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Frisch, ehrlich, warmherzig: Ein Roman am Puls der Zeit über das Muttersein und das Nicht-Muttersein Linn Strømsborgs Erzählerin ist fünfunddreißig – und hat sich schon vor Jahren dazu entschlossen, keine Kinder zu bekommen. Davon, wie sich ihre Entscheidung auf die Beziehungen zu Freunden, den Eltern und nicht zuletzt dem Partner auswirkt, handelt dieses Buch: Ihr Umfeld hat Schwierigkeiten, ihre Haltung zu akzeptieren, immer wieder wird sie mit dem Thema konfrontiert. Da ist ihr langjähriger Partner Philip, der zunehmend daran zweifelt, ob er mit dem Entschluss seiner Freundin leben kann. Ihre Mutter strickt ohnehin seit Jahr und Tag Babykleidung in der Hoffnung auf ein Enkelkind. Als dann die beste Freundin Anniken Nachwuchs bekommt, verändert sich alles. Aber kann man wirklich nur mit Kind eine Familie sein? Wieso wird von jeder Frau erwartet, dass sie Mutter werden will? Warum ist es so schwierig, andere Lebensentwürfe zu akzeptieren? Linn Strømsborg beschäftigt sich mit Fragen, die jede Frau – ob Mutter oder nicht – sich irgendwann stellt. ›Nie, nie, nie‹ ist ein Buch der Stunde, das sich mit Elternschaft und Weiblichkeit auseinandersetzt, und zwar auf direkte, empathische und bewegende Weise.
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2021
Linn Strømsborgs Erzählerin ist fünfunddreißig – und hat sich schon vor Jahren dazu entschlossen, keine Kinder zu bekommen. Davon, wie sich ihre Entscheidung auf die Beziehungen zu Freunden, den Eltern und nicht zuletzt dem Partner auswirkt, handelt dieses Buch: Ihr Umfeld hat Schwierigkeiten, ihre Haltung zu akzeptieren, immer wieder wird sie mit dem Thema konfrontiert. Da ist ihr langjähriger Partner Philip, der zunehmend daran zweifelt, ob er mit dem Entschluss seiner Freundin leben kann. Ihre Mutter strickt ohnehin seit Jahr und Tag Babykleidung in der Hoffnung auf ein Enkelkind. Als dann die beste Freundin Anniken Nachwuchs bekommt, verändert sich alles.
Aber kann man wirklich nur mit Kind eine Familie sein? Wieso wird von jeder Frau erwartet, dass sie Mutter werden will? Warum ist es so schwierig, andere Lebensentwürfe zu akzeptieren?
Linn Strømsborg beschäftigt sich mit Fragen, die jede Frau – ob Mutter oder nicht – sich irgendwann stellt. ›Nie, nie, nie‹ ist ein Buch der Stunde, das sich mit Elternschaft und Weiblichkeit auseinandersetzt, und zwar auf direkte, empathische und bewegende Weise.
© Heide Furre
Linn Strømsborg, geboren 1986, debütierte 2009 mit dem Roman ›Roskilde‹. Seitdem hat die Autorin drei weitere Romane veröffentlicht. ›Nie, nie, nie‹ ist ihr vierter Roman und der erste, der in deutscher Übersetzung erscheint.
Stefan Pluschkat, geboren 1982 in Essen, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie in Bochum und Göteborg. 2018 erhielt er den Hamburger Förderpreis für Übersetzung. Er übersetzt aus dem Schwedischen und Norwegischen, u.a. Lina Wolff und Simon Stålenhag.
Linn Strømsborg
NIE, NIE, NIE
Roman
Aus dem Norwegischenvon Stefan Pluschkat
Die Übersetzung wurde gefördert durch NORLA.
Die norwegische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel
›Aldri, aldri, aldri‹ bei Flamme Forlag, Oslo.
© FLAMME FORLAG 2019
eBook 2021
© 2021 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Stefan Pluschkat
Umschlaggestaltung: Marion Blomeyer/Lowlypaper, München
Satz: Fagott, Ffm
eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck
ISBN eBook 978-3-8321-7085-1
www.dumont-buchverlag.de
MÜTTER
Meine Großmutter hat mit siebzehn geheiratet. Zusammen mit meinem Großvater bekam sie vier Kinder, und irgendwann wanderten die beiden nach Altea aus, eine Küstenstadt in Spanien. Sie leben dort, so lange ich mich erinnern kann. Meine Mutter spricht selten von ihnen, aber ab und zu kommt eine Postkarte, an Weihnachten und Geburtstagen auch mal ein Paket, das wir dann von der Post abholen müssen. Die beiliegenden Karten sind mit der akkuraten Schreibschrift meiner Großmutter versehen, zu mehr als Herzlichen Glückwunsch, Fröhliche Weihnachten oder Frohes Neues Jahr reicht es allerdings selten. Ich weiß, dass meine Großmutter malt und dass mein Großvater gern liest, aber das war’s auch schon. Als Teenager wollte ich sie unbedingt mal in Spanien besuchen, ein halbes Jahr lang lag ich meinen Eltern damit in den Ohren, aber sie ließen sich nicht erweichen, auch nicht, als ich ihnen vorschlug, selbst für den Flug zu bezahlen. Damals verstand ich nicht, dass meine Großeltern keinen Besuch wollten, nicht von mir, von keinem von uns. Sie haben viele Freunde, aber Kinder waren nie ihr Ding. Als ich klein war, habe ich meine Mutter mal gefragt, warum meine Großeltern Enkelkinder hatten, wenn sie ihnen vollkommen egal waren. »Aus dem gleichen Grund hab ich mich gefragt, warum sie überhaupt Kinder bekommen haben«, antwortete meine Mutter leise und dann, etwas lauter, meine Großeltern hätten einander, und das sei ihnen genug.
Meine andere Großmutter hatte sich immer Kinder gewünscht. Nach ihrer Hochzeit mit neunzehn malte sie sich aus, dass sie fünf kriegen würde. Die Fünf würden sich ein Zimmer teilen müssen, denn für ein größeres Haus fehlte das Geld, aber sie würden sich alle gut verstehen und eine glückliche Familie sein. In der oberen Etage schufen Oma und Opa ein zusätzliches Zimmer, indem sie im Wohnzimmer eine Wand einzogen, aber es stand viele Jahre lang leer – es kamen nämlich keine Kinder. Das leere Zimmer wurde zu einer Last, zur ständigen Erinnerung an Kinder, die nicht geboren wurden. Deshalb füllte meine Oma es mit Dingen, sie kaufte feines Geschirr für besondere Anlässe, das sie aber nie benutzte, Dekorationsgegenstände, die zu kostbar und zerbrechlich waren, um sie offen zu präsentieren. Das auf Hochglanz polierte Silber verstaute sie in einer Kommode, den Festtagsschmuck in sorgfältig beschrifteten Schachteln. An Weihnachten und Ostern, im Sommer und im Winter dekorierte sie sorgfältig das Haus, obwohl Opa und sie allein dort lebten. Im Sommer verreisten sie, fuhren mit dem Campingwagen quer durchs Land, tranken Kaffee aus Thermoskannen, posierten bei strahlendem Sonnenschein vor Schneewällen im Fjell, angelten – ohne Erfolg – und sonnten sich auf Campingplätzen, während um sie herum etliche Familien für die klangliche Untermalung des Urlaubs sorgten. Morgens wurden sie von spielenden Kindern geweckt. Oma stand auf und machte Kaffee, brachte Opa eine Tasse ans Bett, setzte sich anschließend vor den Wohnwagen und sah den Kindern aus den Nachbarwohnwagen bei deren Klatschspielen zu.
»Wir hätten es verdient, ein Kind zu bekommen«, sagte sie zu Opa.
»Ich weiß«, sagte er.
Die Jahre vergingen, und es kam kein Kind. Oma fand sich damit ab, dass sie niemals Mutter werden würde, da war nichts zu machen. Die zahlreichen Untersuchungen waren erniedrigend, die Ärzte konnten nichts finden. Bei manchen Frauen funktioniere es eben nicht, hieß es. Von den Nachbarskindern wurde Oma trotzdem heiß und innig geliebt. Die Tür zu dem Reihenhaus, in dem Opa und sie seit vielen Jahren lebten, stand jederzeit offen. In der Küche im Erdgeschoss tummelten sich ständig Kinder, die wussten, dass sie hier willkommen waren. Sie kamen auf einen Plausch, eine mit Sirup bestrichene Brotscheibe, ein Glas Wasser mit Eiswürfeln, manchmal auch auf einen Saft. Mit baumelnden Beinen saßen sie am Küchentisch, an dem schon immer vier Stühle gestanden hatten, auch wenn Oma und Opa nur zu zweit waren und selten Freunde zum Essen einluden, aßen Weißbrot und erzählten Oma von ihrem Tag. Draußen im Garten durften sie Flieder pflücken, und irgendwann schlängelte sich am Küchenfenster ein Trampelpfad vorbei, weil sie lieber einen Schleichweg nahmen, als das gesamte Haus zu umrunden.
Dann kam mein Vater.
Spät, fast zwanzig Jahre nach der Hochzeit, und trotzdem genau richtig. Jetzt waren sie zu dritt, und der Raum neben dem Wohnzimmer wurde leer geräumt und neu eingerichtet – anfangs mit einer Wiege, dann mit einem Bett, einem Schreibtisch, einem Kleiderschrank, einer Kommode. Zu den Campingurlauben kam erst ein Baby mit, dann ein Kleinkind und schließlich ein Junge, der mit seinem Vater angeln ging und mit seiner Mutter Bücher las. Sie fuhren kreuz und quer durch Norwegen, von Süden nach Norden und wieder zurück, durch Wälder und Tunnel, machten Familienbesuche und zeigten allen stolz ihren Jungen, der endlich auf der Welt war.
In dem Garten mit dem Trampelpfad habe ich meine ersten Schritte gemacht. In Papas altem Bett, in dem Zimmer im Zimmer, habe ich lesen gelernt. Auf der Treppe zur Küche, die nie abgeschlossen war, stach mich zum ersten Mal eine Wespe. Meine erste Grippe bekam ich an Weihnachten, ich lag in Omas Bett, während die anderen aßen und Geschenke auspackten.
»Woher hast du gewusst, dass du Kinder willst?«, habe ich Oma mal gefragt. Wir saßen draußen unter den Fliederbüschen.
»Ich wusste es einfach«, sagte sie mit Sonnenhut über der Dauerwelle.
»Aber woher weiß man, dass man’s weiß?«
»Keine Ahnung. Ich wusste es, als ich deinen Opa traf. Ich wusste, dass er der Richtige war. Und ich wusste, dass ich Kinder mit ihm will, viele Kinder.«
»Aber du hast nur Papa gekriegt?«
»Stimmt, aber ich hätte mir keinen besseren Sohn wünschen können«, sagte sie. »Und keine bessere Enkelin.« Sie nahm meine Hand, ihre weiche, runzelige Haut kühlte meinen Sonnenbrand.
»Willst du noch Saft?«
»Ja, bitte.«
Meine Mutter war neunzehn, als sie mich bekam. Sie hatte meinen Vater in der Oberstufe kennengelernt, und kurz nach dem Abi wurde sie schwanger. Sie fuhren zu seinen Eltern und erzählten ihnen, was los war. Opa stand auf und verließ das Zimmer, aber Oma nahm die Hand meiner Mutter und versprach ihr, auf sie aufzupassen. Und auf mich. Während der Schwangerschaft arbeitete meine Mutter als Sekretärin. Jeden Morgen fuhr sie mit dem Bus in die Stadt, unter ihren Kleidern wuchs ihr Bauch, und in ihrem Bauch wuchs ich. Mein Vater war damals Fahrradkurier, und als der Anruf kam, dass die Wehen eingesetzt hätten, war er gerade unterwegs nach Smestad, mit einem Paket, das nie ausgeliefert wurde. Stattdessen brachte er das Paket mit ins Krankenhaus, wo er ins Foyer stolperte und nach meiner Mutter fragte. Im Kreißsaal fiel er ihn Ohnmacht, war aber rechtzeitig wieder bei Bewusstsein, als sie mich rausholten, meiner Mutter in den Arm legten und sagten, jetzt sei er Vater. Ich wurde um zehn vor vier geboren, hatte zehn Finger und zehn Zehen, die Nase meines Vaters und die Augen meiner Mutter. Oma war die Erste, die uns besuchen kam. Seit sie wusste, dass ich auf dem Weg war, hatte sie Babysachen gestrickt, und Opa hatte für uns eine Wohnung gemietet. »Ihr könnt jetzt nicht mehr in dieses winzige Loch zurück«, sagte er, als er mit uns direkt aus dem Krankenhaus in die neue Wohnung fuhr und die Tür aufschloss. Dann bat er meinen Vater hinein.
Unsere Wohnung lag im Stadtteil Tøyen, hatte zwei Zimmer, Dachschrägen, ein kaputtes Fenster, und es gab genug Platz für drei. Meine Mutter hatte es nicht mehr so weit ins Büro – nachdem mein Vater seine Karriere als Fahrradkurier an den Nagel hängte, fand auch er eine Arbeit in der Nähe –, und mit der U-Bahn war man schnell bei Oma und Opa.
Ich habe keine Erinnerungen an die Wohnung. Als wir dort auszogen, war ich gerade mal drei, aber meine Mutter hat mir gezeigt, wo sie liegt. Heute wohne ich knapp zweihundert Meter entfernt, schaue oft zu den Fenstern hoch und denke, da oben haben wir mal gelebt, Mama, Papa und ich. Sie waren erst zwanzig, und während sie schuften mussten, um uns über Wasser zu halten, wuchs ich von einundfünfzig Zentimetern auf einen Meter heran. Als Opa starb, war ich noch klein. Mein Vater hatte ihn jeden Tag im Krankenhaus besucht, bis dort schließlich niemand mehr war, den er besuchen konnte. Ich weiß noch, dass die Beerdigung im Winter stattfand, alle waren sehr traurig. Ich hatte meinem Vater ein Bild gemalt, um ihn aufzuheitern, heute hängt es bei meiner Mutter. Als mein Vater starb, war ich zwanzig, und es gab niemanden, der mich mit einem Bild aufheitern wollte.
Meine Mutter wohnt allein in dem Haus, in dem ich groß geworden bin. Seit meinem neunzehnten Geburtstag strickt sie Babysachen.
Wäre ich im selben Alter schwanger geworden wie sie, hätte ich heute ein fünfzehnjähriges Kind. Vielleicht wäre es auch in Tøyen aufgewachsen und von einer strickenden Großmutter verwöhnt worden, die Anekdoten von mir als Kind erzählt hätte, so, wie Oma mir früher von meinem Vater erzählt hat.
Mutter bleibt man ein Leben lang, sagt meine Mutter. Du hörst nie auf, Mutter zu sein. Vom Tag deiner Geburt bis zu dem Tag, an dem ich sterbe, werde ich immer deine Mutter gewesen sein.
Ich bin fünfunddreißig. Ich will keine Kinder.
Der Erste, der ein Kind mit mir wollte, ging an die Decke, als ich ihm erklärte, dass ich keine Kinder will. »Bist du dir sicher?«, fragte er. »Ganz sicher.« – »Das kannst du noch gar nicht wissen«, sagte er, »du bist total unreif«, schrie er, »du weißt gar nicht, was dir alles entgeht«, heulte er. Ein paar Monate später trennten wir uns. Unser Streit endete mit der Empfehlung, ich solle noch mal gründlich über die Sache nachdenken, was ich auch versprach, aber nicht getan habe. Ich wusste ja, dass ich keine Kinder will. Nicht mit ihm, mit niemandem, schon gar nicht mit mir selbst. Manchmal, wenn ich durch sein Viertel spaziere, überlege ich, wie es wäre, ihm über den Weg zu laufen. Er ist Vater geworden, und ich stelle mir dann vor, wie er einen Kinderwagen vor sich herschiebt, dass er an mir vorbeigeht, ohne mich zu bemerken, oder stehen bleibt und mich anspricht, dass wir einander zulächeln und vielleicht sogar umarmen, dass ich das Kind ansehe, wie man das eben so macht, und sage: »Ach, wie süß«, oder: »Wie groß er schon ist.« – »Das ist ein Mädchen.« Dann würden wir uns voneinander verabschieden und weitergehen, ich allein, er fröhlich mit seinem Kind. Er würde denken: Sie ist einsam. Sie bereut es. Und: Ein Glück, dass ich mich von ihr getrennt hab. Und ich würde denken: Er sah müde aus, aber glücklich.
Aber wenn du nachts schlaflos im Bett liegst, bist du genauso allein wie ich. Mit einem Unterschied: Bei mir ist es die ganze Nacht still.
Es gibt nicht viele Dinge im Leben, derer ich mir sicher bin. So wie jeder andere Mensch ändere ich ständig meine Meinung. Als ich jünger war, war ich nicht die, die ich jetzt bin, und in zehn Jahren werde ich wieder jemand anders sein. Eine Sache habe ich aber schon immer gewusst: Ich werde keine Kinder haben. Ich hab mir nie Kinder gewünscht. Habe nie verstanden, warum wir Menschen unbedingt Kinder kriegen müssen.
Klar, unsere Spezies pflanzt sich so fort, wir wären heute nicht hier, wenn nie jemand schwanger geworden wäre und eine Familie gegründet hätte, in der man aufeinander aufpasst – das Rudel als Schutz vor dem Rest der Welt. Ich verstehe, dass wir Sex haben, damit wir nicht aussterben.
In meinem Freundeskreis bekommen immer mehr Leute Kinder. Weil wir alle älter werden, weil sie tun, was wir tun sollen, was von uns erwartet wird, aber vor allem tun sie es, weil sie den Wunsch haben. Sie treffen jemanden, verlieben sich, werden schwanger, bekommen Kinder. Aus eins mach zwei, aus zwei mach drei. Wir sollen uns vermehren, nicht allein bleiben.
Die ganze Zeit warte ich darauf, dass ich meine Meinung ändere, dass ich morgens aufwache und eine andere bin als am Tag zuvor, im Jahr zuvor und so weiter. Ständig warte ich darauf, dass ich will, was alle wollen. Aber ich will nicht. Für mich fühlt es sich genauso natürlich an, keine Kinder zu wollen, wie der Kinderwunsch sich für meine Freunde anfühlt. Von klein auf haben wir uns das Gleiche erhofft – nur mit anderem Vorzeichen.
Ich bin keine Mutter und will auch keine werden. Ich hab mit mir selbst genug zu tun. Vom Tag meiner Geburt bis zu dem Tag, an dem ich sterbe, werde ich mit mir zusammengelebt haben. Das reicht mir.
Mit anderen spreche ich nicht darüber. Das Thema erfüllt mich mit Scham, ich meide es, schleiche auf langen verbalen Umwegen daran vorbei. Reden meine Freunde vom Kinderkriegen, lenke ich das Gespräch in eine andere Richtung. Ich will mich nicht festlegen, denn vielleicht wache ich ja eines Morgens auf und bin eine von ihnen, eine durchschnittliche Frau in den Dreißigern, und will schwanger werden, eine Familie gründen, mein Leben, meinen Körper und mein Herz vergrößern, damit noch jemand anders Platz darin findet. Es ist nicht verboten, sich umzuentscheiden.
Ich suche nach berühmten kinderlosen Vorbildern. Was schwieriger ist, als man meinen würde. Jane Austen hatte keine Kinder. Geoff Dyer hat keine Kinder. Stevie Nicks hat keine Kinder, aber einen Stiefsohn. Frances McDormand hat adoptiert. Falls es Bücher oder Filme über Frauen gibt, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden, kenne ich sie nicht.
Sprechen wir über Serien, fällt mir sofort Samantha aus Sex and the City ein. Carrie Bradshaw kommt an zweiter Stelle. Meine Lieblingsfigur war aber immer Miranda, weil sie dem Thema die ganze Zeit ambivalent gegenübersteht. In der zweiten Staffel wird ihr ein träger Eierstock diagnostiziert, aber wie das Schicksal so will, wird sie in einer anderen Folge ungewollt schwanger. Sie behält das Kind und ist glücklich mit ihrer Entscheidung. Nach der Geburt zieht eine Kinderfrau bei ihr ein, Miranda geht arbeiten, trifft sich weiterhin mit ihren Freundinnen und hat Dates, bis sie schließlich heiratet, und im Grunde hat sich ihr Leben kaum verändert, bis auf den neuen Menschen, den sie liebt und obendrein großzieht. Bekäme ich ein Kind, wäre es nicht so einfach. Ich hätte kein Geld, um jemanden bei mir einziehen zu lassen, der sich um das Kind kümmert. Philip und ich wären allein. Bis auf das Kind. Natürlich ist Sex and the City nur Fiktion, in der Serie geht es nicht um Kinder oder die Sorgen des Alltags, sondern vor allem um Sex und Freundschaft. Darum, dass Carrie Bradshaw keine Kinder bekommt, wird nie viel Aufhebens gemacht. Ich hingegen werde ständig darauf angesprochen.
Als ich Anniken nach weiteren kinderlosen Vorbildern frage, denkt sie eine Weile nach. Dann sagt sie: Mutter Theresa.
Anniken und ich sind im selben Wohnblock groß geworden. Wir sind zusammen zur Grundschule und aufs Gymnasium gegangen und später auch auf dieselbe Uni – haben aber immerhin unterschiedliche Studienfächer belegt. Wir gründeten eine WG, die auch nach dem Abschluss noch eine Weile bestehen blieb. Heute leben wir im selben Stadtteil, aber nicht mehr unterm selben Dach. Dafür lebt Anniken immer noch mit Alex zusammen, der auch in unserem Block aufgewachsen ist und in unserer WG gewohnt hat. Ich lebe mit Philip zusammen, seit acht Jahren, mit anderen Worten: seit einer halben Ewigkeit.
Philip und ich haben uns im Sommer kennengelernt, zu einer Zeit, in der keine Kälte über der Stadt lag wie jetzt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Vor ihm hatte ich so was noch nie erlebt. Er stand auf einer Party in der Ecke und unterhielt sich mit Alex’ Kollegen, und ich dachte: Den da, den nimmst du mit nach Hause. Ganz so einfach war es dann natürlich nicht, aber er begleitete mich tatsächlich, küsste mich vor meiner Haustür auf die Wange und wünschte mir eine gute Nacht. In den nächsten Wochen wiederholte sich das Spiel, immer und immer wieder. Bis ich ihn fragte, ob er kein Interesse habe.
»Klar hab ich Interesse«, sagte er lächelnd. »Aber ich will nicht einfach so mit dir schlafen. Ich will mehr.«
»Und du glaubst, ich will nicht mehr?«
»Nein«, sagte er, »ich glaube nicht, dass du mehr willst.«
»Wie kommst du darauf?«
»Ich hab so Dinge über dich gehört.«
»Was für Dinge?«
»Nichts Schlimmes«, sagte er. »Aber zum Beispiel, dass du nicht so der Beziehungstyp bist. Was okay ist, aber ich bin das.«
»Ein Beziehungstyp?«
»Ein Beziehungstyp.«
Es dauerte nur wenige Monate, bis wir das erste Mal gefragt wurden, wann wir denn endlich Kinder kriegen würden. So tief ist die Vorstellung in unserem Leben und in der Gesellschaft verankert – man lernt jemanden kennen, man zieht zusammen, man gründet eine Familie.
Philip und ich haben schon früh darüber geredet. Es ging nicht anders. Ich stellte mich diesem Gespräch nicht zum ersten Mal, und in der Vergangenheit hatte es nie ein gutes Ende genommen, nicht mal, als ich jünger war. Ob er deshalb diese Dinge über mich gehört hatte? Beziehungen sind nichts für mich, denn sie laufen immer auf dasselbe hinaus: Irgendwann soll man Kinder kriegen. »Du wirst keinen finden, der das Gleiche will wie du«, hatte mein letzter Freund vor Philip gesagt. Also fand ich mich mit dem Gedanken ab. Ergab mich, gab auf. Und es ging mir nicht schlecht damit. Auch allein kann man ein schönes Leben führen. Ich hatte meine Freunde, die ich mitten in der Nacht anrufen konnte, und wenn ich wollte, suchte ich mir jemanden, neben dem ich einmal oder öfter einschlief.
Und dann kam Philip. Ich weiß noch, dass ich das Gespräch hinauszögern und nicht an diesen Punkt gelangen wollte, an dem ich schon so oft und immer zu schnell gewesen war. Ich wusste, was ich sagen würde, ich kannte meinen Text, ich kannte seine Antwort. Deshalb wollte ich mich vor dem Gespräch drücken. Gleichzeitig war mir klar, dass es mit jedem Tag schmerzhafter würde zu hören, dass er unter diesen Umständen nicht mit mir zusammenbleiben könnte. Dann, an einem ganz gewöhnlichen Abend, fasste ich mir ein Herz und schenkte ihm reinen Wein ein.
»Ich weiß, du willst das wahrscheinlich nicht hören«, sagte ich. »Aber ich muss es dir sagen, bevor wir uns zu nahekommen, bevor du nicht mehr umkehren kannst. Das wäre unfair uns beiden gegenüber.«
Er stellte sein Weinglas ab und sah mich über den Tisch hinweg an. Der Esstisch, der immer viel zu groß war – für uns zwei und erst recht für ihn allein.
»Ich kann dir –«
Ich hielt inne, holte tief Luft und setzte erneut an.
»Ich kann dir keine Kinder versprechen.«
Er schwieg.
»Ich will keine Kinder, und ich kann dir nicht versprechen, dass ich irgendwann meine Meinung ändere. Deshalb sollst du’s jetzt wissen, bevor du dich eines Tages hintergangen oder zu irgendwas verpflichtet fühlst.«
Er schwieg weiter.
»Ich bin so glücklich mit dir«, sagte ich, »aber da draußen gibt es viele, mit denen man glücklich sein kann. Und man muss doch den Richtigen finden oder zumindest jemanden, der das Gleiche will wie man selbst. Und wenn du Kinder willst, bin ich nicht die Richtige für dich.«
»Ich hab mir immer Kinder gewünscht«, sagte er.
»Die meisten wünschen sich Kinder.«
»Aber jetzt wünsche ich mir vor allem, mit dir zusammen zu sein.«
»Das kannst du nicht einfach so sagen.«
»Ich hab es aber gerade gesagt.«
»Ja, aber so was entscheidet man nicht mal eben beim Abendessen. Ich hatte viel mehr Zeit als du, darüber nachzudenken. So lange, wie du schon weißt, dass du Kinder willst, weiß ich, dass ich keine will, nie.«
»Ich darf mich also erst entscheiden, wenn ich darüber genauso lange nachgedacht hab wie du?«
»Ich weiß nicht, was in fünf Jahren ist oder in drei oder morgen«, sagte ich nach einer Weile. »Aber wenn ich dir jetzt nicht versprechen kann, dass wir irgendwann das Gleiche wollen, wäre es für keinen von uns fair, wenn das mit uns weiterläuft.«
Ich zeigte abwechselnd auf ihn und auf mich, dann ließ ich die Hand neben den Teller sinken.
»Willst du mit mir zusammenziehen?«, fragte er.
»Was?«
»Willst du mit mir zusammenziehen?«
»Wir kriegen keine Kinder, nur weil wir zusammenziehen.«
»Schon klar. Willst du mit mir zusammenziehen?«
Zwei Monate später kauften wir die Wohnung, in der ich heute lebe. Sein Tisch steht immer noch hier, im Wohnzimmer.
Im Februar hat meine Großmutter Geburtstag, und die ganze Familie ist zu einer großen Party nach Spanien eingeladen. Meine Mutter wollte nicht hin, wegen ihrer Flugangst, aber ich habe ihr angeboten, sie zu begleiten. Philip und Anniken kommen auch mit. Wir wollen uns ein Ferienhaus mieten und eine Woche vor und eine Woche nach der Feier dort verbringen – ein kleiner Tapetenwechsel zwischendurch. Alex muss arbeiten, aber wir anderen haben schon alles geplant und Geld beiseitegelegt, in ein paar Monaten geht’s los. Mama graut es immer noch vor dem Flug. Dass wir sie begleiten, sei auch keine Hilfe, sagt sie, ob ein Flugzeug abstürzt oder nicht, habe ja nichts damit zu tun, wer sonst noch an Bord ist. Ich erzähle ihr, wie viele Flugzeuge tagtäglich unterwegs sind und dass die wenigsten davon abstürzen. Natürlich beruhigt sie das nicht, gegen ihre Angst wird nur eins helfen: den Flug zu überleben. Aber es gibt Schlimmeres als Flugangst. Nicht zu fliegen birgt etliche Vorteile. Unserer Erde geht es am besten, wenn wir bleiben, wo wir sind, und nicht ständig für irgendwelche Wochenendtrips, Urlaubs- und Dienstreisen in der Weltgeschichte herumdüsen. Doch meine Mutter hat ihre Eltern noch nie in Altea besucht, und deshalb will ich, dass wir im Februar dort hinfliegen, den Geburtstag meiner Großmutter feiern, Wein trinken und unsere Auszeit genießen. Aber erst mal steht Weihnachten vor der Tür.
Philip wünscht sich, dass wir dieses Jahr bei seiner Familie feiern. »Lass es dir wenigstens durch den Kopf gehen«, sagt er, »wir waren schon letztes und vorletztes Jahr bei deiner Mutter.« Ich nicke, er hat ja recht, allerdings ist meine Mutter auch ganz allein. Natürlich ist das nicht Philips Schuld, aber meine Mutter kann genauso wenig dafür. Manche Leute sind eben allein, an Weihnachten, im Leben.
»Wir können auch getrennt feiern«, schlägt er vor.
»Wie bitte?«
»Unsere Beziehung geht ja nicht automatisch in die Brüche, wenn wir Heiligabend mal nicht am selben Ort sind.« Er lächelt, als er mein schockiertes Gesicht sieht. »Ist doch nur ein Tag. Am dreiundzwanzigsten bleiben wir zu Hause, wie immer, und am ersten Feiertag komme ich wieder zurück. Das schaffen wir doch, oder?«
Am dreiundzwanzigsten schauen wir immer Dinner for One und sämtliche Weihnachtsfilme mit dysfunktionalen Familien, die wir kennen. Philip meint, das sei die perfekte Vorbereitung, falls wir eines Tages selbst so ein Familienweihnachten erleben, wo alles drunter und drüber geht. Ich hege den leisen Verdacht, dass mir dieses Jahr so ein Desaster bevorsteht.
Zur Abwechslung fängt es früh an zu schneien, und dieses Jahr müssen wir uns besonders ins Zeug legen, um rechtzeitig die Weihnachtsgeschenke zu besorgen und es zu allen möglichen Weihnachtsfeiern zu schaffen. Schon Mitte Dezember bin ich vollkommen erledigt. Außerdem habe ich meine Mutter immer noch nicht gefragt, ob sie Pläne für Weihnachten hat. Heute findet unser alljährliches Pfefferkuchenbacken bei ihr statt. Insgeheim hoffe ich, dass sie Heiligabend zu Onkel Trond fährt, aber noch bevor ich das Thema anschneiden kann, sagt sie, wie sehr sie sich darauf freut, mit Philip und mir zu feiern.
»Das wird schön!«
Philip räuspert sich, und ich merke, wie er mich schief von der Seite ansieht, er hat Mehl im Gesicht. Ich hole tief Luft und sage, dass Philip dieses Jahr Heiligabend bei seiner Familie verbringt.
»Ach?«
»Aber ich komme zu dir«, schiebe ich schnell hinterher.
»Feiert ihr denn gar nicht zusammen?«
»Ist doch nur ein Tag«, sage ich, während Philip Teig ausrollt.
»Aber ihr feiert Weihnachten doch immer zusammen!«
Irgendwas riecht verbrannt, und ich frage meine Mutter, ob sie die Pfefferkuchen im Blick hat, aber sie steht wie angewurzelt da und wiederholt, dass Philip und ich an Weihnachten doch immer zusammen seien. Sie könne bestimmt zu Onkel Trond, fügt sie zögerlich hinzu. Ich stürze zum Ofen, reiße die Tür auf und rette die Pfefferkuchen in letzter Sekunde. Philip rollt weiter Teig aus.
Bevor wir gehen, raunt meine Mutter mir zu, ich müsse den Weihnachtsabend unbedingt mit Philip verbringen, ihr falle schon etwas ein.
»Ich komme zu dir«, sagte ich. »Keine Widerrede.«
»Papa und ich waren Weihnachten immer zusammen. Man muss mit dem Menschen zusammen sein, der einem am wichtigsten ist.«
»Und ich will mit dir zusammen sein«, sage ich und drücke sie noch einmal, bevor Philip und ich mit einer Dose voller entweder verbrannter oder zu weich geratener Pfefferkuchen zur U-Bahn sprinten. Auf dem Bahnsteig hält Philip mir die Dose hin, aber ich lehne ab. Im Briefkasten erwarten uns drei Weihnachtskarten, allesamt mit Bildern von lächelnden Familien und Kindern in Weihnachtsmannkostümen. Ich hänge sie an den Kühlschrank, gleich über die Hochzeitseinladungen und Dankeskarten. Philip und ich haben noch nie Weihnachtskarten verschickt.
Wir putzen uns die Zähne und gehen zu Bett, aber während Philip sofort einschläft, tu ich kein Auge zu. Ich wecke ihn und sage, dass ich Weihnachten gern mit ihm verbringen will.
»Und deine Mutter?«
»Kann sie nicht mitkommen?«
»Meinst du nicht, das könnte komisch werden?«
»Vielleicht. Oder es wird ganz nett?«
»Ich rede mal mit meiner Mutter«, sagt er.
Dann zieht er mich zu sich heran. Ich nehme seine Körperwärme wahr, seine Atemzüge, während er schon wieder wegdämmert. Ich stelle mir meine Mutter bei Philips Familie zu Hause vor, wo immer alle glücklich sind und noch nie auch nur ein einziger Pfefferkuchen angebrannt ist. Dann switche ich zu Heiligabend bei meiner Mutter, nur sie und ich bei ihr zu Hause. Vielleicht sollte ich ein paar von unseren Weihnachtsfilmen mitnehmen, überlege ich, aber meine Mutter schaut nicht gern Filme, sie strickt lieber abends in Ruhe auf dem Sofa. Und wenn ich fernsehe, während sie strickt? Es ist nur ein Tag, man isst zusammen und tauscht ein paar Geschenke aus, mehr nicht. Egal, ob man die Bude voll hat oder nur zu zweit ist, Weihnachten kommt – und ist auch schnell wieder vorbei.
Ich sage Philip, er brauche nicht mit seinen Eltern zu sprechen.
»Bist du dir sicher?«, fragt er.
Ich nicke.
»Ich fahre zu meiner Mutter, du besuchst deine Familie, und am ersten Feiertag treffen wir uns wieder hier.« – »Das Beste ist sowieso der dreiundzwanzigste«, sagt er und gibt mir einen schnellen Kuss, bevor er sich auf den Weg zur Arbeit macht. Ich schicke meiner Mutter eine Nachricht, dass ich mich auf Heiligabend freue und schon am Vormittag komme, damit wir zusammen das Essen vorbereiten können.
Am dreiundzwanzigsten muss Philip Überstunden machen, also schaue ich mir Dinner for One allein an. Ich weiß noch, an welchen Stellen mein Vater immer gelacht hat, und manchmal habe ich das Gefühl, ich höre ihn aus dem eingespielten Gelächter heraus. Als Nächstes ist Schöne Bescherung mit Chevy Chase an der Reihe, und irgendwann schreibt Philip, es werde noch etwas dauern, aber er vermisse mich schon. Ich döse vor dem Fernseher weg, und als Philip endlich nach Hause kommt, fragt er, ob ich jetzt noch einen Film schaffe. Wir legen Gremlins ein, dämmern aber schnell weg und wachen nur hin und wieder auf, zum Beispiel als Gizmo singt oder als Mrs.Deagle vom Treppenlift aus dem Fenster geschleudert wird. Während die Gremlins ein weiteres Weihnachten ruinieren, kuscheln Philip und ich uns aneinander.
