Nicht alles war einfach - Bernhard Götz - E-Book

Nicht alles war einfach E-Book

Bernhard Götz

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Beschreibung

Der Autor schaut mit Beginn des Rentenalters auf sein Leben zurück. Seine autobiografischen Geschichten beschreiben Ereignisse und Erlebnisse aus der Kindheit in der Nachkriegszeit, Meilensteine der beruflichen Entwicklung, Szenen aus dem Privatleben und der Ehe mit Frau und drei Kindern.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2015

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1942 wurde ich in Leer/Ostfriesland geboren.

1970 Heirat, drei Kinder

Schul- und Berufsausbildung in Leer

1968, nach Wehrdienst und Maschinenbaustudium

Umzug nach Bayern und Eintritt in die Fahrzeugentwicklung. Beruflicher Aufstieg bis zum Entwicklungsleiter.

2007 Eintritt ins Rentenalter

Für Helene

Inhalt

Wie alles angefangen hat

Die Brunnenstraße

Christians Sondertour

Die Milchflasche

Glückliche Kindheitsjahre

Schwimmen und mehr

Fahrradfahren

Ehrenwort

Fische

Anglerglück

Eislaufen

Eine neues Zuhause oder das Ende der Kindheit

Ferienarbeit

Alltagsleben

Tante Berta

Sport

Lehrjahre

Eine Chance zur Weiterbildung

Eine willkommende Abwechslung

Bundeswehr und andere Katastrophen

Zwischenstopp in Leer

Ingenieurball

Umwege

Erfolgreicher Neuanfang

Gruppenleiter

Neuland

Kundendienstaufgabe

Entwicklungsschritte

Rentnerdasein

Gemeinsam wohnen

Ein Abend am Meer

Abschied

Jehovas Zeugen

Klassentreffen

Vertrauen

Die Uhr

Ein Katerleben

Zeitempfinden

Vierzig Jahre

Ischia

Nordsee

Großeltern

Vorwort

Ich machte mit meiner Tochter Antje einen Spaziergang im Park Schönbusch. In Gedanken versunken sagte ich zu mir selbst: „Mitten in der Woche hast du jetzt Zeit. Daran wirst du dich gewöhnen müssen. Jetzt zählst du zu den Alten.“

Antje holte mich aus meiner Grübelei heraus: „Die Feier zu Deiner Verabschiedung bei Linde war beeindruckend. Ich habe sehr viel über deine Arbeit, deine Erfolge und dein Ansehen in der Firma erfahren.” Nach einer kleinen Pause ergänzte sie: „Aber ich wüsste gerne mehr, mehr von dir, deiner Kindheit, deiner Jugend, mehr von deinem Leben.” Ich war überrascht.

Ihr Wunsch regte mich an zurückzuschauen. Manche Erinnerungen machten mich nicht nur nachdenklich, sondern auch neugierig und ich stellte mir Fragen: Wo komme ich her? Wie bin ich der geworden, der ich heute bin? Was hat mich geprägt? Ich beschloss dazu einige Geschichten aufzuschreiben.

Wie alles angefangen hat

Man schrieb den 26. Mai 1942, als ich in Leer/Ostfriesland an der Seeschleuse in einem Haus das direkt am Deich stand, geboren wurde. Meine Eltern hatten dieses Haus bezogen, nachdem mein Vater an der Seeschleuse eine Arbeitsstelle gefunden hatte. In der damaligen Zeit war es nicht leicht, eine langfristig sichere Anstellung zu bekommen. Außerdem waren gute Wohnungen zu erschwinglichen Preisen rar. So hatte mein Vater sich um diesen Posten beworben, denn der bot beides, einen sicheren Arbeitsplatz und ein Wohnhaus vor Ort.

Der Staat stellte allerdings Anforderungen. Mein Vater musste verheiratet sein und sollte umgehend das Haus an der Seeschleuse beziehen. Damit sollte er auch außerhalb der normalen Arbeitszeit bei besonderen Anlässen oder Geschehnissen, wie zum Beispiel bei einer Sturmflut, zur Verfügung stehen. Also haben meine Eltern 1933 kurzfristig geheiratet. Meine Mutter, die erst zwanzig war, sagte später einmal: „Eigentlich hätte ich damals gerne noch zwei, drei Jahre mit der Ehe gewartet“.

Politisch machte der Staat ebenfalls Druck und Vorschriften. Mein Vater musste, um diesen Job zu bekommen, der NSDAP beitreten. Wie er mir später erklärte, war er politisch nicht überzeugt und er habe sich bemüht, in dieser Richtung möglichst passiv zu bleiben. Ich glaubte ihm das, da ich ihn aus eigener Erfahrung ganz anders kennen gelernt hatte. Sein Verhalten und seine Einstellung entsprachen absolut nicht dieser politischen Richtung mit dem Machtanspruch und dem faschistischen Menschenbild. Das zeigte sich auch in der Art, wie er meinen Bruder unterstützte, als dieser in der Gewerkschaftsjugend aktiv tätig wurde und auch einige Jahre später als mein Bruder dem Bundesvorstand der Gewerkschaft angehörte. Bei meiner Mutter bin ich mir nicht so sicher. Sie hatte offensichtlich anfänglich der Propaganda Glauben geschenkt. So frage ich mich heute, was oder wie viel haben meine Eltern damals von dem menschenverachtenden Geschehen mitbekommen, denn auch in Leer wurde eine Synagoge abgebrannt und das konnte ihnen nicht entgangen sein, aber fragen kann ich sie nicht mehr.

Bei meiner Geburt konnte mein Vater nicht anwesend sein. Er war schon längst zur Wehrmacht eingezogen worden und befand sich im Einsatz an der Front. Die Front und damit der Krieg waren, wie von der Propaganda verbreitet, weit weg. Viele glaubten, dass der Krieg niemals nach Deutschland kommen würde. Meine Eltern waren sich schon damals aufgrund eigener Erfahrung nicht so sicher, wie sie uns später erzählten, als wir nach unseren Opas fragten. Beide hatten ihren Vater im ersten Weltkrieg verloren. So machten sie sich jetzt Sorgen um uns und die Zukunft.

Zwei meiner Geschwister waren schon vor mir geboren worden. Meine Schwester Anna-Luise war damals sechseinhalb und mein Bruder Christian Dietrich zweieinhalb Jahre alt. Meine Geburt fand, wie in dieser Zeit üblich, zuhause mit Hilfe einer Hebamme statt. Meine Mutter hat mir später davon erzählt. Als Erstes habe die Hebamme versucht, meine Kopfform, die sie nicht als ganz normal angesehen habe, durch Drücken zu verändern, ohne Erfolg. Sie habe befürchtet, ich könnte eine schwere Krankheit haben, was glücklicher Weise nicht zutraf.

Über die folgende Zeit, die schwierigen Umstände und meine ersten Jahre weiß ich sehr wenig und würde heute gerne viel mehr darüber wissen, aber es ist niemand mehr da, den ich fragen könnte. Klar ist, dass schon gut ein Jahr nach mir meine Schwester Berta Martina zur Welt kam, als Folge eines Heimaturlaubes unseres Vaters. „Unter normalen Bedingungen hätte ich nicht so schnell ein weiteres Kind bekommen“, war später dazu der Kommentar meiner Mutter.

Wie der Krieg so spielte, hat mein Vater damals von der Schwangerschaft und der Geburt seines vierten Kindes nichts erfahren. Meine Mutter konnte ihn nicht benachrichtigen, da er zu diesem Zeitpunkt als verschollen galt. Erst als der Krieg längst zu Ende war, erhielt meine Mutter die gute Nachricht, dass er noch lebte und sich in englischer Gefangenschaft befand. In die war er schon 1944, während der Invasion der alliierten Truppen in die Normandie, geraten. Diese frühe Gefangenschaft schützte ihn letztlich vor einem Einsatz an der Ostfront, aber das erkannte er erst Jahre später.

Im April 1945, kurz vor Ende des Krieges, wollten alliierte Truppen die Ems bei Leer überschreiten. Leer wurde jedoch stark verteidigt. Zu diesem Zweck sprengte man sogar noch am 24. April die Emsbrücke bei Leerort. Die Alliierten verstärkten ihren Angriff und nahmen das gegenüberliegende Ufer, die Stadt Leer und auch die Seeschleuse unter heftigen Granatbeschuss. In der Stadt wurden dadurch über zweihundert Häuser zerstört und noch mehr beschädigt. Hinzu kamen vierhundert Tote. Auch das Haus in dem wir wohnten, war getroffen worden. Alles, was über den Deich ragte, war beschädigt und die Wohnung kaum mehr bewohnbar. Schließlich gewannen die alliierten Truppen die Oberhand und besetzten am 28./29. April das Stadtgebiet, das dann für drei Tage zur Plünderung freigeben wurde.

Meine Mutter hat von diesem Moment, als die fremden Soldaten plötzlich vor ihr standen, oft erzählt. Das Geschehen und die damit verbundene Angst haben sich tief bei ihr eingebrannt. Die Soldaten richteten ihre Gewehre auf sie und auch auf uns Kinder und drohten mit Erschießung. Sie hatten in unserem Keller, in dem meine Mutter mit uns Schutz gesucht hatte, auch einen deutschen Soldaten gefunden. Diesen hatte meine Mutter wegen seiner schweren Bauchschussverletzung aufgenommen und ihm damit letztlich das Leben gerettet. Ich bin mir sicher, trotz ihrer dramatischen Erfahrung, hätte sie so jeder Zeit wieder gehandelt.

Über das, was in den folgenden Stunden und Tagen geschah, was meine Mutter alles aushalten und ertragen musste, hat sie sich jedoch uns Kindern gegenüber nie geäußert. Eine für uns sichtbare Folge, als kleines Beispiel für den erdrückenden Wahnsinn der stattgefunden hatte, hat uns viele Jahre begleitet. Es war unser Wohnzimmerschrank. Ich sehe ihn noch vor mir, mit den kleinen Rauten auf den Türen. Diese hatte mein Vater darauf geklebt, um Löcher zu verdecken. Den Schrank hatte meine Mutter, in der Hoffnung, das Geschirr retten zu können, verschlossen. In ihrem Zorn hatten die Soldaten auf die Türen geschossen. Als Ergebnis hatten wir bei uns zuhause für Jahre weder genügend heile Tassen noch Teller. Dafür aber ein silbernes Besteck, denn das hatte meine Mutter vergraben und so vor dem Zugriff der Besatzung gerettet.

Einige Wochen später, mit der Kapitulation der deutschen Streitkräfte am 8. Mai 1945, war der Krieg in ganz Deutschland zu Ende. Die Folgen waren für die ganze Welt, wie wir alle wissen, immens. Deutschland musste, wie in der Berliner Viermächteerklärung vom 5. Juni 1945 dokumentiert, die Ostgebiete abtreten und wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Wir gehörten zur englischen Zone.

Zu dieser Zeit galt unser Vater noch immer als vermisst. Unsere Mutter hatte über zwei Jahre keine Nachricht mehr von ihm erhalten. Auf Anordnung der britischen Armee, die den Schleusen- und damit Hafenbetrieb überwachen wollte und wahrscheinlich auch wegen der zerstörten Wohnung, mussten wir die Seeschleuse verlassen. Unsere Mutter wurde mit ihren vier kleinen Kindern zwangsweise in einer notdürftig hergerichteten Dachwohnung an der Brunnenstraße in der Innenstadt einquartiert. Verständnis für ihre, unsere Situation hatte man dort offensichtlich sehr wenig.

Ich versuche es, aber ich kann mir heute nicht wirklich vorstellen, wie schwierig die Lage und die Umstände für meine Mutter damals gewesen sein müssen. Persönliche Erinnerungen habe ich keine daran, dazu war ich mit meinen drei Jahren noch zu klein. Das kann ich als Glück oder sogar als Gnade ansehen. Meine eigenen Erinnerungen beginnen später und hängen eng mit dieser notdürftigen Wohnung in der Brunnenstraße zusammen. Einige Eindrücke und Ereignisse aus dieser Zeit sind mir präsent geblieben, ich sehe sie manchmal lebhaft vor meinen Augen und frage mich dann: Stimmen die Bilder? Habe ich alles wirklich so erlebt? Ich glaube, es kann nicht viel anders gewesen sein.

Die Brunnenstraße

Vor einigen Tagen besuchte ich meine Heimatstadt Leer. Ich spazierte durch die Altstadt und war in Gedanken mit den alten Wegen, die ich früher oft gegangen bin, beschäftigt. Schließlich landete ich in der Brunnenstraße. Jetzt war sie schön gepflastert und gut hergerichtet. Hier haben wir nach dem Krieg gewohnt. Hier beginnen meine persönlichen Erinnerungen. Das Haus, in dem wir damals untergekommen waren, gibt es nicht mehr. Die alte, ehrwürdig wirkende Apotheke auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die im Krieg unversehrt geblieben war, stand noch an ihrem Platz. Ich blieb stehen. Meine Gedanken kreisten mehr und mehr, weckten Gefühle, überraschten mich mit deutlichen inneren Bildern.

Ja, hier mussten sie gestanden haben, zwei dunkel wirkende Häuser, dicht aneinander gedrängt. Sie wurden vor vielen Jahren durch ein Geschäftshaus ersetzt. Doch ich sah vor meinen Augen noch den alten Eingang. Der Fußweg davor bot weniger Platz, da die alten Häuser viel dichter am Fahrweg standen. Unsere Unterkunft, ein Notquartier, war im rechten Gebäude.

Das alles lag tatsächlich schon über 60 Jahre zurück, wunderte ich mich. Meine Erinnerungen ließen mich in die Kindheit zurückfallen.

„Wir wohnen an der Brunnenstraße“, gab ich zur Auskunft, wenn ich gefragt wurde, und damit meinte ich meine Mutter, meine Schwester Anna-Luise, meinen Bruder Christian und mich. Außerdem sprach meine Mutter, oder Mutti, wie wir Kinder sie riefen, oft von „Bertel”, meiner kleinen Schwester, deren richtiger Name Berta-Martina war. Sie hatte mit uns hier gewohnt und war gestorben. Persönlich habe ich keine Erinnerung an sie.

Ich sehe mich auf der Straße vor dem alten Haus stehen. Der Eingang ist unten links. Dicht daneben steht das nächste Haus. Die beiden Häuser werden durch einen schmalen dunklen Gang getrennt, der für uns durch eine hohe Pforte versperrt ist. Was sich hinter dieser Pforte befindet, habe ich noch nie gesehen. Das beunruhigt mich, und ich stelle mir düstere Bilder vor. Ich verdränge diese Gedanken und betrete das Haus. Die Haustür ist schwer; ich kann sie nur mit Mühe öffnen. Dahinter befindet sich ein schlecht beleuchteter, mit einem Steinboden versehener, hoher Flur. Rechts steht ein grober alter Schrank, um den ich einen Bogen mache. Weiter hinten führt die Treppe nach oben. Alles ist so dunkel und wirkt unheimlich auf mich.

Unsere Wohnung liegt im dritten Stock. Unter uns, in der zweiten Etage, wohnt der alte Herr Rehbock. Der klopft oft an die Decke, wenn wir in der Wohnung spielen und herumlaufen, da der harte Holzboden jedes Geräusch überträgt. Matten und Teppiche haben wir nicht. Weiter unten, im ersten Stock, wohnt das jüngere Ehepaar Rehbock. Ich kann mich nicht daran erinnern, mit ihnen je ein Wort gesprochen zu haben. Im Erdgeschoß gibt es keinen Wohnraum.

Nur ungern gehe ich in dieses Haus hinein, durch diesen dunklen Flur und die knarrende Treppe hinauf. Bemühe ich mich zu schleichen, geht trotzdem öfters im ersten Stock für einen Moment die Tür einen Spalt weit auf, dahinter erscheint ein für mich unfreundliches Gesicht, und die Tür schließt sich wieder. Um das zu vermeiden, renne ich manchmal die Stufen hinauf, doch dann kann es passieren, dass „der alte Rehbock“ seine Tür aufreißt und mich streng ermahnt: „Sei leise, hör` auf zu poltern!” Ich wage dann nicht, ihn anzuschauen und gebe auch keine Antwort.

Die Wohnung ist eng und klein, die Wände sind fast alle schräg. Bei schlechtem Wetter sind sie feucht, und oft ist es auch sehr kalt in der Wohnung. Im Winter kann es passieren, dass die schrägen Wände morgens weiß angefroren sind, weil unsere Mutter ohne Holz oder Kohle nicht heizen kann. Wir verkriechen uns dann auch tagsüber ins Bett.

Am Ende der Wohnung führt eine Tür direkt auf den Dachboden. Von dort kann man über eine Leiter weiter nach oben auf einen Dachgarten gelangen. Für mich ist das kein Garten, denn es gibt dort keine Pflanzen. Der Giebel des Vorderhauses überragt diesen Dachgarten noch um ein paar Meter.

Komme ich aus der Haustür, schaue ich als Erstes immer wieder auf das schöne alte und unbeschädigte Haus auf der anderen Straßenseite, in dem sich die Apotheke befindet. Daneben mündet eine schmale Gasse ein. Das ist unser Weg zu Oma Schwarz. Rechts auf unserer Straßenseite befindet sich, ein paar Häuser weiter, eine Bäckerei. Schaue ich nach links, fallen mir sofort Wachen auf, englische Soldaten, die den Fußweg absperren. Auch wir Kinder müssen einen Bogen darum machen, und ich meide ängstlich diesen Bereich. Ab und zu rattern Militärfahrzeuge durch die Straße, sonst gibt es nur wenige Radfahrer und einige Leute, die eilig zu Fuß gehen.

Ich wurde aus meinen Gedanken herausgerissen. Ein älterer Herr hatte mich angestoßen: „Geiht di dat neet good?” „Doch, doch, is all up Ste. Ik waas blot mit mien Kopp in se old Tied”. Der Mann lachte: „Mitunner geiht mi dat ok so.” Er nickte mir freundlich zu und ging weiter.

Ich wunderte mich über mich selbst, denn ich hatte ohne Überlegung im friesischen Dialekt geantwortet. Zuhause hatten meine Eltern sich bemüht, mit uns Kindern Hochdeutsch zu sprechen. Untereinander unterhielten sie sich jedoch im Dialekt, der noch allgemein weit verbreitet war. Der Dialekt gehörte und gehört für mich zur Heimat, ist ein Stück Heimat.

Fragt man mich heute: „Wo bist du zuhause?”, ist meine Antwort: „In Aschaffenburg“, denn dort wohne ich seit mehr als vierzig Jahren. Dort gründeten wir unsere Familie und wurden unsere Kinder geboren, dort erlebte ich viele gute Ehejahre und erfolgreiche Berufsjahre, dort sind wir integriert und dort haben wir viele gute Bekannte. Rede ich von Heimat, meine ich weiterhin Leer und Ostfriesland, die Landschaft und die Menschen, die Sprache, die frische Luft, Wasser und die Nordsee.

Ich setzte, jetzt wieder mit offenen Augen für die Umgebung, meinen Spaziergang Richtung Seeschleuse fort. An der Seeschleuse habe ich den zweiten und wohl wichtigsten Teil meiner Kindheit erlebt.

Am Ende der Brunnenstraße bog ich nach links in die Rathausstraße. Die alten Häuser waren schön renoviert, und die engen Gassen zwischen den Häusern, die früher verschlossen waren, frei zugänglich. Viele Namen und Geschäfte hatten sich geändert, aber das besondere Flair dieser Altstadt war für mich überall spürbar. Auch im Samenhaus Hüsmann, wo es nicht nur Samen gab und in dem ich als Kind öfters einkaufen musste, war jetzt ein anderes Geschäft. Ein paar Häuser weiter hob sich auf der linken Seite das alte aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammende Haus der Weinhandlung Wolf hervor. Rechts am Ende der Straße dominierte ein historischer Backsteinbau, das Rathaus.

Mit dem Rathaus verbinde ich besondere Erinnerungen, denn dort haben Helene und ich, vor vierzig Jahren standesamtlich geheiratet.

Schräg gegenüber fiel mein Blick auf die alte Waage, in der es ein gutes Lokal gibt, das meine Frau und ich in den letzten Jahren schon öfters besucht hatten. Die Waage steht auf einem freien Platz, der den Blick auf den Museumshafen, in dem alte Schiffe ankern, freigibt. Früher legten hier Handelsschiffe an und in der Waage wurden deren Waren kontrolliert.

Ich ging weiter geradeaus durch die Neue Straße. Rechter Hand tauchte das Anwesen des Holzhändlers Garrels auf, das mich früher beeindruckt hatte und jetzt viel kleiner auf mich wirkte. Als ich näher kam, stellte ich fest, dass das auf der gegenüberliegenden Straßenseite und am Hafen angrenzende Grundstück, in einen gemütlichen, öffentlichen Platz verwandelt worden war.

Ich betrat den Platz und ließ mich auf einer Bank nieder. In Gedanken folgte ich der Straße bis an die Ecke zur Groninger Straße. Dort befand sich Baumanns Tante Emma Laden, in dem ich als Kind sehr oft angestanden hatte. Der Laden, an dem mein alter Schulweg von der Seeschleuse aus vorbei führte, war, wie ich wusste, längst verschwunden. Aber bis dorthin kam ich an diesem Tag nicht mehr. Ich blieb auf dem Platz sitzen, genoss die Ruhe und ließ meinen Erinnerungen freien Lauf, die wieder zur Brunnenstraße zurückkehrten.

„Das waren harte Zeiten“, sagte man später, aber als Kind hatte ich das nicht so empfunden. Es war eben so. Es gab wenig zu essen, und es war oft kalt in der Wohnung, da es uns an Heizmaterial fehlte.

Wenn es dann im Herbst nachts gestürmt hatte, ging ich morgens ganz früh mit meiner Mutter zum Friedhof an der Heisfelder Straße. Dort unter den alten, riesigen Bäumen sammelten wir Zweige und Äste, die der Sturm heruntergerissen hatte. Warum immer ich und nicht mein Bruder oder meine Schwester diese Aufgabe zugeordnet bekam, habe ich mich damals nie gefragt. Es war für mich normal, da wir nicht die Einzigen waren, die sich diese Mühe machten. Hatten wir Erfolg und brachten unsere Taschen und Beutel gut gefüllt zurück, gab es als Belohnung etwas Warmes zu essen. War mir besonders kalt geworden, erhielten wir Kinder als Zugabe eine Wärmflasche mit ins Bett.

Eines Tages zertrümmerte meine Mutter, nachdem das feuchte Holz, das wir gesammelt hatten, nicht brennen wollte, in ihrer Not und offensichtlich vom Zorn überwältigt einen Küchenstuhl. Das trockene Holz des Stuhles brannte herrlich. Meine Mutter lernte daraus, denn im Laufe des Winters opferte sie noch zwei weitere Stühle.

Dann waren da noch die Zeiten, in denen wir Kinder von Oma Schwarz betreut wurden, und die waren alles andere als normal für mich. Zeiten, in denen unsere Mutter, nach größeren Operationen, für einige Wochen im Krankenhaus lag. Sie wurde viermal an Unterleibskrebs operiert. Wir Kinder wussten nicht, was die Krankheit bedeutete, aber wir spürten, dass die Lage sehr ernst war und hatten Angst, dass unsere Mutter nicht zurückkehren könnte.

Oma Schwarz war, wie die Leute damals sagten, eine fromme, strenge, sehr auf Ordnung bedachte Frau. Sie hatte, nachdem ihr Mann während des ersten Weltkrieges gestorben war, ihre sechs Kinder alleine großgezogen und dafür mit Näharbeiten mühsam ihren Lebensunterhalt verdient. Ich werde nicht vergessen, wie sie eines Tages darauf bestand, dass wir eine sauer gewordene Erbsensuppe aufessen sollten. Zur Begründung redete sie viel von Sünde und dass wir Gott trotzdem dafür danken müssten. Ich, und wie ich bemerkte, auch meine größeren Geschwister, konnten ihr darin nicht folgen. Wir verstanden sie und ihre Argumentation nicht, und das lag, denke ich heute, nicht nur an der sauren Suppe.

War unsere Mutter dann wieder bei uns zuhause, normalisierte sich gefühlsmäßig für mich bald wieder der Tagesablauf, bis zur nächsten Unterbrechung. Auf diese reagierte meine Mutter aufgrund ihres Gesundheitszustandes oft übernervös. Ihre Krankheit hat ihr sicherlich mehr zugesetzt, als ich mir das damals bewusst war.

Ein kräftiger Windstoß brachte mich in die Gegenwart zurück. Ich bemerkte, dass mir kühl geworden war, beschloss, meinen Spaziergang ein anderes Mal fortzusetzen und kehrte zum Auto zurück, das ich auf dem Marktplatz geparkt hatte. Ich machte jedoch einen kleinen Umweg durch die Kampstraße. Hier hatten früher Tante Klara, die Schwester meiner Mutter, und Onkel Ewald gewohnt. Tante Klara war mit meiner Mutter und ihrer anderen Schwester völlig zerstritten. Eine sehr unerfreuliche Geschichte, deren Hintergründe ich nur vage kenne und nicht mehr klären kann. Zu den Kindern von Tante Klara und Onkel Ewald, meinem Cousin Ewald und meiner Cousine Edith, die beide mehrere Jahre älter sind als ich, kam so nie ein ordentlicher Kontakt zustande. Ich kann nicht sagen, was aus ihnen geworden ist und ob sie heute noch leben. Rückwirkend lässt sich nichts ändern. Ich denke, jetzt ist es das Beste, die Sache nach so vielen Jahren auf sich beruhen zu lassen.

Gelernt habe ich für mich aus dieser Geschichte. Ich würde alles versuchen, um so eine Situation nach einem Streit mit meinen Geschwistern oder anderen Familienmitgliedern nicht entstehen oder zumindest nicht bestehen zu lassen. Darin sind Helene und ich uns einig, denn wie ich aus Erfahrung weiß, würde auch sie das sehr aktiv zu verhindern suchen.

Auf der Fahrt zurück nach Ditzum trat diese unerfreuliche Erinnerung wieder in den Hintergrund. Dafür nahmen mich die herbe Landschaft und eine herrlich untergehende Sonne mehr und mehr gefangen.

Später lag ich noch lange wach, da meine Gedanken nicht zur Ruhe kamen. Sie führten mich noch einmal zurück in meine Zeit an der Brunnenstraße. Ich überlegte erneut: Wie war das damals? Was hatte sich noch alles ereignet? Was war besonders wichtig? Meine Erinnerung hatte Lücken. Manches blieb unscharf, auch wenn mir nach und nach immer mehr Bruchstücke einfielen.

Eines Tages, es war wahrscheinlich zwischen Weihnachten und Neujahr, wie ich später aus Erzählungen folgerte, kam ein fremder Mann ins Haus und blieb: unser Vater. Er war ohne Vorankündigung aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt. Ich weiß nicht, wie es meinen Geschwistern ging, denn wir haben nie miteinander darüber gesprochen. Ich jedenfalls brauchte einige Zeit, um mich an die neue Konstellation zu gewöhnen.

Von der Brunnenstraße aus wurde ich eingeschult. Zu diesem Ereignis gab mir meine Mutter als Schultüte eine braune Spitztüte mit, wie es sie damals üblicherweise beim Kaufmann gab. Sie war zur Hälfte gefüllt mit ein paar Süßigkeiten. Für eine richtige, größere und bunte Schultüte, wie sie einige Kinder mitbrachten, fehlte das Geld, oder meine Mutter wollte ihr knappes Budget dafür nicht opfern.

Sie wies mich darauf hin, dass mein Bruder Christian ganz ohne Schultüte zur Einschulung hatte gehen müssen.

Während meines ersten Schuljahres gab es noch eine Schulspeisung um den Hunger für uns Kinder erträglicher zu machen. Dazu mussten wir ein passendes Gefäß mitbringen. Meines war, in Ermangelung anderer Behältnisse, eine Konservendose. Ich habe von mir nur ein Foto aus dieser Zeit. Es wurde auf dem Schulhof gemacht und zeigt mich mit Ranzen und der blankgeputzten Konservendose unter dem Arm.

Die Schule hat begonnen

Eines Tages kamen unsere Eltern von einem Besuch bei Bekannten spätabends nachhause. Sie weckten uns Kinder auf und zeigten uns ihre neueste Errungenschaft. Mein Vater hatte einen ganz kleinen Hund in der Jackeninnentasche. Das niedliche Tier streckte den Kopf heraus und schaute ängstlich, aber auch ein bisschen neugierig in die Runde. Wir wollten es sofort streicheln. Dagegen wehrte es sich und versuchte uns zu beißen, was jedoch bei dem kleinen Tier nicht besonders weh tat.

Nach ein paar Tagen hatten wir uns gut aneinander gewöhnt und der Hund gehörte da ab, bis er nach siebzehn Jahren starb, zur Familie. Der eigene Hund führte dazu, dass ich später nie Angst vor fremden Hunden hatte und das auch nicht, nachdem mich, als ich zehn Jahre alt war, ein Schäferhund ins Bein gebissen hatte.

Christians Sondertour

Endlich scheint die Sonne, es ist schön warm. „Es wird Sommer“, stellt unsere Mutter fest. Mein zwei Jahre älterer Bruder und ich wollen unbedingt nach draußen und bedrängen sie. „Aber nur oben”, gibt sie endlich nach.

Unten auf der Straße dürfen wir meistens nicht alleine spielen, da unsere kleine Schwester Bertel, wie Mutti sie nennt und von der ich mir nur aus Erzählungen ein Bild machen kann, vor zwei Jahren überfahren wurde. Bertel war damals mit unserer großen Schwester Anna-Luise unterwegs. Als ihnen ein Hund entgegenkam, riss sie sich von deren Hand los und rannte auf den Fahrweg. Ein Militärfahrzeug, das wie oft üblich sehr schnell fuhr, erfasste sie und verletzte sie schwer.

Wie ich aus Gesprächen zwischen Mutti und Anneliese, wie wir meine Schwester rufen, mitbekommen habe, starb Bertel anschließend im Krankenhaus an einer Gehirnblutung. Es war kein Arzt da, der ihr hätte rechtzeitig helfen können.

Innerlich sichtlich aufgewühlt erwähnt unsere Mutter manchmal, dass einige Tage später ein Militärvertreter sie besucht und ihr eine finanzielle Entschädigung angeboten hätte. Das habe sie empört abgelehnt, denn sie war davon überzeugt, dass dieses Geld ihr keinen Trost bringen würde.

„Und seid vorsichtig, nicht klettern!”, werden wir noch ermahnt; aber das kennen wir schon: „Ja, ja wir passen auf“. Und los geht es. Wir drängen aus der Wohnung, die Leiter hinauf zum Dachgarten.

Heller warmer Sonnenschein empfängt uns. Vergnügt hüpfen wir herum, auch wenn dazu nicht viel Platz vorhanden ist. Wir malen Kreise und versuchen Steinchen hinein zu werfen. Ich bin an der Reihe und habe Glück. „Ich habe getroffen”, rufe ich stolz, drehe mich um und bekomme einen großen Schreck.