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Er schien auf der Verliererstraße zu sein, musste sein Haus verkaufen, verlor seinen Führungsposten. Der spätere Präsident der Rechtsanwaltskammer München war Gast in seinem Haus gewesen. Die Geschiedene machte einen Rechtsanwalt und Vorstand einer Großstiftung zu ihrem Werkzeug. Sie wollte ihn ruinieren, wollte ihn "in der Gosse sehen", so ihre Worte. Die Kinder wurden Fremde. Man ließ ihn festnehmen. Selbst aus seiner Heimatstadt hat man ihn vertrieben. Freunde haben sich von ihm abgewandt. Aber er hatte einen Schutzengel an seiner Seite. Deshalb gab er nie auf. Heute verachtet er sie alle, - die noch leben. Lange hat er geschwiegen, jahrzehntelang. Sie mussten glauben, es sei alles begraben und vergessen. Aber es ist nie zu spät. Gottes Mühlen mahlen oft langsam, aber schrecklich fein. Eine mail aus dem Jenseits gab den Anstoß. Er holte zum literarischen Gegenschlag aus und riss ihnen die Maske ihrer bürgerlichen Existenz vom Gesicht.
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Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2022
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- für Astrid -
Wir sind nur Schauspieler in einem Stück, das der große Spielleiter bestimmt.
nach Epiktet, griechischer Philosoph
Vorwort
Exposé
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Epilog
Autor
Rezeption zur Ausgabe von 2020
Die letzte Seite
Alles liegt viele Jahrzehnte zurück und wirkt doch bis in die Gegenwart. Das Protokoll einer mörderischen Intrige soll neben ihrer Widmung auch dem Andenken der Mutter des Erzählers in einem schicksalhaften Geschehen gewidmet sein. Das zu schreiben war nur möglich, weil Astrid in ihrem Nachlass die Briefe und Schriftstücke aufbewahrt hat.
Zusätzlicher Auslöser für diese protokollarische Erzählung war der Fernsehfilm von Alexander Dierbach „Weil du mir gehörst“. Mit dem Fazit einer Rezension: "wer das Kind hat, hat die Macht. Damit ist es ziemlich einfach, den anderen rauszukegeln."
Es gibt Menschen, die haben etwas von einer Arachne. Wer ihr Spinnennetz nicht rechtzeitig zerreißt, bleibt gefangen oder kommt darin um.
Arachne, die Figur aus der griechisch-römischen Mythologie des Ovid, die von Pallas-Athene mittels Gift in eine Spinne verwandelt wurde.
Arachne Illustration Gustave Doré für Dantes Inferno (1861)(entnommen wikipedia)
Die Tagesschau war zu Ende. Der Wetterbericht kündigte an, dass das Sturmtief Sabine sich abgeschwächt hat. Er saß in dem schwarzen Ledersessel, in dem seine Frau Astrid und er gerne abwechselnd gesessen hatten. Seit fast einem halben Jahr ist er allein. Sie war innerhalb eineinhalb Monaten gestorben. Im Juli bestand Verdacht auf Lungenentzündung. Zu ihrem Geburtstag im August bekam sie in der Klinik die Diagnose Lungenkrebs, kleinzellig, inoperabel. Es war für beide ein Schock. Sie waren verzweifelt. Dann hatte sie ihn getröstet und gemeint, dass sie sechsunddreißig Jahre lang eine wunderbare Zeit hatten. "Dafür müssen wir dankbar sein. Du hast mir versprochen, dass wir zusammen alt werden wollen. Das sind wir nun.“
Wenn das so einfach wäre. Der Satz bei Mascha Kaléko‘s Memento war für ihn allgegenwärtig
„Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muß man leben.“
Auf dem Bildschirm lief die Schauspielerin Julia Koschitz mit einem kleinen Mädchen an der Hand auf ein Gebäude zu, an dem „Oberlandesgericht“ stand. Er mochte die Koschitz als Schauspielerin, deshalb wollte er sehen, was kommt. „Weil du mir gehörst“ erschien als Titel. Anscheinend eine Scheidungssache mit den Scheidungsfolgen. Anders als sonst bei vielen Fernsehgeschichten, diese interessierte ihn. Er suchte am Ende zum ersten Mal, wie das mit dem Livestream auf dem Smartphone funktionierte, um sich die Diskussionsrunde anzusehen, anzuhören.
Er war schon einmal verheiratet gewesen. Zwölf Jahre lang. Das liegt lange zurück.
Nach dem Studium war er beruflich erfolgreich. Ihm fehlte nichts, er liebte die Frauen, hatte sich aber nicht gebunden. Das Schicksal Herbert Capellers, seines Onkels, war ihm Warnung. Der hatte sich seinem Ehrenkodex verpflichtet gefühlt, wegen einer Schwangerschaft zu heiraten. Und das endete für ihn tragisch.
Er war glücklich, wieder in seiner Geburtsstadt München zu sein. In Frankfurt fühlte er sich nie so richtig zu Hause. Er wohnte seit vier Jahren in einem neuen Appartement im Münchner Süden. Mit ehelicher Bindung hatte er sich also Zeit gelassen. Segeln am Chiemsee. Urlaube am Gardasee und in Südtirol und sonstwo. Er hat das Leben ausgekostet, war mit Freunden unterwegs gewesen. 34 Jahre war er nun und überzeugt, in der dreizehn Jahre jüngeren Lisa die Richtige gefunden zu haben. In einem gefragten östlichen Stadtteil Münchens hatte er zuvor schon einen Baugrund gekauft. Ein Jahr später und ein halbes Jahr nach der Geburt der Tochter konnte das Paar in das neu gebaute Haus einziehen. Ein befreundeter Bauingenieur hatte es in kurzer Zeit hingestellt. Zwei Jahre später kam der Sohn zur Welt. Das Glück schien vollkommen.
Doch es schien nur so. War es das Hausfrauendasein, die Mutterrolle, die doch nicht unbegrenzten Finanzmittel, die Langeweile oder falsche Bekanntschaften - „im Beruf jongliert er mit Millionen und bei mir ist er kleinlich“, wenn die Kontoüberziehung größer wurde, - nach fünf Jahren, 1976, war die Gemeinsamkeit aufgebraucht. Nach der Geburt des Sohnes hatte sie sich verändert. Heute weiß er warum. Er hatte sich in ihr doch geirrt. Sie stammte aus Württemberg, blond und gut aussehend, aber nicht so unbedarft wie sich die 20-Jährige anfangs gegeben hatte. Sie hatte eine Ausbildung in der Hotel-Gastronomie. Als er sie kennenlernte war sie Bankangestellte.
Wegen der Kinder und der Pflichten lief alles weiter, doch eine Ehe war es nicht mehr. In den Jahren zwischen der Geburt der Tochter 1972 und des Sohnes 1975 war er, wie er sich erinnert, acht mal zwei Wochen im Ausland gewesen. Die Firma förderte ihn an einer Kaderschule für Führungskräfte in Fontainebleau.
In den Ferien ging man sich schnell auf die Nerven. Selbst gemeinsame Urlaube mit Bekannten in der Nachbarschaft, man nannte sie „Freunde“, wurden unerfreulich. Dann ging jeder getrennt, sie wollte nicht Segeln, er nicht Skifahren, das war für ihn zu gefährlich – und jeder machte seine Bekanntschaften. Er hielt es für besser und richtig, den Irrtum zu akzeptieren, sich zu trennen, das Haus zu verkaufen, unter dem neuen Scheidungsrecht jedem seine Freiheit zurückzugeben und seinen eigenen Weg zu gehen.
Fünf Jahre hatte er sich gegeben und seinen fünfundvierzigsten Geburtstag als Termin gesetzt. Einen Tag danach ließ er seinen Anwalt die Scheidung einreichen. Damit hatte die Frau doch nicht gerechnet. Sie war dagegen. Im eigenen Haus die längere Trennungszeit vor der Scheidung zu organisieren, vergiftete die Situation erst recht. Es war ein Bungalow. Sie und die Kinder bewohnten das Erdgeschoss. Er „wohnte“ im Hobbyraum im Keller.
„Weil du mir gehörst“. War das wegen der schweren Geburt der Anspruch seiner Mutter gewesen? Einen Tag vor dem Beginn der Olympiade 1936 hatte sie ihn, Kurt, im Krankenhaus Dritter Orden in Nymphenburg zur Welt gebracht. Sie hatte zuvor schon einmal eine Fehlgeburt. In ihren Aufzeichnungen findet er die Zeilen: Es war trotz der Schmerzen der glücklichste Tag in meinem Leben und als mir die Ärzte gratulierten und mich für meine Tapferkeit lobten war, ich für alles entschädigt. Diesem Zustand verdankt es mein lieber Sohn heute, dass er, worauf er so stolz ist, als Münchner geboren wurde.“
Der Mutter hatte er allerdings den Unterleib so ramponiert, dass die ehemals sehr schöne Frau dann doch zeitlebens darunter litt.
Vor Kriegsausbruch war die Familie nach Berlin gezogen. Der Vater hatte eine Anstellung in der dortigen Rüstungsindustrie, war dort unentbehrlich und wurde aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Kriegsdienst eingezogen.
Bis zum Februar 1945 überdauerten sie die Kriegsjahre in Berlin, die Bombenangriffe, die Nächte im Luftschutzkeller. In schwierigen Zeiten rückt man zusammen. Das galt auch für die unmittelbare Nachkriegszeit bis zur Währungsreform in der oberbayerischen Provinz. Danach waren die sogenannten „besten Jahre“ für die Eltern ohnehin vorbei. Sie hatten als Kinder den Ersten Weltkrieg und in der Lebensmitte den Zweiten Weltkrieg erlebt. Und dazwischen gab es die Inflation und das 1000-jährige Reich. Den Vater belastete zeitlebens, dass er sein Jurastudium in Bonn ohne Abschluss beendet hatte. Er war der Jüngste von fünf Kindern, dem der Vater, ein wegen einem Unfall früh verstorbener Krankenhausdirektor in Fulda, gefehlt hatte, um das zu verhindern. Mitte der 1950er Jahre war die Ehe am Ende, die Eltern wurden geschieden. In der Phase des Getrenntlebens wegen des Wiedereinstiegs ins Berufsleben war dem Vater in Frankfurt die Jugendliebe zufällig über den Weg gelaufen. Schwer genug für die Mutter, dass sie, die mit ihren Ersparnissen alle über die Zeit bis zur Währungsreform durchgebracht hat, sich störend vorkam, als sie in Frankfurt wieder zusammenzogen. Zu der Zeit war Kurt in einer katholischen Internatsschule bei Benediktinern in Niederbayern, bevor er aus „schwerwiegenden“ Gründen rausflog. Von der Einschulung in Berlin im Kriegsjahr 1942 bis 1956 hatte er ein halbes dutzendmal die Schule wechseln müssen.
Das Schreiben des Benediktinerpaters an den Vater des fast zwanzigjährigen Kurt las sich so:
DEUTSCHES GYMNASIUM
SEMINAR ST. GODEHARD NIEDERALTEICH Ndb. NIEDERALTEICH, 26.5.56
Sehr geehrter Herr Schneider, ich habe Ihren Sohn Kurt heute aus dem Seminar entlassen müssen. Auf der Rückreise aus den Ferien machte er in Deggendorf Station und besuchte dort ein Lichtspieltheater zusammen mit einem jungen Mädchen. Später ging er mit dem Mädchen Arm in Arm durch den Ort. Ein solches Verhalten ist in keiner Weise mit den Forderungen wie mit dem Geist unseres Hauses vereinbar. Da Kurt aber schon einen Direktoratsverweis mit Entlassungsandrohung erhalten hatte, führte dieser Fall zur Entlassung aus dem Seminar. Ich bedaure, daß Kurts Entwicklung auf diese Weise unterbrochen wird, kann aber unter den gegebenen Umständen nicht anders handeln.Mit freundlichen Grüssen!
Seminardirektor P. Augustin Rottmann OSB.
Sein Einwand, dass er noch in Ferien war, wurde weggewischt mit der Begründung,
