Nichts davon ist wahr - Veronica Raimo - E-Book
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Nichts davon ist wahr E-Book

Veronica Raimo

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Beschreibung

»Ein Roman wie eine Party: Die Sprache schlägt Funken, stürzt sich ins Vergnügen und dringt bis in die verborgensten Winkel.« Claudia Durastanti  Veronica Raimo erzählt von den Zumutungen des Erwachsenwerdens in einer ganz normalen unnormalen Familie. Dafür hat sie eine neue, so zarte wie präzise Sprache gefunden. Mit wunderbarem Humor zeichnet sie das ebenso chaotische wie wahrhaftige Bild einer jungen Frau im 21. Jahrhundert. Veronica fragt sich, wie sie zu der Frau werden konnte, die sie ist. Ihre Erinnerungen führen sie zurück in ihre gelinde gesagt eigenartige Familie. Es vergeht keine Party, bei der nicht irgendwann das Telefon klingelt und Helikopter-Mama Francesca anruft. Der Vater möchte, dass sich die Familie nur noch von Konservendosen ernährt, die vor dem Reaktorunglück von Tschernobyl eingeschweißt wurden, und baut in seiner Freizeit immer weitere zusätzliche Trennmauern in die Wohnung ein. Und dann gibt es auch noch den Bruder, eine Nervensäge und aufmerksamkeitsversessenes Genie. Dabei ist es schon so schwer genug, vom Mädchen zur Frau zu werden, und das am besten erfolgreich, emanzipiert und glücklich. Mit der preisgekrönten, autofiktionalen Tragikomödie »Nichts davon ist wahr« hat Veronica Raimo ein sehr lustiges Buch über die Tücken und Abgründe des Lebens geschrieben.   

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Cover for EPUB

Veronica Raimo

Nichts davon ist wahr

Roman

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Niente di Vero« im Verlag Einaudi, Turin.

© 2022 by Veronica Raimo

© 2023 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: ANZINGER UND RASP Kommunikation GmbH, München

unter Verwendung einer Abbildung von © Marta Bevacqua / Trunk Archive

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-608-98691-4

E-Book ISBN 978-3-608-12038-7

für Cecilia, Glenda und Milena

Durch Robert hatte ich eine für die Yurok sehr typische moralische Empfindung kennengelernt: Scham. Nicht Schuld, es gab nichts, wofür man sich schuldig fühlen musste; nur Scham. Man wird rot vor Ärger, beißt sich auf die Zunge und macht sich seinen Reim darauf. Meinen tiefen Respekt vor der Scham als soziales Instrument habe ich zum Teil Robert zu verdanken.

URSULA K. LE GUIN, Indian Uncles

Wenn in einer Familie ein Schriftsteller geboren wird, ist es aus mit dieser Familie, heißt es.

In Wirklichkeit kommt die Familie schon seit Menschengedenken bestens damit klar, der Schriftsteller aber wird beim verzweifelten Versuch, Mütter, Väter und Geschwister zu töten und sie immer wieder unerbittlich lebendig vor sich zu haben, ein böses Ende nehmen.

Mein Bruder stirbt etliche Male im Monat.

Dann ruft meine Mutter an, um mir sein Hinscheiden kundzutun.

»Dein Bruder geht nicht ans Telefon«, wispert sie.

Für sie ist das Telefon ein Beleg für unser Dasein auf Erden, geht man nicht ran, gibt es keine andere Erklärung als den Ausfall aller Lebensfunktionen.

Wenn sie mich anruft, um mir zu sagen, dass mein Bruder nicht mehr ist, will sie nicht beschwichtigt werden, sondern mich in die Trauer einbeziehen. Sich gemeinsam zu grämen, ist ihre Form von Glück: geteiltes Leid, doppelte Freude.

Manchmal sind die Gründe für sein Ableben banal: ein Gasleck, ein Frontalzusammenstoß mit dem Auto, eine fatale Kopfverletzung nach einem bösen Sturz.

Andere Male sind die Szenarien komplexer.

Letzten Ostermontag folgte auf den Anruf meiner Mutter der eines jungen Carabiniere:

»Ihre Mutter hat Ihren Bruder als vermisst gemeldet, können Sie das bestätigen?«

Sie hatten seit ein paar Stunden nichts voneinander gehört. Er war mit seiner Freundin mittagessen gegangen, und sie quälte sich mit der Frage, warum er nicht mit der Person zu Mittag aß, die ihn in die Welt gesetzt hatte.

Alles sei unter Kontrolle, versuchte ich den jungen Carabiniere zu beruhigen. »Nein«, blaffte er, »es ist nicht alles unter Kontrolle, in der Telefonzentrale drehen sie durch.«

In diesem konkreten Fall war mein Bruder noch nicht tot, sondern stand kurz davor. Er befand sich in einer Garage, nachdem brutale Häscher des Partito Democratico ihn entführt und gefoltert hatten. Unlängst war er zum Kulturstadtrat des 3. römischen Bezirks ernannt worden, und hin und wieder kam es zu Scharmützeln mit den Parteikollegen.

»Dass du dich bloß mit niemandem zoffst«, hatte meine Mutter ihn beschworen.

»Mama, ich zoffe mich nicht, ich mache Politik.«

»Na schön, aber vertragt euch.«

Sobald sie die Gewissheit hat, dass ihr Sohn noch lebt, wird meine Mutter immer ganz reumütig. Dann zieht sie den bedripsten Flunsch einer Zwölfjährigen. Sie klingt dann auch wie eine Zwölfjährige. Wie kann man einem kleinen Mädchen böse sein?

»Meinst du, ich sollte den Carabinieri was Süßes vorbeibringen?«, fragt sie mich mit Piepsstimme.

Wer weiß, warum sie überhaupt die Carabineri und nicht die Polizei angerufen hat. Ich wage nicht, die Sache zu vertiefen, das könnte zu noch mehr Anrufen führen. Bei der Feuerwehr beispielsweise oder beim Katastrophenschutz. Darauf ist sie noch gar nicht gekommen.

Solange die Panik sie im Griff hat, feilscht meine Mutter mit dem lieben Gott und unterwirft sich kleinen Kasteiungen. Keine Süßigkeiten essen, nicht ins Kino gehen, keine Zeitschriften lesen, nicht Radio 3 hören, tage-, monate-, jahrelang. Zurzeit kann sie nicht zum Friseur und nicht fernsehen. Manchmal besteht die Kombination aus kein Radio 3 und keine Süßigkeiten. Oder weder Kaffee noch neue Schuhe. Es gibt Kopplungen, Zweierkombis, je nach dem.

Weil ich mir Sorgen mache, gehe ich sie besuchen.

»Ah, Verika, bist du’s?« Meine Mutter nennt mich Verika. »Ich hatte gehofft, es wäre dein Bruder.«

Sie lebt noch immer in der Wohnung, in der ich groß geworden bin, in einem Wohnviertel am nordöstlichen Stadtrand Roms. In demselben Bezirk, in dem ihr Sohn Kulturstadtrat geworden ist. Ich würde sie gern überreden, wenigstens eine ihrer Kasteiungen in etwas Konstruktives zu verwandeln: »Mach doch was Ehrenamtliches«, sage ich zu ihr, »damit ist der liebe Gott bestimmt einverstanden.«

Sie schüttelt den Kopf und bittet mich, den Fernseher einzuschalten und ihr zu sagen, was in der Welt passiert. Sie hält sich die Augen zu, aber ich sehe sie zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurchlinsen. Tastend sucht sie nach der Fernbedienung und stellt lauter: »Man versteht ja gar nichts.«

Als mein Bruder von den Peinigern des PD gekidnappt worden war, harrte meine Mutter zitternd auf den fatalen Anruf: »Ich hatte mir geschworen, mich aus dem Fenster zu stürzen.«

»Schöne Idee, Mama. Dann hätte ich Ostermontag mit einem hingemetzelten Bruder und einer auf dem Asphalt zertrümmerten Mutter verbracht.«

Mich beschleicht ein Zweifel: »Wärst du auch gesprungen, wenn sie mich umgebracht hätten?«

Stille.

Sie schaut mich nicht an, weil sie sich noch immer die Augen zuhält.

»Also? Wärst du gesprungen?«

»Ach komm, stell doch nicht so blöde Fragen.«

Als ich auf dem Weg nach Hause noch einmal darüber nachdenke, haut etwas in diesem vereitelten Selbstmordszenario nicht hin. Es gibt in der Wohnung meiner Eltern kein einziges Fenster, aus dem man sich hinausstürzen könnte. Sie sind zu klein, denn sie wurden allesamt halbiert.

Mein Vater hatte den zwanghaften Tick, die Zimmer zu teilen, ohne jeden Grund. Er zog einfach eine Wand ein. Er zog in Zimmer Wände ein, anders lässt es sich nicht sagen.

Wir lebten zu viert in einer Sechzig-Quadratmeter-Wohnung, aus der er drei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche, ein Esszimmer, eine Veranda und zwei Bäder herausgeschlagen hatte, plus einen schlauchartigen Hängeboden, der sich über die ganze Wohnung zog und für niedrige Decken sorgte. Ein besonders hochgewachsener Mensch wäre mit dem Kopf angestoßen, doch in unserer Familie hatte keiner dieses Problem.

Richtige Türen gab es nicht, nur Schiebetüren ohne Schloss. Es war, als lebte man in einer Theaterkulisse, die Zimmer existierten nur dem Namen nach, als Simulationen für die Zuschauer.

Während meiner Kindheit gab es mein Kämmerchen eine Zeitlang nur nachts. Tagsüber wurde es wieder zu einem Flur. Abends, wenn ich schlafen ging, zog ich zwei Falttüren zu und kippte ein Stück Wand um, das in Wirklichkeit ein Klappbett war. Am Morgen verschwand alles, und das Bühnenbild wechselte. Stellwände wurden verrückt, Vorhänge hochgezogen. Später wurde mein Kämmerchen in das meines Bruders verlegt, ein in der Ecke aufgestellter Quader, ähnlich einer umgekippten Abstellkammer. Das Fenster war – wie alle anderen – von der Wand halb durchgeschnitten: Um einen Blick in die Welt zu werfen, musste ich mich mit einem Fensterflügel von der Größe einer Minibartür begnügen.

»Ich wollte dir nur sagen, dass du nicht durch das Fenster gepasst hättest«, schreibe ich meiner Mutter.

»Danke, mein Schatz«, antwortet sie, »ich merk’s mir.«

Mit vier Jahren habe ich lesen gelernt. In einer anderen Familie hätte mir das vielleicht immerhin ein »gut gemacht« eingebracht, in meiner zählte es nicht, hatte mein Bruder es doch mit knapp drei gelernt und kannte mit vier Jahren sämtliche Hauptstädte der Welt, die Namen der amerikanischen Präsidenten in chronologischer Reihenfolge samt Amtseinführungsdatum sowie die der Juve-Spieler seit seinem Geburtsjahr 1975 auswendig.

In Wirklichkeit hatte mir der Umstand, dass er sich bei der Rollenverteilung die des Familiengenies unter den Nagel gerissen hatte, ein sehr viel entspannteres Leben beschert. Meine Mutter behauptet, bei der Option, mich ebenfalls zum Musterkind aufzuschwingen, hätte ich geantwortet: »Nein danke, Mama. Ich will so sein wie alle anderen.«

Ich bezweifele, dass ich mit fünf Jahren den nötigen Überblick besaß, um so einen Satz zu formulieren, aber tatsächlich hatte ich den gewissen Vorteil, niemandem irgendetwas beweisen zu müssen. Für meinen Bruder lagen die Dinge weniger einfach. Ich beneidete ihn nicht.

Es gibt eine Anekdote, die meine Mutter gern erzählt. Einmal im Restaurant hatte er sich – noch keine drei – die Speisekarte geschnappt und angefangen, sie, auf seinem Kinderhochstuhl thronend, vorzutragen. Er machte bei jedem Absatz eine Pause, lag bei den Hiaten richtig und verdoppelte die Konsonanten korrekt. Der Kellner, der gekommen war, um die Bestellungen aufzunehmen, hatte lediglich mit gelangweilter Miene dagestanden, bis der Rotzlöffel seine Show beendet hatte. Als mein Bruder am Fuß der Dessertliste angekommen war, wartete der Kellner noch immer mit dem Stift in der Hand und zeigte nicht den kleinsten Anflug von Verblüffung.

»Also, wollen Sie bestellen, oder soll ich noch mal wiederkommen?«

Woraufhin sich das kleine Genie, von Frust gebeutelt, ein Glas vom Tisch geschnappt und hineingebissen hatte.

Meine Mutter ist immer ganz stolz, wenn sie diese Anekdote erzählt, und genau wie ihr dreijähriger Sohn reagiert sie leicht pikiert, wenn sich einer der Anwesenden von ihrer Schilderung nicht angemessen amüsiert zeigt, weshalb sie mit dem kleinen Schwank noch einmal von vorn loslegt, um die entscheidenden Passagen hervorzuheben.

Wenn unsere Mutter uns neuen Bekanntschaften vorstellte, sagte sie: »Und das hier sind meine Juwelen.« Wurde die Anspielung erwartungsgemäß nicht verstanden, gab sie in gouvernantenhaftem Ton die gesamte Geschichte der Gracchen zum Besten, um dann glücklich wieder auf ihren Spruch zurückzukommen: »Und das hier sind meine Juwelen!«

Doch Juwelen sind nicht gleich Juwelen. Nachdem sie die unglaublichen Dinge aufgezählt hatte, die mein Bruder zu vollbringen imstande war – achtsilbige Kurzgedichte über Garibaldis Heldentaten, Gleichungen mit zwei Unbekannten, Kreuzworträtsel in beide Richtungen ohne Blindkästchen, in drei Zügen gewonnene Mastermind-Partien –, kam ich an die Reihe: »Und Verika zeichnet gern«, sagte sie. Ende.

Es stimmte nicht einmal, doch in Ermangelung einer überbordenden Genialität hatte sie beschlossen, dass ich mich beim Zeichnen ganz wacker schlug. Auch Opa Peppino, der Vater meines Vaters, hatte dabei seine Finger im Spiel gehabt. Als kleines Kind gab es eine einzige Aufgabe, die ich in der »Rätselwoche« gern löste, sie hieß Das habe ich gemacht!. Es ging darum, ein paar bereits vorgedruckte Striche in einem Cartoon zu einer Zeichnung zu vervollständigen. Einmal zeichnete ich eine Art Außerirdischen, den mein Großvater für eine Katze hielt und Der naseweise Kater taufte. Einen Monat später schenkte er mir ein Bilderbuch mit den Fabeln von La Fontaine und sagte, das sei der Preis, den mir die »Rätselwoche« für meinen naseweisen Kater geschickt habe. Schon damals wusste ich, dass er mich schamlos anlog, denn ich hatte mir die prämierten Zeichnungen angesehen: Von meinem als Kater abgestempelten Außerirdischen keine Spur.

Trotzdem freute ich mich über das Geschenk, und vor allem kam ich zu dem Schluss: Wenn mein Großvater lügen durfte – tja, dann durfte ich es erst recht. Und so schlüpfte ich eines Tages, als ich darauf wartete, dass meine Mutter aus einer Lehrersitzung kam, in einen Klassenraum, in dem Ölbilder zum Trocknen unter den Bänken lagen. Ich ging in die dritte Grundschulklasse, die Bilder stammten von Achtklässlern. Ich nahm sie eine nach der anderen in Augenschein, hinterließ meine kleinen Fingertatschen auf den Rändern und beschloss, ein sturmgepeitschtes Meer und eine eingeschneite Berghütte zu klauen. Sorgfältig wedelte ich die Blätter zehn Minuten lang trocken, pustete darauf und schob sie in meine Schulmappe.

Mein Vater hatte mir ein Temperafarben-Minikit geschenkt, und eines Sonntagnachmittags beschloss ich, meinen Bluff zu inszenieren. Nach dem Mittagessen verzog ich mich in mein Kämmerchen und fingierte einen kreativen Rausch. Eine Stunde später tauchte ich mit meinen beiden Meisterwerken wieder auf. Niemandem fiel auf, dass sie bereits trocken und mit Ölfarben, statt mit Tempera gemalt waren, und erst recht nicht, dass auf der Rückseite ein mit blauem Kuli ausgestrichener Name stand.

Meine Eltern waren von diesen beiden Gemälden – es sollten die einzigen meiner Karriere bleiben – dermaßen hingerissen, dass sie beschlossen, sie rahmen zu lassen und im Flur aufzuhängen.

Wenn Gäste kamen, folgte die unvermeidliche Besichtigungstour durch die Pinakothek im Flur, und angesichts der Flut an Komplimenten über die gespenstische Düsternis der tosenden See und die romantische Einsamkeit der Berghütte, gelangte ich irgendwann zu der Überzeugung, dass ein Teil davon tatsächlich mir gebührte. Ich hatte die geklauten Bilder ausgewählt, mich nicht durch artige Linienführung und kindliche Pinselstriche blenden lassen, erst recht nicht durch abgeschmackte Darstellungen glücklicher Familien, Bäumchen und bukolischer Landschaften. Ich hatte bereits gespürt, wo meine unausgegorene Berufung zum Sturm und Drang schlummerte.

Die beiden Bilder hängen noch immer im Flur meiner Mutter. Wenn ich bei meinen Besuchen daran vorbeigehe, bin ich kurz davor, ihr die Wahrheit zu sagen, doch ich fürchte, sie würde mir nicht glauben. Meine seltenen Anläufe, ehrlich zu ihr zu sein, werden nie ernst genommen und mit einer Mischung aus Argwohn und Mitleid bedacht. Wenn sie mein Unbehagen vor den Bildern bemerkt, kommt sie zu mir und tätschelt mir kurz den Kopf, als wäre ich wieder das kleine Mädchen, das sie gemalt hat, obwohl nicht ich dieses kleine Mädchen bin.

»Soll Mama dir eine Leinwand kaufen?«, fragt sie.

Manchmal stelle ich mir vor, der von meiner kriminellen Achtjährigenhand ausgestrichene Namenszug könnte, wie in einer Gruselgeschichte, an die Oberfläche dringen und blaue Tinte den makellosen Schnee der Berghütte verfärben. Andere Male sage ich mir, ich sollte die Bilder wieder an mich nehmen, sie aus den Rahmen lösen, versuchen, den Namen zu entziffern, ihn auf Facebook suchen, mich nach dreißig Jahren entschuldigen und einen langen Brief in Romanform verfassen:

Liebe Künstler, verzeiht mir. Wer weiß, welchen Weg euer Leben genommen hat. Und wer weiß, was ihr an jenem Morgen dachtet, als ihr mit noch schlafgetrübten Augen in die Klasse kamt, eure talentierte Hand unter die Bank schobt und das Bild nicht mehr fandet. Gähnende Leere! Das darf nicht wahr sein! Ah, was quält es mich jetzt, dass meine Lüge weitere Lügen gebar. Was habt ihr der Kunstlehrerin gesagt? »Bitte entschuldigen Sie, Frau Lehrerin, jemand hat unsere Bilder gestohlen«? Hat man euch geglaubt oder euch ausgelacht? Ich stelle mir den Hohn einer ganzen Klasse vor, die kindliche Grausamkeit, die Besten ihresgleichen zu demütigen. Und dabei zerreißt es mir fast das Herz …

Tatsächlich verdränge ich den Gedanken sofort.

Mein Bruder und ich sind beide Schriftsteller geworden. Ich weiß nicht, was er antwortet, wenn man ihn nach dem Grund fragt, ich sage, es ist der geballten Langeweile geschuldet, der unsere Eltern uns aussetzten.

Neben der Überängstlichkeit meiner Mutter litt mein Vater an einer unterschwelligeren Form von Paranoia. Durch seine Forschungsarbeiten als Chemiker erschien ihm die Welt als ein Sammelbecken von Schadstoffen, vor denen es sich andauernd zu schützen galt. Was bedeutete, das Haus möglichst selten zu verlassen und in den eigenen vier Wänden, in unserem Fall hundert, zu ersticken.

Ich war acht Jahre alt, als der Reaktor in Tschernobyl in die Luft flog. Auch als die akute Gefahr vorüber schien, lebte meine Familie weiterhin wie in einem postapokalyptischen Filmszenario und tat so, als wohnten wir, statt in einer einigermaßen wohlhabenden westlichen Stadt, in einer hochgradig verstrahlten, Science-Fiction-haften Zone X.

In jedem ernstzunehmenden Katastrophenplot ist die Wahrung der Blutsbande das Einzige, was in der verseuchten Welt noch zählt. Die Familie.

Also verbat uns unser Vater drei Jahre lang, Obst und Gemüse, Eier und Frischmilch zu konsumieren, ins Restaurant zu gehen oder uns ein Stück Pizza auf die Hand zu kaufen. Das einzig erlaubte Lebensmittel war vor dem 26. April 1986 abgefülltes Dosenessen.

Es war nicht leicht, sich an das Protokoll zu halten, doch ich muss gestehen, die Sache hatte ihren Reiz: Ich fühlte mich wie die Heldin in einer für alle anderen unsichtbaren Quarantänesituation. In unserer unverstrahlten Wohnung eingebunkert zu sein und wie die Pioniere Thunfisch und Dosenbohnen zu essen, sich die unmöglichsten Ausreden auszudenken, wenn ich bei einer Klassenkameradin Hausaufgaben machte und mir ein Nachmittagsimbiss angeboten wurde, oder im Supermarkt die Verpackungsdaten zu kontrollieren, als wären sie Geheimcodes, die nur wir Auserwählte zu entschlüsseln vermochten.

Am Ende litten wir alle unter akutem Vitaminmangel, und obwohl meine Mutter uns mit Vitasprint und L-Carnitin-Trinkfläschchen abfüllte, hatte keiner von uns eine gute Gesichtsfarbe. Aber wir hatten überlebt. Schlimmstenfalls würden wir uns mit Skorbut herumschlagen müssen.

Dank der knallharten Erziehung meiner Eltern haben weder mein Bruder noch ich je gelernt, gefährliche Dinge zu tun wie schwimmen, Rad fahren, Schlittschuh laufen, seilspringen (man konnte in null Komma nichts ertrinken, sich den Schädel aufschlagen, sich ein Bein brechen, sich erdrosseln).

Wir brachten unsere Kindheit damit zu, in der Bude zu hocken und uns nervtötend zu langweilen. Diese Tätigkeit war so intensiv, dass sie schon bald zu einer Grundhaltung wurde. Beim Anöden machte uns keiner was vor.

Im Hof unseres Hauses spielten immer irgendwelche Kinder, deren Gekreisch wie unverständliche, raubtierhafte Laute zu uns heraufdrang. Wir beobachteten sie heimlich vom Fensterchen aus, stumm und im Dunkeln. Abwechselnd ließen wir ein paar Zentimeter Gesicht über dem Fensterbrett auftauchen (für beide war kein Platz), um uns dann ruckartig zu ducken, wenn eines der Kinder den Kopf hob und einem fliegenden Ball nachsah. Wir hatten panische Angst davor, von ihnen entdeckt zu werden, denn mit einer Aufforderung, in den Hof hinunterzukommen, wären wir nicht fertiggeworden. Zwei in die Wohnung gesperrte kleine Spitzel.

Traurig nur, dass wir uns ganz und gar nicht so sahen. Immerhin hätten wir dann ein Spiel daraus machen können, »Haha! Sie haben uns nicht gesehen!«, der Kitzel, nicht entdeckt worden zu sein, die Debatte, wer in der Gruppe der oder die Süßeste war, oder wenigstens die kribbelige Trägheit alter Leute, die gaffend vor einer Baustelle stehen; aber nichts von alledem, wir waren nur zwei kreuzbrave Kinder, die sich nervtötend langweilten.

Einmal wurden wir in unserem Untergrunddasein mit einem entsetzlichen moralischen Dilemma konfrontiert. Die Kinder im Hof spielten Fußball mit einer Kröte. Zuerst wurde das Tier einfach in die Mitte gesetzt und von mobbenden Teenagern umringt wie ein Loser. Die Kröte unternahm ein paar Hüpfer, doch es war sonnenklar, dass sie keinen Fluchtplan hatte. Dann schnellte aus dem Beinkreis der erste Tritt hervor. Die Kinder fingen an, sich die Kröte zuzukicken. Von unserem Ausguck war vor allem das dämliche Johlen menschlicher Kreaturen zu hören, das den dumpfen Aufprall eines Schuhs auf der warzigen Amphibienhaut oder das Aufklatschen auf dem Asphalt nach einem verfehlten Zuspiel übertönte, doch in meinem Kopf klang alles gleich laut. Während des nicht enden wollenden Martyriums hielten mein Bruder und ich uns fest an den Händen. Ich glaube, er betete, ich hörte ihn vor sich hin wispern, auch wenn er sich nicht bekreuzigen konnte, weil ich seine Hand nicht losließ. Ich hoffte nur, dass die Kröte endlich krepierte und uns von der Qual erlöste. Wir brachten keinen Mucks heraus. Besser gesagt, wir hatten beschlossen, keinen zu tun. Hasenfüßig und unfähig wie immer. War es das, wovor unsere Eltern uns zu bewahren versuchten? Die fröhliche Entdeckung des Bösen im Innenhof? Der Horror, der Horror!

Als es endlich zur Entdeckung der Bücher kam, war sie weniger eine Flucht denn eine wohlige Verdichtung der Langeweile. Ich konnte sie förmlich sehen, weiß und breiig: Lesen war wie in einem milchigen Sumpf zu versinken. Stundenlang dümpelte ich darin herum, bis die schale Brühe in die Poren drang und mein Körper gänzlich erschlaffte. Ich spürte, dass plötzlich alles einen Sinn bekam, es war eine Art Transsubstantiation, mein Fleisch ward Langeweile. Ich vermochte nicht zu sagen, ob ein Buch mir gefiel. Darum ging es nie. Allein die Vorstellung, Lesen könnte sich als vergnüglich erweisen, war völlig abwegig. Wieso ein unnötiges Ärgernis heraufbeschwören? Es gab etwas, das meine Familie noch mehr fürchtete als die Giftwolke von Tschernobyl: Hedonismus.

Ehe die Bücher auftauchten, um uns mit Langeweile zu dopen, hatten mein Bruder und ich uns andere Zeitvertreibe ausgedacht.

Das Familiengenie hatte ein Spiel erfunden, das mehrere Sommer lang unsere Nachmittage bestimmte. Die dösige Mittagsruhe hindurch bis Sonnenuntergang und zum Abendessen, zu dem wir schließlich aufstehen mussten, lagen wir mit aufgestützten Ellenbogen und einem Heftchen vor der Nase Seite an Seite auf dem Fußboden und spielten Zahlenrennen. Wir spielten nicht gegeneinander, sondern nebeneinander, es ging bei dem Spiel nicht ums Gewinnen. In Wirklichkeit ging es nicht einmal ums Miteinander. Es glich eher der Zen-Übung, bei der man zum Einschlafen über den Lattenzaun springende Schäfchen zählt. Man warf einen Würfel und notierte die gewürfelte Zahl. Stundenlang. Hingebungsvoll, versunken. Da wir beide große Fans der Fünf waren, bestand die einzige wirkliche Spannung des Spiels darin, möglichst viele Fünfen zu würfeln. Zu hoffen, dass sie ihre Überlegenheit unter Beweis stellte. Während ich würfelte, spähte ich zu meinem ebenfalls würfelnden Bruder hinüber, las in seinem konzentrierten Blick die Hoffnung auf eine Fünf und sah seine bedächtige, ehrliche Hand ein Kreuzchen unter der Vier machen. Mit einem leisen Flackern des Bedauerns im Blick und dem festen Vertrauen auf den nächsten Wurf. Ich ließ meine lausige Zwei hinter einem Fingervorhang verschwinden und machte in meinem Heftchen klammheimlich ein Kreuz unter der Fünf. Ich brachte es fertig, bei einem Zen-Spiel zu schummeln, das ergab keinen Sinn. Aber ich konnte nicht anders.

Wenn meine Eltern uns zum Essen riefen, verglichen wir unsere Heftchen; bei der Siegerfünf lag ich immer vorn. Ich weiß nicht, ob mein Bruder wusste, dass ich schummelte, oder ob eine solche Gemeinheit für ihn völlig undenkbar war. Er versuchte, meine Angaben zu entziffern, ganz verblüfft, dass sie sich jeder statistischen Regel entzogen. Er kramte nach einer logischen Erklärung und unternahm seine ersten tastenden Ausflüge in die Metaphysik. Wie war es möglich, dass ich so oft eine Fünf würfelte? Dann klopfte er mir auf die Schulter und sagte: »Gut gemacht.«

Ich habe oft über dieses »Gut gemacht« nachgedacht und mich gefragt, ob es am Prinzip der kommunizierenden Gefäße lag: Ob mein Bruder gezwungen war, ein paar »Gut gemacht« vom Stapel zu lassen, um all die anderen, die ihm galten, für sich verbuchen zu können. Ich habe mich auch gefragt, ob es einer seiner ersten Anflüge von Sarkasmus war. Ungewollt vielleicht. Ich habe mich gefragt, ob sein »Gut gemacht« diesem hirnverbrannten Wagnis galt: meinem Versuch, die Langeweile seines hirnverbrannten Spiels durch etwas noch Hirnverbrannteres zu brechen. Ob er mir sagen wollte: Wie schaffen wir es, aus diesem Zimmerchen rauszukommen? Wie schaffen wir es, uns zu befreien?

Tatsächlich habe ich es im Leben immer so gemacht. Jedes Mal, wenn ich mich in einem Kämmerchen gefangen fühlte, in einem Spiel mit klaren Regeln, habe ich nicht versucht zu fliehen, sondern die Logik des Zimmers und der Regeln zu untergraben. Mir Dinge einzubilden, sie zu benennen, sie heraufzubeschwören, bis ich sie glaubte. Bis ich dachte, beim Würfeln könnte immer eine Fünf herauskommen, auch wenn es gar nichts bringt.

Als Teenager versuchte ich, die Regeln meines Zimmers zu brechen und von zu Hause wegzulaufen. Sofort kollidierte mein Plan mit der räumlichen Gestaltung unserer Wohnung. Ich hatte mein Fluchtgepäck geschnürt, hübsch klein, kaum mehr als ein Bündel, aber immer noch zu sperrig, um durch die mickrige Scharte zu passen, zu der das Fenster meines Kämmerchens geschrumpft war. Also verteilte ich meine Habseligkeiten auf drei Plastiktüten und warf sie nach unten. Dann verkündete ich meinen Eltern, ich würde mir ein Eis kaufen gehen.

Noch heute kann es meine Mutter, wenn ich mit ihr ein Eis esse oder sie die Hälfte von meinem lecken lasse, weil sie sich gerade kasteien muss (»Der liebe Gott wird schon nicht sauer, wenn ich ein bisschen koste«), kaum abwarten, die Anekdote über den Ausgang meiner Flucht auszukramen: »Wie süß du warst mit deinen Teenagerlaunen.«

Bevor ich meine Klamotten und ein paar Bücher aus dem Fenster warf, hatte ich aus dem Schrank meines Vaters eine Million zweihunderttausend Lire in bar geklaut. Er verwahrte das säuberlich gestapelte Geld unter seinem zusammengerollten Gürtel, seinem Kamm und einem angekohlten Korken, mit dem er sich über den Schnurrbart fuhr, um die weißen Barthaare zu kaschieren.

Die ersten dreißigtausend Lire investierte ich in einen Rucksack und stopfte den Inhalt der Tüten hinein. Mein mittelfristiger Plan sah vor, am nächsten Tag einen Zug nach Paris zu besteigen. Da ich dort weder eine Adresse hatte noch jemanden kannte, konnte ich bei meiner Suche nach den richtigen Cafés nur auf meinen übermäßigen Konsum französischer Filme vertrauen.

Der kurzfristige Plan sah vor, den Zug zum Flughafen Fiumicino zu nehmen und mich von Bra – dem Jungen, mit dem ich gerade ging – zu verabschieden, der auf dem Sprung nach Irland war. In der Zeit lag Irland gerade im Trend, drei Wochen bei Nieselregen, dunklem Bier und lausiger Musik in irgendeinem tristen Kaff im Grünen zu verbringen, schien ein echtes Muss zu sein.

Es war der erste wirkliche Abschied meines Lebens. Ehrlich gesagt, hatte ich mir diesen Moment seit dem ersten Tag unseres Zusammenseins ausgemalt, ich glaube sogar, dass ich nur deshalb mit ihm ging: um miteinander Schluss zu machen. Die Vorstellung, dass er bald wegfahren würde, bot mir ein verlässliches Leid, in dem ich mich suhlen konnte, ohne mich um ein anderes bemühen zu müssen.

Jeden Abend ging ich weinend zu Bett und harrte seiner Abreise. Ich war fünfzehn Jahre alt.

Die Flucht von zu Hause war notwendig geworden, weil meine Eltern es mir verwehrten, diesen seit Monaten herbeigesehnten tragischen Abschiedsmoment zu erleben. Der Tag von Bras Abreise fiel nämlich mit Opa Peppinos Geburtstag zusammen. Wir würden zum Mittagessen zu ihm fahren, und meine sentimentalen Gründe hatten sich als zu schwach erwiesen, um eine Abtrünnigkeit zu rechtfertigen.

Als ich in Fiumicino ankam, sah Bra mir mit dreistem Aufreißergrinsen entgegen, bis er erkannte, dass ich es war.

»Was zum Henker machst du denn hier?«

Über der Schulter hatte er die Gitarre, um sich in Dublins Straßen das Geld für die Reise zusammenzuklampfen. Auf dem Kopf den Hut für die Spenden. In der Tasche das Songbuch von Bob Dylan.

Jedenfalls hatte ich meinen Auftritt gehabt. Ich war glücklich, ich war traurig, alles war gelaufen, wie es sollte.

»Hey, ist dir klar, dass sie für dich von zu Hause abgehauen ist?«, sagte der Freund, der mit ihm fahren würde, und fummelte das Preisschild ab, das noch an meinem Rucksack baumelte, und erst da erhaschte ich in Bras Blick etwas, das ich für Zärtlichkeit hielt und das aller Wahrscheinlichkeit nach Panik war.