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Anne Wellner ist frustriert von Ihrer Beziehung. Ihr Lebensgefährte nimmt kaum noch Notiz von ihr und strahlt nur Desinteresse und Gereiztheit aus. Auch von ihrem gemeinsamen Sohn ist Carsten schnell genervt. Mit Anfang 30 fragt sie sich, ob das ihr Leben lang so weitergehen soll, zumindest so lange, bis der Sohn aus dem Gröbsten heraus ist. Sie trennt sich schließlich und hofft auf die große neue Liebe. Sie lernt auch den einen oder anderen Mann kennen, um aber jedes Mal festzustellen, bevor sie diese Kompromisse eingeht, lebe sie lieber allein mit ihrem Sohn. Was ist los mit den Männern? Oder ist Anne einfach zu wählerisch? Alle ihre Versuche, einen netten Mann kennenzulernen, scheitern. Sie beschließt, die Suche aufzugeben, bzw. erst wieder ernsthaft Ausschau zu halten, wenn ihr Sohn erwachsen ist und nicht mit ihren Partnern klarkommen müsste. Da erhält sie auf einer Dating Plattform eine Nachricht, die ihr Leben ab sofort ändern sollte und alles bisher Geschehene in den Schatten stellt.
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Idealbild – Mann
Wie alles begann
Alles muss raus
Die Hochzeit eines guten Freundes
Laufen befreit
Schule oder Kindergarten
Beste Freunde
Kindergartenfest
Etwas Ablenkung braucht`s auch
Charmant und ein umwerfendes Lächeln
Darf ich bitten
Pepper
Nachbarn wie wahrscheinlich viele sie haben, oder ein ehrenwertes Haus
A Franke, aber goad schaut der aus
Ein weiterer Versuch
Versuch Dein Glück wieder, wenn die Kinder selbstständig sind
Urlaub als Großfamilie
Wie die Zeit vergeht
Das Leben auf dem Hof
Das Leben in der Patch-Work-Family
Etwas Eigenes
Buttermilchbrot
Abschlussklasse
Der Antrag
Jede Frau hat so ihre eigene Vorstellung von ihrem Traumtyp.
Ich denke, ein bestimmtes Bild von Mann trägt man in seiner Phantasie, denn sonst würde es durch die große Auswahl an unterschiedlichsten Männern zu einer kompletten Reizüberflutung kommen. Die Vorstellung von einem idealen Mann ist ja irgendwie auch dafür verantwortlich, dass nicht jede Frau auf ein und denselben Mann abfährt. Das wäre auf Dauer eine ziemlich einseitige Geschichte, und ist wie wir wissen, von Natur aus so angelegt, dass das gesunde Gleichgewicht gewahrt bleibt. Man stelle sich vor, alle Frauen würden nur auf einen Typ Mann stehen und umgekehrt. Das wäre ein Chaos! Natürlich kann bei der Suche nach dem richtigen Mann von den ursprünglichen Kriterien etwas abgewichen werden, was die Aussicht auf Erfolg gleich noch einmal um einen gehörigen Prozentsatz erhöht. Das glaube ich ist gemeint mit der Aussage, ich habe gar keine feste Vorstellung von einem idealen Mann. In erster Linie verbergen sich hinter dem Bild des Traumtyps optische Merkmale wie Größe, Figur, Haarfarbe, Ausstrahlung und in zweiter Linie interpretiert man die inneren Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Charme, Bildung und Romantik hinein. Diese kann man bei einem Discobesuch freilich nicht auf den ersten Blick erkennen.
Meine Vorstellung bezüglich eines Traummannes würde ich so beschreiben:
Er sollte nach Möglichkeit groß, dunkelhaarig, sportlich, männlich markant, was die optischen Reize betrifft und charmant, aufrichtig, gebildet, humorvoll, aber auch ernsthaft, ein bisschen Macho, aber gleichzeitig fürsorglich, verantwortungsbewusst, geradlinig und selbstbewusst sein. Das ist eine Vielzahl von Eigenschaften und wer sich mit Männern schon ein bisschen beschäftigt hat, weiß, die wenigsten Männer vereinen in sich die Fülle der Eigenschaften, die wir als Frauen von ihnen erwarten. Möglicherweise ist meine Liste von den Dingen, die ich von einem Mann erwarte, viel zu lang. Diese Frage habe ich mir oft gestellt, natürlich immer dann, wenn eine Beziehung wieder zu scheitern drohte. Dann fragte ich mich, ob womöglich meine Anforderungen einfach zu hoch waren? Aber bitte, wo hätte ich Abstriche machen sollen? Eigenschaften wie Verantwortungsbewusstsein, Ernsthaftigkeit, Aufrichtigkeit waren für mich in einer Beziehung unabdingbar. Ein Mann mit gutem Aussehen, aber ohne Humor, wäre schrecklich. Wäre er ungebildet, über was sollte ich mit ihm reden? Ohne Charme wäre er ein Langweiler! Hätte er kein Selbstbewusstsein, wäre er die meiste Zeit wohl unselbstständig. Wenn das der Preis meiner Beziehung sein sollte, entschied ich mich, lieber alleine zu bleiben.
In meinem beruflichen und privaten Umfeld trennten sich viele Paare, das war ein immer öfter zu beobachtender Trend, aber ebenso schnell fanden die Getrennten auch wieder einen neuen Partner. Ich fragte mich, was mache ich falsch? Wieso lernte ich niemanden kennen, bei dem ich wirklich das Gefühl hatte, er wäre es wert, noch mal einen Neuanfang zu wagen. Schaute ich mir diese neuen Partnerschaften in meiner Umgebung aufgrund meiner bisherigen Beziehungs-Erfahrungen etwas genauer an, wusste ich, mit diesen Abstrichen würde und könnte ich niemals leben. Wo also sollte ich ansetzen, um meinem Ziel etwas näher zu kommen? Bei den inneren Werten machte ich nach wie vor keine Abstriche, daher entschloss ich mich, bei den optischen Reizen etwas großzügiger zu sein, offen gesagt hatte ich mit rassigen, dunkelhaarigen, sportlichen Typen ja auch nicht den durchschlagenden Erfolg.
Diese Geschichte ist frei erfunden, sie könnte sich aber auch genau so zugetragen haben. Beschriebene Eindrücke sind subjektiv. Sie lieber Leser haben möglicherweise eine ganz andere Sicht der Dinge. Das ist auch gut so, denn das ist es doch, was uns Menschen letztendlich ausmacht.
Ich sitze mit meinem vierjährigen Sohn Niklas beim Frühstück, wobei ich den vorherigen Abend gedanklich noch einmal Revue passieren lasse. Wir waren alle gemeinsam im Waldbad zu einer spontanen Grillparty der Volleyballer. Das hätte auch ein schöner Abend werden können, wenn Carsten, mein Lebensgefährte, nicht die ganze Zeit versucht hätte, sich vor der Damenwelt zu profilieren. Dass er nicht die schlechteste Figur hatte, war den Mädels sicher eh nicht entgangen, aber sich so dermaßen zur Schau zu stellen, hatte er meines Erachtens nicht nötig. Auch passte das eigentlich nicht zu ihm, aber irgendetwas hatte ihn in der letzten Zeit verändert.
Carsten war Bauleiter und oft die ganze Woche in Deutschland unterwegs. Oft kam er erst am Freitag Nachmittag zu uns nach Hause. Diese ständigen Auswärtstermine waren oft ein Thema, schon lange bevor Niklas überhaupt auf der Welt war.
Doch hätten wir mit unserem Kinderwunsch gewartet, bis er einen gut bezahlten Job hier in der Gegend bekommen hätte, ich glaube dann würde ich noch heute kinderlos herumlaufen. Lange Zeit hatte ich die Hoffnung, die Situation würde sich irgendwann einmal ändern, doch zum jetzigen Zeitpunkt hatte ich mich bereits damit arrangiert. Im Grunde führte ich von Niklas seiner Geburt an das Leben einer Alleinerziehenden.
Wir meisterten unseren Wochenalltag mit allen anstehenden Problemen und bis zum Wochenende waren diese meist schon gelöst, so dass gar kein Klärungsbedarf mehr bestand.
Bis heute weiß ich nicht genau, warum und weshalb unsere Beziehung immer schwieriger wurde, wobei der Ausdruck schwierig nicht ganz zutreffend ist. Ich glaube, weniger oder blasser trifft die Sache eher. Wir sahen uns die ganze Woche über nicht, und abgesehen von einem kurzen Telefonat, das wir führten, hatten wir uns selbst am Wochenende nichts mehr zu erzählen. Er strahlte mir gegenüber nur allgemeine Gereiztheit und schlechte Laune aus. Dabei fand ich, dass er doch kein so schlechtes Leben hatte. Die Woche über konnte er seine Abende frei gestalten, ohne auch nur die geringste Rücksicht auf uns nehmen zu müssen und am Wochenende hätte er der liebenswürdige und pflichtbewusste Papa sein können. Ich ging zu diesem Zeitpunkt zwar nur halbtags arbeiten, war aber dennoch die ganze Zeit nur auf mich allein gestellt, da beide Großeltern gute 400 Kilometer entfernt wohnten und auch von dieser Seite her keine Entlastung zu erwarten war.
Mit Entlastung meine ich eigentlich nur die Möglichkeit, mal in Ruhe mit einer Freundin in der Stadt einen Kaffee zu trinken, ohne immer schauen zu müssen, was der Filius gerade anstellte oder ob er quengelte, weil ihm langweilig war und er wieder nach Hause wollte.
Soweit zu meiner Interpretation der Situation. Im Nachhinein konnte ich mir zusammenreimen, dass er vielleicht Stress in der Arbeit hatte, möglicherweise selbst genervt davon war, nie zu Hause zu sein. Natürlich sind das schwerwiegende Gründe, weshalb ein Mensch schlecht gelaunt und ungehalten sein konnte, aber mit mir sprach er darüber nie. Weil er keine Lust dazu hatte? Ihm die Sache unangenehm war? Männer von Haus aus nicht reden können? Ich weiß es nicht.
Mittlerweile spitzte sich die Situation soweit zu, dass ich mich am Wochenende nicht erholte, wofür ja das Wochenende allgemein da war, sondern voll den Psychostress hatte. Stellte ich Carsten eine Frage oder erzählte ihm etwas, bekam ich nur ein abfälliges, arrogantes Grinsen, wofür ich ihn heute noch ohrfeigen könnte. Ein vernünftiges Gespräch war einfach nicht mehr möglich. Obendrauf kam noch seine Midlife-Crisis, die mir zusätzlich zu schaffen machte. Ich empfand seine Auftritte bei Festen mit Freunden und auf Partys als unendlich peinlich. Er musste sich fast zwanghaft immer vor der gesamten Damenwelt profilieren, und das während ich und unser Kind dabei waren.
Während er mit den Frauen flirtete störte ihn es keineswegs, dass ich und Niklas die ganze Sache mitbekam, geschweige denn, dass er einen Gedanken daran verschwendete, wie ich mich in dieser Situation fühlen musste.
Für mich der absolute Auslöser. Am nächsten Morgen beim Frühstück wollt ich die Angelegenheit klären. Ich sagte: „So will und werde ich auf keinen Fall weiterleben! Die momentane Situation ist für mich unerträglich und ich sehe für uns beide nur einen einzigen Ausweg. Die Tatsache, dass wir uns, wenn du dann mal da bist, nur auf die Nerven gehen, du momentan nicht weißt, was du frauentechnisch willst, suchst oder was auch immer bringt mich zu nur einem vernünftigen Entschluss, wir müssen uns trennen. Dazu muss einer von uns beiden ausziehen!"
Selbstverständlich hatte ich mich vorher über die Situation am Wohnungsmarkt informiert und Carsten erklärt, dass es für mich kein Problem sei, mir mit Niklas eine neue Wohnung zu suchen.
Mir schien, dieses Angebot kam für ihn nicht sonderlich überraschend, zumindest stimmte er meinem Wunsch nach Trennung gleich zu. Im Gegenteil, ich konnte die Erleichterung seinerseits richtig spüren. Ein bisschen war es so, als hätte er das schon lange geplant, aber für die Durchsetzung hat ihm schließlich der Mut gefehlt. Vielleicht dreist, aber so gesehen, sah es fast so aus, als hätte er die letzten Wochen und Monate darauf hingearbeitet, dass ich schließlich die Entscheidung für eine Trennung treffe. Das kann man jetzt sehen wie man will, der eine nennt es feige, der andere vielleicht raffiniert. Wie auch immer, sein Plan ist aufgegangen und da wir nicht verheiratet waren, somit auch keinen teuren Anwalt benötigten, war die ganze Trennungsprozedur, wer zieht aus und wer bekommt was, in sage und schreibe einer halben Stunde abgehandelt. Das finde ich sensationell, denn immerhin sind wir beide Menschen, die wissen, was sie wollen. Oder zumindest ziemlich genau wissen, was sie nicht wollen.
Zunächst befürchtete ich den üblichen Kleinkrieg, wer hat was bezahlt oder mit in unsere 15-jährige Beziehung eingebracht. Es gibt die verschiedensten Möglichkeiten in einer nichtehelichen Beziehung festzuhalten, wer und vor allem was mit in die Gemeinschaft gebracht hat. Natürlich haben wir keinen dieser Ratschläge befolgt, denn schließlich sind wir davon ausgegangen, dass unsere Beziehung ewig hält oder wir diesen Zirkus nicht brauchen würden und wir es zu einer solchen Schlammschlacht nie kommen lassen würden. Ich habe es bereits erwähnt, unsere Beziehung endete innerhalb einer halben Stunde. Von unseren gemeinsam angeschafften Sachen wollte er nichts, nur schnell raus und weg aus dieser nervigen Beziehung. Da wir getrennte Konten besaßen, gab es auch hier keinen weiteren Klärungsbedarf. Es stellte sich nur die Frage, was sollte mit der Eigentumswohnung geschehen, aber auch dafür fanden wir eine schnelle und faire Lösung.
Und so war ich von diesem Tag an allein erziehende Mutter mit allen Vor - und Nachteilen, die sich für mich und meinen Sohn die nächsten Jahre ergeben würden.
Was diesem Begriff alles an Negativem anhängt, wie überforderte, genervte Mutter, nicht beziehungsfähig, da sich immer und alles um das Kind dreht, dauernd frustriert, weil man sich plötzlich nichts mehr leisten kann und der Ex mit seiner Neuen, viele Jahre jüngeren Frau, ein erfülltes kinderloses Leben führt, das habe ich so nicht erlebt. Ich kann von mir nicht behaupten, mein Leben während dieser Zeit nicht auch gelebt zu haben. Im Gegenteil, oft stelle ich mir die Frage, wie wäre mein Leben verlaufen, hätte ich diese Entscheidung nicht getroffen. Wäre ich noch mit Carsten zusammen und würden wir immer noch so nebeneinander her leben?
Es gibt Leute, die behaupten, alles was im Leben passiert, geschieht aus einem bestimmten Grund. Nun, dieser hat sich mir nicht immer erschlossen. Wer weiß, vielleicht bin ich nur einfach noch nicht an diesem Punkt im Leben angekommen. Wir werden sehen, was die Zeit so mit sich bringt.
Auch verblassen über die Jahre die Erinnerungen, oft erinnert man sich nur an die angenehmen Erlebnisse, aber das ist auch gut so, sonst würde wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung verbittert umherlaufen.
Nachdem meine Beziehung jetzt offiziell beendet war, ich meine engsten Freunde eingeweiht und selber so lange geheult hatte bis keine Träne mehr raus kam, beschloss ich, mein Leben ganz neu zu orientieren. Schließlich hatte ich zwei Möglichkeiten:
Entweder meinen Ex für all das, was er mir angetan hatte, zu hassen und im ewigen Selbstmitleid zu zerfließen, wie schwer ich es doch jetzt haben würde, ganz allein mit Kind und Arbeit und den vielen Kleinigkeiten, die er doch gelegentlich für mich erledigte. Gemeint sind Dinge wie in die Autowerkstatt fahren, Räder wechseln, die Steuer machen oder kleine Reparaturen in der Wohnung, halt einfach so Sachen, die Männer normalerweise erledigen. Oder zu sagen, den alten Gewohnheiten hinterher zu trauern bringt nichts, das zieht mich nur runter und ändert gar nichts! Schau lieber nach vorn und mach das Beste draus!
Ich entschied mich für Variante zwei, denn warum sollte ich das, was ich ohnehin schon die Woche über alleine erledigte, nicht auch noch Samstag und Sonntag schaffen? Für eventuell auftretende Probleme würde sich sicher auch noch eine Lösung finden lassen, wenn sie dann irgendwann mal auf der Tagesordnung stehen würden.
Somit plante ich einen kompletten Neustart und wie praktiziert man so etwas am besten? Ich beschloss, alles was mich an die alte Beziehung erinnerte, musste zunächst einmal raus. Die alte Schrankwand, der Tisch, die Couch, das Badezimmer und natürlich am aller wichtigsten unser gemeinsames Bett!
Die Sachen einfach auf den Müll zu werfen, fand ich übertrieben und so rief ich eine gemeinnützige soziale Einrichtung an, die sogleich bereit war, meine alten Möbel abzuholen. Daher vereinbarten wir einen Termin am kommenden Mittwochnachmittag. Gerade hatte ich meinen Sohn vom Kindergarten abgeholt und wir gingen die Treppe hinauf, da sah ich durch das Flurfenster drei Typen auf unser Haus zu laufen. " Oh je, Niklas, sieh mal nach draußen, die drei Männer da, ich bin mir nicht sicher, ob wir denen die Tür öffnen sollten?"
Besonders Vertrauen erweckend sahen die nicht aus. Na schön, dachte ich mir, das wird schon alles seine Richtigkeit haben. Also öffnete ich, und zeigte ihnen die Gegenstände, die sie mitnehmen sollten. Die Schrankwand hatte ich schon in einzelne Teile zerlegt, damit hatten sie keine Probleme. Bei dem Bett wurde die Sache dann schon etwas schwieriger. Die Aufgaben waren klar verteilt, einer gab die Anweisungen und die anderen führten sie aus. Zusätzlich zu meiner Schrankwand hatte ich noch einen Eckschreibtisch, den ich auch gleich mit entsorgt haben wollte. Jetzt waren die Burschen voll gefordert. Sie versuchten, den Ecktisch gerade durch die Tür zu tragen, dabei sah ein Blinder, dass die Tür dafür viel zu schmal war. Sie drehten ihn hin und her und gaben plötzlich auf. Einer meinte, sie müssten die Tischplatte abschrauben. Ich entgegnete, das wäre eine Möglichkeit, aber der Tisch wäre gedübelt. Sie versuchten es erneut und mein vierjähriger Sohn, der die ganze Zeit skeptisch zugeschaut hatte, meinte auf einmal, also, er würde das ganz anders machen. Er gab ihnen den Tipp, den Tisch hochkant zu nehmen und ihn dann schräg drehend durch die Tür zu heben. Ich konnte mir nur mit Mühe ein Grinsen verkneifen und die verdutzten Gesichter der Männer werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Aber da sie offensichtlich auch nur gelernt hatten, nach Anleitung zu arbeiten und das eigene Hirn dabei komplett ausschalteten, machten sie es so, wie Niklas vorgeschlagen hatte, und siehe da, der Tisch passte durch die Tür. Nachdem der Schreibtisch mit den drei Helden endlich draußen war, schlossen wir die Tür. Die spöttische Bemerkung, wer von den Dreien denn wohl das Auto fahren würde, konnte ich mir dabei nicht verkneifen.
Jetzt war die Wohnung fast wieder leer. Da Niklas seinem kleinen Kinderbett inzwischen auch entwachsen war, sollte auch er bei dieser Gelegenheit ein neues Bett bekommen. Da kam uns Mister Zufall entgegen, denn wir bekamen ein Hochbett mit allen Schikanen, die sich ein kleiner Junge nur wünschen kann, angeboten. Auch das Schicksal meinte es wohl in diesem Moment sehr gut mit uns und steckte uns einen Umschlag der Sparkasse in den Briefkasten. Solche Briefe bedeuten oft nichts Gutes, denn entweder wollen sie dir eine neue Versicherung andrehen oder es ändern sich irgendwelche Konditionen. Nichts aber, was dem Verbraucher wirklich nutzen könnte. Zunächst ignorierte ich den Brief, sah aber später doch nach, nicht, dass es irgendeine Rechnung war, die aus irgendeinem Grund nicht richtig überwiesen wurde. Zunächst traute ich meinen Augen nicht und hielt den Brief für einen billigen Fake, aber da lag tatsächlich ein Scheck über 500 Euro drin. Ein kurzer Brief lag auch dabei, in dem stand, ich hätte bei ihrem Gewinnspiel gewonnen. Das nenn ich doch mal eine wirklich nette Finanzspritze. Da Niklas sein neues Bett so groß war, tauschten wir bei dieser Gelegenheit unsere Zimmer, denn mein riesengroßes Schlafzimmer empfand ich für mich allein als überflüssig und als Kinderzimmer war es eine richtige Spielwiese. Allerdings bereute ich den Zimmertausch schon bald, denn ich hatte nicht bedacht, dass sich ein kleines Kinderzimmer viel schneller aufräumen lässt. Außerdem kann man in einem großen Zimmer viel mehr Zeugs am Boden verteilen. Dieses Problem sollte mich die nächsten Jahre stets begleiten.
Die kommenden Tage verbrachte ich nachmittags damit, ein paar Einrichtungsmagazine durch zu blättern und überlegte mir, wie ich Wohn- und Schlafzimmer mit einfachen Mitteln neu gestalten könnte. Ein Vermögen wollte ich dabei nicht ausgeben und so entschied ich mich für die Variante Versandhaus. Somit war die Sache mit dem Transport der Möbel schon mal gelöst. Die Lieferung war frei Haus, nur aufbauen musste man alles selber. Kein Problem, das bekomm ich schon hin, schließlich liegt da ja immer eine Aufbauanleitung bei und sollte es gar nicht gehen, kann ich immer noch bei meinen männlichen Freunden nach Hilfe schreien. Da ich in einer Mixmannschaft Volleyball spiele, wird sich sicher ein starker Mann finden, der mir beim Aufbau ein bisschen behilflich sein würde. Die Wände waren noch in einem relativ guten Zustand, ein paar Bahnen Tapeten mussten geklebt werden, neue Farbe gehörte an die Wand, und mein neues Leben konnte beginnen. Meine beste Freundin Lisa, die eine sehr kreative Ader hat, stand mir uneingeschränkt mit Rat und Tat zur Seite. Sie war mir viele, viele Jahre die beste Freundin, die man sich je hätte wünschen können.
Also ging ich in den Baumarkt und ließ mir die Farben für das Wohnzimmer mischen. Wir fingen an zu streichen, bis mein Ex auftauchte, um Niklas fürs Wochenende abzuholen. Er setzte wieder sein süffisantes Grinsen auf und mit einem abschätzenden Blick auf die Farbe meinte er, "das langt euch nie!" "Ja logisch langt uns das," erwiderte Lisa, und ich dachte mir auch, warum sollte uns die Farbe denn nicht reichen? Schließlich hatte ich das zweimal durchkalkuliert und war mir sicher, dass alles so passen würde wie ich es ausgerechnet hatte.
Und wie die Farbe gereicht hat, das Problem war nur, die Wände waren aus Rauputz und mit der Farbrolle ließ sich die Farbe nicht besonders gut auftragen. Die Rolle kam nicht in jede Ritze und so mussten wir alles mit einem breiten Pinsel streichen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen und wir waren gerade noch rechtzeitig fertig geworden, um uns eine Pizza zu bestellen, bevor deren Küche dichtmachte. Mit einer Flasche Lambrusco würdigten wir im Anschluss unser Werk.
Mein neues kleines Schlafzimmer hatte gerade Platz für ein Doppelbett und ein Sideboard. Damit es etwas peppiger wurde, haben wir uns für ein Wand-Tattoo entschieden, welches an einem breiten Regal quer über die ganze Wand endete. Natürlich kann man so etwas auch günstig im Baumarkt kaufen, aber es hält meistens nicht lange. Unser Motiv haben wir mit Hilfe einer Nachttischlampe an die Wand projiziert und den Schatten einfach nachgezeichnet. Zum Glück klingelte zu diesem Zeitpunkt niemand und keiner von uns ist aus Versehen an die Lampe gekommen, dann wäre alles umsonst gewesen. Die Arbeit war sehr aufwändig, aber auch dieses Ergebnis konnte sich sehen lassen.
Das Aufstellen der neuen Möbel funktionierte allein ganz gut, beim Einbau der Türen muss ich immer etwas aufpassen, denn die baue ich gern mal verkehrt herum ein. Auch bei den Badmöbeln, das bleibt nicht aus, passierte mir ein Missgeschick. Ich verwechselte Bodenplatte und Abdeckung. Das wäre gar nicht aufgefallen, nur dummer Weise ließen sich die Türen nicht mehr schließen. Wer kommt aber auch auf so eine blöde Idee, einen Schrank a-symmetrisch zu bauen. Naja, jetzt zierten meinen Schrank oben jeweils drei Löcher, denn da hatte ich nach Bauanleitung bereits die Füße montiert. Ich habe das als Anfängerfehler abgehakt, und für spätere Montagen daraus gelernt. Viel später habe ich noch eine Menge solcher Teile aufgebaut und es ist nichts mehr schief gegangen, da ich ja nun wusste, worauf zu achten war. Bei meinem neuen Bett war es dann schon etwas schwieriger. Zum einen war es ziemlich schwer und zum anderen auf einer Breite von 1,80 auf 2,00 Meter konnte man die Sache schlecht alleine fixieren. Also holte ich mir Hilfe. Spontan fiel mir mein Freund Toni ein, über ihn wird es später noch eine Menge zu erzählen geben. Im Moment bauten wir aber nur gemeinsam das Bett auf. Ich glaube, das Grundprinzip ist immer das Gleiche. Man kann beim Aufbau von Möbeln Glück oder Pech haben. Einzige Ausnahme vielleicht, man kauft Designermöbel und lässt sich diese direkt fertig in die Wohnung stellen, da ist das Risiko, dass irgendetwas schief geht, höchst wahrscheinlich sehr gering. Auf jeden Fall war dieses Bett, welches ich kaufte, ziemlich schwer, die dafür vorgesehene Montageeinrichtung aber nur sehr billig konstruiert. Selbst ein völlig untalentierter Handwerker sah auf Anhieb, dass das nicht lange gut gehen konnte. Toni war ein absolutes Genie, wenn es sich um Mathematik oder Physik handelte, ob er auch eine gute Lösung für mein Bett hatte? Schließlich will man sich ja beruhigt hineinlegen können. Ohne gleich Angst zu haben, dass das Bett zusammenbricht. Zumindest theoretisch war er für diese Aufgabe der richtige Mann. Wir fuhren in den Baumarkt, besorgten ein paar Winkel und unser, beziehungsweise mein Problem war gelöst. Trotzdem ist meines Erachtens da vom Hersteller etwas versäumt worden. So einen Mist sollte man eigentlich nicht verkaufen. Im Katalog war nur ein schönes Bild, das zu meiner Kaufentscheidung beigetragen hat. Das billige Innenleben konnte man der Artikelbeschreibung nicht entnehmen. Na ja, am Ende kommt es immer auf dasselbe raus. Ich werde jedenfalls kein Bett mehr über einen Katalog oder Versender bestellen. Andererseits hat es dann doch, dank Winkeln, gute zehn Jahre gehalten. Eine neue, extra breite Bettdecke habe ich mir zusätzlich noch gegönnt, nur für mich versteht sich. Diese Investition war nicht so der Bringer, aber zu diesem Zeitpunkt war ich der festen Überzeugung, eine zweite würde sich nicht lohnen. In diesem Punkt sollte ich mich irren.
Nun hatte meine Wohnung in nur kürzester Zeit einen ganz neuen Stil bekommen, und ich muss sagen, ich habe mich all die Jahre wohl darin gefühlt.
In meinem Leben hatte ich nicht so oft Gelegenheit, an einer Hochzeit teilzunehmen. Das lag vielleicht daran, dass die meisten meiner Bekannten die Möglichkeit des Scheiterns fürchteten und stattdessen lieber jahrelang in einer eheähnlichen Gemeinschaft lebten. Mein Kumpel Henry traute sich aber und schickte mir eine Einladung zu seiner Hochzeit. Jetzt hatte ich ein kleines Problem denn, was zum Teufel ziehe ich zu diesem großen Ereignis bloß an? Ein Kleid käme für mich auf keinen Fall in Frage. Ich war schon immer der eher sportliche Typ und fand, Kleider stehen mir einfach nicht, und außerdem wusste ich nicht, wie man sich damit überhaupt richtig bewegte, ohne dass es plump aussah. Zudem waren Kleider meist mit hohen Schuhen verbunden und das war unbequem, wenn man bedachte, diese High-Heels den ganzen Tag und Abend tragen zu müssen.
Es war schon spät am Abend, da erhielt ich plötzlich eine SMS. Ich war ziemlich verwundert und neugierig zugleich, wer mir so spät noch eine Nachricht schickte.
"Hallo Anna,
bist Du auch zur Hochzeit von Henry eingeladen? Hast Du Dir für diesen Anlass schon ein Kleid gekauft? Wenn nicht, ich würde das gerne mit Dir gemeinsam aussuchen gehen.
Lieben Gruß
Alex"
Was bitte war das denn? Alex, der Weiberheld, von ihm hatte ich schon lange nichts mehr gehört und wusste, dass er frisch mit einer Bekannten von mir zusammen war. So ein Mistkerl. Ich wusste, er war kein Kind von Traurigkeit, aber einfach so frech eine SMS zu schreiben? Seine Flamme schlief wahrscheinlich schon nebenan und ihm war es langweilig. Zugegeben, eine gewisse Anziehungskraft konnte man ihm nicht absprechen. Er sah verdammt gut aus, hatte etwas Verwegenes und das Beste, seine Stimme, war Erotik pur. Ich glaube, es gibt nicht viele Männer, die mit so viel Erotik im Stimmbereich ausgestattet sind, oder zumindest ist mir sonst keiner mehr über den Weg gelaufen. Doch das heißt, einige Jahre später hat mich mal im Supermarkt ein Mann angesprochen. Da ich ihn im ersten Moment nicht sehen konnte, weil mein Blick auf die Regale gerichtet war, verspürte ich ein Kribbeln auf meiner Haut und dachte, Alex steht direkt hinter mir. Dieser Herr suchte aber nur einen bestimmten Artikel und bat mich um Hilfe. Was allein so eine Stimme nach den vielen Jahren auslösen kann, ist ja unglaublich. Ich drehte mich schließlich um und da kam leider die Ernüchterung, es war nicht Alex und auch sonst hatte dieser Mann so gar nichts von ihm. Ganz im Gegenteil, vor mir stand ein ganz unscheinbarer Mann, Ende 30, aber mit einer geilen Stimme. Aus der ließe sich sicher etwas machen. Ich zeigte in die Richtung, in der er seine Sachen finden konnte und widmete mich wieder meinem Einkauf, denn dieser Mann war für mich völlig uninteressant.
Alex lernte ich auch über das Volleyballtraining kennen. Es muss gleich das erste Jahr nach unserem Umzug von Leipzig nach Bayern gewesen sein, damals war ich gerade erst ein Jahr mit Carsten zusammen und habe nicht einmal im Traum daran gedacht, dass da vielleicht was gehen könnte. Außerdem war der Typ in allem, was er tat, ziemlich extrem. Eine Beziehung mit ihm wäre auf Dauer wohl ziemlich anstrengend gewesen, ständig auf Vollgas in irgendein Abenteuer, keine Ahnung, wer so etwas länger durchhält. Ein Beispiel. Er hatte irgendwie erfahren, dass ich einen Motorradführerschein besaß und wollte mit mir eine Crosstour machen. Das einzige Problem war, dass ich bereits im fünften Monat schwanger war. Für ihn stellte das kein Problem dar, er meinte nur gelassen, dann wird der oder die Kleine bestimmt ne coole Sau.
Aber zurück zu meiner Hochzeitsgarderobe. Ich dachte, die mit ihm auszusuchen, war keine gute Option und so fragte ich meine Kollegin, ob sie mir beim Kauf behilflich sein wollte. Unsere Firma hatte ihren Sitz unmittelbar neben der Fußgängerzone und so konnten wir während der Mittagspause einen Abstecher in die anliegenden Geschäfte machen. Es dauerte nicht lange und wir fanden einen passenden Hosenanzug, nicht zu teuer, aber doch für den Anlass angemessen.
Am Tag der Hochzeit holte mich eine Freundin ab, und wir fuhren gemeinsam zur Kirche. Ich suchte mir einen Platz in den hintersten Reihen. Zum einen war ich nicht katholisch, das heißt die ganzen Gebete, Gebote und Fürbitten waren mir fremd und in der letzten Reihe fiel es dann auch nicht so auf, wenn ich mich nicht bekreuzigte oder nicht auf dem Kirchenboden kniete. Zum anderen hatte ich immer noch Probleme mit meinem Asthma und wenn die Ministranten mit ihrem Weihrauchkessel zu arg schwenkten, könnte das wieder zu einem Problem für mich werden. Als die kirchliche Trauung beendet war, fuhren wir in ein nettes kleines Lokal. Die Hochzeitstafel war draußen auf der Terrasse dekoriert mit direktem Blick auf den idyllischen Auensee. Eine schönere Kulisse könnte ich mir für meine eigene Hochzeit auch nicht vorstellen, sollte es jemals dazu kommen. Die Feier begann mit Kaffee und Kuchen, sowie einer opulenten Hochzeitstorte. Anschließend gab es die Spielrunde. Ob es die braucht, ist wahrscheinlich Ansichtssache, auf meiner Hochzeit, sollte ich denn jemals heiraten, würde es sicher keine geben, aber irgendwie gehörten die Spiele wohl auch dazu. Irgendwann zwischen dem Abendessen und dem Mitternachtsbuffet kam der Bräutigam zu mir und was er mir erzählte, verschlug mir echt die Sprache. Er sagte, er trage das schon ewig mit sich herum, und der Tag seiner Hochzeit sei sicherlich auch nicht der beste Zeitpunkt, das loszuwerden, aber er müsste es mir wenigstens einmal gesagt haben und das würde er jetzt tun.
"Wir kennen uns jetzt schon so viele Jahre und ich weiß noch genau, wie ich Dich das erste mal im Treppenhaus der Firma gesehen habe. Ich habe Dich gesehen und mich damals sofort verliebt. Meine Enttäuschung war riesig, als dann ein paar Wochen später Carsten auftauchte und Du ihn als Deinen Freund vorgestellt hast." Ich war wirklich sprachlos. Wir kannten uns jetzt bestimmt schon gute zehn Jahre und ich hatte nie etwas bemerkt, und was bewog ihn, mir am Tag seiner Hochzeit dieses Geständnis zu machen? In diesem Moment wurde mir heiß und kalt gleichzeitig. Ich hoffte nur, dass uns niemand beobachtete. Ich war mir nicht sicher, ob ich nicht krebsrot im Gesicht war, obwohl ich normalerweise überhaupt nicht dazu neigte, in unangenehmen Situationen die Farbe zu wechseln. Aber hier befand ich mich schon in einer Ausnahmesituation, ein Liebesgeständnis des Bräutigams, nur, dass es nicht meine eigene Hochzeit war. In diesem Moment hatte ich ein Déjà- vu- Erlebnis. Ich erinnerte mich an meine Sandkastenliebe, die mir genau zu dem Zeitpunkt, als ich Carsten kennen lernte, erzählte, im Grunde genommen auf meine Frage hin, wieso er denn eigentlich keine Freundin hatte, so gut wie er aussah, dass er eine Frau suche, die genau so sein sollte wie ich.
Damals habe ich gelacht und ihn gefragt, wo denn bitte das Problem sei, denn an mir sei nichts Besonderes und ich war mir absolut sicher, dass ich mich nicht sonderlich von hunderten, von tausenden Frauen unterscheiden würde, weder hinsichtlich der optischen Reize, noch hinsichtlich meiner inneren Werte.
Als ich mit meinen Gedanken wieder bei der Hochzeit und auch meiner Worte wieder mächtig war, sagte ich zu Henry, dass mich sein Geständnis schon ziemlich irritierte. Es mich irgendwie auch tief berührte, aber die Tatsache, dass er sich für die Hochzeit mit seiner Tanja entschieden habe ja zeigen würde, wie groß seine Liebe zu ihr sei, und dass es die absolut richtige Entscheidung sei und ich ihm alles Glück der Welt wünschen würde.
Die Frage wie fit bin ich, wie schau ich aus, wie wirke ich auf meine Mitmenschen, stellt sich bestimmt jede Frau, die sich frisch getrennt hat und wieder auf dem freien Markt zur Verfügung steht. Ich spiele ein bis zweimal die Woche Volleyball, im Sommer öfter auch an den Wochenenden im Sand, das war schon mehr als manch andere vorweisen konnte. Nach der Trennung hatte ich jedoch das Gefühl, das sei immer noch zu wenig. Vielleicht wollte ich auch noch ein, zwei Kilo abnehmen, man hat ja als Frau ständig das Gefühl, zu dick zu sein. Da erinnerte ich mich an die Worte meines Lungenarztes.
Bei ihm war ich in Behandlung wegen eines beginnenden Asthmas und musste mich eines Lungentestes unterziehen. Das war so ein Typ, zunächst kam ich mir fast ein bisschen verarscht vor, denn er schickte mich aus dem vierten Stock wieder nach unten und anschließend sollte ich zügig die Treppe wieder rauf laufen um dann in jenes Gerät zu pusten, das mein Lungenvolumen testen sollte. Gesagt getan, ich lief hinunter, rannte wieder rauf in den vierten Stock, pustete in diesen Kasten und wartete anschließend, bis ich wieder aufgerufen wurde. Nach ein paar Minuten hörte ich meinen Namen und betrat das Behandlungszimmer. Nach einem kurzen Blick in meine Akte schaute mich der Arzt an und meinte: "Na, bekommen wir wohl nicht viel Luft?" Keine Ahnung, wie viel Luft er bekam, ich dachte mir nur, ich kenn keinen, der in den vierten Stock hoch rennt und dann noch ganz gleichmäßig atmen kann! Er lachte, blickte nochmals in die Unterlagen und meinte " Frau Wellner, das ist ja interessant, im Grunde haben sie so viel Luft in ihren Lungen, dass sie diese alleine gar nicht veratmen können. Haben sie schon einmal daran gedacht, einen Marathon zu laufen?"
Normalerweise hasste ich Laufen. Früher im Schulsport taten mir danach immer die Zähne weh und ich fühlte mich schlecht. Kaum zu glauben, dass sich so etwas jemand freiwillig antat. Allerdings war ich neugierig, was es mit der Aussage des Arztes auf sich hatte, ich hätte genug Luft in den Lungen, um einen Marathon zu laufen. In einem Selbstversuch wollte ich das herausfinden und zog mir kurzerhand Shirt und Jogginghose an, holte meine Turnschuhe aus der Sporttasche und lief los, aber noch nicht sonderlich überzeugt davon, dass ich wirklich weit kommen würde. Langsam lief ich die Straße hinunter, durch den Park Richtung Waldbad, eine Runde um das Bad herum und war überrascht, dass ich doch so lange durchhielt, ohne komplett außer Puste zu geraten. Interessant, dachte ich und lief meine Runde wieder nach Hause zurück. Ich schätzte die Tour auf ca. drei Kilometer, das war mehr, als ich je zu Schulzeiten geschafft habe. Jeder Jogger wird jetzt wahrscheinlich an der Stelle müde lächeln und sich denken, das ist ja gar nichts, aber für mich war es ein Anfang und ich war stolz auf mich. Die nächsten Tage lief ich die Runde noch ein paar Mal, immer mit demselben Erfolg. Die Befürchtung, ich würde aus dem letzten Loch pfeifen, traf nicht ein. Dafür aber eine innere Zufriedenheit. Das klingt vielleicht blöd, aber, wenn ich Laufen war und vorher Stress hatte, dann war die Welt anschließend nur noch halb so grau oder mein Problem nur noch halb so groß. Coole Sache, dachte ich mir. Ich mache Sport, um mich zu bewegen und um abzunehmen, gleichzeitig kann ich dabei Stress abbauen und fühle mich noch dazu im Anschluss sauwohl. Vier Komponenten, die es völlig umsonst gab. Da konnte man nicht anders als weitermachen.
Ganz umsonst war die Lauferei allerdings dann doch nicht, denn schließlich will man bei den Dingen, bei denen man beobachtet wird, gut aussehen und man, oder besser gesagt Frau, fühlt sich einfach besser, wenn sie etwas Neues, Schickes trägt. Also fuhr ich zum Sportgeschäft, um mir eine Laufhose, ein Shirt, eine Jacke und natürlich ein paar gescheite Laufschuhe zu kaufen. Meine Güte, was man da alles beachten muss, damit so ein Schuh auch richtig sitzt. Die Krönung war noch, dass ich den Laufschuh gleich dort im Geschäft auf einem Laufband ausprobieren sollte. Als ich alles bezahlt hatte, setzte ich mich wieder ins Auto und fuhr zurück nach Hause. Ehrgeizig wie ich war, wollte ich natürlich die neuen Sachen gleich ausprobieren und da ich jetzt ganz tolle Laufschuhe besaß, mit Geleinlagen oder was die noch alles so hatten, wagte ich mich gleich an eine etwas größere Runde. Das einzige Problem war, dass ich diese Runde nicht mehr schaffen konnte, bevor ich Niklas aus dem Kindergarten abholen musste. Aber ich hatte eine Idee. Als wir zu Hause ankamen, fragte ich ihn, ob er nicht Lust hätte, mit mir eine kleine Radtour zu unternehmen. Niklas fand die Idee super und radelte, was das Zeug hielt. Natürlich mussten wir ein paar Mal anhalten, da er gerade ganz was Tolles gesehen hatte, aber insgesamt gesehen schafften wir unsere Runde recht zügig. Ein kleines Problem war, dass Niklas nur ein kleines Fahrrad mit ausgesprochen kleinen Rädern besaß. Er musste sich einen Ast treten, um mit mir das Tempo zu halten. Na gut, dachte ich mir, wenn das so ist, und er auch Spaß dabei hat, dann braucht er halt ein etwas größeres Fahrrad. Am Samstag war Papas-Day und sein Vater übernahm netter Weise diese Anschaffung. Die beiden suchten das neue Radl aus und am Sonntagabend führte Niklas mir sein neues Fahrrad auf dem Parkplatz vor unserem Haus stolz wie Bolle vor. Na dann, dachte ich mir, können wir unseren Trainingsplan weiterverfolgen. Mittlerweile lief ich fünf bis sechs Mal in der Woche, immer so zwischen einer halben und einer ganzen Stunde. Mal direkt nach der Arbeit bevor ich mein Kind vom Kindergarten abholte, mal am Nachmittag, zusammen mit meinem Sohn und seinem neuen Rad.
Irgendwann traf ich bei meiner Runde auf einen Freund von mir, wir liefen ein Stück gemeinsam und er fragte mich, ob wir uns nicht hin und wieder zum Laufen verabreden wollten. Ich war mir nicht sicher, ob ich für ihn ein ebenbürtiger Trainingspartner war, denn ich befand mich ja so zu sagen noch in der Anfangsphase. Wir probierten es schließlich aus, und ich war überrascht, es lief sich im wahrsten Sinne des Wortes gut. Also trafen wir uns jetzt regelmäßig mal am frühen Abend, mal direkt vor dem Volleyballtraining. Bald waren wir so fit, dass wir öfter am Wochenende eine längere Runde drehten. Dabei kamen wir auf gute 20 Kilometer.
Was ich lange nicht bemerkte, da ich in solchen Sachen immer ein bisschen auf der Leitung stehe, dieser Typ wollte mehr als nur mit mir Laufen. Das machte die Sache irgendwie unangenehm, er war ja kein schlechter Kerl, so als Freund, aber ständig wollte ich ihn nicht um mich haben. Auch entsprach er so überhaupt nicht meinem Typ, wobei ich mir da ja gerade noch nicht so sicher war, wie der denn eigentlich aussehen sollte. Nein, er war es definitiv nicht. Mit der Zeit wurde er immer aufdringlicher und glaubte offensichtlich, nach einer gewissen Zeit ein Hausrecht bei mir zu haben. Als wir einmal vom Laufen zurückkamen, und ein paar Freunde später auf ein Glas Wein vorbeikommen wollten, wollte er doch gleich bei mir duschen, nur um sich den Zwischenstopp bei sich zu Hause sparen zu können. Mal ehrlich, vielleicht bin ich da ein bisschen empfindlich, aber ein Kerl in meiner Dusche, mit dem ich nicht zusammen bin? Zugegeben, wenn er wie George Clooney oder ein Unterwäschemodel ausgesehen hätte, da hätte ich wahrscheinlich ein Auge zudrücken können, aber so schickte ich ihn doch nach Hause. Am Abend kamen ein paar meiner Freunde vorbei und wir tranken einige Flaschen Wein. Ich fand das super genial und war meinen Freunden sehr dankbar, dass sie sich oft am Abend nach dem Training nicht in die Stadt ins Straßencafè setzten, sondern zu mir auf den Balkon kamen, damit ich auch ein bisschen Unterhaltung hatte. Die Abende waren meist amüsant und ich brauchte keinen extra Babysitter.
Wie jeden Montag und Mittwoch ging ich auch heute wieder zum Training. Im Sommer spielten wir an der neuen Beachanlage am See, während der kühlen Monate hatten wir eine Turnhalle gemietet. Es hatte sich wohl herumgesprochen, dass ich mit Andreas öfter zum Laufen ging und so sprach mich Toni darauf an. Er meinte, er liefe auch öfter mal alleine und ob er sich unserer Runde mal anschließen dürfte. Ich hatte zunächst Bedenken, denn er war super durchtrainiert und ich befürchtete, dass er sich sicher bei unserem Tempo eher langweilen würde. Doch er blieb beharrlich. Ich hatte überhaupt nichts dagegen, denn ich mochte ihn. Er ist ein netter Typ, immer gut drauf, vielleicht ein bisschen hibbelig, aber auf jeden Fall kein Langweiler. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass sich die Sache bald zu einem richtigen Zickenkrieg entwickeln würde. Ich erzählte Andreas, dass uns Toni bei der nächsten Joggingrunde begleiten wollte. Uh, da bin ich wohl in ein richtig fettes Fettnäpfchen getreten, denn der lief gleich rot an und meinte: " Wieso das denn, das passt doch überhaupt nicht, was will der denn mit uns, der ist doch viel zu schnell!" Ich antwortete: "Den Einwand hatte ich auch schon, aber er ließ sich nicht davon abbringen." Andreas war völlig entnervt, merkte aber, dass meine Entscheidung bereits gefallen war und nickte widerwillig. Da musste er jetzt durch, ob er wollte oder nicht. Am darauf folgenden Montag waren wir schließlich verabredet. Toni wollte mich zu Hause abholen und mit Andreas trafen wir uns am Park. Ich fand es toll und die nächsten Male verabredeten wir uns immer zu dritt. Bald stellte sich heraus, dass es schwierig war, immer einen Termin zu finden, an dem wir alle drei Zeit hatten. Mal hatte einer am Nachmittag noch eine Besprechung oder ich fand auf die Schnelle keinen Babysitter.
Es kam der Tag, an dem wir wieder zu dritt verabredet waren, und ich bereits fix und fertig angezogen war. Auch Toni wartete schon unten vor der Tür auf Andreas, der jeden Moment mit dem Auto um die Ecke kommen musste. Ausgemacht war, dass er direkt von der Arbeit zum Laufen kommen würde, denn auf seinem Heimweg musste er unmittelbar bei mir am Haus vorbei. Ich ging nach unten und wir warteten. Plötzlich bekam ich einen Anruf von Andreas: "Sorry, bei mir wird es eine halbe Stunde später, fahr jetzt grad aus der Arbeit los." Das ist voll blöd, antwortete ich, wir stehen hier schon in kompletter Montur vor der Tür, außerdem passt Carsten heute auf Niklas auf, aber der will in einer Stunde selber ins Fitness. Das bedeutete, wir müssen entweder gleich los oder unser Date für heute absagen. Daher schlug ich vor, dass wir es wie sonst auch machten, und uns am Park treffen würden. Dann könnte Andreas nach Hause fahren, sich umziehen und anschließend zum Park kommen. Diese Zeit würden wir sicher brauchen, wenn Toni und ich jetzt hier bei mir loslaufen würden. Die Idee war anscheinend nicht akzeptabel, er motzte ins Telefon, wir sollten uns nicht so
