Nie mehr Blind Date - Caruso Matarese - E-Book

Nie mehr Blind Date E-Book

Caruso Matarese

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Beschreibung

Ist eine Schweizerin leichter zu erobern als zum Beispiel eine Deutsche, Italienerin oder Spanierin? Und wann darf man eigentlich das erste Mal an Sex denken? Max schmeißt seinen Job und gibt eine Kontaktanzeige auf, in der er sich fälschlicherweise als Arzt ausgibt. So lernt er die reizende Schweizerin Pia kennen, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Als der Schwindel jedoch auffliegt, will diese nichts mehr von ihm wissen. Doch so leicht gibt Max nicht auf. Er folgt ihr nach Kalifornien, wo es ziemlich heiß wird…

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Seitenzahl: 530

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Zu diesem Buch

Ist eine Schweizerin leichter zu erobern als zum Beispiel eine Deutsche, Italienerin oder Spanierin? Und wann darf man eigentlich das erste Mal an Sex denken?

Max schmeißt seinen Job und gibt eine Kontaktanzeige auf, in der er sich fälschlicherweise als Arzt ausgibt. So lernt er die reizende Schweizerin Pia kennen, in die er sich Hals über Kopf verliebt.

Als der Schwindel jedoch auffliegt, will diese nichts mehr von ihm wissen.

Doch so leicht gibt Max nicht auf. Er folgt ihr nach Kalifornien, wo es ziemlich heiß wird…

***

Caruso Matarese

wurde in Fort Knox, Kentucky USA geboren und wuchs in New York City auf. Er studierte Englisch und Geschichte in den USA und Deutschland.

Verheiratet ist er mit der bekannten Malerin Claudia Hansen und lebt abwechselnd in Deutschland und Long Island, N.Y. (USA)  |  www.caruso-matarese.com

***

Anmerkung des Verfassers

Dieser Roman entspringt voll und ganz meiner grenzenlosen Phantasie.

Alle Personen und Begebenheiten sind frei erfunden.

Eventuelle Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen und Örtlichkeiten sind rein zufällig.

***

In Erinnerung an meinen besten Freund

Thomas Guth

(*1964 - †1977)

***

1. Erkenntnis

Ich hätte nicht Journalismus studieren sollen.

Nach dreizehn Jahren Berufsalltag bin ich so deprimiert wie ein junger katholischer Priester, dem es schlagartig bewusst wird, welchen grossen Fehler er in seiner Berufswahl begangen hat.  Warum Journalismus? Warum nicht Lehramt? Fächerkombination: Englisch und Sport! Oder: Jura! Dann wäre ich jetzt auch eventuell nachmittags im Fernsehen und hätte meine eigene Sendung: „Richter Unhold, der Rächer der Enterbten“! Oder ich hätte nicht studiert, sondern ‚nur’ Koch gelernt. Dann hätte ich wiederum höchstwahrscheinlich meine eigene Fernsehsendung. Warum gab es keine professionelle Berufsberatung, die einem gesagt hätte, dass man seinen Idealismus bei diesem Job lieber zuhause lassen sollte. Aber warum hätte ich es dann studieren sollen? Ist es nicht die Triebfeder eines jeden jungen Journalisten, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit publik zu machen und somit die Welt zu retten, oder zumindest versuchen, diese besser zu machen? Ich zerfließe vor Selbstmitleid. Und dann noch die mittelmäßige Bezahlung. Wenn ich da an meine früheren Kommilitonen denke, die Jura, Medizin oder Ingenieurwesen studiert haben. Die sind heute allesamt happy. Sie haben zum einen, mangels Zeit, kaum Gelegenheit, ihre Tätigkeit zu hinterfragen, zum anderen aber auch keinen Grund dazu, da sie Kohle ohne Ende scheffeln. Als junger Journalist ist es ratsam der Sohn eines Verlegers zu sein, dem der ganze Laden gehört. Wenn der eigene Vater dann auch noch auf einen hört, steht dem journalistischen Glück nichts mehr im Wege! Aber wer hat schon seinen allround Wunschvater? Pia vielleicht? In der normalen Journalistenwelt gehört die Zeitung nicht einer Familie, sondern in der Regel einem Konzern, selbstverständlich politisch unterlaufen, tendenziell rot, was an sich nicht so tragisch wäre, allerdings fällt denen bereits seit längerem nichts mehr ein. Gut, den anderen irgendwie auch nicht. Wie bei einem Angestellten hat man seinen Chef, der einem vorschreibt, was man zu schreiben hat und es dann absegnet, wenn man es geschrieben hat. Wenn man Pech hat, war alles umsonst. Wo bleibt da die Kreativität?

Onkel Richard in Kalifornien sagt: „Just write a god damn book”! (Soll / muss ich das jetzt übersetzen? Auf Deutsch: “Schreib' doch einfach ein Gott verdammtes Buch!) Großtante Phyllis (92, New York City) meint: “Become an actor; then you can show emotions and even get paid for it!” (zu Deutsch: “Werde Schauspieler, dann wirst du noch dafür bezahlt, dass du deine Emotionen auslebst!”) Mein geliebter verstorbener Vater war so stolz, dass ich Journalist wurde. „Die Mächtigen ein wenig provozieren“, pflegte er zu sagen. Solllte ich mich tatsächlich mal literarisch austoben wollen, müsste ich mich als Deutsch-Amerikaner für eine Sprache entscheiden. Ich schreibe auf Deutsch, lasse es dann ins Englische übersetzen oder schreibe lieber gleich auf Englisch, wegen der einfacheren Sprache. Wieso zerbreche ich mir hierüber eigentlich den Kopf? Das steht doch derzeit gar nicht zur Debatte. Zur Debatte steht der Abgabetermin für meinen nächsten Artikel: „Ist die Erhöhung der Praxisgebühr noch sozial gerecht?“ Wer lässt sich so eine dämliche Headline (Schlagzeile) bloß einfallen? Mein Chefredakteur natürlich. Mit seinen fünfundfünfzig Jahren hat er bereits vor fünfzig Jahren seine Kreativität verloren. Will sagen, dass er meiner Meinung nach nie besonders kreativ war. Deshalb ist er ja auch Chefredakteur. Dreifach geschieden und glaubt immer noch, es lag nur an den Frauen. „Wir müssen Themen behandeln, die sich verkaufen lassen!“ Das höre ich mindestens fünf Mal am Tag. Ist mir schon klar. Aber wieso muss ich so was schreiben? Das kann doch sicherlich auch der Gärtner. Der ist wenigstens davon betroffen. Ich nicht, da privat versichert. Der Gärtner – gute Idee, den werde ich diesbezüglich gleich interviewen. Also die „Praxisgebühr“: Eingeführt mit dem Versprechen, die Kassenbeiträge dafür zu senken. Der Deutsche murrte kurz, widmete sich jedoch schnell wieder seiner Urlaubsplanung und war sich ziemlich sicher, dass die Banken ihren Überziehungsrahmen weiter erhöhen würden. Die Kassenbeiträge sanken jedoch nicht, sondern erhöhten sich noch. Was macht der Deutsche? Fährt erst einmal in Urlaub. Egal wohin, einfach weg. Die eine Hälfte nach Spanien, die andere auch nach Spanien. Und alle übrigen nach Mallorca. Das Thema „soziale Gerechtigkeit“ hat was, merke ich. „Sozial gerecht“. Wieder frage ich mich, wie ein angeblich so gebildetes Volk, dies einfach so hinnehmen kann. Ist es denn tatsächlich möglich, dieses schöne Land immer noch mit einigen wenigen, subtilen politischen Parolen, dermaßen effizient zu manipulieren und auf Linie zu bringen, wenn nicht gar „gleichzuschalten“? Nach Hartz IV, mit all seinen menschenverachtenden Auswüchsen, müsste doch selbst der allerletzte Spätentwickler mitbekommen haben, dass es keine soziale Gerechtigkeit mehr gibt und streng genommen nie eine gab. Ich schweife vom Thema ab, da ich wieder an Pia denke.

„Ist die Erhöhung der Praxisgebühr noch sozial gerecht?“ Ich kann das nicht. Mir fällt hierzu nichts ein. Leere! Stille! Langeweile! Mich interessiert dieses Thema par tout nicht. Mann, bin ich vielleicht frustriert. Warum ist das journalistische Niveau bundesweit so dramatisch gesunken? Als George W. Bush noch Präsident war, da hatten sie Themen ohne Ende. Bereits hier war ihr Niveau so weit gesunken, weil sie sich von Schröder und seiner dubiosen Gang haben kaufen lassen. Keine Silbe über Vladimir Putin. Der war mindestens genauso kriegsversessen wie Bush. Siehe Tschetschenien, Putins Irak. Wer hat dagegen protestiert? Niemand! In Deutschland – niemand! Nicht einmal Leute, die generell gern protestieren, egal gegen was! Ich glaube ich kündige. Am besten ich rufe jetzt Pia an. Das Problem ist nur, dass sie eigentlich gar nichts von mir wissen möchte. Die Betonung liegt auf „eigentlich“. Was soll ich damit? Will sie nur, dass ich mich noch mehr um sie bemühe? Hab ihr doch einen schönen langen Brief geschrieben, der ihr zwar nicht gefällt und den sie „verwirrend“ findet, den sie aber auch nicht weggeschmissen hat und mir versicherte, dass sie ihn nochmals lesen würde. Okay, zugegeben, er war echt nicht der Hit, aber wann hat sie denn das letzte Mal einen Brief von einem männlichen Verfasser in Schönschrift erhalten? Ich dachte, die Absicht zählt. Ich weiß, ich kann das besser. Im Übrigen: Lass dich nie mit einer Mathematikerin ein! Die sind dermaßen kopfgesteuert, dass sich die Reise zum Mars leichter gestaltet, als ihr Herz zu erobern. Pia ist eine waschechte Naturwissenschaftlerin, fünfunddreißig Jahre „jung“. Abitur mit neunzehn. Studium zur Diplom-Mathematikerin in fünf Jahren, inklusive Diplomarbeit. Anschließend Promotion, die sie im Alter von siebenundzwanzig Jahren, ebenfalls mit „Summa cum laude“, ablieferte. Arbeitsbeginn als Mathematikerin in Zürich mit siebenundzwanzig. Mit einer Liebe zu Zahlen und Formeln, auf die man eifersüchtig werden könnte. Die wenigsten promovierten Mathematiker weltweit sind weiblich. Logisch. Frauen mit einem naturwissenschaftlichen Talent streben in der Regel den Beruf einer (Gymnasial)Lehrerin an. Die beliebtesten Fächerverbindungen sind dabei: Mathe-Physik, Mathe-Sport, Physik-Sport oder noch Chemie dazu, auch ein spaßiges Fach. Mathe-Physik-Chemie, Chemie-Sport, Chemie-Physik oder nur Mathe-Chemie anstatt Mathe-Physik. Meiner Meinung nach, wäre Mathe-Sport die perfekte Kombination für sie gewesen, da sie zusätzlich zu ihrer mathematischen Obsession noch wahnsinnig sportlich ist. Oder alternativ Medizin? Dr. Elliot Reed! Wie die gleichnamige Ärztin aus der Fernsehserie: „Scrubs – die Anfänger“. Genau: Ich bin „JD“ der junge Arzt aus der eben erwähnten TV-Serie. Und Pia ist die eben erwähnte Elliot. Weiterhin glaube ich, dass Pia, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, etwas Besonderes ist. (Sollte ich „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ in Anführungszeichen setzen? Versteht der gebildete Leser, was ich damit sagen möchte?) Also, ich nicht. Ich hab’ den Faden verloren…

Im 21. Jahrhundert sollte doch das Alter zweitrangig sein, wenn man seiner großen Liebe begegnet - oder? War Picassos Frau nicht auch um einiges jünger als er? Oder der Joschka Fischer? Der Fischers Joschka. Heiratet der nicht auch ständig Frauen, die mindestens seine Enkelinnen sein könnten? Bingo! Wenn man herausfindet, was für ein einmaliger Mensch sein Gegenüber ist, spielt da das Alter überhaupt noch eine Rolle? Ich sag’ immer: Lieber ein paar Jahre mehr an Lebenserfahrung. Sexuell gesehen, auch nicht zu verachten. Apropos sexuell. Mir ist aufgefallen, dass ich in ihrer Gegenwart nicht einmal an Sex gedacht habe oder doch? Wenn ja, dann nur für den Bruchteil einer Sekunde, denn sollte sie eventuell noch über telepathische Fähigkeiten verfügen, wäre ich Gefahr gelaufen, dass mein eh schon mäßiger Eindruck bei ihr, restlos und irreparabel den Bach ’runter gegangen wäre. Dabei finde ich sie sogar sehr sexy. Eine Figur wie eine Leichtathletin. Und einen Hintern…was für ein Rodin ähnlicher, perfekter, nicht in Marmor gemeißelter, Arsch! (Ich meine: Hintern, Po, Gesäß - wegen der begehrten Jugendfreigabe. "Freigegeben ab sechs Jahren!" Steht dann vorne auf der Umschlagsseite. – Anmerkung des Verfassers) Es erschien mir wie eine Offenbarung, als sie endlich über sich sprach. Mit einer Tiefe und Substanz, welche mir den Boden unter den Füßen wegriss. Beruflich ist sie bereits eine erfahrene Mathematikerin, der so schnell keiner was vormacht. Kenntnisse und Fertigkeiten in IT und Programmierung, welche der Trinity aus „Matrix I“ in nichts nachstehen und Bill Gates alt aussehen lassen. Vielleicht sollte sie sich selbstständig machen und eine eigene Softwarefirma, mit mir als Geschäftsführer, gründen? Sie könnte sicherlich jederzeit ein neuartiges Betriebssystem entwickeln, welches Windows überflüssig macht. Oder einen virtuellen Spickzettel entwickeln, welchen man als App auf sein Handy laden könnte.

Die existenzielle Frage, die sich mir derzeit stellt und für die ich meinen rechten – nein, lieber den linken Arm geben würde, ist: „Who is she“? (= Wer ist sie?) Als Frau. Ihre Seele. Was beflügelt ihre Seele? Wie würde es sich für uns beide anfühlen, wenn ich sie wie in dem Film „Mondsüchtig“ mit Nicolas Cage, in der Oper oder im Kino, minutenlang heimlich oder auch nicht heimlich, einfach nur anschauen würde? Und dann, wenn sie bemerkt, dass ich sie heimlich oder auch nicht heimlich anschaue, sie meine Blicke erwidern würde, mit einer Intensität, dass mir schwindelig werden würde und gleichzeitig nach meiner Hand tastend, um sich dann wieder den darstellenden Künsten zu widmen, während sie ihren Kopf auf meine Schulter legt? (Achtung aufmerksame Leser: Das war semantisch gesehen ein schwieriger Satzbau; könnte noch häufiger passieren, da ich von Berufs wegen nicht gewohnt bin, so viel am Stück zu schreiben. Anmerkung des Verfassers – also von mir.) Hat man ihr bereits das Herz gebrochen? Was träumt sie in ihren Nächten, die sie nach meinen Kenntnissen ebenfalls immer alleine verbringt? Hat sie gelegentlich Albträume? Träumt sie von ihrer geliebten Mathematik? „Ich habe nie verstanden, wie man in Mathe schlecht sein kann“, war eine ihrer ersten Statements über ihren direkten, leicht arroganten, aber humorvollen Charakter. „Ich schon, Baby, ich hatte fast immer Fünfer in der Schule (sowohl in Mathe als auch in Physik) und wenn ich den Mathe- bzw. Physiklehrer nur schon von weitem sah, hätte ich ausgiebig kotzen können.“ Mathe (und Physik) waren in meiner vierzehnjährigen (einmal wiederholt) Schullaufbahn, permanent der Spiegel meiner schulischen Performance, da ich so faul war, wie ein mexikanischer Landarbeiter. (Nichts gegen mexikanische Landarbeiter!)

Freud meint, Träume sind – neben den Augen – der Spiegel der Seele. Wenn er richtig liegt, müsste ich also nur herausfinden, was sie so träumt und ich wüsste, wer sie ist. Aber wie soll ich das anstellen, wenn sie sich eigentlich gar nicht mehr mit mir verabreden möchte? Zitat: „Das würde mich ja Zeit und Energie kosten.“ Ich bin mir sicher, das hat noch keine Frau zu mir gesagt. Schlechter Plan. Sie sagt, sie suche etwas „Festes“. Suchen wir das nicht alle? Dieser Satz hat mich dann schon ein wenig enttäuscht. Ehrlich gesagt, war ich am Boden zerstört, zerschmettert. Mein Leben machte – während sie das mit der „Zeit und Energie“ verlauten ließ – keinen Sinn mehr. Ich war in diesen Minuten dem Untergang geweiht. Etwa so wie Franz Kafka, Virginia Woolf oder Ernest Hemingway. Und dann noch der Satz mit „etwas Festem suchen“. Dieser „Satz“ stellte mich vor große, schier unlösbare Rätsel. So etwa wie der – letzte - „Große Fermatsche Satz“. Erstens weil ich glaube, dass sie mit was „Festem“ – mangels Zeit gar nicht so einfach klar kommen würde und zweitens weil sie damit andeutet, dass ich es nicht bin, obwohl sie mich gar nicht kennt, und auch nicht zulässt, dass sich daran etwas ändert und drittens, wie man über 330 Jahre benötigen kann, um eine ‚Randnotiz’ eines Pierre de Fermats, bei seinem „Großen Fermatschen Satz“, zu beweisen. Hat sie denn tatsächlich mit ihren fünfunddreißig Jahren dermaßen wenig Plan in Liebes- und Beziehungsdingen, dass sie sich weigert, einen Menschen näher kennenzulernen, der so unerwartet in ihr Leben getreten ist, dass sie sich eigentlich fragen müsste: „Did heaven send me an angel?“ (Für Leser, die tatsächlich in Zeiten von „Germany’s next top model“ noch des Englischen nicht mächtig sind, übersetze ich hin und wieder anglikanische Sätze. Hier: „Hat mir der Himmel einen Engel geschickt?“) Vielleicht bin ich ja das verkannte Genie, wie in „A beautiful Mind“ (zu Deutsch: „Ein schönes Gemüt“) mit Russel Crowe. Und sie wird meine Frau wie im Film. Oder noch besser, sie ist das mathematische Genie, also ein weiblicher Russel Crowe und ich bin seine bzw. ihre Frau, also ihr Mann. Wer hat schon einen Plan, wenn es um Liebesangelegenheiten geht? Wo sind ihre Exfreunde abgeblieben? Waren die nicht ganz dicht oder was? Ich hätte sie nicht mehr gehen lassen. Gab es in ihrer Gegend keine sympathischen Jungs? Oder ist sie möglicherweise doch lesbisch? Ich hätte sie bereits in der Uni angesprochen, sie umgarnt, sie zum Essen ausgeführt, ins Kino eingeladen, mein Studienfach gewechselt, sie binomische Formeln abgefragt, eine komplette Disco für einen Dirty-Dancing-Abend nur für uns gemietet, ihre Eltern von meinem einmaligen Charakter überzeugt und Volleyball spielen gelernt, um für laue Sommerabende mehr Gesprächsthemen zu haben. Leider war ich damals nicht online. Was hätte sie zu verlieren, wenn sie mich näher kennen lernen würde? Sie kann doch eigentlich nur davon profitieren. Erfahrungen sammeln und so weiter. Oder hat sie womöglich Angst, sich – wieder - in den Falschen zu verlieben? Sehe ich es doch einmal aus ihrer Perspektive: Da kommt so ein gut aussehender Italo-Ami-Deutscher, also ICH, daher, der ihr Komplimente macht, dass ihr schwindelig wird, einen liebenswerten Charme an den Tag legt und dabei schwindelt bzw. lügt, dass man von einer Neuauflage „Pinocchio II“ sprechen könnte. Ich spiele eine Doppelrolle: Pinocchio und den Esel.

Wo war ich? Ach ja: Schon unser erstes Date war eine grandiose Leistung an Terminen und Zeitabsprachen, bis es dann endlich geklappt hat. Und dann war ihre Zeit immer strikt begrenzt. Entweder hat sie vergessen, dass das jetzt privat ist und nicht Job oder eine Art Ausrede, um flüchten zu können, wenn ihr der Boden zu heiß wird. Oder ich war einfach nur ein weiterer Kandidat in ihrer Hitliste: „Jetzt suche ich mir was Festes“. Ein Termin jagt den Anderen. Und jedes Mal trägt sie diesen verdammt sexy Rock. Was mir bei ihr aufgefallen ist: Sie schien so nervös und verletzlich, viel jünger als fünfunddreißig. Total unerfahren und unschlüssig im Umgang mit sich selbst. Lachte regelmäßig verlegen. Fast kindliche Züge zeichneten sie aus. So unschuldig und verletzlich, vorsichtig tastend nach möglichen Gefahren, um die Hand schnell wieder wegziehen zu können, falls es zu heiß werden würde. Als ich sie fragte, ob sie ihren letzten Freund denn geliebt hätte, kam ein mehr nachdenkliches „Ja“. In der Art: „Was fragst du mich denn nach Liebe? Wir waren halt irgendwie zusammen. Und das an die fünf oder sechs Jahre.“ Ich hakte dreist nach: „Wie war der Sex?“ – oder so ähnlich. Sie antwortete, richtig gehend ein wenig entsetzt: „Nicht so toll!“. Schien ziemlich irritiert über meine Fragen, antwortete aber trotzdem relativ schnell und ehrlich. Vermute ich zumindest. Wenn ich so überlege, ist es mir völlig unverständlich, wieso ich mich nicht mehr auf sie und ihre Situation eingestellt habe. Geständnis eines neurotischen Schwindlers bzw. Lügners: (Siehe oben, Abschnitt "Pinocchio"!) Warum um alles in der Welt, habe ich die Sache mit dem Arztberuf dermaßen übertrieben? Möglicherweise denkt sie jetzt, das sollte eine Art Masche gewesen sein, um Frauen in die Kiste zu bekommen oder der Typ hat voll einen an der Klatsche. Beides stimmt nicht. Obwohl… Letzteres… vielleicht doch. Als Möchtegern-Schauspieler könnte ich erwidern, dass ich mich zu sehr dieser Rolle verschrieben hatte (zu viele Arztserien im Fernsehen), niemanden damit in die Kiste bringen wollte und in diesem Leben nicht mehr mit ihr gerechnet hatte und als mir wieder einfiel, dass ich gar kein Arzt bin, bereits drei Dates vorbei waren. Ich wollte definitiv nichts Böses. Andererseits – zu meiner Verteidigung, und dieses Recht darf mir keiner verwehren – hätte sie doch niemals auf meine Anzeige reagiert, wenn ich geschrieben hätte: „Chaotischer, lonesome heart, gefrusteter Journalist, sucht die Frau, die es gar nicht gibt.“ „Arzt“ klingt da schon besser – oder? Verständlicherweise ist sie sehr enttäuscht, „verärgert“ und stellt unsere gemeinsam verbrachte Zeit vehement in Frage. Fast zehn Stunden ihres ausgefüllten Lebens hat sie mir geopfert und mir fällt nichts Besseres ein, als zu lügen beziehungsweise zu schwindeln (Verweis auf Pinocchio und den Esel!). Maximillian (oder Mäx) - the liar. Mit diesem Brandmal bin ich in ihren Erinnerungen abgespeichert und habe mir höchstwahrscheinlich eine Wiedergutmachung verscherzt. Dabei entsprach jedes Wort über sie der vollen Wahrheit. Jack Nicholson in dem US Kinofilm „Besser geht’s nicht“ sagte entschuldigend zu seiner Angebeteten, Carol der Kellnerin: „I should have danced with you!“ - „Ich hätte mit dir tanzen sollen!“ - Was soll ich sagen? Zum tanzen kam es ja leider nicht. Weiß nicht einmal welche Musik sie mag, oder ob sie gerne tanzt.

Kurzes Plädoyer: Hab mich entschuldigt.

Nur wenn sich anscheinend eine Mathematikerin entschieden hat, dann bedarf es mindestens eines göttlichen Wunders oder der Erweiterung der Relativitätstheorie (Ich weiß, dass ist jetzt Physik; mir fällt nur momentan kein besseres Beispiel ein.), um noch eine kleine Chance bei ihr zu bekommen. Ich wünschte, ich wäre Rudy Baylor aus John Grisham’s „Der Regenmacher“! Und sie sei Kelly Riker, aber ohne die häusliche Gewalt. Wenn ich Rudy Baylor wäre und Pia wäre Kelly, dann würde auch der Altersunterschied stimmen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr gelange ich zu der Überzeugung, dass Pia tatsächlich Kelly sein könnte. Kelly ist Romantik pur. Pfeif auf das Mathestudium. Pfeif auf das Diplom. Pfeif auf den doofen Doktor Titel. Pfeif auf die Realität. Und Rudy ist ein Glückspilz. Und es gibt ein Happy-End. Ich liebe Happy Ends. Zurück in die Gegenwart: Ich bin so ein Depp. Ein Trottel. Ich bin Simon Peters, der “Vollidiot”. Mach mich verrückt wegen dieser rätselhaften Pia und habe gleichzeitig null Ahnung, wie ich diesen dämlichen Artikel für dieses dämliche Käsblatt angehen soll. Für gute Recherche ist es in diesem Fall zu spät. Wenn das so weitergeht, rufe ich wieder einmal meine Therapeutin an.

***

2. Noch mehr Erkenntnis

Wieso ödet mich mein derzeitiges Leben nur so an?

So, Bernd das Brot, du hast Recht. Ich habe nie gejagt. Ich lehne Jäger und ihren tödlichen Beruf total ab. Ich traute mich nie an die wahre Liebe heran. So einfach ist das. Scheidungskind extrem! Ergebnis: Frustrierter Single und kein einziges gezeugtes Kind, das sich irgendwo in der Umlaufbahn befinden könnte. (Und Pia’s Dad’ hat vier Kinder, inklusive „ihr“. Wie hat er das nur geschafft?) Bin ich jetzt schon eine gescheiterte Existenz? Brainstorming: Die Fakten: Bin vierzig Jahre alt und spürbar unzufrieden mit meinem Job. Selbst die Jungs von der Müllabfuhr sind glücklicher. Bin wieder mal Single und unglücklich verliebt in eine Frau, die ich nicht kenne und die sich weigert, mit mir einen Kaffee trinken zu gehen. Gescheitert eben. Dale Carnegie verkündet: „Heute beginnt ein neuer Tag. Alles wird gut!“ Oder so ähnlich. Was weiß der schon? Hätte ihn gerne mal erlebt, wenn er einen Artikel hätte schreiben müssen, mit dem Thema „Ist die Erhöhung der Praxisgebühr noch sozial gerecht?“, welchen er übermorgen abgeben müsste.

***

3. Trip in die Vergangenheit

Gestern machte ich einen Abstecher zu dem Internat, in welchem ich als Kind für ein Jahr verweilen durfte. Bemerkenswert deswegen, weil es ein Tag vor meinem vierzigsten Geburtstag war und ich über die Jahre ca. eine Milliarde Mal daran vorbei gefahren bin, ohne das Verlangen, dort anzuhalten. Dieses eine Jahr – ich war elf Jahre alt, erstes Jahr Gymnasium – war das traurigste in meinem Leben und ich frage mich, wie man so etwas seinem Kind antun kann? Daher wurde es wohl höchste Zeit für mich, dieses Kapitel meiner jämmerlichen Kindheit aufzuarbeiten. Wie aus dem Nichts und Dank wundersamer Fügung traf ich eine Lehrerin – es sind ja immer noch Sommerferien – die sich freundlicherweise und zu meiner Überraschung die Zeit nahm, mich durch die Flure der Erinnerung zu führen. Wie sich herausstellte, begann Frau Ruland vor (ca. dreißig Jahren) just in den Tagen als ich dort einsitzen durfte, ihre Lehrertätigkeit an meiner Schule. Sehr vieles war in den letzten Jahrzehnten umgebaut und verändert worden. Ich benötigte eine ganze Weile, um mich zu orientieren und zu erinnern. Dank der Anwesenheit von Frau Ruland, konnte ich in jedes Zimmer, in jeden Gang reinschauen. Wie ein routinierter und geübter Fremdenführer erörterte sie mit mir, wie es früher war. Es war noch alles da – abgespeichert. Die Namen der Lehrer und Betreuer, geliebt und gehasst, der Geruch in den Zimmern und Gängen, Namen von Mitschülern – ebenfalls geliebt und gehasst – sportliche Events die ich meistens gewonnen hatte – sportlich hat mir keiner was vormachen können – der Vorfall als ich mich übergeben musste, da ich noch nicht wusste, dass ich an einer angeborenen Laktoseintoleranz litt. Die einmalige und gescheiterte, versuchte Verführung spät nachts, durch einen Jungen namens Michael O., sowie die vielen endlosen Stunden der Einsamkeit.

Für ein Kind wie mich, war es die Hölle auf Erden.

Da war der Herr Niedermüller, ein kleiner Sadist, der uns Jüngeren in der Unterstufe zu oft Ohrfeigen verabreicht hat und gerne mit seinem Hobby, der Jagd prahlte. Bereits verstorben. Unser Betreuer, Herr Schmidt, ein Hüne von Mann, mit Händen so groß wie Teller, mit viel Humor und daher liebenswert. Ebenfalls verstorben. Frau Aufermann, die Englischlehrerin, gutherzig und unterhaltsam, aber mit einem üblen Mundgeruch. Sie beugte sich meistens so weit zu uns herunter, um unsere Mitschrift zu verfolgen, dass mir regelmäßig schlecht wurde. Leider auch schon verstorben. Unsere Mathematik und Physiklehrerin, Frau Römig, füllig wie eine Frau die wahrscheinlich mehrere Kinder zur Welt gebracht hat oder einfach nur gerne isst. Aber verständnisvoll uns Kindern gegenüber. Vor allem gegenüber derer, die sich – wie Millionen von Schülern – mit Mathe und Physik schwer taten, zu denen ich selbstverständlich auch gehörte. Wir mochten sie sehr und ihr gelang das Kunststück, dass wir uns sogar auf ihre Unterrichtsstunden freuten. Sie war die einzige Mathelehrerin, bei der ich nicht bereits das große Zittern bekam, wenn ich sie auch nur von weitem sah. Ich hatte sie wirklich sehr gerne. Und wenn ich mal jemanden in mein kleines Herz geschlossen habe, erfüllen mich die Erinnerungen an ihn, mit Freude. Ob sie noch lebt, habe ich vergessen zu fragen. Wahrscheinlich habe ich befürchtet, sie könnte auch schon verstorben sein. Ich bemerke, wie mir magentechnisch spürbar unwohl wird. Mein Gott, ich hatte ja keine Ahnung, dass mir diese Phase meines Lebens, nach fast dreißig Jahren immer noch so zusetzt! Da war noch diese Telefonzelle. Es gab nur diese Eine. Unmittelbar an der Straße, bevor man den kurzen Weg zum Internat hinter sich gebracht hatte. Symbolisch, die letzte Verbindung zur Außenwelt, die im Eingangsbereich des Internats schließlich endete. Diese Telefonzelle – heute lediglich ein modernes offenes Design, in welchem man vor lauter Lärm nichts versteht – damals das geschlossene gelbe Telefonhäuschen, wo man Stunden um Stunden hätte verbringen können, wenn es nicht so schmuddelig gewesen wäre. Diese Telefonzelle – exakt an dem Ort wie vor knapp dreißig Jahren – entpuppte sich als der Mittelpunkt meiner Erinnerungen. Denn das für mich so einsame Jahr 1979, in diesem muffigen Internat, reduzierte sich zu jenen fünf Minuten, an diesem einen Tag in dieser einen Telefonzelle, als ich verzweifelt und verloren meinen Vater anrief. Weinend flehte ich ihn an: „Hol` mich bitte,bitte hier weg! Ich bin krank.“ Tatsächlich war ich krank, Blindarmalarm. Ob er nur eingebildet war oder ich wirklich starke Schmerzen hatte, weiß ich nicht mehr. Tendiere jedoch zu der Erkenntnis, dass es simuliert war. Der letzte Hilferuf eines extrem unglücklichen Kindes. Eines Kindes, das wie Millionen anderer auch, sich zu tiefst im Stich gelassen fühlte. Und dass diese Wunde, wie ein brennendes und tief in der Seele quälendes Stigmata, mich ein Leben lang begleiten würde. Das Wunderbarste auf Erden, Tonnen der Erleichterung, Freudentränen von biblischem Ausmaß, unzählige Tage der Einöde (kurze Wochenenden ausgenommen) und Einsamkeit lösten sich in Nichts auf, denn mein Dad' kam so schnell mich abholen, als hätte er nur auf meinen Anruf gewartet und befreite mich somit aus diesem Kindergefängnis. Er war Sergeant in der U.S. Army und fuhr einen roten Amischlitten. Ich sah ihn schon von weitem. Ich liebte ihn von ganzem Herzen und beschloss, ihm hierfür ewig dankbar zu sein. Da stand ich nun mit meinen fast vierzig Jahren und war dermaßen in der Vergangenheit versunken, wie in einer Art Zeitmaschine. Es war ein herrlicher heißer Sommertag an diesem neunzehnten August 2009. Wie bizarr hat dieser Mann (Ich!) wohl ausgesehen, der so traurig und leer vor sich hin starrte? Die Straße vor dieser Telefonzelle war einsam und verlassen. Ich kam mir vor, wie in dem Kinofilm „Vanilla Sky“ mit Tom Cruise und Penelope Cruze, als für eine Szene eigens der Times Square in New York total gesperrt wurde und Tom Cruise dann ganz verloren inmitten dieses großen Platzes stand. Es war eine moderne Variante der „Ohnmacht“, also „ohne Macht“. Ich befand mich zwar nicht auf dem „Times Square“ in New York City, dafür aber an einer Telefonzelle vor (m)einem dämlichen (Ex) Internat. Meine „Ohnmacht“ war dieselbe.

Mein Dad’:

Eric Hendricksen, geboren am 27. September 1941 in New York City, USA. Gegangen ist er an einem eiskalten 6. Januar 2008. Er wurde nur sechsundsechzig Jahre alt. Das Kind von Einwanderern. Sohn eines Dänen, Benny Hendricksen, und einer Italienerin namens Lucia Matarese. Jüngerer Bruder, Richard. Aufgewachsen in Harlem, Stadtteil „Washington Heights“, 171ste Straße. Damals eine verruchte Gegend, wo man bei Dunkelheit besser nicht hinausgehen oder U-Bahn fahren sollte. Heute eine begehrte Wohngegend, die kaum mehr zu bezahlen ist. Dad war unbeschreiblich humorvoll und hatte Temperament. Ein Italiener halt. Er lebte seine Persönlichkeit. Er war authentisch. Ich musste ihn als Kind nur anschauen und konnte abschätzen, woran ich war. Auf diese Weise entging ich seinen gelegentlichen Wutausbrüchen, da ich den benötigten Sicherheitsabstand millimetergenau einhielt. Ein Temperament, dass ich volle Kanne von ihm geerbt habe. Ein besseres Wort für „Temperament“ ist „Extrovertiertheit“. Auch die habe ich von ihm geerbt.

Eintrag in mein nicht existentes Tagebuch:

Die Vergänglichkeit des Lebens trifft mich mit einer Wucht, der ich rein gar nichts entgegen zu setzen habe, –"niente". Unbegreiflich! Mir fehlen die Worte, und das kommt äußerst selten vor. Dad’ unterliegt jedoch nun seit fast zwei Jahren den unwiderruflichen physischen und physikalischen Gesetzen dieser grausamen Zeiteinheit. Bereits früh, viel zu früh, wurde ich mit diesem Thema, der Vergänglichkeit, konfrontiert. Als Teenager, mit dreizehn – zeitgleich mit dem Ausbruch der heftigsten Pubertät auf Erden – war ich gezwungen den viel zu frühen Tod meiner abgöttisch geliebten Großmutter, Oma Gerda, zu verkraften. Sobald ich laufen konnte, machte ich in mein Sandkasteneimerchen. Ich lief stolz zu ihr hin und rief: “Gerda: A - A!“ Nur bei ihr machte ich das. Nur ihr vertraute ich bedingungslos und wusste, wenn sie in meiner Nähe war, konnte mir nichts passieren. Sie war in jener Zeit die entscheidende Bezugs- und Vertrauensperson in meinem jungen Leben (und sollte es immer bleiben!), da ich als übersensibles Kind bereits spürte, dass meine Eltern bald „getrennte Wege“ gehen würden. Oma war die erste. Thomas G., mein bester Kindheitsfreund, war der zweite. Er starb bei einem Autounfall mit zwölf Jahren. Nicht angeschnallt. Vergänglichkeit im Doppelpack.Korrektur:

Ich werde alt.

Ich vertue mich in einer wichtigen Chronologie: Zuerst „ging“ oder „verließ“ mich mein Thomas. Hier erhielt mein junges Herz seinen entscheidenden ersten Riss oder „Crack“ (US-amerikanisches Englisch), mein Herz war angeschlagen und „vorbereitet“ für das „was kommen möge“. (Zu viele Anführungszeichen? – Ich „liebe“ Anführungszeichen!) Andere Formulierung: Eine schwere Gehirnerschütterung, erlitt ich als leicht hyperaktives Kind, im Alter von neun Jahren. Dann folgte mit zwölf, meine erste schwere „Herzerschütterung“. Meine Gehirnerschütterung war glücklicherweise gut verheilt. Ein gutes Jahr später „verließ“ mich mein „Schutzengel“, in Gestalt meiner „Ersatzmutter“: Oma Gerda. Mit dreizehn erlitt ich medizinisch korrekt formuliert, meine zweite schwere „Herzerschütterung“. Nichts gegen ‚Gehirnerschütterungen’ in den gängigen Varianten; aber die Krönung medizinischer „Erschütterungen“ sind aus meiner intensiven Erfahrungen, die „Herzerschütterungen“. Eigentlich hätte mir hier schon klar sein müssen, dass mein Leben ein gefühlsmäßiger, brutaler Spießrutenlauf werden würde. Ich will an dieser Stelle bestimmt nicht die Melodramatik neu erfinden, aber „heute“ ist es mir völlig unverständlich, wie ich es durch diese finstere und extrem deprimierende Zeit meines jungen Lebens schaffte. Tröstete ich mich damit, dass es „andere“ noch schwerer hatten? Nahm ich Medikamente? Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich diese frühen und völlig unerwarteten Verluste, verkraftet habe.

***

4. Neubeginn

Vor zwei Tagen habe ich gekündigt.

Mein Chef hat mich angesehen als wenn ihm die vierte Scheidung drohte. Das Erste was ihm dazu einfiel und was mich so viel interessierte, als wenn in China ein Sack Reis platzen würde, war: „Ob wir Ihre Stelle wieder besetzen werden, ist zu bezweifeln. Wir müssen sparen.“ So war er eben. Ein typischer Chef. Auf der ganzen Linie deplaziert und mit allem überfordert. Ich fühlte mich, wie in einem dieser amerikanischen Filme. In einem großen Karton trug ich erleichtert meine Bürosachen hinaus. Dank vieler Überstunden und ausstehendem Urlaub konnte ich sofort gehen und spürte, wie fehl am Platz ich hier die ganze Zeit war. Überrascht stellte ich fest, dass ich zu keinem meiner Kollegen – kaum Kolleginnen – eine engere Beziehung hatte. Und das nach zehn Jahren. Lediglich vom Hausmeister verabschiedete ich mich. Ich mochte ihn. Ein sympathischer „Ossi“. Man merkte nicht, dass er „rüber gemacht hat“, da er ein astreines Hochdeutsch sprach. Ist auch egal. Was ihn auszeichnete war der Umstand, dass er immer freundlich und hilfsbereit war und einen angeborenen Humor besaß. Eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Griesgrams. Er war glücklich verheiratet und hatte drei wunderbare Töchter, im Alter von fünf, sieben und elf Jahren. Die Jüngste, Amelie, hatte er in den Schulferien oft dabei. Ich konnte in ihr meine eigene Tochter sehen – wenn ich denn eine gehabt hätte. Sie erwiderte meine Zuneigung, da sie manchmal, wenn ihr Daddy in unserem Großraumbüro zu tun hatte, zu mir kam und wissen wollte, was ich da gerade machte. Da ich ihren Papa gut kannte, durfte sie sich neben mich setzen und malen. Roland war froh, wenn sie bei mir war, denn dann konnte er sich auf seine Arbeit konzentrieren und musste nicht immer mit einem Auge nach ihr Ausschau halten. Amelie war sehr flink. Ab dem Moment da sie neben mir saß, wurde sie sehr schüchtern und schaute abwechselnd auf den Monitor und auf mich. Was machst du da und was ist das – auf den Monitor deutend, waren ihre Lieblingsfragen. Diese genügten auch, um eine herzliche „Unterhaltung“ zu führen. So viel, wie mit ihr, lachte ich selten und so schnell, wie sie mir ihre Aufmerksamkeit schenkte, so schnell war sie auch wieder weg, wenn sie ihren Papa aus den Augen verlor. Ich entschied mich daher, den Kontakt zu ihm zu pflegen.

Dank meiner Ersparnisse und des Erbes meines Dads, brauche ich mir vorerst um die finanzielle Seite meines Lebens keine Sorgen zu machen. Clever wie er war, investierte er Zeit seines Lebens in Immobilien. Daher besaß ich nun ein Appartement in New York City und fünfundzwanzig Prozent an einem traumhaften Strandhotel in Santa Monica, Kalifornien. Sorgen machten mir jedoch zwei Aspekte meines Lebens: Zum einen der berufliche. Für mich jetzt ausschließlich ein Aspekt der Kreativität und zum anderen der private: mein Liebesleben. Am Abend treffe ich mich mit Melvin, meinem besten Freund, den ich seit der Uni Zeit kenne und dafür schätze, dass er trotz akademischer Weihen nicht arrogant, überheblich oder zynisch wurde. Weiterhin verbindet uns die Liebe zum Basketball und als Michael Jordan noch aktiv war, verpassten wir keines seiner Spiele. Melvin ist auch Mathematiker und hat mit seinen neununddreißig Jahren bereits eine beachtliche berufliche Laufbahn, mit einem tollen Einkommen, hingelegt. Den Preis hierfür, zahlt er wie ich, mit einem „Single-dasein“. Das Fatale am Managerberuf in der freien Wirtschaft ist zum einen, dass es zu wenige Gute gibt, zum anderen, dass man permanent immens unter Druck steht und streng genommen nur für den Job lebt. Wenn man dann noch Karriere machen will – und wer möchte das nicht – und vergisst, dass es da noch mehr gibt – einen liebenden Partner zum Beispiel – der läuft Gefahr diesen zu verlieren. Melvin wollte Karriere machen, vergaß jedoch, dass er eine Partnerin hatte, die sich neben ihrem Job kaum selbst beschäftigen konnte. Ohne Kinder waren die vielen Abende alleine in der gemeinsamen Wohnung zu viel für Celine und so kam es, wie es kommen musste. Melvin überraschte sie eines Abends mit einem anderen Mann im Bett. Wo sie diesen aufgegabelt hatte, ist ihm bis heute unklar und auch nicht wichtig. Zu retten gab es nichts mehr, da sie sich bereits sehr weit auseinander gelebt hatten. Anfangs dachte er, Kinder seien die Lösung ihrer Probleme. Mittlerweile war er jedoch froh, dass es vorbei war. Celine besaß einfach zu wenig Humor, konnte zu selten herzhaft lachen und war schlichtweg zu negativ. Wie auch immer. Die Trennung verlief relativ friedlich. Außer einem angekratzten männlichen Ego, blieb ihm die reife Erkenntnis, dass auch im einundzwanzigsten Jahrhundert eine erfüllte, spielerische, mit Kompromissen beseelte Liebesbeziehung, nahezu ein Ding der Unmöglichkeit blieb. Aber wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Wie sagt Kate Winslet in dem Film „Liebe braucht keine Ferien“ in einer tollen Szene: „Alles ist möglich.“ Das Gute an Melvins neuem Singledasein war, dass wir für kurze Zeit wieder eine echte Männerfreundschaft hatten. Wir teilten die Begeisterung für Basketball, mochten die gleichen Kinofilme und konnten uns stundenlang über unsere Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht unterhalten.

Da Melvin ziemlich gut aussieht, gibt es aus meiner Sicht nur einen Grund dafür, dass er noch Single ist: Er arbeitet zu viel. Sein Job ist für ihn mittlerweile zur Obsession geworden. Er bezeichnet sich selbst als geborenen Workaholic. Das hätte er früher nie gesagt. Die deutscheste aller deutschen Charaktereigenschaften hat ihn wohl jetzt auch voll im Griff: Leben um zu arbeiten. Leider sehen wir uns daher seit einigen Monaten auch immer seltener. Unseren Telefonaten entnehme ich, dass er sich tatsächlich in die Arbeit geflüchtet hat. Eine Beförderung mit noch mehr Kohle und dafür einen vierzehn Stunden Arbeitstag. Spätestens jetzt hätte ihn Celine zum zweiten Mal verlassen. Meiner Meinung nach, hat er vor seinem Privat- bzw. Liebesleben kapituliert und insgeheim entschieden, nur noch für die Firma da zu sein. Hier bekommt er ausreichend Anerkennung und wer weiß, vielleicht hat er sogar eine Affäre mit einer dieser scharfen Sekretärinnen. – Er fehlt mir! Ich habe noch nie eine Horde so genannter Freunde um mich gescharrt. Obwohl meine Kontaktfreudigkeit es irrtümlicherweise vermuten ließe, war ich auch noch nie ein sogenannter Stammtischtyp. Nichts gegen Gruppendynamik oder Cliquen, der modernen Variante der Gruppendynamik. Der Einzelne kann sich hier gut verstecken. Wenn mehr als drei gleichzeitig losquasseln, eventuell noch in einer Lautstärke bei der oberflächliche Bierzeltstimmung aufkommt, verlasse ich nach fünf oder zehn Sekunden den Raum. Ich „liebe“ ein inspirierendes Gespräch zu zweit. Vor allem wenn mein Gegenüber auch eine kommunikative Ader hat. Wenn nicht, auch nicht tragisch, dann übernehme ich auch seinen Part. Dann kann ein Treffen über Stunden und Stunden gehen, mit einem Glas Wein, am besten einem Amarone und keine Sekunde der Langeweile. Dank dem überfälligen Rauchverbot, kann sich endlich auch ein Nichtraucher in einer tollen Kneipe wohl fühlen. Die Stunden verfliegen. Man kann komplett abschalten, vergisst seinen Alltag und geht in den spannenden Geschichten seines Gegenübers auf. Zum Beispiel, hat man sich ein halbes Jahr nicht gesehen, oder war im Ausland, hat gerade seine Diplomarbeit, vielleicht auch Doktorarbeit, fertig gestellt. Oder es gibt aufregende Neuigkeiten in Beziehungen. Komplizierte Herzschmerzdramen, Trennungen und unerwartete Hochzeiten. Dinge eben, die man nur diesem Einen erzählen möchte und umgekehrt. Das höchste der Gefühle ist, wenn mein Gegenüber auch noch Humor hat und mich zum Lachen bringen kann. Wie zum Beispiel Frank Bauer – oder Franky, wie ich ihn gerne nenne - einem Arbeitskollegen, bei einem großen Verlagshaus. Er kann keinen Satz ohne eine witzige Anmerkung beenden. Inhalte, plus einen oscarreifen trockenen Humor. Er hätte seine eigene Comedy Late Night Show verdient. In den USA hätte er sie. In „Germanien“ zählt Humor zu wenig. Und Kommunikation. Und Spaß. Erst sehr spät führten sie – immer dem Geist der Zeit zwanghaft hinterherhinkend – die „Happy Hour“ ein. Vom bereits nahezu weltweit bestehenden rücksichtsvollen Rauchverbot, ganz zu schweigen.

***

5. Melvin

Seit Wochen telefoniere ich ihm hinterher. Er hat sich unübersehbar stark verändert. Wie kann ein Mensch sich in dieser relativen kurzen Zeitspanne dermaßen verändern? Da ich mit meinem eigenen Leben ganz gut beschäftigt bin, verdränge ich die Tatsache, dass eine Jahrhundertfreundschaft möglicherweise ihr Ende findet. Spontan trafen wir uns auf einer Autobahnraststätte. Dank Mobiltelefonen stellten wir fest, dass wir an diesem Tag gerade dabei waren, in entgegengesetzten Richtungen aneinander vorbei zu fahren. So weit ist es also schon gekommen, dass zwei ehemals unzertrennliche Freunde, sich in einer ungemütlichen Autobahnraststätte treffen müssen. Das war jedoch der Status quo von Melvins neuem Leben. Ein Leben auf der beruflichen Überholspur. Er hat sichtlich abgenommen. Wirkte unglücklich und nervös. Er schwitzte, als hätte er keine Klimaanlage im Auto. Auf meine Frage wie es ihm gehe, antwortete er „so lala“. Eine untypische Antwort für ihn. In diesem Augenblick bemerkte ich leider, wie belastend es sein kann, wenn man sein Gegenüber, egal ob männlich oder weiblich, so gut kennt, dass einem jede Nuance einer Veränderung auffällt. Die positiven sind erfreulich und erleichternd. Negative jedoch, wie bei ihm, sind schockierend und man macht sich in kürzester Zeit große Sorgen. Er hatte Ringe unter den Augen; ein absolutes Novum, welches ich bei ihm bisher noch nie gesehen hatte. Er sah schrecklich traurig aus und wich meinen, absichtlich pädagogisch vorsichtig, gestellten Fragen, ständig aus. Nachdem ich keinen Zugang zu ihm finden konnte, entschied ich stattdessen, von mir zu erzählen und als er hörte, dass ich gekündigt hatte, schien ich doch seine volle Aufmerksamkeit zu haben. Er löcherte mich nach den Gründen und war sichtlich irritiert, über meinen Mut zur Veränderung. Das hatte Melvin nicht von mir erwartet und ich erschütterte ihn in seinem Berufsalltag dermaßen, dass er sich endlich öffnete: Er vermisste Celine. Er wusste nicht, wie viel sie ihm bedeutete. Er hätte mehr Zeit mit ihr verbringen sollen. Er zweifelte an seinem Beruf. Er träumte fast jede Nacht von ihr. Es brach ihm das Herz, dass sie ihn betrogen hatte. Er hatte ihr schon längst verziehen. Er liebte sie. Es gab keine Andere in seinem Leben. Ich saß da und zweifelte an dem eben Gehörten, weil ich eigentlich davon ausgegangen war, dass die Sache mit Celine längst „ad acta“ war. Wie gut kannte ich Melvin eigentlich? Wie gut kann man überhaupt jemanden kennen? Kennt er sich überhaupt selbst? Warum hat er so lange gezögert, bis er von sich erzählte? Wieso hatte er mich in den letzten Wochen nicht ein Mal zurückgerufen, egal wann? Warum sitze ich mit meinem besten Freund, hier in dieser ungemütlichen und lauten Autobahnraststätte, anstatt bei mir bzw. bei ihm, oder in einer coolen Bar. Einer Kneipe?

Mein Hirn lief auf Hochtouren, weil ich ehrlich gesagt keinen Schimmer hatte, was ich erwidern sollte. Ich dachte, mein Leben wäre kompliziert. Also machte ich etwas, was ich äußerst selten mache, und sagte erst einmal gar nichts. Ich schaute ihn nur schweigend an. Er starrte auf den Tisch. Da saß er. Der Topmanager eines großen Konzerns. Großes Auto, fettes Konto, Karriere fast bis in die Vorstandsebene und das mit knapp vierzig. Und doch, war er lediglich ein Mann der aufrichtig eine Frau liebte und sie möglicherweise für immer verloren hatte. Alles andere war belanglos. Er tat mir unendlich leid und ich musste seit längerem wieder an Pia denken. Wie musste sich bloß Melvin fühlen? Er lebte seinerzeit mit Celine zusammen. Auch wenn sie sich nur selten sahen, so verbrachten sie doch die meisten Nächte zusammen. Die größte Intimität neben Küssen und Sex. Schließlich brach ich das Schweigen und fragte ihn, was er davon halte, wenn ich mit ihr reden würde, was ich schon früher getan hätte, wenn er sich mir nur anvertraut hätte. Ich sah ein schwaches Leuchten in seinen müden Augen und er richtete sich abrupt auf. „Das würdest du für mich tun?“ Am liebsten hätte ich ihm für diese Frage eine gescheuert, doch ich sagte nur: „Na klar, dafür hat man doch Freunde.“ Ich bohrte vorsichtig nach, wie lange er sie denn nicht mehr gesehen habe. „Keine Ahnung! Eine Ewigkeit! Zu lange! Aber ich habe ihr Bild in meinem Geldbeutel.“ „Wann redest du mit ihr?", fragte ich. "Bitte, so schnell wie möglich!“ „Wenn sie einen Neuen hat, ist eh Alles zu spät!“, sagte er fast wie Hamlet, in der „Sein oder Nicht Sein“ Szene.

Ich antwortete – hoffentlich therapeutisch überzeugend – um ihn zu beruhigen (und dies hatte mit Hamlet überhaupt nichts mehr zu tun), dass ich das nicht glaube, da die Trennung sicherlich auch an ihr, nicht spurlos vorbeigegangen sei. „Mal sehen“, es war Donnerstag, ich versprach ihm, ihr am Samstag spät nachmittags, unangemeldet einen Besuch abzustatten, damit sie keine Chance für Ausflüchte habe. Und dann kam ich mir doch wieder vor wie in einer Hamlet Aufführung: Melvin und ich waren „Rosenkranz und Guildenstern“. Die beiden Volltrottel in Shakespeares „Hamlet“. Ja, ich weiß: Zu richtigen „Volltrotteln“ wurden sie erst durch Tom Stoppards gleichnamigen Film. Warum ich uns mit „Volltrotteln“ verglich? Weil wir beide keine Ahnung hatten, wie wir mit dem weiblichen Geschlecht umgehen sollten und in dieser muffigen Autobahnraststätte, so dämlich hilflos wirken mussten! Meine Strategie jedoch, gab Melvin sichtlich wieder mehr (Lebens-)Mut. Gestärkt konnte er sich von mir verabschieden, murmelnd, dass es ihm Leid täte, sich so lange bei mir nicht gemeldet zu haben. Ich murmelte zurück, „Ist schon okay!“ Ich versprach ihm, mich sofort nach meinem Treffen mit Celine bei ihm zu melden.

***

6. Celine

Samstag, 17 Uhr.

Ich stehe vor Celines Wohnung. Habe geklingelt und höre Schritte. Sie öffnet die Tür. Sichtlich überrascht, begrüßt sie mich: „Du?“ „War gerade in der Gegend und dachte, ich schau mal vorbei.“ Sagte ich. „Mit dir hätte ich jetzt am allerwenigsten gerechnet“, erwiderte sie immer noch sichtlich überrascht. Wie viele Monate ist es her, seit wir uns das letzte Mal gesprochen haben?“ „So ungefähr ein Jahr“, entgegnete ich einigermaßen vorbereitet. Sie bat mich herein und ich fragte vorsichtshalber, ob ich nicht störe oder ungelegen käme. Die Antwort wollte ich gar nicht wissen und war erst einmal froh, dass sie alleine war und allem Anschein nach, auch alleine lebte. „Ich musste die Tage an dich denken“, meinte sie plötzlich. Das fängt ja gut an, dachte ich; warum an mich und nicht an Melvin? Als hätte sie meine Gedanken erraten, fuhr sie fort: „Hab’ ein amerikanisches Basketballspiel mit Dirk Nowitzki auf DSF gesehen, da musste ich an dich und Melvin denken.“ Melvin! Gut, sie kannte noch seinen Namen, kein schlechtes Zeichen. Darauf lässt sich aufbauen und kam mir einen Augenblick lang wie Inspektor Colombo vor, da ich scharf sinnierte, welche unverfängliche Frage ich ihr als nächstes stellen konnte. Wie Frauen in ihrem Wissensdurst eben sind, kam sie mir jedoch zuvor: „Wie geht es euch, dir und Melvin?“ Wer fragt der führt, hab’ ich mal irgendwo gelesen. Also, provozierte ich mit einer Gegenfrage, was Inspektor Colombo nie getan hätte: „Interessiert dich das wirklich Celine, oder willst du nur Smalltalk machen?“ Und schon bereute ich mein arrogantes und unpädagogisches Vorgehen, denn sie setzte sich auf den Küchenstuhl und sah mich schweigend an. Ich war dermaßen überrascht von ihrem Verhalten, da ich eine impulsive Celine in Erinnerung hatte. Eine Celine, die gekontert hätte, „Mach’ mich nicht von der Seite an!“ oder so ähnlich. Die von heute, sah mich jedoch nur an und schwieg.

Ich erwiderte ihren Augenkontakt und blickte in extrem ruhige Augen. Wunderschön und traurig. Mir kamen die Sekunden wie Minuten vor. Ich hatte immer noch ein schlechtes Gewissen wegen meiner zu direkten Frage, Angst ein eventuelles Gespräch mit ihr von vornherein zu Nichte gemacht zu haben, Angst, dass sie mich dezent „hinaus begleitet“ und ich Melvin gestehen müsste, was für ein unfähiger Idiot ich bin. Meine Befürchtungen waren unbegründet, denn sie brach die Stille mit den Worten: „Natürlich interessiert es mich wie es euch geht. Kannst du annähernd erahnen, wie ich mich seit der Trennung von Melvin fühle? Wenn ein Mann mal fremdgeht, ist das cool; wenn eine Frau das macht, ist es eine Katastrophe und unverzeihlich.“ Schon wollte ich erwidern, dass er ihr längst verziehen habe. Doch ich war viel zu perplex, von der Art und Weise mit der sie dies sagte. Und die Wärme in ihrer Stimme verunsicherte mich. (Ich stehe total auf Wärme in weiblichen Stimmen.) „Seit sechs Monaten besuche ich wöchentlich eine Gruppentherapie, die sich mit Internetsucht befasst“, sagte sie plötzlich. Jetzt setze ich mich vollkommen perplex und wortlos auf einen Stuhl am anderen Ende des Küchentisches, weil ich nur noch „Bahnhof“ verstand. „Internetsucht?“, war das einzige was ich krächzend herausbekam. Sie erzählte mir alles. Von Anfang an. Wie es dazu kam, dass sie mit einem nahezu wildfremden Mann im Bett landete. Einer Internetbekanntschaft. Es begann mit langen und einsamen Abenden. Sie akzeptierte ja, dass Karriere in der freien Wirtschaft ihren Preis hatte. Wie bei den Ärzten in ihren Klinik-Jahren, mit vierundzwanzig oder mehr Stundenschichten, wo viele Beziehungen zerbrachen. Sie war auch nicht der Typ von Frau, der gut mit Einsamkeit umgehen konnte. Nachdem ihr eine Arbeitskollegin vorgeschwärmt hatte, wie locker und unverfänglich man im „Netz“ Kontakte knüpfen und stundenlang chatten könne, fing sie irgendwann auch damit an.

Anfangs kam sie überhaupt nicht damit klar, weil sie sich im Netz nicht auf Anhieb zurechtfand und schnell merkte, dass Lügen bei dieser unpersönlichen Art der Kommunikation ein immens präsenter Bestandteil sind. Erst als ihre Kollegin einige heiße Tipps gab, fand sie interessante Chatrooms. Alles war erlaubt. Die Abende wurden zusehends unterhaltsamer, sie vergaß ihre Sehnsucht nach Melvin und begann ein gefährliches Spiel im Cyberspace. Als Frau ist man auf dieser elektronischen Bühne extrem begehrt. Einfach aus dem Grund, weil die Mehrheit der Chatroom-User, männlich ist. Man stellt sich vor, mit Alter, Beruf, Aussehen, Hobbys, Familienstand, etc. Verschickt Bilder und lernt sich mit der Zeit immer mehr kennen. Das Tempo bestimmt man selbst. Unverbindlich und jederzeit sich die Freiheit nehmen zu können sich ohne Rechtfertigung zu verabschieden. Von der Sache her, genial. Wenn die langen Abende alleine nicht so dominant in ihrem Leben gewesen wären, hätte sie auch die Kontrolle behalten. Melvin war zeitweise auch an Wochenenden unterwegs. Dass er anscheinend gut mit dieser Distanz zurechtkam, verletzte sie sehr; sie fühlte sich dermaßen ungeliebt, dass sie häufig weinen musste und sich immer mehr gefühlsmäßig von ihm abkapselte. Als Ersatz für ihren Liebesentzug, entdeckte sie für sich das verführerische World Wide Web. Da gab es Männer, die wussten, wie man mit einsamen und vernachlässigten Frauen umgehen musste. Profis, die jede Sekunde ihrer Freizeit damit verbrachten nach Beute Ausschau zu halten. Heute weiß sie, dass streng genommen jeder Typ der sich auffällig viel im Netz aufhält, mit Vorsicht zu genießen ist. Dabei können Männer – im Gegensatz zu Frauen – in der realen Welt einfach abends ausgehen und leicht Kontakte knüpfen. Da sie stattdessen jedoch an ihren PCs kleben, stimmt häufig etwas nicht mit ihnen. Manche Typen sind in der Tat sehr attraktiv und können nahezu perfekt verbal mit Frauen umgehen. Das macht die Sache noch spannender und gleichzeitig komplizierter. Die wenigsten sind jedoch wirklich auf eine gesunde Beziehung aus. Oft sind es virtuelle Spanner, eine Spezies von „Cyberjägern“, mit dem Ziel attraktive Frauen kennenzulernen und zur Strecke zu bringen. Das heißt, sie im Netz verbal zu verführen und anschließend in der Realität flachzulegen. Das wusste sie jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie war süchtig nach ihren Chatrooms und freute sich darauf, endlich alleine zu sein, um ungestört online zu gehen. Stundenlang, manchmal bis kurz bevor Melvin müde nach Hause kam. Einem Typen namens Mark, erzählte sie nahezu alles von Melvin und sich. Möglicherweise einer der größten Fehler ihres Lebens. Mark war ihr virtueller Traummann. Eloquent und verführerisch charmant. Einfühlsam, verständnis- und humorvoll. Mit einer gelegentlichen erotischen Phantasie, welche sie sehr stimulierend fand. Manchmal saß sie nur im Slip am PC, um ihren Händen freien Lauf lassen zu können! Telefonsex ist ja schon ganz nett, aber Cyber-Chat-Sex ist ein megascharfer Kick. Mit der Zeit vergaß sie, dass es sich um eine Scheinwelt handelt. Ohne Fakten oder der Möglichkeit echtes Vertrauen aufzubauen. Es war ein irrer Kick und sie war in einem Grad süchtig geworden, dass sie wie ein Junkie Entzugserscheinungen hatte, wenn sie mal darauf verzichten musste. Mark drängte immer öfters darauf, sie endlich zu treffen. Was Celine eigentlich nie vorhatte. Doch die Neugierde, aufgestachelt durch wochenlanges Kennen lernen war größer. Er war ihre Cyber-Beziehung geworden; darauf hatte er es auch angelegt. Einsame Frauen in einer Weise an sich binden, dass sie – wenn man es clever genug anstellt – fast bedingungslos abhängig werden. Das hatte er erreicht. Sexuell gesehen, war sie trotz Cyber-Chat-Sex weiterhin sehr ausgehungert. Mark war ein Cyber-Vollprofi. Ein charmanter und getarnter Macho. Er wusste auch, dass sie immer noch tiefere Gefühle für Melvin hatte. Mark wollte sie jedoch – wie viele andere – lediglich für schnellen Sex. Wie eine Nutte, die er nicht zu bezahlen brauchte. Für diese Typen, ein geiler Zeitvertreib. Sie war sich sicher, dass Melvin im Hotel übernachten würde. Mark sah auch in der Realität sehr gut aus. Doch als er die Wohnung betrat, fühlte sie sofort, dass es ein folgenschwerer Fehler war! Die ganze Geschichte. Es sollte lediglich ein scharfer virtueller Zeitvertreib sein. Mehr nicht. Sie konnte den Stop-Knopf nicht mehr drücken. Der Wein tat sein Übriges. Eines führte zum anderen. Es ging sehr schnell. Sie empfand rein gar nichts.