Nicht ich (Ein Camille-Grace-FBI-Thriller - Buch 1) - Kate Bold - kostenlos E-Book

Nicht ich (Ein Camille-Grace-FBI-Thriller - Buch 1) E-Book

Kate Bold

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Beschreibung

In dieser neuen Reihe der von der Kritik gefeierten Bestseller-Autorin Kate Bold wird Camille Grace, ein aufsteigender Stern der Verhaltensanalyseeinheit des FBI, an jenen Ort entsandt, an den sie nie zurückkehren wollte: den tiefen Süden. Mehrere Morde eines verdächtigten Serienkillers außerhalb von New Orleans zwingen Camille dazu, sich ihren kreolischen Wurzeln, ihrer quälenden Vergangenheit, ihrer entfremdeten Familie und ihren begrabenen Geheimnissen zu stellen. "Ein phänomenales Debüt mit einem gruseligen Unheimlichkeitsfaktor … Es gibt so viele unerwartete Wendungen, dass Sie keine Ahnung haben werden, wer das nächste Opfer wird. Wenn Sie einen Thriller lieben, der Sie bis spät in der Nacht wachhält, dann ist dies das richtige Buch für Sie." — Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN Camille wird immer frustrierter, während sie darum kämpft, mit ihrem neuen Partner zusammenzuarbeiten und die Hinweise keinen Sinn ergeben. Camilles quälende Erinnerungen an das Verschwinden ihrer Schwester vor zehn Jahren erschweren die Ermittlungen noch weiter – und die Opfer dieses neuen Mörders scheinen zu derselben Beschreibung zu passen. Könnte es derselbe Mörder sein? Camille weiß, dass sie sich in das kranke Gehirn des Killers versetzen muss, falls sie ihn rechtzeitig aufhalten will. Aber wird er sie mit sich reißen? Die CAMILLE-GRACE-Mystery-Reihe sind fesselnde psychologische Krimis voller Geheimnisse und Spannung, bei denen Sie sich in eine brillante neue Hauptfigur verlieben werden. Die Reihe hat so viele unerwartete Wendungen, dass Sie die Bücher bis spätnachts nicht aus der Hand legen werden. NICHT ICH ist Buch #1; Bücher #2 und #3 der Reihe – NICHT JETZT und NICHT GESUND – sind jetzt ebenfalls erhältlich. "Dies ist ein hervorragendes Buch … Stellen Sie sicher, dass Sie nicht früh aufstehen müssen, wenn Sie abends beginnen, es zu lesen!" —Rezension eines Lesers für DAS MÖRDERISCHE SPIEL "Ich habe dieses Buch wirklich genossen … Man wird sofort in die Geschichte hineingezogen und kann es bis zum Schluss nicht aus der Hand legen. Ich freue mich schon wirklich auf das nächste Buch." —Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN "WOW, ein wirklich tolles Leseerlebnis! Das war tatsächlich ein diabolischer Mörder! Ich habe dieses Buch wirklich genossen. Ich freue mich darauf, auch andere Werke dieser Autorin zu lesen." — Rezension eines Lesers für DAS MÖRDERISCHE SPIEL "Ein hervorragender Beginn für eine neue Reihe … Kaufen Sie dieses Buch und lesen Sie es; Sie werden es lieben!" — Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN "Fesselnder und mitreißender Serienmord mit einem Hauch des Makabren … sehr gekonnt." — Rezension eines Lesers für DAS MÖRDERISCHE SPIEL "Ein gutes Buch mit einer guten Handlung, viel Action und toller Entwicklung der Charaktere. Ein Thriller, der Sie bis nachts wachhalten wird." — Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN

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Seitenzahl: 314

Veröffentlichungsjahr: 2022

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N I C H T   I C H

Ein Camille-Grace-FBI-Thriller – Buch 1

K a t e   B o l d

Kate Bold

Aus der Feder der Debütautorin Kate Bold stammt die ALEXA-CHASE-THRILLER-Reihe, die sechs Bücher umfasst (mehr Bücher in Kürze); die SPANNUNGSGELADENE THRILLER-REIHE MIT ASHLEY HOPE, die sechs Bücher umfasst (mehr Bücher in Kürze); und die CAMILLE-GRACE-THRILLER-Reihe, die drei Bücher umfasst (mehr Bücher in Kürze).

Als begeisterte Leserin und lebenslange Liebhaberin des Mystery- und Thriller-Genres freut sich Kate über jeden Kontakt. Sie können www.kateboldauthor.com besuchen, um mehr zu erfahren und auf dem Laufenden zu bleiben.

Copyright © 2022 by Kate Bold. Alle Rechte vorbehalten. Vorbehaltlich der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen und Sie es nicht gekauft haben, oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann senden Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dies ist eine erfundene Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder das Ergebnis der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebendig oder tot, ist völlig zufällig.

BÜCHER VON KATE BOLD

EIN CAMILLE-GRACE-FBI-THRILLER

NICHT ICH (Buch #1)

EIN ALEXA CHASE THRILLER

DAS MÖRDERISCHE SPIEL (Buch #1)

DIE MÖRDERISCHE FLUT (Buch #2)

DIE MÖRDERISCHE STUNDE (Buch #3)

EIN SPANNUNGSGELADENER THRILLER MIT ASHLEY HOPE

LASS MICH GEHEN (Buch #1)

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

KAPITEL EINUNDDREISSIG

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

VORWORT

Victoria lief entlang der Straßen von New Orleans und hielt ihre Jacke fest, um sich vor der kühlen Morgenluft zu schützen. Sie versuchte, nicht an den Lärm hinter sich zu denken. Zuerst hatte sie ihn ignoriert; vielleicht war es einfach nur ein Straßenhund oder Leute, die durch eine andere Straße gingen.

Erneut blickte sie über ihre Schulter: immer noch nichts.

Es war zu spät am Abend geworden. Sie hatte ihren Freunden gesagt, dass sie jene Bar früher verlassen wollte, aber niemand hatte ihr zugehört, und wie immer hatten sie sich entschieden, sich ganz am Schluss von ihr zu verabschieden und sie allein nach Hause gehen zu lassen.

Zuerst war es ihr wie ein guter Einfall erschienen, aber nachdem sie in der Dunkelheit an mehreren Gassen und verhüllten Gebäuden vorbeigekommen war, begann sie, ihre Meinung zu ändern. Sie überlegte sich, in der Zukunft Pfefferspray in ihrer Tasche mitzunehmen. Es war etwas, das sie schon immer hatte tun wollen, aber zu dem sie noch nie gekommen war.

Da war es wieder. Das Geräusch.

Nach den Gedanken an das Pfefferspray erklang es jetzt unheilvoller.

Sie schritt schneller voran und hoffte, dass sie nach Hause käme, bevor sie herausfand, was diese Geräusche verursachte.

Als der Lärm wieder ertönte, blickte sie zurück. Hatte sie da gerade eine Person gesehen? Die Form eines Kopfes und die abgerundeten Schultern auf beiden Seiten.

Ja, es war definitiv eine Person. Die war zwar immer noch eine ganze Strecke hinter ihr, aber sie war dort.

Aber … folgte sie ihr? Das konnte sie nur schwer sagen. Die Person lauerte ihr nicht unbedingt auf, aber sie schien keinen wirklichen Grund zu haben, dort zu sein. Sie schien dort einfach nur herumzulungern.

Die Schritte hinter ihr erklangen jetzt schneller. Sie wagte es nicht, zurückzublicken, als der Verfolgungswahn sich in ihr breit machte. Außerdem, dachte sie, woher weiß ich, dass es ein er ist?

Sie lief jetzt ebenfalls schneller. In den Absatzschuhen, die sie trug, würde sie unmöglich nach Hause rennen können. Davon abgesehen war es wahrscheinlich nichts und sie würde sich nur lächerlich machen. Sie musste sich wirklich zusammenreißen. Das war wohl die Strafe dafür, dass sie die Bar so spät verlassen hatte, nahm sie an.

Sie ging weiter und versuchte, ihn zu ignorieren – die Gestalt. Doch obwohl sie sich Mühe gab, ruhig zu bleiben, bemerkte sie etwa dreißig Sekunden später, dass sie jetzt seinen Atem hören konnte. Die Person war so dicht hinter ihr, dass sie dachte, sie wurde vielleicht tatsächlich verfolgt.

Victoria zog sich ihre Schuhe hastig aus und rannte. Sie war noch weiter als einen Block von ihrer Wohnung entfernt und wusste, dass sie ziemlich schnell war. Selbst, wenn es möglicherweise dämlich auf jemanden gewirkt hätte, der sie zufällig beobachtete, war es ihr egal. Sie rannte.

Bis sie die Veranda ihres Hauses erreicht hatte, rang sie nach Luft. Hastig kramte sie in ihrer Tasche nach ihren Schlüsseln und stolperte, während sie versuchte, sie in das Schloss zu stecken. Sie drehte den Türknauf, trat ein, verschloss die Tür hinter sich und seufzte vor Erleichterung.

Nun war sie in Sicherheit. Zuhause. War der Typ ihr bis nach Hause gefolgt? War er draußen und sah sich ihr Haus vom Bürgersteig aus an?

Sie musste es herausfinden.

Langsam und zögernd schritt sie zum Fenster und spähte hinaus. Sofort entrann ihr ein Keuchen.

Dort draußen stand ein Mann, dessen Gesicht größtenteils vom Schatten der Nacht bedeckt war. Schlimmer noch: Er stand nicht auf dem Bürgersteig, sondern direkt in ihrem Vorgarten. Tatsächlich starrte er sie direkt durch das Fenster an.

Sie spürte, wie sie vor Angst erstarrte. Auf der anderen Seite der Scheibe grinste er sie breit an. Dann erhob er seine Hand, und sie sah sofort den Backstein, den er festhielt.

Bevor sie reagieren konnte, warf er ihn in ihre Richtung. Das Fenster zersplitterte und sie sprang mit einem Schrei zurück, als Scherben drinnen zu Boden fielen.

Sie kam sich vor, als säße sie in der ersten Reihe eines lebendigen Alptraumes, als er das Glas entlang des Rahmens wegschlug und hindurchstieg. Er betrat ihr Haus, als wäre es das Normalste auf der ganzen Welt.

„Bitte“, flüsterte sie zu dem Fremden, „bitte. Ich – ich will nicht sterben.“

Victoria hatte zu viel Angst, um etwas anderes zu sagen. Vor Schreck konnte sie nicht richtig atmen. Der Mann ergriff ihr Gesicht und Victoria schlug nach ihm; sie versuchte, ihn wegzutreten. Der Eindringling schaffte es, seine Hand über ihren Mund zu legen und sie nah an sich zu drücken.

Er sagte nichts, sondern musterte nur ihr Gesicht, als ob er nach etwas ganz Spezifischem suchte. Als er sich nah über sie beugte, lächelte er weiter.

Sie sah, wie er etwas aus seiner Jackentasche zog; doch so, wie er es hielt, konnte sie nicht genau erkennen, was es war. War das eine Nadel? Eine Art Stift?

Sie konnte es nicht feststellen. Sie sah nur, wie es im Straßenlicht, das durch das Fenster eindrang, aufblitzte.

Victoria schrie wieder in die Hand des Mannes, als etwas Scharfes sie stach. Sie versuchte, wieder zu schreien, doch ihr fehlte der Atem.

KAPITEL EINS

Als FBI-Special Agent Camille Grace den Zellenblock des Hochsicherheitsgefängnisses betrat, spannte sich ihr Körper an, bevor das bekannte Geräusch von Metall, das hinter ihr zuschlug, sie erschüttern konnte.

Viele Male hatte sie schon solche Gefängnisse besucht, aber dieser Klang jagte ihr dennoch jedes Mal einen kalten Schauer über den Rücken. Er erinnerte sie zu stark an ihre Vergangenheit, als sie während ihrer Jugend ihren eigenen Vater in einer sehr ähnlichen Haftanstalt besucht hatte.

Camille ging begleitet von zwei hünenhaften Wärtern den Gang entlang und versuchte, sich zu konzentrieren. Der Serienmörder, dem sie gleich gegenübertrat, würde sich jegliche Schwäche oder Ablenkung ihrerseits zunutze machen. Sie musste auf der Hut sein. Nach all der Zeit hatte sie den Mistkerl endlich gefangen, und jetzt würde sie ihn sicherlich nicht die Oberhand gewinnen lassen.

Sie durfte nicht wanken, denn sie brauchte Antworten. Nach einer Reihe von entsetzlichen Morden hatte sie – die einzige FBI-Agentin, die dazu fähig gewesen war – gerade dieses Monster gefangen. Ihr Name erschien derzeit in allen Zeitungen und das missfiel ihr wirklich. Sie fragte sich, ob der Mörder sich dessen ebenfalls bewusst war.

Doch es hatte nicht ausgereicht, ihn hinter Gitter zu bringen. Obwohl er in Haft war und nicht mehr die Straßen unsicher machen konnte, fiel es Camille schwer, zu schlafen. Sie musste wissen, warum. Warum hatte er diese furchtbaren Dinge getan? Die fehlende Auflösung zerrte an ihr, als wäre sie ein lebendiges Wesen. Sie verstand es nicht ganz, und das war ihr fremd. Immer schon war sie fähig gewesen, die Motivation und den Antrieb eines Mörders zu entziffern. In der Vergangenheit hatte sie eine Vielzahl von Mördern gefangen. Aber dieser … Dieser war ihr ein Rätsel und sie würde daran verzweifeln, wenn sie nicht etwas tiefer graben könnte.

Warum stört mich das so, wunderte sie sich, während sie den zentralen Gang des Gefängnisses entlanglief.

Du weißt, warum, sagte sie sich. Diese Verbrechen waren verdorben. Dieser Mann ist auf eine Weise krank, die du noch nie zuvor erlebt hast. Du willst herausfinden, dass es einen Grund gibt – nicht nur, dass er seinen Verstand verloren hat. Es ist das erste Mal, dass alles überhaupt keinen Sinn für dich ergibt.

Eine andere Zellentür wurde aufgezogen und einer der Wärter hielt dort inne, als ob er Angst hätte. Er winkte Camille hindurch, während sie draußen warteten.

Sie sind zu Recht verängstigt, dachte Camille. Dabei wussten sie nicht einmal, wozu er fähig war. Nicht so, wie sie es tat.

Sie trat langsam ein und war sich nicht sicher, was sie erwarten sollte. Dort saß Richard; an einen Stuhl gekettet grinste er sie an. Oder vielmehr Sir Richard, wie die Presse ihn getauft hatte. Er war der diabolischste Mörder, den das Land seit Jahren gesehen hatte. Zwanzig Frauen in zwanzig Tagen. Er trug weiße Hosen, ein weißes Hemd und um sein Handgelenk ein weißes Armband. Selbst in der Haftkleidung und dem beengten Raum eines Gefängnisses sah er bösartig aus.

Er lächelte sie an.

„Setzen Sie sich, Agent Grace“, forderte er sie höflich auf und zeigte auf den Stuhl vor sich. „Ich habe Sie schon erwartet.“

Gott, er jagte ihr Angst ein. Sie biss die Zähne aufeinander, um sicherzustellen, dass sie nichts Unangebrachtes sagte. Als sie sich schließlich setzte, erlaubte sie es sich, die möglichst einfachste Aussage von sich zu geben: „Ich bin hier, um Ihnen Fragen zu stellen.“

Er lachte auf. „Ah, ja. Fragen. Fragen sind wichtig. Sie führen zu Antworten. Es ist die Reise, nicht das Ziel. Und mir ist die Reise wirklich wichtig.“

Camille legte die Stirn in Falten. Etwas an diesem Mann stimmte nicht. Seine Augen leuchteten, aber sie war sich nicht sicher, ob es Wahnsinn oder etwas anderes war. Sie starrte ihn an und hoffte, dass er mit den kleinen Rätseln und der fast überheblichen Weise, wie er sich ausdrückte, aufhören würde, während sie darauf wartete, dass er sprach.

„Wir müssen uns unsere Unterhaltungen verdienen, Camille“, meinte er. „Sie wissen schon, wie einen Tanz. Sie stellen eine Frage und dann muss ich Ihnen eine Frage stellen. Anschließend müssen Sie mir wieder eine Frage stellen.“

„Ich tanze nicht mit Ihnen, Richard“, sagte sie tonlos.

„Gut, dann lassen Sie uns reden, damit wir einander kennenlernen.“

„Was, wenn ich Sie nicht kennenlernen möchte?“

„Ah, Liebes, warum sind Sie dann überhaupt hier?“ Die Worte entrannen seinem Mund wie ein Lied. „Wir reden hier. Sie und ich werden miteinander reden. Ich bin mir sicher, dass Sie viele Fragen haben, und ich habe viele Antworten. Ich vertraue darauf, Agent Grace, dass Sie mit den Schrecken jener Antworten umgehen können. Sie haben die Morde gesehen, die ich begangen habe. Sie wissen, welch grässliche Dinge ich diesen armen Seelen angetan habe. Als Frau wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn Ihr eigener Körper vergewaltigt wird. Und Sie wissen auch, wie es ist, wenn man sich gegen diese Vergewaltigung wehrt. Sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn man mit aller Macht sterben möchte, nicht mehr davon erleben möchte, seinen Körper zurücklassen möchte.“

Er trug eine weiße Gefängnisuniform und rauchte eine Zigarette, die er in seiner Hand hielt. Als ob er sich nicht schon genug rechtfertigen müsste.

„Wollen Sie wissen, warum ich diese Frauen ermordet habe?“, fragte er und versuchte dabei, freundlich zu klingen. „Deshalb sind Sie doch hier, oder?“

„Ich bin hier, um herauszufinden, warum Sie das getan haben“, sagte sie und versuchte, ihn beim Thema zu halten.

Er lächelte wieder. „Das werde ich Ihnen natürlich nicht verraten. Aber Sie werden es herausfinden, Agent Grace. Und letztlich werden Sie mir danken. Das ganze Land dankt mir.“

Sie verzog ihr Gesicht. „Warum meinen Sie, dass ich Ihnen für überhaupt etwas danken werde?“

„Das werden Sie, Agent Grace“, erwiderte er. Seine Stimme erklang leise, so wie immer, wenn er mit ihr sprach. Immer schien er zu wissen, dass sie in ihrer Jugend und Unschuld verletzbar war. „In dieser Hinsicht werden Sie mir einfach vertrauen müssen.“

„Warum hatten Sie es spezifisch auf jene Frauen abgesehen? Wurden Sie von ihnen bedroht?“

„Nein, Agent Grace“, entgegnete er ihr und strahlte sie jetzt praktisch an. „Es lag einfach daran, dass sie so hübsch waren. So unschuldig. Sie hatten es verdient, unsterblich zu werden. Ich wollte ihre Schönheit auf alle Ewigkeit festhalten.“

„Warum haben Sie sie dann nicht einfach gemalt?“, wollte sie wissen und war nicht mehr fähig, ihren Sarkasmus und ihre Wut weiter herunterzuschlucken. Viele Artikel über ihn handelten von dem Kunstzubehör in seinem Keller, da nie auch nur ein einziges Bild gefunden worden war. Es schien, dass er bereit gewesen war, etwas zu malen, aber sich dann dagegen entschieden hatte.

„Oh, das habe ich versucht“, sagte er, „aber es war nicht gut genug. Also habe ich sie in Blut gemalt. Und sie in Stücke zerschnitten, wie Sie wissen.“

„Warum?“, fragte sie leise.

„Weil ich es konnte“, erwiderte er. „Weil ich wütend auf sie war. Weil ich traurig war. Weil das Leben schwer ist. Weil es mich glücklich macht. Es ist schwer, das zu erklären, Agent Grace, aber gleichzeitig ist es auch recht einfach.“

Camille spürte, wie ihr die Galle hochstieg. „Sie sind krank“, fauchte sie.

„Das ist Ansichtssache“, antwortete er mit einem Lachen.

Er musterte sie von oben bis unten, und sie konnte seinen Blick auf sich spüren. Sie schluckte die Galle herunter und gab ihr Bestes, nicht die Haltung zu verlieren, doch das fiel ihr schwerer als gewöhnlich. Richard war ein Experte, wenn es darum ging, sowohl Männern als auch Frauen unter die Haut zu gehen und sie zu manipulieren.

Camille dachte darüber nach. Und je mehr sie nachdachte, desto stärker war die Erkenntnis, die sie hatte. Sir Richard war nicht nur ein diabolischer Mörder. Ein solches Etikett war fast gefährlich. Nein, er war nur ein Mann. Ein weiterer erbärmlicher, schwacher Mann, der als Kind missbraucht worden war. Das hatte sie immer gewusst, schon seit Anfang des Falles. Aber bis zu diesem Moment war sie sich nie bewusst gewesen, wie schwach er wirklich war.

Nachdem sie das erhalten hatte, wofür sie erschienen war, stand sie auf. Er hatte keinen wirklichen Grund gehabt. Der Mann war einfach nicht bei Sinnen. Es sorgte sie, an seinen Prozess zu denken. Würde er freigesprochen und in eine psychiatrische Anstalt geschickt, dann wäre dies alles ein Versagen für sie.

„Wir sind fertig“, informierte sie ihn.

Er lächelte. „Ganz und gar nicht, Agent Grace. Das werden Sie bald schon herausfinden.“

„Drohen Sie mir?“, fragte sie ungläubig.

„Ihnen drohen? Oh nein, meine Liebe“, erwiderte er. „Ich beschütze Sie.“

Ihr lagen schon eine Reihe von scharfen Antworten auf der Zunge, aber sie schluckte sie lieber hinunter. Stattdessen wandte sie sich an die Wärter hinter ihr. „Ich bin fertig hier.“

Sie wandte ihm ihren Rücken zu und auch, wenn sie ihn nicht lächeln sah, so konnte sie sein

Lächeln dennoch spüren, genauso, wie auch seinen Blick. Er schnitt durch die Anspannung im Raum wie eine Rasierklinge. Sie spürte, wie sein Blick auf ihr haftete, bis sie wieder ihr Auto erreicht hatte. Als sie an den Streit dachte, der sie zu Hause wahrscheinlich erwartete, war sie sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt einsteigen wollte.

Welchen Sinn hatte es, ein Zuhause zu haben, wenn man eigentlich nie dorthin zurückkehren wollte?

Dies war eine Frage, die sie in mehr als einer Hinsicht schmerzte. Sie brachte die Erinnerung an das Gesicht ihres Vaters zurück – und das war wirklich nicht die Art von Gesicht, die sie so kurz nach ihrem Gespräch mit Sir Richard sehen wollte.

Schließlich hatte ihr Vater durch die Erinnerung ihr Leben aus der Ferne lang genug dominiert.

Warum sollte sie ihm jetzt diese Macht schenken?

KAPITEL ZWEI

Bis sie nach Hause kam, konnte sie das eisige Gefühl nicht abschütteln. Die kleine Wohnung in der Stadtmitte von Birmingham, Alabama, war seit nunmehr sechs Jahren schon ihr Zuhause. Als sie eintrat, hoffte sie, dass der Duft von Essen sie erwartete. Vielleicht etwas Lachs oder ein würziges Hühnchen. Zwar konnte ihr Freund, mit dem sie seit zwei Jahren zusammen war, kaum etwas richtig tun, aber wenn er eines konnte, dann war das kochen.

Außerdem war er heute an der Reihe mit dem Kochen. Das war eine Tradition, die er in letzter Zeit zwar nicht eingehalten hatte, aber sie hatte es bevorzugt, dies nicht zu erwähnen.

Der einzige Geruch, der sie jedoch in der Wohnung erwartete, war jener der Duftkerze, die auf dem Wohnzimmertisch brannte. Mahagoni. Vielleicht auch Teakholz. Sie war sich nicht sicher. Auf der Couch hinter dem Tisch lag Declan, der durch sein Handy scrollte. Auf dem Fernseher, der an der Wand angebracht war, lief einer dieser grässlichen Kochwettbewerbe.

„Hey“, sagte Camille und gab ihr Bestes, die Wut herunterzuschlucken, die sie in sich aufkommen spürte.

„Hey, Babe“, erwiderte Declan. Er blickte nicht einmal von seinem Handy auf. Als sie an ihm vorbei schritt, sah sie, dass er sich seine Aktien-App ansah. Vor ein paar Monaten war er ein Risiko eingegangen, indem er etwa tausend Dollar in ein Start-up-Unternehmen investiert hatte, das erfolgreich geworden war. Es hatte Declan fast neunzehntausend Dollar in einem Monat eingebracht.

Aber dann hatte er das ganze Geld fast wieder genauso schnell verloren, indem er weitere Risiken eingegangen war, die sich nicht bezahlt gemacht hatten. Und da er zurzeit arbeitslos war, verbrachte er viel Zeit damit, nichts zu tun. Camille kehrte oft heim, um dieselbe Szene erneut vorzufinden. Langsam hatte sie es wirklich satt.

„Kein Abendessen?“, fragte Camille.

„Nein, Babe. Ich weiß nicht, worauf du Lust hast, deshalb habe ich mir gedacht, dass es sinnlos ist, anzufangen.“

„Du hättest mir eine SMS schicken können.“

„Ich weiß, aber ich … Scheiße. Wird das wieder einer deiner Mini-Wutanfälle?“ Er legte sein Handy weg, verdrehte die Augen und fuhr fort: „Ich will wirklich nicht streiten.“

„Ja, ich auch nicht“, erwiderte Camille, während sie ihre Aktentasche neben dem Küchentisch abstellte. Sie marschierte zum Kühlschrank, um zu sehen, was sie schnell für sich vorbereiten könnte.

„Dann lassen wir es doch einfach sein. Hattest du einen schlechten Tag, oder was?“

„Er war in Ordnung“, schnappte sie. „Wie steht es mit dir? Hast du wieder viel herumgesessen und den Bildschirm angestarrt, während du die Lotterie für große Jungs gespielt hast?“

„Verdammt, sei doch nicht so grob. Du musst deswegen wirklich keine Zicke sein.“

Zicke war ein Reizwort für sie, und er wusste das. Er behauptete zwar immer, dass er nicht streiten wollte, aber ihr erschien es, als ob er es eigentlich genoss. Manchmal ging es ihr genauso. Oft war es das Einzige, in das sie noch Gefühle investierten.

Sie hasste es zwar, es zuzugeben, aber es war die Wahrheit. Und nachdem sie heute in die Augen eines Wahnsinnigen geblickt hatte – ein Wahnsinniger, der hinter geschlossenen Türen fast höflich und respektabel gewirkt hatte – ließ dies den Kontext ihrer Beziehung belanglos, wenn nicht sogar dumm erscheinen.

„Wir vergeuden unsere Zeit hier, Declan.“

„Womit?“

„Hiermit. Wir können doch nicht weiter vorgeben, dass die Dinge zwischen uns funktionieren.“

„Nur, weil ich keinen traditionellen Job habe?“

„Nein, nicht nur deswegen, sondern weil wir einander unglücklich machen. Und ich glaube, wir haben uns zu sehr daran gewöhnt. Es ist normal für uns geworden, den anderen zu verabscheuen.“

„Verabscheuen?“

„Sei ehrlich“, sagte sie und lehnte sich müde gegen die Küchentheke, „du verabscheust meinen Job genauso sehr, wie ich es verabscheue, dass du keinen hast.“

Stille breitete sich in der Wohnung aus. Es fühlte sich seltsam an, so schnell direkt zur Sache zu kommen. War sie wirklich erst seit fünf Minuten zu Hause?

„Ich weiß wirklich nicht, was du von mir erwartest“, erwiderte Declan schließlich.

„Ich erwarte nichts von dir. Ich erwarte schon seit einer Weile nichts mehr von dir, und ich glaube, genau das ist das Problem.“

Er sah deswegen verletzt aus, aber sein Blick ging wieder zum Fernseher, als würde er schon versuchen, zu vergessen, dass die Unterhaltung überhaupt stattgefunden hatte.

Camille wandte ihre Aufmerksamkeit dem Kühlschrank zu, in dem sie nach etwas zu essen suchte, doch er war leer, abgesehen von etwas übrig gebliebenen Nudeln und einem Glas Sauce. Sie könnte ein schnelles Nudelgericht zaubern, aber sie hatte auf etwas Leichteres Lust. Im Gefrierschrank waren auch noch ein paar kalorienarme Fertiggerichte.

Sie zog eines davon hervor und steckte es in die Mikrowelle.

„Willst du zum Abendessen vielleicht ausgehen?“, wollte Declan in monotoner Stimmlage wissen. Es war offensichtlich, dass er überhaupt keine Lust hatte, auszugehen, sondern nur fragte, um die Stille mit Worten zu füllen.

„Nein. Nein, wirklich nicht“, entgegnete sie ihm. In genau diesem Moment entschied sie, dass ihre Beziehung vorbei war. Statt einem gebrochenen Herzen spürte sie bei der Erkenntnis Erleichterung, und das war alles, was sie wissen musste.

Declan seufzte; ein Klang, der ihr seit Wochen schon zuwider war.

„Manchmal kommt es mir vor, als könnte ich nichts richtig für dich machen“, meinte er.

„Das stimmt nicht.“

„Doch. Ich meine, du kommandierst mich ständig herum.“

„Tue ich nicht“, schnappte Camille. „Ich würde einfach nur gern etwas Initiative von meinem neunundzwanzigjährigen Freund sehen. Schick ein paar Lebensläufe ab, verwende die Kontakte, die dir dein Vater geschickt hat. Du kannst doch nicht von deiner Freundin erwarten, mietfrei zu leben. Es ist nur … Versuche es einfach, Declan. Versuche, einen richtigen Job zu bekommen.“

„So wie deinen?“, schnappte er zurück. „Ein Job, bei dem du ständig unterwegs bist und zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Bereitschaft bist?“

Die Mikrowelle piepste, sodass sie glücklicherweise nicht weiter auf die Unterhaltung eingehen musste. „Ist ja toll, dass du bemerkst, wann ich nach Hause komme“, entgegnete sie ihm wütend. Sie nahm das lauwarme Essen aus der Mikrowelle und zog vorsichtig den Deckel ab.

„Manchmal weiß ich gar nicht, warum du überhaupt noch nach Hause kommst“, sagte er. Sie konnte dieselbe Erkenntnis in seiner Stimme hören. Er wollte die Beziehung genauso sehr beenden wie sie. Warum zum Teufel waren sie so lang zusammengeblieben, obwohl sie gewusst hatten, dass sie versagen würden? Sehnten sie sich beide so verzweifelt nach Liebe und Gesellschaft?

„Vielleicht komme ich morgen nicht mehr zurück“, meinte sie leise. „Und das soll keine Beleidigung oder Stichelei sein. Declan … wir können so nicht weitermachen. Das ist lächerlich. Wir verschwenden beide unsere Zeit.“

Er sagte nichts, sondern nickte nur kurz. Sie wusste nicht, ob er verletzt war oder einfach nur nichts zu sagen hatte. Aber sie konnte das Ende ihrer Beziehung in der Luft spüren, so wie schlechte Nachrichten in einer Arztpraxis. Die Atmosphäre war schwer und drückend … abgestanden.

Ohne ein weiteres Wort nahm Camille ihr trauriges, kleines Abendessen ins Schlafzimmer mit und blieb dort für den Rest des Abends.

***

Kurz nach Mitternacht hatte sie die Art von Alptraum, von dem sie zweifellos wusste, dass er nicht echt war …, nur ein sehr schlimmer Traum. Doch das machte den Alptraum keineswegs weniger schrecklich.

Sie lief einen sehr langen, dunklen Gang entlang. Auf beiden Seiten befanden sich Gefängnistüren. Sie trug ein langes Nachthemd aus ihrer Kindheit, auf dem ein Welpe in einem Blumenfeld spielte.

Camille war barfuß und verfolgte etwas in dem Gang. Was war es? War es Blut? Ihr Füße waren nicht verletzt und bluteten auch nicht, aber aus irgendeinem Grund befand sich Blut an ihren Sohlen. Sie hinterließ kleine Spuren auf dem Betonboden, während sie weiter durch den Gang schritt.

Gestalten lungerten in der Dunkelheit hinter den Gittern. Sie wusste, dass einige von ihnen Männer waren. Andere hatten unmögliche Umrisse oder waren formlos, sodass sie sich ständig änderten. Sie hörte Stöhnen, Ächzen, heftiges Weinen und Zähneknirschen.

Weiter vorn rief jemand in der Dunkelheit ihren Namen.

„Camille. Oh, meine arme Camille …“

Es war ihr Vater und in seiner Stimme klang Wahnsinn.

Sie blickte zurück zum Boden und sah jetzt, dass sie im Blut lief und es nicht nur hinter sich herzog. Etwas Dunkles und Schlangenhaftes bewegte sich darin.

„Daddy?“, rief sie.

„Meine arme, süße Camille, es tut mir so leid. Warum hast du es getan?“

Sie folgte der Stimme bis zur letzten Zelle entlang des Ganges. Dann spähte sie in die Zelle und auch, wenn sie ihren Vater nicht darin sehen konnte, wusste sie dennoch, dass er dort war.

„Was getan, Daddy?“

„Hast du nicht vom Schlachthaus gehört?“, fragte er. „Hast du nicht die toten Schweine gesehen?“

„Daddy, es tut mir leid. Ich konnte es nicht tun. Bitte verzeih mir.“ Selbst im Traum konnte sie die Schweine schreien hören, vernahm das Grunzen und die Panik. Sie dachte an den Schweinestall, an den Dreck auf dem Boden, und wie sie so sehr versucht hatte, ihn zu vermeiden. Aber er hatte darauf bestanden, dass sie über jenen Zaun kletterte und das hatte alles verändert.

„Nein, Camille. Ich verzeihe dir. Ich weiß, dass du jetzt … Ich weiß, was du geworden bist. Ich vermisse dich so schrecklich. Ich vermisse unsere Spiele. Du warst mein liebstes, kleines Mädchen.“

„Daddy, ich vermisse dich auch.“

„Oh, Camille. Mein kleines Mädchen“, sagte er. „Warum musstest du so gut sein?“

Seine Stimme wurde lauter und seine Anwesenheit war jetzt näher spürbar, aber sie wollte ihn nicht sehen, denn sie hatte Angst, wie er womöglich aussah.

„Daddy?“

„Du bist nie in Probleme geraten, Camille. Nie. Nicht ein einziges Mal. Niemals. Du hast nie einen Fehler gemacht. Ich wünschte, du hättest einen gemacht. Ich wünschte, du hättest damals einen begangen.“

„Ich konnte es nicht tun, Daddy. Es tut mir leid.“

„Sie hat mein kleines Mädchen verletzt. Sie hat dich verletzt. Und als ich sie schließlich in der Hand hatte, konnte ich einfach nicht aufhören.“

Ein zerbrechlicher, blasser Arm schoss zwischen den Gitterstäben hervor und ergriff sie bei ihrer Kehle. „Da bist du, meine Camille …“

In diesem Augenblick starrten seine Augen, in denen Wahn geschrieben stand, aus der Dunkelheit. Er lächelte sie an und all das Blut und –

Das Piepsen ihres Telefons riss sie aus ihrem Alptraum. Sie schlug nach dem Gerät, aber ihre Hand landete auf der leeren Verpackung des Fertiggerichts vom Abendessen und schlug es zu Boden. Sie nahm ihr Handy, blickte auf die Uhr und sah sich die SMS an, die sie erhalten hatte.

Es war viertel vor vier morgens. Die SMS war von Milton, ihrem Director beim FBI. Wenn er eine SMS schickte, war es ernst. Sie setzte sich auf die Bettkante und kam einen Moment zu Sinnen, wobei sie kaum die schlafende Gestalt auf der anderen Seite des Bettes wahrnahm.

Camille dachte erst an ihn, als er eine verschlafene Bemerkung machte, während sie zum Bad ging.

„Und schon haut sie wieder ab“, meinte er.

Den Kommentar, der ihr auf der Zunge lag, schluckte sie lieber wieder hinunter. Sie war besser – und das musste sie sich beweisen.

Ihre Antwort wäre es, morgen nicht wieder zurückzukehren. Später müsste sie irgendwann noch einmal zurückkehren, aber jetzt rief sie gerade die Arbeit. Und so traurig es auch klang, ihre Arbeit hatte sie weitaus besser behandelt, als der Mann, der seit Jahren die andere Seite ihres Bettes einnahm.

KAPITEL DREI

Camille betrat Director Miltons schwach beleuchtetes Büro um kurz vor fünf Uhr morgens. Er war der Einzige dort, saß hinter seinem Schreibtisch und wirkte dabei komplett wach und aufmerksam. Sie fragte sich oft, ob der Mann überhaupt jemals schlief.

„Danke, dass Sie so früh erschienen sind“, begrüßte sie Milton. Er nickte zu den Stühlen ihm gegenüber am Schreibtisch. „Setzen Sie sich.“

Sie folgte seinem Geheiß und versuchte, ihn einzuschätzen. Er schien nicht besorgt, aber durch seine Körperhaltung und die Art, wie er sie ansah, drückte er unterschwellig Dringlichkeit aus. Seine braunen Augen schienen immer auf der Suche, als würde er versuchen, die Gedanken der Person zu lesen, mit der er gerade sprach. Sein braunes Haar, das an den Schläfen leicht ergraute, war zerzaust, was bedeutete, dass er immer wieder mit den Händen hindurchgefahren war. Das tat er immer, wenn er nervös war.

„Ich werde Sie nicht anlügen“, sagte Camille. „Als Sie in der SMS keine Details erwähnt haben, warum ich erscheinen soll, habe ich angenommen, dass dies etwas undurchsichtig ist.“

„Ich würde es nicht ,undurchsichtig‘ nennen. Aber es gibt da einen Fall in New Orleans, der etwas düster ist.“

„New Orleans?“ Beim bloßen Gedanken an die Stadt und ihre umliegenden Gebiete verkrampfte sich schon ihr Magen.

„Ich weiß, dass Sie dort aufgewachsen sind und nicht die schönsten Erinnerungen haben. Aber da Ihnen die Gegend und die Kultur so bekannt ist, könnte das eine große Hilfe sein.“

„Welche Art von Kultur?“, wollte sie wissen. Sie hatte das eher scherzhaft und fast sarkastisch gemeint, aber Milton verzog keine Miene und blieb ernst.

„Kreol.“ Er seufzte, zuckte mit den Schultern und fügte hinzu: „Vielleicht Voodoo.“

Das Schaudern, das durch sie fuhr, überraschte sie. Voodoo-Bräuche hatten sie schon immer nervös gemacht. Das lag hauptsächlich daran, dass sie in der Nähe von mehreren Gemeinden gelebt hatte, die diese praktiziert hatten. Sie war sich nicht sicher, ob sie wirklich funktionierten, aber die Idee an sich reichte schon aus, um sie anzuspannen, sodass sie sich unsicher und unruhig fühlte.

„Was ist das für ein Fall?“, fragte sie und versuchte, den Anflug von Angst zu verdrängen.

„Mindestens zwei Morde, von denen wir wissen. Vielleicht auch mehr. Ich würde mir wirklich wünschen, dass Sie innerhalb der nächsten Stunde abfahren.“

Camille seufzte ebenfalls, aber aus einem anderen Grund. Ihr Herz hämmerte beim bloßen Gedanken an ihre Rückkehr zum Ort, an dem sie aufgewachsen war.

„Ich weiß nicht, wie nützlich ich sein werde“, erwiderte sie leise.

„Bei Ihrer Ankunft werden Sie mit einem weiteren Agent zusammenarbeiten. Ein Agent aus dem Einsatzbüro in New Orleans. Ich glaube, er ist gerade neu angekommen.“

„Das ist egal. Ich glaube einfach nicht, dass ich die richtige Person dafür bin.“

„Warum denn?“ In seiner Stimme klang ein wenig Gereiztheit. Die hatte sie zwar schon oft vernommen, aber sie war noch nie gegen sie gerichtet gewesen.

Sie war nicht sicher, wie sie es erklären sollte, insbesondere jemandem wie Milton. Er war daran gewöhnt, dass ihn Agenten umgaben, die selbst die schwierigsten Fälle begierig annahmen. Eigentlich war sie auch immer eine von ihnen gewesen, aber dies war etwas anderes.

„Ich habe nichts mehr mit New Orleans zu tun“, erwiderte sie. „Und ich habe nichts mit Voodoo zu tun.“

„Dann ist eine kleine Reise in die Heimat Ihrer Kindheit genau das Richtige, um Sie wieder auf Kurs zu bringen. Sie stammen aus einer Kleinstadt direkt vor New Orleans, richtig? Upping?“

„Ja. Ich weiß nur einfach nicht, ob …“

Hier verstummte sie.

„Ich verstehe Ihre Bedenken“, stimmte Milton zu.

„Ich glaube, das tun Sie nicht.“ Aber dann dachte sie an Declan und wie viel Zeit sie mit ihm vergeudet hatte, und an ihre Kindheit und wie sie es den Schrecken, die sie erlebt hatte, erlaubt hatte, sie einzugrenzen. Auch wenn diese Schrecken schon lang zurücklagen, waren sie immer noch so stark, dass sie wieder in ihr hochkamen, während sie in Miltons Büro saß. Sie sah, wie der düstere, ausdruckslose Blick ihres Vaters auf sie hinabfiel. Die Blutspritzer an seinen Händen. Ihr Traum übermannte sie in Sekundenschnelle erneut, als ob er ihr von der Wohnung in dieses Büro gefolgt wäre.

„Daddy, es tut mir leid. Ich konnte es nicht tun. Bitte verzeih mir.“

„Nein, Camille. Ich verzeihe dir. Ich weiß, was du jetzt bist … was du geworden bist. Ich vermisse dich so sehr. Ich vermisse unsere Spiele. Du warst mein liebstes, kleines Mädchen.“

„Daddy, ich vermisse dich auch.“

„Oh, Camille. Mein kleines Mädchen. Warum musstest du so gut sein?“

Zum Teufel damit. Sie hatte es satt, vor ihrer Vergangenheit zu flüchten.

Sie stand ein wenig selbstsicherer auf, als sie es vorgehabt hatte. „In Ordnung. Ich nehme den Fall an. Können Sie mir die Details schicken?“

Milton nickte anerkennend hinter seinem Schreibtisch. „Bis Sie das Flugzeug besteigen, werden Sie sie haben.“

„Flugzeug? Es ist doch gar nicht so weit, Sir. Ich kann fahren.“

„Nein, dieser Fall fühlt sich dringend an. Wenn die Presse davon Wind bekommt, bevor er gelöst ist, wird alles zu einem Zirkus werden. Meine Assistentin wird Ihren Flug buchen. Ich habe das schon überprüft: Der erste Flug nach New Orleans startet in knapp zwei Stunden.“

Etwas blieb unerwähnt, aber war damit angedeutet: Wir haben keine Zeit mehr zu verschwenden. Beeilen Sie sich.

Und genau das tat sie auch.

Sie eilte aus seinem Büro und hinterließ dort Declan und ihre Gegenwart, während ihre Vergangenheit am Ende des Fluges auf sie wartete.

***

Milton blieb seinem Wort treu. Während sie darauf wartete, das Flugzeug zu besteigen, wurden ihr die Details des Falles per E-Mail geschickt. Sie begann, sie durchzulesen, aber wurde von der Boarding-Ankündigung des Flugzeugs unterbrochen. Über ihrer Schulter hing eine Tasche für eine Übernachtung, die sie in ihrem kleinen Büro aufbewahrte, und sie betrat den Flieger, während sie die Details des Falles überflog. Zwei Leichen waren so entstellt und inszeniert im Wald gefunden worden, dass es schien, als wären sie Teil eines okkulten Rituals gewesen.

Die Opfer waren beide Frauen in ihren Zwanzigern. Und die Letzte war eine Sängerin einer Jazzband gewesen.

Genau wie ihre Schwester. Genau wie die Schwester, die vor fast acht Jahren verschwunden war und seitdem für tot gehalten wurde.

Verdammt, wie sollte sie das nur durchstehen? Sie hasste den Gedanken, aber die Ähnlichkeiten waren einfach zu viel für sie. Es fühlte sich an, als würden Upping, Louisiana und der riesige, düstere Schatten von New Orleans sie nach Hause zurückrufen. Schlimmer noch, Milton erlaubte es und schickte sie tatsächlich dorthin.

Sie setzte sich auf ihren Platz und blickte durch das Fenster, hinter dem das Morgengrauen sich langsam über die Startbahn zog. Ein Bild von Nanettes Gesicht erschien ihr in Gedanken. Nanette, ihre Schwester, die es immer geschafft hatte, den richtigen Ton für jeden Auftritt zu finden. Nanette, die immer die Lieblingstochter ihres Vaters gewesen war.

Nanette war jetzt verschwunden und Camille konnte das die meiste Zeit akzeptieren. Aber an diesem Morgen, als sie aus dem Fenster des Flugzeugs beobachtete, wie ein neuer Tag immer heller wurde, blieb das Gesicht ihrer Schwester ständig in ihren Gedanken.

KAPITEL VIER

Special Agent Scott Palmer mochte Louisiana nicht unbedingt, aber er musste zugeben, dass es wirklich vielfältig war, was die verschiedenen Landschaften anging. Es war ihm immer wie ein Bundesstaat mit einer Persönlichkeitskrise vorgekommen, so sehr unterschied sich die Bourbon Street von den sumpfigen Hinterwäldern. Derzeit befand er sich in der Mitte der beiden Extreme und schritt durch einen Wald, der ihm eher wie dichtes Buschland erschien, auf dem Weg zum zweiten Mord-Tatort, den er in den letzten fünf Tagen besucht hatte.

Es war erst zwanzig vor sieben und wurde jetzt schon heiß. In seinem FBI-Anzug, insbesondere dem Jackett, kam er sich wie ein Idiot vor. Als er sich der kleinen Lichtung im Wald näherte, wo mehrere Bundesstaatspolizisten derzeit zu Werke gingen, wusste er schon, dass es dasselbe wie am vorherigen Tatort wäre. Es waren nicht nur die Ähnlichkeiten der Orte: Letztlich lag eine Atmosphäre in der Luft – ein Summen, das er nicht hören, aber fühlen konnte.

Die Polizisten hatten den Ort schon abgesperrt. Gelbes Absperrband hing von einer Reihe von Bäumen und zog einen seltsamen, ovalen Ring um die Lichtung des Waldes. Palmer zeigte sein Abzeichen vor und duckte sich unter dem Band hindurch.

Das Mädchen war um etwa zwei Uhr morgens gefunden worden und ihre Leiche war noch nicht wegtransportiert. Die Typen von der Spurensicherung sahen sich etwas auf dem Boden in der Nähe von zwei Ulmen an. Palmer wusste, dass alles, was im Wald geschehen war, mit besonderer Vorsicht behandelt werden musste, weshalb zusätzliche Schritte durchgeführt wurden, um den Tatort nicht zu beeinträchtigen. Dennoch hasste er es, dass die Leiche immer noch dort lag.

Vielleicht hatte das allerdings auch etwas Gutes. Angesichts des ersten Opfers konnte sich Palmer schon verstellen, was ihn hier erwartete. Er hoffte, dass er falsch lag, aber … nun, er begann einen Sinn für solche Dinge zu entwickeln.