Nie war Heimkommen schöner - Andreas Wyden - E-Book

Nie war Heimkommen schöner E-Book

Andreas Wyden

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Beschreibung

In jedem Kapitel nimmt uns der Autor mit auf eine Reise durch seine Jugendjahre, die facettenreiche Familiengeschichte und durch die halbe Welt. Er lässt uns seine Verbundenheit zur Natur, seine Freude an der Musik und Poesie spüren und führt uns mit sanfter Feder durch seine Gefühls- und Gedankenwelt. So entstehen die unterschiedlichsten Mosaiksteine, welche sich allmählich doch zu einem Ganzen zusammenfügen. Zu einem Bild, in dem wir einen feinfühligen Menschen erkennen und erleben, der allen Widrigkeiten zum Trotz letztlich seinen Wurzeln, seinen Ideen und sich selbst treu geblieben ist.

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Vorwort

Wurden wir wirklich im gleichen Jahrhundert geboren? Diese Frage stellte sich mir, der in einer grossen Talgemeinde aufwuchs, zu Beginn der Lektüre. Andreas kam in einem abgeschiedenen Weiler im Goms zur Welt, wo Berglandwirtschaft und der strenge Katholizismus dem Tag den Takt vorgaben. Dieses Leben hat ihn geprägt. Nachdenklich, bescheiden ist er bis heute geblieben. Ein Mann der leisen Töne und der feinen Sprache.

Selbst als weitherum geschätzter Politiker suchte er nicht die grosse Bühne. Auch in diesem Buch berichtet er nicht über irgendwelche Politspielchen. Vielmehr lässt er uns erahnen, welche Verantwortung ein Politiker zu ertragen hat. Wir entdecken den Menschen dahinter. Die Leiden des Alpburschen und des jungen Erwachsenen. Der innere Zwiespalt, aber auch Melancholie und Freude werden spürbar. Wer solche Erlebnisse zwischen Buchdeckel schreibt, verfügt über Durchhaltewillen, Talent zum Schreiben und eine gehörige Portion Zivilcourage, sich den Leserinnen und Lesern zu öffnen. All das trifft auf Andreas zu.

In jedem Kapitel nimmt er uns mit auf eine Reise durch seine Jugendjahre, die facettenreiche Familiengeschichte und durch die halbe Welt. Er lässt uns seine Verbundenheit zur Natur, seine Freude an der Musik und Poesie spüren und führt uns mit sanfter Feder durch seine Gefühls- und Gedankenwelt. So entstehen die unterschiedlichsten Mosaiksteine, welche sich allmählich doch zu einem Ganzen zusammenfügen. Zu einem Bild, in dem wir einen feinfühligen Menschen erkennen und erleben, der allen Widrigkeiten zum Trotz letztlich seinen Wurzeln, seinen Ideen und sich selbst treu geblieben ist.

Ich bin dankbar, dass wir im selben Jahrhundert zur Welt kamen und sich unsere Wege kreuzten. Nach der Beendigung der Lektüre erst recht.

German Escher

Prolog

Dieses Buch ist keine Autobiographie im herkömmlichen Sinne. Es handelt sich lediglich um aneinandergereihte Fragmente. Bruchstücke eines Lebens und prägende Erinnerungen an für mich bedeutende Personen. Das Buch handelt von Menschen, die mir wichtig waren und es immer noch sind. Es sind Erinnerungen an vergangene Zeiten. Sicher etwas verklärt durch die Eigenschaft des menschlichen Gehirns, negative Dinge auszublenden und nur Positives in Erinnerung zu behalten. Einige Kapitel sind sehr subjektiv geprägt. Es wird Betroffene geben, die beschriebene Situationen ganz anders erlebt haben. Natürlich liegt dem Buch auch eine gewisse dichterische Freiheit zugrunde.

Ich beschäftige mich in diesem Buch mit Menschen, die mich in irgendeiner Weise berührt haben. Es sind Menschen, die mich bereichert und beeindruckt haben. Und Menschen, die mich geprägt haben, weil ich viel von ihnen gelernt habe. Da sind aber auch Menschen, an die ich mich nur ungern erinnere. Auch hier wird die Zeit diese Erinnerungen schönfärben. Sie werden an Wichtigkeit verlieren und letzten Endes bedeutungslos werden. Das Gedächtnis des Menschen ist immer sehr selektiv. Objektiv gesehen, können Nichtigkeiten eine grosse Bedeutung erhalten. Wichtige Ereignisse können aber sehr rasch ausgeblendet und als unwichtig taxiert werden.

“Ach, mein Gott, wenn man ganz ehrlich zu sich ist, färbt die Zeit die Erinnerungen natürlich schön.”

Wolfgang Niedecken (Rockmusiker /BAP)

Zum Leben gehört auch das Sterben. Einige Menschen, die mich während vieler Jahren begleitet haben, sind gestorben. Manch einer dieser Sterbeprozesse und der Verlust von liebgewonnen Personen hat mich schier aus der Bahn geworfen. Lange Zeit konnte ich den Tod als Abschluss des Lebens nicht akzeptieren. All die Verstorbenen waren wichtig für mich. Und sie leben in mir weiter. Je älter ich werde, desto mehr denke ich mit Wehmut an sie zurück. Natürlich waren auch negative Erlebnisse dabei. Auch diese werden mit der Zeit verblassen.

Das Buch enthält viele Liedtexte, die mir in schwierigen Zeiten geholfen haben. Musik wird mich wohl mein ganzes Leben lang begleiten. Musik ist mein Lebenselixier. So ist es auch mit der Poesie, die mich von Kindheit an begleitet und fasziniert hat. Sprache lässt Bilder entstehen und regt die Fantasie an. Sprache malt Bilder. Viele Texte sind wahre Klangbilder und lösen ähnliche Emotionen aus wie Musik. Auch Gemälde sind mir wichtig. Ich liebe die alten Meister. Genies wie van Gogh, Michelangelo, da Vinci und viele andere mehr sind sowieso zeitlos.

Noch heute erschaudere ich beim Betrachten des Schreis von Edvard Munch.

Es ist ein sehr persönliches Buch geworden. Es enthält aber keine Namen. Rückschlüsse auf Kollegen aus der Politik und andere Menschen wären reine Spekulation. Das Buch ist keine Abrechnung. Menschen zu verletzen, liegt mir fern. Das Schreiben half mir viele Erlebnisse, Lebenssituationen und Krisen zu verarbeiten. Es half mir aber auch bei der Selbstfindung und dem Streben nach Gelassenheit.

Ich bin bei diesem Prozess nicht klüger geworden – aber etwas gelassener schon.

In meiner Erinnerung leben noch viele weitere Erlebnisse und Begegnungen weiter. Das Buch ist also alles andere als vollständig. Zum Beispiel gäbe es da noch mehrere Stationen unserer Weltreise zu beschreiben. Der Stadtstaat Singapur beispielsweise, der uns nach den traumatisierenden Erlebnissen in Indien ein wahrer Zufluchtsort war. Ich denke hier auch an die fantastische Zeit in Melbourne mit meinen Cousins und meiner Tante. Ihre Herzlichkeit und ihre Gastfreundschaft waren unvergleichbar gewesen. Neuseeland und insbesondere Auckland bleiben für immer in meinem Gedächtnis verankert. Nouméa wäre ebenfalls ein Kapitel wert gewesen. Ich denke aber auch an Kanada und diverse Stationen in den USA. All diese Orte haben uns Begegnungen ermöglicht, die unser Leben bereichert haben.

Ganz herzlich bedanke ich mich bei der Lektorin Karin Gruber! Sie hat mir mit ihrer kritischen Begleitung sehr geholfen. Weiter danke ich meinen Freunden Renato Jordan und German Escher für ihre Mithilfe.

Ich bedanke mich bei dieser Gelegenheit bei meiner Frau, die mich all die Jahre in Liebe ertragen hat. Ihr ist dieses Buch gewidmet.

Ein grosser Teil meiner Erinnerungen sind auch ihre Erinnerungen.

„Erinnerung ist eine Form der Begegnung.“

Khalil Gibran

1

Es beginnt wie immer. Zuerst ist da nur ein sporadisch auftretender, stechender Schmerz an der linken Schläfe. Die Stiche häufen sich in immer kleineren Abständen. Dann setzt sich der Schmerz genau über dem linken Auge fest. Von dort breitet er sich in rasendem Tempo aus und erfasst die ganze linke Seite seines Kopfes. Jede Bewegung jagt ihm neue Schmerzwellen durch den Körper. Sein Nacken wird ganz steif.

Und plötzlich ist da wieder dieser helle Ton im Ohr. Zuerst ist es nur ein leises Summen. Dann wird es immer lauter.

Er raucht jetzt bereits die fünfte Zigarette und nippt an einem Glas lauwarmen Mineralwasser.

Er hasst lauwarmes Mineralwasser.

Die Zigaretten verstärken seine Kopfschmerzen. Die Sitzung dauert nun schon mehr als eine Stunde.

Natürlich hat er damit gerechnet.

Überflüssige Sitzungen dauern immer sehr lange.

Das Summen in seinem linken Ohr ist inzwischen zu einem starken Rauschen geworden.

Er kennt den Vorsitzenden!

Der Mann ist ein Narzisst, wie so viele seiner Politikerkollegen. Er geniesst es, sich selbst reden zu hören. Mit sehr viel Talent und noch mehr Worten schafft er es, ein einfaches Problem so darzulegen, dass eine Lösung kaum mehr möglich scheint.

Und immer wieder diese sinn- und inhaltslosen Worthülsen!

Warum protestiert denn hier niemand?

Warum steht keiner auf und sagt, dass er das alles zum Kotzen findet?

Selbstverständlich wäre die Sitzung nicht nötig gewesen.

Sie ist überflüssig, wie schon so viele davor.

Ein kurzes Telefongespräch hätte genügt.

Warum haben bloss all die Sitzungszimmer in diesen kleinen Gemeinden so verdammt harte Stühle?

Sein Rücken schmerzt wie verrückt und auch die dritte Schmerztablette hat sein Kopfweh nicht vertrieben. Langsam rebelliert sein Magen und er weiss schon jetzt, dass er irgendwo auf dem Heimweg kotzen wird. Er streckt die Beine unter dem Tisch aus und betrachtet intensiv den Hinterkopf seines Vordermannes. Er zählt fünfzehn Schuppenteilchen und vier lose Haare auf dessen Hemdkragen.

Der Mann hat eine leichte Glatze.

Auch anderen Männern fallen die Haare aus!

Das tröstet ihn ein wenig.

Er hat zumindest keine Schuppen.

Es ist Zeit für eine weitere Zigarette. Das ist schon die sechste. Der Kollege neben ihm schaut ihn bitterböse an.

Diese Scheissnichtraucher nehmen immer mehr überhand! Bald wird sicher noch das Rauchen während den Sitzungen verboten.

Die Luft ist tatsächlich ziemlich stickig. Rauchschwaden wabern träge durch den Raum. Man sieht kaum von einem Ende des Zimmers zum anderen. Ein anderer Kollege raucht auch schon die vierte oder fünfte Zigarette. Und auch in der vordersten Reihe qualmt jemand.

Draussen spielen Kinder und lärmen. Der örtliche Gemeindepräsident kippt ein Fenster und lässt Kinderlärm und etwas frische Luft herein. Ein Ball klatscht an eine Fensterscheibe. Ein grosser, rothaariger Junge schaut erschrocken in den Raum. Er hat ein lustiges Gesicht und eine grosse Zahnlücke.

Er schaut ihn bitterböse an streckt ihm die Zunge heraus.

Der Junge wird vor Verlegenheit rot und rennt davon.

Er konzentriert sich wieder auf den Mann vor ihm und zählt ein weiteres Mal die Schuppen auf dessen Hemdkragen. Es sind immer noch fünfzehn. Fast ist er ein wenig enttäuscht darüber. Dann sieht er die drei Haare, die dem Mann aus dem linken Ohr wachsen. Eines davon hat vorne einen kleinen Pollen aus Ohrenschmalz dran. Der Mann trägt ein hautfarbiges Hörgerät. Auch auf der Hörmuschel hat sich etwas Schmalz festgesetzt.

Und dann fällt ihm auf, dass der Mann vor ihm die Augen geschlossen hält!

Er schaut noch einmal genauer hin. Tatsächlich - der Mann ist eingeschlafen! Ganz langsam neigt sich sein Kopf der Tischkante zu. Bevor er jedoch mit dem Kinn aufschlägt, wacht er erschrocken auf. Verstohlen blickt er in die Runde. Scheinbar hat niemand gemerkt, dass er kurz eingenickt ist.

Niemand?

Fünf Minuten später nickt der Mann wieder ein.

Eigentlich sollte ich jetzt gehen!

Einfach aufstehen, spöttisch lächeln und dieses Trauerspiel hierbeenden.

Vielleicht sollte wirklich einmal jemand demonstrativ solche Sitzungenverlassen!

Irgendwie fehlt ihm die Kraft oder der Mut dazu. Er denkt lange darüber nach und redet sich ein, dass es nicht am fehlenden Mut liegt.

Vielleicht ist er ja bloss höflich?

Vielleicht ist es nur Rücksicht, die ihn zurückhält?

Natürlich gehört auch ein wenig Angst dazu.

Ein ganz kleines Bisschen nur.

Der Selbstbetrug war ihm, schon immer ein treuer Begleiter.

Und trotzdem - sich selbst zu belügen - ist nicht einfacher geworden in all den Jahren.

Er trinkt noch einen Schluck des lauwarmen Wassers. Mittlerweile hat die Brühe nicht einmal mehr Spuren von Kohlensäure. Sie schmeckt wie sie aussieht. Und er fragt sich, was bloss aus ihm geworden ist. Wie konnte er sich nur derart verändern?

Er fühlt sich unendlich alt und traurig, weil er weiss, dass er früher nicht geschwiegen hätte. Früher hätte er laut gelacht über diese Art von Menschen, die mit wichtigen Mienen dasitzen und derart bedeutungslose Dinge besprechen.

Kleinkarierte Wichtigtuer hätte er sie genannt. Kleinbürgerliche Spiesser! Lächerliche Niemands!

Und nein, so wie die, wollte er nie werden.

Nicht einmal vorstellen, konnte er sich das.

Nie und Nimmer!

Ganz sicher werde ich auf dem Weg nach Hause kotzen müssen, denkt er.

Es wird sich danach, nicht besser fühlen. Die Kopfschmerzen werden erst in der Nacht nachlassen. Wenn es ganz dunkel und ganz still wird. Er kennt das. Zwei bis drei Tage pro Woche quälen ihn diese grässlichen Migräneattacken.

Und sie werden immer heftiger.

In seinem Ohr tobt nun ein Orkan.

Er spürt schon den gallenartigen Geschmack von Erbrochenem in seinem Mund.

Alles wird hochkommen. Das abgestandene Wasser, die Tabletten, die Zigaretten.

Und der Frust über sein Verhalten.

Früher wäre er aufgestanden und gegangen. Früher hätte er nie und nimmer geschwiegen. Aber früher hätte er Menschen, wie er nun einer ist, bloss höhnisch ausgelacht. Mein Gott, wie hatte er all die Politiker verachtet. All die selbstverliebten Phrasendrescher konnten ihm gestohlen bleiben.

Hat nicht Jesus nur Verachtung für alle Pharisäer übrig gehabt? Und sind nicht Politiker die direkten Nachfahren dieser biblischen Heuchler?

Früher hatte er Mao bewundert und ein T-Shirt mit dem Konterfei von Che Guevara getragen. Früher wäre er laut geworden und hätte spöttisch gelacht. Und er denkt daran, wie er die Liedtexte von Konstantin Wecker aufgesogen hat wie ein Schwamm.

Die Lieder über die Unangepassten.

Die Oden an die standhaften Neinsager.

Ein Revoluzzer wollte er werden!

„Nur raus, nur fort, nur kein Verschieben!

Der Winter wird jetzt aufgerieben!

Was für ein Flug...

Von allen meinen grossen Lieben

ist mir nur eine treu geblieben:

der Selbstbetrug.“1

„Man muss heute global denken und lokal handeln,“ sagt da einer dieser Klugscheisser und scheint dabei mächtig stolz auf diese wahnsinnig intelligente Aussage zu sein.

Er schaut ihm lächelnd in die Augen.

Aber ja doch, du Arschloch, grinst er ihm zu.

Was bist du bloss für ein Idiot.

Ja, auch Narren können zum Gemeindepräsidenten gewählt werden.

Früher hatte er nur gekotzt, wenn er zu viel gesoffen hatte.

Als Kind war er mutig gewesen!

Und Erinnerungen an längst vergangene Tage kommen in ihm hoch.

1 Konstantin Wecker: Liebesflug 1981

2

«Er ist jetzt sechs und schon recht gross. Er hat nichts als Flausen im Kopf und ist manchmal ziemlich frech. Es wird Zeit, dass er arbeiten geht. Ein Bauer im unteren Dorf hat schon nach ihm gefragt und ich habe ihm zugesagt. Er wird dem alten Bauern beim Viehhüten helfen müssen. Das ist einfach. Mit sechs haben wir ja auch schon zum Vieh schauen müssen.“

„Ja“, antwortete der Vater.

„Er wächst dir über den Kopf. Und er ist etwas seltsam. Sogar die Rute macht ihm keine Angst. Er weint nicht einmal, wenn man ihn damit bestraft! Ja, es ist höchste Zeit, dass ihn jemand beschäftigt, bis er so richtig müde wird.“

Ich höre ihnen zu und bin ein bisschen traurig. Ich beneide meinen Bruder, der im Nachbarhaus als Knecht das Vieh hüten darf. Ich weiss aber, dass Einwände sinnlos sind. Aufgewühlt gehe ich in die Küche. Im Vorbeigehen trete ich meinem älteren Bruder kräftig ans Schienbein. Der schreit vor Schmerz und mein Vater greift zornig nach der Rute.

Nein, ich weine auch diesmal nicht.

Ich bin gross und stark. Ein Indianer kennt schliesslich auch keine Schmerzen. Mein Cousin hat mir das irgendwann mal erzählt. Eigentlich weiss ich auch jetzt noch nicht genau, was ein Indianer ist. Im Zimmer, das ich mit meinem Bruder teile, beginne ich aus dem Büchlein zu lesen, das ich meiner älteren Schwester geklaut habe.

Ich bin stolz, dass ich schon lesen und schreiben kann. Nächstes Jahr, wenn ich zur Schule muss, werden mich sicher alle beneiden. Ich weiss, dass meine gleichaltrige Cousine noch nicht lesen und schreiben kann.

Ich verstehe nichts von dem, was ich gerade lese.

Es ist ein langweiliger Liebesroman.

Zwei Wochen später mache ich mich auf den Weg in das untere Dorf. Es ist noch früh am Morgen und es ist kalt. Ich habe ein wenig Angst. Im unteren Dorf wohnt nämlich die Verrückte. Meine Schwester hat mir das erzählt. Ich weiss, dass sie mit einem Beil in der Küche wartet und mich durch das kleine, dunkle Fenster beobachten wird.

„Du musst einfach rennen. Ganz schnell rennen. Sie ist schon alt und wird dich nicht einholen“, riet mir meine grosse Schwester.

Ich kenne das Haus, in dem die Verrückte wohnt. Ich war schon einmal mit meiner Mutter im obersten Stock dieses Gebäudes gewesen. Damals war ich noch sehr klein und mir war entsetzlich kalt. Meine Mutter setzte mich auf den Steinofen in der Stube und befahl mir, ganz still zu sein und auf sie zu warten. Irgendwann hörte ich, wie meine Mutter sagte, dass der Onkel plötzlich ganz blau im Gesicht sei.

Ich hätte ihn gerne gesehen. Mama liess mich aber nicht ins Krankenzimmer und so wartete ich auf dem Stubenofen auf sie.

Seltsamerweise fror ich auf dem warmen Ofen. Später sagte man mir dann, dass der Onkel an diesem Morgen verstorben sei.

Ich hätte ihn wirklich gerne gesehen.

Wird man immer blau im Gesicht, wenn man stirbt?

Jetzt sehe ich das Haus. Hinter den Vorhängen in der Küche bewegt sich nichts.

Ich habe furchtbare Angst. Ich schwitze und mein Herz hämmert heftig in meiner Brust. Aber ich atme tief ein und gehe ganz langsam am Hauseingang vorbei.

Eigentlich müsste ich jetzt rennen. Ich weiss aber, dass ich mich nachher dafür schämen würde. Ganz sicher hätte ein Indianer auch keine Angst gehabt.

Nein, nicht vor einer verrückten alten Frau mit einem Beil.

„Bah, ich bin jetzt schon gross und ich bin stark!“

Ich bewege mich jetzt noch langsamer. Nichts passiert und ich bin schon zwanzig Meter vom Haus entfernt. Mein Herz schlägt immer noch wie wild.

Ich lache vor Stolz.

Nein, ich habe keine Angst.

Ich bin schon gross.

Das alte Ehepaar wartet schon auf mich. Der Mann hat kurze graue Haare, die je nach Lichteinfall leicht gelblich schimmern. Eine zerbissene krumme Pfeife steckt in seinem faltigen Gesicht. An seinen Mundwinkeln kleben braun-schwarze Tabakflecken. Er trägt eine fleckige graue Jacke und speckig glänzende schwarze Hosen. Sie sind etwas zu kurz und geben den Blick auf dicke graue wollene Socken frei. Er trägt schwere, halbhohe Schuhe. Die Schuhbändel sind aus braunem Leder gefertigt. Die Bauersfrau trägt einen weiten dunklen Pullover über einem ebenfalls dunklen Rock, der ihr bis über die Knie reicht. Ihre Strumpfhosen waren ursprünglich wohl dunkelblau. Jetzt wirkten sie seltsam farblos. Die Frau redet unablässig.

Der Bauer nickt mir zu und wir machen uns schweigend auf den Weg zum Viehstall. Der alte Bauer hat einen gekrümmten Rücken und kann nur gebückt laufen. Es dauert nicht lange, bis wir die Stallscheune erreichen, in welcher der alte Landwirt sein Vieh hält. Der Stall ist nur ungefähr einen Meter sechzig hoch. Der Bauer bückt sich noch etwas mehr. Er sieht irgendwie komisch aus. Der Mann brummelt etwas und mistet den Stall aus. Kurze Zeit später beginnt er mit dem Melken. Er nennt mir dabei die Namen der Kühe und erklärt mir meine künftigen Aufgaben.

Ich fürchte mich ein wenig.

Alles ist so fremd.

Nach dem Melken treiben wir das Vieh auf die Wiese und der gekrümmte Mann setzt sich auf einen Stein. Er klopft seine Pfeife aus und mischt die Asche mit etwas Tabak. Dann stösst er sich das Gemisch in den Mund und fängt rhythmisch an zu kauen. Ab und zu spuckt er etwas bräunlichen Tabaksaft aus. Ich schaue ihm fasziniert zu. Fast zwei Meter weit kann der Mann die braune Flüssigkeit spucken. Aus den Mundwinkeln rinnen ein paar braune Tropfen über sein Kinn.

Es ist Speichel, vermischt mit Asche und Tabak.

Es sieht seltsam aus.

„Bis neun Uhr dürfen sie nicht zum Stall zurück. Du musst gut darauf achten. Immer erst um neun. Ich werde kommen und dir helfen sie wieder in den Stall zu bringen. Hüten ist ganz einfach. Du wirst sehen. Und es sind liebe Tiere. Diese Kühe kann jedes Kind hüten. Ab der nächsten Woche geht das Heuen los. Ich werde dich alleine hüten lassen und mähen gehen.“

Der alte Mann sieht mich an und spuckt einen weiteren Strahl braunen Tabaksaft neben sich ins Gras.

Ich nicke und denke: Wie soll ich wissen, wann neun Uhr ist?

Und ich mache mir immer mehr Sorgen.

Die erste Woche vergeht sehr schnell. Der Bauer bleibt die ganze Zeit bei mir und das Vieh verhält sich sehr ruhig. Ich bin sehr erleichtert, dass Vieh hüten so einfach ist. Der Bauer spricht nur wenig mit mir. Das stört mich nicht. Ich suche nach wilden Erdbeeren. Und ich suche nach Käfern und Schnecken. Ich spiele gerne mit Schnecken.

Anfangs habe ich mich noch vor Schlangen gefürchtet, doch bis jetzt habe ich keine gesehen. Vielleicht sind ja gar keine hier?

Meine Mutter hat mich ausdrücklich vor Schlangen gewarnt.

„Auf dieser Weide wimmelt es nur so von giftigen Schlangen. Du musst sehr achtsam sein! Schlangen sind hinterlistige und böse Tiere. Das kann man schon in der Bibel lesen!“

„Schlangen sind die Boten des Teufels!“

Mama hat sich ganz sicher geirrt! Es gibt keine Schlangen auf dieser Weide!

Bevor wir das Vieh auf die Weide treiben, müssen die Kühe gemolken werden. Sie stehen sehr still und geduldig da, als würden sie sich auf das Melken freuen. Der alte Melker ist sehr geschickt und braucht nicht mehr als zehn Minuten pro Tier. Er sitzt ganz locker auf dem einbeinigen Melkschemel. Ich habe das auch schon ein paar Mal probiert. Und jedes Mal verlor ich das Gleichgewicht. Einmal fiel ich in einen frischen Kuhfladen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich am Brunnen vor dem Stall den gröbsten Dreck abgewaschen hatte. Ich badete am Abend und meine Mutter wusch mir die Hosen und das Hemd. Trotzdem hatte ich noch sehr lange das Gefühl, nach Kuhmist zu stinken.

Nach dem Melken bekomme ich immer eine Tasse frischen Schaum. Ich liebe diesen Schaum.

Und der alte Mann freut sich, dass mir der frische Milchschaum schmeckt.

Nächste Woche werde ich alleine das Vieh hüten müssen!

„Kein Problem“, denke ich mir. „Ich kann das.“ Und ich kann es kaum erwarten, bis es losgeht. Ich werde ungestört Himbeeren und Erdbeeren suchen können. Oder ganz faul auf einem Felsen in der Sonne liegen.

Vieh hüten ist kinderleicht.

Zuerst aber freue ich mich auf den Sonntag. Sonntags habe ich frei. Natürlich wird mich die Mutter wecken und die ganze Familie wird im Dorf die heilige Messe besuchen. Aber danach habe ich den ganzen Tag frei. Und sonntags kann ich etwas länger schlafen. Es ist herrlich, einmal nicht so früh aufstehen zu müssen. Ich mag die Geräusche, die jeden Sonntag zu mir ins Zimmer dringen. Es fängt damit an, dass mein Vater das Radio einschaltet und sich dann rasiert. Manchmal singt er dabei. Er singt lateinische Messlieder und er singt sie voller Inbrunst. Irgendwie tönt es falsch und trotzdem herrlich. Und dann steigen die Gerüche, die ich ebenfalls so liebe, zu mir hoch. Meine Mutter brüht frischen Kaffee und es duftet nach selbst gebackenem Brot. Ich liebe den Geruch von frischgebrühtem Kaffee, obwohl ich Kaffee eigentlich nicht so gerne mag. Ich werde trotzdem eine Tasse trinken. Seit ich sechs bin darf ich jeden Sonntag eine Tasse Kaffee trinken.

Kaffee trinken dürfen nur grosse Leute!

Ich bin sechs Jahre alt und ich bin schon gross.

Ich freue mich auf das Frühstücksbrot mit ganz viel süsser Konfitüre. Meine Mutter stellt uns immer zwei, drei Gläser mit selbstgemachter Konfitüre auf den Tisch. Und ich darf dann drei oder vier Scheiben Brot mit Butter und Konfitüre essen. An Sonn- und Feiertagen gibt es mittags auch immer Fleisch. Vor dem Kirchgang öffnet meine Mutter gewöhnlich ein Glas eingemachtes Bratfleisch oder sie kocht Siedfleisch. Aber Siedfleisch mag ich nicht mehr so gerne, seit sie meine Ziege getötet haben.

Mein Onkel im Nachbarhaus hatte sie geschlachtet.

Zweimal musste er ihr in den Kopf schiessen, bis sie endlich tot war.

Danach schlitzte er ihr mit einem scharfen Messer den Hals auf. Das Blut schoss nur so heraus! Ich sah ihm zu und musste weinen.

An diesem Tag ass ich nichts mehr, obwohl meine Mutter die frische Ziegenleber kochte. Dabei liebte ich die süsssaure Sauce, an der die Mutter die Leber zubereitete, doch so sehr.

Aber es war schliesslich Kathrins Leber!

Sie hatte nur eine Zitze gehabt, weil sie von einer Schlange gebissen worden war. Aber sie gab auch mit einer Zitze noch mehr als zwei Liter Milch am Tag.

Ich liebte sie abgöttisch.

Ich hasste sie alle, die da am Tisch sassen und mit Heisshunger assen.

Mein Vater lachte mich aus.

Ich hasste ihn dafür.

Die Mutter weckt mich um acht Uhr. Ich ziehe nochmals die Decke über den Kopf. Sekunden später schlafe ich wieder ein. Mein Bruder rüttelt mich aber endgültig wach und ich stehe schlaftrunken auf. Ich ziehe meine besten Hosen und einen neuen Pullover an. Am Vorabend habe ich noch gebadet und die Haare gewaschen.

„In die Kirche geht man nur mit den schönsten Kleidern! Und man wäscht sich vorher!“

Meinem Vater ist das wichtig.

Es gibt tatsächlich frisches, selbstgebackenes Brot.

Und ich trinke eine Tasse Kaffee. Aber auch mit drei Löffeln Zucker schmeckt er noch immer bitter.

Warum mögen Erwachsene bloss Kaffee?

Der Gottesdienst findet um halb zehn statt. Um viertel vor neun machen wir uns auf den Weg zur Kirche. Der Vater geht mit schnellem Schritt voraus. Meine Schwester folgt ihm leichtfüssig. Die Mutter und mein jüngerer Bruder laufen etwa fünf Meter hinter den beiden.

Wie gewöhnlich bilde ich den Schluss.

Und wie immer habe ich zu viel frisches Butterbrot mit Konfitüre gegessen und kann nur mit Mühe Schritt halten.

Das Atmen fällt mir schwer und ich schwitze heftig unter meinem dicken Pullover.

Die Messe dauert gewöhnlich bis halb elf. Die Kirchbänke sind sehr unbequem. Alle Kirchgänger müssen praktisch während der ganzen Messe knien. Hinsetzen ist nur während der Predigt und der Lesung erlaubt.

Meine Beine schmerzen. Ich entlaste eine Weile das linke Knie und dann wieder das rechte. Es hilft nicht viel. Die Zeit vergeht nur sehr schleppend. Vor allem die Predigt dauert ewig lange. Der alte Pfarrer liest einen Hirtenbrief des Bistums vor. Und dann beginnt er diesen zu erklären und zu erläutern.

Der Sittenzerfall macht ihm zu schaffen.

Letzthin hatte eine Frau aus dem Dorf einen Protestanten geheiratet!

Solche Mischehen sind ein Skandal und sollten verboten werden, wettert er. Seine Stimme überschlägt sich fast dabei.

Er erinnert an die Qualen des Fegefeuers. Und er warnt vor der ewigen Verdammnis der Hölle.

„Gott ist überall“, ermahnt er uns.

Gott sieht alles.

Gott vergisst nichts!

Bei der Wandlung trinkt der alte Pfarrer Wasser und Wein.

„Das ist das Blut Jesus Christi“, sagt er dabei.

Er nimmt eine Hostie und spricht:

„Und das ist der Leib Christi.“

Das sei nur sinnbildlich gemeint, hat mir meine Schwester erklärt.

Ich verstehe es immer noch nicht.

Noch darf ich nicht zur Kommunion. Ich beneide meinen Bruder, der stolz zum Pfarrer nach vorne schreitet und eine Hostie entgegen nimmt. Die Männer kommen zuerst an die Reihe. Meine Schwester und meine Mutter mussten auf der Frauenseite Platz nehmen. Die Schwester kniet mit ihren Schulkolleginnen in der ersten Bankreihe. Auch sie darf zur Kommunion.

„Und das ist das Blut, das für euch vergossen wurde.“

Ich muss an Kathrin denken.

Jesus musste wegen unseren Sünden sterben.

Auch wegen mir!

„Wir alle tragen die Schuld der Erbsünde in uns“, erinnert der Pfarrer die Kirchgänger.

3

Er verzichtet darauf das Wort zu ergreifen. Das Thema ist zu unbedeutend, um noch lange darüber zu debattieren. Er raucht eine weitere Zigarette und wartet darauf, dass sich sein Nachbar zu Wort meldet, um die Wiederholungen des Vorredners zu wiederholen.

Der Mann ist ein wahrer Wortakrobat.

Tatsächlich schreitet der Wichtigtuer nach vorne. Geschickt beginnt er die ganze Versammlung mit einem Wortschwall einzulullen.

Selbstverständlich hatte er schon vor langer Zeit das heutige Problem erkannt und vor dessen Auswirkungen gewarnt. Und natürlich hatte er die richtigen Lösungen schon vor ewig langer Zeit vorgeschlagen.

Leider hatte man ihn damals nicht verstanden!

Oder nicht verstehen wollen?

Die Zeit war wohl noch nicht reif dafür gewesen.

Es gibt sie halt - Menschen, die der Zeit voraus sind.

Politiker gehören oft dazu.

Er kann den bösen Blick des Mannes neben ihm förmlich spüren.

Scheissnichtraucher!

Schon bei der letzten Zusammenkunft hatte der Mann lauthals ein Rauchverbot während den Sitzungen gefordert. Und bei einer Abstimmung hätte er wahrscheinlich sogar recht bekommen. Der Vorsitzende appellierte aber dann an die gegenseitige Toleranz und Rücksichtnahme und das Thema war damit wenigstens für eine Weile vom Tisch.

Der Mann am Rednerpult schwafelt noch immer etwas von Einigkeit, die stark macht.

Es muss schlimm sein, wenn man seiner Zeit dermassen voraus ist. Und frustrierend, wenn man sich in Sphären bewegt, die anderen verschlossen bleiben. Dabei war der Mann nie gross aus dem engen Tal herausgekommen…

Klugheit setzt sich halt überall durch!

„Ich denke halt global und vernetzt“, rühmt sich der Redner nun und kehrt mit einem selbstzufriedenen Lächeln wieder an seinen Platz zurück.

Arroganter Klugscheisser!

Er seufzt, wenn auch nur in Gedanken und lehnt sich wieder zurück. Die Sitzung wird noch lange dauern. Er zählt noch einmal die Schuppen seines Vordermannes. Es sind jetzt nur noch vierzehn. Er zählt sie nochmals langsam nach. Es kommt wiederum auf vierzehn. Nach intensivem Suchen entdeckt er die fünfzehnte Schuppe auf dem Fussboden. Das Haar mit dem Ohrenschmalz ist auch noch da.

Plötzlich kratzt sich der Mann leicht am Hinterkopf.

Und es schneit Schuppen.

Er zählt zweimal nach. Auch beim zweiten Mal sind es fünfundzwanzig. Überall auf dem Hemd des Mannes sind nun kleine weisse Hautteilchen verteilt.

Die Schuppe auf dem Boden hat fünf Kameraden bekommen.

Ich muss hier raus!

Doch er weiss ganz genau, dass ihm die Kraft und der Mut dazu fehlen.

Es liegt an dieser Scheissmigräne. Wenn ich keine Kopfschmerzen hätte, würde ich gehen!

„Du bist feige“, sagt sein inneres Ich.

Sein Rücken schmerzt immer mehr. Inzwischen liegt er jetzt halb in seinem Stuhl. Trotzdem will der Schmerz nicht weichen. Ein paar Kinder glotzen durchs Fenster. Er würde gerne ihre Gedanken lesen. Er stellt sich vor, was er als Halbwüchsiger wohl in solchen Momenten gedacht hätte. Es sind wenig schmeichelhafte Gedanken. Jeder Mann und jede Frau über dreissig hielt er damals für steinalt.

Er nannte sie Opas.

Untote.

Alte Wichtigtuer.

Grufties.

Auf der Stirnseite seines Pultes hatte jemand mit ungelenken Buchstaben den Namen Laura eingeritzt. Die Wunden im Holz sind noch relativ frisch. Wahrscheinlich war es irgendeinem Schüler langweilig geworden. Ihm war in der Schule auch oft langweilig.

Laura hiess man früher nicht. Früher hiess man Ruth oder Elisabeth.

Oder Anna und Klara. Oder Berta und Johanna.

Und in jeder Familie gab es einen Josef und eine Maria.

Das Holz ist ganz weich. Er zeichnet mit seinem Fingernagel ein Herz hinter den Namen.

Laura mit Herz sieht gut aus!

Was für ein Männername würde wohl zu Laura passen?

Laura tönt irgendwie italienisch.

Mit grossen Buchstaben ritzt er Giovanni in die Tischkante.

Laura liebt Giovanni. Wie viele kichernde Mädchen werden wohl morgen rätseln, wer dieser Giovanni bloss sein könnte?

Und wer ist Laura?

Vielleicht gibt es ja auch gar keine Laura?

Vielleicht war ja nur einem alten Zombie langweilig geworden und er hatte einfach mit den Fingernägeln Phantasienamen…

Und dann denkt er wieder an früher.

Und daran, dass er es damals auch schon nicht geschafft hatte.

4

Hey Peter

Wo warst du gestern? Wir haben dich alle schmerzlich bei der Demovermisst. Ehrlich gesagt, du hast uns richtig gefehlt. Vor allem deineSprüche. Mensch, Peter, wo du immer bloss all diese klugen Parolenhernimmst?

Jedenfalls hast du etwas verpasst!

Schon am Morgen sind wir alle mit Spruchbändern durch die Stadt gezogen. Die Bullen haben uns zwar argwöhnisch beobachtet, doch sie haben uns in Ruhe gelassen. Schade eigentlich, wir hatten ein paar dabei, die hätten sich echt gerne etwas mit den Blauen herumgezofft.

Annemarie hatte übrigens dieses feine Gras dabei. Ich habe selten so gutes Zeug geraucht. Das fuhr mächtig ein. Sie hat gesagt, sie hätte den Stoff direkt aus Afghanistan. Ich weiss nicht, ob das stimmt. Jedenfalls hat es ihr Leo aus Indien zurückgebracht. Er war mal kurz für eine Woche hier und ist dann wieder nach Goa abgehauen. Sein Alter hat ihm das Geld für den Trip gegeben. Er ist wohl mächtig froh, wenn er Leo wieder für eine Weile los ist.

Aber Leo hat sich in den letzten Jahren total verändert. Seine Drogensind ihm wichtiger als unsere Sache geworden. Dabei wäre es dochjetzt gerade unbedingt notwendig, dass man seine Meinung laut undunmissverständlich kund tut. Aber Leo war noch nie ein Kämpfergewesen! Nur eine grosse Klappe hatte er schon immer – dieserPseudointellektuelle!

Eigentlich war er ja schon immer ein verkappter Konformist.

Ach ja, wir haben dann vor dem AKW ein kleines Sit-in gemacht und dieses herrliche Gras geraucht. Die Bullen sind dabei immer noch nichteingeschritten. Obwohl die klar gesehen haben, was wir da rauchten. Ich habe kurz mal mit einem dieser Holzköpfe gesprochen. Der Mann hatte echt keinen Schimmer, was in dieser Welt so abgeht! Ich habe es ihm zu erklären versucht. Aber der Mann hatte nur Muskeln und ganz wenig Hirn.

Aber das geht ja sowieso selten zusammen.

Am Nachmittag kamen dann die Politiker. Irgendein Regierungsratversuchte eine langweilige Rede zu sabbern.

Wir haben ihn niedergeschrien!

Das war eine grossartige Show. Kein Mensch hat ihn verstanden.Obwohl wir doch nur ein paar wenige waren, die da geschrien haben.Und eben, ich wünschte mir, du wärst dabei gewesen und hättest ihnendeine klugen Sprüche an die Holzköpfe geworfen.

Sie haben uns dann abgeführt. Paul hat dabei mächtig was abbekommen. Diese Schweine haben Tränengas eingesetzt und sind mit Knüppeln auf uns losgegangen. Wir haben trotzdem weiter geschrien. Schliesslich haben sie uns für eine Stunde oder so eingesperrt. Wir mussten unsere Personalien angeben. Daraufhin hat man uns gestaffelt wieder freigelassen.

Am Abend haben wir den Tag noch ausführlich gefeiert. Paul hat auch mitgemacht. Es ging ihm aber echt beschissen. Er sah ganz komisch aus mit seinem blutigen Verband um den Kopf. Annemarie hat mit mir ihren letzten Joint geteilt. Wer weiss, vielleicht wird das noch was mit uns zwei? Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sie auch nicht mehr so richtig bei der Sache ist. Sie diskutiert zwar mit, aber ich habe den Eindruck, dass sie nur noch Krawall machen will. Es fehlt ihr an der letzten Überzeugung für unsere Sache!

Aber sonst ist sie schwer okay.

He, hast du übrigens gelesen, dass im Bündnerland irgend so ein Typ einen Strommast in die Luft gesprengt hat?

Das muss echt ein geiler Kerl sein!

Ich hoffe, sie erwischen ihn nicht und er kann weitermachen. Sonstverbauen die noch das hinterste und letzte Tal mit ihren Staumauern und Leitungsmasten. Ich habe da ein paar Bilder gesehen. Das sieht echt beschissen aus.

Vielleicht sollten wir einmal eine Aktion gegen die grossen Elektrizitätswerke machen?

Ich hoffe schwer, dass du nächstes Wochenende wieder dabei sein kannst. Ich weiss noch nicht genau, was wir machen werden. Es gibt da so vieles, das falsch läuft und gegen das man ankämpfen muss.

Die fetten Geldsäcke sind träge geworden.

Zeigen wir es ihnen!

Lang lebe die Revolution!

Dein Bruder im Geist

PS

Hast du dich entschieden? Kandidierst du jetzt für die POCH?

5

Der alte gekrümmte Mann melkt die Kühe und mistet den Stall aus. Ich treibe das Vieh auf die Weide. Mir ist etwas mulmig zumute und mein Herz hämmert ganz laut.

Heute muss ich das erste Mal alleine das Vieh hüten!

Die Kühe sind aber sehr ruhig und grasen friedlich. Ich atme erleichtert auf und beginne nach wilden Erdbeeren zu suchen. Ich kenne mittlerweile die guten Plätze dafür. Die Beeren sind sehr süss und schmecken herrlich frisch. Die erste Stunde verstreicht wie im Fluge. Ich habe einen besonders guten Beerenplatz entdeckt. Auf kleinstem Raum finde ich unzählige wilde Beeren. Die meisten sind noch nass vom Morgentau. An vielen Beeren kleben Erdklümpchen oder einzelne Grashalme. Das ist mir egal.

„Erde ist sauberer Dreck“, hat mich meine Mutter gelehrt.

Am Rand einer kleinen Gasse entdecke ich einen Himbeerstrauch. Fast alle Beeren sind vom Wurm befallen. Ich trenne den wurmstichigen Teil ab und esse den Rest. Ich dringe tiefer in den Busch ein um näher an die restlichen Früchte zu kommen. Dabei fühle ich plötzlich einen heftigen Stich. Drei, vier Wespen fliegen mir bösartig surrend um die Ohren. Ich werde ein weiteres Mal gestochen. Zitternd vor Schreck klettere ich zurück und betrachte die Einstichstellen an meiner Hand und am rechten Oberarm. Innert kurzer Zeit bilden sich kleine Schwellungen. Meine Arme sind von einem Dornenbusch, der mit der Himbeerstaude zusammengewachsen ist, total verkratzt. An zwei Stellen tritt Blut aus. Vorsichtig krame ich ein zerknittertes Taschentuch aus meiner linken Hosentasche und putze es weg.

Ich erhole mich ziemlich schnell vom erlittenen Schock.

Aber von Beeren habe ich heute genug.

Um Viertel nach Acht wird eine der Kühe plötzlich unruhig und schaut suchend umher. Ich richte mich auf, damit sie mich sehen kann. Aber sie sucht nicht nach mir. Sie sucht den alten gekrümmten Mann, der sonst immer in ihrer Nähe auf einem Stein sitzt und seine Pfeife raucht. Ich gehe auf sie zu und rede besänftigend auf sie ein. Ich streichele sie und für einen Moment sieht es so aus, als ob sie sich beruhigen würde. Sie beginnt wieder zu grasen und ich will mich schon erleichtert abwenden und einer Schnecke widmen.

Aber dann trottet die Kuh plötzlich in Richtung Stall los. Ich schaue auf meine alte Uhr, die mir meine Mutter geschenkt hat.

Es ist halb neun.

Vor neun Uhr dürfen sie nicht zum Stall zurück!

Ich nehme eine Rute in die Hand und treibe die Kuh auf die Weide zurück. In der Zwischenzeit befindet sich aber die ganze Herde in Aufruhr. Immer wieder bricht das eine oder andere Tier aus, um zum Stall zurückzulaufen. Ich renne hin und her und versuche sie mit allen Mitteln zurückzuhalten. Eine Weile habe ich Erfolg und die Kühe gehorchen meiner Rute.

Ich schwitze jetzt ziemlich heftig. Die Wespenstiche an meiner Hand und an meinem Arm beginnen sich zu röten. Sie brennen und jucken.

Verzweiflung macht sich in mir breit.

Die Kühe waren doch bisher so ruhig!

Und wenn sie nicht mehr fressen wollten, blieben sie immer in der Nähe des alten Mannes und käuten wieder. Es war nie ein Problem, dass sie vor neun zurück wollten.

Ich hetze immer schneller hin und her. Ein weiterer Blick auf die Uhr zeigt mir, dass erst wieder etwa fünf Minuten verstrichen sind.

„Noch fünfundzwanzig Minuten!“, denke ich.

Noch fünfundzwanzig Minuten muss ich ihnen den Weg verwehren.

Um zwanzig vor neun bricht die erste Kuh definitiv durch und rennt schnurstracks zum Stall. Ich renne verzweifelt hinterher. Wie auf ein Kommando trotten nun alle Kühe und Kälber in Richtung Stall. Ich erreiche die erste Kuh kurz vor dem Stall und beginne sie zurückzutreiben. Es gelingt mir sie wieder auf die Weide zu jagen. Ich versuche die übrige Herde wieder irgendwie zurück zu bewegen. Es gelingt mir nicht. Die erste Kuh ist in der Zwischenzeit auch schon wieder zum Stall zurückgetrottet.

Von Weitem sehe ich den Bauern kommen.

In zirka zehn Minuten wird er da sein.

Ich bin am Verzweifeln!

Immer, wenn ich eine Kuh oder ein Rind wieder auf die Weide zurückkriege, bricht das nächste Tier aus. In Windeseile sind sie alle wieder vor dem Stall. Ich bin nun klitschnass vor Schweiss. Tränen rinnen über meine Wangen. Meine Hand und die Kratzer an den Armen schmerzen höllisch. Auf einmal weiss ich, dass ich keine Chance mehr habe, das Vieh auf der Weide zu halten.

Ich hasse dieses Mistvieh! Ich hasse Rosa, die Kuh, die als erste durchgebrochen ist. Und ich hasse all die anderen.

Sie sind widerwärtig, feige und hinterhältig!

Ich weine hemmungslos.

Der alte Bauer erreicht den Stall und schaut mich tadelnd an. Mit langsamen Schritten geht er zum Weideplatz zurück. Die Kühe folgen ihm sofort. Der gekrümmte Mann setzt sich auf einen Stein und kaut auf einem Stück Tabak herum. Wie zum Hohn beginnen die Tiere ruhig noch einmal zu weiden. Eine Viertelstunde später bauen sie sich vor dem alten Mann auf. Der Bauer steht auf und schlendert langsam zum Stall zurück. Ruhig in Reih und Glied marschiert das Vieh hinterher.

Hüten ist doch so einfach!

Verdammtes Mistvieh!

Ohne zu drängeln, gehen die Kühe zielstrebig an ihren Platz im Stall und lassen sich widerstandslos anketten. Der Bauer spricht mit jedem Tier. Er tätschelt ihnen sanft auf den Rücken und striegelt sie. Ich schaue ihm schweigend zu. Die Tränen in meinen Augen trocknen langsam. Der alte Mann hat frisch gemähtes Gras mitgebracht. Er verteilt es in jeder Krippe. Nachdem das Vieh versorgt ist, spricht er ein kurzes Gebet. Er schliesst den Stall und wir machen uns auf den Heimweg.

Und noch immer hat der Bauer kein Wort mit mir gesprochen.

Und dann, kurz bevor wir wieder zu Hause sind, brummt er:

„Ich habe gedacht, dass du schon gross genug bist, für so eine einfache Aufgabe. Es ist doch kinderleicht, diese braven Tiere zu hüten.“

Ich fühle mich elend. Nicht einmal Vieh hüten kann ich. Viehhüten ist doch kinderleicht.

Ich schäme mich dafür.

Ich bin ein Versager!

Am nächsten Morgen bin ich wieder rechtzeitig um sieben Uhr beim Stall. Der gekrümmte Mann gibt mir wie immer eine Tasse Schaummilch zu trinken. Er ist sehr freundlich. Mit keinem Wort erwähnt er das gestrige Geschehen. Nach dem Melken führen wir die Herde an einen neuen Platz auf der Weide. Die Kühe beginnen sofort zu fressen. Der alte Mann verabschiedet sich.

„Ich werde jetzt den Stall richten und komme dann um neun Uhr wieder zurück.“

Das Vieh geniesst friedlich das frische Gras. Ich beobachte es ängstlich. Die Minuten verstreichen sehr langsam. Bei jedem Blick auf die Uhr hat sich der Minutenzeiger nur unmerklich vorwärts bewegt. Nach einer halben Stunde fange ich zögernd an nach Erdbeeren zu suchen. Ich finde tatsächlich wieder einen guten Beerenplatz. Aber diesmal scheinen mir die Beeren nicht mehr so süss. Sie schmecken nach Erde und Dreck. Immer wieder sucht mein Blick das Vieh. Und immer wieder schaue ich auf die Uhr. Das Glas über dem Zifferblatt hat sich im Laufe der Jahre gelblich verfärbt. Genau über der Neun hat es einen leichten Kratzer. Die Zeiger bewegen sich praktisch nicht. Zehn lange Minuten sind vergangen, seit ich sie das letzte Mal angestarrt habe.

Zehn Minuten, die mir vorkommen wie eine Ewigkeit.

Und dann, pünktlich um halb neun beginnt das Drama von Neuem. Wieder ist es Rosa, die plötzlich unruhig umherschaut. Und wieder sieht sie den alten Bauern nicht. Nirgendwo ist der Tabakrauch des gekrümmten, alten Mannes zu riechen.

Ich stelle mich vor sie hin.

„Bitte, bitte liebe Rosa, bleib hier. Ich bringe dir morgen auch ein Stück Brot mit. Und ich werde dich nie wieder schlagen. Du musst nur noch ein paar Minuten hierbleiben.“

Und dann beginne ich leise zu weinen und zu flehen.

„Ich will doch kein Versager sein. Ihr bleibt doch sonst immer da. Warum willst du denn in den Stall? Ich kann euch sowieso nicht hineinlassen.“

Doch alles Flehen, Weinen und Bitten hilft nichts. Rosa stampft los und macht sich auf den Weg zum Stall. Ich schlage ihr mit der Rute kräftig auf den Rücken und schreie sie zornig an. Aber sie bleibt unbeirrt auf ihrem Weg. Die anderen Kühe folgen ihr sofort. Ich renne hin und her und auf und ab.

Ich schwitze und keuche.

Und ich fluche und weine.

Um neun Uhr kommt der alte Mann und schüttelt den Kopf.

„Du lernst das nie. Vieh hüten ist doch so einfach. Ich hätte dir wirklich mehr zugetraut.“

Ich habe keine Tränen mehr übrig.

Nur Traurigkeit befällt mich.

Eine tiefe, grenzenlose Traurigkeit.

Ich habe es nicht geschafft.

Dabei ist doch Viehhüten so einfach.

6

Plötzlich ist die Versammlung dann doch zu Ende. Der Vorsitzende rühmt sich und die Teilnehmer.