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Ich dachte immer, ich brauche Dich, aber ich dachte nicht, dass ich lernen muss, wie ich ohne Dich leben soll. Und jetzt weiß ich es. Jil Winter ist zwanzig Jahre alt und möchte so schnell wie möglich unabhängig sein. Unabhängig von ihrem depressiven Vater und unabhängig von ihrer bevormundenden Mutter, die die Familie wegen eines anderen Mannes verlassen hat. Also wagt Jil den Absprung in die Großstadt. Gleich zu Beginn ihres neuen Lebens führt das Schicksal sie mit Nick zusammen. Nick kommt aus gutem Elternhaus, ist vom Erfolg verwöhnt und sitzt im Rollstuhl. Genau in Nick findet sie die Geborgenheit und Liebe, nach der sie sich viele Jahre gesehnt hat. Alles scheint für Jil perfekt. Bis zu dem Tag, der plötzlich alles verändert.
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für Sascha
Fiona
Lilly
& Til
„Ich dachte immer,
ich brauche Dich,
aber ich dachte nicht,
dass ich lernen muss,
wie ich ohne Dich leben soll.
Und jetzt weiß ich es.“
Neustart
Beginn
Die Party
Landkarte
Kennenlernen
Vorurteile
Party on
Sue
Der Star
Angekommen
Der Plan
Rückschläge
Zwischenwelt
Zurück
Alles beim Alten
Nichts ist gut
La dolce vita
Cappella della Madonna
Kinder, Kinder
Versteck
Ein gewöhnliches Mädchen
Perfekt unperfekt
Höhepunkte
Stark sein
Besinnlichkeit
Merry Christmas
Nie mehr
Abschied
Nie mehr perfekt
Den Start in mein eigenes Leben, weit weg von zu Hause hatte ich mir nun wirklich anders vorgestellt, als mit dem Kopf am Fußende meines Bettes liegend, in meiner neuen, kleinen Wohnung irgendwo am Stadtrand. Da wo man als Tourist nicht hinkommt, aber auch nicht unbedingt hin möchte. An der Ecke meiner Straße war ein kleines Pub, in dem sich die Arbeiter der benachbarten Fertighausfabrik nach Feierabend trafen. Ein Gemisch von Gesprächen, leiser Musik und der Geruch von geschmolzenem Plastik, der durch die hohen Schornsteine ausgespuckt wurde, waberten jeden Abend in der Luft. In dieser Gegend vermutete man keine Wohnhäuser und man vermutete auch nicht, dass es Menschen gibt, die freiwillig hier wohnen wollten. Mir war das egal, ich wollte nur weg von zu Hause und diese Wohnung war die einzige, die ich in der Kürze der Zeit finden konnte.
Ich starrte auf das Loch in der kalkweißen Wand direkt über dem Kopfende meines Bettes. Es wurde still draußen und musste schon kurz vor Mitternacht gewesen sein. Meine Umzugshelfer waren schon lange weg. Hier sollte ich mich also für die nächsten drei Jahre wohlfühlen, in einer Stadt, in der ich niemanden kannte. Die Stadt, die ich nicht kannte. Mein neues Leben.
Dieses Loch ließ mich nicht los und ich versuchte mich noch einmal mit all dem auseinander zu setzen, was in den vergangenen Jahren, in denen ich zu einer jungen Frau herangewachsen war, passiert war. Wie in einem Wirbel kam ich mir vor, der wieder und wieder versuchte, mich runter zu ziehen, mich testete und prüfte und mich dann in die knallharte Realität zurück spuckte. Das Loch in dieser Wand war noch ganz frisch. Kurz davor hing da ein Bild mit einem Sonnenblumenfeld, gerahmt in blau. Meine Mutter hatte es noch vor ein paar Stunden aufgehängt.
„Du magst doch Sonnenblumen. Nicht?“, fragte sie in ihrer gewohnt gleichgültigen Tonlage und ohne auf meine Antwort zu warten, hatte sie sich die Ärmel hochgekrempelt, den viel zu großen Nagel, den sie zwischen ihren Zähnen eingeklemmt hatte hervorgezogen und in die Wand gehämmert. Es sollte ihr letzter Eingriff in mein neues Leben sein, aber der hinterließ einen bleibenden Eindruck. In Form eines großen schwarzen Lochs.
Wie passend.
Sonnenblumen an sich finde ich sehr schön, aber nicht so schön, dass ich sie mir an die Wand hängen muss. Schon gar nicht in einem blauen Rahmen. Generell mag ich Blumen in ihrer natürlichen Umgebung, aber in Sachen Botanik war ich nie gut. Ich würde fast behaupten, ich hatte schon seit ich botanisch denken kann einen schwarzen Daumen. Das wusste auch jeder. Trotzdem schenkte man mir immer wieder irgendwelche Topfpflanzen.
Einmal bekam ich einen Kartoffelstrauch geschenkt mit den Worten:
„Jil, das ist genau die richtige Pflanze für Dich, die braucht nicht viel Pflege.“ Und dann starb der Kartoffelstrauch nach ein paar Wochen in meiner Obhut.
Sonnenblumen gehören auf ein Sonnenblumenfeld. Punkt.
Also hängte ich das Bild ab und zog den Nagel wütend aus der Wand kurz nachdem meine Mutter abgereist war. Um diesen überdimensionierten Nagel zu entfernen, musste ich Gewalt anwenden und ein Stück der Mauer bröckelte auch mit heraus. Der Nagel wurde nachhaltig in die Wand gehämmert. Sicher ist sicher.
Das Loch begleitete mich noch eine lange Zeit und ich wollte es so.
Ein Loch als Mahnmal, niemals zu werden wie meine Mutter. Ein schwarzes, tiefes Loch als Erinnerung an die vergangenen fünf Jahre, die mich dazu getrieben hatten, irgendeine Wohnung im Industrieviertel der Großstadt zu beziehen.
In der ersten Nacht in meiner spartanisch eingerichteten, aber eigenen Wohnung schlief ich sehr unruhig, ich träumte von Weltuntergang. Ein riesiger Feuerball hatte die Erde erreicht, ich stand alleine im Hinterhof meiner neuen Wohnung als der Feuerball die Erde traf. Dann wurde alles ganz leise um mich.
Komischerweise überlebte ich aber diesen doch sehr massiven Zwischenfall on planet earth.
Um mich herum war alles mit weißer Asche bedeckt. Verdutzt stand ich da und schaute mir die Umgebung an. Wahnsinn, ich hatte das wirklich überlebt. Innerlich fühlte ich mich seltsam ruhig, fast schon überlegen und triumphierend. Ich muss einfach ein riesiges Glück gehabt haben. Ich, Jil Winter, war noch da. Nicht mal ein Feuerball hatte mich zerstören können. Vielmehr läutete dieser Traum das ein, was noch kommen sollte.
Willkommen im neuen Leben!
Ich wurde wach. Völlig verwirrt und so, als sei es wirklich geschehen, versuchte ich, klare Gedanken zu fassen, stand auf und ließ meinen Blick aus dem Fenster in den Hinterhof schweifen. Die orangene Straßenlaterne tauchte die Umgebung in ein seltsames Licht. Es war nichts mit Asche bedeckt und ich konnte ahnen, dass alles noch beim Alten war. Alles war noch genauso grau und trostlos wie vorher.
Alles beim Alten.
„Sie können sich überaus glücklich schätzen, denn an dieser Akademie werden Sie zum Denken erzogen.“
Eine stämmige Frau um die fünfzig Jahre in weiter dunkelgrüner Ökokleidung stellte sich uns am ersten Tag an der Akademie vor.
Sie sah aus, wie eine zu kräftig geratene Waldelfe. Ich konnte nicht recht ausmachen, wo das Oberteil aufhörte und die Hose begann.
Eine graumelierte herausgewachsene Kurzhaarfrisur, ungefähr dreißig Kilo zu viel für ihre Größe, Hornbrille mit Halteband als Kette umgehängt. Brown- Taylor, Carol Brown- Taylor, Schuldirektorin der Medizinischen Akademie für Physiotherapie, für die ich so gebrannt hatte. Die Akademie, an der ich lernen würde, anderen Menschen zu helfen, Schmerzen zu lindern und sie wieder für den Alltag fit zu machen. Aber, dass ich zum Denken erzogen würde, damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.
Carol Brown- Taylor hatte sofort einen furchteinflößenden Eindruck hinterlassen. Sie war eine der Personen, denen die Verbitterung ins Gesicht geschrieben stand und plötzlich hatte ich ein wenig Mitleid mit ihr, weil ich dachte, dass sie auf jeden Fall zu wenig Spaß im Leben gehabt haben musste. Sie ging durch die Reihen und beäugte uns alle über den Rand ihrer grünen Hornbrille. Grinste für eine Mikrosekunde, um dann wieder zu schauen, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Mein Mitleid schwand gegen Null. Sie teilte einen Test aus. Es ging um „konsensuelle Reaktionen“. Vereinfacht: Halte deine rechte Hand in warmes Wasser und du wirst merken, dass irgendwann auch deine linke Hand warm wird. Sie wollte uns testen, wie viel wir von einem medizinischen Text verstanden und bei mir klappte das mit dem Denken erstaunlich gut.
In der nächsten Stunde sollten wir uns im Keller vor dem Gymnastikraum treffen und auf Carol, die Schreckliche warten. In der Ecke, mir gegenüber erkannte ich einen Typen, der damals beim Eingangstest zu dieser Ausbildung schon dabei war. Er hatte damals lässig vor sich hin gesungen, während wir auf unsere Ergebnisse der Aufnahmeprüfung warteten. Er hatte seine Gitarre dabei und vertrieb sich mit Bob Dylan Songs die Zeit. Jetzt stand er einfach nur da und tänzelte unruhig von einem Bein aufs andere.
Ich versank in Tagträumereien und zählte die Astlöcher der mit Holz vertäfelten Wand mir gegenüber. Dann kam mir der Typ aus der Ecke entgegen.
„Hey, kennen wir uns nicht?“
Mit einem Lächeln antwortete ich:
„Ja, ich denke schon. Vom Einstellungstest, ich bin Jil.“
„Tom.“
Tom reichte mir die Hand und lächelte mich freundlich aus seinen nutellabraunen Augen an. Er war der Inbegriff dessen, was ich mir unter einem Physiotherapeuten vorgestellt hatte: Gut trainiert, aber nicht zu viel, groß, kurzes gepflegtes Haar, sonnenverwöhnte Haut, insgesamt gutes Erscheinungsbild. Die meisten Jungs in unserem Kurs entsprachen nicht unbedingt meiner Optimalvorstellung. Das hatte ich schon festgestellt. Tom aber sah aus, als hätte er eben erst sein Surfboard auf seinen Bulli geschnallt und würde nach dem Unterricht direkt zum See aufbrechen wollen. Das Wetter hätte momentan mitgespielt.
Am zweiten Ausbildungstag ging es gleich richtig los.
Massage bei Mr. Williams. Mr. Williams war ein älterer Herr, etwas untersetzt und mit kräftigen Unterarmen, Halbglatze und Lachfalten um Augen und Mund, die verrieten, dass er liebte, was er tat.
„So, dann macht Euch mal nackig und gewöhnt Euch schon mal dran. Ihr werdet hier schnell alle Hemmungen verlieren.“
Keiner wagte sich, zu bewegen. Alle schauten sich nur ungläubig an. So war das also.
Wir würden die Hemmungen verlieren und zu unglaublichen Denkern werden. Ich wollte doch nur Menschen helfen und einen Job haben, in dem ich nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen musste. Kurze Zeit überlegte ich, ob es nicht doch besser gewesen wäre, einfach nur Literatur- und Sprachwissenschaften zu studieren. Und dann fiel mir wieder dieser Traum ein, der mich davon abgebracht hatte.
„Na los. Okay, für heute müsst Ihr erst mal nur Eure Hosen ausziehen. Wir beginnen mit der Beinmassage.“
Als wäre das Erlösendste gewesen, was Mr. Williams in diesem Moment hätte sagen können, grinste er selbstgefällig und wir entblößten unsere Beine.
Wir hatten uns mit unseren Banknachbarn zusammengetan, um ab sofort sämtliche Behandlungsmethoden aneinander zu üben.
Einer legte sich auf die Behandlungsbank, einer behandelte. Wir lernten, wie man vom Unterschenkel bis hoch zum Oberschenkel die Muskulatur ausstreicht. Fast noch Wildfremde fassten sich an.
Ich hatte mich mit Jessica zusammen getan. Wir beide hatten in der Pause zusammengestanden und festgestellt, dass wir den gleichen Musikgeschmack teilten. Jessica war so alt wie ich. Zwanzig und sie stammte von hier, wohnte noch bei ihren Eltern, hatte aber offensichtlich den Plan vom Leben.
„Ich will ins Olympiazentrum, wenn ich hier durch bin oder eine eigene Praxis eröffnen. Einige Fortbildungen hab ich auch schon ins Auge gefasst.“ Während sie das sagte, warf sie hin und wieder ihren Kopf in den Nacken und strich sich selbstbewusst durch ihre hellblonden Haare.
Ich war etwas perplex. Ich wusste gar nicht, was ich dazu sagen sollte. Wohl, weil ich mir noch gar nicht so genau überlegt hatte, wohin meine Reise gehen sollte. Ich wollte ja eigentlich erstmal nur weg von zu Hause und raus in die weite Welt. In drei Jahren mein eigenes Geld verdienen, schien mir eine gute Idee, endlich unabhängig zu sein von zu Hause und meinem depressiven Vater.
Was mir bei Jessica sofort auffiel war, dass sie sehr kalte, schwitzende Hände hatte, die gerade an meinen Beinen irgendwie zu sanft für meinen Geschmack entlang glitten. Oben angekommen, berührte sie mich immer wieder versehentlich im Schritt, weil sie es vorzog, den Jungs an der Nachbarbank ihr anbiederndes Grinsen zu zeigen. Bei einigen war diese Massagestunde eine ziemlich haarige Angelegenheit. Sie zwirbelten sich mit gekonnten Massagegriffen Dreadlocks in die Beinbehaarung und freuten sich tierisch über ihre Kreationen.
„Jessica“, räusperte ich mich, weil es mir doch zu unangenehm wurde, „könntest du vielleicht ein bisschen früher mit den Händen nach außen streichen?“
Ich zeigte ihr, an welcher Stelle ihre Hände seitlich an meinem Oberschenkel wegstreichen sollten. Dann war Wechsel angesagt.
Zum Glück.
Vorstellungsrunde zum Auftakt der nächsten Vorlesung. Wie ich das hasste. Aber in einem Fach wie Psychologie musste das wohl so sein.
„Mein Name ist Jil und ich bin hier, weil mir über Nacht einfiel, dass ich für ein Studium zu undiszipliniert bin. Meine Oma sagt auch, dass ich ein großes Herz für alle Lebewesen dieser Welt habe. Das habe ich von ihr geerbt. Abgesehen davon, wollte ich einfach auch von zu Hause weg.“
Das schien mir doch ein wenig zu ehrlich, nachdem die anderen unglaublich viele gute Gründe nannten, warum sie unbedingt Physiotherapeuten werden wollten.
„Hallo, ich bin Jil und ich bin hier, weil ich Menschen helfen möchte.“
Okay, damit hätte ich mich auch bei Amnesty International vorstellen können, zum Glück fragte Mrs. Miller, die Psychologieprofessorin aber nicht mehr weiter nach. Um Ängste ging es in der ersten Stunde. Sie berichtete, dass sie als Kind den Krieg erlebt hat und dass sie noch heute ein Trauma hat, wenn Flieger über ihr weg fliegen. Ich dachte kurz darüber nach, wie schlimm das wohl gewesen sein musste. Dann war die erste Psychologiestunde meines Lebens schon vorbei.
Und auch die ersten Wochen verflogen im Nu.
„Hey Jil? Hast Du Lust, wir wollen heute Abend ins Pub gehen.“
Tom kam in der Pause zu mir. Unverschämt, wie gut er aussah, dachte ich.
„Ja, gute Idee. Ich habe heute ausnahmsweise nichts vor.“
Um ehrlich zu sein, langweilte ich mich jeden Abend in meiner Bude zu Tode und verbrachte die Zeit mit Starren. Tolles neues Leben! Ich las viel. So viel, wie noch nie zuvor. Mein einziger Ansprechpartner in meiner Wohnung war Brad Pitt. Den fand ich toll. Ich hatte ein Bild von ihm eingerahmt und neben meine Stereoanlage gestellt. Von da aus hatte Brad einen guten Blick über mein neues Zu Hause und konnte mir freundlich zulächeln.
Manchmal durfte Brad auch woanders stehen, damit er nicht dauerhaft nur in die gleiche Richtung sehen musste. Das ist nicht gut für die Nackenmuskulatur, so viel hatte ich bei Mr. Williams schon gelernt und ich wollte ja, dass Brad es so komfortabel, wie nur möglich haben konnte. Wenn ich die Wohnung verließ, bat ich ihn, gut aufzupassen, dass keine Einbrecher kommen, oder falls ein Brand ausbrechen würde, dass er mich doch bitte anrufen solle.
Keiner der Notfälle ist je eingetroffen. Ich rechne das Brad heute noch hoch an. Ich war ihm zumindest einen verspannungsfreien Nacken schuldig.
Noch eine Stunde bis Tom mich abholen würde, um ins Pub zu gehen. Ich legte mir eine Platte von The Verve auf und ging in mein kleines Bad, das genau groß genug für eine Person war. Ich war so verdammt stolz auf meine Mini Wohnung im zweiten Stock dieses in die Jahre gekommenen und mit Renovierungsstau versehenen Mehrfamilienhauses.
Es gab ein Zimmer in dem mein Bett, ein Schreibtisch, den ich auch zum Esstisch umfunktionierte, Schrank und Kommode standen. Damit war mein Wohnraum auch schon fast vollständig belagert. Wer meine Wohnung betrat, stand zunächst einmal in der kleine Küche, die völlig ausreichend für eine Person war. Mit nur einem Stolperer konnte man von hier direkt ins Badezimmer fallen.
Kurze Wege. Meine Fußleisten hatte ich gelb gepinselt, weil ich wenigstens einen kleinen Farbklecks in den fünfzig Quadratmetern sehen wollte, wenn schon die Wände weiß bleiben mussten. Ein Tageslichtbad, das war mir wichtig. Ich hatte sogar einen kleinen Minibackofen. Zumindest ein paar Wochen. Dann ging er in Flammen auf, die ich aber gekonnt löschen konnte, während ich das Gefühl hatte, Brad würde verständnislos den Kopf schütteln.
„Hey Jil.“
Tom grinste mich aus seinen dunkelbraunen Augen freundlich an.
Als wir so dicht in seinem Auto nebeneinander saßen, fiel mir auch auf, wie gut er roch. Am Pub angekommen warteten schon die anderen. Jessica war auch da. Sie hatte ein großartiges Talent.
Wenn sie mit anderen sprach, dann schien es, als würde sie die Personen schon ewig kennen. Sie war so ein Typ Männerfreundin und sie genoss es sichtlich, alle zu unterhalten. Als sie Tom und mich sah, kam sie sofort auf uns zu und fiel Tom um den Hals, um ihn zu begrüßen.
„Da seid Ihr ja endlich.“
Jessica drückte ihm einen Kuss auf die Wange und ihn störte es offensichtlich nicht, dass Jessica so aufdringlich war. Niemals würde ich jemanden so begrüßen, wenn ich die Person gerade mal ein paar Tage kennen würde.
Wir verbrachten einen feucht fröhlichen Abend und lernten uns ein bisschen kennen. Jeder unterhielt sich mit jedem und ich hatte den Eindruck, dass ich mit diesen ganzen Leuten, die doch alle sehr unterschiedlich waren, sehr gut auskommen könnte für die nächsten drei Jahre. Tom hatte den ganzen Abend nichts getrunken und fuhr mich nach Hause.
Vor meiner Wohnung blieben wir noch kurz im Auto und er fragte mich ein bisschen aus über meine Heimat und warum ich hierher gezogen bin und ob es nicht auch bei mir zu Hause die Möglichkeit gäbe, diese Ausbildung zu machen. Also erzählte ich ihm von meinen Beweggründen, warum ich unbedingt weg wollte von zu Hause. Ich erzählte von dem verschlafenen Nest zu Hause, an dem man sich mittags schon vorkommt, als sei man tot, weil einfach nichts los war. In dem Ort war es schon aufregend, wenn man erfuhr, dass einer der Nachbarn falsch geparkt hatte und dafür einen Strafzettel erhielt. So etwas reichte aus, um die Einwohner eine Woche lang zu unterhalten. Ich erzählte ein wenig von meinem Vater, bei dem ich meine Pubertät ausgelebt hatte und der mich nach der Trennung meiner Eltern als einzige Konstante in seinem Leben hatte. Ich erzählte, dass ich einfach ausbrechen musste, damit er sein Leben wieder in den Griff bekommen und ich mein eigenes führen konnte und ich erwähnte kurz meine Mutter, die es nach der Trennung nicht für nötig hielt, auch nur hin und wieder zu fragen, wie ich damit klarkomme, mich neben Schule noch um den Haushalt, die Wäsche und meinen depressiven Vater zu kümmern. Nach einer halben Stunde verabschiedete ich mich von Tom und bedankte mich fürs Fahren und dafür, dass er mit mir eine kleine Sightseeingtour durch die Stadt machte auf dem Rückweg, um mir die Umgebung zu zeigen. Ich stieg aus und trottete die steile Treppe zu meinem Appartement hoch.
In dieser Nacht schlief ich gut und träumte Schönes.
Wahnsinn, das erste halbe Jahr in meinem neuen Leben war vorübergegangen wie nichts. Der Sommer war fast vorbei und der Herbst kündigte sich bereits mit einigen kühlen Tagen an. Der Herbst war meine Lieblingsjahreszeit. Vielleicht deshalb, weil die Blätter an den Bäumen die selbe Farbe annahmen wie meine Haare und ich so das Gefühl hatte, weniger aufzufallen. Am meisten genoss ich aber im Herbst die Tatsache, dass alles viel weniger aufgeregt war als im Sommer und dass man ohne schlechtes Gewissen einfach auch mal zu Hause bleiben konnte mit der Ausrede: „Ach nee, mir ist einfach zu kalt heute.“ Im Sommer muss man ja zwangsläufig das schöne Wetter nutzen, sonst wird man als Sonderling bezeichnet. Ich verbrachte die Tage gemütlich bei einer Tasse Tee, einem guten Buch, melancholischer Musik und Kerzenlicht.
Wir waren schon mittendrin, zu denkenden Menschen zu werden und hatten auch schon einige Hemmungen verloren. Sich bis auf die Unterhose oder den BH auszuziehen, war für uns uns nichts Ungewöhnliches mehr. Mittlerweile hatten wir schon viel über den menschlichen Körper gelernt, Massagegriffe gingen in Fleisch und Blut über und die Jungs hatten ihre Dreadlocks Künste perfektioniert. In meine Tagträumerei in der Pause platzte auf einmal Alexa.
„Hey Jil, was machst du morgen? Ich geb ne Geburtstagsparty.
Geschenke will ich keine, aber wenn Du vielleicht einen Salat machen kannst, oder ein gutes Dessert? Das wäre ziemlich cool.“
Alexa steckte mit ihrer guten Laune jeden an. Sie kannte sämtliche Partysongs und wenn sie morgens vor der Schule vorfuhr, dann schallte „Dancing Queen“ von ABBA aus ihrem Auto. Ich stellte mir vor, wie es auf Alexas Party werden würde. Schlagerparade, dachte ich.
„Klar, ich komm super gerne und bring ein Erdbeer- Tiramisu mit“, sagte ich und sah mich schon zu „Knowing me, knowing you“ schwofen. Irgendwer gab immer eine Party und es wurde nie langweilig. Tatsächlich hatte ich bis heute nicht einen Moment meine Heimat vermisst. Mein neues Leben genoss ich sehr, fühlte mich frei. Auch die Tatsache, dass ich mir nicht mehr so viel Gedanken über meinen Vater machen musste, denn das passierte zu Hause automatisch, nahm mir enorm viel Last von den Schultern.
Niemand, der mich kontrollierte, niemand, dem ich Rechenschaft abliefern musste über egal was, niemand, den ich immer wieder aufs Neue aufbauen musste. Es waren coole Leute um mich herum, die alle dasselbe Ziel hatten wie ich: Die Ausbildungsjahre überstehen und dabei möglichst viel Spaß haben.
Auch wenn wir ständig für irgendwelche Prüfungen und Tests lernen mussten, wussten wir auch angemessen zu feiern.
So ganz ohne Geschenk auf einer Geburtstagsparty aufzutauchen, schien mir komisch. Also machte ich mich am nächsten Tag auf den Weg in die Stadt. Tom hatte mir bei unserer Tour damals einen Plattenladen gezeigt, den ich in den darauffolgenden Monaten häufig besuchte. Mittlerweile bekam ich vom Besitzer des Ladens jedes Mal einen Kaffee angeboten, wenn ich kam. Eine ABBA Kompilation als Doppel CD schien mir das geeignete Geschenk für Alexa. Limited Edition Glitzeranzüge, gepresst auf zwei schimmernde CDs. Perfekt! Alexa würde sich sicher freuen. John, der Besitzer des Plattenladens, sah mich allerdings an, als hätte ich blaue Punkte im Gesicht:
„Jil, geht’s dir gut? Ist irgendwas passiert? Ich meine, ABBA? Im Ernst?“
„Nein, es ist alles okay. Mein Musikgeschmack hat keine dramatische Wendung erfahren, nur weil die Gallagher Brüder mal wieder Stress miteinander hatten. Es ist wirklich nur für eine Freundin. Sie steht drauf.“
Ich grinste John an und verließ den Laden, nachdem ich bezahlt hatte. Auf dem Weg zu meinem Appartement machte ich noch Halt am Supermarkt, um ein paar Erdbeeren für mein Dessert zu kaufen.
Nachdem am Abend meine Kleiderfrage geklärt war, huschte ich zu meinem Auto, das mich zwar seit einem Jahr zuverlässig überall dorthin transportierte, wo ich hinwollte, aber vielleicht auch besser seinen Lebensabend mit Gleichaltrigen auf dem Gnadenhof für alte Blechkisten verbracht hätte. The Verve füllte mit Bitter Sweet Symphony den Innenraum meines noch fahrbaren Untersatzes mit guten Vibes. Bittersweet war auch mein Gesang, während ich die Landstraße Richtung Alexa fuhr.
Sie feierte in einem Vereinsheim und ich war schon ziemlich spät dran. Von drinnen drang ein Gemisch aus Musik, Lachen und überlauten Gesprächen und ich hasste es eigentlich, zu spät zu kommen. Man wird von Kopf bis Fuß gemustert, wenn man als letzter Gast erscheint, das mochte ich noch nie. Ich hoffte, sofort ein paar bekannte Gesichter aus der Akademie zu erspähen, aber der muffige Raum war so voll, dass ich erst einmal im Eingang stehen blieb, um mir einen Überblick bei den dämmrigen Lichtverhältnissen zu verschaffen. Dann sah ich am anderen Ende hinter der Bar Alexa. Zum Glück. Mit meinem Geschenk in der einen Hand und der großen Schüssel Erdbeer- Tiramisu in der anderen steuerte ich direkt auf sie zu. Zumindest versuchte ich, schnurstracks auf sie zuzugehen.
„Ah, da kommt ja endlich das Dessert.“
Toll! Der erste hatte mich erspäht, als ich mich gerade an dem Tisch links der Eingangstür vorbei quetschen wollte und dabei ziemlich kunstvoll mit meinem Taschenhenkel an einer Stuhllehne hängen blieb. Kurz drehte ich mich um, befreite mich und meine Tasche von der Stuhllehne und schenkte dem Typen ein gequältes Lächeln, schob mich dann aber im Beistellschritt weiter zwischen den Tischen und Stühlen durch bis vor zu Alexa.
„Hi Jil, schön, dass Du da bist“, begrüßte mich Alexa und drückte mich mütterlich an ihre große Brust. Ich war erleichtert, als Alexa die Umarmung löste und mir die Schüssel Tiramisu endlich abnahm.
„Hey Alexa, danke für die Einladung. Guck mal, ich hab doch noch was kleines für Dich, ich hoffe, es gefällt dir“, sagte ich meine Arme lockernd.
Alexa stellte zuerst die Schüssel auf die Bar hinter ihr und dann riss sie das Geschenkpapier auf, sprang wie ein Flummi auf der Stelle und explodierte fast vor Freude.
„Yeah, oh Jil wie geil ist das denn?! ABBA, das Deluxe Album!
Danke vielmals!“
Scheinbar hatte ich Alexas Nerv getroffen und zum Glück hatte sie die super duper Fan Edition noch nicht. Sie öffnete sofort die CD Hülle und legte die Platte auf.
Alexa war mir super sympathisch. Man sah ihr an, dass sie ein sonniges Gemüt hatte und auch, dass sie gerne gutes Essen genoss.
Sie strahlte aus, dass sie sich rundum wohl fühlte und Alexa tanzte und sang zu ABBA, als würde ihr niemand zusehen. Und wenn Alexa lachte, dann musste man einfach mitlachen, wenn ihr ganzer Körper vor Freude wackelte und sie ihre blonden kurzen Haare schüttelte. Also freute ich mich mit ihr und sah ihr noch eine Weile beim Tanzen zu. Dann nahm sie mich tanzender Weise an der Hand und zerrte mich an jeden einzelnen Tisch, um mich mit ausladenden Gesten vorzustellen und dabei permanent an meiner Weste zu zupfen.
Von unserem Kurs waren nur ein paar Leute da, ansonsten Unmengen Gäste, deren Namen ich mir unmöglich alle merken konnte und auch wollte. Dann kamen wir zum letzten Tisch. Dort, wo der Typ saß, der sich so sehr über das Dessert gefreut hatte.
„Hey, das ist Jil, die von der ich Euch schon erzählt hab.
Die mit den tollen, roten Ringellocken.“
Alexa wuschelte mir durch die Haare, wie jemand, der einen kleinen süßen Hund freudvoll begrüßt. Das komische daran ist, dass die Leute das machen, seit ich klein bin und ich mich bis heute noch nicht daran gewöhnt habe.
Ich mochte meine Locken nicht und wünschte mir oft, einfach glatte Haare zu haben. Am besten braune, mit denen man nicht so auffällt.
„Endlich mal jemand, der Dessert mitbringt“, sagte der Typ auf der anderen Seite des Tisches.
Er musste sich offensichtlich sehr auf den Nachtisch gefreut haben.
Der Platz neben Emma, Alexas Übungspartnerin aus unserem Kurs war noch frei. Ich setzte mich und signalisierte Alexa damit, dass ich für keine weitere Vorstellorgie zur Verfügung stand. Dann reichte Alexa mir ein Glas Prosecco und wir stießen auf ihr Wohl an.
„Nick, du hast so lange drauf warten müssen, soll ich Dir vielleicht eine Portion Erdbeer- Tiramisu bringen?“, fragte Alexa zynisch, als sie eigentlich wieder gehen wollte, um die nächsten Gäste zu begrüßen.
„Nee, lass mal, ich nehme mir selbst was, begrüß Du mal Deine Gäste.“
Der Erdbeer- Tiramisu Typ saß mir gegenüber. Irgendetwas schien er mit seinen Händen unter dem Tisch zu werkeln. Was, konnte ich in nicht so wirklich erkennen.
Dann ertappte ich mich kurz beim Starren, als er rückwärts rollte und ich erst da bemerkte, dass er im Rollstuhl saß. Als sein grinsender Blick meinen betroffenen traf, hörte ich sofort auf zu starren und beschloss, auch direkt zum Erdbeertiramisu überzugehen, ohne vorher das Buffet zu begutachten. Am Ende der Tischreihe kamen Nick und ich gleichzeitig an der Bar an. Das Tiramisu stand zu weit oben auf dem Tresen, also schaufelte ich ihm wortlos und wie selbstverständlich eine Portion in eine Schüssel.
„Bitteschön, die Erdbeeren sind noch ganz frisch, ich hoffe, es ist nicht zu süß geworden“, lächelte ich Nick an und reichte ihm die Schüssel.
„Danke Dir. Zu süß? Das gibt’s doch gar nicht.“
Er zwinkerte mir zu, streckte mir seine Hand entgegen und ich reichte ihm meine.
„Ich bin Nicolas. Alexa hat mir schon von Dir erzählt“, sagte er lächelnd, packte sich die Dessertschüssel auf den Schoß und drehte ab Richtung Tisch. Nachdem ich mir auch eine Portion genommen hatte, folgte ich Nick. Was sollte denn Alexa über mich erzählt haben? Wir kannten uns doch kaum und ansonsten hatten wir auch nicht wirklich viel miteinander zu tun. Vielleicht hatte sie von meinen Locken erzählt, oder warum hatte sie das so betont, als sie mich vorstellte? Mir fiel tatsächlich nicht viel ein, was sie über mich schon erzählt haben konnte. Gedankenverloren stocherte ich im Tiramisu herum. Der Zuckergehalt darin war nicht ohne und zog mir das Gesicht zusammen und kniff in meine Backenzähne, aber ich mochte es auch gerne süß.
„Also Jil, wo lernt man, so ein fantastisches Erdbeer- Tiramisu machen?“, unterbrach Nick meine Gedankenreise.
„Das erzähle ich Dir erst, wenn Du mir sagst, was Alexa über mich erzählt hat.“
Nick lachte mich an, zog seine rechte Augenbraue hoch, sah mir direkt in die Augen und löffelte dabei munter weiter, ohne mir eine Erklärung abzugeben. Sein Lächeln machte mich nervös. Ich weiß nicht mehr, ob es einfach an der Art lag, wie er lächelte, oder an seinen Blitze funkelnden Augen. Ich konnte nicht anders, als ihn fragend anzusehen. Er schluckte das Tiramisu unter und antwortete:
„Das macht dich jetzt nervös, oder? Sie hat nur Gutes erzählt!“
Nochmal grinste er mich frech an, so als hätte Alexa irgendeine Sensation über mich erzählt, von der ich selbst nichts wusste. Und ja, ich wurde nervös von seinem Grinsen. Mir fielen seine Lachgrübchen und die Lachfältchen um seine fast schon dunkelblauen Augen auf.
„Okay, wenn das so ist,“, gab ich mich geschlagen,“ das Rezept das hab ich von meiner Oma.“
Ohne mir zu antworten, grinste Nick mich weiter an und ohne dass sein Blick mich losließ, stocherte er in seinem Dessert herum und schob noch einen Löffel Tiramisu hinterher.
Ich beförderte ebenso die letzte Erdbeere auf Keks in den Mund, stand auf und ging kurz frische Luft schnappen. Es war viel zu warm und zu laut in diesem Partyraum. Draußen fröstelte es mich ein wenig, ich zog meine Weste eng um mich und stand mit verschränkten Armen da. Das weite Feld hinter dem Vereinsheim und die untergehende Sonne zogen mich in einen fast meditativen Zustand. Dann wirbelten Gedanken durch meinen Kopf, ich hatte meine Oma erwähnt und plötzlich spürte ich Heimweh aufkommen. Zum allerersten Mal, seit ich weggezogen war, Heimweh. Mich fröstelte mehr und mehr und noch ein bisschen fester umklammerte ich mich mit meinen Armen. Alle auf dieser Party kannten sich wahrscheinlich schon seit Kindheitstagen. Alle kamen aus diesem Ort, alles Freunde von Alexa. Ein mittelgroßer Kloß machte sich in meinem Hals breit. Gedankenversunken starrte ich in den Sonnenuntergang und mein Herz wurde plötzlich schwer. Ich vermisste meine Oma. Ich vermisste mein Zu Hause, das Vertraute, auch wenn genau dieses Vertraute mich noch vor ein paar Monaten von zu Hause vertrieben hatte und plötzlich fühlte ich mich mutterseelenallein.
Es war wieder und wieder diese eine Szene, an die ich mich erinnerte, wenn ich an Oma dachte. Oma zeigte mir die Welt.
Zumindest die kleine Welt rund um ihr Haus, in dem sie lebte. Wir spazierten oft hoch durch den Wald, der hinter Omas Haus begann und an dessen Ende ein Milchbauernhof lag. Auf dem Weg hielten wir immer an der kleinen Kapelle an. Ich genoss die Stille und an diesen speziellen Duft von brennenden kleinen Kerzen, die man dort anzünden konnte und den Geruch der alten Holzbänke, an den erinnere ich mich heute noch. Oma und ich haben jedes mal eine Kerze angezündet und dann hat sie mir mit Weihwasser ein Kreuzchen auf die Stirn gezeichnet. Unser gemeinsames Ritual liebte ich so sehr und es gab mir die Sicherheit, dass der liebe Gott auf mich aufpasst, egal, wo ich gerade auf der Welt bin. Meine Oma war der beste Mensch, den ich kennenlernen durfte. Sie war für mich zu Hause und Familie. Wann immer ich etwas auf dem Herzen hatte, rief ich zuerst sie an und sprach mit ihr drüber. Sie war meine engste Vertraute, auch nach der Trennung meiner Eltern war sie es, die mir ein Stück heile Welt und Familie erhalten hatte.
Während laute Musik nach draußen zu mir drang, schienen die Gedanken an Oma mich nicht loszulassen und dann spürte ich, wie mir eine dicke Träne die Wange herunterlief. Ich fühlte mich alleine.
„Hey, Jil? Alles okay?“
Ich zuckte zusammen, als plötzlich eine warme, tiefe Stimme hinter mir erklang. Schnell wischte ich mir mit dem Ärmel meiner Weste die Träne von der Wange und drehte mich um.
„Oh. Nick. Hey, ja, alles okay“, versuchte ich einigermaßen gefasst zu antworten.
„Erzähl mir mehr von wo du kommst, da wo Deine Oma herkommt. Nie was gehört von da.“
Nick ließ nicht locker. Ich überlegte kurz, warum er gerade das fragte. Hatte er meine Gedanken gelesen?
„Weißt Du, da drin die, die kenne ich alle. Ich hab alle Geschichten schon tausendmal gehört. Es langweilt mich schrecklich.“
Er schlug vor, dass wir ein Stück laufen, irgendwohin, wo es ein wenig ruhiger sein würde. Kurz bevor das Feld begann, stand eine alte Holzbank, auf die ich mich setzte, um mit Nick auf einer Augenhöhe zu sein.
„Ich kann nicht glauben, dass Du noch nie was von der Gegend gehört hast. So unbekannt ist diese Ecke des Landes nun auch wieder nicht.“
Vielleicht war es auch nur eine Masche, um mich ein wenig aufzumuntern, denn scheinbar hatte er mir angemerkt, dass etwas nicht stimmte. Entweder hatte Nick unglaubliches Feingefühl, oder man sah mir an, dass ich gerade ein wenig bedrückt war. Meine Launen konnte ich angeblich noch nie gut verbergen. Zumindest hatte mein Vater ständig behauptet, ich sei ein offenes Buch. Dann erzählte ich Nick von ein paar Sehenswürdigkeiten unserer Umgebung, wie man von hier aus zu mir nach Hause käme und dass es ja gar nicht so weit entfernt ist. Es gab keine keine großen Museen oder Theater und ansonsten war einfach wenig los für junge Leute. Es gab mehr Kühe, Schafe und Pferde, als Menschen in meinem Alter. Aber es gab einen sehr bekannten Cidre, aber auch von dem hatte Nick angeblich noch nie gehört. Einen Moment saßen wir uns wortlos gegenüber und vielleicht war es Nicks interessierten Gesichtsausdruck geschuldet, dass ich plötzlich das Gefühl hatte, Nick erzählen zu müssen, wie es im Moment in mir aussah.
„Bis eben habe ich gar nicht mehr an zuhause gedacht, seit ich hergezogen bin. Ich glaube, es ist wohl sowas wie Heimweh.“
Kurz schwiegen wir uns an, Nick atmete tief ein und mit ernster Stimme sagte er:
„Weißt Du Jil, manchmal ist es besser etwas gehen zu lassen, damit was Neues entstehen kann.“
Ich dachte eine Weile darüber nach, was Nick gesagt hatte und schob mein Heimweh mit einem tiefen Seufzer von mir weg. Wir unterhielten uns noch eine Weile und Nick erzählte mir von seinem Pferd. Eine englische Vollblutstute, mit der er viel Zeit verbringen würde, die von selbst in den Pferdehänger gehen würde. Etwas, was viele andere Pferde nur unter großem Protest machen würden.
Er erzählte mir von sich und Alexa und dass die beiden sich schon viele Jahre kannten. Die Story über Alexas Coming Out verwirrte mich kurz, weil ich bis zu diesem Zeitpunkt nichts von Alexas sexuellen Neigungen wusste. Es amüsierte mich, zu erfahren, dass Nick und Alexa sich fast zerstritten hatten wegen eines Mädchens.
Aber er erzählte mir nicht, was Alexa über mich erzählt hatte. Ich fragte auch nicht mehr nach. Mir ging der Redestoff aus, aber es war auch nicht der richtige Zeitpunkt, ihn zu fragen, warum er im Rollstuhl saß, also fragte ich auch nicht. Während des gesamten Gesprächs hatte ich den Rollstuhl auch völlig ausgeblendet.
Vielmehr hatte ich mich dabei ertappt, dass mein Blick an Nicks gepflegten, großen Händen hing, während er beim Reden gestikulierte oder sich seine blond gewellten Haare aus der Stirn strich. Außerdem musste ich innerlich schmunzeln, wenn unter seinem Dreitagebart hin und wieder Grübchen beim Reden hervor blitzten. Was mir auch auffiel, war, dass sein rechtes Augenlid hin und wieder schwer wurde, wenn er sprach. Und auch wenn Nicks Stimme wie ein warmer Sommerwind in meinen Gehörgang kroch und super beruhigend klang, so war sie auch leicht kratzig. Nick zuzuhören, war wie ein Lied zu genießen, das die Seele berührte.
Ich hätte noch ewig da sitzen und ihm zuhören können.
„Hey, Nicolas, da bist Du ja. Ich hab dich gesucht. Wir wollen los.“
Emma kam auf uns zu. Sie war scheinbar die Fahrerin an diesem Abend. Sie sah mich an, dann Nick, dann wieder mich und dann grinste sie uns beide fragend an.
“Was ist denn, Emma? Wolltest du noch irgendwas sagen, oder können wir los?“, unterbrach Nick diese unangenehme Situation und ich war ihm unendlich dankbar.
„Nee, nee alles okay. Also los, Nick. Wir müssen.“
Emma drehte ab und lief Richtung Parkplatz.
„Jil. Ich hab mich gefreut, dich kennengelernt zu haben, aber ich muss mich heute leider fahren lassen. Mein Wagen ist in der Werkstatt, ich hätte mich gerne noch weiter mit dir unterhalten.
Zumal ich immer noch keinen blassen Schimmer hab von der Gegend, aus der Du kommst. Wahrscheinlich gibt es die gar nicht oder sie liegt in Frankreich oder so. Aber danke für das leckere Erdbeer- Tiramisu und das gute Gespräch.“
Dann grinste Nick mich noch einmal an, zwinkerte mir zu und verschwand dann auch Richtung Parkplatz. Ich blieb noch eine Weile auf der Bank sitzen, dachte darüber nach, was Nick mir gesagt hatte. Dass es besser ist, etwas gehen zu lassen, damit was Neues beginnen kann. Für ein paar Minuten schaute ich hinaus auf die Felder, bevor ich nochmal für eine Stunde in das Vereinsheim ging. Es musste schon spät gewesen sein, denn die meisten Gäste waren schon weg. Ich unterhielt mich noch ein wenig mit Alexa und half ihr aufzuräumen.
„Ich hab gehört, Du und Nick ihr habt Euch gut unterhalten?“,
fragte Alexa beiläufig ohne mich anzusehen, während sie Gläser trocknete.
„Ja, er ist echt nett“, sagte ich und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass ich die Unterhaltung mit Nick tatsächlich so genossen hatte, wie lange keine Unterhaltung mehr. Nicht nur weil er wirklich ein exzellenter Gesprächspartner war, sondern auch weil ich über zu Hause reden konnte und merkte, wie gut es mir tat, dass da jemand war, der mich ernst nahm, auch wenn ich nur über die langweilige Gegend zu Hause erzählte.
Alexa und ich sprachen noch eine Weile über die Ausbildung und unsere Kurs Kommilitonen und dann beschloss ich, mich auch auf den Nachhauseweg zu machen. Die Strecke von Alexa bis zu meiner Wohnung zog sich elend lang. Vielleicht, weil ich einfach unglaublich müde war und einfach nur noch heim wollte. Die Ausbildung war sehr anstrengend und es gab keinen Abend, an dem ich nicht am liebsten schon früh ins Bett gegangen wäre. Aber ich wollte mein neues Leben ja nicht mit Schlafen verschlafen.
Schlaf, den hätte ich letzte Nacht gut gebrauchen können.
Stattdessen lag ich wach und starrte gedankenleer den gerahmten Brad Pitt an. Es war Vollmond und hin und wieder konnte ich dann einfach nicht einschlafen. Bis vier Uhr morgens lag ich wach und war dann dementsprechend gerädert, als ich aufstehen musste.
Wenn ich nicht meine acht Stunden Schlaf bekam, war ich unausstehlich. Ich hetzte zur Akademie, um nicht zu spät zu kommen und wärmte meine Hände an meiner Thermoskanne Kaffee, denn es stand in der ersten Stunde Massage an.
Mittlerweile war es draußen sehr frisch geworden und es gab nichts Unangenehmeres als kalte Hände auf nackter Haut. Jessica bot mir freundlicherweise an, heute zuerst mich zu massieren.
Rückenmassage stand auf dem Plan und so konnte ich wenigstens noch eine halbe Stunde auf dem Bauch liegend dösen. Eine ganze Stunde wäre optimal gewesen, aber da hätte Jessica wahrscheinlich protestiert. Während sie mich massierte, laberte sie mich zu. Dabei wollte ich doch einfach nur meine Ruhe. Aber Jessica war so. Sie hatte immer unglaublich viel zu erzählen. Heute allerdings sprach sie leiser als sonst.
„Jil, sag mal, meinst Du nicht, Du, Tom und ich wir könnten heute Abend mal was zusammen machen?“
Du, Tom und ich... ich dachte darüber nach. Warum nur wir drei.
Mir kam diese Frage ein wenig komisch vor.
„Hmm, ja okay, was schwebt Dir denn vor?“
„Och du, ich dachte an was trinken gehen. Pub oder so?“
Dann drehte mich auf die Seite und sah Jessica an, die grinsend über mir stand und die Massage unterbrach.
„Was grinst du so?... Ah!“
Ich hatte verstanden. Cleveres Ding.
„Okay, Jessica, verstehe. Tom also.“
Schmunzelnd drehte mich wieder auf den Bauch. Kein Wunder, Jessica war nicht die einzige, die scharf auf Tom war. Ihn umgab meist eine Traube Mädchen. Tom wohnte nicht weit von meiner Wohnung weg und wir hatten mittlerweile so etwas wie eine gute Freundschaft entwickelt, aber ich hatte keinerlei Ambitionen, irgendwas mit ihm anzufangen. Er war nicht mein Typ. Mir war Tom zu schön und ich bildete mir ein, dass man solche Männer nie für sich alleine hat. Totaler Stress für eine Beziehung. Tom und ich unterhielten uns gern bei einem Glas Wein entweder bei ihm oder bei mir auf dem Balkon. Seine Mutter mochte ich auch gerne. Sie war locker und kumpelhaft und sie hatte jedes Mal tonnenweise Gummibärchen für uns parat. Wir philosophierten über das Leben, die Liebe und über Musik. Wir sprachen eigentlich letzten Endes doch über Musik. Wir konnten aber auch einfach nur zusammen sitzen und nichts reden. Irgendwann fiel uns mal auf, dass wir den Satz des anderen oft vollendeten. Ich gebe zu, das war ein bisschen gruselig. Auf jeden Fall sah Jessica in mir die geeignete Person, Tom in ein Pub zu locken. Ich hatte nichts gegen einen netten Abend mit den beiden und so schlug ich Tom in der Pause vor, an diesem Abend mit Jessica und mir ins Pub zu gehen.
„Jil, kannst Du mal kurz kommen.“
Alexa kam lachend auf mich zu gehüpft.
„Ich muss mal kurz mit Dir reden.“ Sie sah mich grinsend an.
„Okay, was gibt’s denn so Erfreuliches?“, fragte ich verdutzt, weil ich mir keinen Reim auf ihr Grinsen machen konnte und überhaupt hatte ich keine Ahnung, was Alexa so Wichtiges mit mir zu besprechen hatte, dass sie es nicht gleich vor Tom und den anderen hätte sagen können. Sie zog mich in eine ruhige Ecke auf dem Pausenhof.
„Du erinnerst Dich doch sicher noch an meine Party?“
Klar erinnerte ich mich noch dran, war ja noch nicht so lange her.
„Du willst das Erdbeer- Tiramisu Rezept?“
