Nicht jetzt (Ein Camille-Grace-FBI-Thriller - Buch 2) - Kate Bold - E-Book

Nicht jetzt (Ein Camille-Grace-FBI-Thriller - Buch 2) E-Book

Kate Bold

0,0

Beschreibung

In dieser neuen Reihe der von der Kritik gefeierten Bestseller-Autorin Kate Bold wird Camille Grace, ein aufsteigender Stern der Verhaltensanalyseeinheit des FBI, an jenen Ort entsandt, an den sie nie zurückkehren wollte: den tiefen Süden. Als Leichen in den Sümpfen auftauchen, die angeblich Opfer von Krokodilangriffen wurden, scheint etwas verquer und Camille muss entdecken, ob dies die Natur ist – oder das Werk eines neuen Serienmörders. "Ein phänomenales Debüt mit einem gruseligen Unheimlichkeitsfaktor … Es gibt so viele unerwartete Wendungen, dass Sie keine Ahnung haben werden, wer das nächste Opfer wird. Wenn Sie einen Thriller lieben, der Sie bis spät in der Nacht wachhält, dann ist dies das richtige Buch für Sie." — Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN Camille ist anderer Meinung als ihr Partner; sie ist davon überzeugt, dass die Tode mehr als nur Krokodilangriffe waren – doch auch sie ist verwirrt: Wer würde solch verdorbene Verbrechen begehen? Warum? Gleichzeitig fühlt sich Camille gezwungen, sich den ungelösten Fall ihrer Schwester und das Verschwinden, das sie ihr ganzes Leben lang gequält hat, erneut anzusehen. Könnte sie womöglich einen neuen Hinweis finden? Zuerst muss sie jedoch den Wettstreit gegen die Zeit gewinnen, um das nächste Opfer rechtzeitig zu retten. Falls der Mörder sie nicht zuerst findet. Die CAMILLE-GRACE-Mystery-Reihe sind fesselnde psychologische Krimis voller Geheimnisse und Spannung, bei denen Sie sich in eine brillante neue Hauptfigur verlieben werden. Die Reihe hat so viele unerwartete Wendungen, dass Sie die Bücher bis spätnachts nicht aus der Hand legen werden. Die Reihe beginnt mit NICHT ICH (Buch #1) und Buch #3 der Reihe (NICHT GESUND) ist jetzt ebenfalls erhältlich. "Dies ist ein hervorragendes Buch … Stellen Sie sicher, dass Sie nicht früh aufstehen müssen, wenn Sie abends beginnen, es zu lesen!" —Rezension eines Lesers für DAS MÖRDERISCHE SPIEL "Ich habe dieses Buch wirklich genossen … Man wird sofort in die Geschichte hineingezogen und kann es bis zum Schluss nicht aus der Hand legen. Ich freue mich schon wirklich auf das nächste Buch." —Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN "WOW, ein wirklich tolles Leseerlebnis! Das war tatsächlich ein diabolischer Mörder! Ich habe dieses Buch wirklich genossen. Ich freue mich darauf, auch andere Werke dieser Autorin zu lesen." — Rezension eines Lesers für DAS MÖRDERISCHE SPIEL "Ein hervorragender Beginn für eine neue Reihe … Kaufen Sie dieses Buch und lesen Sie es; Sie werden es lieben!" — Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN "Fesselnder und mitreißender Serienmord mit einem Hauch des Makabren … sehr gekonnt." — Rezension eines Lesers für DAS MÖRDERISCHE SPIEL "Ein gutes Buch mit einer guten Handlung, viel Action und toller Entwicklung der Charaktere. Ein Thriller, der Sie bis nachts wachhalten wird." — Rezension eines Lesers für LASS MICH GEHEN

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



N I C H T   J E T Z T

Ein Camille-Grace-FBI-Thriller – Buch 2

K a t e   B o l d

Kate Bold

Bestseller-Autorin Kate Bold ist die Verfasserin der ALEXA-CHASE-THRILLER-Reihe, die bisher aus sechs Bänden besteht; der ASHLEY-HOPE-THRILLER-Reihe, von der bislang sechs Bände erschienen sind; der CAMILLE-GRACE-FBI-THRILLER-Reihe, von der es derzeit fünf Bände gibt; und der HARLEY-COLE-FBI-THRILLER-Reihe, von der bisher drei Bände erschienen sind.

DAS MORDSPIEL (ein Alexa-Chase-Thriller - Buch #1), LASS MICH GEHEN (ein Ashley-Hope-Thriller - Buch #1) und NICHT ICH (ein Camille-Grace-FBI-Thriller) können kostenlos auf Google Play heruntergeladen werden!

Kate ist selbst begeisterte Leserin und eine lebenslange Liebhaberin der Mystery- und Thriller-Genres, weshalb sie sich freuen würde, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie www.kateboldauthor.com, um mehr herauszufinden und in Kontakt zu bleiben.

Copyright © 2022 by Kate Bold. Alle Rechte vorbehalten. Vorbehaltlich der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen und Sie es nicht gekauft haben, oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann senden Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dies ist eine erfundene Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder das Ergebnis der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebendig oder tot, ist völlig zufällig. Jacket image Copyright Vladimir Mulder, verwendet unter der Lizenz von Shutterstock.com.

BÜCHER VON KATE BOLD

EIN CAMILLE-GRACE-FBI-THRILLER

NICHT ICH (Buch #1)

NICHT JETZT (Buch #2)

EIN ALEXA CHASE THRILLER

DAS MÖRDERISCHE SPIEL (Buch #1)

DIE MÖRDERISCHE FLUT (Buch #2)

DIE MÖRDERISCHE STUNDE (Buch #3)

EIN SPANNUNGSGELADENER THRILLER MIT ASHLEY HOPE

LASS MICH GEHEN (Buch #1)

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

VORWORT

Die Jungs hatten nicht bemerkt, wie still der Wald um sie geworden war. Sie kümmerten sich nur darum, ihren Tag zu genießen. Schließlich begann nächste Woche wieder die Schule, und sie wollten diesen letzten Tagen noch so viel Vergnügen wie möglich abringen.

PJ führte das Duo durch den Wald, wobei sie schnell den schlammigen Boden des Sumpfes erreichten. Donald, oder einfach nur „Donnie“, folgte ihm in kurzem Abstand und hob eine Hand an, um die Äste abzuwehren, die zurück in sein Gesicht schlugen, nachdem PJ an ihnen vorbeigerannt war.

„Nicht so schnell!“, rief Donnie. „Wenn du so weitermachst, fällt dein Arsch noch in den Sumpf!“

Das Wort „Arsch“ rief er lauter als den Rest. Sie waren zehn Jahre alt und solche Worte durften sie nur hier, in den vertrauten Wäldern, entfernt von Eltern und Lehrern, laut aussprechen.

„Genau darum geht es doch!“, entgegnete ihm PJ.

Sie waren schon Tausende Male hier draußen gewesen. Als sie noch jünger waren, hatten sie hier Ninja gespielt und Zweige als Schwerter benutzt. Jetzt war alles jedoch schon etwas reifer. Jetzt ging es darum, herauszufinden, wer das Dümmste anstellen konnte. Und das Dümmste des heutigen Tages war es, mit einem Fuß oder sogar einem ganzen Bein in den Sumpf zu tauchen.

So weit waren sie noch nie hier herausgekommen; der Sumpf lag ein kleines Stück weiter vor ihnen. Natürlich kannten sie alle Warnungen über die Gefahren, die sich tief in diesen Wäldern versteckten, insbesondere, wenn man sich dem Sumpf näherte. Blutegel. Schlangen. Krokodile.

Jimmy Elridge, ein Junge aus ihrem Freizeit-Fußball-Team, schwor, dass er dort einst eine Python gesehen hatte.

Aber wenn man ein zehnjähriger Junge war, dann war die Gefahr ein Teil des Vergnügens.

Plötzlich kam PJ zum Halt. Er hielt so abrupt an, dass Donnie fast von hinten mit ihm zusammengestoßen wäre.

„Was ist denn?“, wollte Donnie wissen.

„Wir sind da. Schau … direkt dort. Und du hattest recht. Ich bin wirklich fast hineingefallen.“

Die Jungs blickten hinaus auf den Sumpf und Donnie dachte schon an die heldenhaften Entdecker-Geschichten, die sie an ihrem ersten Tag nach den Ferien an der Hen-Creek-Grundschule erzählen würden. Er musterte den Sumpf genau und wollte sich versichern, dass er sich jedes Detail richtig einprägte. Er sah am Anfang wie eine Decke reinen Schlamms aus, aber dann wurde er zu mehr. Donnie stellte sich vor, dass ein geborstenes Abwasserrohr so aussah. Er wirkte dunkel, wie in den Geschichten, in denen Leute in Burggräben versanken und dann von riesigen Fischen geschluckt wurden.

„Ich hätte mir nicht vorgestellt, dass es so schlimm ist“, meinte Donnie.

Und dies war nur der Rand des Sumpfes, denn die wirkliche Gefahr lag noch vor ihnen. Die Jungs schritten weiter und stiegen über die gefallenen Zypressen, die vor langer Zeit Opfer eines Wirbelsturmes geworden waren. Entlang der gefallenen Bäume formte sich ein langsamer Fluss im Wald; einen Fluss, der direkt in den Sumpf und den Schlamm führte.

Dann näherten sich die Jungs am Rand des Sumpfes einer Stelle, wo ein umgefallener Baumstamm bis zum Rand des Schlammes reichte. Der Stamm lag auf der Seite und bildete den Rand des sicheren Gebietes. Wenn sie erst einmal diesen Stamm verließen, dann wären sie in den tiefen Gewässern des Sumpfes.

„Das sieht hier echt voll eklig aus!“, stellte PJ fest.

Donnie blickte hinunter in das trübe Gewässer. Der Schlamm war zu tief, um etwas zu erkennen.

„Du zuerst?“, fragte PJ.

„Klar.“ Donnie hoffte, dass PJ nicht bemerkte, wie viel Angst er eigentlich hatte. Was hatten sie sich nur gedacht? Sie mussten dies nicht tun. Sie könnten in der Schule trotzdem damit angeben.

„Und beeil dich“, drängte PJ ihn. „Ich will weg hier, bevor die Schlangen sich mit den Krokodilen verbünden, und wir dazwischen geraten.“

„Nicht lustig.“

Donnie blickte über die schlamm-grünen Gewässer mit der gelegentlichen Seerose und dem Schilf, das hier und dort wuchs. Dann tauchte er mit angehaltenem Atem und rasendem Herzen seine Zehen ins Wasser. Er hielt dabei fast inne, um seine Flip-Flops auszuziehen, aber es war schon zu spät. Sein Fuß war schon im Wasser.

Sein erster Gedanke war, dass das Wasser viel wärmer war, als er erwartet hatte. Wirklich viel wärmer. Außerdem regte sich viel unter ihm, während Kaulquappen und wer wusste welch anderes Ungeziefer gegen sein Fußgelenk prallten.

„Geh aufs Knie!“, meinte PJ und kicherte fröhlich.

Donnie streckte sein Bein tiefer hinein. Es war eigentlich nicht so schlimm. Vielleicht würde er sogar einfach bis zur Hüfte ins Wasser gehen. Er müsste eine Ausrede für seine Mutter wegen der nassen Shorts finden, aber er könnte –

Sein Fuß stieß gegen etwas. Etwas, das groß und fest war. Etwas, das sich lebendig anfühlte.

Donnie schrie auf und riss seinen Fuß zurück. Er bewegte sich so ruckartig, dass er über den Baumstamm hinter ihnen stolperte. PJ lachte ihn laut aus; er hielt sich mit einer Hand den Bauch und zeigte mit der anderen auf Donnie.

„Du Tollpatsch! Wenn du dich nur selbst sehen könntest!“

„PJ, da ist etwas! Hau ab. Es könnte ein Krokodil sein!“

„Was? Ist das dein Ernst?“

„Ja! Lass uns abhauen, Mann!“

Donnie sprang auf die Beine und dabei fiel sein Blick sofort wieder zurück zu dem trüben Gewässer. Er war sich sicher, dass ihnen jederzeit ein Krokodil oder eine Python entgegenspringen könnten.

Er hatte wirklich etwas gesehen, aber es war weder ein Krokodil noch eine große Schlange.

Es war etwas, das viel ungefährlicher, aber dennoch angsteinflößender aussah.

Es war eine Person.

Eine tote Frau.

Nachdem Donnie sie versehentlich mit dem Fuß angestoßen hatte, war sie an die Oberfläche des Wassers aufgetaucht. Ihre Haut war wächsern und fahl. Die toten, fast farblosen Augen öffneten sich und starrten hinauf zum Himmel.

Die Jungs tauschten einen Blick aus, wobei PJ fast in Tränen ausbrach, und rannten dann weg.

KAPITEL EINS

Camille Grace sah sich in ihrem neuen Büro um und lächelte. Es war ein kleines Büro, das im Untergeschoss eines Einsatzbüros des FBI lag, das immer geschäftig war. Aus irgendeinem Grund war sie wieder nach New Orleans zurückgekehrt, nur etwa eine Stunde entfernt vom Schatten ihrer Kindheit. Dieses Büro hatte man ihr mit einer Entschuldigung zur Verfügung gestellt, da die Personalabteilung gedacht hatte, dass sie es als eine Beleidigung ansehen würde.

Doch was Camille anging, war es perfekt. Es war weit von allen anderen entfernt und ruhig. Während sie sich umsah und zum Schluss kam, dass sie immer noch reichlich Arbeit vor sich hatte, um es einzurichten, dachte sie über die letzten paar Tage nach und versuchte, zu verstehen, wie genau sie hier gelandet war.

Als Camille Alabama verlassen hatte, war sie vollkommen gefühllos gewesen. Am schlimmsten hatte sie es gefunden, ihren Freund zu verlassen. Declan hatte sich ordentlich gewehrt, aber mittlerweile war sich Camille sicher, dass er genauso erleichtert wie sie gewesen war. Sie dachte ebenfalls, dass der Umzug keine Gefühle in ihr geweckt hatte, weil etwas Zerbrochenes in ihr immer gewusst hatte, dass ihr Weg sie wieder zurück nach Louisiana führen würde.

Upping hatte die ganze Zeit auf sie gewartet, wie eine schlechte Gewohnheit, die sie einst aufgegeben hatte und zu der sie jetzt wieder zurückgekehrt war. Sicherlich lag eine Art von Geborgenheit darin, doch es gab dort auch Gefahren. Sie lebte jetzt in einer Wohnung direkt außerhalb von New Orleans, doch Upping lag weniger als eine Stunde südlich und sie konnte den Ruf der Stadt manchmal hören.

Sie hatte erwartet, dass ihr FBI-Director Milton einige Steine in den Weg legen würde, als sie die Versetzung beantragt hatte, aber er schien damit einverstanden gewesen zu sein. Tatsächlich hatte er sich verhalten, als ob Camille ihm ein Geschenk gemacht hätte. Er hatte zwar behauptet, dass er sie nur ungern gehen ließe, doch derzeit gab es drei offene Stellen im Einsatzbüro von New Orleans, weshalb es ein guter Zeitpunkt war.

Und so kam es, dass Special-Agent Camille Grace nur zwei Wochen, nachdem sie einen Fall in New Orleans gelöst hatte und für kurze Zeit nach Alabama zurückgekehrt war, wieder auf dem Weg nach Louisiana war. Sie war dort aufgewachsen und mit zwölf Jahren war ihr ganzes Leben dort auseinandergerissen worden.

Die Schatten ihres vorherigen Lebens in Upping waren seit ihrer Ankunft nicht von ihrer Seite gewichen. Deshalb hatte sie sich so viel Mühe gegeben, sich schnell in ihrem neuen Job einzugewöhnen. Sie hatte es geschafft, ein kleines Büro im Keller des Einsatzbüros zu bekommen. Da sie noch nie zuvor ein Büro gehabt hatte, richtete sie es jetzt mit viel Stolz ein.

Es war ihr wichtig, einen guten Eindruck zu machen und sich mit ihren neuen Partnern von Anfang an zu verstehen, weshalb sie sogar einen Schreibtisch, einen Aktenschrank und eine kleine Couch bestellt hatte. Zwar gab es jetzt noch ein großes Durcheinander, doch bald schon wäre alles ordentlich und aufgeräumt, etwas ganz Ungewohntes für sie.

Sie war ein wenig überrascht gewesen, dass der einzige ihrer Kollegen, den sie bisher kennengelernt hatte, die Assistent-Director Marie McCutcheon war. Als Stellvertreterin des Directors, war sie Camilles Vorgesetzte im Büro. Man hatte ihr gesagt, dass die AD McCutcheon das Beste war, das dem Einsatzbüro von New Orleans seit langer Zeit widerfahren war. Die Frau war direkt wie ein Pfeil und hart wie Stein. Camille hasste solche Vergleiche, doch sie hatte schnell gelernt, dass sie der Wahrheit entsprachen. Sie war fünfzig, aber hatte den Körper einer Frau unter vierzig. Ihr Selbstbewusstsein wurde von der Tatsache untermauert, dass sie sich vollkommen bewusst war, wie jeder Mann, an dem sie vorbeikam, sich nach ihr umsah. Dennoch schien ihr das nicht zu Kopfe zu steigen.

Die absolute Aura der Frau war der Grund, warum Camille McCutcheon immer noch nicht alles über ihre Vergangenheit erzählt hatte. Sie wollte nicht als die neue Agentin gesehen werden, die eine Unmenge von Ballast mit sich trug.

An ihrem dritten ganzen Tag im Büro, das zu diesem Zeitpunkt schon fast eingerichtet war, bemerkte Camille, wie sie wieder den alten Drahtseilakt vollzog. Sie mochte McCutcheon recht gern und wusste, dass dieses Gefühl erwidert wurde, weshalb sie es hasste, sie anzulügen. Deshalb gab sie sich Mühe, nur Informationen auszulassen, als McCutcheon erneut die Tatsache ansprach, dass Camille nur eine Stunde südlich aufgewachsen war.

„Haben Sie viele Verwandte in Upping?“, wollte McCutcheon wissen.

„Einige. Einen Vater und eine Frau, die eigentlich keine Tante war, aber eine hätte gewesen sein können.“

„Ah, die inoffizielle Tante“, meinte McCutcheon. „Das sind die besten Tanten. Haben Sie sie schon alle besucht?“

„Noch nicht. Aber die Nicht-Tante habe ich vor ein paar Wochen gesehen. Ich glaube, sie war sogar einer der Gründe, warum mir der Umzug so leicht fiel.“

„Haben Sie sich schon in Ihrer Wohnung eingerichtet?“

Camille grinste und nickte. „Ja, das ist recht einfach, wenn man nicht so viele Besitztümer hat.“

McCutcheon zuckte mit den Schultern. „Genießen Sie es. Ich bereue nichts aus meinen Zwanzigern, aber ich kann Ihnen versichern, dass sie schnell vorbei sind. Besonders hier. Wir haben alle tolle Dinge über Sie gehört, Grace. Selbst abgesehen von der Verhaftung von Sir Richard. Ich werde sicherstellen, dass Sie immer beschäftigt sind. New Orleans und seine Umgebung enttäuschen nie, wie Sie sicherlich wissen.“

„Ja, das weiß ich.“

„Nun, ich lasse Sie jetzt in Ruhe weiter Ihr Büro einrichten. Hoffentlich habe ich bald einen Einsatz, der Ihre Mühen wert ist.“

Nachdem McCutcheon gegangen war, setzte sich Camille auf ihre neue Couch, die fast die ganze hintere Wand ihres Büros einnahm. Sie dachte an ihre „Nicht-Tante“ Deanna Lewiston. Sie wollte sie bald besuchen, denn sie hatte Deanna noch nicht einmal erzählt, dass sie jetzt in New Orleans lebte.

Aber das könnte sie später tun. Sie wusste, wo sie hin musste. Als sie vor etwas mehr als zwei Wochen mit Deanna gesprochen hatte, hatte Deanna ihr die Neuigkeiten über ihren Vater erzählt. Er war krank und keiner wusste, woran er erkrankt war, weil der sture Esel nicht zum Arzt ging.

Es war ihr so leicht gefallen, hierher zurückzukehren und es hatte sich … vielleicht nicht richtig, aber so ähnlich wie richtig angefühlt. Trotz der Tatsache, dass ihr Vater weiterhin in Upping lebte.

Sie musste ihn besuchen. Es war das Letzte, was sie wollte. Es fiel ihr nur zu leicht, sich an das Entsetzen zu erinnern, das er verursacht hatte, und wie er ihre Familie zerrissen hatte. Für den größten Teil ihres Lebens hatte sie schreckliche Angst vor ihm gehabt. Es gab Narben aus ihrer Kindheit, von denen sie sich immer noch nicht ganz erholt hatte, und ihr Vater war die Ursache all dieser Narben – Narben, die ihre Mutter und ihre Schwester verdrängt hatten. Ihr Vater … das Schwein … die Rätsel darum, was ihn zu bestimmten Handlungen gedrängt hatte.

Aber er war krank, und sie war hier.

Camille blickte auf ihre Uhr. Halb fünf.

„Später“, sagte sie. „Vielleicht trinke ich etwas Bier. Vielleicht wird es so erträglicher.“

Es laut auszusprechen, wirkte wie eine seltsame Art von Rechenschaft. Und obwohl es nichts gab, das sie davon abhielt, sofort zu gehen, blieb Camille ein wenig länger auf der Couch sitzen. Sie sorgte sich nicht darüber, den Mut zu finden, ihm gegenüberzutreten.

Nein, sie sorgte sich eher darüber, wie sie bei seinem bloßen Anblick reagieren würde.

Also blieb sie auf der Couch sitzen und wartete, wobei sie erneut spürte, dass ihre Heimatstadt aus der Ferne wie ein schlimmer Sturm grollte, der sich auf sie zubewegte.

***

Das einzige Geschenk des Himmels für Camille war, dass ihr Vater nicht mehr in jenem Haus lebte, in dem sie aufgewachsen war. Als er vor einigen Jahren aus dem Gefängnis gekommen war, war er in ein kleines Zwei-Zimmer-Haus am hinteren Rand von Upping gezogen. Es lag im Halbkreis einer Lichtung und war von finster wirkenden Bäumen auf allen Seiten umgeben.

Wie die meisten Häuser und Wohnmobile in dieser ländlichen Gegend von Louisiana, war sein Zuhause gemietet. Camille wusste all dies, weil sie in ihrem neuen Büro in den Tagen vor dem Besuch recherchiert hatte. Deshalb war sie vorbereitet, als sie in ihrem für sie neuen Wagen die Auffahrt ihres Vaters befuhr, um Punkt achtzehn Uhr desselben Tages, an dem sie und McCutcheon über die Bedeutung von „Nicht-Tanten“ sinniert hatten.

Der Sechserpack Bier würde hoffentlich ebenfalls hilfreich sein.

Sie parkte hinter einem alten Ford Pick-up, dessen R vom Logo am Heck abgewetzt war. Sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte, dass sie nicht nervös war, als sie die Veranda betrat und an die Tür klopfte. Eigentlich fühlte es sich natürlich an. Tief in ihrem Inneren spürte sie, dass sie dies schon vor einer langen Zeit hätte tun sollen.

Doch als sie Schritte und den Klang der sich öffnenden Tür vernahm, litten ihre Nerven dennoch ein wenig. Aber da war es schon zu spät, denn ihr Vater stand in der Tür und blickte zu ihr hinaus.

Carl Grace hatte sich drastisch verändert und nach einem kurzen Blick erkannte sie, dass Deanna recht gehabt hatte. Er war krank.

Er war ein stämmiger Mann mit einem breiten Körper, dessen Bauch ordentlich gewachsen war. Sein Haar war grau und ungepflegt. Seine Augen wirkten ein wenig verweint und seine Haut war blass. Aber es lag nicht nur daran, dass sein Haar wesentlich schütterer war als zu dem Zeitpunkt, an dem Camille ihn das letzte Mal gesehen hatte.

Es war der Blick in seinen Augen. Sie sahen wie Fenster eines Hauses aus, in das jemand eingebrochen war. Als Camille ihren Vater ansah, sah sie jede einzelne furchtbare Tat, die er ihr, ihrer Mutter und auch allen anderen angetan hatte, in seinen Augen. Sie sah die Kälte dort, der Egoismus. Sie sah den schlummernden Zorn und das Feuer, die einst dort geweilt hatten. Selbst, wenn sie nicht mehr anwesend waren, war der Schaden angerichtet.

Diese Augen schienen zu leuchten, als er sie musterte. Drei Sekunden vergingen, bevor er verstand, was vor sich ging.

„Camille?“, fragte er mit einem Flüstern.

„Ja“, erwiderte sie und war dabei überrascht, wie ruhig sie klang. „Ich bin es … Camille.“

„Mein Gott … mein kleines Mädchen …“ Seine Stimme klang jetzt noch schwächer als zuvor.

Doch der schlimmste Schock von allem war, dass sie nichts fühlte. Weder Wut noch Angst oder Traurigkeit oder Erleichterung. Stattdessen erinnerten seine Stimme und sein letzter Kommentar sie an etwas, das er in der Vergangenheit gesagt hatte.

Mein kleines Mädchen. Warum musstest du so gut sein? Hast du nicht vom Schlachthaus gehört? Hast du nicht die toten Schweine gesehen?

Danach sagte er nichts. Er sah sie an und blickte dann schnell hinter sich. Er sah traurig aus, vielleicht ein wenig verschämt. Sie konnte sich nur vorstellen, wie er hier draußen lebte, krank und allein am Ende der Welt.

„Du musst mich nicht ins Haus einladen“, sagte sie.

Der Kommentar schien ihn zu verstimmen, aber er nickte und trat zur Seite. „Nein, nein, komm herein. Es ist nur … Ich lebe schon seit langer Zeit allein und …“

„Kein Dienstmädchen zur Hand“, meinte Camille und versuchte, heitere Stimmung zu verbreiten. „Das verstehe ich schon.“

Sie folgte ihm ins Wohnzimmer. Dort stand eine Couch, ein abgewetzter Sessel und ein Fernseher auf einem alten Möbelstück. Carl Grace setzte sich ihr gegenüber in den Sessel und als Camille ihn anblickte, sah sie, wie eine Träne über seine Wange rollte.

„Wie geht es dir, Dad?“, fragte sie und versuchte dabei, gelassen zu klingen.

„Mir geht es gut.“

„Gut? Du siehst schrecklich aus, Dad. Deanna hat mir erzählt, dass du krank bist. Und wenn ich dich so ansehe, dann würde ich direkt behaupten, dass sie recht hat.“

„Du hast mit Deanna gesprochen?“

„Ja.“

„Warum … Was machst du hier? Ich meine, ich freue mich sehr, dich zu sehen, aber du bist die letzte Person, die ich in Upping erwartet habe.“

„Ich bin wegen eines Falles in New Orleans“, log sie.

„Und da wolltest du mich besuchen?“

„Eigentlich nicht, nein. Ich werde dir keine Lügen erzählen.“ Sie war erstaunt, wie einfach es ihr fiel, mit ihm zu sprechen, weshalb sie hinzufügte: „Aber als ich gehört habe, dass du krank bist, habe ich mir gedacht, dass ich dich besuchen sollte.“

„Sie hätte es dir nicht erzählen sollen.“

„Warum nicht?“

Er senkte den Blick. „Weil ich sterbe, Camille. Ich sterbe und das ist kein hübscher Anblick. Ich habe gerade starke Schmerzen und ich will nicht, dass du mich so siehst.“

„Nun, es muss entweder so geschehen oder gar nicht. Und woher weißt du, dass du stirbst? Woher willst du das wissen, wenn du dich weigerst, zum Arzt zu gehen?“

„Ich bin zum Arzt gegangen. Nur habe ich es Deanna nicht erzählt. Letzte Woche habe ich die Ergebnisse erhalten. Es ist Bauchspeicheldrüsenkrebs und der ist ziemlich weit fortgeschritten.“

„Verdammt, Dad. Was wirst du tun? Einfach hier sitzen und leiden?“

„Genau das hatte ich vor.“

Eine Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Camille nutzte die Gelegenheit, um sich im Haus umzusehen. Eine kleine Küche war an das Wohnzimmer angebaut, die mit einer Bar verbunden war. Die Spüle war voll von schmutzigem Geschirr.

„Willst du die warm werden lassen oder waren sie ein Friedensangebot?“

Sie bemerkte, dass er in Richtung des Biers nickte, das sie mitgebracht hatte. Ein Sechserpack Coor. Sie nahm eines heraus und warf es ihm zu. Er fing es auf und öffnete es sofort wie ein wahrhaftiger Profi.

„Die sind kein Friedensangebot“, erklärte Camille. „Sie sind einfach nur dazu da, um die Stille zu füllen und etwas zu tun.“

Er trank einen großen Schluck von seiner Flasche und seufzte. „Du findest das bestimmt blöd von mir, dass ich keine Behandlung will, oder?“

„Ja.“

„Was hat Deanna dir sonst noch erzählt? Hat sie dir von deiner Mutter erzählt?“

„Dass sie allein in einem Hotelzimmer in Texas gestorben ist? Ja.“

„Und wenn du …“

„Weißt du was, Dad?“, sagte sie. „Es war schon ein großer Schritt für mich, dich überhaupt zu besuchen. Ich weiß nicht, ob ich zu Small Talk bereit bin. Insbesondere nicht, wenn du mir gleich erzählen wirst, dass du das Leiden gewählt hast, weil du es verdient hast. Wegen all dem, was du in der Vergangenheit getan hast.“

Er lachte auf, aber es klang traurig. „Verdammt, du bist gut. Das ist genau das, was ich mache, weißt du?“

Sie nickte. Sein Eingeständnis überraschte sie nicht, aber es machte sie wütend, dass es ihm wirklich egal zu sein schien. Und noch genauer genommen, dass sie entdeckte, wie wichtig ihr es war.

„Können wir einfach hier eine Weile sitzen? Ich glaube nicht, dass wir reden müssen. Ich glaube, ich werde zwei Bier trinken und dir den Rest lassen. Danach werde ich gehen.“

Sie sah die Traurigkeit in seinem Blick und schämte sich überhaupt nicht dafür, dass sie ihr ein wenig Freude brachte. „Du bist also nur gekommen, um dich zu versichern, dass ich wirklich sterbe? Und dann … was? Wirst du gehen?“

„Ja“, erwiderte sie und genoss die Freiheit darin. „Für den Moment. Aber ich werde eine Weile in der Stadt sein. Du wirst mich wiedersehen.“ Sie hätte fast gefragt, ob er etwas brauchte, aber biss sich auf die Zunge. Dazu war sie noch nicht ganz bereit.

Stattdessen saß sie still da und genoss es. In der Gegenwart eines Mannes, der ihr gleichzeitig seltsam bekannt und gespenstisch fremd war, saß sie still da. Sie trank ihr Bier und warf gelegentlich einen Blick zu dem Mann, der sie großgezogen und ihre Kindheit zu einem Alptraum gemacht hatte.

Die Gegenwart ihres Vaters erinnerte sie jedoch auch an Nanette – an eine Schwester, die schon seit viel zu langer Zeit vermisst wurde. Und selbst, wenn Nanette tot war, musste Camille es wissen. Es war finstere Mahnung, warum sie wirklich hier war und warum sie einen solchen Drang gespürt hatte, zurückzukehren. Es war eine Mahnung, die sie wie ein gestörtes Gespenst heimsuchen würde, bis sie endlich der Sache auf den Grund gegangen war.

Ein Gespenst, dass sie jetzt schon im Nacken kribbelte und fragte, warum zum Teufel sie so lang brauchte.

KAPITEL ZWEI

Deputy Rick Humphrey beobachtete das kleine Aluminiumboot dabei, wie es sich seinen Weg durch das abgestandene, schwammige Gewässer vor ihm bahnte. Die Mücken schwärmten um seinen Kopf wie eine nervende, kleine Wolke. Er schlug mit seiner Kappe nach ihnen und die kleine, kahle Stelle, die sich an seinem Hinterkopf ausbreitete, kühlte sich etwas ab, nachdem er die Kopfbedeckung abgezogen hatte.

Im Boot befanden sich zwei Männer: ein örtlicher Polizist, der sich besonders gut in der Sumpf-Gegend auskannte, und ein ortsansässiger Outdoor-Fan, der mit wirklich jedem Boot umgehen konnte.

Der Outdoor-Typ hieß Ben-Irgendwas. Er sah gleichzeitig angespannt und begeistert aus. Schon zu früheren Gelegenheiten hatte man ihn gerufen, wenn Hilfe im Sumpf benötigt wurde, weshalb er an Polizeiarbeit gewöhnt war. Allerdings schien es ihm nicht besonders zu gefallen, das Gewässer nach Leichen abzusuchen.

Gestern hatten sie eine Leiche aus dem Wasser gezogen. Es war eine ortsansässige Frau namens Wendy Pullman gewesen. Wendy war von zwei Jungen auf Wanderschaft gefunden worden, was gut war, da sie drei Tage zuvor schon vermisst worden war.

Allerdings war es auch schlecht, weil Wendy schon die zweite Leiche innerhalb von vier Tagen war, die sie in einer Sumpf-Gegend gefunden hatten. Und genau wie auch bei der ersten Leiche schien es, dass Wendy von einem Krokodil angegriffen worden war.

Es war wirklich kein schöner Anblick gewesen. Die Hälfte ihres linken Beines war bis zum Knochen abgenagt, das Tier hatte ein Stück ihrer Schulter verschlungen und drei Finger fehlten an ihrer linken Hand. Es war das Schrecklichste, was Humphrey jemals gesehen hatte, und er konnte das Bild nicht aus seinen Gedanken verbannen.

„Hey? Alles in Ordnung?“

Ben-Irgendwas’ Stimme riss Deputy Humphrey wieder zurück in die Realität. Er war erneut in Gedanken versunken gewesen und hatte sich an den morbiden Anblick von Wendy Pullmans Leiche erinnert.

„Ja, schon in Ordnung“, erwiderte Humphrey. Er blickte auf seine Uhr und schüttelte den Kopf. „Zum Teufel damit. Fahr zurück ans Ufer. Wir suchen schon seit zwei Stunden.“

Ben nickte und der Polizist bei ihm schien genauso erleichtert wie Ben. Er war ein stämmiger Typ namens Swanson und wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirn, das er wie einen faulen Zaubertrick aus seiner hinteren Hosentasche gezogen hatte.

Humphrey hatte ehrlich gesagt nicht erwartet, hier eine weitere Leiche zu finden. Selbst falls es eine weitere gab, nahm er an, dass sie woanders wäre. Die beiden Leichen waren in verschiedenen Teilen des Walds gefunden worden. Aber beides waren anscheinend Krokodilangriffe.

Anscheinend.

Ben lenkte das Boot an den Rand des Sumpfes, wo das Wasser und die Erde aufeinander trafen, um eine Schlammschicht zu formen. Swanson stieg mit einem Brummen aus und Ben folgte ihm.

„Danke, Ben“, meinte Humphrey.

„Gern geschehen. Sie sehen enttäuscht aus.“

„Wir haben hier zwei Leichen. Natürlich bin ich enttäuscht.“

„Hey Mann, es waren doch Krokodile, oder? Dagegen kann die Polizei wirklich nicht viel anrichten.“

Humphrey seufzte und schüttelte seinen Kopf. „Brauchen Sie Hilfe beim Verstauen des Bootes?“

„Nein, ist schon in Ordnung. Mein Wagen steht dort hinten“, meinte er und zeigte mit dem Daumen über seine Schulter. „Ich wollte sowieso noch etwas angeln, bevor ich es wieder verstaue.“

„Viel Spaß.“

Humphrey begann, wieder zurück durch den Wald zu laufen, um zu dem abgeholzten Streifen zu gelangen, wo er und Swanson ihr Auto geparkt hatten.

„Wissen Sie“, sagte Swanson, „Ben hat gesagt, dass Sie enttäuscht aussehen. Aber das stimmt nicht ganz. Es ist etwas anderes.“

„Ratlos ist vielleicht ein besseres Wort.“

„Warum denn?“

„Zwei Leichen. Zwei verschiedene Stellen im Wald. Es scheint mir zu einfach, es den Krokodilen in die Schuhe zu schieben. Insbesondere, wenn es kaum Krokodile in dieser Gegend gibt.“

„Aber gelegentlich tauchen sie schon auf, oder?“

„Ja.“

„Also, was meinen Sie?“, fragte Swanson in einem Akzent, der gleichzeitig sehr nach den Südstaaten, aber auch kreolisch klang.

„Ich meine, dass sie vielleicht woanders getötet und an den Orten, wo sie gefunden wurden, nur entsorgt worden waren.“

 „Getötet von Krokodilen?“

„Das weiß ich nicht. Der Forst-Service sagt, dass sie diese Saison besonders widerborstig sind. Aber bei zwei Leichen innerhalb von vier Tagen an sehr abgelegenen Orten folge ich besser dem Protokoll und rufe das regionale FBI zu Hilfe. Nur für den Fall.“

Als sie aus dem Wald kamen, ließen die Stechmücken ein wenig nach. Sie stiegen wieder in den Streifenwagen und Humphrey blickte zurück in den Wald. In seinen elf Jahren bei der Polizei hatte er nur von drei Leuten gehört, die von Krokodilen angegriffen worden waren, und nur eine dieser Personen war gestorben.

Deshalb erschienen ihm zwei innerhalb von vier Tagen ein wenig viel.

Er überließ Swanson das Steuer und zog es vor, auf dem Beifahrersitz noch einmal über alles nachzudenken. Was ergab mehr Sinn? Die verrückte Chance, zwei Leichen innerhalb von vier Tagen zu finden, die von Krokodilen zerfleischt worden waren, oder jemand, der die Opfer ermordet und sie dann an einer anderen Stelle entsorgt hatte?

Aber wie würde ein Mörder es schaffen, die Opfer so darzustellen, als wären sie von Krokodilen zerfleischt worden?

KAPITEL DREI

Camille saß in dem bequemen Stuhl des Wartebereiches und ließ sich ihren Ansatz noch einmal durch den Kopf gehen. Sie stand kurz davor, ihrer neuen Director eine recht komplizierte Angelegenheit darzubringen, und dies könnte potenziell schlecht aufgenommen werden. Entweder würde sie aufgeblasen und egoistisch erscheinen, oder aber eifrig und fürsorglich. Allerdings war sie sich nicht sicher, ob sie wollte, dass McCutcheon sie auf jegliche dieser Arten betrachtete.

Der Besuch, den sie ihrem Vater abgestattet hatte, war deprimierend, aber überraschend aufschlussreich gewesen. Vielmehr hatte Camille sein Haus mit einem Gefühl von Bestätigung verlassen. Jahrelang hatte sie sich immer wieder gefragt, wie es wohl wäre, den Fall ihrer Schwester wieder zu öffnen. Sie hatte keine Illusionen, dass sie am Ende erfreuliche Antworten erhalten würde, doch darum ging es letztlich auch gar nicht. Nein, sie wollte Nanette einfach nur eine Art von Gerechtigkeit und Abschluss verschaffen, auch wenn sie tatsächlich tot sein sollte.

Natürlich hatte es nie eine Bestätigung ihres Todes gegeben. Seit fast dreizehn Jahren war sie nun schon nur verschwunden. Nach fast einem Jahrzehnt Erfahrung beim FBI wusste Camille, dass die Lösung dieser Rechnung recht offensichtlich war. Jemand, der seit so langer Zeit als verschwunden galt, war entweder tot und nicht entdeckt worden, oder es war ein Beweis dafür, dass jemand geflohen war und wirklich nicht gefunden werden wollte.

All dies führte sie zum kleinen Wartebereich vor dem Büro der Assistent-Director Marie McCutcheon am Morgen nach dem Besuch bei ihrem Vater. Camille wusste, dass sie nicht einfach selbst anfangen konnte, sich einen Fall anzusehen. Unter ihrem alten Director in Alabama hätte sie etwas so Tollkühnes vielleicht versucht, aber sie wollte bei diesem neuen Kapitel ihrer Karriere keinen schlechten Start wagen.