der Weizenwampe-Erfahrung sind in den letzten zehn Jahren zahlreiche Forschungsarbeiten veröffentlicht worden, die klargemacht haben, dass gängige psychische und emotionale Probleme wie Depression, soziale Isolation, Aggression, Angstzustände und Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS) möglicherweise auf Störungen des intestinalen Mikrobioms zurückgeführt werden können. Es wurde auch klar, dass gesundheitliche Probleme, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben – beispielsweise Adipositas, Autoimmunerkrankungen und neurodegenerative Erkrankungen – auf Veränderungen zurückgeführt werden könnten, die durch die Mikroben verursacht werden, die unterhalb des Zwerchfells leben. Weil ich ein persönliches Interesse daran habe, die menschliche Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu verbessern und gleichzeitig die Abhängigkeit vom Gesundheitssystem zu verringern, fragte ich mich, ob solche Mikrobiomstörungen eine Erklärung dafür sein könnten, warum sich manche Krankheitszustände bei Personen hielten, die mein Programm befolgten. Es war dieser Gedanke, der mich auf die Suche nach verloren gegangenen Mikroben führte, Bakterienarten, die im modernen menschlichen Mikrobiom vielleicht gar nicht mehr existieren. Und ich fand in der Tat einige Kandidaten, die, sobald sie dem Darm wiederzugeführt wurden, zu beeindruckenden Verbesserungen der Gesundheit und sogar des äußeren Erscheinungsbildes führten.

Aber es war auch klar, dass das Verschwinden mehrerer Schlüsselmikroben nicht alle chronischen Krankheiten erklären konnte. Hinweise auf eine umfassendere Antwort kamen von der internationalen Weizenwampe-Community, als manche Nutzer weiterhin über Schlafprobleme, chronische Gelenkschmerzen – obwohl sie nach dem Verzicht auf Weizen und Getreide eine teilweise Linderung feststellten – und hartnäckige Nahrungsunverträglichkeiten klagten, die sich einfach nicht besserten. Aber warum vertrugen so viele Menschen alltägliche Lebensmittel wie Tomaten, Kidneybohnen oder Erdnüsse nicht? Als ich mich intensiver mit der Idee befasste, dass ein gestörtes Mikrobiom für diese gesundheitlichen Phänomene verantwortlich sein könnte, wurde immer klarer, dass ich die Antworten im mikrobiellen Universum finden würde. Zusätzliche Entwicklungen wie die Verfügbarkeit eines per Smartphone gesteuerten technisches Geräts, das die mikrobielle Gasbildung im Atem nachweisen kann, waren die Bestätigung: Die Antworten liegen im Mikrobiom.

Ich wollte Wege finden, wie man die Kraft eines gesunden Mikrobioms nutzen kann, und der übliche Ratschlag »Nehmen Sie ein Probiotikum und essen Sie viele Ballaststoffe« hilft in diesem Kontext nur bedingt. Ich wollte nicht nur die bestehenden Gesundheitsprobleme beheben, sondern auch Wege aufzeigen, wie man seine Gesundheit verbessert, um im Alltag leistungsfähiger zu sein.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass moderne Lebensgewohnheiten die Komposition der Mikroben im menschlichen Gastrointestinaltrakt (GI-Trakt) gestört haben, und diese mikrobiellen Störungen sind für die hartnäckigen Gesundheitsprobleme verantwortlich, mit denen die Weizenwampe-Community und andere zu kämpfen haben. Moderne Lebensgewohnheiten, die unser inneres Ökosystem in Unordnung bringen, sind auch für eine lange Liste anderer Gesundheitsprobleme verantwortlich – kein Körpersystem ist immun gegen die Auswirkungen dieses Monsters namens »modernes menschliches Mikrobiom«, das wir selbst geschaffen haben. Das Mikrobiom unserer jagenden und sammelnden Urahnen oder sogar unserer Vorfahren vor 50 Jahren war völlig anders als das, was wir heute haben. Eine Kombination aus Faktoren, die mit dem modernen Leben in Verbindung stehen – von verarbeiteten Lebensmitteln bis hin zu Magensäureblockern – hat einen Bauch erschaffen, der schon nicht mehr ganz menschlich ist; ich bezeichne ihn als »Frankenwampe«, und er ist genauso zerstörerisch, oder vielleicht sogar noch zerstörerischer als das »Frankenkorn«. Und eine Frankenwampe verursacht echte gesundheitliche Schrecken: Reizdarmsyndrom, Stuhlverstopfung, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, polyzistisches Ovarialsyndrom und Kolonkrebs, aber auch Depression, Verzweiflung, soziale Isolation und Suizidgedanken. Dies sind die Auswirkungen des Ungeheuers, das wir als Gesellschaft, aber auch jeder für sich, geschaffen haben: eine Frankenwampe voller Störungen des Mikrobioms.

Jetzt müssen wir herausfinden, wie wir dieses Monster töten und etwas erschaffen, das dem natürlichen menschlichen Zustand näherkommt. Leider ist die Medizin schlecht ausgerüstet, um die Leiden zu behandeln, die infolge eines gestörten Mikrobioms entstehen, geschweige denn ihren Ursprung zu verstehen. Statt die Proliferation ungesunder Bakterien und Pilze zu behandeln, die für das Aufkommen von düsteren Emotionen, Angstzuständen und Suizidgedanken verantwortlich sind, verschreiben Ärzte Antidepressiva und Medikamente gegen Angststörungen, um ihre Wirkungen zu hemmen. Statt marodierende Mikroben zu lokalisieren, die die Ursache für Krankheitszustände wie Hypertonie und Vorhofflimmern sind, verordnen sie Medikamente, die den Blutdruck senken oder anormale Herzrhythmen unterdrücken. Statt die mikrobiellen Störungen zu entschlüsseln, die eine Gewichtszunahme und Typ-2-Diabetes verursachen, greifen sie auf Magenverkleinerungen und blutzuckersenkende Medikamente zurück. Diese konventionellen, aber fehlgeleiteten Bemühungen sind natürlich mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Sicher stimmen Sie mit mir überein, dass ein Verständnis für das Ausmaß des mikrobiellen Chaos, das heute im modernen Menschen herrscht, unsere gesamte Vorstellung von Gesundheit und Krankheit auf den Kopf stellen wird. Dementsprechend werden die Lösungen anders ausfallen – wir werden mit Sicherheit Hilfsmittel benötigen, die sich nicht mit einem ärztlichen Rezept verschreiben lassen.

Wir müssen das mikrobielle Fundament unserer Gesundheit neu aufbauen, um beschwerdefrei zu sein und unsere Jugendlichkeit und Lebensqualität zurückzugewinnen. Und wissen Sie was? Die Vorteile, die wir durch die Wiederherstellung eines gesunden menschlichen Mikrobioms erlangen, gehen weit über einen Gewichtsverlust und die Beseitigung von Reflux hinaus. Die Strategien, die ich Ihnen vorstellen möchte, können auch zu strafferer Haut, beschleunigter Regeneration und mehr Empathie für andere führen – Vorteile, die Sie vermutlich nicht mit Ihrem mikrobiellen Universum in Verbindung gebracht hätten. Sobald wir die Ordnung in diesem gewaltigen, selbstverursachten mikrobiellen Chaos wiederhergestellt haben, werde ich zeigen, wie man seinen Darm stärkt und ihm zu seiner wahren Größe verhilft.

Schluss mit dem Bauchgrimmen

Wenn Sie einen Organismus wie Escherichia coli (E. coli) fragen könnten, welchen Zweck menschliches Leben hat, würde E. coli Ihnen natürlich Folgendes sagen: »Sein Zweck ist es, mich und meine Mit-Mikroben zu versorgen.« Vielleicht sehen Sie einen größeren Sinn im Leben, aber von Ihrem Kolon oder Duodenum aus betrachtet sind Sie nicht viel mehr als eine Mikrobenfabrik.

Alle Lebewesen auf diesem Planeten haben ein einzigartiges und individuelles Mikrobiom: Spinnen und Stechfliegen, Eichhörnchen und Streifenhörnchen, Forellen und Schildkröten. Auch wir Menschen haben ein Mikrobiom, das unserer Spezies eigen ist, sich aber von Individuum zu Individuum unterscheidet. Aber moderne Lebensgewohnheiten – Einkaufen im Supermarkt oder die Bestellung eines Menüs am Drive-in-Schalter statt das Jagen und Sammeln der nächsten Mahlzeit, eine ausgiebige heiße Dusche statt eines Sprungs in den kalten Fluss oder See, die Einnahme eines Antibiotikums bei einer Nebenhöhlenentzündung statt langwierigen Auskurierens –, alles das summiert sich und führt zu gewaltigen Veränderungen der Zusammensetzung und Lage von Mikroben, die wir in und an unserem Körper haben.

Obwohl die Mikroorganismen, die Ihren GI-Trakt besiedeln, keine Namen oder Adressen haben und Ihre Facebook-Seite nicht mit »gefällt mir« markieren können, spielen sie eine wichtige Rolle für so verschiedene Phänomene wie psychische Verfassung, Hautbild, Energie, Empathievermögen und Ihr Liebesleben. Sie beeinflussen sogar, wie schnell Sie altern und wie lange Sie leben.

Die Billionen von Bakterien und Pilzen, die Ihren GI-Trakt besiedeln, spielen eine große Rolle in dem Film, der Ihr Leben ist. Selbst wenn Sie gesunde Gewohnheiten pflegen und nicht an modernen Krankheiten wie Diabetes und Adipositas leiden, können die Geschöpfe, die Ihr Mikrobiom in Mitleidenschaft ziehen, immer noch bestimmen, ob Sie an Alzheimer-Demenz erkranken werden oder, umgeben von Ihren Ururenkeln und bei klarem Verstand, 105 Kerzen auf Ihrer Geburtstagstorte ausblasen werden, sich immer noch genau daran erinnernd, mit wem Sie sich am vergangenen Dienstag getroffen haben. Es gibt nur wenige Dinge auf dieser Welt, die so anonym bleiben und doch eine so entscheidende Rolle spielen.

Vor nicht allzu langer Zeit nahm man an, dass die Mikroben im menschlichen Körper nur in Bezug auf die Entstehung von Infektionen relevant seien. Aber die Verabreichung von Antibiotika, die das mikrobielle Gleichgewicht der Menschen im Laufe des letzten Jahrhunderts völlig ins Chaos stürzten, zeigt, dass Unmengen von Mikroorganismen für die Gesundheit notwendig sind. Es gibt zum Beispiel im GI-Trakt Bakterienarten, die B-Vitamine wie Folsäure und B12 produzieren, liebevolle Gefühle für Familie und Freunde fördern oder lebhafte, intensive Träume in der regenerativen Tiefschlaf- (REM-)Phase simulieren, die entscheidende Komponenten für eine gesunde psychische Verfassung sind.

Ob es uns nun gefällt oder nicht, wir alle stehen heute unter dem tiefgreifenden Einfluss von Billionen anonymer Kleinstlebewesen. Wer hätte noch vor zehn Jahren geahnt, dass diese Ansammlung von Mikroorganismen bestimmen kann, ob man die Parkinson-Krankheit entwickelt, wie schnell man eine Verletzung auskuriert oder ob man die Launen und Anwandlungen seines Partners tolerieren kann? Es ist verstörend zu denken, dass mikroskopische Lebewesen möglicherweise den Ausschlag dafür geben, ob man ein Buch schreibt und den Literaturnobelpreis erhält oder in einer Kirche ein Blutbad anrichtet. Aber das ist die beeindruckende Macht der Mikrobenpopulation, die wir in uns tragen, ein Universum des Lebens, das uns dienen oder gegen uns arbeiten kann.

Zum Glück lassen sich viele gesundheitliche Probleme, die auf ein gestörtes Mikrobiom zurückgeführt werden können, rückgängig machen, indem man seine Ernährung umstellt, gängige Nährstoffmängel behebt und gesündere Bakterienarten im GI-Trakt ansiedelt, nachdem man unerwünschte Mikroben verdrängt hat.

Aber was ist, wenn jemand im Laufe der Jahre eine Vielzahl mikrobieller Störungen akkumuliert hat und jetzt an einer schweren bakteriellen und mykotischen Fehlbesiedlung leidet, die völlig außer Kontrolle geraten ist? Alle Faktoren des modernen Lebens, die sich negativ auf das Mikrobiom auswirken, ermöglichen die Proliferation schädlicher Bakterien und Pilze in unserem Körper, die sich hauptsächlich auf den GI-Trakt konzentriert, ein Zustand namens »Dysbiose«. Dysbiose im Kolon, das heißt in den letzten 1,5 Metern des GI-Trakts, stellt ein Risiko für Erkrankungen wie Colitis ulcerosa und Kolonkrebs dar. Nicht selten steigen gesundheitsschädliche Bakterienarten vom Kolon, wo sie hingehören, in das Ileum, Jejunum, Duodenum und den Magen auf, ein Zustand, der als »Dünndarmfehlbesiedlung« oder SIBO bezeichnet wird. Die Störungen der Bakterienpopulationen, die zu SIBO führen, führen oft auch zu einer Proliferation von Pilzspezies, die im GI-Trakt aufsteigen und ihn dort besiedeln, wo sie nichts zu suchen haben, und dieser Zustand wird als »mykotische Dünndarmfehlbesiedlung« oder »Pilzbefall des Dünndarms« (»Small Intestinal Fungal Overgrowth«, kurz SIFO) bezeichnet. Leider erkennen Ärzte das Ausmaß dieser Situationen in aller Regel nicht, und so »behandeln« sie die Krankheiten, die sich oberflächlich zeigen. Jemand mit einer nicht diagnostizierten SIBO leidet oft an Divertikulitis, Hashimoto-Thyreoditis oder Kolonkrebs, die sich nicht einfach rückgängig machen lassen, bekommt leider allzu oft viele Medikamente verordnet und unterzieht sich sogar größeren Eingriffen wie einer Gallenblasen-Operation oder einer Magenverkleinerung. Wenn SIBO und SIFO rechtzeitig erkannt und erfolgreich behandelt werden können – und ein gesundes Mikrobiom wiederhergestellt wird –, werden viele begleitende chronische Erkrankungen angesichts einer guten Gesundheit im Einklang mit einem ausgewogenen internen mikrobiellen Universum von selbst verschwinden.

Es ist daher entscheidend, sein Bewusstsein für eine Dysbiose, SIBO und SIFO zu schärfen, ihre Symptome und Konsequenzen zu erkennen und Maßnahmen zu ergreifen, um diese Probleme zu korrigieren. Ich werde Ihnen zeigen, woran Sie diese Zustände erkennen, wie Sie einen Verdacht bestätigen und was Sie anschließend tun können. Es ist nicht alles düster und unheilvoll. Ich werde viele Schritte vorausgehen, um Ihnen zu zeigen, was Sie aktiv für Ihre Gesundheit tun können, um voller Stolz in den Spiegel zu blicken, bei Ihrer nächsten Vorsorgeuntersuchung auf einen Arzt zu treffen, der angesichts Ihrer überragenden Gesundheit sprachlos ist, und die vielen Fragen zu beantworten, die man Ihnen stellt, weil jeder wissen möchte, warum und wodurch Sie so verdammt gut aussehen: schlank, straff, muskulös, mit geschmeidiger Haut, scharfem Verstand und intakter Libido. Wenn man die Ordnung in seinem mikrobiellen Universum versteht und wiederherstellt, die Komposition seiner Populationen verändert, ihren Lebensraum einschränkt und den Strom ihrer toxischen Nebenprodukte verringert, führt dies zu einem Tsunami positiver Auswirkungen auf Ihre Gesundheit, Ihr Gewicht und Ihren Alterungsprozess.

Wir begeben uns auf eine Reise, in der Sie, wie ich glaube, Antworten auf Fragen finden, bei denen Ärzte häufig ratlos sind, weil sie normalerweise die Tatsache ignorieren, dass man viele wichtige Mikroben verloren und eine Fülle ungesunder Spezies erworben hat. Während sie ein Medikament nach dem anderen verschreiben, um die Symptome eines gestörten Mikrobioms zu behandeln, wirkungslose Ratschläge wie »mehr Bewegung, weniger Essen« erteilen und Ihnen Willensschwäche, Völlerei oder schlechte Gene unterstellen, werden Sie lernen, diesen mikrobiellen Wandel zu erkennen und zu behandeln, und dann befinden Sie sich schon auf dem Weg zu hervorragender Gesundheit.

Entstauben Sie Ihren Joghurtbereiter, sagen Sie den Botox-Termin ab und nehmen Sie Platz. Sie werden eine Reise in die Welt der Bakterien unternehmen, die Ihr Leben verändern kann. Fangen wir damit an, dass wir einen genauen Blick darauf werfen, wie und warum so vieles im menschlichen Mikrobiom schiefgelaufen ist.

Teil I

Darm-Blues

1

Eine heimliche Invasion

Sie sind vielleicht in vielerlei Hinsicht wie Ihre Eltern und Großeltern. Vielleicht haben Sie die Locken Ihrer Mutter geerbt oder die Abneigung Ihres Großvaters gegen Koriandergrün. Aber im Gegensatz zu den Genen, die Eigenschaften wie die Beschaffenheit der Haare oder geschmackliche Vorlieben bestimmen, ist das Mikrobiom, das Sie in Ihrem Körperinneren tragen, nicht das Mikrobiom Ihrer Vorfahren, der Generationen von Menschen, die vor Ihnen gelebt haben. Es unterscheidet sich sogar von dem Mikrobiom Ihrer Eltern und Großeltern. Die Ansammlung an Mikroben in Ihnen hat sich beinahe bis zur Unkenntlichkeit verändert.

Als Menschen des 21. Jahrhunderts sind wir Zeugen eines verstörenden Klimawandels, der die ganze Welt betrifft: Die Meere übersäuern, die Korallenbänke schrumpfen, die Polarkappen schmelzen, es gibt extreme Dürre, Waldbrände und Überflutungen – was selbstverständlich alles darauf zurückzuführen ist, dass sich die Lebensbedingungen auf der Erde unter dem Einfluss von uns Menschen verändert haben.

Wir Menschen sind also in der Lage, Einfluss auf die Meere und Polarkappen zu nehmen. Kann es also sein, dass wir auch in der Lage sind, eine desaströse Veränderung in dem 10 Meter langen Ökosystem unseres Gastrointestinaltrakts einzuleiten? Absolut. Parallel zum Klimawandel hat sich auch in unserem Körperinneren eine Umweltkatastrophe ereignet. Es gibt zwar keine Hurricanes, aber menschliches Einwirken hat die mikrobielle Umgebung drastisch verändert und Einfluss darauf genommen, wo sich Mikroorganismen ansiedeln und ob ihre toxischen Nebenprodukte unser System kontaminieren. Es ist nicht nötig, Zuflucht auf hohen Bergen zu suchen, aber das gastrointestinale Äquivalent kann genauso verheerend sein wie eine Flutkatastrophe.

Das moderne menschliche Mikrobiom hat wenig Ähnlichkeit mit dem Mikrobiom der Menschen, die in entlegenen Gebieten Afrikas und Südamerikas auch heute noch als Jäger und Sammler leben. Das sind die wenigen verbleibenden Menschen, deren Lebensweise die Art widerspiegelt, wie Menschen vor Millionen von Jahren lebten, ohne Antibiotika und andere Faktoren, die das Mikrobiom angreifen. Indigene Völker mit traditionellen Lebensgewohnheiten haben Mikrobenarten, die uns fehlen, während wir uns Arten angeeignet haben, die ihnen fehlen. Es ist bezeichnend, dass bei Jägern und Sammlern mit einem ursprünglichen Mikrobiom Probleme wie Magengeschwüre, Reflux, Hämorrhoiden, Stuhlverstopfung, Reizdarm, Divertikulitis, Kolonkrebs, an denen moderne Menschen häufig leiden – und die Anthropologen als »Zivilisationskrankheiten« bezeichnen – praktisch nicht auftreten.1

Über Tausende von menschlichen Generationen hinweg haben sich Mikroorganismen entwickelt, um eine friedliche Koexistenz mit uns, ihren Wirten, zu führen, und diese Beziehung ist so eng und intim, dass es Bakterienarten gibt, die nur im menschlichen Gastrointestinaltrakt existieren und nirgendwo sonst – weder in Sümpfen, unter Felsen, noch auf Müllhalden, sondern nur in den 10 Metern des menschlichen GI-Trakts. Diese Lebewesen leben im Einklang mit uns und haben sich in uns niedergelassen.

In den vergangenen Jahrzehnten ist diese friedliche Koexistenz jedoch ins Wanken geraten. Spezies sind verschwunden – ein Phänomen, das Mikrobiologen als »verschwindendes Mikrobiom« bezeichnen –, alte Arten sind durch neue ersetzt worden, und Mikroben, die wir normalerweise mit Infektionen in Verbindung bringen, dominieren mittlerweile das Mikrobiom vieler Menschen. Und bei erschreckend vielen von uns haben sich Mikroben über den gesamten Gastrointestinaltrakt ausgebreitet, von ganz unten nach ganz oben, wodurch sie letztlich eine 10 Meter lange Infektion erzeugt haben, die einen chronischen Entzündungsherd darstellt. Vielleicht nehmen Sie sie als hartnäckigen und lästigen Hautausschlag wahr oder als Depression, die sich auch durch die Antidepressiva nicht bessert, die Ihnen Ihr Arzt verschreibt; aber die eigentliche Ursache lebt und vermehrt sich in Ihrem gesamten GI-Trakt.

Die Annehmlichkeiten des modernen Lebens haben uns vom wilden, verzweifelten Überlebenskampf entfernt, der das menschliche Dasein in den vergangenen Jahrmillionen definiert hat. Wir hüllen uns vielleicht nicht mehr in die Felle der Tiere, die wir erlegt haben, sondern kaufen Kleidung und Schuhe, die in einer Fabrik am anderen Ende der Welt gefertigt worden sind. Das Fleisch wird für uns erlegt; das Gemüse wird in Plastikverpackungen gekauft oder in einer Salatbar angeboten, es wird nicht von Bäumen, Sträuchern oder Pflanzen gepflückt oder ausgegraben. Wir haben uns weit vom Schlachten und Ausgraben entfernt und eine Gegenwart geschaffen, die hygienisch rein, desinfiziert und voller Antibiotika und Industriechemikalien ist.

Komfort, die Lebensmittelindustrie und der Mangel an Blut und Erde unter unseren Fingernägeln haben zu einer lautlosen, aber massiven Gesundheitsepidemie beigetragen. Viele von uns kamen per Kaiserschnitt auf die Welt und wurden mit künstlicher Babymilch gefüttert, was Lebensmittelallergien, Adipositas und Divertikulitis zur Folge hatte. Wir überleben einen Harnwegsinfekt oder eine Lungenentzündung, indem wir Antibiotika einnehmen, nur um Monate oder Jahre später eine chronisch entzündliche Darmerkrankung oder Zwangsstörungen zu entwickeln. Wir kühlen unsere Lebensmittel, damit sie länger haltbar bleiben, berauben uns selbst aber eines regen Wachstums von Mikroorganismen, die sich im Fermentationsprozess von selbst bilden, und stellen dadurch die Weichen für eine Hashimoto-Thyreoditis und Rosacea.

Die Centers of Disease Control (CDC) beobachten Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts und berichten, dass in den letzten Jahren die Anzahl der Colitis-ulcerosa-Fälle drastisch zugenommen hat, wobei allein zwischen 1999 und 2015 ein 50-prozentiger Anstieg zu verzeichnen war.2 Kolonkrebs, früher eine Alterskrankheit, befällt jetzt zunehmend Menschen zwischen 30 und 60 Jahren und ist eines von vielen Warnzeichen, die einen dramatischen Wandel der menschlichen Gesundheit signalisieren, der voraussichtlich auf Veränderungen des Mikrobioms zurückgeführt werden kann.3

Weil sich Ärzte dieser epidemischen Gesundheitssituation nicht bewusst sind, behandeln sie die erkennbaren Symptome der Dysbiose weiterhin auf herkömmliche Weise – mit Schmerzmitteln, Entzündungshemmern, Antidepressiva, Statinen zur Senkung des Cholesterinspiegels, Meidung bestimmter Lebensmittel –, oder sie suchen mithilfe von Tests wie Darmspiegelungen nach später auftretenden Manifestationen – aber die eigentliche, zugrunde liegende Krankheit bleibt unerkannt und unbehandelt. Das Unvermögen, diesen dysbiotischen Zustand zu erkennen und zu behandeln, führt nicht nur dazu, dass Krankheiten wie Colitis ulcerosa oder Kolonkrebs um sich greifen, sondern begünstigt auch das Auftreten anderer chronischer Erkrankungen.

Ein Schlaglicht auf den Dünndarm

Die Mikrobiomstörungen, von denen die meisten modernen Menschen betroffen sind, beschränken sich oft auf das Kolon, die letzte Station, bevor wir uns von unverdaulichen Nahrungsresten und Mikroben verabschieden und sie wegspülen. Aber bei vielen Menschen hat sich das Problem noch verschlimmert. Wenn ungesunde Bakterienarten im Kolon vorherrschen, machen sie sich auf den Weg, um den Dünndarm zu besiedeln und dort einen Teil oder die gesamten 7 Meter zu besetzen – Ileum, Jejunum und Duodenum –, bis sie schließlich im Magen ankommen. Wenn der gesamte Dünndarm betroffen ist, können 10 Meter des GI-Trakts von feindseligen Mikroben besetzt sein. Wie Sie sich vorstellen können, birgt dieser deutlich größere Befall größere gesundheitliche Implikationen: eine stärkere Darmentzündung, eine größere Anzahl pathogener Mikroben – Billionen –, die leben und sterben und aus ihren Überbleibseln mehr toxische Nebenprodukte erzeugen.

Der Dünndarm war so etwas wie ein blinder Fleck in der Gesundheitsförderung und Krankheitsprophylaxe, größtenteils aufgrund der schweren Zugänglichkeit. Bei einer oberen Endoskopie kann ein Gastroenterologe Speiseröhre, Magen und Duodenum (Zwölffingerdarm) betrachten, er kommt aber angesichts der vielen Kurven und der Länge seines Untersuchungsgeräts, das normalerweise 1,20 Meter beträgt, selten weiter, sodass der Dünndarm nicht eingesehen werden kann. Genauso kann bei einer Darmspiegelung das 1,80 Meter lange Koloskop den 1,50 Meter langen Kolon bis zum Coecum (Blinddarm) visualisieren, ein kurzer, blind endender Sack, der den Anfang des Kolons bildet, aber dann ist Endstation. Das bedeutet, dass über 6 Meter Ihres Dünndarms – mehr als die Länge Ihres Autos – zwischen dem Duodenum und Coecum nicht visualisiert werden können. Das hat sich als dauerhaftes Problem erwiesen, wenn man zum Beispiel einer Blutung im Dünndarm auf den Grund gehen will, die vielleicht auf ein 2 Millimeter großes Blutgefäß zurückgeführt werden kann, das 4 Meter vom Duodenum und 4 Meter vom Coecum entfernt ist – und damit für ein Endoskop unerreichbar.

Genauso nahm man viele Jahre an, dass Dysbiose ein Phänomen ist, das nur das Kolon (Grimmdarm) betrifft. Die Komposition der Darmflora wird in der Regel mit einer Stuhlprobe analysiert, und der Stuhl bzw. Kot ist ein Abfallprodukt, dessen Beschaffenheit größtenteils durch das Mikrobiom des Kolons beeinflusst wird. Aber der Dünndarm stellt sich als mikrobieller Hotspot heraus und ist ein wichtiger Akteur im Mikrobiom. Wenn dysbiotische Mikroben aus dem Kolon in den Dünndarm aufsteigen, erschaffen sie die unerfreulichen Bedingungen, die eine Dünndarmfehlbesiedlung durch Bakterien (SIBO) und Pilze (SIFO) ausmachen: unerwünschte Bakterien- und Pilzarten, die sich stark vermehrt haben und in den Dünndarm aufgestiegen sind.

SIBO wurde vor 80 Jahren identifiziert, aber nur durch die Untersuchung chirurgisch entfernter Dünndärme oder in Autopsien, und so nahm man an, dass es sich hierbei um einen ungewöhnlichen Zustand handelte, der nur Menschen mit schweren und lebensbedrohlichen Darmerkrankungen betraf. Die Verfügbarkeit von Atemtests (auf die ich noch ausführlich eingehen werde, auch auf Selbsttests für die Heimanwendung), eine Technik, die durch Forscher wie den SIBO-Experten Dr. Mark Pimentel vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles validiert worden ist und den Verbreitungsbereich der Mikroben im GI-Trakt lokalisiert, hat die Identifikation von SIBO erheblich vereinfacht, wodurch die Grenzen von Stuhlproben und Endoskopen überwunden werden konnten. In den letzten 10 bis 15 Jahren haben Atemtests unsere Wahrnehmung von SIBO verändert: Es ist jetzt klar, dass SIBO viel häufiger auftritt als ursprünglich gedacht.

Ich werde im weiteren Verlauf dieses Buches noch argumentieren, dass SIBO so weitverbreitet und häufig ist, dass mehr Menschen darunter leiden als an Typ-2-Diabetes und Prädiabetes, und all das geschieht unter den Augen der Ärzte, und trotzdem wird in den Nachrichten, Krankenhäusern oder den Gesundheitsmaßnahmen von Unternehmen nicht darüber gesprochen. Ich glaube, dass SIBO so allgegenwärtig ist, dass sie in allen Ebenen der Gesellschaft angekommen ist, ungeachtet des Wohnorts, Geschlechts, Einkommens oder Alters. Wenn Sie Schuhe tragen oder Ihre Zähne putzen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass dieses Problem auch Sie betrifft, sich auf Ihre Gesundheit auswirkt und Sie in Ihrem Alltag und Wohlbefinden beeinträchtigt.

SIBO manifestiert sich auf erstaunlich vielfältige Weise. SIBO, und in geringerem Ausmaß auch SIFO, kann sich als schmerzhafte Fibromyalgie zeigen, als akuter Stuhldrang im Rahmen des Reizdarmsyndroms, Restless-Leg-Syndrom, das Sie nachts nicht schlafen lässt, Gallensteine, Lebensmittelunverträglichkeiten und -allergien, Hautausschläge, soziale Isolation und Aggressivität, Angstzustände oder Depressionen und in Form Hunderter anderer gesundheitlicher Probleme und sozialer Situationen. Diese mikrobiellen Störungen können Typ-2-Diabetes, Adipositas, Epilepsie und Herz- wie auch Autoimmunerkrankungen verschärfen. Sie können sich auch als alltägliche gesundheitliche Phänomene wie Angstzustände, Ekzeme, Schlaflosigkeit, Stuhlverstopfung und Regelschmerzen manifestieren. Es gibt immer mehr Belege, die darauf hinweisen, dass Autismus und ein vorzeitiger Menstruationszyklus bei jungen Mädchen Teil dieser mikrobiellen Dysbalancen sind. Sobald Sie lernen, die Anzeichen zu erkennen, werden Sie verstehen, dass die gesundheitlichen Probleme eines jeden Menschen durch die Brille dieser allgegenwärtigen Zustände betrachtet werden müssen.

Die Untersuchung operativ entfernter Dünndarmabschnitte, die von SIBO befallen waren, zeigt, dass eine übermäßig hohe Anzahl an schädlichen Bakterienarten die Darmwand entzündet, gelegentlich zu einer Geschwürbildung (Riss in der Schleimhaut) führt, wodurch die Fähigkeit der fingerartigen Villi (Darmzotten) beeinträchtigt wird, Nährstoffe aufzunehmen; dies wiederum beeinträchtigt den Verdauungsprozess und führt zu Durchfall und einer unzureichenden Resorption. Eine beeinträchtigte Fett- und Proteinverdauung ist besonders geläufig und führt bei einigen Betroffenen zu einigen verräterischen Anzeichen wie Fettaugen in der Toilette nach dem Stuhlgang, die darauf hindeuten, dass ungesunde Mikroben die Fettverdauung im Dünndarm hemmen.

Wie Menschen leben und sterben auch Bakterien und Pilze. Ihre Angehörigen halten allerdings keine Beerdigungen ab oder stellen Grabsteine auf, und das wäre auch ziemlich aufwendig in Anbetracht der Tatsache, dass sie nicht, so wie wir, viele Jahrzehnte leben, sondern nur einige Stunden oder Tage – es herrscht also ein ständiges Kommen und Gehen. In Ihrem GI-Trakt wechseln sich Leben und Sterben also ständig ab, Billionen von Kleinstlebewesen sind davon betroffen, und so stellt sich die Frage, was nach ihrem Tod mit ihnen passiert. Ohne ein Testament oder einen Nachlass werden die sterblichen Überreste von Billionen von Mikroben von anderen Mikroben verwertet, manche werden von ihnen verstoffwechselt und andere über die Toilette ausgeschieden. Aber bei Dysbiose gelangen einige Überreste in unseren Blutkreislauf und werden auf diese Weise in andere Körperteile »exportiert«. Eine französische Forschergruppe beschrieb dieses wichtige Phänomen 2007. Sie bezeichnete diese Flut an toxischen bakteriellen Abbauprodukten als »metabolische Endotoxämie«, die sich als Ursache für zahlreiche moderne Krankheiten herausgestellt hat, vor allem jene, die durch Entzündungen hervorgerufen werden, wie Typ-2-Diabetes, Herzkrankheiten und neurodegenerative Erkrankungen.4 Der Hauptauslöser von Endotoxämie ist Lipopolysaccharid oder LPS, das aus den Zellwänden von Organismen wie Escherichia coli (E. coli) und Klebsiella stammt, die häufig im Kolon und Stuhl anzutreffen sind. Die Konsequenzen der Endotoxämie sind besonders gravierend, wenn die gesamten 10 Meter des GI-Trakts von schädlichen Mikroben befallen sind.

Weil die Blutgefäße, die den GI-Trakt versorgen, in die Portalzirkulation fließen, die zur Leber führt, ist es die Leber, die diese Flut von mikrobiellen Toxinen zuerst empfängt. Das Blut aus einem von SIBO befallenen GI-Trakt hat eine zehnmal höhere LPS-Konzentration als das Blut aus einem gesunden GI-Trakt. Nachdem sie die Leber passiert haben, dringen die mikrobiellen Toxine in die systemische Zirkulation ein, die alle anderen Körperorgane mit Blut versorgt. Die Billionen von Bakterien und Pilzen, die den gesamten GI-Trakt bevölkern, wirken sich daher auf alle anderen Organe im Körper aus. Das erklärt zum Beispiel, warum sich die mikrobielle Proliferation im GI-Trakt als entzündete Fettleber äußern kann, als Hautausschlag (Rosacea), progressiver kognitiver Abbau (Demenz) oder als unkontrolliertes Beinzucken im Restleg-Leg-Syndrom, das heißt als gesundheitliche Phänomene, die weit entfernt von ihrem mikrobiellen Ursprung auftreten. Die moderne Medizin ist sehr hilfreich, um den Ursprung eines anormalen Herzrhythmus mechanisch zu beheben oder die Muskel- und Gelenkschmerzen zu lindern, die bei Fibromyalgie auftreten, sie scheitert aber daran, die mikrobielle Proliferation und Endotoxämie zu behandeln, die die Krankheiten verursachen oder verschlimmern.

Wenn man diese Zustände jedoch als »SIBO« oder »SIFO« bezeichnet, verharmlost man die gesundheitlichen Störungen, die sie auslösen. Wir sollten den Zustand als »bakterielle Fehlbesiedlung« bezeichnen und nicht als »bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung«, weil sich die Auswirkungen weit über den Dünndarm hinaus bemerkbar machen. Während eine mykotische Fehlbesiedlung nicht so weit verbreitet ist wie eine bakterielle Fehlbesiedlung, zeichnet sie sich durch eine ähnliche Proliferation und Expansion von Pilzarten aus, die sich auch außerhalb des Dünndarms auswirken (wir gehen in Kapitel 7 ausführlich auf SIFO ein).

Bakterieller »Blues«?

Es ist seit Jahren bekannt, dass etwa ein Drittel der Menschen, die an Depression erkrankt sind – ein Zustand, der die Lebensqualität massiv beeinträchtigt und sich oft nicht durch verschreibungspflichtige Antidepressiva bessert –, erhöhte Entzündungsparameter wie C-reaktives Protein und andere Marker aufweisen. Aber was könnte der Entzündungsherd sein, der die Depression vorantreibt, wenn zum Beispiel kein geschwollenes Knie oder eine Lungenentzündung vorliegt? Die meisten Menschen, die erhöhte Entzündungsmarker in Kombination mit Depression aufweisen, sind auch jene, die mit größter Wahrscheinlichkeit nicht auf Antidepressiva ansprechen.

In einer Reihe klinischer Studien erklärten sich mutige nicht depressive Freiwillige dazu bereit, sich LPS-Endotoxin spritzen zu lassen, das aus bakteriellen Zellwänden stammte. Innerhalb weniger Stunden nach dem künstlichen LPS-Anstieg entwickelten sie die für eine Depression charakteristischen Emotionen: düstere Stimmung, Angstzustände, Motivationsverlust, Desinteresse an alltäglichen Aktivitäten, eingeschränkte kognitive Leistungsfähigkeit. Ein funktionelles MRT, das die Gehirntätigkeit dieser Personen visuell darstellte, offenbarte alle hirnspezifischen Merkmale einer Depression.5 Die unweigerliche Schlussfolgerung: Die bakteriellen Abbauprodukte, die ins Blut gelangen, spielen für die Entstehung von Depression eine Rolle, vor allem wenn diese nicht auf konventionelle Behandlungsmethoden anspricht. Es ist nicht überraschend, dass diese Erkenntnisse die Pharmaindustrie dazu veranlassten, konventionelle Antidepressiva durch verschiedene Entzündungshemmer zu ergänzen, um einige dieser Entzündungsmediatoren zu blockieren – und wieder wurden nur die Symptome behandelt und die Ursache für die Entzündung ignoriert, nämlich die Faktoren, die mit einer bakteriellen Fehlbesiedlung in Zusammenhang stehen.

Bei diesen Beobachtungen wird jedoch die Tatsache übersehen, dass jenseits dieser künstlich geschaffenen Situationen, in denen LPS direkt gespritzt wurde, ein hoher LPS-Spiegel im Blut vieler Menschen im Alltag von einer bakteriellen Überwucherung herrührt, die zu Endotoxämie führt. Ich glaube, dass es viel sinnvoller wäre, Störungen einer ausgewogenen gesunden Bakterienpopulation und die daraus folgende Endotoxämie bzw. hohe LPS-Konzentration zu behandeln, als sich auf ein Symptom zu konzentrieren, das sich downstream manifestiert.

SIBO und SIFO sind Zustände, die viele von uns – auch ich selbst – früher als unüblich, sogar selten, abgetan haben, doch angesichts der wissenschaftlichen Beweislage, der großen Verfügbarkeit von Stuhlproben und Endverbraucher-Geräten, die verschiedene Formen einer mikrobiellen Fehlbesiedlung identifizieren, stellt sich jetzt heraus, dass sie so normal geworden sind wie die Bestellung von Küchenpapier oder Backmischungen bei Amazon. Obwohl nur wenige Amerikaner von SIBO oder SIFO gehört haben, sind Abermillionen von uns davon betroffen. Wir wissen jetzt, dass 35–84 Prozent der 35 Millionen Amerikaner, die wissen, dass sie am Reizdarmsyndrom leiden, und dieselbe Anzahl von Menschen, die noch keine Diagnose erhalten haben und akuten Stuhldrang und einen Blähbauch stoisch ertragen, von SIBO betroffen sind.6 Wir wissen auch, dass bis zu 100 Prozent der 12 Millionen Amerikaner, die an Fibromyalgie leiden und ihren Alltag nur unter Schmerzen bewältigen, die bakterielle Fehlbesiedlung von SIBO haben, ebenso wie der Großteil der Menschen mit Restless-Leg-Syndrom, Fettleber, Divertikulitis, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Gallensteinen, Autoimmunerkrankungen, neurodegenerativen Störungen und Typ-2-Diabetes.7 Die bakterielle Fehlbesiedlung von SIBO liegt auch bei etwa 50 Prozent der 150 Millionen erwachsenen Amerikaner mit Übergewicht oder Adipositas vor.8 Wir wissen außerdem, dass etwa ein Drittel der Menschen mit SIBO auch an SIFO leiden.9 Dieses Monster verwüstet vielleicht kein Dorf und versetzt seine Bewohner nicht in Angst und Schrecken, aber es ist ein Wesen, das das moderne Leben erschaffen hat, und es lebt in den 10 Metern Ihres GI-Trakts.

Wenn man die Zahlen summiert, erkennt man, dass vielleicht über 100 Millionen Amerikaner an Typ-2-Diabetes leiden oder Prädiabetiker sind, aber es gibt mindestens genauso viele oder vielleicht sogar mehr Menschen, die von SIBO betroffen sind. Kritiker werden diese Schätzungen natürlich infrage stellen, aber es gibt Belege, dass eine Fehlbesiedlung durch Bakterien und Pilze und die damit verbundenen Krankheiten stark verbreitet sind – es ist die Ausnahme, eine normale, gesunde Darmflora zu haben.

Das stellt eine gesundheitliche Herausforderung nie dagewesenen Ausmaßes dar. Sehen Sie sich um, und Sie werden mindestens eine, wenn nicht mehrere Personen erblicken, die an SIBO und/oder SIFO leiden. Man kann die Macht dieser immensen Veränderung der menschlichen Physiologie und mikrobiellen Kollaboration nicht überbetonen.

Selbst wenn Sie von SIBO oder SIFO verschont geblieben sind, ist es sehr wahrscheinlich – praktisch garantiert –, dass Sie an einer Dysbiose leiden. Substanzielle Störungen der Bakterien- und vielleicht auch Pilzpopulationen in Ihrem Kolon stellen immer noch gesundheitliche Implikationen für Ihre Gesundheit dar, ganz gleich, ob Sie einen regelmäßigen Stuhlgang haben und für einen erfolgreichen Toilettengang auf einen Stapel Zeitschriften angewiesen sind.

Unabhängig von toxischen mikrobiellen Abbauprodukten können auch die Mikroben selbst im schlimmsten Fall in Organe eindringen, in denen sie nichts zu suchen haben. Suchen Sie sich ein beliebiges Organ aus, und Sie werden feststellen, dass dort Bakterien leben und sonderbare gesundheitliche Wirkungen entfalten. Wir erkennen jetzt, dass Bakterien, die sich an Orten wie dem Gallengang und der Gallenblase niedergelassen haben, bei der Bildung von Gallensteinen eine Rolle spielen. Die Bakterienarten, die diese unerwarteten Stellen besetzen, sind in der Regel Spezies wie E. coli und andere aus den Pseudomonas- und Enterococcus-Gruppen, die normalerweise im Kolon und Stuhl vorkommen.

Ungesunde Bakterien und Pilze wurden in Arterien, Brüsten, Prostatadrüsen, selbst im menschlichen Gehirn entdeckt, eine Invasion von Mikroben, deren gesundheitliche Auswirkungen erst jetzt verstanden werden.10

Wie Bakterien können auch Pilze wie Candida albicans, Candida glabrata und Malassezia im GI-Trakt aufsteigen und ihre toxischen Abbauprodukte freisetzen, die im restlichen Körper verteilt werden. Bei manchen Menschen schaffen es diese pathogenen Pilze, den GI-Trakt zu verlassen und sich an anderen Orten niederzulassen.11 Das erklärt, warum bei Menschen mit SIFO oft auch ein Pilzbefall an Unterarmen, Hals, Speiseröhre, Vagina, Leiste und im Gehirn vorliegt. Während SIFO bis dato weniger erforscht wurde als SIBO, stellt sich jetzt heraus, dass ihre gesundheitlichen Implikationen wesentlich schwerwiegender sind als ursprünglich angenommen. Die kürzliche Entdeckung, dass das Gehirngewebe verstorbener Alzheimer-Patienten einen starken Pilzbefall aufweist, ist besonders beunruhigend; auf diese Beobachtung werden wir später noch näher eingehen.

Es handelt sich hierbei um keine Infektion im herkömmlichen Sinn, bei der eine Bakterien- oder Pilzspezies unkontrolliert proliferiert, einen eitrigen Abszess entstehen lässt und das Organ schädigt, das es zu beherrschen versucht. SIBO sollte korrekterweise als »Befall« bezeichnet werden, das heißt eine Besetzung ohne vollständige Übernahme, so ähnlich wie Ameisen im Haus – sie vertreiben Sie und Ihre Familie zwar nicht aus den eigenen vier Wänden, sind aber trotzdem eine Plage und ruinieren Ihren Keksvorrat.

Es ist daher nicht einfach nur eine Frage der mikrobiellen Überpopulation. Mikroben im GI-Trakt wirken sich durch ihre toxischen Produkte auf andere Körperorgane aus und können sogar in diese eindringen. Im Laufe von nur zwei Menschengenerationen, seit Schlaghosen Mode waren und Oma den Niedergang guter Manieren beklagte, haben sich die Bakterien und Pilze im menschlichen Verdauungstrakt verändert, ihre Nebenprodukte haben exponenziell zugenommen, und die Konsequenzen für uns Menschen als ihre Wirte sind ernster geworden. Dementsprechend müssen sich auch unsere Einsatzregeln verändern.

Dysbiose und gewiss SIBO und SIFO werden vielleicht nicht von Ärzten diagnostiziert, im Frühstücksfernsehen besprochen oder in den sozialen Medien diskutiert, aber sie stellen gewaltige Implikationen für Ihre Gesundheit dar. Sie sind Zustände, die so extrem unnatürlich sind, dass die Einnahme eines Probiotikums oder der Verzehr von Kimchi allein nicht ausreichen werden. Um ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie dieses Desaster seinen Lauf genommen hat, sollten wir einen Blick darauf werfen, wo bzw. bei wem das Leben eines jeden Menschen seinen Anfang genommen hat: bei seiner Mutter.

2

Ein Mikrobiom, wie nur eine Mutter es lieben kann

Unsere Mütter definieren den Kurs für das große mikrobielle Abenteuer unseres Lebens. Indem das Neugeborene über den Geburtskanal die Gebärmutter verlässt, gestillt wird und regelmäßigen Körperkontakt zur Mutter hat, empfängt es ihr Mikrobiom. Die Geburt und die erste Zeit bilden also den Startpunkt für die Besiedlung des Säuglingskörpers durch Mikroben und damit für einen Teil der intimen und wunderbaren Bindung, die Mütter und ihre Kinder eint.

Aber diese Bindung wurde in modernen Zeiten korrumpiert. Ein wesentlicher Störfaktor für eine ausgewogene Zusammensetzung der Darmmikroben bei Kindern ist die bedauerliche Kommerzialisierung der Mutterschaft. Mit »Kommerzialisierung« meine ich die finanziellen Interessen, die Einfluss auf das natürliche Phänomen des Gebärens genommen haben. Frauenärzte, die Angst vor Klagen haben und durch Kaiserschnitte mehr Geld verdienen, gefolgt vom aggressiven Marketing künstlicher Babymilch, die Muttermilch ersetzen soll, verhindern eine normale Übertragung des mütterlichen Mikrobioms auf den Säugling. Keine Frage: Eingriffe wie der Kaiserschnitt haben ihren Sinn und ihre Berechtigung, aber kommerzielle Interessen üben einen negativen Einfluss auf das natürliche Gleichgewicht aus und führen dazu, dass betroffene Kinder gesundheitlich von Anfang an schlechtere Karten haben.

Die 32 Prozent der Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen und/oder die 17 Prozent der Kinder, die nicht gestillt werden, beginnen ihr Leben ohne die Vorteile, die das Mikrobiom ihrer Mutter bietet.12 Mittlerweile kommt jedes dritte Kind per Kaiserschnitt auf die Welt und beginnt damit sein Leben mit einem anderen Mikrobiom als ein vaginal geborenes Kind. Kaiserschnittkinder erwerben Bakterienarten, die die Populationen der Mikroben widerspiegeln, die in Krankenhäusern vorzufinden sind, und ihr Mikrobiom wird von unerwünschten Arten aus der Familie der Enterobacteriaceae dominiert, dieselben Arten, die aus dem Stuhl im Kolon stammen und ein typisches Merkmal bakterieller Fehlbesiedlung sind. Diese Unterschiede bleiben auch Jahre nach der Entbindung bestehen.13 Aber selbst eine vaginale Geburt ist keine Garantie dafür, dass das Neugeborene eine gesunde Darmflora erhält, weil die meisten Frauen, die ein Kind bekommen, mit denselben Störfaktoren zu kämpfen haben wie der Rest von uns; deshalb haben sie kein ausgewogenes Mikrobiom, das sie an ihr Kind weitergeben könnten. Die Situation wird noch dadurch verschlimmert, dass werdende Mütter zur Zeit der Entbindung oft vorbeugend Antibiotika für einen Dammschnitt und die Verhinderung einer neonatalen Streptokokkeninfektion erhalten. Säuglinge, die nicht gestillt werden, erhalten die Mikroben nur über die Haut ihrer Mutter, aus der Nahrung und der Umwelt, wodurch sich die Zusammensetzung der Mikroben verändert, die sich dadurch auszeichnet, dass die Bakterienarten, Antikörper und Nährstoffe fehlen, die in der Muttermilch enthalten sind. Frühgeborene Kinder erleiden die größte Störung des Mikrobioms, die es gibt, weil sie oft intensiv mit Antibiotika behandelt werden, wenn sie getrennt von ihrer Mutter längere Zeit auf der Intensivstation sind.

Was wäre, wenn eine Frau im gebärfähigen Alter, wie so viele andere Menschen heutzutage, zuckerhaltige Erfrischungsgetränke oder Diätlimonade trinkt, nichtsteroidale Antirheumatika einnimmt, um Menstruationsschmerzen zu lindern, zuvor die Pille oder Spirale zur Empfängnisverhütung verwendet und durch den Konsum von Getreide das Pflanzenschutzmittel Glyphosat aufgenommen hat? Zu den potenziellen Konsequenzen zählen eine verzögerte Entwicklung des Babys in utero und eine Frühgeburt. (Führen Sie sich das vor Augen: Störungen des Mikrobioms einer Schwangeren können eine Frühgeburt auslösen, eine erstaunliche Assoziation.)14 Mütter mit Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und anderen Krankheiten geben ein anderes Mikrobiom weiter als Mütter, die diese Krankheiten nicht haben. Und der Zustand eines veränderten Mikrobioms bleibt noch lange nach der Geburt beim Säugling erhalten.15 Der starke Einfluss des mütterlichen Mikrobioms auf das Kind spiegelt sich darin wider, dass selbst Müttern mit Parodontose – ja: eine Zahnfleischentzündung, die sich weit weg von der Gebärmutter und dem Baby abspielt – ein höheres Risiko haben, eine Frühgeburt zu erleiden und ein Kind mit einem niedrigen Geburtsgewicht auf die Welt zu bringen.16

Stellen Sie sich ein Baby vor, das von einer gesunden Mutter vaginal entbunden und in den ersten beiden Lebensjahren gestillt wird (wie von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen, wird es in den ersten sechs Monaten ausschließlich gestillt und erhält bis zum zweiten Lebensjahr eine Kombination aus Muttermilch, Babymilch und fester Nahrung). Dieses Kind erhält keine Antibiotika oder andere verschreibungspflichtige Medikamente, bekommt gesunde Lebensmittel frei von Glyphosat, Herbizid- oder Pestizidrückständen, es darf mit der Umwelt interagieren, also Erde, Haustiere und andere Kinder anfassen – es darf mit anderen Worten ein gesundes und gesundheitsförderndes Mikrobiom entwickeln, weil die Faktoren, die einer ausgewogenen Mikroben-Zusammensetzung entgegenwirken, minimiert werden, während die Faktoren, die ein gesundes Mikrobiom unterstützen, gefördert werden. Wenn wir die Darmflora-Komposition dieses Kindes analysieren könnten, würde sich im Kolon eine gesunde Mischung von Mikrobenarten zeigen, wobei die Anzahl der Bakterien und Pilze stark abnimmt, wenn wir in das Ileum und Jejunum aufsteigen. Dieses Mikrobiom hat viele gesundheitsfördernde Spezies wie Lactobacillus, Bifidobacterium und Akkermansia; im Krankenhaus erworbene und pathogene Stuhlspezies wären in der Unterzahl. Dieses Kind hat regelmäßige Darmbewegungen, keine Hautausschläge und Allergien, es leidet nicht an Lebensmittelunverträglichkeiten und entwickelt sich in geistiger, emotionaler und körperlicher Hinsicht völlig normal. Dieses Kind befände sich am oberen Ende der menschlichen Gesundheit und hätte eine günstige Darmflora, die ein langes und gesundes Leben unterstützt. Leider wird ein solches theoretisch gesundes Kind in unserer modernen Welt immer mehr zur Ausnahme.

Am unteren Ende des Spektrums stünde ein Kind, das per Kaiserschnitt auf die Welt kommt, wenige Wochen nach der Geburt auf künstliche Babymilch umgestellt wird, bei der Entbindung und mehrmals in der Kindheit Antibiotika erhält und Fertigprodukte wie Fruchtsäfte, Cracker und Pommes vorgesetzt bekommt. Mit der Zeit entwickelt dieses Kind Unverträglichkeiten für gängige Lebensmittel, Asthma, Hautausschläge, gelegentlichen Durchfall sowie Verhaltens- und Lernprobleme. Eine Untersuchung der Darmflora dieses Kindes würde ergeben, dass sich Spezies wie Staphylococcus aureus, Citrobacter, Klebsiella und Salmonellen nicht nur im Kolon, sondern im gesamten GI-Trakt befinden. Der Kinderarzt verschreibt einen Inhalator, Cortisoncreme, Stuhleindickungsmittel und ein Medikament gegen ADHS. Die gesundheitlichen Probleme setzen sich bis in die Jugend und das frühe Erwachsenenalter fort; in dieser Zeit werden Reizdarmsyndrom (IBS), Migräne, Akne und Ekzeme diagnostiziert, auf die Gewichtsprobleme, Prädiabetes und Fettleber folgen.

Ich befürchte, dass Ihnen dieser letztgenannte Zustand bekannt vorkommt.

Offizielle Untersuchungen des Zusammenhangs zwischen einem gestörten Mikrobiom und verschiedenen Kinderkrankheiten haben ein komplexes Gewirr an Veränderungen der Darmflora offenbart. Ein gestörtes Mikrobiom wurde zum Beispiel in den Atemwegen und im Darm von asthmatischen Kindern festgestellt, wie auch im Darm von Kindern mit einem Risiko für Typ-1-Diabetes und Gedeihstörungen. Bei Kindern, die in den ersten beiden Lebensjahren Durchfall bekommen, zeigt sich im weiteren Kindheitsverlauf eine verzögerte kognitive und körperliche Entwicklung.17

Es geht hier nicht um eine theoretische Veränderung der Darmbakterien, die nur für Mikrobiologen von Interesse ist. Dies stellt eine dramatische Veränderung der Zusammensetzung der mikrobiellen Partner dar, mit denen wir zusammenleben, Veränderungen mit dem Potenzial, unsere Gesundheit ab der Geburt erheblich zu beeinflussen.

Ein Konzept, das zum Scheitern verurteilt ist

Es gibt keine künstliche Babymilch, ganz gleich wie sorgfältig ihr Rezept erstellt wurde, die den gesundheitlichen Vorteilen der Muttermilch ebenbürtig ist. Die Zusammensetzung der Muttermilch ist das Resultat von Jahrmillionen der menschlichen Evolution. Sie ist eine natürliche Quelle von Faktoren wie Antikörpern, präbiotischen Ballaststoffen und Oligosacchariden, probiotischen Mikroben, Phospholipiden, Bacteriocinen (natürliche, von Mikroben gebildete Antibiotika), die das Wachstum ungesunder Bakterien hemmen, und anderen Komponenten, die für die Gesundheit und das Wachstum des Säuglings wichtig sind. Keine kommerziell erhältliche Babymilch ist auch nur annähernd in der Lage, die Komposition von Muttermilch nachzuahmen. Vor 50.000, 100.000 oder einer Million Jahren gab es keine künstliche Babymilch für Säuglinge, die über den Geburtskanal das Licht der Welt erblickten – nur Muttermilch.

Keine Frage: Die Hersteller von Babymilch haben sich bemüht, ihre Produkte durch Biozutaten und präbiotische Ballaststoffe zu verbessern, und mittlerweile wird sogar A2-Casein verwendet (das die menschliche Form von Casein-Protein widerspiegelt), um das Potenzial für Autoimmunerkrankungen zu verringern. Aber trotz dieser Innovationen ist die Zusammensetzung der Zutaten weiterhin fehlerhaft, beispielsweise werden fettfreie Milch (Muttermilch hat einen Fettanteil von 4–5 Prozent und ähnelt damit Kuh-Vollmilch) und genmanipulierte Zutaten verwendet, die mit einer Reihe von Problemen einhergehen, unter anderem der Störung des Mikrobioms des Säuglings.

Bevor solche Verbesserungen eingeführt wurden, war die Babymilchindustrie von Skandalen gezeichnet. Nestlé zum Beispiel entdeckte Afrika als lukrativen Absatzmarkt und vermittelte den Frauen dort den Eindruck, künstliche Babymilch sei natürlicher Muttermilch überlegen. Diesen armen Frauen, die mit der Zeit gehen wollten, wurde ein Produkt nahegelegt, das in der Folge mit dem Tod von Millionen von Kindern durch Mangelernährung in Verbindung gebracht wurde (vor allem weil die Mütter aus Kostengründen die Babymilch verdünnten). In den USA berichtete die New York Times, wie die Hersteller von Babymilch Ärzte und Krankenhäuser mit finanziellen Zuwendungen bedachten, wenn sie jungen Müttern bei ihrer Entlassung Geschenksets mit Babymilchproben gaben; diese Praxis führte dazu, dass in den ersten beiden Monaten nach der Geburt die Anzahl der Infektionen bei Säuglingen um das 16-Fache stieg.18

Wenn ein Säugling nicht mit Muttermilch gefüttert wird, hat das echte Konsequenzen. Säuglinge, die gestillt werden, haben größere Populationen der probiotischen Bakterienarten Lactobacillus und Bifidobacterium, während Enterococcus und Enterobacter – Spezies, die normalerweise im Kolon leben und charakteristisch für eine bakterielle Fehlbesiedlung sind – bei Kindern vorherrschen, die mit Babymilch gefüttert werden.19 In einer Analyse, die vom Office on Women’s Health in Auftrag gegeben wurde, das dem US-amerikanischen Gesundheitsministerium angehört, stellte sich heraus, dass Kinder, die in den ersten drei Lebensmonaten oder länger gestillt wurden, in 42 Prozent der Fälle seltener eine atopische Dermatitis entwickelten, ein um 27 bis 40 Prozent geringeres Asthmarisiko und 50 Prozent weniger Ohrinfektionen bekamen.20 Im weiteren Lebensverlauf war ihr Risiko für Adipositas und Typ-2-Diabetes geringer, und sie hatten einen durchschnittlich höheren Intelligenzquotienten (IQ). Es hat also viele Vorteile, wenn ein Kind ein gesünderes Mikrobiom erhält, und alles nimmt seinen Anfang mit den wertvollen Beiträgen der Mutter.

Die Mikrobe Bifidobacterium infantis spielt eine besonders wichtige Rolle für die frühe Gesundheit des Säuglings, weil sie das intestinale Mikrobiom eines Säuglings dominieren soll. Diese Spezies ist auf einzigartige Weise in der Lage, die in der Muttermilch enthaltenen Oligosaccharide (die in künstlicher Babymilch nicht enthalten sind) zu verstoffwechseln. 90 Prozent der heutigen Säuglinge fehlt diese Spezies komplett. Es liegen Belege dafür vor, dass die Verabreichung dieser Mikrobe in Form eines Probiotikums dem Kind ermöglicht, die Milch-Oligosaccharide zu verstoffwechseln, während sie auch die Anzahl der ungesunden Stuhlorganismen verringert.21 (Im weiteren Verlauf des Buches werde ich Eltern zeigen, wie sie einen Joghurt mit B. infantis herstellen können, den Mütter essen können, wodurch sie diese Mikrobe so an das Neugeborene weitergeben können, wie es von der Natur beabsichtigt ist: indem das Baby den Geburtskanal passiert und Muttermilch trinkt.)

Antibiotika sind die Medikamente, die Kindern am häufigsten verschrieben werden. Es wird geschätzt, dass bis zu 50 Prozent der Antibiotika-Verschreibungen unnötig sind, weil sie für obere Atemwegsinfekte und Mittelohrentzündungen verschrieben werden, die nicht von Bakterien, sondern von Viren verursacht werden, gegen die Antibiotika nichts ausrichten können. Statt Schmalspektrum-Antibiotika mit geringeren Konsequenzen zu verwenden, greifen Kinderärzte oft auf Breitbandantibiotika zurück, die ein großes Spektrum an Bakterienspezies vernichten und die Proliferation von Pilzen begünstigen (die durch die Dezimierung der Bakterien weniger Nahrungskonkurrenz haben). Kinder, die Antibiotika erhalten haben, sind anfälliger für Übergewicht, Allergien, Autoimmunerkrankungen und wiederkehrende Infekte.22 Heute gibt es praktisch niemanden mehr, der in seiner Kindheit und Jugend nicht mindestens einmal ein Antibiotikum genommen hat, und dieser leichtfertige Umgang bringt viele langfristige Konsequenzen mit sich.

Viele von uns haben als Säuglinge und Kinder einen holprigen mikrobiellen Start, und dieser bedauerliche Zustand setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort. Das adulte Mikrobiom ist das kumulative Ergebnis der Mikrobiomstörungen, die von der Geburt bis in die Pubertät eingetreten sind, wie auch von Defiziten, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden. Allein in diesem Jahr wird jedem zweiten oder dritten Erwachsenen ein Antibiotikum verschrieben.23 Aber Erwachsene tun noch viel mehr, um die mikrobielle Zusammensetzung in ihrem Körper aus dem Lot zu bringen. Sie nehmen verschreibungspflichtige Medikamente, die die Magensäure verringern, die eine natürliche Barriere für Mikroben ist, die von der Speiseröhre absteigen bzw. vom Kolon aufsteigen, wodurch einer bakteriellen Besiedlung des gesamten GI-Trakts der Boden bereitet wird.24 Millionen von Menschen nehmen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac bei Gelenk- oder Regelschmerzen, Migräne oder anderen Beschwerden. Durch die Verwendung von NSAR entwickeln viele nicht nur einen asymptomatischen Dünndarmschaden, diese Medikamente laden Bakterienarten überdies dazu ein, sich im oberen Anteil des Darms niederzulassen.25 Der Konsum zuckerhaltiger Erfrischungsgetränke und Snacks – also Ernährungsgewohnheiten, wie sie Millionen von Amerikanern pflegen – kultiviert ebenfalls die bakterielle Besiedlung des Dünndarms, in dem diese Spezies nichts zu suchen haben.26 Viele Beweise deuten darauf hin, dass Herbizid- und Pestizidrückstände in der Nahrung das Mikrobiom verändern, ebenso auch Glyphosat, das Pflanzenschutzmittel für genmanipulierten Mais und Sojabohnen, das ebenfalls ein starkes Antibiotikum ist.27 Darüber hinaus hat sich in einer frappierenden Überschneidung von Klimawandel und menschlichem Mikrobiom gezeigt, dass erhöhte Werte von bodennahem Ozon, das Produkt von Fahrzeugabgasen, die Sonnenlicht ausgesetzt werden, die Zusammensetzung der Darmflora verändern.28

Wie wir besprochen haben, führen die toxischen Nebenprodukte der lebenden und toten Mikroben, die aus dem GI-Trakt transportiert werden, zur sogenannten Endotoxämie, die eine Entzündungsreaktion auslöst und entlegene Körperteile vom großen Zeh bis zum Gehirn krank machen kann. Das ist der Grund dafür, warum die Bakterien im GI-Trakt einen Hautausschlag im Gesicht namens Rosacea, Fibromyalgie oder eine Frühgeburt bewirken können. Man fängt auch an zu begreifen, dass eine entzündungshemmende Salbe gegen Rosacea, entzündungshemmende Tabletten, die die Schmerzleitung bei Fibromyalgie blockieren, und ein Antidepressivum, das den Serotoninspiegel hebt, keinen Beitrag dazu leisten, die eigentliche Ursache zu behandeln – die ungesunde Ausbreitung von Bakterienpopulationen und die Flut an toxischen Stoffwechselprodukten, die sie erzeugen –, und die Situation vielleicht sogar verschlimmern. Ein verschreibungspflichtiges Medikament verschafft vielleicht kurzfristige Linderung bei einem Fibromyalgie-Schub, oder eine FODMAP-arme Ernährung kann bei Reizdarmsyndrom einen Blähbauch und Durchfall verringern (FODMAPs, Ballaststoffe und Zucker, die von Mikroben verstoffwechselt werden, sind ein Problem, auf das ich später noch eingehen werde), aber deswegen ist man trotzdem noch allen anderen Konsequenzen einer unbehandelten bakteriellen Fehlbesiedlung ausgesetzt, die im Darm und andernorts stattgefunden hat.

Ist die Menschheit zu weit gegangen?

Moderne Lebensgewohnheiten haben einer mikrobiellen Expansion Tür und Tor geöffnet, die Ihrem Körper schadet. Wenn es nichts bringt, Ihre CO2-Bilanz zu verringern oder – im übertragenen Sinn – Dämme gegen den steigenden Meeresspiegel im Körper zu errichten, was kann man tun, um der mikrobiellen Expansion und Invasion Einhalt zu gebieten? Zum Glück sehr viel.

Ich werde noch ausführlich erklären, welche Konsequenzen eine bakterielle und mykotische Fehlbesiedlung und Endotoxämie mit sich bringen. Wir werden besprechen, was Sie tun können, um diese Prozesse zu unterbinden und die mikrobiellen Hausbesetzer aus den Orten zu vertreiben, an denen sie nicht willkommen sind. Ich werde Ihnen auch Tricks zeigen, wie Sie vorteilhafte Bakterienspezies in Ihrem Mikrobiom kultivieren, um bestimmte, oft spektakuläre gesundheitliche Wirkungen zu erzielen. Ja, Sie können erstaunliche Veränderungen erzielen, indem Sie Ihr inneres Ökosystem pflegen.

Aber besprechen wir zunächst, wie sich eine bakterielle Fehlbesiedlung äußert, damit Sie die Konsequenzen des Verzehrs eines mit E. coli belasteten Hamburgers nicht mit den chronischen und verheerenden Auswirkungen einer bakteriellen und mykotischen Proliferation verwechseln.

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Die Geister vergangener Mikroben

Die Darmflora ist auch nicht mehr das, was sie früher einmal war.

Immer und immer wieder lehrt uns das Leben Dinge, die uns dazu zwingen, unsere täglichen Gewohnheiten zu überdenken: Es ist eine schlechte Idee, sein Leben am Smartphone zu verbringen, es hat gesundheitliche Folgen, wenn man weniger schläft, um mehr Arbeit und Freizeit in seinen Alltag zu pressen, und Fastfood, das am Drive-through-Schalter einer Fastfood-Filiale in Empfang genommen wird, ist für Menschen keine natürliche, ausgewogene Ernährung. Die Auffrischung der Grundlektionen des Lebens und der Gesundheit ist vor allem in der Welt des Mikrobioms in jeder Hinsicht lohnenswert und auch notwendig.

Denken wir darüber nach, wie das moderne Leben zum Niedergang einer Vielzahl von Bakterienarten geführt hat, die für die menschliche Gesundheit wichtige Funktionen erfüllen. Das ist das Äquivalent zu einem inneren Massenaussterben, das wir aber zum Glück rückgängig machen können.

In der Menge untergehen

Moderne Methoden zur Identifikation von Mikroben, die im menschlichen GI-Trakt leben, waren vor einem Jahrhundert noch nicht verfügbar, nicht einmal in den Jahren, als Ronald Reagan Präsident der Vereinigten Staaten war. Die Methoden waren primitiv, unvollständig und fußten darauf, dass die entnommenen Mikroben in einer Petrischale oder einem ähnlichen Behälter wuchsen; das ist in etwa so, als würde man durch ein Schlüsselloch in die 10 Meter lange Welt des menschlichen GI-Trakts spähen und nur einen Bruchteil der Kleinstlebewesen erblicken, die dort leben. Mit diesen primitiven Methoden war es nicht möglich, sogenannte anaerobe Arten zu züchten, weil sie sterben, sobald sie mit Luft oder Sauerstoff in Berührung kommen; trotzdem ist das menschliche Mikrobiom voll von solchen Anaerobiern (Organismen, die keinen Sauerstoff zum Leben brauchen).

Neue Methoden, die auf DNA-Markern basieren, haben ein Universum von Lebewesen offenbart, zu denen die zuvor unidentifizierten Anaerobier zählen. Diese Methoden identifizieren Mikroben anhand des Codes, der in die DNA eines Organismus eingeschrieben ist, die dieser Art eigen ist (und dem Stamm, ein Problem, auf das wir noch eingehen werden), und DNA-Identifikationsmethoden werden durch die An- oder Abwesenheit von Sauerstoff nicht beeinflusst. Neue Methoden ermöglichen uns auch detaillierte Vergleiche zwischen dem modernen Mikrobiom und dem Mikrobiom der frühen Menschen, die modernen Störfaktoren nicht ausgesetzt waren. Solche Untersuchungen offenbaren, dass sich das moderne Mikrobiom stark von den Mikrobiomen der Vergangenheit unterscheidet. Kein Wunder: Denken Sie nur einmal daran, dass es in der Generation unserer Urgroßeltern, also vor gar nicht allzu langer Zeit, weniger Adipositas, Typ-2-Diabetes, Autoimmunerkrankungen und soziale Isolation gab und Dinge wie Glyphosat, Diätlimonade oder allgegenwärtige Industriechemikalien unbekannt waren.

Untersuchungen antiker Mikrobiome, die in Knochen, versteinerten Fäkalien und Zahnplaque enthalten sind, sagen uns, dass vor Tausenden von Jahren die Menschen völlig andere Mikrobenarten besaßen als heute. Was an diesen Analysen besonders faszinierend ist, ist die Tatsache, dass die Mikrobiome antiker Kulturen auf verschiedenen Kontinenten erhebliche Parallelen aufweisen. Fossilien, die in tropischen Höhlen entdeckt wurden, und Fäkalien, die Eismumien entnommen werden konnten, weisen ähnliche Mikrobiome auf. Die größten Unterschiede zeigen sich, wenn man ein beliebiges antikes Mikrobiom mit dem Mikrobiom moderner Menschen vergleicht.29 Als die Menschen ihr Nomadenleben als Jäger und Sammler aufgaben und anfingen, Ackerbau zu betreiben, veränderte sich die Zusammensetzung des Mikrobioms, das sich an die veränderten Ernährungsgewohnheiten anpasste: Die Vielfalt der pflanzlichen Kost nahm ab, und man konsumierte mehr stärkereiche Kulturpflanzen wie Mais und Weizen. Die nächste große Veränderung der Mikrobiom-Zusammensetzung trat ein, als die Menschen Städte gründeten, mit Antibiotika in Berührung kamen und sich immer stärker auf Getreide, Zucker und verarbeitete Lebensmittel verließen.

Wie ich bereits in Kapitel 2 erwähnte, haben in jüngerer Vergangenheit zahlreiche Faktoren wie Antibiotika und Eiscreme die Zusammensetzung der Mikroorganismen verändert, die im menschlichen Körper leben. Wenn man sie mit den Bakterienarten vergleicht, die es noch 1960 gab, stellt man fest, dass wir Menschen des 21. Jahrhunderts im Vergleich zu allen unseren Vorgängern weniger Bakterienarten im GI-Trakt haben. Faktoren, die das Mikrobiom stören, haben dazu geführt, dass die Population der Bakterienarten schrumpft und weniger vielfältig ist. Viele Arten sind verschwunden, sie sind im großen Mikrobiom-Ozean untergegangen. Wenn man Mikroben in modernen Stuhlproben analysiert, sehen wir, dass viele Menschen jetzt nur noch wenige nützliche Arten wie Lactobacillus und Bifidobacterium (Milchsäure- und Bifidobakterien) haben, während sie viele Kolibakterien, Shigellen, Pseudomonaden und andere Fäkalmikroben haben, die im modernen GI-Trakt immer dominanter werden. Was wir aber nicht sehen, sind die Arten, die aus dem modernen Mikrobiom verschwunden sind. Weil es weder Geburtsurkunden noch Geister gibt, die uns genau sagen könnten, welche Mikroben verschwunden sind, sind wir darauf angewiesen, moderne Mikrobiome mit den Mikrobiomen der Vergangenheit zu vergleichen.

Die Identifikation fehlender Mikroben ist schwerer als die Identifikation vorhandener Mikroben, deren Notwendigkeit fraglich ist. DNA-Analysen werfen ein Schlaglicht auf diese Unterschiede. Eine internationale Forschergruppe unternahm vor einiger Zeit beispielsweise einen gewaltigen Kraftakt und entdeckte Tausende zuvor unidentifizierter Arten in westlichen und nicht westlichen Populationen.30 Wenn die Forscher diese neu entdeckten Arten untersuchen, werden wir viele spannende Dinge darüber lernen, wie man dieses Füllhorn von Mikroben zum eigenen Vorteil nutzt. Weil ähnliche Methoden auf die Mikrobiome der letzten Jäger und Sammler auf dem Planeten und die Überreste antiker Mikrobiome angewendet werden, werden wir vielleicht bald über umfangreiche Kataloge der vielen Arten verfügen, die wir verloren haben.