Nichts anderes ist wichtig - Viola Eckert - E-Book

Nichts anderes ist wichtig E-Book

Viola Eckert

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Beschreibung

In diesem autofiktionalen Buch geht es um die Entwicklung eines Ichs, das nach der Wende in einer mitteldeutschen Stadt so beschrieben wurde: "Du bewegst dich zwischen allen Welten: du bist keine typische Amtstussi, keine in Zahlen und Geld Denkende, keine konsequente Literatin, keine typische Musikerfrau, keine Hausfrau, kein Muttertier, aber du bist eine FRAU."

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EPUB
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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Viola Eckert

Nichts anderes ist wichtig

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Herzklopfen eins

Herzklopfen zwei

Herzklopfen drei

Herzklopfen vier

Herzklopfen fünf

Herzklopfen sechs

Herzklopfen sieben

Herzklopfen acht

Herzklopfen neun

Herzklopfen zehn

Herzklopfen elf

Herzklopfen zwölf

Herzklopfen dreizehn

Herzklopfen vierzehn

Herzklopfen fünfzehn

Herzklopfen sechzehn

Herzklopfen siebzehn

Herzklopfen achtzehn

Herzklopfen neunzehn

Herzklopfen zwanzig

Herzklopfen einundzwanzig

Herzklopfen zweiundzwanzig

Herzklopfen dreiundzwanzig

Herzklopfen vierundzwanzig

Herzklopfen fünfundzwanzig

Herzklopfen sechsundzwanzig

Herzklopfen siebenundzwanzig

Herzklopfen achtundzwanzig

Herzklopfen neunundzwanzig

Herzklopfen dreißig

Herzklopfen einunddreißig

Herzklopfen zweiunddreißig

Impressum neobooks

Herzklopfen eins

Nichts anderes ist wichtig

Es schläft ein Lied in allen Dingen. Sie lief die Straße herunter und ihr blondes Haar fing die nachmittäglichen Sonnenstrahlen ein. An Häusern links und rechts vorbei, die sie als Gutachterin schon berechnend geschätzt hatte. Ihr Vorgesetzter, ein kleiner Giftzwerg, bestand auf die schöne Bezeichnung Sachbearbeiterin. Damals waren diese Häuser noch unsaniert und für wenig Geld zu haben. Wenn sie das wenige Geld, das auch für ihre Verhältnisse noch zu viel war, besessen hätte, dann könnte sie jetzt von den Mieteinnahmen leben. Der Teufel scheißt eben immer auf den gleichen Haufen. Sie malte sich aus, wie sie eins der Häuser mithilfe von Studienfreunden saniert hätte und sich jetzt nur noch um Instandhaltung und Verwaltung kümmern müsste. Und wenn von der Lust dazu nichts mehr übrig war, könnte sie es heute für ein Vielvielfaches des ursprünglichen Kaufpreises verkaufen. Vor einem Café, das sich in die anderen der Straße einreihte, winkte ihr Jimi zu, ein Musiker, der von seinem Talent nicht leben konnte. Sie setzte sich zu ihm und trank einen Kaffee, gestohlene Zeit, die violette Stunde. Sicher waren ihre beiden Kinder schon zu Hause, abgeholt aus dem Kindergarten von ihrem Mann, der seine Zeit in der Woche an so ziemlich jedem Wochenende erarbeitete. Er war Bassist in einer Band, die deutschlandweit unterwegs ist. Die Band drückte den internationalen Liedern, die sie nachspielte, ihren eigenen Stempel auf und die Leute gingen ab! Manchmal nahmen diese größeren Strecken auf sich, um die vier Typen spielend zu erleben. Der Alltag fiel ab, denn sie waren jemand Anderes. Und die Jungs da vorn sind genau das, was sie selbst schon immer sein wollten. Früher waren die eigenen Haare genauso lang, aber der Job, die Familie, die Bequemlichkeit haben am Kopfhaar gezerrt. Für die Adonisse auf der Bühne ist diese ehrliche Art des Geldverdienens oft anstrengend: körperlich und psychisch. Nicht immer ist das Feeling bei den Ausflügen wie im Ferienlager früher. Trotzdem müssen sie ein bisschen locker sein, sonst funktioniert die Stimmung nicht. Übellaune, Herrschsucht und Pedanterie erlebten die Leute in ihrem Alltag genug. Sie stellten sich vor, man ist einer der Jungs und unterwegs wie in einem Roadmovie. Kein Chef, der lobende Worte verbannt oder diese nie gelernt hat, Frauen, die einen interessant finden und von sich aus den Kontakt suchen. Man müsste nur noch singen können, Gitarre oder Schlagzeug spielen können, so aussehen oder dieses Charisma haben. Genau dieses! Der unsichtbare Faden. Sie muss los, ihr Zuhause wartet, hoffentlich. Das erste Kind, ein Mädchen, kam schon nach einem guten Jahr Zusammensein. Das heißt, gut war das Jahr eigentlich nicht. Sie erlebten keine unbeschwerte Phase des Verliebtseins. Verliebt waren sie schon, aber eben nicht unbeschwert. Er ist über ein Jahrzehnt älter als sie und da schwang immer seine Vorgeschichte mit. Ständiges Austarieren kostet Kraft. Das zweite Kind, ein Junge, kam fünf Jahre später. Geheiratet haben sie noch viel später. Sie war immer gegen eine Hochzeit, das wusste er. Romantik versus Realismus. Eine Ehe hat sie immer mit Besitztum gleichgesetzt, die Psychologie bewegt die Schaukel und wohl auch die Biologie. Jedenfalls heirateten Einige im Bekanntenkreis und sie war dann doch ein bisschen neidisch auf diese Romantik. Beim Frühstück sprachen sie darüber und seine Augen fingen plötzlich an zu leuchten mit der Frage: Echt jetzt? Das war der Moment. Er war auch mal anwesend an diesem romantischen Sonntagmorgen. „Frauen sind romantisch, um ihre Dummheit zu überspielen.“ – las sie mal in einem katalanischen Roman.

In der letzten Stunde des Tages

Lied von der Ostband Enno/Text von Werner Karma

In der letzten Stunde des Tages

gehn` die Lichter aus.

In der letzten Stunde des Tages

Haus für Haus.

Und die Männer gehn` zu den Frauen

Und die Frauen gehen zu Bett.

Und die Betten gehen auf die Reise

ala` Jumbo Jet.

In der letzten Stunde des Tages

blüht die Phantasie.

In der letzten Stunde des Tages

schön wie nie.

Und die Männer sagen den Frauen

dass sie keiner andren gehörn`

Und die Frauen glauben den Männern,

egal was sie schwörn`.

Diese Feuer lodern im Dunkeln,

diese Feuer tief in uns drin.

Diese Feuer ziehn` uns zueinander hin.

Diese Feuer lodern im Dunkeln,

diese Feuer tief in uns drin.

Diese Feuer ziehn` uns zueinander hin.

In der letzten Stunde des Tages

liegen sie wie tot.

Und der Schlaf ist ihnen so teuer

wie das Brot.

Und am Morgen werden sie aufstehn`

so als wär gar nichts geschehn`

Und sie werden stumm

aneinander vorübergehn`.

Diese Feuer ziehn` uns zueinander hin.

Diese Feuer lodern im Dunkeln,

diese Feuer tief in uns drin.

Diese Feuer ziehn` uns zueinander hin.

Diese Feuer ziehn` uns zueinander hin.

Diese Feuer lodern im Dunkeln,

diese Feuer tief in uns drin.

Diese Feuer ziehn` uns zueinander hin.

Herzklopfen zwei

In der Stadtverwaltung arbeitete sie jetzt schon ewig. Dabei hatte sie diese gar nicht auf dem geistigen Schirm. Es ergab sich zufällig; sie bewarb sich nach dem Studium überall und lernte vor Allem eins: niemand wartete auf sie. Im Jahr ihrer ersten und einzigen Arbeitslosigkeit als Diplomkauffrau absolvierte sie eine zusätzliche Ausbildung zur Kommunikationsfachwirtin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Medienakademie der Stadt. Bezahlt hat sie die ein Jahr dauernden Wochenendkurse mit ihrem Verdienst als Telefonistin und Postkartenschreiberin zur Terminvereinbarung in einer Partnervermittlung. Zu den Terminen in ganz Sachsen und Thüringen fuhren zum Beispiel ehemalige Lehrerinnen, die nach der Wende ihre Arbeit verloren hatten. Für jeden Vertragsabschluss bekam sie eine Provision. Pervers war das, aber eben gut bezahlt. In den Dörfern saßen einsame Menschen, die durch eine Fernsehwerbung Hoffnung schöpften und ihr Erspartes als Vertrauensvorschuss opferten. Nun war ja Alles möglich. Nach drei Monaten kündigte sie. Bei ihrer Ausbildung an der Medienakademie entstand eine Broschüre mit Texten der Kursteilnehmer zur “Mauer in unseren Köpfen”. Diese Broschüre enthielt auch zwei Texte von ihr:

Wahres Märchen. Es waren einmal ein fauler Ossi und ein arroganter Wessi...

Der Bauherr aus Bottrop und der Bauingenieur aus Leipzig sitzen sich bei einem Geschäftsessen gegenüber, taxieren einander und mögen sich vielleicht sogar ein wenig. Bisher war die Begegnung sehr fruchtbar gewesen. Der Eine würde Geld bringen, der Andere hat beim Vertragsabschluss das Kleingedruckte übersehen. Der Bauherr ist es vorerst zufrieden. Das immense Risiko, das er mit einem ostdeutschen Ingenieurbüro eingegangen ist, hat er mit diesem Vertrag kalkulierbar gemacht. Schließlich ist sein nunmehriger Partner ein Kind der sozialistischen Planwirtschaft: da kam es lediglich darauf an, dass der übererfüllte Plan in der Zeitung stand. Der Bauingenieur ist etwas aufgeregt. Es ist sein erster größerer Auftrag, seitdem er sich vor einem Jahr selbständig gemacht hat. Aber er ist auch zuversichtlich. Als Generalunternehmer wird er die Aufträge zur Sanierung eines Straßenzugs von Gründerzeithäusern an die besten Leute vergeben. Fähige Leute, die in ddr-Zeiten, als gutes Material knapp und die Arbeitsmittel oft veraltet waren, durch Erfindungsreichtum und Fleiß aus “Sch... Bonbon” gemacht haben. Was soll also schiefgehen?! Ihm fällt der Witz ein, den er kürzlich auf einer Baustelle gehört hat: „Wie kann man eine Firma am besten zugrunde richten? Erstens durch eine Frau, das ist am schönsten. Zweitens durch Alkohol, das ist am sichersten und drittens durch eine Wessi, das geht am schnellsten.” Lächelnd lehnt sich der Leipziger Ingenieur auf seinem Stuhl zurück. Das Lachen wird ihm schon vergehen, denkt der Mann im Maßanzug. Die freie Marktwirtschaft setzt andere Maßstäbe als der sozialistische Wettbewerb nach dem Motto: “Freitag ab eins – macht jeder seins.” Und sieht dabei seinen Sohn vor sich, der zu seiner Zufriedenheit die gesicherte Beamtenlaufbahn eingeschlagen hat.

Es waren einmal ein arroganter Ossi und ein fauler Wessi...

Bin ich ein Wendehals? Ich drehe und wende mich und kann den Hals nicht voll genug kriegen. Als ostdeutsches Kind glaubte ich einmal an die “große gute Sache”. Doch auch die Westpakete mit den tollen Klamotten und der wunderbaren Schokolade waren eine “gute Sache”. Schon allein dieser Geruch nach Seife, dem Kaffee und den Mandarinen, wenn man das Paket öffnete, machte mich süchtig. Ich wusste, dass für diese “banalen Luxusgüter” Menschen ausgebeutet wurden. Doch ich war zu gierig, um zu kämpfen. Die Präsenz des Feindes in Form eines herrlich duftenden Parfüms erschien mir auch nicht bedrohlich genug. Wohl wissend um dieses Lindenblatt auf meiner Schulter stellte sich kein schlechtes Gewissen ob meines schwachen Charakters ein. Es ist leicht, sich den schönen und einfachen Dingen im Leben zuzuwenden. Dabei dreht man sich durchaus im Kreis. Jeder Mensch ist ein Egoist, es liegt in seiner Natur. Nur die Situation ist für Jeden eine andere. Der einzelne Mensch wird sich immer in die Richtung wenden, die ihm weiterhilft. Letztendlich bezieht sich der Glaube an etwas immer auf sich selbst. Wie auch anders?! Ich glaube nicht an die gesellschaftliche Weiterentwicklung der Spezies Mensch, ohne die ein Kommunismus nicht möglich war. Das Bewusstsein für den Nachbarn konkurriert mit dem Bewusstsein für sich selbst. Die Natur gewinnt diesen Kampf. Sie ist ausgerichtet auf das eigene Überleben, auf das “Hamstern” für schlechte Zeiten. Dieser Instinkt potenziert sich beim Menschen noch, da er sich dessen bewusst ist, dass er nur dieses eine Leben hat. Mein Glaube hat sich nicht gewendet – ich habe ihn verloren.

Herzklopfen drei

Bis zur Wende war sie Studentin des Ingenieurbaus, ihr Vater war auch Bauingenieur und Direktor eines Plattenwerkes. Ein Macher, wie er im Buche steht, herrschsüchtig und cholerisch, aber auch sehr anziehend durch seine einnehmende Lebendigkeit. Die Arbeitsbedingungen in seinem Plattenwerk waren sehr schlecht; um die Leute zu halten, organisierte er auf dem Betriebsgelände Weihnachtsmärkte, auf denen es nur gute Sachen aus Ostberlin gab. Das brachte ihm Ärger mit der eigenen Partei, den er abschüttelte. So war er. Allerdings waren seine Frau und die Kinder wohl doch eine Art Stoßdämpfer. Ein Mensch ist begrenzt. Die Frauentagsfeiern, bei denen er sich als DJ auslebte, machten ihn bei den Frauen beliebt und zuhause anstrengend. Sie war immer mit ihm aneinandergeraten, wahrscheinlich war sie genauso stur wie er.

Wieder ein Wochenende ohne ihn. Er war so anders als ihr Vater, deshalb ist es jede Sekunde wert, das Wochenende ohne ihn. Ja, wenn die Freunde an den freien Tagen zusammenkamen, war sie immer nur hälftig. Sie fragte sich oft, ob sie ihn dann wirklich vermisste oder ob es nur das von ihnen unterwanderte Normativ war, das sie mitunter quälte. Seine alltägliche Gelassenheit, wenn man sich zum Beispiel verfahren hatte oder etwas nicht so lief, wie man sich das vorgestellt hatte, war wie ein Quantensprung nach oben in der eigenen Lebensqualität. Aber an einem Freitagabend wünschte sie sich manchmal an einen großen Tisch mit ihm, um bei Rotwein und guter Musik mit sympathischen Menschen zu diskutieren und zu blödeln. Ersatzweise musste oft die Talkshow im Fernsehen herhalten.

Zuhause saßen die Kinder damals schon im Wasser, auf dem Badewannenrand standen ein Glas mit Salzstangen und zwei Colagläser, man hatte noch nicht mit ihr gerechnet. Die laute Musik war schon im Treppenhaus zu hören. Was hatte sie mit ihm über Erziehungsfragen gestritten! Dabei war sie sich ihrer eigenen Fehler durchaus bewusst: das cholerische Überschäumen, wenn sie an eigene Grenzen stieß. Man ist geprägt, ob man will oder nicht, durch DNA und Umfeld in der Kindheit. Ihre Mutter nun war eine Pädagogin, wie sie im Buche steht. Liebevoll und sehr konsequent, wenn nicht sogar streng. Bei ihrer Beerdigung tauchte ein früherer Schüler auf, längst erwachsen. Er war an ihrer Schule, in der sie Sport und Deutsch unterrichtete, eins der schwarzen Schafe. Die Schulkinder mochten die Mutter. Direktorin sollte sie werden, doch den hierfür erforderlichen Parteieintritt lehnte sie ab.

Warum genau ihre Mutter den Parteieintritt ablehnte, wusste sie gar nicht. Ihre Eltern stritten oft am heiligen Abendbrottisch, doch in einem Alter, in dem der Kopf schon ein bisschen mehr verstehen konnte, war ihr Gehirn mit anderen unverständlichen Dingen beschäftigt und so suchte sie nach den vier Schnitten das Weite. Es gab wirklich gute Dinge bei ihnen zu essen, zum Beispiel frischen Kochschinken am Stück, den sie in einem Karton die Treppen im Plattenbau hochtrug. Der Koch vom Betrieb ihres Vaters hatte ihn aus Berlin für ihre Familie mitgebracht und unten geklingelt. Die Versorgung in ihrer Heimatstadt war auch an sich sehr gut; schließlich war sie in die erste neu errichtete sozialistische Stadt hineingeboren.

Herzklopfen vier

Nach der Schule lernte sie im nahegelegenen, etwas größeren Ort den Beruf eines Maurers mit Abitur. In einem harten Winter schippten sie den Schneehaufen vorm Bauwagen abwechselnd von der linken auf die rechte Seite. Als sie im Staatsbürgerkundeunterricht den winzigen Lehrer, er stand immer auf einem Podest, mit den Zeitungsartikeln, die grundsätzlich eine Planübererfüllung propagierten, konfrontierte, verwies er sie mit Schaum vor dem Mund des Raumes. Sie schob es auf seinen kompensierenden Charakter. Denn in der Oberschule hatte sie einen guten Stabülehrer, schon etwas älter, und auch das Fach Geschichte mochte sie sehr gern. Nachdem sie in einem Probelebenslauf, der für die Bewerbung an einer Hochschule nach der Lehre vorgeschrieben war, von offenen Augen und Ohren im philosophischen Sinn schrieb, sprach man sie an. Zuhause am heiligen Abendbrottisch fragte sie ihren Vater, ob sie in die Partei eintreten solle. Er meinte, wenn sie Karriere machen wolle, dann schon. Sie war ratlos, denn sie wusste gar nicht, was sie trotz der Baulehre mal werden wollte. Die deutsche Sprache hatte ihr immer am meisten Freude gemacht, aber Lehrerin oder Journalistin? Das kam nicht infrage. Trotzdem glänzte sie auch in der Lehre im Fach Deutsch und schrieb ihre Hausarbeit nicht in der Baukonstruktion oder Baustoffkunde, sondern schrieb einen Essay über das Buch von Christoph Hein „Der fremde Freund“, drüben hieß dieser Roman „Drachenblut“. Die baulichen Dinge verstand sie, aber sie interessierten sie nicht gerade brennend. Gelebt hat sie im Lehrlingswohnheim in einem zwanzig Quadratmeter großen Zimmer mit zwei Doppelstockbetten, einem Bett an der Wand und fünf Schreibtischen. Neben den Pflichten haben sie ihrer Jugend gefrönt. Liedermacherabende, wie einer der Band `Pension Volkmann` im angrenzenden Neubaugebiet waren ein Muss. In die Partei trat sie dann ein und glaubt heute mehr denn je, dass sie ihren Studienplatz an der Technischen Hochschule dieser Tatsache verdankte.

In der Lehrlingszeit ereignete sich noch etwas, das sie heute nach über dreißig Jahren etwas ängstigt. Kürzlich beantragte sie die Einsicht in ihre Stasiakte, deren Inhalt sie noch nicht kennt. Ihr damaliger Freund aus der Lehrlingsklasse, ein sympathischer und witziger Typ mit rotbraunen Locken, verschwand immer wieder einmal im Monat an einem Donnerstagabend. Sie vermutete eine andere Liebschaft und setzte ihm die Pistole auf die Brust. Aus Angst oder Ehrlichkeit gestand er die Treffen, bei denen dem Siebzehnjährigen Zigaretten und Cognac gereicht wurden. Die falschen Charmeure versprachen ihm den Armeedienst in der Stadt Berlin, gelandet ist er dann auch beim Wachregiment dort. Man wollte etwas über das Denken in der lebendigen Truppe im Lehrlingswohnheim erfahren. Als er ihr die heimlichen Zusammenkünfte gestand, konnte sie sich nicht vorstellen, was es da so Wichtiges unter ihnen geben sollte. Sie war erstmal froh, dass es keine andere Frau gab.

Narrativ. Die medial gesehenen Bilder geistern in ihrem Kopf, über den sie sich das kratzende Unterhemd gezogen hat.

Herzklopfen fünf