Nicht nur am Leben bleiben - Vera Wendt - E-Book

Nicht nur am Leben bleiben E-Book

Vera Wendt

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Beschreibung

Berlin, Sommer 1945: Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Mathilde, ihre Eltern und ihre sieben Monate alte Tochter Elsbeth haben überlebt. Durch die Bombardierung haben sie alles verloren und keine Bleibe mehr in Berlin. Der Garten mit Laube in einem brandenburgischen Dorf ist ihre letzte Zuflucht. Als Elsbeth stirbt, zerbricht Mathildes Traum von einer eigenen Familie. Mit 37 Jahren fürchtet sie, die restliche Zeit ihres Lebens zu hungern, zu frieren und alleine zu sein. Ihr Mann Gustav war bei Kriegsende an der Ostfront, sie hat keine Nachricht von ihm. Hat er überlebt? Wie viele Frauen ihrer Generation muss sie ihr Leben nun selbst in die Hand nehmen. Die Grenzen, die West-Berlin umgeben, erschweren immer mehr den mühsamen Alltag und den Zusammenhalt der Familie. Mathilde gibt dennoch nicht auf und versucht, in der zerstörten Stadt ihren eigenen Weg zu finden. Ein Roman über eine tapfere Frau vor dem Hintergrund der Nachkriegsjahre, in denen die Isolierung West-Berlins unaufhaltsam voranschreitet.

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Vera Wendt

Nicht nur amLeben bleiben

© 2020 Vera Wendt

Umschlag: Christopher Wehnl

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-05894-1

Hardcover:

978-3-347-05895-8

e-Book:

978-3-347-05896-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

1

Die Briefmarke mit dem Leninkopf fiel Mathilde sofort auf. Post aus der DDR, wo jetzt, 1970, der 100. Geburtstag des Revolutionärs gefeiert wurde. Wer sollte ihr von dort schreiben? Ihre Schwiegermutter war schon gestorben und ihre alte Bekannte, die Blumenhändlerin, schrieb nicht um diese Jahreszeit. Nein, es war ein offizielles Schreiben von der Gemeindeverwaltung Mittendorf. Mathilde betrachtete den Umschlag mit einer Mischung aus Erstaunen und Wehmut. Es kam ihr vor wie eine Botschaft aus vergangenen Zeiten. 1952, vor 18 Jahren, war sie das letzte Mal dort gewesen, wo sie gute Jahre und auch die schlimmste Zeit ihres Lebens erlebt hatte. Sie war Opfer der politischen Verhältnisse geworden, Opfer der deutschen Teilung, Opfer willkürlicher Maßnahmen der DDR-Regierung. Von einem Tag auf den anderen hatte sie als West-Berlinerin nicht mehr in die DDR gedurft, nicht mehr auf ihr Grundstück, nicht mehr in ihren Garten, nicht mehr auf den Friedhof. Was wollte die Behörde wohl von ihr? Eine Einladung war es bestimmt nicht. Am Ende sollte sie für irgendetwas bezahlen, die DDR war ja gierig nach Westgeld. Und woher kannte sie ihre Adresse?

Mathilde griff zum Brieföffner, öffnete den Umschlag und erstarrte. Der Brief war von der Friedhofsverwaltung. Die Liegezeit von 25 Jahren war abgelaufen. Sie musste entscheiden, ob sie das Grab ihrer kleinen Tochter aufgeben oder weitere Jahre bezahlen wollte, Formulare anbei.

25 Jahre – was für eine lange Zeit. Damals, 1945, war es Sommer gewesen, der erste Friedenssommer, der erste Sommer ohne Bomben seit langer Zeit. Und der Sommer, in dem sie den Friedhof in Mittendorf kennen lernte, den sie vorher nie beachtet hatte. In ihrer Erinnerung war er dörflich, mit einem windschiefen hölzernen Kapellchen. Nicht weit davon hatte sie 1945 ihre kleine Tochter begraben müssen. Elsbeth, die große Freude ihres Lebens, war sieben Monate alt, als sie starb.

Bei ihrer Geburt im Dezember 1944 tobte rundherum der längst verlorene Krieg, Bomben hatten die Wohnung der Familie zerstört, Mathildes Mann Gustav war an der Front – aber sie hatte ihr Kind, das ihr strahlend schön erschien, wie vom Herrgott geschickt. Sie konnte gut stillen, das kleine Mädchen gedieh, weinte selten und schien unter den katastrophalen Verhältnissen nicht zu leiden. Die einzige Hoffnung für die Zukunft.

Als auch die Wohnung ihrer Eltern den Bomben zum Opfer fiel, gab es im zerbombten Berlin keine Bleibe mehr für sie. So wich sie im März 1945 mit ihren Eltern und dem Baby in die Laube nach Mittendorf aus. Diese war zwar schlecht heizbar, hatte nur einen Raum und weder fließendes Wasser noch Elektrizität, aber es gab nicht dauernd Bombenalarm, das war das Wichtigste. Warum überhaupt noch Bomben fielen, verstand Mathilde sowieso nicht. Der Krieg war verloren und Deutschland war untergegangen. Was danach kommen würde, wusste niemand, es erschien ihr wie ein schwarzes Loch.

Als die Russen kamen, trat Mathilde ihnen mit dem Kind auf dem Arm entgegen und entging so den üblichen Vergewaltigungen. Viele Soldaten waren sehr kinderlieb, spielten mit der Kleinen und schenkten Mathilde einen Laib Kommissbrot. Die Großmutter hatten sie vorsichtshalber in der Zisterne versteckt.

Im Laufe des Sommers normalisierte sich die Lage ein wenig, soweit man in diesen Zeiten von „normal“ reden konnte. Der Flieder hatte nie so schön geblüht wie in diesem Jahr, die Erdbeeren aus dem Garten schmeckten besonders gut. Ihr Vater hatte sie mit Hingabe gepflegt.

Es war ihr gelungen, im Dorf Milch aufzutreiben, die Elsbeth offenbar gut vertrug. Sie musste nicht mehr ständig stillen. So beschloss sie, Ende Juni für zwei Tage nach Berlin zu fahren. Das Haus im Bezirk Tiergarten, in dem sie selbst bis 1943 gewohnt hatte, war nur noch Schutt und Asche, das wusste sie. Aber bei der 1½-Zimmer Wohnung der Eltern in Prenzlauer Berg war bloß eine Wand des Hauses zusammengebrochen. Wenn es möglich war, sie wiederaufzubauen, konnten sie vielleicht im Herbst dorthin zurück, denn die Laube war nicht winterfest zu machen. Das wollte sie erkunden und ein paar Freundinnen von früher suchen, um zu sehen, ob sie noch lebten. Irgendwo würde sie schon übernachten können. Es war unmöglich, genaue Pläne zu machen, aber sie hoffte, am übernächsten Tag wieder zurück zu können, so lange würde das Brot in ihrem Rucksack als Verpflegung reichen.

Seit die Russen ihr Rad geklaut hatten, musste sie immer zu Fuß laufen. Der Weg zur Bahn dauerte so eine Dreiviertelstunde. Sie hätte das Rad sowieso nicht mehr wie früher in den Zug mitnehmen können. Zum Glück war der Bahnhof ohne Bombenschaden davongekommen und die Züge fuhren, wenn auch selten und ohne Fahrplan. Wie üblich waren die Waggons total überfüllt, aber sie schaffte es, sich in einen Wagen hineinzudrängen. In dem Verbindungsstück zwischen zwei Waggons musste sie sich zwar gut festhalten, aber sie wäre weich gefallen, weil das Gedränge groß war.

Das Zentrum Berlins schien auf den ersten Blick nur aus Schutt und Ruinen zu bestehen. Ganze Straßenzüge waren ausgelöscht, viele Häuser zu Trümmerbergen geworden, von anderen waren nur noch Teile vorhanden. Es herrschte eine unheimliche Stille, wie in einer Totenstadt. Mathilde hatte Monate zuvor nach dem Bombenangriff auf das Haus ihrer Eltern Berlin fluchtartig verlassen, jetzt begriff sie, wie stark die Stadt als Ganzes getroffen worden war. Sie musste an Schillers „Glocke“ denken: „Aus den öden Fensterhöhlen scheint das Grauen …“ und auch an den folgenden Vers: „und sieh, ihm fehlt kein treues Haupt“. Ihr fehlte zwar Gustav, aber sie hatte ihre Eltern und ihre Tochter, dafür galt es dankbar zu sein.

Als sie von der Innenstadt in Richtung Prenzlauer Berg lief, sah sie mehrere Häuser, die nur teilweise zerstört waren. Manchmal war nur eine Wand weggesprengt, sodass das Innere der Wohnungen wie bei einer Puppenstube sichtbar war. „Schloss Sperlingslust“ nannte der Volksmund diesen Zustand. So fand sie auch die elterliche Wohnung vor. Die Wand zum Hof war weggesprengt, und sie konnte die Inneneinrichtung von dort aus sehen. Ihre 1 1/2 kleinen Zimmer mit Küche im dritten Stock sahen von unten unversehrt aus, als ob jemand sie gerade verlassen hätte. Sie waren dick mit Schutt und Staub bedeckt, dennoch wirkten sie ordentlich und aufgeräumt, wie ihre Mutter es gerne hatte.

Unter normalen Umständen wäre das Betreten des Hauses verboten gewesen, aber es gab keine Normalität mehr. Sie sah, dass im ersten Stock jemand wohnte. Ob das wohl die alte Frau Winterstein war? Mathilde hatte ihr ganzes Leben bis zu ihrer Heirat vor vier Jahren in diesem Haus verbracht und war zurückgekommen, als sie in Tiergarten ausgebombt wurde. Sie kannte alle Bewohner, wusste aber nicht, wer den Bombenangriff überlebt hatte und wer nicht. Frau Winterstein hatte sie schon als Kind fasziniert, es ging etwas Geheimnisvolles von ihr aus. Sie musste schon lange Witwe sein und die Nachbarn fragten sich, wovon sie lebte. Es hatte wohl etwas mit den häufigen Besuchern, Frauen und manchmal auch Männern aller Altersstufen zu tun.

Zuerst suchte Mathilde ihre alte Toilette auf halber Treppe auf und stellte fest, dass das Wasser wieder funktionierte und auch das Licht. Danach klopfte sie an der Wohnung im ersten Stock. Frau Winterstein freute sich sehr sie zu sehen. Ihre Wohnung hatte noch ein Zimmer zur Straßenseite, in dem sie derzeit wohnte, sodass sie nicht auf der offenen Hofseite wie auf dem Präsentierteller sitzen mussten.

„Ach Mathildchen – ich darf doch noch so sagen, nicht wahr? – wie schön, dass Sie leben! Wie geht es Ihren Eltern und der kleinen Elsbeth? Sie war wirklich ein besonders süßes Baby! Und immer so fröhlich trotz der Verhältnisse.“

Mathilde versicherte ihr, dass alle noch am Leben und wohlauf waren. Frau Winterstein erzählte betrübt, dass ihre beiden schwarzen Katzen Opfer der Bombenangriffe geworden waren und sie diese sehr vermisste. Es gab auch eine gute Nachricht: Die sowjetische Militärverwaltung hatte Mittel in Aussicht gestellt, um noch vor Wintereinbruch teilzerstörte Häuser notdürftig zu reparieren und ihres würde dazugehören.

„Haben Sie schon etwas von Ihrem Mann gehört?“, fragte die alte Dame voller Anteilnahme.

„Leider nein, er war zuletzt an der Ostfront. Vielleicht hat er überlebt und ist in Gefangenschaft, aber ich habe keinerlei Nachricht“, antwortete Mathilde traurig. Sie merkte, wie ihr die Tränen hochstiegen. Immer, wenn sie an Gustav dachte, standen die schrecklichen Erzählungen von sowjetischen Kriegsgefangenenlagern vor ihrem inneren Auge. Oder sie malte sich aus, wie er in den russischen Weiten umgekommen war. Zum Glück hatte sie meistens viel mit der Versorgung der Familie und der Fürsorge für ihre Tochter zu tun, sodass sie abends todmüde ins Bett fiel und nicht ständig grübelte. Aber oft, wenn sie ihre Tochter so fröhlich sah, fragte sie sich, wie lange sie wohl ohne Vater aufwachsen musste.

„Ich kann mir vorstellen, dass die Ungewissheit Ihnen zu schaffen macht“, sagte Frau Winterstein und streichelte Ihre Hand. „Aber vielleicht kann ich etwas für Sie tun. Es funktioniert nicht immer, aber manchmal kann ich Dinge sehen, die andere nicht sehen.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte Mathilde erstaunt.

„Nun, es gibt Menschen, die - wie soll ich sagen – bestimmte Schwingungen aufnehmen können so wie die Antenne beim Radio. Ich habe diese Gabe. Wie Sie wissen, ist mein Mann schon vor vielen Jahren und viel zu früh gestorben, ich hatte nur eine kleine Rente und da habe ich diese Fähigkeiten genutzt und vervollkommnet.“

„Dann sind Sie also so eine Art – Wahrsagerin?“, fragte Mathilde erstaunt.

„So kann man es nennen. Ich ziehe allerdings den Ausdruck „seelische Beraterin“ vor. Die Zukunft kann ich nicht voraussagen, aber ich kann manchmal Hinweise geben, und das war vielen Leuten etwas wert.“

„Und wie können sie mir dadurch helfen?“ Mathilde war immer noch total verwirrt.

„Wenn Sie einverstanden sind, würde ich in eine Glaskugel sehen. Ich habe es lange nicht mehr gemacht, seit dem Tod meiner Katzen nicht mehr. Die Kugel hatte ich versteckt und zum Glück haben die Russen sie nicht gefunden, als sie hier herummarodierten. Versprechen kann ich Ihnen nichts, aber wir können probieren, ob ich etwas sehe. Geld nehme ich von Ihnen nicht dafür, Sie und Ihre Eltern waren immer so nett zu mir und außerdem – wer hat heute schon Geld?“

Mathilde konnte sich zwar nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte, aber ihre Neugier war geweckt und sie erklärte sich einverstanden.

Frau Winterstein zog die Vorhänge zu und zündete einige Kerzen an. „Vorkriegsware, war auch versteckt“, flüsterte sie. Dann holte sie ein Kästchen aus einem verschlossenen Schrank. Sie nahm einen in grünes Tuch eingepackten Gegenstand heraus, entfernte den Stoff und legte die Glaskugel auf ein Tuch aus rotem Samt. Der Stoff und die Kerzen spiegelten sich im Glas und gaben der Kugel ein farbiges und geheimnisvolles Aussehen. Mathilde war erstaunt, wie schnell die Außenwelt mit all ihrer Zerstörung für sie verschwand und eine weihevolle Stimmung von ihr Besitz ergriff.

„Ich muss mich sehr konzentrieren, das fällt mir ohne meine Katzen schwer“, sagte Frau Winterstein leise. „Es wäre gut, wenn Sie versuchen würden, alle Gedanken auszuschalten und in die Kugel zu sehen.“

Mathilde starrte gespannt in die Kugel. Es herrschte eine Weile Schweigen.

„Ich sehe einen Schatten, es ist auf alle Fälle ein Mann, das könnte Ihr Mann sein, er ist weit weg“, sagte Frau Winterstein schließlich und ihre Stimme schien aus einer anderen Welt zu kommen.

„Und ich sehe ein Kind“, fuhr sie fort. „Was sagten Sie, wo Ihre Tochter jetzt ist?“

„Im Garten in Mittendorf, zusammen mit meinen Eltern“, antwortete Mathilde. Etwas in der Stimme der alten Dame machte ihr Angst.

„Das Kind ist in Gefahr. Es gibt einen bedrohlichen Schatten in seiner Nähe, keine Person, aber etwas, was der Kleinen schadet. Ich kann keine Einzelheiten sehen, aber es sieht so aus, als ob Ihr Kind Sie dringend braucht.“

Frau Winterstein bedeckte die Kugel wieder mit dem grünen Tuch und lehnte sich in ihren Sessel zurück. Sie machte einen erschöpften Eindruck.

Mathilde fror, ihre Hände zitterten und an ihren Armen machte sich Gänsehaut breit. Sie konnte den Schatten fast fühlen und eine unbändige Angst kroch in ihr hoch. Ihre kleine Elsbeth – sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr etwas passieren könnte. Sie war bei ihren Eltern in guten Händen und der Bombenkrieg war vorbei. Vielleicht war das alles Humbug, vielleicht machte Frau Winterstein sich nur wichtig - wäre sie doch bloß nicht zu ihr gegangen!

„Sind Sie ganz sicher?“, fragte sie angstvoll.

„Sicher ist in dieser Welt gar nichts. Ich bin überzeugt, dass ein Kind in Gefahr ist, das mit Ihnen zu tun hat. Gesichter kann ich nicht sehen. Aber ich würde an Ihrer Stelle sofort dorthin fahren, wo Ihr Kind ist.“

Die Ernsthaftigkeit im Tonfall beeindruckte Mathilde. „Dann laufe ich jetzt zum Bahnhof und fahre zurück“, sagte sie entschlossen.

„Ich kann Ihnen nur alles Gute wünschen“, verabschiedete sich Frau Winterstein. „Grüßen Sie Ihre Eltern und besuchen Sie mich, wenn Sie wieder in Berlin sind. Sie finden hinaus, ich kann noch nicht aufstehen, die Sitzung hat mich viel Kraft gekostet.“

Mathilde nahm ihren Rucksack und schloss leise die Tür. Dann eilte sie hinaus zur nächsten Straßenbahnhaltestelle und schlug sich bis zum Bahnhof durch. Die Vorortbahn nach Mittendorf sollte nach Auskunft des Bahnhofswärters zwei Stunden später fahren, aber es wurden drei Stunden. Sie hatte zwar noch Brot in ihrem Rucksack, aber sie konnte nichts essen. Die Sorge um ihr Kind bestimmte alle ihre Gedanken. Nein, es durfte nicht sein, dass Frau Wintersteins Ahnung zutraf, das wäre sehr ungerecht vom Schicksal. Sie hatte zwei Jahre zuvor schon ein Kind tot gebären müssen. Das ständige Hoch und Runter aus dem 5. Stock wegen Bombenalarms, der stundenlange schlaflose Aufenthalt im Keller, die schlechte Versorgungslage und schließlich der Zusammenbruch des Hauses nach einem Treffer, all das war dem kleinen Jungen wohl zu viel gewesen. Alle im Luftschutzkeller hatten überlebt, aber er verabschiedete sich von dieser Welt, bevor er sie erreichte. Mathilde hatte gefühlt, dass etwas nicht stimmte, das Kind sich nicht mehr bewegte, und lief zu Fuß von Prenzlauer Berg zur Charité, die trotz Bombenangriffen einen Notdienst aufrechterhielt. Dort musste sie stundenlang warten, man kümmerte sich offenbar erst einmal um die Frau eines Parteibonzen, wie ihr der Pförtner mit Bitterkeit verriet. Schließlich stellte die Hebamme fest, dass das Kind tot war und man gab ihr wehenfördernde Mittel. Die mühsame Geburt im 7. Monat hatte sie noch in schrecklichster Erinnerung. Sie hatte protestiert, als die Schwestern ihn einfach wegbringen wollten. Er sah so lebendig aus, im Gesicht Gustav ähnlich, wie sie fand, aber die graue Farbe seiner Haut war die der Verwesung. Schließlich nahmen sie ihn ihr weg und gaben ihr ein Schlafmittel. Als sie aufwachte, war er nicht mehr da, sie vermutete, längst im Medizinmüll gelandet. Sie hatte drei Tage lang nicht mit dem Weinen aufhören können.

Als sie nach Gustavs übernächstem Fronturlaub zu ihrer Freude wieder schwanger war, konnte sie die letzten Wochen auf dem Lande in Pommern verbringen, wo keine Bomben fielen. Einer von Gustavs vielen Onkeln war dort Pfarrer. Das Kind kam am Nikolaustag 1944 gesund zur Welt. Und nun sollte es in Gefahr sein – nein, nein, sie wehrte sich gegen diesen Gedanken. Das ganze Getue mit der Glaskugel war Hokuspokus. Aber den ernsten Ton und das spontane Erschrecken der Wahrsagerin konnte sie nicht vergessen.

Energisch setzte sie ihre Ellenbogen ein, um in den Zug zu kommen, ungeachtet der bösen Kommentare von rechts und links. Der Zug hielt auf den Gleisen kurz vor dem Bahnhof und alle mussten aussteigen oder besser gesagt herausspringen. Der Bahnhof war bei der Hinfahrt noch intakt gewesen, aber jetzt war er zerstört. Überall lagen zerbrochene Dachziegel und Glasscherben herum. Es war schon spät, aber noch so hell, dass sie Verwüstungen in den Gärten erkennen konnte, abgeknickte Bäume, Beete, die wie plattgewalzt aussahen, rechteckige Löcher im Mauerwerk, wo vorher Fenster gewesen waren. Doch sie konnte nirgendwo Brandspuren entdecken. Zunehmend alarmiert versuchte sie, so schnell wie möglich die Laube zu erreichen.

Als sie das knarrende Gartentor öffnete, kam ihre Mutter ihr schon aus der Laube entgegengerannt. Sie war einen halben Kopf kleiner als Mathilde, aber trotz ihrer 62 Jahre noch gut zu Fuß. Die strengen Züge ihres Gesichts wurden durch die kurzen, grauen Haare betont. Scharfe Falten hatten sich in den Kriegsjahren vertieft und ließen es noch härter erscheinen. Aber jetzt liefen Tränen über ihr Gesicht und sie schien völlig aufgelöst.

„Gut, dass du kommst“, stammelte sie schluchzend, „wir hatten Dich nicht so früh erwartet. Elsbeth … “ Die Mutter konnte nicht mehr weiterreden.

Mathilde rannte zur Laube, aus der sie schon schreckliches Schreien hörte. Sie sah ihr Kind und wusste, dass Frau Winterstein Recht gehabt hatte. Elsbeth war völlig verändert, hochrot, sie hatte Fieber und ihre Gliedmaßen verkrampften sich immer mehr. Mathilde versuchte sie anzulegen, aber das Kind wollte nicht an der Brust trinken.

„Was ist passiert?“, fragte sie entsetzt.

„Es gab eine schwere Explosion, ich weiß nicht genau, wo“, gab die Mutter Auskunft. „Wir alle spürten die Druckwelle. Seitdem schreit sie so schrecklich und lässt sich nicht beruhigen, sie will auch nichts trinken. Vater ist schon vor zwei Stunden ins Dorf gelaufen, er hofft, einen Arzt zu finden, der nicht für den Kriegseinsatz verpflichtet wurde.“

Mathilde versuchte, ihre Tochter zu beruhigen und in den Schlaf zu wiegen, sie trug sie herum, ging mit ihr durch den Garten, legte sie wieder an – nichts half.

Gegen Mitternacht hörte sie Schritte im Garten. Ihr Vater kam, offensichtlich erschöpft, denn er schlurfte und ging langsam. Obwohl genauso alt wie die Mutter, erschien er deutlich schwächer und weniger ausdauernd als sie. Seine Glatze und die Brillengläser glänzten im schwachen Licht der Petroleumlampe. Hinter ihm ging ein gebeugter, weißhaariger Herr mit einem kleinen Köfferchen.

„In Mittendorf gibt es keinen Arzt mehr. Ich musste zwei Dörfer weiter gehen, um Dr. Bartels zu finden“, stöhnte der Vater. Tiefe Besorgnis spiegelte sich in seinem Gesicht, das normalerweise einen sanften und gütigen Ausdruck hatte.

„Wegen meines fortgeschrittenen Alters praktiziere ich seit 10 Jahren nicht mehr“, erklärte der Doktor, „aber vielleicht kann ich Ihnen trotzdem behilflich sein.“

Der Arzt betrachtete Elsbeth, hörte sie ab, untersuchte ihre Reflexe und Mathilde merkte, wie er mit den Tränen kämpfte. Seine Diagnose war eindeutig.

„Bei Babys in diesem Alter ist die große Fontanelle noch nicht vollständig geschlossen, die Explosion hat deshalb Teile des Gehirns zerstört, die nicht zu ersetzen sind. Vermutlich sind das Schlaf- und das Wachstumszentrum unwiederbringlich verloren, und es könnte auch andere Regionen betreffen.“

„Wird sie sterben?“, fragte Mathilde mit Bangigkeit in der Stimme.

„Vermutlich ja. Wenn sie überlebt, was sehr unwahrscheinlich ist, wird sie blind und geistig behindert bleiben. Aber ich glaube, sie ist nicht zu retten. Wenn ich Medikamente hätte, könnte ich ihr etwas zur Beruhigung und zur Linderung der Krämpfe geben, aber ich habe keine. Es ist alles für die Front und die Lazarette requiriert worden. So kann ich nichts zur Verbesserung der Lage tun und, glauben Sie mir, das ist für einen alten Mediziner sehr bitter.“

Mathilde sagte nichts mehr. Der Arzt berichtete von dem Gerücht, dass die Russen einen vom Krieg übrig gebliebenen deutschen Munitionszug auf einem Abstellgleis versehentlich gesprengt hätten, weil sie die deutschen Zünder nicht kannten. Es sollten später noch viele Gerüchte über die Ursache der Explosion in Umlauf kommen, sie interessierten Mathilde nicht.

Doktor Bartels verabschiedete sich, strich Mathilde sanft übers Haar und sagte: „Ich mache mich auf den Weg, denn ich habe noch einen Fußmarsch von zwei Stunden vor mir und ich kann Ihnen nicht helfen. Sie sind jung und können noch mehr Kinder kriegen, aber ich weiß, das ist jetzt kein Trost und in dieser Zeit erst recht nicht. Jedenfalls wünsche ich Ihnen Gottes Segen.“

Mathilde schluchzte. Von wegen jung! Ihr 37. Geburtstag nahte, sie wusste nicht, ob ihr Mann überhaupt noch lebte und wenn, wann und in welchem Zustand er zu ihr zurückkehren würde. Sie würde nur noch wenige Jahre in der Lage sein, Kinder zu bekommen. War es ihr von Gott bestimmtes Schicksal, kinderlos zu bleiben? Bisher hatte sie trotz all dem Elend um sie herum Haltung bewahrt, aber jetzt ergriff sie Verzweiflung. Sie weinte haltlos und konnte nicht aufhören. Ihre Mutter versuchte vergeblich, sie zu trösten und zu beruhigen.

Elsbeth starb nach neun Tagen. Aus ihrem Schreien wurde ein Wimmern. Sie litt sichtbar schlimme Schmerzen und ihre Krampfanfälle waren so furchtbar, dass Mathilde in ihren Gebeten Gott darum bat, sie bald zu sich zu holen.

Sie begruben das kleine Wesen in einem schlichten Holzsarg unter einer alten Linde. Der Pfarrer sprach von der Herrlichkeit Gottes, bei der die kleine Elsbeth nun weilte, von den Prüfungen, die der Herr den Seinen auferlegt, und vom festen Glauben, der die Menschen bei Schicksalsschlägen tröstet und aufrichtet. Mathilde hörte es wie von ferne. Ihre Zukunft erschien ihr als eine endlose Reihe von grauen, traurigen Tagen, ohne Hoffnung auf bessere Zeiten.

2

Aber sie war nicht allein. Da waren noch die Eltern, die in den schweren Zeiten immer für sie da gewesen waren und auch jetzt alles taten, um ihr das Leben leichter zu machen. Sie fühlte sich verantwortlich für sie. Daher zwang sie sich weiterzuleben, was ihr oft schwer fiel. Tagsüber ließ sie sich nichts anmerken, doch der Gedanke, dieses nutzlos gewordene Leben ohne Zukunft aufzugeben und einfach einzuschlafen ohne wieder aufzuwachen, kam ihr in schlaflosen Nächten immer wieder. Doch ihre Eltern brauchten sie und würden sie mit zunehmendem Alter noch mehr brauchen. Mit Anfang 60 fiel ihnen die Gartenarbeit schwerer als früher. Beim Vater machte sich zudem seine Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg stärker bemerkbar. Er war im Schützengraben verschüttet gewesen und litt seitdem unter Schwindel- und Ohnmachtsanfällen, die unvorhersehbar und auch keiner bestimmten Situation zuzuordnen waren. Deshalb hatte er nach dem Krieg nicht in den erlernten Beruf als Konditormeister zurückkehren können, sondern die Familie mühsam mit unregelmäßigen Anstellungen als Kellner oder Küchenhilfe über Wasser gehalten. Die Heimarbeit ihrer Mutter, die auf der alten, schmiedeeisernen Nähmaschine Stofftiere nähte, sicherte ein kleines regelmäßiges Einkommen, sodass sie trotz Inflation und Weltwirtschaftskrise keinen schlimmen Hunger leiden mussten. Aber Geld war immer knapp gewesen und es gab deswegen auch viel Streit zwischen den Eltern.

Obwohl es zuhause sehr ärmlich zuging, hatte Mathilde Abitur machen können. Den Freiplatz auf dem Lyzeum, wie man damals die Mädchengymnasien nannte, musste sie sich jedes Jahr wieder durch gute Noten erarbeiten und mit der modischen Kleidung der Mitschülerinnen konnte sie nie mithalten. Nach dem Abitur wäre sie gerne Ärztin geworden, aber ein Studium war finanziell unmöglich. So lernte sie Stenografie und Maschineschreiben und arbeitete in diversen Büros, bis sie Gustav heiratete und in seiner Firma anfing. Obwohl sie nicht studieren konnte, betrachtete sie die Jahre auf dem Lyzeum als wertvoll. Sie hatte die Gelegenheit gehabt, Sprachen zu lernen und Bücher zu lesen. Durch ihre Mitschülerinnen erfuhr sie von einem Leben jenseits der winzigen Eineinhalb-Zimmer-Wohnung mit Toilette auf halber Treppe im Seitenflügel, einem Leben ohne finanzielle Sorgen, von dem sie seither träumte. Und sie hatte drei Freundinnen gewonnen, die mit ihr Abitur gemacht hatten. Wo mochten sie jetzt wohl sein?

Ihre Bildung half ihr im Moment nicht beim Überleben, der Garten dafür umso mehr. Sie und die Eltern steckten alle Kraft in den Anbau von Obst und Gemüse, denn es war nicht zu erwarten, dass sich die Versorgung im Winter bessern würde. Zum Glück trugen die alten Apfelbäume reichlich Früchte, die zum großen Teil lagerfähig waren. Die anderen verarbeitete sie mit ihrer Mutter zu Apfelmus und Kompott, wofür sie ihre gesamte Zuckerration verbrauchten. Oder sie tauschte sie bei Besuchen in Berlin gegen andere Lebensmittel ein.

Immerhin gab es inzwischen regelmäßig Brot auf Marken. Sie hatte den Garten schon vor dem Krieg erworben und in diesen Jahren gute Kontakte zur Nachbarschaft und den Bauern im Dorf aufgebaut. Das half ihr jetzt, Kartoffeln und andere Nahrungsmittel zu besorgen. Wie das im Winter werden sollte, konnte sie sich noch nicht vorstellen. Sie musste eine Möglichkeit finden, Kartoffeln zentnerweise einzukellern, sonst würden sie verhungern.

Der tägliche Kampf um Nahrungsmittel erforderte viele Fußmärsche und kostete sie all ihre Kraft. Dennoch fand sie immer noch ein Eckchen im Garten, wo Blumen für Elsbeths Grab gediehen. Ihre geliebten Rosen hatte sie für das Gemüse geopfert, aber für ein paar Dahlien, Sonnenblumen und Astern musste Platz sein. Mathilde grübelte oft lange, nachts, wenn die Eltern schliefen. Sie beweinte die düsteren Zukunftsaussichten und ihr totes Kind. Manchmal konnte sie mit dem Weinen lange nicht aufhören. Doch der Kampf ums Überleben ging jeden Tag weiter.

Mathilde erledigte nun viele Arbeiten, die vor dem Krieg Gustav und später ihr Vater gemacht hatten. Beim Umsetzen des Komposts dachte sie, dass sie es nicht schaffen würde. Aber sie wusste, ohne Komposterde würde es keinen Dünger für die Pflanzen geben, also musste sie weitermachen. An diesem Abend fiel sie erschöpft ins Bett und schlief sofort ein. Nachts musste sie an Gustav denken und konnte dann nicht schlafen. Ob er noch lebte? Die letzte Nachricht war vom April und er hatte sie in der Nähe von Danzig geschrieben.

Im Laufe des Septembers wurde wieder eine Briefzustellung eingerichtet. Mathilde hatte nach Elsbeths Tod keine Anzeigen verschicken können, aber an einige wenige Verwandte geschrieben. Offenbar waren die Briefe bei ihren Adressaten angekommen, denn sie erhielt einige Beileidsschreiben. Zuerst machte sie den Brief von Erna auf, ihrer Schwiegermutter von der Ostsee. Sie schrieb teilnahmsvoll über den Tod von Elsbeth und voller Sorge um Gustav und ihren jüngsten Sohn Wilhelm, der an der Westfront in einem Lazarett gedient hatte. Es gab unbestätigte Nachrichten von ehemaligen Kameraden, dass er sich in französischer Gefangenschaft befand. Von Ernas sieben Geschwistern hatten sich auch noch nicht alle wieder gemeldet. Aber ihre größte Sorge galt Gustav. „Man trifft ab und zu schon Heimkehrer, die in der Nähe von Danzig waren“, schrieb sie, „die als Kranke in die Heimat zurückgeschickt worden sind. Aber die Gesunden haben die Russen doch weiter weg nach Sibirien gebracht, sodass sie kaum Nachricht geben können.“ Das klang nicht ermutigend.

Bis 1943, als die häufigen Bombenangriffe begannen, war Mathildes Schwiegermutter regelmäßig in Berlin gewesen. Danach erschien Erna Reisen zu gefährlich, sie blieb lieber auf dem Lande, wo keine Bomben fielen.

Seit dem plötzlichen Tod von Gustavs Vater im Jahre 1928 wohnte Erna in Bogenhagen, einem Dorf an der mecklenburgischen Küste, das jetzt zur sowjetisch besetzten Zone gehörte. Von dem kleinen Erbe hatte sie das frühere Sommerhaus winterfest gemacht, sodass sie dort mit der schmalen Witwenrente erträglich leben konnte. Zusätzlich betrieb sie eine kleine Nähstube, obwohl sie selber weder geschickt in Handarbeiten noch im Wirtschaften war. Für das Eine hatte sie Näherinnen aus dem Ort, für das Andere ihren Sohn Wilhelm. Sie „machte die Honneurs“, wie man früher sagte, holte Aufträge ran, redete mit den Leuten und hielt Kontakte. Die Kunden kamen gerne, denn sie war eine gute Unterhalterin und konnte sehr liebenswürdig sein. Als Wilhelm eingezogen wurde, musste sie sich selbst um Einkauf, Buchführung und Lohnzahlungen kümmern, was ihr sehr schwer fiel. Durch den Krieg und die folgenden Notzeiten kam das Geschäft zum Erliegen. Mühsam überlebte sie den Krieg. Mathilde hatte immer Briefkontakt mit ihr und dabei würde es wohl vorerst bleiben, denn an Reisen war nicht zu denken.

Auch die meisten anderen Briefe waren Kondolenzschreiben. In wohl gewählten oder ungeschickten Worten drückten die Absender ihre ehrliche Anteilnahme am „Heimgang Eures über alles geliebten Schatzels“ aus und zeigten sich zuversichtlich, dass Gustav heimkehren würde. Für Mathilde gab es keinen Trost, aber sie war gerührt. Nur der Brief von Gustavs Tante Magdalena, die mit dem Pfarrer in Pommern verheiratet war, irritierte sie. Diese schrieb: „Wenn wir ganz uneigennützig in unserer Liebe wären, könnten wir uns ja freuen, dass solch ein liebes Seelchen sich nun entfalten darf, ohne die Rauheit der Sünde zu schmecken.“ Tante Magdalena hatte ursprünglich 12 Kinder haben wollen – lutherisches Pfarrhaus eben - doch es war bei dreien geblieben, die inzwischen erwachsen waren. Mathilde fragte sich, ob die Tante wohl auch so geschrieben hätte, wenn eines ihrer Kinder umgekommen wäre. Sie war gläubig, obwohl sie mit der demütigen Annahme von Gottes Willen im Moment ihre Probleme hatte, aber diese jenseits gerichtete Denkweise war ihr fremd. Ihr Gottvertrauen, das immer noch da war, richtete sich auf das Diesseits, da gab es genug zu tun.

Gustavs Bruder Walther aus Bayern schrieb, dass Wilhelm, der jüngste Bruder, sich wie vermutet in einem Gefangenenlager in Frankreich befand. Eine Nachbarin bekam eine Karte von ihrem Mann, der in England gelandet war, der Mann einer anderen arbeitete in den USA auf den Baumwollfeldern. Nur aus Russland hörte man gar nichts. Aus einer der ersten Zeitungen erfuhr Mathilde, dass das Rote Kreuz sich um die Gefangenen kümmern und außerdem einen Suchdienst aufbauen wollte, um die durch den Krieg auseinandergerissenen Familien wieder zusammen zu führen. Sie selbst hatte wenige Verwandte, aber Gustavs Familie war groß und die Kontaktpflege war ihm immer wichtig gewesen. Zum Glück hatte sie bisher noch keine Todesnachricht bekommen und sie wusste von vielen Verwandten, wo sie sich befanden. Gustav war der Einzige, dessen Schicksal ungeklärt war.

Das Leben im Garten stärkte sie, obwohl es Tage und Nächte gab, in denen die Verzweiflung von ihr Besitz ergriff und sie sich in den Schlaf weinte. Körperlich ging es ihr erstaunlich gut. Natürlich hatte sie wie jeder durch die jahrelange Notzeit stark abgenommen. Ihre Kleider und Röcke aus der Vorkriegszeit – und andere hatte sie nicht - musste sie mit einem Gürtel zusammenhalten. Dennoch glaubte sie, dass sie nicht verhungert aussah. Nachprüfen konnte sie das nicht, denn ein Spiegel gehörte nicht zu den Einrichtungsgegenständen, die sie in der Laube für notwendig hielt. Um ihre feinen, halblangen Haare zu einem Dutt zu binden, brauchte sie ihn nicht. Unter dem Kopftuch war sowieso nichts zu sehen.

Alle zwei Wochen fuhr sie nach Berlin, meistens auf dem Trittbrett des Vorortzuges. Sie versuchte, Freunde und Bekannte aus der Vorkriegszeit wiederzufinden, und sah nach der Wohnung der Eltern. Man konnte immer noch vom Hof aus in die Zimmer sehen. Das Mobiliar hatte sie vom Schutt befreit und so gut es ging in den Flur befördert, der noch erhalten war und Schutz gegen die Witterung bot. Diese Aktion war gefährlich, sie hatte von Leuten gehört, die dabei abgestürzt und von Trümmern erschlagen worden waren. Deshalb versuchte sie, nicht zu nahe an die Abbruchkante zu kommen. Den alten Ohrensessel ihres Vaters ließ sie lieber stehen, er hing mit einem Bein über der Kante und war durch Schutt und Regen ohnehin ramponiert.

Als Mathilde den Eltern von ihrem Besuch berichtete, fragte ihre Mutter nach Einzelheiten. Mathilde reagierte unwirsch: „Ihr habt doch gesehen, dass die eine Wand weg war. Daran hat sich nichts geändert. Mehr als Sachen sichern kann ich auch nicht. Immerhin steht das Haus noch – im Gegensatz zu meiner Wohnung in der Potsdamer Straße. Vielleicht fällt es eines Tages zusammen wegen Schäden, die wir nicht sehen. Da möchte ich nicht dabei sein.“

„Schon gut“, antwortete Auguste, ihre Mutter, „ich weiß ja, dass du alles Menschenmögliche tust. Wo sollen wir bloß hin, wenn der Winter kommt?“

Leider musste Mathilde bei einem ihrer Besuche feststellen, dass jemand in die Wohnung eingebrochen war. Die Wintermäntel und alles feste Schuhwerk waren weg. Solche Dinge waren nicht zu ersetzen. Später erfuhr sie, dass auch in anderen Wohnungen Einbrecher am Werk gewesen waren. Es hieß, dass die sowjetische Besatzungsmacht hart gegen Plünderer vorging, wenn sie welche erwischte. Doch die Not war groß und damit die Versuchung, leichte Beute zu machen. Ihre Wintersachen waren vermutlich längst auf dem Schwarzmarkt gelandet, wo man alles bekam, nur zu astronomischen Preisen und gegen Zigaretten oder im Tauschhandel. Mathilde konnte nur hoffen, dass sie vor dem Winter im Verwandten- oder Freundeskreis Winterbekleidung bekommen könnte. Mit den Größen durfte man nicht pingelig sein.

Im Auftrag der sowjetischen Besatzungsmacht begannen die deutschen Kommunisten, eine zivile Verwaltung aufzubauen. Früher hatte Mathilde diese politische Richtung immer abgelehnt, aber jetzt erschienen sie ihr sehr rührig. Sie organisierten Hausversammlungen, informierten zuverlässig und bauten tatsächlich die zerstörte Wand wieder auf. Allerdings war der Jargon nach wie vor nicht ihr Fall und das ständige Gerede von der „ruhmreichen Sowjetunion“ ging ihr auf die Nerven. Doch sie zogen alle drei im Oktober wieder in die alte Wohnung ihrer Eltern, darauf kam es erstmal an. Sie hatten schon befürchtet, endgültig obdachlos zu werden und in eines der Lager zu müssen, so wie die zahllosen Flüchtlinge aus den Ostteilen des einstigen Deutschen Reiches. Einquartierungen hatten sie bei eineinhalb Zimmern für drei Erwachsene nicht zu befürchten.

Mathilde wollte gerne Frau Winterstein besuchen. Allerdings hatte sie bemerkt, dass an der Tür ein kleiner Zettel mit Buchstaben in der alten deutschen Sütterlin-Schrift angebracht war, die im Reich seit 1941 nicht mehr gelehrt worden war. Mühsam entzifferte sie einen Namen mit „von“ am Anfang. Sie klingelte und es öffnete eine ihr unbekannte Frau, die dem Dialekt nach aus Ostpreußen kam, wo die „Arbschen vons Messerchen kullerten“, wie ihr Vater zu sagen pflegte.

„Ich glaube, die Frau, die vorher hier wohnte, hieß Winterstein“, gab die junge Frau Auskunft. „Sie ist gestorben und wir, d. h. meine fünf Kinder und ich, wurden von der Militärkommandantur hier eingewiesen. Mehr weiß ich auch nicht. Sie sind die Erste, die nach ihr fragt.“

Mathilde versuchte, bei anderen Hausbewohnern etwas herauszubekommen. Die Bäckersfrau, immer gut informiert, gab Auskunft, als Mathilde mit ihr alleine im Laden war. Normalerweise standen lange Schlangen davor, aber es hatte gerade ein Gewitter gegeben und die Leute blieben erstmal zu Hause.

“Frau Winterstein wurde tot aufgefunden, es war wohl Selbstmord“, begann die Ladeninhaberin, die im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung ein wenig rundlich war. „Man hatte sie aufgefordert, als Trümmerfrau zu arbeiten und das traute sie sich nicht mehr zu. Mich hat das gewundert, denn es wurden nur Frauen zwischen 15 und 50 zwangsverpflichtet und ich hatte immer gedacht, dass sie älter wäre. In letzter Zeit wurde sie ständig dünner, sie sah schlecht aus und klagte über Bauchweh.“

Ein Kunde betrat den Laden und Mathilde war dabei sich zu verabschieden, aber die Bäckersfrau wollte ihr offenbar noch etwas mitteilen.

„Warten Sie noch einen Moment“, bat sie und wandte sich dem Herrn zu. Als er gegangen war, fuhr sie fort: „Sowas erzähle ich natürlich nicht, wenn ein Mann im Raum ist, aber ich glaube, dass sie sich damals was weggeholt hat, als die Russen sie rangenommen haben. Die ersten, die ankamen, waren schlimm, da gab es kein Entkommen. Und beim Arzt war sie bestimmt nicht, es gibt ja auch kaum welche. Schwanger konnte sie wohl nicht mehr werden so wie Mariechen aus der Nummer 33, die hat sich deswegen aus dem 4. Stock gestürzt.“

Mathilde wollte nicht noch mehr Schreckensgeschichten hören und lenkte das Gespräch auf einen anderen Aspekt: „Und Sie meinen, dass man mit Männern nicht darüber reden kann?“

„Das sollte man auf keinen Fall tun. Die können damit nicht umgehen und werden uns am Ende die Schuld geben. Sie werden sehen, diese Seite unserer „Befreier vom Faschismus“ wird in keinem Geschichtsbuch auftauchen, und wir werden auch nicht darüber reden, weil wir uns so schämen.“

Mathilde verließ wortlos die Bäckerei. Der Tod der Katzen war wohl noch das Geringste gewesen, was Frau Winterstein zu verkraften hatte. Die Erfahrung von Gewalt, Demütigung und Ausgeliefertsein, dazu die körperlichen Verletzungen und rundherum Tod und Zerstörung – Mathilde verstand, dass sie keine Perspektive mehr gesehen hatte. Sie war immer allein gewesen und auch so gestorben. Hoffentlich hatte sie einen schmerzfreien Tod gehabt.

Noch schlimmer fand sie die Nachricht, dass Mariechen tot war, obwohl sie diese Nachbarin nur flüchtig gekannt hatte. Sie war erst Anfang 20 gewesen, eine fröhliche junge Frau. Der Verlobte diente an der Afrikafront, wo seit 1943 nicht mehr gekämpft wurde. Was musste es für ein Schock gewesen sein, schwanger von einem unbekannten Vergewaltiger! Abtreibungen hatte es bei den Nazis nicht gegeben, da gab es auch jetzt kaum Möglichkeiten, einen Arzt zu finden. Mathilde wusste außerdem, dass die neu entstandene SPD-Gesundheitsverwaltung Abtreibungen für einen gewissen Zeitraum zulassen wollte, aber die Katholiken und die Kommunisten sich dem strikt verweigert hatten. Die Katholiken, weil sie daran glaubten, dass alles entstehende Leben von Gott gewollt sei, die Kommunisten, weil sie Berichte über Vergewaltigungen als „Propagandalügen“ ansahen und behaupteten, dass ein Sowjetsoldat so etwas nicht täte. Walter Ulbricht, der Führer der Kommunisten, hatte sich jegliche weitere Diskussion über diesen Tagesordnungspunkt verbeten und man wusste ja, dass hinter ihm die Besatzungsmacht stand. Wie würden solche Abstimmungen ausgehen, wenn nur Frauen zu entscheiden hätten? Die arme Marie hatte sich sicher vorgestellt, was ihr Verlobter sagen würde, wenn er nach Jahren heimkam und sie ein solches Kind hätte. Wie verzweifelt musste sie gewesen sein! Mathilde war froh, dass ihr Kind sie vor dieser Erfahrung bewahrt hatte.

Es war ihr klar, dass man auch sie bald zum Enttrümmern verpflichten würde. Es gab nur eine Möglichkeit, dem zu entgehen: Sie musste eine Anstellung nachweisen. Vor dem Krieg war sie Angestellte gewesen, erst bei diversen Büros, später bei Gustav. Natürlich gab es die Firma in der Realität nicht mehr, aber auf dem Papier war sie noch existent. Und sie hatte zum Glück immer die Karteien der Kunden und Lieferanten mit in den Luftschutzkeller genommen und so gerettet. Das würde ihr vielleicht ermöglichen, den Lampenhandel zumindest teilweise wieder aufzubauen, sodass Gustav, wenn er denn zurückkommen sollte, schon eine Basis für weitere Geschäfte vorfinden würde. Als Angestellte würde sie auch nicht mehr die „Friedhofskarte“ für die nicht arbeitende Bevölkerung bekommen, deren Rationen kaum zum Leben ausreichten. Ihre Lebensmittelkarte würde ihr erlauben, 35 statt 25g Bohnenkaffee im Monat zu bekommen – ein Luxus. Sie würde den Kaffee natürlich nicht trinken, sondern versuchen, ihn auf den Hamsterfahrten in Obst und Gemüse oder auf dem Schwarzmarkt in andere Notwendigkeiten des Alltags umzutauschen. So hätten sie und ihre Eltern vielleicht eine Chance, den bevorstehenden Winter zu überleben.

Sie beantragte erfolgreich die Einstufung als Angestellte und versuchte als ersten Schritt, per Post Kontakt zu einigen Lieferanten aufzunehmen, um festzustellen, ob es überhaupt Lampen gab, die man verkaufen konnte. Nur gut, dass sie auch die Schreibmaschine und ein paar Ersatzschreibbänder immer mit in den Keller genommen hatte. Sie schrieb an alle den gleichen Text, immer ein Original mit zwei Durchschlägen, mehr schaffte ihre kleine Maschine nicht. So erhielten 12 Lieferanten ihre Postkarte:

„Die Wiederaufnahme des Postverkehrs, der Wunsch, wieder aufzubauen, nicht zuletzt aber das Interesse am Ergehen meiner alten Geschäftsfreunde veranlasst mich zu der Bitte, mir mitzuteilen, wie Sie die „schwere Not“ überstanden haben, und ob Sie in der Lage und bereit sind, Ihr Geschäft wieder aufzunehmen. Bejahendenfalls würde ich mich freuen, wieder zu Ihrer Kundschaft zu gehören und im Frühjahr in früherer Weise von Ihnen beliefertzu werden. Dabei gebe ich mich der Hoffnung hin, dass es gemeinsamer Anstrengung gelingen wird, die noch bestehenden Schwierigkeiten im Geschäftsverkehr zu überwinden.

Ich wäre für eine Bestätigung und Beantwortung meiner Anfrage sehr dankbar und zeichne mit allen guten Wünschen für die Zukunft

Hochachtungsvoll

Gustav Kuhrt

Lampenhandel

i.A. Mathilde Kuhrt

„Das hast du sehr schön geschrieben“, kommentierte ihre Mutter skeptisch, „aber ob die Leute noch leben und sich da einer meldet – ich weiß nicht.“

„Es ist ein Anfang, mehr nicht“, antwortete Mathilde.

3

„Im Besitze Ihres Schreibens vom Oktober, das mir verspätet zuging, danke ich für Ihre geflissentliche Anfrage.

Zu meinem Bedauern ist es mir jetzt nicht möglich, Ihnen mit einer Lieferung zu dienen. Der Fabrikationsanfall ist noch außerordentlich gering, und außerdem lassen die Transportverhältnisse einen Versand nicht zu.

Ich gebe aber der Erwartung Ausdruck, dass recht bald eine Besserung der Gesamtlage eintreten möge, um unsere langjährigen, angenehmen Beziehungen wieder aufnehmen zu können, und begrüße Sie

Lehmann-Leuchten

i.A. Krause“

Eine Antwort! Die Firma existierte noch, sogar am gleichen Ort in Berlin-Kreuzberg. Und immerhin kam das Wort „Fabrikation“ vor. Gleich am nächsten Tag wollte sie dort hingehen und mit Herrn Krause reden. „Gehen“ war wörtlich zu nehmen. Der Straßenbahnverkehr war zwar im Mai wieder aufgenommen worden, aber die Linien wurden erst nach und nach in Betrieb gesetzt und bis Prenzlauer Berg waren sie noch nicht gekommen.