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Eine junge Frau Ende Zwanzig kündigt ihren sicheren Job in Deutschland, um sich ihren Traum zu erfüllen: für rund ein halbes Jahr im Big Apple leben und arbeiten. In "New York City and Me" lässt Cornelia B. Gräf ihre Leser dieses Abenteuer hautnah miterleben. Mit einer gehörigen Portion Humor und feiner Beobachtungsgabe schildert sie die Achterbahn der Gefühle, die sie dort durchlebt, gewährt Einblicke in das oftmals skurrile Alltagsleben in der Ostküstenmetropole und liefert ganz nebenbei eine Vielzahl an Insider-Tipps für den nächsten New-York-Urlaub.
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Seitenzahl: 464
Veröffentlichungsjahr: 2015
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New York City and Me
Große Kleinigkeiten & kleine Großartigkeiten aus der tollsten Stadt der Welt
Cornelia B. Gräf
Impressum
© 2015 Cornelia B. Gräf
Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-7375-7864-6
Inhalt
Prolog
Here I am
Das Fenster des Grauens (und was sonst noch geschah)
Nachdenkliches, Feines, Kurioses
Musik liegt in der Luft…
Servus, Grüezi und Ni Hao
Go east
Hin und her und kreuz und quer
Rien ne va plus
It’s a new dawn, it’s a new day, it’s a new life
Von der Hölle ins Paradies
Das lebende Voodoo-Püppchen
I need to know now, can you love me again?
Sunday sunny Sunday
Man spricht Deutsch
Bericht aus dem Bunker
Hitzefrei!
Brüh im Glanze dieses Glückes
Hot autumn in the City
Schwarze Lilien aus Tennessee
Unterwegs mit der Flip-Flop-Armada
Bei mir piept’s wohl…
Birthday Party in the Park
An Tagen wie diesen…
Justin, I love you!
Bücher, Bolognese, Box Office, Buffalo
Raschel husch husch nag nag
Reeperbahn meets Silicon Alley
Nein, Elmo, ich will kein Foto mit dir!
New York’s next Topmodel?!
Feeling hot hot hot
Meet the Elite
Goldener Herbst in Cold Spring
Helau…äh...Halloween!
Ein ganz alltäglicher Samstag
Ja, wo laufen sie denn…?!
Going cold turkey
Rabimmel, rabammel, rabumm!
Skyscraper
Keller-Entdeckungen
Unterwegs mit Freunden
Das Topspiel
Miaaauuuuu!
Feliz Thanksgivanukkah
Shop small Sat…Sunday
740 Park Avenue
Spektakel, Spektakel
Oh du fröhliche, oh du traurige Weihnachtszeit
Happy New Year!
Neues Jahr, neue Wohnung, neues Glück?
Winterfreuden, Winterleiden
Die Amerikanisierung schreitet voran
Von Gäulen und Falken
Ärzte-Odyssee
Ooommmmmm
Bye bye GCRI
Are you excited?!
Back home
Epilog – You can check-out any time you like, but you can never leave
Danke
Register
In New York City and Me möchte ich über die großen und kleinen Dinge, die mir in Manhattan, Brooklyn & Co begegnen und widerfahren, berichten. Für Familie, Freunde und alle, die der Faszination dieser Stadt ebenfalls erlegen sind – oder erlegen werden, sobald das erste yellow taxi hupend an ihnen vorbeigerauscht ist.
Unentwegt bahnt sich das Flugzeug auf dem Display im Vordersitz seinen Weg über den Atlantik. Und je näher der Flieger der amerikanischen Ostküste und meinem Ziel – New York City – kommt, desto weniger interessiere ich mich für die traumhaften Uniformen der Singapore Airlines Flugbegleiterinnen (kann man die kaufen?!) oder dafür, dass ich mal wieder gut daran getan habe, ein special meal vorab zu beantragen (dieses Mal vegetarian Indian) – sieht nämlich viel besser aus als das Standardessen und schmeckt toll – oder für die neuesten Folgen „Big Bang Theory“ im Entertainment-Programm.
Stattdessen erlebe ich eine Achterbahn der Gefühle: Abschiedsschmerz von Familie und Freunden, von denen ich für einige Monate durch ein Weltmeer getrennt sein werde, Vorfreude in kurzer Zeit wieder in der tollsten Stadt der Welt zu sein, Zweifel, ob ich mich nicht etwas zu schnell in ein zu großes Abenteuer gestürzt habe. Entsprechend zappe ich bei der Musikauswahl zwischen „Greatest Guitar Riffs“, sphärischen Entspannungsklängen und kitschigen Liebesschnulzen hin und her.
Nach acht Stunden Flug und der Landung heißt es dann ab zur Immigration. Auch mit Visum läuft alles deutlich unspektakulärer ab als erwartet. Dann das bange Warten am Kofferband – doch juhu! Irgendwann purzelt mein Hab und Gut wohlbehalten auf das Karussell. Also nichts wie raus (so gut das eben geht mit zwei Koffern, einer Laptoptasche, einer Reisetasche und einer Handtasche…) zum Taxi. Und los geht die wilde Fahrt.
Dabei merke ich, dass bei meiner mittlerweile siebten Ankunft in New York sich eine gewisse Routine eingeschlichen hat. Ich starre nicht mehr fassungslos auf die doch recht heruntergekommenen Häuser, die die Wohnviertel rund um den JFK Airport ausmachen und frage mich nicht mehr, ob das etwa New York sein soll und wo ich da nur gelandet bin. Stattdessen tippe ich wild auf dem Handy rum und frage mich, warum O2 keine Begrüßungs-SMS mehr schickt. Deshalb verpasse ich um ein Haar auch den magischen Moment, wenn das Taxi um eine Kurve biegt und sich auf einmal vor einem die Skyline auftut – Freedom Tower (One World Trade Center), Empire State Building, Chrysler Building. Magisch – auch beim siebten Mal.
Nach rund vierzig Minuten hält das Taxi vor meinem neuen Zuhause. Für die nächsten dreieinhalb Monate werde ich ein kleines Studio-Apartment in Chelsea mein Heim nennen. Das chinesische Sprichwort „Lieber eine Hütte, wo man glücklich ist, als ein Palast, wo man weint” muss wohl in solch einem Raum entstanden sein. Über meinem Bett blättert der Putz von der Wand, die Fenster lassen sich nur mit viel Glück und Kraft öffnen beziehungsweise schließen und die Matratze des Betts dürfte jedem Orthopäden die Tränen in die Augen treiben. Dass ich für die monatliche Miete in Deutschland wahlweise eine hübsche kleine Wohnung oder ein Einfamilienhaus (je nachdem, ob man nun München oder Mecklenburg-Vorpommern als Vergleich heranzieht) mieten könnte, verdränge ich in diesem Moment. Immerhin ist es sauber und die Leute, die ich bisher aus dem Haus kommen sah, machten alle einen netten Eindruck.
Zum weiterhin vorhandenen Gefühlschaos gesellen sich nun langsam aber sicher Müdigkeit und Erschöpfung. Doch es ist erst Mittag und draußen lacht die Spätsommersonne vom Himmel. Also raffe ich mich auf. Ich wandle durch die Straßen. Planlos. Irgendwie getrieben. Richtung Union Square, einem meiner Lieblingsplätze in der Stadt, irre einmal durch den dortigen Whole-Foods-Supermarkt (Randnotiz: Die Autorin dieser Zeilen hat einen Supermarkt-Tick, ich werde noch sehr häufig über die grandiosen kulinarischen Einkaufs-Tempel(chen) dieser Stadt schreiben), dann wieder rein in die U-Bahn zurück zum Apartment. Auf dem Heimweg mache ich noch einen Abstecher in den um die Ecke gelegenen riesigen 24-Stunden-Drogeriemarkt Duane Reade. In den endlosen Gängen bestätigt sich das, was ich als Tourist immer am Rande wahrgenommen hatte: Teeeeuer! Eine Flasche Dove-Duschgel oder entsprechendes Shampoo wird für sieben bis acht Dollar offeriert. „Hätte ich doch von daheim mitbringen sollen“, schießt es mir durch den Kopf. Gefrustet kaufe ich gar nichts und wanke heimwärts. Dort angekommen, bin ich durchgefroren, immer noch müde, immer noch hungrig. Ich fühle mich überfordert.
Da ich nicht einmal mehr Nüsschen aus dem Flieger habe, ziehe ich mir etwas Wärmeres an und wage mich wieder raus auf die Straße; dieses Mal gen Westen zu Ray’s Famous Pizza zwei Blocks weiter. Mit meinem plain slice (Tomatensauce und Käse) setze ich mich an einen der Tische und beiße genüsslich rein. Da sitze ich nun, in einem kargen Raum ohne Fenster mit seltsamen Kacheln an der Wand, die Szenarien aus Italien darstellen sollen. In der Ecke plärrt ein Fernseher. An zwei weiteren Tischen sitzen noch Gäste, die einen ganz vernünftigen Eindruck machen. In die letzte Spelunke bin ich also nicht geraten. Und mit jedem weiteren Bissen meines fettig-salzigen 3-Dollar-Glücks kehren meine Lebensgeister zurück. (Einschub: In New York gibt es – meiner Meinung nach – zwei Haupttypen von Pizza: Die slices, die man bei den unzähligen pizza joints bekommt. Sie sind günstig, machen satt und schmecken ganz okay und sind perfekt für ein kleineres Abendessen oder als Snack zwischendurch, wenn sich der Hunger meldet. Und es gibt die italienischen Pizzerien, meist mit großem Steinofen, wo man neapolitanische Pizza in Vollendung genießen kann – allerdings im Schnitt für stolze 25 Dollar pro pie, also pro ganzer Pizza.)
Gut gestärkt gönne ich mir ein paar Schritte weiter bei Billy’s Bakery noch einen red velvet cupcake, den ich einen Block weiter im High Line Park verzehre. Überhaupt der High Line Park. Leider am späten Nachmittag etwas überrannt, aber trotzdem ein wunderbarer Ort, an dem gerade auch diese Zeilen in das Netbook getippt werden. Und während ich so in der Sonne sitze, auf das Empire State Building blicke und mir meinen Nachtisch schmecken lasse, merke ich, wie es in mir hochkriecht: das Fieber. Das New-York-Fieber! Ich laufe weiter die grün bepflanzten Schienen entlang. Als ich an den dort ansässigen Food-Ständen vorbeikomme, denke ich erst: „Mist, schon satt.” – Und dann wird mir bewusst: „Ganz egal, du kannst morgen wieder kommen oder übermorgen oder überübermorgen oder nächste Woche oder nächsten Monat – du lebst jetzt hier!!!“
Beflügelt spaziere ich weiter bis zum Chelsea Market. Das große rote Backsteingebäude, in dem einst die berühmten Oreo-Kekse hergestellt wurden, beherbergt heute eine Mischung aus Restaurants, ausgefallenen Geschäften und Kunstinstallationen. Auf den oberen Ebenen gibt es noch Büros. Google hat beispielsweise hier seine New Yorker Zentrale. Zu den dortigen Geschäften zählt unter anderem der Manhattan Fruit Exchange. Bei meinen Urlaubsaufenthalten bin ich immer vorbeigegangen, schließlich kann man als Touristin mit Zucchini und Paprika nicht ganz so viel anfangen. Nun aber muss ich ja mal abchecken, wo ich was für meinen täglichen Bedarf künftig kaufen werde. Außerdem ist es ein Supermarkt – also nix wie rein! Kaum geht die Tür auf, umweht mich ein unglaublich frischer und fruchtiger Duft. Bin ich in der Punica-Oase gelandet?! Nicht ganz, aber trotzdem toll, was es so alles gibt. Bei den Preisen muss man manchmal schlucken – 1,99 Dollar für eine Avocado wird als Angebot gepriesen. Eine Mischung aus klein geschnittenen Pilzen und Karotten würde mit rund sieben Dollar zu Buche schlagen. Aber es gibt ja noch mehr zu schauen. Hinten im Laden, ganz im Eck stehen sie: San-Marzano-Tomaten in der Dose, püriert, gecrusht oder gestückelt. Für tatsächlich super günstige 1,99 Dollar! – That’s a deal, baby!
Doch ich bin zu faul, nun Dosen zu schleppen, mache mir aber eine Notiz im Hinterkopf. Weiter geht es zu meinem nächsten „Abcheck”-Ziel: Trader Joe’s. Dahinter verbirgt sich eine Supermarktkette der deutschen Albrecht-Brüder. Genau wie bei Aldi in Deutschland gibt es hier auch zahlreiche Eigenmarken zu recht günstigen Preisen. Damit haben sich die Gemeinsamkeiten aber auch schon. Die Filiale an der 6th Avenue ist ein riesiger, hoher, edler Raum, der von stuckbesetzen Säulen und endlosen Regalreihen durchzogen ist. Am späten Nachmittag brummt der Laden. Aber irgendetwas sollte ich nun schon mal kaufen. Ich schnappe mir ein paar Chiquita-Bananen und weiter geht es von Regal zu Regal. Wahnsinn, diese Angebotsfülle! Und plötzlich finde ich, wonach ich suche. Ich hatte gelesen, dass es bei Trader Joe’s die französische Spitzenschokolade von Valrhona zu fantastischen Preisen geben soll. Tatsächlich! Ein kleiner Riegel für einen Dollar! Unglaublich – sofort rein in den Einkaufskorb!
Aber noch etwas anderes ist unglaublich oder sagen wir besser kurios. Es ist eine dieser Sachen, die einen (als Deutschen? als Nicht-New Yorker?) nur staunen lassen. Dort läuft ein junger Kerl mit einem Schild in der Hand herum, auf dem End of Line, also Ende der Schlange, zu lesen steht. Die line schlängelt sich zwar tatsächlich durch den halben Laden und ich frage mich, ob es sich für meine vier Artikel lohnt, anzustehen, aber wie ich auf dem Bewertungsportal Yelp gelesen habe, würden die Leute an der Kasse fix arbeiten (ah! doch noch eine Gemeinsamkeit mit Aldi!) und die Schlange sich ganz gut vorwärts bewegen. In der Tat. Nach kurzer Zeit steht ein weiterer Kerl mit dem Schild Middle of the Line neben mir. Gut zu wissen. Nun heißt es, sich auf zwei Schlangen aufteilen.
Ein paar Meter weiter dann der nächste junge Mann, der den Kunden sagt, an welche der 25 Kassen sie gehen sollen. Die Kassierer recken dafür in der Ferne immer Nummerntäfelchen in die Höhe, um zu signalisieren, dass der nächste Kunde kommen kann. Dann bin ich dran. Kasse 18. Mein Kassierer strahlt mich an und beginnt mit Small Talk. Da ich nun seit über zwanzig Stunden auf den Beinen bin, bin ich wenig gesprächig. Auf sein Bedauern, ob ich mich nicht unterhalten wolle, entschuldige ich mich mit Jetlag und dass bei mir gefühlt zwei Uhr nachts sei. Nachdem er vorsichtig alles in meine Tasche gepackt hat (schön das Obst obenauf), gibt er mir meine Kreditkarte zurück – mit einem breiten Lächeln und den Worten: „Well, Miss Cornelia, I still wish you a great day and sleep well.”
Ich verlasse den Laden, habe selber ein Lächeln auf den Lippen und weiß: „Ja, ich bin in New York, ja, es ist verrückt, aber es wird sich lohnen!“
Ich könnte nun sagen: „Hey Leute, ich bin total cool und hip, lebe in Chelsea und habe jetzt sogar einen personal assistant, der mir das Fenster schließt.” Das würde jedoch die Wahrheit ein bisschen überstrapazieren. Edwin arbeitet zwar auch als personal assistant, aber leider nicht als meiner, sondern ist als Zweitjob hier für das Haus zuständig. Doch das Fenster – eingangs schrieb ich ja, dass es sich nur mit viel Glück und Kraft öffnen und schließen lässt. Nun, die Sache ist die: Mein gesamtes Glück scheine ich immer schon beim Öffnen verbraucht zu haben, Kraft hatte ich noch nie – also musste ich die erste Nacht in New York mit halb geöffnetem Fenster verbringen. Es zog wie Hechtsuppe. In den frühen Morgenstunden begann ich dann, mit einem Handtuch den offenen Fensterschlitz abzudichten. Es handelt sich nämlich um eines dieser typischen Fenster, die man hochschieben (und bestenfalls eben auch wieder runterschieben) muss. Zusätzlich habe ich das Fenster noch mit meinem Koffer verbarrikadiert. Schon besser. Not macht eben erfinderisch. Gleichzeitig habe ich eine E-Mail an Edwin abgesetzt. Und siehe da, als ich von meinem morgendlichen Spaziergang zurückkehrte, hatte der gute Mann es geschafft mein Fenster zu schließen. Ja, es gehe ein bisschen schwer (bisschen?!), das zweite Fenster gehe aber noch schwerer (na toll…) und ich solle einfach kräftig drücken (ja, was glaubt der, was ich gemacht habe? Ich stand auf dem Fenstersims und habe mich mit meinem ganzen Gewicht dagegen gestemmt! Hat das Fenster nur leider nicht beeindruckt) und wenn es nicht ginge, solle ich ihm einfach eine E-Mail schreiben, dass er mir das Fenster schließen soll. Sie hätten auch schon Leute beauftragt, sich die Fenster im ganzen Haus anzuschauen, aber das dauere leider. Na prima. Übrigens: Während ich das hier schreibe, neigt sich die zweite Nacht dem Ende zu (Jetlag!). Neben mir auf dem Fenstersims: Handtuch und Kofferbarrikaden…
Aber hey, schließlich berappe ich hier nicht Unsummen dafür, dass ich ein Dach über dem Kopf habe und sich Fenster ordentlich öffnen und schließen lassen, sondern dafür, woich mein Dach über dem Kopf habe. Deshalb schnappe ich mir nach der ersten Nacht in New York mein Frühstück (die Banane aus dem Trader Joe‘s) und spaziere wieder Richtung High Line Park. Es ist noch recht früh am Morgen, die Sonne lacht vom Himmel (kühl ist es aber trotzdem noch), die Luft ist frisch. Ja, ist sie wirklich! Auch wenn ich hier in einer Metropole lebe. Aber sie liegt am Meer, meine Straße ist wie eine Allee von Bäumen gesäumt und überall gibt es kleine oder größere Parks mit Bäumen, die die Luft ebenfalls reinigen. Wenn man also nicht gerade an einer der vielbefahrenen Avenues steht oder neben einem food cart, bei dem mal wieder die chicken und lamb kebabs angebrannt sind, hat man hier durchaus tolle Luft!
Auf meinem Weg zur High Line lasse ich mich per MP3-Player musikalisch von Billy Joel begleiten: I’m in a New York State of Mind. Bei der High Line angekommen, freue ich mich: Wie erhofft, tummeln sich um diese Uhrzeit erst wenige Menschen hier und ich kann mich auf eine Bank setzen, die Morgensonne genießen und auf das Empire State Building schauen, während Alicia Keys in meinen Ohren den Empire State of Mind besingt. Dieser Moment ist kitschig. Er kommt mir unecht vor und ist trotzdem wunderschön.
Da sitze ich, lasse meine Gedanken schweifen und beobachte die bewundernswert sportlichen Wesen, die an mir vorbei joggen. Überhaupt, joggen: Ich persönlich kann dieser Art der Freizeitgestaltung rein gar nichts abgewinnen und jedes Mal, wenn ich daheim in Deutschland die Jogger das Flussufer entlang hecheln sehe, denke ich bei mir: „So wie ihr ausseht, könnt ihr das auch nicht.” Immer dieser gequälte Gesichtsausdruck, nee nee. Aber hier in New York? Wie die Gazellen laufen sie federleicht an mir vorbei, lächeln oder schauen wenigstens halbwegs zufrieden in die Welt und wirken generell einfach sehr cool, sehr stylisch, sehr New York eben.
Doch nach einiger Zeit raffe ich mich auf, es gibt Dinge zu erledigen, ich bin ja nicht zum Spaß hier (okay, doch, ein kleines bisschen…). Wie man erahnen kann, ist meine „Hütte” nur äußerst spartanisch eingerichtet und so einiges will besorgt werden: Wasserkocher, Schere, Haartrockner, Messer, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Außerdem fehlte es mir ja immer noch an Duschgel (lang reichen die Probepäckchen aus der Heimat nicht mehr), Shampoo und dergleichen, da ich mich ja geweigert hatte, sieben Dollar für sowas hinzublättern. Die mögliche Lösung meiner Probleme lautet: Jack’s 99 Cent Store. Ich kannte den Laden vom Namen her schon länger, hatte daheim noch ein bisschen recherchiert und gelesen, dass man dort so ziemlich alles und jedes bekommt zu super günstigen Preisen. Das einzige Problem ist, man kann nie vorhersagen, was es gibt, da sich das Angebot stetig ändert.
Und dann stehe ich da, in einer Art Rudis Resterampe im XXL-Format. Korb geschnappt und losgeshoppt. Giovanni Rana Tortellini für 1,79 Dollar! Schnäppchen! Gekauft! Ziegenfrischkäse mit Kräutern für 1,29 Dollar! Rein damit! Und da – jawooohl, es geht doch! – Marken-Shampoo für vier Dollar. Schwupps, schwupps, schwupps füllt sich der Korb. Auch ein Päckchen Manner-Waffeln kommt noch mit, dazu Föhn, Toaster, Wasserkocher, Messer und und und. Ich schleppe den überbordenden Korb zur Kasse und Bingo – die Kreditkarte streikt. Alptraum. Da stehe ich nun, leicht errötend. Toaster, Wasserkocher und USB-Lade-Port müssen da bleiben und ich kratze das letzte Bargeld zusammen, um wenigstens den Rest mitnehmen zu können.
Ich verlasse den Laden, der Puls beschleunigt, Schweißausbruch. Haben die mir etwa meine Kreditkarte gesperrt? Ich hatte am Morgen versucht, online eine amerikanische SIM-Karte zu ordern, bei der auch bei mehreren Versuchen die Karte abgelehnt wurde. Möglich wäre es also. Ich fahre heim. Mir rinnt der Schweiß. Bitte keine gesperrte Kreditkarte. Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass ich das doch schon öfters hatte, dass die Karte nicht funktioniert hat und später ging es wieder problemlos. Daheim angekommen, werfe ich sofort einen Blick ins Online-Banking. Kein Hinweis, dass mit der Karte etwas nicht stimmen könnte. Nochmal Glück gehabt. Zwar streikt die Karte an diesem Tag noch ein weiteres Mal (im Garden of Eden – ein Supermarkt!! – Der Name ist Programm…), wird aber an anderer Stelle problemlos akzeptiert. Trotzdem sehne ich den Moment herbei, wenn ich mein amerikanisches Konto eröffnen kann und dann im Notfall an der Kasse noch eine amerikanische debit card zur Verfügung habe.
Ich mache mich frisch, ziehe etwas Leichteres an, schnappe mir das Netbook und ab zur High Line, den ersten (gestrigen) Eintrag verfassen. Und während ich eifrig tippe, mich über das kostenlose Highspeed-WLAN freue (den Google-Büros um die Ecke sei Dank!) und die Wärme genieße, merke ich gar nicht, wie die Zeit vergeht und wie sich die Sonne an meiner Haut zu schaffen macht. Habe ich mir doch tatsächlich einen super Sonnenbrand geholt wie ich ihn schon lange nicht mehr hatte.
Außerdem meldet sich der Hunger. Die High-Line-Essensstände haben an diesem Tag ausnahmsweise wegen eines Events geschlossen. Also muss eine Alternative her. Es gelüstet mich nach einem Burger von Shake Shack im Madison Square Park. Ich mache mich auf den Weg, zu Fuß, die 23. Straße entlang. Als ich an einer Bushaltestelle vorbeikomme und eine Traube von Menschen wartet, entschließe ich mich das Wagnis einzugehen: Ich benutze den Bus, der mich – laut Aushang – direkt zum Madison Square Park bringen soll. Das Komische: Die subway benutze ich seit meinem ersten Aufenthalt in New York ständig und habe mich in der ganzen Zeit vielleicht dreimal „verfahren”. Nur die Busse waren mir irgendwie immer suspekt. Also mutig eingestiegen und siehe da, ein paar Minuten später bin ich an der Haltestelle Broadway/Madison Square Park. Auf der einen Seite erstrahlt das Flatiron Building in seiner ganzen Schönheit, drehe ich mich um 180 Grad, reckt sich das Empire State Building in den blauen Septemberhimmel. Dazwischen der Madison Square Park. Ebenfalls einer meiner absoluten Lieblingsplätze in New York. Nicht nur, weil man zwischen diesen beiden berühmten und faszinierenden Gebäuden sitzt, sondern auch, weil es dort zwei meiner Lieblings-food-destinations gibt. Zum einen Eataly (Hammer Pizza! Hammer Pasta! Hammer gelato! Hammer dolce!), zum anderen Shake Shack, die kultige Burgerbude, bei der es immer eine mehr oder weniger lange Schlange gibt. Doch das Anstehen lohnt sich! Selbst ich, die sich als „Selektarierin” überwiegend fleischlos ernährt, und wenn dann nur ganz bestimmte Fleischgerichte isst, liebe den Shack Burger. Die Burger sind keine riesigen Monsterteile – jeder Royal TS beim Gasthaus zum goldenen M ist größer – aber sie sind einfach gut gemacht und man schmeckt Qualität. Diese Qualität zeichnet sich auch dadurch aus, dass bei Shake Shack nur frisch gewolftes Fleisch von Angus Rindern zum Einsatz kommt, die nicht mit Antibiotika oder Hormonen behandelt wurden – in Amerika ja leider keine Selbstverständlichkeit.
Da sitze ich dann also an einem der Tische auf der Flatiron Plaza (denn da scheinen noch die letzten Sonnenstrahlen), mampfe Burger und Pommes und tue das, was ich ebenfalls liebe und wofür der Madison Square Park ganz besonders, aber auch die davorliegende Plaza, toll geeignet sind: people watching. Auch in Deutschland sitze ich in Cafés gerne am Fenster, um die Menschen, die draußen vorbeilaufen zu beobachten (neeeeein, natürlich nicht um zu lästern…). Aber das ist Kindergarten im Vergleich zu dem, was man hier geboten bekommt. Manchmal kommt es mir vor, als wäre New York ein bisschen wie die Arche Noah: Von jeder Art Mensch gibt es hier mindestens zwei Exemplare.
Irgendwann geht die Sonne unter, es wird kalt. Ich schnappe mein Zeug und mache mich auf den Heimweg. Daheim angekommen, packe ich die Koffer aus und räume meine Sachen in die Schränke. Ich lebe ja jetzt hier.
Am Donnerstag führte es mich zunächst in einen recht verwilderten Teil des Großstadtdschungels, um im Bild zu bleiben. Denn was auf meiner To-Do-Liste noch ganz oben stand, war eine amerikanische Handy-Nummer bzw. SIM-Karte. Das Angebot eines bestimmten Providers schien mir am günstigsten, leider nimmt das Online-Bestellsystem aber nur amerikanische Kreditkarten an. Der Kundenservice riet mir, zu einem bestimmten Geschäft zu fahren. Als ich die Adresse, mitten in Brooklyn gelegen, bei Google Maps eingab, schwante mir schon nichts Gutes. Auch ein Blick mit Street View war nicht unbedingt Mut machend. Aber egal, was soll’s. Ich will die SIM, ich habe immer getönt, dass ich mich in New York super sicher fühle. Wird schon nix passieren. Rein in die Brooklyn-bound A-subway und bis Nostrand geschaukelt. Je näher ich der Haltestelle kam, desto mehr leerte sich der Waggon. „Ach, die sind jetzt einfach alle beim Arbeiten”, beruhigte ich mich. Angekommen, stieg ich die steilen Stufen aus der U-Bahn empor und da stand ich und blickte mich um. Ein beklemmendes Gefühl kroch in mir hoch. Hier wirkte alles recht verwahrlost und heruntergekommen. Bei zahlreichen der kleinen Läden waren die Gitter geschlossen, obwohl schon später Vormittag war. Ich atmete einmal tief durch und lief in die Richtung, von der ich meinte, sie mir von der Karte gemerkt zu haben. Während ich die Straße entlang huschte, kam ich mir ständig beobachtet vor. Die Gestalten, die vor den Geschäften hockten, verfolgten mich mit ihren Blicken. Und irgendwann wurde mir bewusst, warum. Ich war weit und breit die einzige Frau. Dazu: weit und breit die einzige weiße Frau. Alle Menschen, denen ich dort auf der Straße begegnete, waren Afroamerikaner, denen das Leben offenbar ein bisschen übel mitgespielt hatte. Und in dieser Tristesse spaziert nun ein junges bunt gewandetes Ding hindurch. Wirkliche Angst, dass mir was passieren könnte, hatte ich nicht, dennoch traute ich mich nicht, Handy oder Fotokamera herauszuholen. Auch war ich mir unsicher, ob ich die Leute einfach freundlich anlächeln sollte oder ob ich doch lieber weiterhin die New Yorker U-Bahn-Mine (neutral – desinteressiert – weder freundlich noch unfreundlich, quasi ein Gesicht im Stand-By-Modus) aufsetzen sollte. Nach einigen weiteren Metern entdeckte ich auf der anderen Straßenseite ein – ebenfalls weißes – Pärchen und unwillkürlich schoss mir durch den Kopf: „Ah, du bist doch nicht allein.” Ich erschrak über mich und diesen Gedanken. Doch, wie es aussah, ging es denen ebenso. Zielgerichtet schossen sie auf mich zu, kaum dass sie mich erblickt hatten, um mich zu fragen, wo es zur subway geht. Da ich da ja gerade herkam und an dem Laden, zu dem ich wollte, wie ich dann feststellte, schon vorbei gerannt war, sagte ich, ich würde sie begleiten. Dankbar lächelten sie mich an. Als ich ihnen erzählte, dass ich erst den dritten Tag hier sei und ganz allein, schauten sie etwas entgeistert, die beiden Touristen aus Pennsylvania. Dann fand ich doch noch meinen Laden, verabschiedete mich und versicherte den beiden, dass es nur noch wenige Schritte bis zur rettenden (das sagte ich nicht, aber aus ihren Blicken sprach das) subway-Station waren. Im Geschäft wurde ich dann super nett von einem jungen Mann beraten und hatte wenige Zeit später meine SIM-Karte im Handy und alles hatte geklappt. Auch ein weiterer Mitarbeiter, ein etwas älteres Semester und dem Akzent nach wohl griechischer Herkunft, erklärte hilfsbereit, wie ich Anrufe ins Ausland tätigen könne und was ich wählen müsste, grinste und meinte: „And then you call me!”. Ich lächelte unverbindlich, schnappte mein Handy und ging schnellen Schrittes zur subway. Als ich wieder im Waggon saß und zurück Richtung Manhattan zuckelte, sich der Wagen wieder nach und nach mit Menschen aller Herren Länder füllte, wurde ich nachdenklich. Ist man doch rassistischer veranlagt als man denkt? Oder war es einfach nur das Gefühl aus der Masse herauszustechen, gepaart mit dem schlechten Gewissen, dass ich nun einfach wieder in die U-Bahn steigen und in ein anderes Viertel fahren kann? Eines der Dinge, die mich seit jeher an New York fasziniert haben, ist die Widersprüchlichkeit, sind die Extreme, die aufeinander prallen. Und natürlich ist jedem bewusst, dass es diese Widersprüchlichkeit auch (und gerade!) in den Lebensverhältnissen gibt. Dankbar, dass ich das Glück habe, diesbezüglich eher auf der Sonnenseite zu stehen (muss ja nicht gleich Park Avenue sein), stieg ich an 4. Straße West wieder aus.
Es war früher Mittag und mein Magen meldete sich. Time for rice balls! Eine italienische Köstlichkeit, die ich erst bei meinem letzten Aufenthalt im Mai dieses Jahres dank einer food tour durch das Greenwich Village kennengelernt hatte. Von der U-Bahn-Station geht es – natürlich! Ehre wem Ehre gebührt! – durch die Cornelia Street zur Bleecker Street. Dann trifft man genau auf Faicco’s Pork, seines Zeichens eine italienische Metzgerei. Nun hatte ich ja schon erwähnt, dass ich nicht unbedingt eine fleischfressende Pflanze bin. Deshalb war mir der Laden zwar bekannt vom Vorbeilaufen, aber ich hatte nie den Drang verspürt hineinzugehen, eher zum direkt nebenan gelegenen Murray’s Cheese. Was für ein schlimmer Fehler! Nicht nur, dass der Laden mit seinen Girlanden, unzähligen Konserven und frischen Waren ein bunter Hingucker ist. Nein, auch für Freunde fleischloser Kost gibt es dort herrliche Dinge. Zum einen besagte rice balls: Sie haben in etwa die Größe einer kleinen Mandarine und bestehen quasi aus einem festen Risotto mit würzigem Käse und frischen Kräutern, das haaaauchdünn paniert und frittiert ist. Ein Gedicht! Dazu unfassbar günstig mit einem Dollar pro Bällchen. Ebenfalls sehr empfehlenswert ist das eggplant bread, bei dem Auberginenstücke in Teig eingerollt und mit Käse überbacken werden. Das Ganze ist geschmacklich dann irgendwo zwischen Pizza und Lasagne anzusiedeln. Doch an diesem Tag sollen es für mich die Reisbällchen sein. Vier Stück lasse ich mir warm machen und einpacken und schlendere damit ein paar Straßenecken weiter zum Washington Square Park.
Der große Platz mit Triumphbogen, Springbrunnen und Marmorbänken ist ein weiterer Lieblingsort von mir und ebenso perfekt geeignet zum people watching, außerdem gibt es eigentlich immer irgendwelche Live-Musik zu hören. Dieses Mal hat sich ein Mann ein Schlagzeug aus Plastikeimern und Ähnlichem gezimmert und trommelt die coolsten Beats. Wieso am Broadway ein Vermögen für „Stomp“ ausgeben?! Hier gibt’s das hautnah und for free!
Nachdem ich mein Mittagessen verzehrt habe, beschließe ich, mir bei dem schönen warmen Wetter zum Nachtisch ein Eis bei Eataly zu gönnen. Also geht es durch das Universitätsviertel hinauf zum Union Square und von dort aus Richtung Madison Square Park. Unterwegs mache ich noch Halt in zweien meiner Lieblingsgeschäfte: Fish’s Eddy und Whisk. Neben Supermärkten hege ich nämlich auch eine große Leidenschaft für Haushalts- bzw. Kochutensilien-Geschäfte. Bei Fish’s Eddy gibt es hauptsächlich Geschirr, einiges davon mit ausgefallenen New-York-Motiven und alles dargeboten in einem alternativ-coolen Ambiente mit lautem Bossa Nova Jazz und gut gelaunten Verkäufern. Whisk ist eher ein klassisches Geschäft und verkauft neben Backformen oder Teekannen auch so wunderbare Dinge wie Gerätschaften um den Strunk aus Erdbeeren zu entfernen oder einen avocado slicer. Bei dem Brown Sugar Bear, einem Bärchen aus Ton, das angeblich, wenn angefeuchtet, braunen Zucker, Kuchen und ähnliches feucht und, wenn im Ofen getrocknet, Salz oder Chips trocken und knusprig hält, kann ich dann nicht widerstehen und kaufe ihn.
Doch dann gibt’s gelato! Ein medium cup mit salted caramel und Tiramisu lasse ich mir schmecken. Zwar muss ich hierfür rund sechs Dollar hinblättern, aber dafür schmeckt man bei jedem Löffelchen der kalten Verführung, die die Lippen berührt, was für eine tolle Qualität und Geschmack man dafür bekommt.
Und während ich mein Eis schlecke und beobachte, wie Nannys mit der Bagage reicher New Yorker kämpfen, gestresste businessmen an mir vorbeihetzen und modische Fashionistas durch die Gegend stöckeln, beschließe ich, es mir nun selber gut gehen zu lassen: Augenbrauen-Waxing in der Benefit Brow Bar bei Macy’s, dem größten Kaufhaus der Welt. Für viele wäre das wahrscheinlich rausgeschmissenes Geld, für mich gehört es mittlerweile als festes Ritual zu meinen New-York-Besuchen dazu. Leider, so muss ich feststellen, beherrscht die Baustelle des Umbaus immer noch das Erdgeschoss. Ärgerlich, vor allem, da ich der Meinung bin, dass das Kaufhaus durch die Modernisierung viel von seinem Charme verliert. Aber noch gibt es ja zum Glück die hölzernen Rolltreppen und auch die Kuriosität, dass mitten in der Klamottenabteilung ein Eisstand von Ben & Jerry’s und ein Stand für Annie’s Pretzels zu finden sind, hat noch Bestand. Zum Thema Macy’s noch folgende kleine Anekdote: Das Kaufhaus hat auf seinem Dach seinen Namen in riesigen Lettern gepinselt – warum auch immer. Als ich vor wenigen Jahren auf der Aussichtsplattform des Empire State Buildings stand, erklang plötzlich neben mir zwischen einem Pärchen folgender Dialog: Er: „Oh look, down there is Macy’s!” – Sie: „Where?” Er: „Down there, where it says Macy’s!” – Die halbe Aussichtsplattform hat laut losgegrölt vor Lachen.
Nach Macy’s steht nochmals ein Abstecher zu Jack’s 99 Cent Store – dieses Mal mit ausreichend Bargeld in der Börse – auf dem Programm, bevor ich dann schwer bepackt den Heimweg antrete, das Fenster mit dem Koffer verbarrikadiere und ermattet in die Federn sinke.
Für den heutigen Freitag hatte ich mir vorgenommen, es ruhig angehen zu lassen und nicht so viel durch die Gegend zu rennen, da mir mein Endzwanziger Rücken gestern schon signalisiert hat, dass jetzt langsam aber mal gut ist. Ich sage mal frei nach Otto Waalkes: „Füße an Großhirn, Füße an Großhirn – dreimal herzlich gekichert.“
Nachdem ich den Morgen damit verbracht hatte, den Eintrag für den gestrigen Tag zu verfassen, machte ich mich dann am Vormittag auf den Weg. Da – im grauen Deutschland möge man es mir verzeihen – schon wieder allerperfektestes Spätsommerwetter (Sonne, 25°C) war, zog es mich in den Bryant Park, einen weiteren Lieblingsort meinerseits. Ich liebe einfach die Bäume dort und wie rund um die Wiese die kleinen Pavillons und Tische und Stühle arrangiert sind, wie sich die Hochhäuser gegenseitig in ihren Glasfassaden spiegeln. Es ist einfach ein Ort der Ruhe, nur ein paar Schritte entfernt von den tumultartigen Zuständen auf der 5th Avenue.
Und schon auf dem Weg dorthin begegnete mir etwas, was mir an New York ebenfalls so wunderbar gefällt und was in der Überschrift das Motto dieses Eintrages vorgibt: Musik. Nun würde ich nicht so weit gehen, zu behaupten, dass wer mit Musik nichts am Hut hat, in New York schlecht aufgehoben ist. Aber andersrum wird ein Schuh draus: Wer Musik – und am besten viele verschiedene Stilrichtungen – mag, für den bietet der Big Apple stets einen Grund zur Freude, denn Musik erklingt an allen Ecken und Enden. So kann es einem durchaus passieren, dass man im Schuhgeschäft am Wühltisch steht oder durch die Supermarktregale wandert und neben einem plötzlich eine Kundin lautstark mit dem Song, der gerade im Laden ertönt, mitsingt; und das meistens mit einer richtig guten Stimme. Man stelle sich vor, in Deutschland würde im Edeka auf einmal jemand losträllern. Bestenfalls würde man sich in einem Flashmob wähnen, aber eher würde man wohl die grüne Minna rufen (wollen).
Wenn man in New York gute Live-Musik verschiedenster Stilrichtungen zum Nulltarif hören möchte, gibt es einen Tipp: subway fahren! In den großen Stationen spielen unterschiedliche Künstler, die zunächst zum Vorsingen mussten, dafür aber sogar stolz ein Banner mit ihrem Namen hinter sich aufhängen dürfen. Doch auch an den kleineren Bahnhöfen ertönt immer wieder – meistens direkt an den Gleisen – Musikalisches. So durfte ich an diesem Tag erst einer 1a Blues-Darbietung beiwohnen. Beim Umsteigen am Times Square erklangen zunächst aus unidentifizierbarer Richtung karibische steel drums, wieder ein paar Ecken weiter fiedelte ein Herr auf seiner Geige zum Synthesizer.
Schließlich war ich im Bryant Park angekommen und ergatterte auch noch ein Stühlchen in der Sonne an meiner bevorzugten Stelle, der Upper Terrace. Gerade noch rechtzeitig, bevor zur lunchtime gleich die ganzen Bürohengste und -stuten mit ihren Salaten und Wraps den Park bevölkern würden. Von dort aus hat man einen wunderbaren Blick auf das ganze Spektakel. Denn im Bryant Park ist eigentlich immer was los: Mal gibt’s Yoga-Workshops auf der Wiese, dann wird gemeinsam gestrickt oder vorgelesen. Heute Mittag stand Jonglieren auf dem Programm. In einer Ecke wurden ein paar Kisten mit Bällen und Keulen aufgebaut und einer nach dem anderen kam an und versuchte sich als Nachwuchsartist. Ich persönlich habe es aber beim Zusehen belassen, möchte nicht gleich am dritten Tag eine Schmerzensgeldklage verursachen. Um 12.30 Uhr gab es dann – Musik! Direkt hinter mir auf der Upper Terrace hatte sich ein Pianist ans Klavier gesetzt und spielte nun auf: „The Entertainer“ (ich liebe es!!!), „Für Elise“ oder „Fly me to the Moon“. Für Momente wie diese wollte ich nach New York, in diesem Moment wusste ich wieder, wofür ich mein Erspartes aufopfere und mich mit kaputten Fenstern rumschlage.
Direkt an den Bryant Park schließt sich die New York Public Library an, genauer gesagt das Schwarzman-Gebäude, das jeder mit der NYPL assoziiert. Da wollte ich hin, einen Büchereiausweis beantragen. Ich hatte im Internet gelesen, dass jeder, der in New York lebt, arbeitet oder studiert, kostenlos einen Ausweis erhält. Also hatte ich extra meinen Mietvertrag und meinen internship-Vertrag in der Tasche. Nachdem ich die mächtigen Stufen im Äußeren wie Inneren erklommen hatte, wurde ich von der Dame am Infoschalter an einen PC verwiesen, wo ich eine application ausfüllen könne. Gesagt, getan. Dann kam ein Mitarbeiter an, ich solle ihm folgen, er könne mir dann gleich den Ausweis ausstellen. Okay. Dann fragte er nach meiner ID. Ich holte den Reisepass raus. Nein, er bräuchte eine mit der Adresse drauf. Haha, ich war ja bestens präpariert und zog die beiden Verträge aus der Tasche. Ja, der internship-Vertag sei ja okay, aber leider steht da ja nicht meine New Yorker Adresse drauf. Ich wedelte hoffnungsvoll mit dem Mietvertrag, bei dem natürlich die Adresse genannt ist. Nein, das sei nicht offiziell genug. Er braucht eine offizielle ID mit der Adresse drauf. Als ich ihn bat, mir ein Beispiel zu nennen, was gelten würde, meinte er dann: „Ein Amazon-Rechnung zum Beispiel.” Aaaahja. Innerlich machte ich den Scheibenwischer, äußerlich lächelte ich lieb, bedankte mich und zog unverrichteter Dinge von dannen.
So langsam knurrte mir der Magen. Das Frühstück war schon ein Weilchen her. Da ich als nächstes in den Central Park wollte, schwang ich mich beim Rockefeller Center in die subway und fuhr zum Columbus Circle. Dort befindet sich ein riiiesiger Whole Foods mit seinen sagenhaften Buffets. Ich stellte mir eine bunte Mischung zusammen: Ein bisschen Pak-Choi-Salat, ein bisschen Ingwer-Sesam-Prinzessbohnen, ein bisschen sesame-seaweed, ein bisschen scharfer Nudelsalat, ein bisschen chicken tikka masala, ein bisschen warmer asiatischer Kartoffelsalat und so weiter und so fort. Von allem, was mich anlachte, ein Löffelchen. Futtern wollte ich diese ganzen Köstlichkeiten dann im Central Park, genauer gesagt at the Mall. Hiermit ist nicht etwa ein Einkaufszentrum gemeint, sondern einer der – wie ich finde – schönsten Abschnitte des Parks. Mehrere Wege verlaufen parallel zueinander und sind jeweils von Bänken und Bäumen wie in einer Allee gesäumt. Dazwischen stehen Statuen und Büsten berühmter Dichter und Denker, beispielsweise auch von Friedrich Schiller.
Außerdem gibt es auch hier wieder – Musik! Ich hatte auf ca. 30 Metern die Wahl zwischen jazzigem Saxophon, den Hip-Hop-Beats der Breakdance-Gruppe, die ihr Können vorführte, entschied mich dann aber für den Soundcheck der Band „City and Color”, die am Abend ein Konzert geben würden. Nachdem ich mein Mahl genossen und die Band den Sound ausgiebig gecheckt hatte, spazierte ich weiter. Die Stimme in meinem Kopf, die mahnte „du wolltest heute nicht viel rumrennen. Jetzt bist du im Central Park, was glaubst du, was du hier machen wirst?!” ignorierte ich und ergötzte mich stattdessen am Anblick der Bethesda Fountain, jenem Brunnen im Central Park, der in schätzungsweise 90 Prozent aller Filme, die in New York spielen, zu sehen ist. Dazu gab es – wie könnte es anders sein – Musik! Dieses Mal handelte es sich um eine wilde Mischung aus Geige und Gesang. Fiedeln und Sopran gepaart mit einem Indianer-Outfit. Sehr speziell. Sehr New York. Nebenan eines der unzähligen Brautpaare auf Fotosafari, das versucht, trotz der Touristenmassen um sich herum den Eindruck von Romantik und Intimität zu erwecken. Wer also gerne Brautkleider anschaut, ist im Central Park richtig. Wer gerne gehässig ist auch – denn der Anblick, wenn der Fotograf die Braut bittet, im wertvollen Gewand und zarten Schühchen die rauen Felsen hinauf zu kraxeln ist jedes Mal herrlich.
Da ich am heutigen Tage eh schon musikalisch gestimmt war, führte mich mein Weg nun an einen sehr berühmten Ort innerhalb des Central Parks: die Strawberry Fields, ein kleiner Teil im Park mit Pflanzen aus aller Herren Länder, angelegt zu Ehren und zur Erinnerung an John Lennon. Ebenfalls dort befindet sich das schwarz-weiße „Imagine“-Mosaik, ganz am Rande des Central Parks, nur wenige Schritte entfernt vom Dakota Building, dem mächtigen Apartmentgebäude, vor dem John Lennon einst erschossen wurde und wo Yoko Ono auch heute noch residiert.
Als ich auf die Welt kam, war John Lennon bereits einige Jahre tot. Dennoch wuchs ich in meinem Elternhaus mit der Musik der Beatles auf. Bei meinem zweiten Besuch in New York hatte ich das Glück, in der damals noch in SoHo angesiedelten Rock’n’Roll Hall of Fame die von Yoko Ono gestaltete Ausstellung „John Lennon – The New York Years” sehen zu können. Es gab viel Film- und Bildmaterial, Liedmanuskripte und Ähnliches. Aber es wurde auch eine Papiertüte gezeigt. Jene Tüte mit den blutverschmierten Kleidungsstücken, die man durch ein Sichtfenster in der Tüte sehen kann, die Yoko Ono nach der Ermordung ihres Mannes aus dem Krankenhaus erhielt. An einer Tafel wurde erklärt, dass Yoko damals so geschockt war, dass alles, was von dieser Ikone einerseits und einem Menschen überhaupt übrig war, einfach in so einer profanen Papiertüte den trauernden Hinterbliebenen überlassen wurde. Auch für mich war der Anblick dieser Tüte ein schockierendes und irgendwie nicht greifbares Erlebnis.
Dass aber doch mehr von John Lennon übrig geblieben ist, kann man Tag ein Tag aus rund um das „Imagine“-Mosaik beobachten. Strawberry Fields ist ein faszinierender Ort. Positiv wie negativ. Menschen allen Alters und jeglicher Herkunft strömen dorthin. Deshalb ist es auch ganz einfach zu finden – einfach den Leuten mit den Kameras nach! Und dort trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Es gibt diejenigen, z.B. mittlerweile ergraute Herren, die dem Aussehen nach selber Rock’n’Roller waren oder sind, die ehrfürchtig bis andächtig dastehen, innehalten, sich auf einer der Bänke rund um das Mosaik niederlassen. Und es gibt die, die mit breitem Grinsen für die Kameras posieren – genauso wie sie es vor der Freiheitsstatue oder dem Empire State Building tun würden. Es ist in gewisser Weise absurd. Es gibt wenige Orte in New York, an denen man so viele Menschen des Typus Touri auf einem Haufen sieht, es so quirlig ist und ein stetes Kommen und Gehen herrscht. Und dennoch verbreitet der Ort etwas Besonderes. Oftmals klimpert jemand auf einer Gitarre Beatles-Balladen und viele Menschen summen – vielleicht sogar unbewusst – wenn sie wieder ihres Weges gehen „Strawberry Fields forever…” oder „Imagine there’s no heaven…”.
Nachdem ich eine Weile dem Treiben zugesehen habe, steige ich an der 72. Straße wieder in die subway. Mein Ziel jetzt: Der Brooklyn Bridge Park, konkreter die Brooklyn Ice Cream Factory. An der High Street steige ich aus der U-Bahn und spaziere ein paar Meter durch das Viertel Brooklyn Heights, welches sich durch kleine Sträßchen und wunderschöne brownstone-Häuser auszeichnet. Ihren besonderen Charme entfalten diese Straßenzüge übrigens im Frühling, wenn überall pastellfarbene Blüten die Bäumchen in Straßen und Vorgärten schmücken. Daran schließt sich der Brooklyn Bridge Park an, von dem man einen tollen Blick auf die Skyline von Downtown Manhattan hat. Der Begriff park ist in New York übrigens sehr dehnbar. Ein park kann aus drei Bänken, zwei Bäumen und einem kleinen Brunnen bestehen, ein park kann eine Uferpromenade sein, ein park kann aber auch eine riesige grüne Oase sein wie der Central Park in Manhattan oder der Prospect Park in Brooklyn. Während ich mir meinen Weg zur Ice Cream Factory bahne (Hiiiilfe! Soll diese neue Holz-Schwebebrücke so schwanken?!), stoße ich auf Säulen, die etwas entfernt an Straßenlaternen erinnern. Darunter stehen Leute und schauen gelangweilt in der Gegend herum. „Was ‘n des?”, frage ich mich. Als ich näher komme, sehe ich es. Solarbetriebene kostenlose Auflade-Stationen für iPhone und Co! Da mein Handy-Akku auch bereits schwächelt, stöpsle ich mein Gerät gleich mal an und tue es den anderen nach: Schaue gelangweilt in der Gegend rum und immer wieder auf das Display. Dort wird zwar tatsächlich angezeigt, dass es lädt, aber auch nach einer gefühlten Ewigkeit zeigt es noch 24% Ladestatus an. Etwas enttäuscht, aber trotzdem begeistert von der Idee an sich, geht’s nun schnurstracks zur süßen Nascherei, einem scoop Schokoladeneis. Zum Glück wusste ich von früheren Besuchen in dieser Eisdiele, die aussieht wie eine kleine skandinavische Holzkirche, dass ein (!) scoop in Wahrheit ungefähr 2-3 Kugeln entspricht und man nicht den Fehler machen sollte, mal munter drei Sorten zu bestellen.
Mit dem Eis in der Hand setze ich mich auf den Vorplatz. Die Brooklyn Bridge zur Rechten, dahinter die Manhattan Bridge und das Empire State Building lässt sich ebenfalls erkennen. Zur Linken bzw. direkt gegenüber Pier 17 und der neue Freedom Tower. Doch so schön der Ausblick ist, noch Schöneres – im wahrsten Sinne des Wortes – gibt es direkt vor meinen Augen zu sehen. Ein Foto-Shooting. Ob es um die Kleider oder die Schuhe oder am Ende gar ganz um etwas anderes ging, weiß ich nicht. Habe mich nicht getraut zu fragen. Aber auch so ist es mehr als interessant der Dame und dem Herrn bei der Arbeit zuzusehen – und damit meine ich natürlich nicht nur die Momente, in denen der Schnuckel in aller Öffentlichkeit die Hemden wechselt und frau so freien Ausblick auf einen wohlgeformten Oberkörper hat.
Als die Sonne Anstalten macht, hinter der Südspitze Manhattans zu verschwinden, erhebe ich mich von meinem Ausguck, um Richtung Brooklyn Bridge und dann über selbige zurück auf die Insel zu marschieren. Atemberaubend schön ist der Blick auf Manhattan jedes Mal. Auch heute wieder, obwohl ich mittlerweile friere wie ein Schneider (nur im dünnen Sommerkleidchen ohne Weste aus dem Haus zu gehen, war nicht die beste Idee), meine Füße bei jedem Schritt wehklagen und man wegen der wie die Berserker fahrenden Radler jedes Mal um sein Leben fürchten muss.
Am anderen Ende der Brücke angekommen, tauche ich für heute zum letzten Mal in die Tiefen der subway hinab, heimwärts.
Juhu, die erste Nacht mit halbwegs normalen Schlafenszeiten! Kann mich nicht erinnern, dass ich je so lange in New York gejetlagt war. Ist das das Alter? Ich wache am Samstagmorgen auf, entferne meine Koffer-Taschen-Konstruktion vom Fenstersims, ziehe das Rollo hoch und…bitte was ist das denn da am Himmel?! Wolken!!! – Was erlaube Petrus?! Mist, ausgerechnet heute beginnt das Wetter zu schwächeln. Heute, wo ich doch einen festen outdoor-Programmpunkt habe – und zwar, tadadadaaaa! – die Steubenparade!
Die Steubenparade ist, wie ich einigen Reiseführern und New-York-Veranstaltungsseiten vorher entnommen habe, die große alljährliche Parade der Deutschen bzw. Deutschstämmigen in New York. Mir schwant zwar Übles, aber wenn ich jetzt eh schon mal in New York bin, ein expat auf Zeit, dann kann ich mir das doch mal anschauen.
Mit der subway geht es hinauf in die Upper East Side, die Parade verläuft nämlich entlang der 5th Avenue ab der 68. Straße. Nach zwei Haltestellen steigt ein Mexikaner (samt Sombrero) mit Gitarre ein und beginnt mit seiner musikalischen Darbietung. Drei Saiten der Gitarre schnarren entsetzlich, leider entschädigt auch die Qualität des Gesangs nicht wirklich. Für einen Moment frage ich mich, ob ich meinen gestrigen Eintrag zu voreilig verfasst habe… Aber zum Glück verlässt der Barde die Bahn alsbald und ich kann mich wieder von meinem MP3-Player beschallen lassen und dazu neutral gucken. In der 77. Straße steige ich selber aus und gehe ein paar Blocks westwärts bis ich an die Paradestrecke komme. Alles ist mit Gittern abgesperrt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdecke ich aber ein paar Sitztribünen. Meine Füße und mein Rücken betteln mich an, da doch hinüber zu gehen, meine Intuition pflichtet ihnen bei und mahnt: „Es ist noch eine dreiviertel Stunde bis zum offiziellen Beginn, du hast keine Ahnung, wie lange das geht, du hasst langes Stehen, außerdem sind da drüben Bäume falls der Regen kommt.” Also rüber über die Straße, doch der Weg zu den Tribünen ist versperrt. „Ticket holders only”. Ich habe viel, aber kein Ticket. Ich frage den Herrn am Einlass, ob ich denn noch eines kaufen könnte. Ich meine das nämlich im Gespräch bei Leuten vor mir rausgehört zu haben. Er grinst mich an und sagt: „Compleeeetely sold out!”. Antworten möchte ich: „Willste mich jetzt vera****? Da ist doch noch alles frei!” Antworten tue ich mit liebem Lächeln: „Oh come ooon, just one ticket for me.” Er grinst, holt umständlich eine Rolle mit Tickets aus seinem Rucksack. „15 Dollar!” – Na also, geht doch. Und der Spaß ist es mir wert. Scheine hingestreckt, drin bin ich und suche mir ein Plätzchen auf einer der Tribünen. Da sitze ich nun, zwischen Senioren im Janker und jungen Leuten im Deutschlandtrikot, Familien mit deutschem Au-Pair-Mädchen und Plüsch-Tigerente in der Tasche. Auch neben mir sitzt eine deutsche Familie. Ich bilde mir ein, sie zu kennen und zermartere mir bis jetzt den Kopf woher. Nun kommt eine Dame im Dirndl an und verteilt deutsche und amerikanische Fähnchen. Die Zeitung „Amerikanische Woche” liegt ebenfalls zur Mitnahme aus. Kann ich gut gebrauchen – als Sitzunterlage, denn die Alutribünen sind nämlich verdammt kalt. Eine reizende ältere Dame hinter mir liest lieber darin, d.h. blättert darin herum. Sie findet das Horoskop und ist untröstlich, dass sie es nicht lesen und verstehen kann. Also tue ich etwas Gutes für mein Karma und lese es ihr vor und übersetze es. Falls es unter den Lesern einen Skorpion gibt: Wer sich nach mehr Abwechslung im Alltag sehnt, möge sich überlegen, wie dieser Wunsch realisiert werden kann.
Nach und nach füllt es sich merklich und die Dirndl-Dichte nimmt zu. Nun muss ich sagen, dass ich bei diesem Thema recht zwiegespalten bin. Einerseits bin ich ein gebürtiges Münchner Kindl und liebe Dirndl über alles (meiner Meinung nach ein zauberhaftes Kleidungsstück, weil es prinzipiell jeder Frau jeden Alters prima steht, wenn es das passende Modell ist), andererseits geht es mir immer ungeheuer auf den Keks, wenn überall im Ausland Deutschland mit Dirndl, Lederhosen und Bier gleichgesetzt wird und noch schlimmer ist es, wenn Leute meinen, kaum hätten sie ein solches G‘wand an, wären sie die Deutschen.
Natürlich war mir aber klar, dass ich genau das nun erleben würde und das war für mich, die ansonsten weder was mit Karneval- oder Faschingsumzügen noch sonstigen Paraden dieser Art etwas anfangen kann, der Witz an der Sache. Ein bisschen wie BILD-Zeitung lesen: Die Frage ist nicht, ob man sie liest oder nicht, sondern mit welcher Einstellung. Also harre ich nun einfach fröhlich der Dinge, die da konmen. Das erste Ding sind die Fahnen. Die Stars and Stripes, die deutsche und die der Steubenvereinigung. Dann werden beide Hymnen geträllert und dann rollen die Wagen, marschieren die Kapellen. Ufftatata, ufftata. Kaum hat sich der Zug in Bewegung gesetzt, kommt übrigens die Sonne heraus. Habe davon nur leider nichts, ich sitze ja gut geschützt unter den Bäumen. Bei den ersten Gruppen ist die Stimmung noch verhalten, man wedelt freundlich mit den Fähnchen und gut ist. Auf einmal jedoch ruft einer der Marschierer in Richtung Zuschauertribüne: „Zickezacke, zickezacke!” Und wie auf Kommando schallt ihm ein donnerndes „Heu, heu, heu!” entgegen. Neeein, ich rufe natürlich nicht mit. Doch okay, tue ich. Und dann ziehen sie vorüber, Wagen um Wagen, Spielmannszug um Spielmannszug. Verschiedene Deutsch-Amerikanische Clubs, aber auch einige Gruppen aus Deutschland sind vertreten. Zur freudigen Überraschung für mich auch die Freiwillige Feuerwehr aus Walldorf, einem Ort, zu dem ich persönlich enge Bindungen habe. Was das wohl für die Leute für ein Gefühl sein muss, den ganzen Weg aus Deutschland herzufliegen, um dann auf der 5th Avenue marschieren zu dürfen? Einer von ihnen jedoch spielt mit seinem iPhone. Als ein Zuschauer ruft, er solle doch winken, grinst er, zuckt entschuldigend mit den Schultern und ruft: „Ist grad Bundesliga!”. Tja, man muss eben Prioritäten setzen. Statt bei seinem Schützenverein wäre er wohl lieber bei der Gruppe, die den deutschen Fußball repräsentieren sollte, mitgelaufen: Ein bisschen Spätsommermärchenstimmung in New York: „Oleeeee oleeeeee Super Deutschland! Super Deutschland! Super Deutschland leeeooooleeee!“ Ich gröle lauthals mit. Überhaupt steigt die Stimmung und es wird viel gesungen. Ein bayerisches Akkordeon-Duo kommt heran und spielt auf. Alles um mich herum singt mit, ich habe Fragezeichen über dem Kopf. Da tut sich wohl eine Bildungslücke auf. Dafür habe ich später meine großen Mitsing-Momente: Andere Wagen spielen „Marmor, Stein und Eisen bricht”, „Nur ein Wort” von den Helden oder „Da da da” von Trio.
Die ältere Dame kreischt hinter mir alle paar Minuten ganz begeistert: „Eins, zwei, geeesuffaaaaaa!” Ich glaube, es sind die einzigen deutschen Wörter, die sie beherrscht. Plötzlich rollen zwei grüne Trabis heran – in New York, der Hauptstadt des Kapitalismus. Wenn das der Erich noch mitbekommen hätte! Sie wieder hinter mir: „Oh, is that a Volkswagen?” Ich versuche ihr zu erklären, worum es sich handelt: „No, it’s a car from the former German Democratic Republic, East Germany…“ Sie schaut mich nur entgeistert an. Meinen Erklärungen zu den Schwarzwälder Bollenhüten („Ooooh, I like those hats!!”) kann sie schon eher folgen und als später tatsächlich ein paar alte Käfer vorbeifahren, ist sie beseelt. Auch wird sie nicht müde, ständig zu wiederholen, wie sehr sie sich auf das Oktoberfest, welches im Anschluss im Central Park steigen würde, das sei Wochen ausverkauft sei und für das sie dieses Jahr eeendlich Tickets bekommen habe, freut. Mir hingegen wird es langsam ein bisschen viel Schunkelei und Winkerei. Der Dirndl-Overkill droht.
Doch nach geschlagenen zwei Stunden habe ich es geschafft. Der letzte Wagen rollt vorbei, gefolgt von der Kehrmaschine. Uffz, jetzt brauche ich Kontrastprogramm. Außerdem knurrt mein Magen, es ist ja schon zwei Uhr nachmittags, das Frühstück lange her. Und das Tolle in New York ist: Du kannst jederzeit zu allem und jedem Kontrastprogramm haben. Also entschließe ich mich, nach Chinatown zu fahren und in einem kleinen Restaurant, das ich bei meinem letzten Aufenthalt kennenlernen durfte, Mittag zu essen. Glücklicherweise hatte ich damals eine Visitenkarte mitgenommen, sodass ich genau wusste, wo ich hinmusste. Ob ich den unscheinbaren Eingang sonst wiederfinden würde? Schließlich reiht sich ein winziges Restaurant mit Bildern und asiatischen Schriftzeichen im Fenster an das nächste. Aber so ist es kein Problem und ich bekomme glücklicherweise auch einen Platz.
Nun darf man sich dieses Etablissement nicht wie ein Chinarestaurant bei uns vorstellen, mit Aquarium und bunten Zierfischen, Porzellanvasen und -löwen im Raum, kitschiger Wand-Deko und China-Dudelei im Hintergrund. Nein, ich sitze in einem extrem spartanischen Raum und blicke auf einen Verschlag, wo das Bier gelagert wird. Aber hier geht es nicht um Deko, sondern um Essen und das ist – wie ich von meinem letzten Besuch hier im Old Sichuan weiß – vom Allerfeinsten. Am liebsten würde ich die Karte rauf und runter bestellen. Aber ich beherrsche mich und ordere, was mir schon im Mai so gut geschmeckt hat: hot and sour soup. Das ist das, was es bei uns Zulande gibt, wenn man zu M14 keine Frühlingsrolle, sondern Suppe bestellt. Und danach steamed vegetable dumplings. Zum nebenher Knabbern stehen gratis Erdnüsse auf dem Tisch, auch die Kanne Tee ist im Preis inbegriffen. Begierig (etwas zu sehr…gleich den Mund verbrannt…) löffle ich die Suppe in mich hinein. Ein Gedicht! Dann werden mir die heiß dampfenden dumplings im Bambuskörbchen mit einer Soja-Ingwer-Sauce gebracht. Auch diese sind einfach nur köstlich! Gut gesättigt, verlange ich nach der Rechnung. Rechnung kommt, zwar leider weder mit Pflaumenwein (ich liebe das Gesöff!) noch mit Glückskeks, dafür mit frischen Melonenstücken zum Nachtisch. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal solch aromatische Melonen gegessen habe! Lediglich zehn Dollar ärmer, satt und glücklich verlasse ich den Gastraum und stehe wieder auf der Straße im asiatischen Gewühl.
Direkt nebenan ist die „Chinatown Ice Cream Factory“, wo es durchaus exotische Eissorten (z.B. red bean oder green tea oder ginger) zu probieren gibt. Ist allerdings, wie ich von früheren Versuchen weiß, nicht ganz mein Fall, weshalb es mich weiter durch die bunten Gassen zieht. Das Ziel: Lin’s Herbal Shop, um Schneelotus-Kapseln – gut gegen Erkältung – zu besorgen. Als ich mit meinem Tütchen voll der exotischen Arznei den Laden wieder verlasse, ist dies wieder einer der Momente, in denen ich unheimlich happy bin; begeistert, in New York zu sein. Weil es hier einfach alles gibt, man muss nur ein paar U-Bahn-Stationen fahren.
Ich schlendere weiter und betrete einen – wie es von außen schien – Krimskrams-Laden. Innen drin merke ich: Na, so ein Zufall – es ist ein Kochutensilien-Geschäft! Es gibt stapelweise Reisschälchen und Woks und Teekannen – und Küchentücher mit „Limoncello Positano”-Aufdruck! Aber zugegeben, Little Italy ist ja nur zwei Straßen weiter und vielleicht ist das der Ausgleich dafür, dass sich die asiatische Community in den letzten Jahren immer mehr von Little Italy unter den Nagel gerissen hat und man vor einiger Zeit im Zensus feststellen musste, dass kein einziger gebürtiger Italiener mehr in Little Italy wohnte.
Wie man vielleicht den anderen Posts schon entnehmen konnte, bin ich Süßspeisen nicht abgeneigt. Und da ich schon in der Nähe bin und mal wieder Lust auf ein Dessert der besonderen Art habe, mache ich mich auf den Weg zu Rice to Riches. Leider dauert der Weg dorthin dann doch etwas länger, denn – hätte ich doch mal auf den Kalender geschaut! – in den Straßen von Little Italy tobt das Festival de San Gennaro. Mit einem Wort: Grauenhaft. Und ich erwische es schon zum zweiten Mal. Die engen Straßen sind gesäumt von Fressständen, die nicht wirklich ansprechende, vor Fett triefende Speisen anbieten, dazu kommen Billig-Cocktail-Stände und Ramsch-Kosmetik. Eigentlich gibt es nur vielleicht 15 unterschiedliche Stände, aber die wiederholen sich und sind endlos aneinander gereiht. Dazwischen schieben sich die Menschenmassen Meter um Meter vorwärts.
