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Im Januar 1992 verlor ein Containerschiff im Pazifik bei einem schweren Unwetter einen Teil seiner Ladung. Die geladene "Fracht" trieb seither auf den Weltmeeren umher und erlebt Szenen von Katastrophen, von Krieg und von Terror, die das ganze Leid der Menschheit ausdrücken. Doch ebenso wird sie stets von Hoffnung begleitet, die den Menschen hilft, selbst die dunkelsten Zeiten zu überstehen.
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für F.B. für die aufgebrachte Geduld und Arbeit, die das große Ganze erst möglich gemacht hat.
Für S.W., weil man im Leben viel zu selten danke sagt.
„Die Erde ist schlecht, wir brauchen nicht um sie zu trauern! Niemand wird sie vermissen.“ (Justine im Film „Melancholia“)
10. Januar 1992: Nordpazifik an der Datumsgrenze
15. Februar 1996: Milford Haven, Wales
11. September 2001: New York, USA
26. Dezember 2004: Banda Aceh, Indonesien
April 2006: Mumbai, Indien
August 2006: Galizien, Spanien
September 2007: nördliches Polarmeer, nahe dem Nordpol
Januar 2008: Taiji, Japan
1. Juni 2009: Atlantischer Ozean
12. Januar 2010: Port-au-Prince, Haiti
Januar 2011: Alexandria, Ägypten
Februar 2011: Mogadischu, Somalia
22. Juli 2011: Insel Utøya, Norwegen
März 2012: Damaskus, Syrien
September 2015: irgendwo in Deutschland
Epilog: 10. Januar 2017: Pazifischer Ozean
Es war nicht die Dunkelheit, die mir eine solche Angst bereitete, denn daran hatte ich mich schon längst gewöhnt. Doch das ständige Poltern und Donnern war neu und machte mich extrem nervös. Ich wusste nicht genau, was diese Geräusche verursachte und hier drin hörte es sich so an, als käme es aus allen Richtungen. Ich wusste, dass ich nicht alleine war, doch ebenso wusste ich, dass mir niemand aus meiner Situation heraushelfen konnte. Niemand sagte etwas, alle versuchten ruhig zu bleiben. Ich konnte die anderen nicht sehen, doch ich spürte, dass sie sich genauso fühlten, wie ich. Wir hatten jegliches Gefühl für die Zeit verloren, seit wir hier drin waren. Es war so dunkel, dass wir den Tag nicht von der Nacht unterscheiden konnten. Auch wussten wir nicht, wo wir uns gerade befanden, oder was unser Ziel war. Es war mir nicht möglich einen klaren Gedanken zu fassen, der sich nicht um meine Angst und Unsicherheit drehte. Jedes Mal, wenn ich es versuchte, wackelte wieder alles und das nächste Donnern ließ mich aufschrecken. Obwohl wir so eng beieinanderlagen, fror ich ein wenig. Ich sehnte mich nach Freiheit, doch ich wusste genau, dass ich sie nicht erlangen konnte.
Einem besonders lauten Donnern folgte ein so heftiger Stoß, dass ich durch die Luft flog. Doch die Stille, die danach folgte, war viel schlimmer. Ich wusste nicht, ob es noch mehr Grund gab sich Sorgen zu machen, als es die Lage ohnehin schon erforderte. Ich wartete auf das nächste Donnern, um sicher zu sein, dass alles war wie vorher, doch die Stille wurde unterbrochen von einigen hektischen Rufen außerhalbs. Wieder donnerte es, direkt gefolgt von weiteren Rufen, die lauter wurden.
Es traf uns völlig unvorbereitet. Aus dem nichts fielen wir in die Tiefe. Wir wurden durch die Luft geschleudert und drehten uns, ehe wir hart aufschlugen. Wieder herrschte eine unheimliche Stille, ein merkwürdiges Gefühl beschlich mich. Die Auf- und Ab-Bewegungen waren nicht mehr so stark. Es wurde nass, Wasser schien von einer Ecke hereinzufließen. Obwohl wir noch immer nichts sahen, wussten wir, dass wir untergingen. Nach und nach drang immer mehr Wasser ein. Ich spürte, wie es ganz langsam nach unten ging. Das Wasser hatte mich nun ganz eingehüllt. Je tiefer wir kamen, desto ruhiger wurde es und bald hörte das Wackeln ganz auf. Mein Herz schlug langsamer und ich wurde ruhiger. Dennoch konnte ich nach wie vor an nichts anderes denken. Wir waren noch immer gefangen und konnten uns nicht befreien. Ich wusste nicht, wie weit es noch herunterging, doch ich war mir sicher, ich würde nie wieder die Sonne sehen. Ich werde bis in alle Zeiten dort unten liegen und niemand wird mich je vermissen. Ich wurde traurig und schloss die Augen um meine Tränen aufzuhalten.
Ein Aufprall rüttelte mich wach. Danach herrschte eine solche Stille, dass ich mein Herz rasen hörte. Es kam mir vor wie Stunden, bis sich wieder etwas tat. Ich wusste nicht, warum, aber das Wasser zog mich fort. Ich hörte einige von den anderen, wie sie sich freuten. Ich fragte mich, was der Grund sein konnte. Das Wasser hörte auf, mich zu ziehen, als der Container über meinem Kopf verschwand. Zunächst war ich überrascht, doch als ich nach und nach immer weiter aufstieg, fing auch ich an, mich zu freuen. Meine Befürchtungen hatten sich nicht bestätigt. Ich wusste jetzt, dass ich nicht für immer hier unten bleiben würde. Ich hatte große Erwartungen an dieses Leben in Freiheit, doch gleichzeitig hatte ich Angst, vor dem Unbekannten.
Die Zeit unter Wasser verging langsam, und da ich noch immer nicht sehr weit aufgestiegen war, beschlich mich ein unheimliches Gefühl. Ich war mir nicht sicher, ob es wirklich real war, oder ob ich es nur träumte. Ich hatte Angst, als ich aufstieg, weil ich nicht wusste, ob einer der anderen in meiner Nähe war. Hin und wieder streifte mich eine schnelle Bewegung und ich zuckte zusammen. Ich befürchtete, dass mich irgendein Tier fressen könnte. Wenn ich doch nur irgendetwas sehen könnte, würde ich mich besser fühlen.
Was war das? Mich hat schon wieder etwas berührt. War das einer meiner Freunde? Nein, das kann nicht sein. Habe ich da etwas gehört? Kommt da irgendetwas auf mich zu? Nein, das muss eine Einbildung gewesen sein, es ist alles still. Vielleicht sollte ich einfach versuchen, ein wenig zu schlafen. Das wäre bestimmt das Beste. Ist das da bereits ein Licht über mir? Ich bin mir nicht sicher. Kann ich wirklich schon so nah an der Oberfläche sein. Nein, ich hatte mich wieder geirrt.
Die Dunkelheit machte mich wahnsinnig. Ich hatte bereits Halluzinationen davon und ich wusste nicht mehr, was hier unten real oder eingebildet war. Ich freute mich schon auf den Moment, in dem ich die Oberfläche des Wassers durchstoße und endlich wieder die frische Luft einatmen konnte. Vor Angst war mir heiß, es kam mir vor, als würde das Wasser zu kochen beginnen. Jedes Mal, wenn ich wieder eine Berührung spürte, wurde ich panischer. Ich wusste nicht, wie lange ich es noch aushalten würde. Ich sehnte mich nach etwas Licht. Nur genug, um alles um mich herum sehen zu können, damit ich keine Angst mehr vor der Ungewissheit haben musste. Ich verfluchte mich dafür, dass ich mich darauf gefreut hatte, freizukommen. Ich sehnte mir etwas Sicherheit herbei. Die Angst fraß mich auf. Ich wollte endlich nach oben, es ging mir nicht schnell genug.
Ich glaubte, endlich etwas sehen zu können. Es war noch nichts Deutliches, doch es war so, als würde das erste Licht des Himmels zu sehen sein. Ich wusste nicht, ob es wieder nur eine Einbildung war, daher schloss ich meine Augen und versuchte herunterzukommen. Ich redete mir ein, dass ich ruhig bleiben musste. Ich musste geduldig sein. Nachdem ich bis zehn gezählt hatte, öffnete ich die Augen wieder. Die Tränen stießen mir vor Freude in die Augen, als ich das Licht immer noch sah. Es war nur ein schwacher Schimmer und es war nichts zu erkennen, doch es reichte mir, da ich nun wusste, dass es nicht mehr so lange dauern konnte.
Mit der Zeit wurde es zunehmend heller, doch die Helligkeit blitzte stets nur für wenige Sekunden auf, um dann für eine ebenso lange Zeit wieder zu verschwinden. In den kurzen Augenblicken versuchte ich mich zu konzentrieren, um etwas zu erkennen. Direkt neben mir erkannte ich die unscharfen Umrisse einer meiner Freunde. Sein Anblick machte mich so froh, dass ich die Ängste vergessen konnte. Es verging nicht viel Zeit ehe ich, wenn auch nur in Umrissen, meine Umgebung beobachten konnte. Die Zeit, in der das Licht da war, war zu kurz, um wirklich etwas erkennen zu können. Ruhig schaute ich durch das milchig-trübe Wasser und war nun plötzlich so entspannt, dass ich es kaum mitbekam, wie ich die Wasseroberfläche durchstieß. Meine Hoffnung auf Sonne wurde zunächst nicht erfüllt. Zumindest wusste ich jetzt, woher das Donnern und Poltern kam. Es regnete extrem stark, es blitzte und donnerte ständig und der starke Wind machte das Wetter echt unangenehm. Der Sturm musste den Container von Bord gestoßen haben. Obwohl ich nun wieder über Wasser war, konnte ich nur relativ wenig sehen, da die Gewitterwolken jegliches Licht abfingen. Nur wenn es blitzte, wurde das Meer erhellt. Ich erkannte, dass viele der anderen es auch schon an die Oberfläche geschafft hatten. Ich kannte viele von ihnen. Obwohl wir alle einige Unterschiede haben, sind wir doch gleich. Und jetzt sind wir frei. Jeder von uns wird etwas anderes erleben, doch keiner wird die Erlebnisse je vergessen. Ich schaute mich um. Überall waren wir, immer wieder tauchte jemand aus den kalten Fluten auf und erblickte die Freiheit. Ich war glücklich, dass wir es geschafft hatten. Jetzt war ich gespannt darauf, was mich erwarten würde.
Nach und nach zogen immer mehr Wolken auf, die zunehmend dunkler wurden. Es wurde kühler und der Wind frischte auf. Ich war beeindruckt vom Anblick der Landschaft, die sich vor mir erstreckte. Was ich sah, war wunderschön und abwechslungsreich zugleich. Ich war fasziniert vom wundervollen goldenen Strand entlang der Küste. Der Leuchtturm streckte sich hoch empor gen Himmel. Noch war es hell, doch schon in wenigen Stunden, würde er im Einsatz sein. Um den Strand herum taten sich meterhohe Klippen auf und es wirkte, als wollten sie die Wolken berühren. Das grau-schwarze Gestein bildete den Kontrast zum hell aufstrahlenden Strand, und wenn die Wolken noch ein wenig zuzogen, wäre es das perfekte Motiv für ein Schwarz-Weiß-Bild gewesen. Das Meer trieb mich immer näher an die Küste heran, sodass ich immer mehr Details erkennen konnte.
Neben mir tauchte eine Möwe in das Wasser ein und angelte nach einem Fisch. Mit fetter Beute im Schnabel tauchte sie wieder auf und flog zum Strand, um sich dort genüsslich den Fisch schmecken zu lassen. Ihr wunderschön glänzendes Gefieder passte genau in die Umgebung. Ich schaute mich weiter um und glaubte, einen Seehund gesehen zu haben. Der ausklingende Tag wurde von allerlei Geräuschen begleitet. Die Möwen und anderen Seevögel schrien wild durcheinander. Am Ufer hörte man gelegentlich die Stimmen von Menschen die aufgeregt zu sein schienen. Der Wind hatte Wellen heraufbeschworen, die nun kraftvoll an die Klippen schlugen und dabei ein sanftes Dröhnen von sich gaben. Auch mich trieb es immer näher an den Fels heran. Ich schaute in den Himmel und bemerkte, dass die Wolken nun schon extrem dicht waren. Es dauerte nicht mehr lange und es würde dunkel werden, früher als es in den letzten Tagen der Fall war.
Der Sturm war heftiger, als ich es erwartet hatte. Es regnete stark und blitze und donnerte. Auch der Wind hatte noch einmal zugelegt. Ich fühlte mich an jene Nacht vor einigen Jahren erinnert. Bei jeder Welle stieß ich an die kalte Felswand der Klippe. Im Leuchtturm brannte das Licht und wies einem großen, immer näherkommenden Schiff, den Weg. Es fuhr in einigen Metern Entfernung an mir vorbei und die Welle, die das Schiff dabei erzeugte, war so enorm, dass sie mich mit voller Wucht gegen die Felswand schleuderte. Es fuhr am Strand vorbei und hielt auf die Einbuchtung in den Klippen zu. Das Schiff bremste stark ab. An Land fuchtelten einige Menschen wild mit den Armen umher und riefen durcheinander. Eine Welle erfasste mich und drückte mich kurz unter Wasser. Als ich wiederauftauchte, blickte ich auf die Klippen, die im Dunkel der Nacht ein wenig unheimlich aussahen. Irgendwo hinter den Klippen schlug ein Blitz ein und ließ den dunklen Felsen für einen kurzen Moment weiß erscheinen. Ich hatte das Schiff für einen Augenblick vergessen, doch ein grausiges Quietschen ließ mich aufschrecken. Es war nur ein kurzer Ton, doch kurz darauf folgte ein weiteres Quietschen. Die Rufe der Menschen am Rand wurden lauter und aufgeregter. Ich hatte nicht alles gesehen, doch ich wusste, was passiert war. Die Wellen brachten das Schiff immer wieder bedrohlich nahe an die Felsen heran. Meine Augen wurden müde durch die ständige Dunkelheit. Immer und immer wieder fielen mir die Augen unkontrolliert zu. Zunächst wehrte ich mich dagegen, da ich den Verlauf der Situation beobachten wollte, doch dann beschloss ich, die Szenerie morgen weiter zu beobachten, wenn es hoffentlich heller war, und ich schlief, unter dem monotonen, metallischen Hämmern, ein.
Ich erwachte mit einem stechenden Geruch in der Nase. Als ich die Augen öffnete, bemerkte ich, dass es noch immer regnete und stürmte, doch zumindest das Gewitter hatte aufgehört. Ich schaute um mich herum in das Wasser und sah einen ungewöhnlichen, leichten Schimmer. Der Geruch kam ebenfalls aus dem Wasser und ich wusste, dass es noch mehr werden würde.
Die Tage und Wochen vergingen, in denen mich der noch immer nicht nachlassende Wind, immer wieder gegen die Klippen schleuderte. Man hatte wiederholt versucht, das Schiff zu bergen und aus der Schräglage zu befreien, doch das Wetter machte allen Bemühungen einen Strich durch die Rechnung. Die Ölschicht um mich herum wurde fester und zäher. Hin und wieder stieß von unten ein toter Fisch an mich heran, um im nächsten Moment von den Wellen davongetragen zu werden. Wieder sah ich eine Möwe, die herbeigeflogen kam und in der Luft ihre Kreise zog, um auf Futtersuche zu gehen. Ich war mir nicht ganz sicher, aber ich meinte, dass es sich um die gleiche Möwe handelte, die ich bereits vor einigen Wochen gesehen hatte. Sie hatte etwas entdeckt und setzte zum Sturzflug an. Am liebsten hätte ich ihr zugerufen, dass sie es nicht tun sollte, doch ich wusste, dass es nichts genutzt hätte. In jenem Moment, in dem die Möwe in das ölgetränkte Wasser eintauchte, realisierte sie, dass sie in eine Falle getreten war, aus der es kaum ein Entrinnen gab. Sie hatte es zwar geschafft, einen Fisch zu fangen, allerdings war dieser bereits tot und die Möwe schaffte es auch nicht mehr, aus dem Wasser zu entkommen. Sie schlug wie verrückt mit ihren Flügeln, um das Öl von ihrem Gefieder zu bekommen, doch es gelang ihr nicht. Jeder Versuch aus dem Wasser zu kommen scheiterte an dem zusätzlichen Gewicht des Öls, das sich in den Federn gesammelt hatte. Immer wieder tauchte sie unter Wasser, um den Schmutz zu lösen, doch stattdessen wuchs mit jedem Mal die Verzweiflung, weil es wieder nicht funktionierte. Mit der letzten Kraft und unter scheinbar großen Schmerzen gelang es ihr letztlich doch und sie flog an den Strand, um sich dort auszuruhen. Ihr Gefieder war schwarz und verklebt. Sie hatte es geschafft aus dem Wasser zu kommen, doch sie würde nicht überleben können. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie starb.
Der Wind drehte, sodass mich die Wellen nun allmählich von der Küste forttrieben. Ich blickte auf den sich entfernenden Strand und bemerkte am Rand eine schwarze Verfärbung. Das Öl hatte sich abgesetzt und auch der Rest des Strandes, der weiter an Land war, wirkte dunkler als vorher. Ich beobachtete noch ein wenig die Möwe, die regungslos am Strand lag, und sich nicht mehr aufrappeln konnte. Die aufragenden Klippen bedeckten die letzten Reste der Wolken. Wenn man nicht genau hinsah, wirkte die Landschaft aus der Ferne noch immer unberührt. Neben den Klippen stand das Schiff noch immer ein wenig schräg. Viele Männer versuchten es aufzurichten, doch bisher war es ihnen noch immer nicht gelungen. Mit Wehmut schaute ich noch ein letztes Mal alles an, bevor die Küste komplett aus meinem Sichtfeld verschwand. Der Wind wurde schwächer und schwächer, bis er schließlich ganz verebbte. Auch die letzten Reste der Wolken hatten sich nun aufgelöst und die Sonne strahlte wieder mit der vollen Kraft. Mit dem ausklingenden Tag dachte ich noch ein letztes Mal an das, was hier geschah.
Es war ein wunderschöner Morgen, die Sonne erwärmte die spätsommerliche Luft. Die Stadt lebte in Enge und Hast. Selbst hier draußen konnte ich die Hupen der Autos hören, das aufgeregte Geschrei der Menschen. Die Stadt war groß und laut, dennoch schienen alle glücklich zu sein. Viele Menschen gingen an diesem Morgen am Wasser entlang. Die meisten von ihnen waren in Eile, und schauten kaum auf ihre Umgebung. Einige hatten ihre Mobiltelefone in der Hand und konnten nicht davon ablassen. Auch die junge Frau nicht, die direkt vor mir stehen blieb. Sie wirkte gestresst, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Sie war so sehr in ihr Telefongespräch vertieft, dass sie alles andere um sie herum nicht wahrzunehmen schien. Ihre Stimme wurde lauter und sie begann, mit der Person auf der anderen Seite zu streiten. Sie verabschiedete sich wütend und legte dann auf. Die Frau atmete deutlich hörbar aus und schüttelte den Kopf. Sie schloss für einen Moment ihre Augen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Ein Vogel flog nur knapp über ihrem Kopf hinweg und war so schnell wieder fort, wie er gekommen war. Mein Blick fiel wieder auf die Frau, die genau in diesem Moment ihre Augen wieder öffnete und sich zu mir umdrehte. Sie schien zunächst verwirrt zu sein, als sie mich erblickte, und rieb sich die Augen. Doch als sie realisierte, dass ich wirklich da war, erkannte ich ein Lächeln auf ihren Lippen. Sie ging noch ein paar Schritte auf mich zu, ehe sie direkt am Wasser stand. Sie bückte sich, um mich aufzuheben und schaute mich dabei lächelnd an. Mit beiden Händen umfasste sie mich. Mir wurde warm, als ich das noch morgendlich-kühle Wasser verließ. Die Frau holte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und wischte mich trocken. Danach nickte sie und steckte mich zufrieden ein.
Ich konnte nicht sehr viel erkennen, doch da die Frau ihre Handtasche nicht schloss, konnte ich zumindest in den Himmel sehen. Ich spürte anhand der Bewegungen, dass die Frau ging, doch ich wusste weder wohin, noch, was mich dort erwartete. Nach einigen Minuten blickte ich auf die Decke eines Busses, und sie setzte sich hin. Die Fahrt dauerte ebenfalls nur wenige Minuten, bis die Frau wieder ausstieg und ihren Weg zu Fuß fortsetzte. Nach einer Weile kamen wir in ein Gebäude. Die Frau begrüßte einige Menschen, die sie unterwegs traf, allerdings sah ich niemanden. Als sie das nächste Mal stehenblieb, hörte ich ein merkwürdiges Piepsen. Dann ging sie ein paar Schritte und ich wusste, dass wir in einem Aufzug waren. Wir fuhren sehr lange nach oben, allerdings hielten wir immer wieder an, um neue Personen ein- oder aussteigen zu lassen. Jedes Mal, wenn der Aufzug anfuhr, spürte ich ein merkwürdiges Kribbeln am ganzen Körper. Mir wurde allmählich langweilig in der Handtasche, deshalb war ich froh, dass wir endlich unser Zielstockwerk erreicht hatten. Die Frau ging durch einige Türen hindurch und stellte ihre Tasche ab. Sie öffnete sie noch ein Stück und holte mich heraus. Die Tasche stand auf ihrem Schreibtisch und ich befand mich in einem Büro, in dem viele Personen saßen und ihre Arbeit am Computer verrichteten. Sofort blickte ich mich um und ich kam nicht mehr aus dem Staunen heraus.
Die Aussicht war atemberaubend. Von hier oben konnte man die gesamte Stadt überblicken. Der Himmel sah noch viel schöner aus, als vom Boden. Ich wusste nicht, wie hoch wir waren, doch es war sehr hoch. Das Büro schien höher zu sein, als die Sonne, die erst nach und nach höher stieg. Die Frau, die mich mitgenommen hatte, setzte sich an ihren Schreibtisch und fuhr ihren Computer hoch. Bis sie daran arbeiten konnte, vertrieb sie sich die Zeit damit, sich mit ihren Kollegen zu unterhalten. Sie war fröhlich und freundlich und auch ihre Kollegen hatten gute Laune.
Die Frau arbeitete schon eine Weile, als sie sich das erste Mal einen Schluck von ihrem Kaffee gönnte. Ich verstand nichts von ihrer Arbeit, doch ich hatte die Vermutung, dass es wichtig war. Niemand sagte jetzt etwas, alle waren zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt. Ich vertrieb mir die Zeit damit, aus dem Fenster zu schauen. Obwohl ich mich schon daran gewöhnt hatte, war ich noch immer fasziniert von der Aussicht. Es kam mir wie ein Traum vor, dass ich dies hier erleben konnte. Ich drehte mich um und schaute zur anderen Richtung aus dem Fenster, doch hier war die Sicht nicht so spektakulär. Ein ebensolcher Turm, wie der in dem ich mich befand, stand dort und versperrte die Sicht auf die umgebende Landschaft. Nur rechts und links sah man einen schmalen, hellblauen Streifen, an dem man vorbeischauen konnte. Wenn ich mich ganz stark anstrengte, konnte ich einzelne Menschen im gegenüberliegenden Gebäude sehen, die ebenfalls an ihren Schreibtischen saßen und arbeiteten. Als mir selbst die Aussichten keine Abwechslung mehr verschafften, versuchte ich im Büro neue Dinge zu beobachten. Auf dem Schreibtisch der netten Frau zum Beispiel standen einige Fotos, die wohl ihre Familie zeigten. Auf einem ist sie mit einem Mann zu sehen, der ein blaues Hemd trug. Sie lehnten ihre Köpfe aneinander und wirkten glücklich. Auf einem anderen sah ich eine weitere junge Frau, die ihr ähnlich sah, also vermutlich ihre Schwester war und zwei ältere Menschen, wahrscheinlich ihre Eltern. Besonders das letzte Foto fand ich wunderschön. Es zeigte einen etwa zweijährigen Jungen, der verspielt in die Kamera schaute. Die Frau hatte bestimmt ein Riesenglück, dass sie eine so tolle Familie hat.
Die Ruhe im Büro wurde unterbrochen vom Motorengeräusch eines Flugzeuges. Niemand sonst schien es gehört zu haben, denn jeder arbeitete weiter, als wäre nichts gewesen. Doch ich bildete es mir nicht ein, auch wenn ich nichts erkennen konnte. Das Geräusch wurde lauter und irgendwann wunderte sich auch die Frau darüber und hielt mit ihrer Arbeit inne. Jetzt endlich konnte ich das Flugzeug sehen. Es war noch weit weg und flog ziemlich tief. Zudem schien es noch weiter zu sinken. Die Menschen im Büro wirkten angesichts der ungewissen Situation etwas nervös und waren nicht in der Lage weiter zu arbeiten. Alle schauten nur aus dem Fenster. Wie in Zeitlupe kam das Flugzeug näher, doch es stieg noch immer nicht. Ich spürte bei jedem hier im Raum, dass er panische Angst hatte, doch niemand konnte sich bewegen. Die Details des Flugzeugs wurden deutlicher, noch immer wirkte es unheimlich langsam. Es kam näher und näher, es gab nun keinen Zweifel daran, dass das Flugzeug den Turm treffen würde. Auch ich hatte nun Angst. Dann gab es einen lauten Knall und ein Feuerball erschien vor dem Fenster. Die Menschen schrien wild durcheinander.
