New Lendt Hamburg - Caro Sand - E-Book

New Lendt Hamburg E-Book

Caro Sand

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Beschreibung

Getrennt durch Jahrhunderte, vereint durch ein Ziel: Liv und Adrian riskieren alles, um ein Leben zu retten. Liv will nur eines: ihren kranken Vater vor dem Tod bewahren. Ein Hinweis führt sie zu einem Alchemisten aus einer längst vergangenen Zeit - Fabién Gurgotte. Er allein verfügt über das nötige Wissen, ihren Vater zu retten. Zum Glück kennt sie Adrian und sein Geheimnis: Er ist der Behüter einer geheimen Zeitkuppel und stammt aus dem Berlin des 14. Jahrhunderts. Verantwortlich für das Leben der Bewohner unter der Kuppel ist er bereit, auch Liv zu helfen, zumal sie sich in sein Herz geschlichen hat. Gemeinsam fassen sie den Plan, von Berlin nach Hamburg zu reisen, um den Alchemisten Fabién Gurgotte dort aufzuspüren. Kaum in der Hansestadt angekommen, verschwindet Liv jedoch spurlos. Verzweifelt versucht Adrian, sie zu finden, sieht sich jedoch mit den Gefahren der Moderne konfrontiert. Schließlich wird er sogar von der Polizei festgenommen. Liv ist ungewollt allein in die Zeitkuppel und in die Fänge von Johannes IV von Eichenthurm, selbsternannter König über das Hamburg des 14. Jahrhunderts, geraten. Er zwingt sie, ihm Untertan zu sein. Entsetzt erfährt Liv, dass der Alchemist Gurgotte verschwunden ist und das dort von ihm erschaffene Zeitreich sich selbst überlassen hat. Wird es Adrian gelingen, die Gefahren der Moderne zu bezwingen und zu Liv zu gelangen? Können sie gemeinsam den verschwundenen Alchemisten rechtzeitig aufspüren? Die Uhr tickt - selbst wenn sie unter der Zeitkuppel stillsteht. Erlebe eine mitreißende Geschichte über Widerstand, Mut und Willensstärke. Folge Liv ins heutige Hamburg und verliere dich in den Abgründen dieser Stadt im Mittelalter. Detailverliebte Kapitelzierden und Illustrationen begleiten dich auf dieser spannungsgeladenen Reise durch die Zeit.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

PROLOG

LIV

ADRIAN

LIV

ROLAND

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

JOHANNES

ADRIAN

LIV

ADRIAN

JOHANNES

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

ADRIAN

LIV

EPILOG

STADTTORE ZUR ZEIT DES 14. JAHRHUNDERTS

PROLOG

Fabién hatte es so satt.

Hätte er gewusst, dass Johannes IV. von Eichenthurm noch größenwahnsinniger war als sein Vetter in Berlin, er hätte sich bestimmt nicht darauf eingelassen, diesem ebenfalls eine Zeitkuppel zu erschaffen. Nie zuvor hatte er einen Menschen erlebt, der so selbstherrlich und unberechenbar war.

Criquote und Berschandt, die beiden anderen Hofalchemisten, schienen sich dagegen in NEW LENDT wohl zu fühlen. Fabién schnaubte. Die Lüstlinge frönten, ebenso wie der selbsternannte König über Hamburg, ungezügelt ihrer Frivolität. Halunken waren sie, die glaubten, weiß Gott was erschaffen zu haben. Dabei hatten sie ihre Ideen nur bei den alten Ägyptern gestohlen und auf dieser Grundlage die Gerätschaft konstruiert. Doch er war es gewesen, der sie zu dem gemacht hatte, was sie heute war: eine Apparatur, die die Zeit konservierte.

Seither hing alles ausschließlich an ihm. Er allein hatte die Gerätschaft modifiziert und er allein sorgte dafür, dass die Kuppel stabil und reibungslos funktionierte. Während er tüftelte und schuftete, genossen die anderen in vollen Zügen das Leben.

Aber jetzt war Schluss damit!

Wie oft hatte er den Zorn des Königs über sich ergehen lassen müssen?

Wenn es nach ihm ginge, könnte von Eichenthurm in seinen Gemächern verrotten.

»Gurgotte! Wo steckst du? Wachen! Holt mir sofort diesen Taugenichts her! Der kann was erleben, wenn ich ihn in die Finger bekomme«, hörte er auch nun wieder den Machthaber im Thronsaal toben.

Nein! Da mach ich nicht mehr mit!

Genug ist genug! Es reicht!

Gurgotte raffte notdürftig sein Hab und Gut zusammen. Wichtig war der Lederbeutel mit den Goldmünzen. Ohne die Gulden, Portugaleser und Taler, die er heimlich aus von Eichenthurms Schatzkammer entwendet hatte, hätte er wenig Möglichkeiten, nach Lübeck zu gelangen. Ein Bündel mit drei Extraktoren, zwei handlichen Metallblöcken und drei Fläschchen mit verschiedenen Flüssigkeiten sowie eine gute Handvoll Bernsteine hatte er vorsorglich bereits nach dem letzten Zornesausbruch von Eichenthurms gepackt und in einer Nische seines Labors hinter einem dicken Buch versteckt. Er zog die gebundene Blattsammlung des Liber de Natura rerum heraus und griff sich sein Paket. Noch einmal glitt sein Blick über die Reagenzgläser, Kolben und Schriftstücke. Nein, mehr benötigte er nicht. Alles andere hatte er in seinem Kopf. Eiligen Schrittes begab er sich zu einem Regal im hinteren Bereich des Labors, zog an einer der Seitenwände des Regals und öffnete dadurch den dahinter verborgenen Durchgang. Bevor er die enge Wendeltreppe hinuntereilte, zog er an Lederbändern, die er an der Rückseite des Regals eigens dafür angebracht hatte, und verschloss sorgsam den Eingang wieder.

Gerade noch rechtzeitig, denn als er sich zur Treppe umwandte, hörte er, wie die Labortür aufgestoßen wurde, und ein Wachmann rief: »Hier ist er auch nicht!«

LIV

»Was hat er gesagt?«, fragte Liv ungeduldig, als Adrian am Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain zu ihr trat, und steckte ihr Handy, mit dem sie sich die Zeit vertrieben hatte, in die Hosentasche. Sie versuchte, in seinem Gesicht zu lesen. »Oh weh, du siehst bedrückt aus.« Sorge machte sich in ihr breit, während sie ihm zum Antworten Raum ließ. Schweigend setzte er sich auf den Brunnenrand. Sie ließ ihn nicht aus den Augen und setzte sich zu ihm.

»Es hat nicht funktioniert, oder? Er lässt dich nicht weg«, sagte sie enttäuscht.

Adrian, der wie an dem Tag, als er ihr das erste Mal auf dem Ku’damm aufgefallen war, in ein einfaches naturweißes, auf der Brust geschnürtes Leinenhemd und in eine Leinenhose in Erdtönen gekleidet war, seufzte und kramte in seiner ledernen Tasche herum, die er stets mit sich führte. Liv wusste, dass sich darin der Extraktor und ein paar kleinere magische Waffen, wie er es nannte, befanden. Gespannt hatte sie ihm gelauscht, als er ihr von einem Hinterhalt im Berlin des Jahres 1630 erzählt hatte, dem er nur unter Einsatz einer dieser magischen Kugeln entgangen war. Nach seiner Beschreibung würde sie diese Waffe am ehesten mit einem Feuerwerkskörper vergleichen. Aber anstelle eine dieser Kugeln förderte er stattdessen ein Schriftstück hervor und hielt es ihr hin. Liv beäugte es kritisch und nahm es zögerlich entgegen.

»Was ist das?«

Wieder seufzte er. »Das ist unser Problem.«

Liv faltete den Zettel auseinander und studierte die kryptischen Zeichen, die sich in Reihen angeordnet darauf befanden.

»Was sind das für Zeichen und wie soll dieser Text meinem Vater helfen, wieder gesund zu werden?«

»Ich habe keine Ahnung, weder was sie bedeuten noch wie man sie entschlüsseln kann. Das ist alles, was mein Herr als Hinweis über das Zeitreich in Hamburg von seinem Vetter bekommen hat und es ist unsere einzige Spur zu dem Alchemisten, der hoffentlich das rückgängig machen kann, was ich deinem Vater angetan habe.« Adrian senkte den Blick und wirkte betroffen.

»Ach, Adrian. Das hast du doch nicht mit Absicht getan und nenn diesen durchgeknallten Typen bitte nicht deinen Herrn.« Er wollte etwas erwidern, als sie schnell sagte: »Ich weiß, ich weiß. Du hast ihm einen Eid geschworen. Aber wir haben darüber gesprochen, was er dir dadurch angetan hat.« Mit Schaudern dachte Liv daran zurück, als er ihr erzählt hatte, wie Raubritter eben dieses Herrn, Roland von Eichenthurm, Adrians Vater kaltblütig getötet hatten. Adrian war damals noch ein Kind gewesen, als sie ihn und seine Mutter Gretha verschleppt hatten. Seit dieser Zeit zwang von Eichenthurm Adrian zur Treue und erpresste ihn damit, bei Nichtgehorsam Gretha zu töten, und dies bereits seit – Liv rechnete im Kopf nach – gut sechshundertfünfzig Jahren. Ihr wurde schwindelig ob des unvorstellbar langen Zeitraums. Und doch saß ihr ein junger Mann im nahezu gleichen Alter gegenüber und ließ ihre Gefühle Achterbahn fahren. Als Hüter einer Zeitkuppel, unter der das Berlin des 14. Jahrhunderts konserviert und geschützt lag, alterte Adrian nur, wenn er den geschützten Raum verließ, um Seelenextrakt zum Erhalt der Kuppel zu sammeln. Hätte sie das mittelalterliche Berlin nicht selbst betreten und die Apparatur zur Erschaffung der Zeitkuppel nicht mit eigenen Augen gesehen, sie hätte ihm seine Geschichte bestimmt nicht geglaubt.

Sie sah, dass er sich nicht wohl fühlte, und ärgerte sich, dass sie ihn mit ihrer Reaktion überfahren und verletzt hatte. Bewusst sanfter fuhr sie fort: »Nennen wir ihn doch einfach …« Liv dachte angestrengt nach. Worte wie Blaffke, Fatzke und Pinkel tauchten auf. Sie schnaubte und grübelte weiter.

»Beißholz«, schlug Adrian vor.

Liv lachte. »Wie kommst du denn darauf?«

»Wenn er wütend ist, bleckt er die Zähne und beißt seine Kiefer so fest aufeinander, dass ich Sorge habe, dass er sich die Zähne ausbeißt. Dann wünsche ich mir ein Beißholz zur Hand, um es ihm zwischen die Zahnreihen zu schieben. Einen Hund entspannt das.«

»Okay.« Liv kicherte. »Nennen wir ihn ab jetzt Beißholz, der harte Hund.«

Erleichtert sah sie, dass Adrian in ihr Lachen einstimmte. »Hast du irgendwelche weiteren Infos von Beißholz bekommen?« Sie musste wieder grinsen. »Gibt es vielleicht ein weiteres Dokument mit einer Erklärung der Symbole oder einem Hinweis, wie man diesen Code knacken kann?«

Er schüttelte den Kopf.

»Sieht irgendwie nach Ortsangaben oder einer Wegbeschreibung aus«, mutmaßte Liv. »Viele dieser Symbole haben so einen, ich nenn es mal Stempel. Schau dieser erste: Es sieht für mich so aus, als wäre links mit der senkrechten Linie der Start und mit der horizontalen Linie die Richtung angegeben. Nur, wo ist dieser Startpunkt, in welche Richtung muss man gehen und wo landet man, wenn man den durchgestrichenen Kreis erreicht hat?« Sie sah Adrian fragend an.

»Ich vermute, dass wir irgendwo in Hamburg starten müssen.«

»Weißt du, wie riesig die Stadt ist? Wo sollen wir da anfangen?«

Adrian zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich war noch nie dort.«

»Warte, ich hab eine Idee«, sagte Liv. »Wann genau ist Gurgotte nach Hamburg gegangen?«

»Lass mich überlegen. Ich war siebzehn Jahre alt, als wir nach Berlin gezogen sind. Gurgotte ging nach Hamburg, da war ich vierundzwanzig. Also muss es das Jahr 1375 gewesen sein. Warum fragst du?«

»Ich denke, es macht Sinn, dass wir herausfinden, wie Hamburg 1375 ausgesehen hat. Ob es Überlieferungen zu seltsamen Vorkommnissen gibt oder ob es etwas von architektonischer Bedeutung gab, ein besonderes Gebäude zum Beispiel, das Johannes IV. von Eichenthurm sich als Herrschaftssitz ausgewählt haben könnte. Was weißt du über ihn? Hast du ihn mal kennengelernt?«

»Kennengelernt nicht, aber zu einem der großen Feste, die«, er stockte und grinste breit, »Beißholz ausgerichtet hat, war auch Johannes von Eichenthurm geladen gewesen. Da habe ich ihn aber nur aus der Ferne bei der An- und Abreise gesehen. Siegfried hat mir geraten, möglichst großen Abstand zu ihm zu halten. Moment, wie hat er ihn nochmal genannt? Exaltierter Geisteskranker. Ja, das waren seine Worte.«

»Puh. Das klingt nicht gut. Das scheint wohl in der Familie zu liegen.«

»Siegfried hat noch gesagt, dass Beißholz dagegen ein Lämmlein wäre. Ich habe mich an seinen Rat gehalten und bin ihm aus dem Weg gegangen. Siegfrieds Einschätzungen haben immer Hand und Fuß.«

»Ich denke, da hast du gut dran getan. Diese Information könnte uns in die Karten spielen. Johannes von Eichenthurm wird sich für seinen Wohnsitz folglich kein einfaches Kaufmannshäuschen ausgesucht haben, sondern eher etwas Exklusives, Hochherrschaftliches würde ich schätzen.«

Adrian nickte.

Sie zog ihr Handy aus der Gesäßtasche ihrer Jeans und tippte los. Neugierig schaute er ihr dabei über die Schulter. »So ein Ding habe ich auch einmal in den Händen gehabt.«

Liv blickte auf. »Jetzt bin ich neugierig. Was hast du damit gemacht?«

»Die Maschine ist im Park neben einem schlafenden Mann im Gras gelegen. Ich habe sie vorsichtig aufgehoben und in sicherer Entfernung erkundet. Zuerst habe ich das Gerät geschüttelt und mir dann ans Ohr gehalten, wie es all die anderen modernen Menschen tun.«

Ein Lächeln stahl sich auf Livs Gesicht. Für sie war ein Handy das Normalste auf der Welt, aber für jemanden, der dem Mittelalter entstammte, musste es absolut spooky sein.

»Doch nichts ist passiert«, fuhr er fort. »Dann habe ich seitlich im Rahmen kleine Knöpfe entdeckt und sie der Reihe nach gedrückt. Der Apparat hat plötzlich vibriert und die Vorderseite leuchtete auf. Ein Muster aus weißen Punkten ist erschienen und ich habe versucht, auch auf diese zu drücken. Falsches Muster ist wie von Zauberhand in strahlend weißer Schrift erschienen. Dann habe ich auf das Feld Notruf getippt und den Apparat erschrocken von mir geworfen, als aus dem Gerät eine Stimme zu hören war. Sie hat so etwas wie Notruf, Rettungsdienst, wo ist der Unfallort? gesagt.«

Liv schmunzelte. Adrians Gesichtsausdruck spiegelte offen seine Empfindungen wider. Sie las darin eine Mischung aus Unverständnis und Abscheu. Trotzdem beobachtete er neugierig jeden Handgriff, den Liv auf ihrem Smartphone verrichtete.

»Willst du mal?« Sie hielt ihm das Handy entgegen. Er schüttelte den Kopf. »Nein, lass mich einfach zuschauen. Und wenn du langsamer damit arbeitest, kann ich begreifen, wie der Apparat funktioniert.«

»Okay. Geht klar.« Liv positionierte das Handy so zwischen ihnen, dass Adrian den erscheinenden Text ebenfalls lesen konnte. »Was wären wir nur ohne dieses Spielzeug?«, sagte Liv mit einem Seufzer und bemerkte, dass Adrian zu einem Kommentar ansetzte, sich diesen aber verbiss. Liv tippte in ein Feld Hamburg im Jahre 1375 und überflog den Text, der ihr angezeigt wurde. Dann gab sie weitere Suchbegriffe hinzu, tippte auf Bilder und vergrößerte sie, um sie sogleich wieder zu verwerfen.

»Sind das Bücher?«, fragte Adrian.

»Ja, teilweise sind es aber nur Auszüge aus alten Schriften. Ich kann diese Texte zur Geschichte Hamburgs aufrufen, wenn sie eingescannt worden sind.«

Schließlich murmelte Liv: »So kommen wir nicht weiter. Hierfür werde ich in die Unibibliothek müssen. Da kann ich besser und detaillierter suchen. Lass uns mal einen Blick auf das Stadtzentrum werfen.«

Liv gab Stadtplan Hamburg ein. Eine Karte erschien. Mit Zeige- und Mittelfinger zog Liv die Karte auf dem Bildschirm größer.

Adrian las: »Rathaus, Jungfernstieg, Hauptbahnhof, Deichtorhallen. Warte!« Aufgeregt unterbrach er Livs Suchvorgang. »Schau, hier sind Straßen, die hören sich an, als kämen sie aus vergangenen Zeiten: Alter Wall, Speersort, Alter Fischmarkt. Oder hier: Schmiedestraße. Schmied ist ein altes Handwerk.«

»Ja, du hast recht. Sogar der Stadtteil heißt Altstadt und es sind alles Straßen im Zentrum von Hamburg. Vermutlich ging von hier die Urbanisierung aus.«

»Meinst du, so wie Cölln und Berlin zu Berlin verschmolzen und dann immer und immer größer geworden sind?«

Liv nickte und vergrößerte die Karte weiter. »Was wäre denn hier repräsentabel genug, dass es das Interesse eines von Eichenthurms wecken könnte?«

»Beißholz hat sich damals in Berlin am Rathaus orientiert.« Ihm schien der neue Name seines Herrn schon leichter über die Lippen zu kommen.

Liv tippte auf Hamburger Rathaus. Ein Bild erschien. »Wow. Nicht schlecht. Das sieht ja prachtvoll aus.«

Adrian nahm ihr das Gerät aus der Hand und legte den Kopf leicht schief, während er das Bild intensiv betrachtete. »Meinst du, dass er hier wohnt?« Er gab ihr das Handy zurück.

»Warte, ich schaue im Netz, wann es erbaut wurde.«

»Im Netz?«, fragte Adrian offenbar irritiert.

»In den Büchern und Daten, auf die wir über mein Telefon zugreifen können. Internet oder das Netz sind Begriffe für diesen virtuellen Raum.«

»Verstehe.«

Kurz sah Liv verdutzt auf, musterte ihn kritisch und musste unwillkürlich schmunzeln. »Ach, wie ärgerlich. Schau, hier steht: Das architektonisch prachtvolle Gebäude an der Kleinen Alster wurde von 1886 bis 1897 im historistischen Stil der norddeutschen Neorenaissance errichtet. Das ist leider ein bisschen zu spät.«

»Ja. Das ist es. Wäre auch zu einfach gewesen«, stimmte er ihr zu. »Welche anderen Gebäude gibt es? Es muss doch vor 1897 auch schon ein Rathaus gegeben haben.«

»Gute Idee! Das lässt sich herausfinden. Ich werde morgen früh einen Abstecher in die Bibliothek machen und alles zusammentragen, was ich über das historische Hamburg finde. Wollen wir uns danach hier wieder treffen? Ich muss gleich los zur Charité. Heute ist das Beratungsgespräch, das ich auf Drängen meiner Mum mit dem Chefarzt der Neurologie führen soll.«

»Wie geht es denn deinem Vater zur Zeit?«

»Sein Zustand verschlechtert sich leider zusehends. Meine Mum und ich haben aber die Hoffnung, dass sich der Neurochirurg in der Charité an den Tumor herantraut und er ihn vielleicht doch entfernen kann.«

Sie sah, dass er betroffen wirkte. Sie wusste, dass er sich dafür verantwortlich fühlte, dass ihr Vater an einem Hirntumor erkrankt war. Sein Tumor saß ausgerechnet auf der Seite, an der Adrian damals, als Liv noch klein gewesen war, die Extraktion von Seelenextrakt an Livs Vater durchgeführt hatte. Zugegeben, ihr Vater hatte in derselben Nacht einen Schlaganfall erlitten. Aber, ob auch der Tumor darauf zurückzuführen war? Vielleicht war das auch einfach nur die Seite, mit der ihr Vater immer telefoniert hatte. So gänzlich geklärt war ja nicht, ob das Senden und Empfangen der Smartphone-Daten vielleicht doch gefährliche Strahlen absonderte. »Willst du mit?«

»Reizen würde es mich schon, an deiner Seite Berlin auf modernen Wegen zu durchqueren. Es gibt so viele Veränderungen, denen ich bisher ausgewichen bin.«

»Dann solltest du auf jeden Fall mitkommen. Wir nehmen den Bus und auf dem Rückweg können wir ein Stück mit der Tram fahren. Dann lernst du heute direkt zwei der Verkehrsmittel kennen. Was meinst du?«

Eine nachdenkliche Falte erschien auf seiner Stirn.

»Ich kauf dir die Tickets und dann gibt es keinen Stress. Los, gib dir einen Ruck. Sei mutig.«

»Ey, ich bin mannhaft«, protestierte er.

»Du bist der tapferste Mensch, den ich kenne«, bestätigte Liv, sprang auf und reichte ihm ihre Hand.

ADRIAN

Adrian war aufgeregt. Er liebte dieses prickelnde Gefühl, das ihn wacher und aufmerksamer machte und die Vorfreude auf ein anstehendes Abenteuer verhieß. Ihm war aber auch ein bisschen mulmig zumute. Schließlich bedeutete es, mit dem Bus zu fahren, dass er sich ein Stück weit fallen lassen und auf Liv vertrauen musste, dass ihm dort keine Gefahr drohte. In diesem engen Raum aus Metall und Glas war er stark in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Würde es zu einer Situation kommen, in der er sich verteidigen musste, musste er diese Tatsache einplanen.

Er stand direkt hinter Liv auf den Stufen, die zum Fahrer hinaufführten, und reckte den Hals, um sich einen Überblick zu verschaffen, womit er konfrontiert sein würde. Der Bus war nur mäßig besetzt, aber mittig im Bus erspähte er ein Fahrrad und einen Kinderwagen, die den Durchgang nach hinten blockierten. Ganz automatisch maß er die Abstände zwischen den Sitzreihen, die Breite und die Länge des Mittelgangs, die Anzahl der Mitreisenden und die sonstigen Gegenstände, soweit er diese von seiner Position aus einsehen konnte.

Kenne alle Nischen, alle Wege, alle Optionen, die die Umgebung bietet, hörte er Siegfried in seinem Kopf. Alles kann zu einer Waffe werden und du kannst alles zur Verteidigung nutzen. Sei immer flexibel und kreativ! Nutze deine Fantasie und sei wachsam!

»Können wir hier vorne sitzen bleiben?«, flüsterte er Liv ins Ohr, nachdem er abgewägt hatte, dass er lieber nah am Ausgang blieb, anstelle hinten im Bus in einer Sackgasse zu sitzen, aus der ein Entkommen schwerlich möglich war, sollte es zu einer Gefahrensituation kommen.

»Na klar.«

»Danke.«

Neugierig beobachtete er Liv beim Kauf der Tickets. Als sie Platz genommen hatten, reichte Liv ihm seine Fahrkarte. Ehrfürchtig drehte und wendete er sie in seinen Händen. Als er zu Liv aufsah, bemerkte er, dass sie über ihn zu schmunzeln schien. Er wollte gerade zum Protest ansetzen, da setzte sich der Bus in Bewegung und nahm Adrians volle Konzentration in Anspruch. Wuselnde Passanten, Radfahrer, Autos, alle schienen auf der Straße mit dem Bus zu konkurrieren und trotzdem erweckte es den Anschein, dass es feste Regeln gab, so dass alle umeinander herumtanzten, ohne sich zu berühren. Adrian war fasziniert, diesen synchronisierten Bewegungen aus einem Fahrzeug heraus beizuwohnen, das so viel schneller fuhr als eine pferdegezogene Kutsche. Er stellte sich vor, wie er ein wendiges Pferd in vollem Galopp durch dieses Gedränge lenken würde, und war sicher, dass es unmöglich war, dies unfallfrei zu absolvieren. In den hinteren Sitzreihen blieb es friedlich und er entspannte sich zusehends. Schließlich genoss er die Fahrt sogar und war enttäuscht, als sie wenig später am Robert-Koch-Platz ausstiegen. In diese Ecke des modernen Berlins hatten ihn seine Streifzüge noch nicht geführt, aber sein Orientierungssinn sagte ihm, dass die Spree ganz in der Nähe verlaufen musste. Den Weg entlang des Flusses war er zu früheren Zeiten nicht nur einmal gelaufen. Er spürte einen Stich in der Herzgegend. Brida – seine erste große Liebe. Sie hätte er geehelicht. Aber vor vierhundert Jahren war es für ihn unvorstellbar gewesen, seinen Eid gegenüber Beißholz zu brechen und die schützende Zeitkuppel von NEW LENDT für Brida zu verlassen, noch dazu hätte er dadurch das Leben seiner Mutter Gretha aufs Spiel gesetzt. Und Brida wiederum hatte sich geweigert, ihn nach NEW LENDT zu begleiten und mit ihm dort zu leben. Er seufzte.

»Hier geht’s lang«, sagte Liv und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

In der Charité angekommen folgten sie den Wegweisern zur Neurologie und Adrian verinnerlichte automatisch jeden Flur, jeden Menschen, jeden Gegenstand. Als sie vor einer geschlossenen Tür stehen blieben, las er auf dem Kunststoffschild, das neben der Tür an der Wand angebracht war: Prof. Dr. med. Skanschik, Direktorin der Klinik für Neurologie, Charité Berlin. Liv klopfte und sie hörten: »Herein!«

Adrian folgte Liv in einen hellen Raum. Mit dem Rücken zum Fenster hieß sie eine brünette Frau mit hochgesteckten Haaren willkommen, wies auf zwei Stühle vor ihrem Tisch und deutete ihnen, sich zu setzen.

»Liv, kann ich draußen warten?«

»Ja klar. Es kann aber ein bisschen dauern.«

»Darüber bin ich mir im Klaren.« Er lächelte Liv zu. »Es dauert, solange es dauert.« Sanft berührte er sie am Handgelenk und ging von Neugier erfüllt zurück in den Flur. Auf ihrem Weg durch das Gebäude hatte er nämlich in verschiedene Zimmer gespäht, in denen schlafende Patienten gelegen hatten. So konnte er das Warten auf Liv wunderbar nutzen, denn er hatte schließlich auch einen Auftrag zu erfüllen.

»Was machst du da?«

Adrian sah auf. Liv stand in der offenen Krankenzimmertür. Hektisch blickte sie sich nach allen Seiten um, dann trat sie zu ihm ins Zimmer und verschloss die Tür hinter sich.

»Bist du verrückt? Doch nicht hier und am hellichten Tag!«, zischte Liv, als sie sich neben ihn stellte. Er hörte ihre Empörung deutlich heraus. Drei, vier, fünf, fertig. Er entfernte den Extraktor von der Schläfe des schlafenden Patienten und sah sie an.

»Doch! Genau jetzt und genau hier«, sagte er mit Nachdruck. »Wie meinst du, habe ich, haben wir, die letzten Jahrhunderte überlebt? Du weißt um meine Aufgabe.«

»Ja, schon, aber …« Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen. »Können wir bitte im Gang weitersprechen«, flüsterte sie. »Bitte!«

Er nickte, verstaute den Extraktor in seiner Tasche und folgte ihr hinaus auf den Flur.

Als er sich versichert hatte, dass niemand sie belauschen konnte, sagte er: »Zwei Extraktionen fehlen mir noch, um meinen heutigen Auftrag abzuschließen. Willst du sehen, wie es funktioniert?«

In Livs Kopf schien es zu arbeiten und Adrian deutete ihr Mienenspiel als ein Hin- und Hergerissensein zwischen Abneigung und Neugier. Der vorwurfsvolle, kritische Gesichtsausdruck verschwand. »Ja, schon.«

Adrian war erleichtert und fühlte sich bestätigt. So hatte er sie eingeschätzt: neugierig und mutig.

»Aber bitte nicht hier.«

»Geht klar. Was hat der Arzt gesagt?«

»Die Ärztin«, verbesserte Liv ihn. »Mein Dad hat eine winzige Chance. Sie sagt, sie müssen noch weitere Untersuchungen machen. Wenn alle Ergebnisse vorliegen, kann sie abschätzen, ob der Tumor operabel ist. In einer Woche wird mein Vater stationär aufgenommen. Jetzt müssen meine Mum und ich den Transport von Cambridge nach Berlin organisieren.«

»Das ist eine gute Nachricht, oder?«

»Zumindest besteht jetzt ein bisschen Hoffnung.«

»Nichtsdestotrotz sollten wir alles daransetzen, das Extrakt deines Vaters zurückzugewinnen. Ich bin es dir und ihm schuldig.« Adrian fühlte sich mies. Er war sich sicher, dass er den Zustand ihres Vaters verursacht hatte, und wollte es um jeden Preis wiedergutmachen.

Wenn es eine Chance gab, Livs Vater zu helfen, mussten sie diese ergreifen. Das stand für ihn außer Frage. Und der Einzige, der das Wissen zur Rückgewinnung und Reimplantation des Seelenextrakts von Livs Vater hatte, war der Alchemist Gurgotte, der vor über sechshundert Jahren nach Hamburg gereist war, um dort eine weitere Zeitkuppel für den Vetter seines Herrn zu erbauen. Auch wenn Beißholz hundertmal in Panik verfällt, dass NEW LENDT währenddessen ungeschützt ist, wenn ich mit Liv nach Hamburg reise – Livs Vater ist wichtiger!

Liv nahm seine Hand und trat ganz nah an ihn heran. »Wir ziehen das durch mit Hamburg«, flüsterte sie in sein Ohr. »So oder so sollten wir alle Möglichkeiten ausschöpfen, die meinem Dad helfen können, wieder gesund zu werden. Laut meiner Mum hat er sich durch deine Extraktion damals, als ich dich als kleines Mädchen am Bett meiner Eltern erwischt habe, verändert, wurde ungeduldig und herrisch. Auch wenn wir ihn durch die Rückgabe seines Seelenfadens allein darin unterstützen, dass er wieder Freude und Liebe empfinden kann, haben wir doch schon gewonnen, oder? Und außerdem bin ich dermaßen neugierig, ob wir Gurgotte wirklich finden. Du hattest erzählt, dass er dort ebenfalls eine Zeitkuppel erschaffen hat. Wir müssen einfach dorthin. Bis auf den Gewölbegang und einen Blick in die Kammer des Apparates bei dir hier in Berlin habe ich ja leider noch nicht mehr von deinem Zuhause gesehen. Zu gerne möchte ich es selbst erleben, wie sich konservierte Zeit anfühlt. Und wenn ich mir vorstelle, dass man mit wenigen Schritten einfach so mitten im 14. Jahrhundert stehen kann! Ist das nicht der absolute Wahnsinn? Was für eine Chance!«

Adrian durchströmte ein Gefühl größter Zuneigung. Wie wundervoll, dass Liv sein Leben nicht ablehnte, so wie Brida es getan hatte. Er spürte in sich hinein. Diesmal vermisste er den Stich ins Herz, den die Gedanken an Brida sonst immer in ihm hervorriefen. Er legte den Kopf leicht schief und betrachtete Liv.

Du hast dich in mein Herz geschlichen und meinen Schmerz vergehen lassen, du wunderbarer Mensch, Kriegerin, nein, Hüterin des Lichts.

»Hörst du mir eigentlich zu?« Liv stupste ihn gegen die Brust. Adrian schüttelte die verträumten Gedanken ab und sah, dass Liv grinste. Eifrig nickte er.

LIV

Dieses Gebäude ist doch immer wieder beeindruckend, dachte Liv, als sie auf den beigen, streng strukturierten Gebäudekomplex der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin zuschritt. Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum wirkte durch die geometrische Anordnung der Marmorstreben in der Fassade auf Liv wie zwei überdimensionale quaderförmige Bücherregale unterschiedlicher Höhe. Unzählige dicke und dünne Bücher in Form von Fenstern waren in die Gebäudeaußenseite hineingeschoben worden. Eine perfekte Symbiose aus Form und Funktion, dachte Liv, als sie den nicht minder eindrucksvollen Innenraum betrat. Dieser war weit offen und lichtdurchflutet. Die geometrische Gliederung der Marmorfassade fand sich im Holz wieder. Liv seufzte zufrieden. Nicht ohne Grund studierte sie Architektur.

In der sechsten Etage suchte sie sich einen Arbeitsplatz am Fenster mit Blick auf den Fernsehturm. Auf diesem Stockwerk lagerten die historischen Schriften und die wertvollen Werke. Sie hängte ihre Jacke über die Stuhllehne und holte ihr Tablet, einen Stadtplan von Hamburg, den sie sich am Morgen noch schnell in der kleinen Buchhandlung in ihrer Straße gekauft hatte, einen Spiralblock und ihr Mäppchen mit Bleistiften und Textmarkern heraus und ordnete alles vor sich auf dem Tisch an. Dann schlug sie den Spiralblock auf und betrachtete ihre Begriffssammlung, die sie am Abend davor zuhause vorbereitet hatte. Dort stand:

Alles rund um die Stadtgründung

Altes Hamburger Rathaus an der Trostbrücke

Prachtvolle Gebäude im Hamburg des 14. Jh.?

Hanse

Bürgerschaft

Hexenprozesse

Alchemie

Magie und Zauberei

Kirche

Handel und Handelsrouten

Seeräuber

Besondere Vorkommnisse in den letzten Jahrhunderten?

Hinweise auf NEW LENDT?

»Gut«, sagte Liv mit gedämpfter Stimme. »Dann mal ran an die Bücher.«

Das ist ja spannend, murmelte Liv, als sie einen Artikel über den Hamburger Kaufmann und Alchemisten Hennig Brand studierte, der im 17. Jahrhundert zum Stein der Weisen geforscht hatte. Anscheinend hatte sein Ziel darin bestanden, aus unedlen Metallen Gold zu machen, doch anstatt Gold herzustellen, hatte er das Element Phosphor entdeckt und es Kaltes Feuer genannt.

Stand der Stein der Weisen nicht für das Erlangen von Unsterblichkeit? Liv war irritiert und gab den Suchbegriff Stein der Weisen