Nicht mehr lange - Max Schönmüller - E-Book

Nicht mehr lange E-Book

Max Schönmüller

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Beschreibung

Der Mensch zerstört die Welt. Der Mensch zerstört sich selbst. Was dagegen tun? Wie weit kann man gehen? Wo ist die Grenze? Ein Freundeskreis radikalisiert sich. Erst fallen Bäume - dann Schüsse. München lebt in Angst. Und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Jeder muss sich entscheiden. Es bleibt keine Zeit. »Das Buch geht unter die Haut! Die Stimmung wirkt noch lange nach, spannend, packend, aktuell, wichtig - lässt einen verzweifelt, aber wachgerüttelt zurück ...« (Toni Taschler, Regisseur)

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Seitenzahl: 252

Veröffentlichungsjahr: 2020

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MAX SCHÖNMÜLLER ist geboren und aufgewachsen in einem mittelfränkischen Dorf. Abitur und Studium absolviert er ebenfalls in Mittelfranken.

Seit 1989 lebt er in München. Berufserfahrung als Gymnasiallehrer, Vertriebsleiter, Lastwagenfahrer, Bauarbeiter, Galerist, Kunsthändler, Musiker und Schreiber.

Bisher drei Bücher in Privatveröffentlichung sowie einige CDs, Singles und eine EP mit »der scheidungsgrund«, »the jealous chaps« und »schönmüllerschön«.

Mehr unter: schoenmuellerliteratur.de

Allitera VerlagEin Verlag der Buch&media GmbH München©️ Dezember 2020 Buch&media GmbH MünchenGesetzt aus der Futura LT und der Adobe Garamond ProPrinted in EuropeISBN print 978-3-96233-257-0ISBN epub 978-3-96233-258-7ISBN pdf 978-3-96233-259-4

Allitera VerlagMerianstraße 24 · 80637 MünchenFon 089 13 92 90 46 · Fax 089 13 92 90 65

Weitere Publikationen aus unserem Programm finden Sie auf www.allitera.de Kontakt und Bestellungen unter [email protected]

Deutschlandradio Verkehrsmeldungen

Verkehrsmeldungen vom 2. Oktober 2019, 14:30 Uhr

Auf folgenden Autobahnen liegen zur Zeit Störungen vor:

A1

A1 Dortmund Richtung Euskirchen

A1 Dortmund Richtung Euskirchen zwischen Köln-Niehl und Köln-Lövenich mehr als 10 Minuten plus, 4 km stockender Verkehr

A1

A1 Dortmund Richtung Köln

A1 Dortmund Richtung Köln zwischen Hagen-West und Volmarstein 3 km stockender Verkehr

A1

A1 Dortmund Richtung Köln

A1 Dortmund Richtung Köln zwischen Kreuz Wuppertal-Nord und Wuppertal-Langerfeld mehr als 10 Minuten plus, 4 km Stau

A1

A1 Euskirchen Richtung Köln

A1 Euskirchen Richtung Köln zwischen Kreuz Köln-West und Köln-Bocklemünd 3 km stockender Verkehr

A1

A1 Köln Richtung Dortmund

A1 Köln Richtung Dortmund zwischen Hagen-Nord und Schwerte etwa 20 Minuten plus, 6 km stockender Verkehr

A1

A1 Münster Richtung Bremen

A1 Münster Richtung Bremen zwischen Lengerich und Osnabrück-Hafen mehr als 10 Minuten plus, 3 km Stau

A1

Auf der A1 Dortmund Richtung Köln ist im …

Auf der A1 Dortmund Richtung Köln ist im Kreuz Leverkusen-West die Verbindung auf die A59 Richtung Leverkusen wegen Bauarbeiten voraussichtlich bis Mitte 2020 gesperrt.

A1

Auf der A1 Köln Richtung Dortmund

Auf der A1 Köln Richtung Dortmund ist die Auffahrt Volmarstein wegen Bauarbeiten voraussichtlich bis Ende 2020 gesperrt.

A1

Auf der A1 Münster Richtung Osnabrück ist im …

Auf der A1 Münster Richtung Osnabrück ist im Kreuz Lotte/Osnabrück die Verbindung zur A30 in Richtung Rheine voraussichtlich bis zum 18. Oktober gesperrt.

A1

Die A1 Bremen Richtung Osnabrück

Die A1 Bremen Richtung Osnabrück ist zwischen Cloppenburg und Vechta nach einem Unfall gesperrt. Zurzeit 8km Stau.

A2

Auf der A2 Dortmund – Hannover

Auf der A2 Dortmund – Hannover ist die Ausfahrt Rheda-Wiedenbrück in beiden Richtungen wegen Bauarbeiten bis Mitte Oktober gesperrt.

A2

Auf der A2 Dortmund Richtung Hannover

Auf der A2 Dortmund Richtung Hannover ist die Auffahrt Porta Westfalica wegen Bauarbeiten voraussichtlich bis zum 5. November gesperrt.

A2

Auf der A2 Oberhausen Richtung Dortmund ist im …

Auf der A2 Oberhausen Richtung Dortmund ist im Kreuz Recklinghausen die Verbindung zur A43 Richtung Wuppertal wegen Bauarbeiten bis Ende Oktober gesperrt.

A3

A3 Nürnberg Richtung Passau

A3 Nürnberg Richtung Passau Vorsicht zwischen Beratzhausen und Laaber Gefahr durch Gegenstände auf der Fahrbahn!

I’d love to change the worldBut I don’t know what to doSo I’ll leave it up to you

The same way you shoot me down babyYou’ll be going just the sameThree times the painAnd your own self to blame

EINS_______________

Gonna rise upBurning black holes in dark memoriesGonna rise upTurning mistakes into gold

1_____

Er sprang.

Die Arme weit geöffnet, wie er es in Filmszenen gesehen hatte.

Die Augen geschlossen.

Er hörte nichts mehr, sah nichts mehr und ließ sich nach vorne fallen. So, wie er einmal als kleiner Junge vom Drei-Meter-Brett einen Kopfsprung gemacht hatte. Er hatte sich überschlagen und war unsanft auf dem Rücken gelandet. Dieses Mal jedoch riss eine plötzliche Panikattacke seine Augen auf.

Während er auf ein Gewirr aus Bildern und Gesichtern zuraste, konnte er für kurze Momente seine Freunde sehen, die ihm an einem Tisch im Biergarten sitzend zulächelten. Amira legte ihre Hand auf seine … laute, aufbrandende Musik ließ diesen Augenblick explodieren und er vermochte nichts mehr zu erkennen, nicht einmal geringste Umrisse seiner Umwelt.

Dann war er tot.

Balthasar beobachtete aus gut 50 Metern Entfernung genau, was geschah, und hoffte bis zuletzt, der Mann würde es nicht tun. Im Nachhinein konnte er nicht einmal sagen, warum er dies gedacht hatte, doch das Miterleben jenes Moments ließ ihn zögern und beinahe darum bitten, es möge nicht geschehen. Er glaubte, ein leichtes Ziehen in der Brust wahrzunehmen, aber nach einigen gleichmäßig tief durchgeführten Atemzügen war diese unangenehme Bedrücktheit wieder verschwunden.

Langsam ging Balthasar auf die Stelle zu, an der der Mann aufgekommen war. Seine Position, verkrümmt und verrenkt, war ihm von ähnlichen Fällen bekannt. Lange starrte er in die offenen, leuchtend blauen Augen des Toten.

»Das wars dann«, hörte er eine Stimme in unmittelbarer Nähe sagen.

Er drehte sich um, suchte seinen Assistenten und rief ihn zu sich.

»Der ist noch ganz jung, höchstens Ende zwanzig. Gehen wir, Thomas, ich bin müde und das Ganze macht mich echt fertig. Sollen die anderen hier weiter herumwühlen. Ich brauche einen Kaffee. Die Berichte können wir morgen lesen. Dann sehen wir weiter. Für heute gibt es nichts mehr zu tun. Auch wenn der Tag erst angefangen hat.«

Wortlos stimmte ihm Thomas Rück zu und die beiden gingen zu ihrem Einsatzfahrzeug.

Am Auto angekommen, fragte ihn Rück: »Wohin, Hans?

Nach Giesing in die Bäckerei in die Tegernseer Landstraße?«

»Ja, das wäre gut jetzt. Was ganz anderes. Gute Idee. Fährst du? Danke.«

Wie jeden Donnerstag trafen sie sich am frühen Abend bei ihrem Lieblingsgriechen in Deisenhofen. Da es sommerlich warm war Ende Juni, saßen sie im Schatten unter alten Kastanienbäumen in einem riesigen Garten in der Nähe der S-Bahn-Station und genossen die laue, angenehme Luft.

Matthias fing gleich an, zur Sache zu kommen.

»Ich kann und will so nicht weiter machen, ich nehme diesen ganzen Irrsinn nicht mehr hin. Aus. Vorbei. Ich werde etwas dagegen machen«, eröffnete er die Runde.

»Bleib mal cool, Alter«, stöhnte Ben, »nicht so früh am Abend gleich Weltuntergang.«

»Nein, nein, ich meine es ernst. Ich habe lange darüber nachgedacht, jetzt muss ich auch handeln. Ich sage euch, was ich vorhabe, und dann könnt ihr euch überlegen, ob ihr mitmacht. Ok?«

»Was hast du vor?«, drängte ihn Sara, »ich bin schon ganz Ohr. Fängst du jetzt endlich auch an zu begreifen, dass man was gegen diese Ungerechtigkeiten in der Welt tun muss? Warum, glaubst du, engagiere ich mich schon so lange politisch? Doch nicht nur aus Mangel an Freizeitbeschäftigung.«

Sie bestellten sich etwas zu trinken und Matthias begann zu erzählen, was er loswerden wollte.

»Jeder redet nur, eine wirkliche Aktion, die etwas verändern würde, geschieht nicht. Deshalb werde ich ab sofort handeln. Ein Statement ist ein Anfang. Ich bin es leid, dass uns alle in der Politik und in den Medien immer nur vertrösten auf bessere Zeiten. Die dann nie kommen. Wir müssen einen Schnitt machen und diesen Irrsinn anhalten. Damit alle vielleicht mal zum Nachdenken kommen und auch etwas ändern, nicht nur drüber reden.

Ziemlich verwundert schauten ihn die anderen an.

»Was meinst du denn konkret?«, sagte Alex, »ich meine, wirklich konkret?«

»Ich werde am Wochenende, an der Autobahn Richtung Nürnberg, einen Baum auf die Autobahn fallen lassen. Mal sehen, was passiert«, sagte er lächelnd.

»Blödsinn!«, fuhr Ben ihn an, »hast du schon zu viel getrunken? Was soll der Quatsch?«

»Mein Gott, wir haben doch schon so oft darüber gesprochen, dass man diesen Irrsinns-Verkehr einfach mal anhalten sollte, damit den Leuten klar wird, was hier jeden Tag passiert. Warum nicht so anfangen?«

»Du bist total gaga, lass das dumme Gerede«, Sara winkte ab. »Wenn sie dich dabei erwischen, hast du dein Studium umsonst gemacht. Mit einer Vorstrafe darfst du nicht mal dein Examen antreten und fliegst sofort von der Uni. So ein Scheiß, jetzt lass das.«

»Ne, ne. Nicht ganz so schnell«, warf Amira ein, »was denkt denn der Herr, wie das gehen soll? Du redest mit dem Baum und der fällt um, oder wie?« Alle lachten laut los, auch er, irgendwie fühlte er sich in diesem Moment entlarvt. Fast schämte er sich ein wenig. Nach einer längeren Pause, in der jeder an seinem Getränk herumhantierte oder mit dem Bierdeckel spielte, fing Ben noch mal an.

»Na, schon stumm? Wie sollte es denn ablaufen, deiner Meinung nach?«

Matthias sah ihm in die Augen.

»Mit einer Motorsäge natürlich, wie denn sonst? Keilschnitt, und der Baum fällt um. Genau dahin, wo ich das will. Man braucht natürlich auch einen passenden Baum und eine Stelle, die für diese Aktion tauglich ist, um schnell wieder wegzukommen von dort.«

»Du hast also schon Vorüberlegungen gemacht in diese Richtung? Ich bin baff!«, stöhnte Alex.

»Jetzt hört aber auf mit der Kinderei!«, ermahnte sie Sara, »was soll das denn bringen? Ausgemachter Schwachsinn ist so was. Habt ihr nichts anderes zu tun, als euch über das Gerede von Matthias auszulassen? Dann, bitteschön, lieber noch Fußball. Die Weltmeisterschaft läuft grade. Was haltet ihr vom Endspiel? Wer wird denn nach Meinung der hier anwesenden Experten Weltmeister? Frankreich oder Kroatien? Ich tippe auf die Franzosen, die sind irgendwie eleganter«.

Das Gespräch nahm an dieser Stelle die von Sara angestoßene Wende, während des nun folgenden Essens gab jeder sein Spezialwissen zu den beiden Mannschaften zum Besten, und die Gedanken von Matthias zu Beginn des Abends wurden verscheucht. Erst nach dem obligatorischen Ouzo, dem noch eine Extrarunde folgte, nahm Amira das vorherige Thema wieder auf.

»So. Du hast gut gegessen. Immer noch revolutionäre Gedanken? Oder bist du glücklicherweise in die bürgerliche Normalität und Zufriedenheit hedonistischen Lebens zurückgekehrt?«

Dieser Spott hatte sein Ziel nicht verfehlt und wurde mit lautem, anhaltendem Gelächter von den anderen quittiert. Nachdem auch Matthias über ihre gelungene Formulierung geschmunzelt hatte, setzte er zu einer Art Widerrede an.

»Nicht ganz. Ich bleibe dabei. Am Wochenende fällt ein Baum auf die Autobahn, und ich schaue mal, wie es mir dabei ergeht«.

»Buh, bist du heute anstrengend! Jetzt aber wirklich. Rede über was anderes!« Sara schob ihr Mineralwasser ein Stück in die Tischmitte und drehte das Glas zwischen den Fingern ihrer rechten Hand leicht nach links und dann wieder nach rechts, während sie sichtlich genervt auf die Tischplatte starrte. Alex bestellte sich noch ein Weizen, dann ergriff er das Wort.

»Also, ich geb dir recht. Es passiert nicht wirklich was. Heute habe ich in der Süddeutschen gelesen, dass nur die Reichsten überleben werden. Glauben auf jeden Fall die Reichsten. Einige Milliardäre sehen den Untergang der Welt als unumstößliche Wahrheit an. Und ein Professor für Zukunftsforschung aus Potsdam, den sie sich zu einer Fragestunde haben kommen lassen, ist einfach nur peinlich. Er appelliert dauernd an das Gute im Menschen und der Menschheit. Aber eine Lösung für die Probleme beziehungsweise Ängste der Reichen hat er auch nicht, nur die Floskel: Zusammenhalten und weitermachen. Ja gehts noch. Matthias hat recht. Immer das gleiche Bla-bla. Gebetsmühlenartig. Wir schaffen das. Wir kriegen das schon hin. Kommt Zeit, kommt Rat. Am Ende sogar die Deutsche Bundesbahn. Haha!«

»Haben wir auch bisher, ich als Elektrotechnikerin sage euch, wir kriegen das hin. Die Energieprobleme und so. Dauert halt.« Amira klopfte mit ihrem linken Zeigefinger an die Tischkante und fügte hinzu: »Und: Es kann zu spät sein. Das muss man allerdings auch zugeben. Schon längst zu spät. Zumindest, was die Welt angeht. Lokal kann man noch einiges gut regeln. Sieht man ja bei uns oder in den skandinavischen Ländern. Aber weltweit sieht es eher zappenduster aus. Vor allem, weil auch bei uns der Energiehaushalt – Strom und Öl – schnell mal kollabieren kann. Dann gibts eh einen riesigen Wumms.«

»Genau«, das war der Wiedereinstieg für Matthias, »deshalb werde ich ein Zeichen setzen und im Kleinen anfangen.«

»Aber doch nicht mit Gewalt, du Dödel!«, fauchte ihn Sara an, »sei kreativ! Da wird dir doch was Besseres einfallen, oder?«

»Nein. Ich will nicht als Grünenmitglied, wie du, im Dauerlabern feststecken. Quatsch mich tot, nene! Was haben denn die Grünen erreicht in den letzten drei Jahrzehnten? Nichts! Gar nichts! – Na ja, sie sitzen im Deutschen Bundestag und in den meisten Landtagen und verdienen wie irre. Bravo. Aus Rotation wurde Stagnation und Reichtum für wenige. Das war alles. Hör bloß auf mit dem »kreativ sein« – Geschwätz. Das kann schon lange keiner mehr hören. Ihr dreht euch nur um die eigene Selbstbespiegelungs-Achse. Der Einzige, der bei eurem Verein den Mund aufmacht und auch mal anders denkt, nämlich realistisch, den killt ihr in aller Öffentlichkeit. Du weißt schon, den Palmer.«

»Jetzt bleib aber mal sachlich, hier gehts um die Flüchtlingsfrage!«

»Ja, nicht nur. Er ist auch das einzige Grünen-Vorstandsmitglied, das mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Grünen-Bundesparteitag erscheint. Die anderen kommen mit dem Flugzeug oder in ihren Luxuslimousinen angerauscht. – Umweltschutz? Nein, danke! Solche Scheinheiligen! Ihr seid nicht besser als die katholische Kirche in Sachen Nächstenliebe … oder Kinderliebe.«

»Langsam, immer schön langsam«, warf Ben ein, der die Stimmung nicht kippen lassen wollte, »klar, stimmt alles, aber ist das, was du jetzt machen willst, besser?«

»Keine Frage!«, Matthias gab sich kämpferisch, »die meisten Menschen sind so benebelt, die kann nur eine ganz krasse Sache aufwecken. Alles andere ist schon verpufft!«

Wieder trat eine lange Pause in ihrem Gespräch ein, in der sich alle in ihr eigenes Denkgebäude zurückzogen. Eine neue Runde Ouzo wurde bestellt, sie prosteten sich zu und lächelten sich freundlich an. Solche Auseinandersetzungen kannten sie alle seit Jahren, und sie hatten bisher stets mit einem gesunden Augenmaß zueinander zurückgefunden. Das letzte Wort ging an Alex.

»Hier, ich hab den Artikel gefunden. Der Zukunftsforscher sagt wörtlich: »Menschlichkeit handelt nicht von individuellem Überleben oder von Flucht. Es ist ein Mannschaftssport. Was auch immer zukünftige Menschen haben werden, sie werden es gemeinsam haben.«

»Na dann, Prost!«, schickte Matthias hinterher.

Um 4 Uhr 20 klingelte der Wecker meines Handys. Noch wie im Tiefschlaf wankte ich ins Badezimmer und machte mich frisch. Das kalte Wasser aktivierte die Gesichtsnerven und auch die Fähigkeit, die Umwelt wirklich wahrzunehmen, nahm zu. Erste Unruhe stieg in mir auf und ich fragte mich, ob ich nicht lieber wieder ins Bett zurückkehren sollte. Vielleicht war das Ganze doch nur eine Schnapsidee. Was sollte ein Einzelner gegen Millionen ausrichten? Alle redeten zwar über den höllischen Verkehr, der immer mehr zunahm, aber am Ende setzten sie sich jeden Tag in ihre Blechkisten und donnerten weiter wie vorher. »Wie soll man denn sonst in die Arbeit kommen? Wie sollen die Waren aus der ganzen Welt überall hinkommen? Wie sollen die vielen Arbeiter aus ganz Europa kreuz und quer zu den unterschiedlichsten Arbeitsstätten kommen, in Zeiten der europäischen Vereinigung?« Auf diese Fragen gab es unterschiedliche Antworten, doch die wollte bestimmt keiner hören. Sonst hätte sich längst schon etwas geändert.

Mit einer heißen Tasse Kaffee und einem Brötchen war ich eine halbe Stunde später auf der Autobahn Richtung Nürnberg unterwegs. Da um diese Zeit kaum Verkehr war, kam ich schnell voran. Was hieß, dass ich auf der Mittelspur fuhr, ungefähr mit 120 km/h, an einer LKW-Kolonne vorbei, die sich von München bis Kiel erstreckte. »Ganz normaler Verkehr auf den bayerischen Autobahnen«, nennt man dies im Rundfunkdeutsch der Nachrichtensender. Auf der linken Spur bretterten die meisten Autos mit 150 bis 220 km/h an mir vorbei, dass es mir so vorkam, als würde ich stehen und nicht fahren. Die ganz Wichtigen, die unterwegs waren, und es waren anscheinend sehr viele sehr Wichtige auf ihrem Weg zum Ruhm, allen voran eine Phalanx von Vertretern in Audis, BMWs und Passats, gaben kräftig Lichthupe, wenn sie mich sahen. Sie hatten wohl Angst, ich könnte nach links ausweichen, um einen LKW auf der Mittelspur zu überholen, denn dann müssten sie scharf bremsen und ihr Geschwindigkeitsrausch bekäme einen leichten Dämpfer. Insgesamt gesehen war ich einer der Langsamsten von allen Reisenden.

Etwa eine Stunde Autobahnfahrt später nahm ich die Ausfahrt kurz vor Ingolstadt und fuhr dann weiter auf der Landstraße noch eine gute halbe Stunde bis zu dem ausgespähten Feldweg, der über einen kleinen Weg an eine Stelle neben der Autobahn führte. Ungefähr 100 Meter von dem Baum entfernt, den ich mir bereits Wochen vorher ausgesucht hatte, stellte ich das Auto ab. Vorher wendete ich, damit ich möglichst schnell wieder davonkam. Ich blieb etwa 10 Minuten am Waldrand stehen und schaute mich nach Fahrzeugen oder Fußgängern um, die vielleicht in meine Richtung unterwegs waren. Mein Auto hatte ich soweit in den Wald hineingefahren, dass man es nicht von der Landstraße aus sehen konnte, ich aber noch einen freien Blick hinauswerfen konnte.

Als ich mir sicher war, dass niemand in den Feldweg einbog, stieg ich aus und nahm meine Utensilien mit, die ich für die Unternehmung sorgfältig im Kofferraum verstaut hatte. Die Motorsäge meines Vaters hatte ich mit Benzin und Öl aufgefüllt und die Kette sauber gemacht und neu gespannt. Handschuhe, alte Turnschuhe. Alles war bestens vorbereitet. Nach weiteren Minuten, in denen ich am Auto stehen blieb, um zu sehen, ob nicht irgendein Spaziergänger oder Jogger in der Nähe auszumachen war, ging ich los. Die Möglichkeit, dass mich an diesem Platz jemand entdecken könnte, schätzte ich als äußerst gering bis unwahrscheinlich ein, denn wer geht schon fast unmittelbar neben der Autobahn laufen oder inmitten eines stetigen Lärmpegels. Noch einmal blieb ich in einem gewissen Abstand, in der dritten Baumreihe von der Autobahn entfernt, stehen und beobachtete die Umgebung. Auf meiner Seite der Straße war keine Bewegung auszumachen und auch auf der gegenüber liegenden Waldseite rührte sich nichts Ungewöhnliches.

Ich war ziemlich nervös, atmete flach und unruhig und bekam schweißige Hände, als ich den Choke drückte und am Starterseil zog. Beim dritten Mal ruckelte der Motor, ich drückte den Choke leicht zurück und gab Vollgas. Das mir bekannte Rasseln und Surren der Motorsäge hallte durch den Wald und ich hoffte, es würde nicht zu früh oder am besten gar nicht bemerkt werden. Als der Motor rund lief, zog ich den Choke-Schalter ganz zurück und stellte mich vor den Baum. Ohne groß zu überlegen, schnitt ich einen Keil aus der Vorderseite, und als der Baum sich zu bewegen begann, da ich mich weit genug auf der gegenüberliegenden Seite vorgearbeitet hatte, legte ich die Säge neben mich auf den Boden. Schweißperlen liefen mir in die Augen und gebannt starrte ich nach oben in die Baumkrone, die sich langsam Richtung Straße senkte. Ich stellte mich hinter den Baum und stemmte mich mit ausgestreckten Armen gegen den Baum, um ihn in seiner Fallrichtung zu beeinflussen und den Fall zu beschleunigen. Ich wusste natürlich, dass das A und O beim Baumfällen der Keilschnitt war, der dann gut war, wenn die Richtung auch gut ausgeschnitten wurde. Das Drücken nach dem Schneiden konnte kaum mehr etwas ändern, vor allem nicht, wenn der Baum sehr groß war, so wie dieser. Ich schätzte seine Höhe auf circa 25 Meter, vielleicht war er sogar 30 Meter hoch. Deshalb hatte ich ihn mir auch ausgesucht, denn er sollte – bei optimalen Bedingungen – über die ganze Seite der dreispurigen Autobahn fallen. Auf den Verkehr hatte ich zwar geachtet, bevor ich anfing zu schneiden, aber nur darauf, dass kein LKW in unmittelbarer Nähe auf mich zukam, der den Baum vielleicht schon mit seinem Schwung wegschleudern könnte. Er sollte liegen bleiben und eine Blockade hervorrufen, das war mein Ziel. Als ich merkte, dass der Baum in die von mir gewählte Richtung fiel, jubelte ich innerlich, schaltete die Motorsäge aus und rannte zum Auto. Hinter mir ertönte noch ein lautes, weit hörbares Krachen und dann vernahm ich Bremsen, Hupen, dumpfe Metallsplitter- und Glasgeräusche.

Ich sprang in den Wagen und fuhr los. Zuerst langsam, bis ich den Waldweg verlassen hatte, dann zügiger. Auf der Landstraße, später auf der Bundesstraße, zurück Richtung München, war ich in wenigen Minuten. Nach zwei Stunden Rückfahrt stellte ich das Auto wieder in die Garage. Vorher war ich noch bei einer Tankstelle durch die Waschanlage gefahren. Sicherheit sollte Vorrang haben. Die Motorsäge reinigte ich peinlich genau, die Holzreste und meine gesamte Kleidung stopfte ich in einen schwarzen Müllsack, den ich am Abend in einer großen städtischen Mülltonne des Mehrfamilienhauses entsorgte würde, in dem ich wohnte.

»Das BAYERN 3 Verkehrsupdate – die Lage in Bayern.

Achtung Autofahrer auf der A9 – München-Nürnberg – in Richtung Nürnberg blockiert kurz nach der Auffahrt 55 bei Allersberg ein umgestürzter Baum die beiden rechten Fahrbahnen in Höhe Altenfelden, es kommt zu erheblichen Behinderungen. 60 Minuten Wartezeit sind es im Moment.

A9 Nürnberg Richtung Berlin – auf Höhe der Anschlussstelle …«

JEDER EINZELNE TRÄGT VERANTWORTUNG

Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique »regieren« zu lassen. Ist es nicht so, dass sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Maß unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten? Wenn das deutsche Volk schon so in seinem tiefsten Wesen korrumpiert und zerfallen ist, dass es, ohne eine Hand zu regen, im leichtsinnigen Vertrauen auf eine fragwürdige Gesetzmäßigkeit der Geschichte das Höchste, das ein Mensch besitzt und das ihn über jede andere Kreatur erhöht, nämlich den freien Willen, preisgibt, die Freiheit des Menschen preisgibt, selbst mit einzugreifen in das Rad der Geschichte und es seiner vernünftigen Entscheidung unterzuordnen – wenn die Deutschen, so jeder Individualität bar, schon so sehr zur geistlosen und feigen Masse geworden sind, dann, ja dann verdienen sie den Untergang.

Goethe spricht von den Deutschen als einem tragischen Volke, aber heute hat es eher den Anschein, als sei es eine seichte, willenlose Herde von Mitläufern, denen das Mark aus dem Innersten gesogen und die nun ihres Kerns beraubt, bereit sind, sich in den Untergang hetzen zu lassen.

Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt, werden die Boten der rächenden Nemesis unaufhaltsam näher und näher rücken, dann wird auch das letzte Opfer sinnlos in den Rachen des unersättlichen Dämons geworfen sein. Daher muss jeder Einzelne seiner Verantwortung als Mitglied der christlichen und abendländischen Kultur bewusst sich wehren, soviel er kann, arbeiten wider die Geißel der Menschheit, wider den grenzenlosen Kapitalismus und endlosen Konsumterror und jedes ihm ähnliche System des absoluten Staates. Leistet passiven oder aktiven Widerstand – Widerstand –, wo immer Ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser Zerstörungsmaschine, ehe es zu spät ist, ehe die letzten Städte ein Trümmerhaufen sind und ehe die letzte Zukunft des Volkes irgendwo für die Hybris der maßlosen Banken und Unternehmer verblutet ist. Vergesst nicht, dass ein jedes Volk diejenige Regierung verdient, die es erträgt!

Wir bitten Sie, diese Zeilen an möglichst viele weiterzuleiten! Danke für Ihre Hilfe!

Bekennerschreiben der Gruppe »Unsere Welt schützen – jetzt!«

Nach dem Urlaub morgens in die U 5 Richtung Laimer Platz zu steigen und wieder Massen von Menschen auf engstem Raum ausgesetzt zu sein, kostete ihn jedes Mal große Überwindung, auch wenn er sich sagte, dass dieses Gefühl der Beklemmung nur wenige Minuten anhalten würde, denn Routine übernahm überraschend schnell und beinahe reflexartig sein Denken und Handeln im Alltag, wie bei den meisten Menschen. Und so atmete er bereits nach drei Haltestellen gleichmäßig aus und ein und das in solchen Situationen von ihm gefürchtete Gefühl des Beengt-Seins oder gar unangenehmes Hyperventilieren rückten langsam von ihm ab. Er überließ sich mit geschlossenen Augen seinen Gedanken an die letzten Urlaubstage, in denen er sich auf einer Liege in der Wiese sah, ein Buch lesend oder in die nahen Berge blickend. Hin und wieder nahm er einen Schluck Bier aus der Flasche, welche neben ihm stand, oder er döste ein wenig – in Gedanken im See schwimmend oder nach Sonnenuntergang auf der Terrasse sitzend und über den Chiemsee starrend, um auf die ersten Sterne am Himmel zu warten.

Da er Kopfhörer trug, nickte er einer Kollegin aus der Arbeit nur kurz zu, die schräg gegenüber von ihm einen Platz gefunden hatte, und schloss dann wieder die Augen. Einen Halt später war sie verschwunden. Als er sie suchte, jedoch nicht mehr ausmachen konnte, glaubte er bereits, alles nur geträumt zu haben, doch der Geruch eines Mittvierzigers, der urplötzlich direkt auf dem Sitzplatz ihm gegenübersaß, lieferte schlagartig eine Erklärung für ihr Verschwinden.

Dieser Mann roch, als hätte er sich seit etlichen Wochen nicht mehr gewaschen. Schweiß, uraltes Parfum, unbestimmbare Gerüche aus Räumen, die ein normaler Mensch niemals freiwillig betreten würde, und klar erkennbar auch Alkoholausdünstungen, ergaben einen so widerlichen Aromacocktail, dass er selbst nahe daran war, das Abteil, oder zumindest diesen Teil des Waggons, fluchtartig zu verlassen. Längere Zeit stehen zu müssen, war aber für ihn auch keine akzeptable Alternative. Dann doch lieber sitzen bleiben und sich ablenken. Er sah, wie der Mann mit beiden Händen ein Handy hielt und mit seinen Daumen versuchte, eine Nachricht zu verfassen. Dabei zitterte er so stark, dass sein Tremor, für einen geübten Beobachter, unübersehbar war. Sein rotfleckiges Gesicht dazu und sein beißender Atem, der als säuerliche Blume im Abteil schwebte, verwiesen eindeutig auf Bluthochdruck und lange anhaltende Alkoholexzesse. Er trug, wie viele Ausgeknockte, geflickte Hose und speckige Turnschuhe, die schon ziemlich ausgelatscht waren. Sein dünnes Haar und ein abwesender Blick mit unruhigen Pupillen passten zur Gesamterscheinung. Hans Balthasar drehte den Kopf in die Kapuze seines Anoraks, die seitlich über seine Schulter reichte, um wenigstens ab und an das Gefühl von sauberer Luft zu haben.

Ein junger Mann neben der Stinkbombe zeigte indessen keinerlei Irritation und sah gelangweilt aus dem Fenster der U-Bahn, was immer er dort draußen erkennen konnte, er fixierte es anhaltend. Zu seinem Glück konnte Balthasar nach wenigen Haltestellen aussteigen und den Ort des olfaktorischen Überfalls verlassen.

Great words won’t cover ugly actions.Good frames won’t save bad paintings.

2_____

Ben stand vor der Tür. Er sah zerknautscht aus. Sie gingen in die kleine Wohnung von Matthias, wortlos setzen sie sich in die Küche und Matthias machte ihnen einen Espresso auf dem Gasherd, echt italienisch aufgekocht in einer Edelstahl-Kaffeemaschine. Ben schnappte sich den Laptop vom Tisch und las Zeitung. Als die dampfenden Tassen vor ihnen standen, fragte Matthias ihn grinsend.

»Na, wohl ’ne lange Nacht gehabt gestern? So wie du drauf bist und aussiehst? Das wird heute nix mit Muckibude. In dem Zustand!«

»Ne, heute ist Pause, war echt lange und viel zu viel. Fast Totalschaden, dabei wollte ich mal ein paar Wochen kürzertreten, um wieder richtig in Form zu kommen und eine anständige Kondition aufzubauen. Aber wenn ich nicht aufpasse, wird das nichts werden mit den guten Vorsätzen.«

Eine Zeit lang saßen sie sich so gegenüber, versunken in ihren Gedanken, dann schaute Ben Matthias plötzlich direkt in die Augen.

»Sag mal, das mit dem Baum auf der A9, das warst du? Hast du wirklich alleine diesen riesigen Baum gefällt? Ich dachte, du machst Witze!«

»Na ja, gelernt ist gelernt. Mein Großvater wäre sicher sehr stolz auf mich. Und auch auf das, was er mir beigebracht hat. Der Baum fiel wirklich geradewegs über die zwei Fahrspuren, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es war schon ein klasse Gefühl in dem Moment, das muss ich zugeben. Wieso kommst du grade drauf?«

Von einem Räuspern und kleinen Hustenattacken begleitet blickte Ben lange aus dem Fenster auf die Kastanienbäume vor dem Haus.

»Ich musste an dich denken, als ich heute Morgen die Staunachrichten anhörte, aber von dir war da nicht die Rede«, grinste er.

»Klar nicht, sie vertuschen, dass es gewollt war, und reden nur davon, dass ein Baum auf die Autobahn stürzte. Sie sagen nie die Wahrheit. Das ist ihre Taktik. Vertuschen und im Hintergrund dran arbeiten.«

»Ja«, erwiderte Matthias nach einer kurzen Denkpause, »die wollen den oder die Spinner in Sicherheit wiegen und die Autofahrer auch. Aber aus jeweils unterschiedlichen Gründen. Dann haben sie Zeit, um ungestört alles zu untersuchen.«

»Genau, so dürfte es sein. Aber sie wissen schon jetzt: Es war eine Person. Sie wissen auch, wie schwer ich bin und dass es ein Rechtshänder war. Vielleicht können sie sogar mein Alter bestimmen?«

»Glaube ich nicht. Obwohl? Ja, doch, durch deine Fußspuren. Die Abdrücke lassen in ihrer Beschaffenheit eventuell sogar Rückschlüsse auf dein ungefähres Alter zu. Stimmt, Mann, die haben dich schon fast!«

Ben lachte lauthals los und verschluckte sich fast bei dem Versuch, mitten im Lachen einen Schluck heißen Kaffee zu trinken. Sein Gesicht wurde dabei leicht rosig und die geröteten Augäpfel traten etwas aus den Augenhöhlen.

»Hahaha. Was so eine kleine Aktion alles mit sich bringt. Hast du eigentlich gar keine Angst, dass sie dich kriegen könnten?«

Matthias stand auf und holte Schoko-Plätzchen mit einem Prinzen an den Tisch.

»Nein, ehrlich gesagt, Nein. Es kann nur Schwierigkeiten geben, wenn jemand mein Auto gesehen hat. Ansonsten habe ich meine Schuhe entsorgt und meine Kleider. Da gibts überhaupt keine Spur zu mir. Die Reifenspuren sind komplett 08/15. Von den Dingern gibt es Millionen. Ich rauche nicht, ich habe keine Kaugummireste oder irgendetwas anderes hinterlassen.«

»Tja, dann haben sie wirklich nicht viel«, stimmte Ben ihm zu. »Ich glaube sowieso, dass die sich erst mal gar nicht viel denken dabei. Solange nicht noch etwas in dem Stil passiert, wird das als Tat eines Spinners abgetan. Oder sie verbuchen das Ganze als eine Art Mutprobe oder so was ähnliches.«

»Eben. Ich habe zwar ein Bekennerschreiben abgeschickt, aber auch das ist noch nicht wirklich interessant für die. Ist ja nichts Schwerwiegendes passiert. Lange Staus gibt es jeden Tag und überall. Man hat sich daran gewöhnt. Nichts Neues unter der Sonne.«

Genüsslich tunkten sie die runden Plätzchen in ihre Tassen und ließen sie sich schmecken, während sie über die Baumfäll-Aktion nachdachten. Nachdem sie den Kaffee ausgetrunken hatten, holte Matthias zwei Bierflaschen aus dem Kühlschrank.

»Für dich ist es gut, wenn du noch ein wenig nachlegst, damit der Rausch langsamer und gleitender ausgeleitet wird«, sagte er zu Ben bestimmend, als er ihm eine Flasche hinstellte, »und ich trink mal auf mein gelungenes Vorhaben, Prost!«

Mit einem hörbaren »Klick« stießen sie an und machten beide einen langen Zug aus der Halben Bier.

»Na dann, auf uns!«, fügte Ben nach dem Abstellen der Flaschen hinzu, »ich bin ja gespannt, was du als Nächstes vorhast. Weißt du schon, welcher Baum jetzt drankommen soll?«

»Nein. Ich bin noch am Überlegen, ob es so überhaupt einen Sinn macht oder ob ich mein Vorgehen ändern sollte, damit es mehr Wirkung zeigt. Per E-Mail habe ich meine Aktion jedenfalls schon mal im Netz verbreitet. Zeitungen und die Polizei sowie alle Parteien angeschrieben. Soll ich wirklich weiter machen?«