Nie wieder Krieg - Thorsten Rauwolf - E-Book

Nie wieder Krieg E-Book

Thorsten Rauwolf

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Beschreibung

Edenkoben 1984. Der fünfzehnjährige Peter Müller hat sein letztes Schuljahr vor sich. Für die Projektwoche am Ende des Schuljahres soll seine Klasse eine Ausstellung vorbereiten. Das Thema ist: Nie wieder Krieg. Hierfür soll Peter von Heldentaten aus seiner Familie zum Ende des Krieges berichten. Das gestaltet sich jedoch schwieriger als gedacht, denn über den Krieg spricht man nicht. Je mehr Menschen Peter fragt, desto mehr unerwartete Geschichten erfährt er. Heldentaten sind jedoch wenige dabei.
Oft eckt Peter mit seiner Art sich durchzusetzen an – sowohl in der Schule als auch bei seinen Freunden. Die erste Liebe, sein Schulprojekt und ein Besuch in der DDR fordern, dass er über sich hinauswächst. Wird Peter sich den Herausforderungen stellen, die Konflikte lösen und die Wahrheit über seine Familie herausfinden?

Thorsten Rauwolf wurde 1969 in Neustadt an der Weinstraße geboren, lebte einige Zeit in Altdorf und ließ sich schließlich im Elmsteiner Tal nieder. Dort fand er die Ruhe, sich dem Schreiben zu widmen. Beruflich ist er in einem Baustoffhandel tätig, das Schreiben begleitet ihn als eine Freizeitbeschäftigung jedoch schon immer. Die Geschichte seiner ersten Veröffentlichung beruht zum Teil auf wahren Begebenheiten. Inspiriert wurde er unter anderem durch Fragen seiner zwei Kinder über die Nachkriegszeit und alte Fotografien. Neben dem Schreiben ist er leidenschaftlicher Fotograf und hat eine Vorliebe für ungewöhnliche Hobbies.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Thorsten Rauwolf Nie wieder Krieg 

 

 

 

© 2025 Europa Buch | Berlinwww.europabuch.con | [email protected] 9791257030063Erstausgabe: Januar 2025

 

Gedruckt für Italien von Rotomail Italia

Finito di stampare presso Rotomail Italia S.p.A. - Vignate (MI)

 

 

 

Nie wieder Krieg

 

 

Dieses Buch möchte ich meinem Neffen Jonas widmen. Er starb mit nur 28 Jahren. Er liebte das Leben und vor allem den FCK.

 

 

Ich möchte mich bei meinen Eltern bedanken, sie haben mich immer wieder ermutigt zu schreiben. Leider kann mein Vater dieses Buch nicht mehr lesen. Ich bin mir sicher, es hätte ihm gefallen.Danke auch an meine Kinder, die immer wieder Interesse an den Geschichten zeigten und gerne Probe lesen. Meine Freundin möchte ich noch erwähnen, sie gab mir die Zeit meine Gedanken niederzuschreiben.

 

 

„Du kannst dir nicht vorstellen, was Menschen Menschen antun können.“

 

 

 

 

Nie wieder Krieg 

Es ist 1984, es war ein warmer Sommer. Jeden Tag war ich im Schwimmbad, aber nun sind die Ferien vorbei. Das wird ein schweres Schuljahr für mich. In einem Jahr den Stoff lernen, den andere in zwei Jahren lernen. Mittlere Reife habe ich dann. Wäre gut für mich, hat man gesagt. Was das bringen soll, weiß ich nicht. Die Welt steht vor einem Atomkrieg. Ost und West rüstet auf, überall sind Friedensdemonstrationen.

Ich sitze im Bus und fahre zum ersten Schultag. Die Ironie hierbei ist noch, ich habe gestern erst einen Brief aus der DDR erhalten. Eine Brieffreundschaft, die sich aus einem komischen Kettenbrief ergeben hat. Eigentlich hätte ich 500 Postkarten bekommen sollen. Eine Postkarte ist gekommen. Sie hatte ihre Adresse drauf geschrieben. Ich bedankte mich schriftlich bei ihr für die Postkarte und nun schreiben wir schon seit ein paar Jahren. Lustig, bei einem Krieg sollen wir uns dann gegenseitig umbringen, weil andere das so wollen. Eine tolle Zukunft für mich, für meine Generation. Warum machen wir das alles eigentlich?

Im Bus sitze ich immer mit Markus und Jürgen zusammen. Markus ist seit Jahren mein bester Freund. Jürgen ist aus dem gleichen Ort wie Markus. Sie haben Glück, wohnen weiter weg von Edenkoben, sind aber eher zu Hause als ich. Ich habe nach Altdorf den kürzesten Weg von Edenkoben. Es sei denn, man fährt mit dem Bus. Dann dauert das ungefähr eine Stunde.

Es ist die ganze Woche das Gleiche. Nach der Schule reden wir im Bus über das, was wir gelernt haben. Vor der Schule über die Hausaufgaben und was heute noch so alles hinzukommen wird. Die Schule stresst mich schon, manchmal lerne ich noch oder bin mit den Hausaufgaben beschäftigt, da kommt mein Vater bereits von der Arbeit. Er regt sich dann auf, weil ich immer noch lerne, es wäre viel zu viel. Aber ich bin niemand, der einen Text auswendig lernen kann. Ich muss es verstehen, nur so kann ich mir etwas merken.Ich schreibe mir das Gelernte nochmal auf, nur um es dann wegzuwerfen. Was ich geschrieben habe, kann ich mir besser merken. Aber vieles hebe ich mir auf, sortiere es um. Geschichte zum Beispiel. Wir lernen, jetzt ist Napoleon dran. Wenn dieses Thema fertig ist, dann ist die Unabhängigkeit von Amerika dran. Immer schön eins nach dem anderen. Was wir nicht gesagt bekommen, alles passiert gleichzeitig, nebeneinander. Wir bekommen Termine von Schlachten genannt. Von Siegen und Niederlagen. Über das Leben lernen wir nichts. Kleine Zettel habe ich mir gemacht und die Weltgeschichte durcheinandergebracht. Napoleon und die Unabhängigkeit von Amerika beginnen ungefähr gleichzeitig. Mich fasziniert es, andere finden es langweilig. Aber so kann ich mir Daten und Fakten merken.Nun sitzen wir wieder in der Klasse zusammen, eine kleine Gruppe, gerade groß genug, damit das Schuljahr überhaupt stattfinden kann. Von überall sind sie nach Edenkoben gekommen. Wir zu dritt aus dem Gäu. Drei aus Maikammer, zwei aus Edenkoben, drei aus Landau und drei aus Herxheim. Vierzehn Schüler, eine überschaubare Klasse von Strebern. Ich wollte nie ein Streber sein. Vielleicht sind wir auch keine, sondern wir wollen nur nicht anfangen zu arbeiten und wissen nicht, wie wir die Zeit bis dahin überbrücken sollen. Aber nun versucht unser Klassenlehrer die Stunde Sozialkunde etwas interessanter zu machen. Er fragt, was für ein besonderes Jahr nächstes Jahr sein wird. Es wird 1985 sein, was soll das schon so Besonderes sein. Ich weiß es nicht. Zu meinem Glück weiß es auch sonst niemand in der Klasse. Er tut so, als würde er uns nun ein Geheimnis anvertrauen.

„Nächstes Jahr ist es vierzig Jahr her, das Kriegsende. Wir als zehnte Klasse werden zur Projektwoche etwas ganz besonders vorbereiten. Wir werden uns dem Thema widmen: Nie wieder Krieg. Dazu wird jeder von euch in kurzen Geschichten die Heldentaten eurer Familie in euren Heimatorten aufzeigen. Das wird toll werden.“ Ein anderer fragt, wie er das meint. Er erklärt, es gebe Geschichten von einem Jungen, der ein Tag Soldat war und deswegen ein Jahr in Kriegsgefangenschaft war. Aber wir können auch beschreiben, ob jemand aus unserer Familie eine Panzersperre verhindert hat. Ein Mädchen aus der Klasse fragt, was eine Panzersperre ist. Der Lehrer erklärt, jedes Dorf sollte wie eine Festung verteidigt werden. Die Bewohner waren aufgefordert, mit Holz oder sonst etwas eine Panzersperre zu bauen. Ein Junge fragt, ob so etwas einen Panzer aufhalten kann. Natürlich nicht, aber wenn eine Panzersperre gebaut würde, dann würden die Amerikaner das Dorf zerstören. Ohne Panzersperre und weiße Fahnen an den Fenstern, dann würde das Dorf verschont. Wir verstehen es nicht. Wir haben in Geschichte gerade Napoleon abgehakt. Beim ersten Weltkrieg waren wir noch nicht, vom zweiten Weltkrieg wussten wir nur, was auf Familienfesten von den Alten erzählt wurde. Es wurde kaum etwas erzählt, aber wenn, dann haben wir Kinder immer zugehört.

Also, zurück zu den Panzersperren. Die Nazis hatten Deutschland fest in der Hand. In den letzten Kriegstagen wurden viele, die nicht mehr kämpfen wollten aufgehängt. Eine weiße Fahne an sein Haus zu hängen, kommt einem Todesurteil gleich. Aber die Panzer können gleichzeitig alles zerstören, was die Menschen zum Überleben brauchen. Eine schwierige Entscheidung. Wie soll man sich hier entscheiden?

Während einige schon Ideen haben, wie sie ihren Opa oder die Oma aus ihrem Heimatort fragen wollen, wie es damals war, was getan wurde, kommt mir ein anderer Gedanke. Wir sind nach Altdorf gezogen. Ich kann über Altdorf nichts schreiben. Also frage ich nach.

„Dann frage doch in Altdorf nach, da wird es bestimmt jemanden geben, der die Panzersperre verhindert hat. Oder wurde Altdorf komplett zerstört?“

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Die Hauptstraße und die Schlossstraße, das ist das alte Dorf, da stehen viele alte Bauernhäuser. Die Gartenstraße und die Wiesenstraße, das sind die Neubaugebiete. Wen soll ich nur in Altdorf fragen? Wird mir jemand etwas erzählen? Und wenn, bekomme ich die Wahrheit erzählt, oder wird es so erzählt, dass man jetzt gut dasteht? Wenn ich darüber nachdenke, habe ich überhaupt keine Lust, meine Zeit mit diesem Thema zu verschwenden. Die Projektwoche, was soll das? Jede Klasse macht irgendetwas für diese Woche, niemanden interessiert es und alle tun so, als wäre es gut. Am Samstag kommen noch die Eltern in die Schule und bewundern den Blödsinn, der gebastelt, gemalt, gebaut und vorgeführt wird. Ich will lernen und nicht meine Zeit mit Unsinn verschwenden. Also melde ich mich.

„Ich bin nicht aus Altdorf. Ich kann nichts zu dem Thema beitragen. Ich habe auch keine Zeit, mich damit zu befassen. Ich lerne bis abends. Wie soll ich hier noch Zeit finden, um etwas aufzuschreiben, was dann doch niemand lesen wird?“

Eigentlich hätte ich mir meine Worte sparen können. Die ganze Klasse scheint von dem Thema begeistert zu sein. Ich solle mich nicht ausschließen und auch etwas zu diesem Thema beitragen. Schließlich haben wir Zeit bis zum April. Aber er will vorher schon unsere Ausarbeitungen sehen.

Toll, wann soll ich das noch machen? Ich bin der Fahrschule. Schließlich will ich mit sechszehn ein Moped fahren. Die Zeitung trage ich mit meinem Bruder aus, damit wir unser eigenes Taschengeld haben. Wir bekommen aber auch Taschengeld von unseren Eltern.

In den Herbstferien will ich wieder in den Weinbergen beim Ernten der Trauben helfen. So viel Geld wie ich in den paar Tagen verdiene, verdiene ich nicht das ganze Jahr beim Zeitungsaustragen.

Im Bus habe ich wieder einige aus Altdorf kennen gelernt. Klar kannte ich sie von früher schon, aber sie gingen gleich nach Edenkoben in die Schule, ich nicht. Sie spielen Fußball, ich kann aufgrund meiner Krankheit kein Fußball spielen. Einige sind, wie mein Bruder auch, beim Naturschutzverein und graben einen Tümpel. Ich würde dort gerne helfen, aber im Freien habe ich immer wieder Probleme, Luft zu bekommen. Dennoch, es entsteht eine Freundschaft, man trifft sich am Freitag- und am Samstagabend irgendwo in Altdorf und man träumt davon, auch irgendwann mal auf ein Weinfest zu gehen.

So, nun erkläre mir mal jemand, wie ich noch Zeit finden soll, um etwas über ein Ereignis zu schreiben, das vierzig Jahre in der Vergangenheit liegt. Also lange zurück, da war ich noch nicht mal geboren.

Dabei habe ich noch nicht mal angesprochen, was für hübsche Mädchen in der Schule sind, oder im Bus. Ich traue mich überhaupt nicht, eines anzusprechen. Nicht, weil ich Angst hätte, was ich sagen soll, eher deswegen, weil ich keine Zeit habe. Dabei habe ich eigentlich eine genaue Vorstellung, wie sie aussehen sollte. Ungefähr so, wie die Freundin meiner Cousine. Lange blonde Haare, ein süßes Lächeln, immer lustig drauf. Sie war nie zornig oder beleidigt, wenn ich sie an den Zöpfen zog oder ihre Strumpfhosen an den Füßen zusammenband. Aber irgendwie habe ich sie schon lange nicht mehr gesehen. Ob sie noch zu meiner Cousine kommt? Oder kommt sie nicht zu ihr, wenn wir zu Besuch dort sind?

Na ja, es ist auch egal, ich habe eh keine Zeit für eine Freundin. Ich muss mich jetzt erst mal um den zweiten Weltkrieg kümmern, also um das Ende und was es da so Gutes gab. Wie soll ich das nur anstellen?

Beim Abendessen habe ich einen Einfall.

„Papa, wie war das als der Krieg vorbei war?“

„Weiß ich nicht. Warum fragst du?“

„Unser Lehrer, Herr Schneider, will eine Projektwoche machen. Thema ist Kriegsende und was meine Familie erlebt hat.“

„Ich weiß nichts.“

„Du bist doch 1940 geboren, du musst doch etwas von 1945 wissen.“

„Hunger hatte ich, wir waren irgendwo in Oberfranken. Wir waren ausgebombt. Wir hatten nichts zu essen. Wir sind nach Hause gelaufen.“

„Wie hast du die Befreiung durch die Amerikaner erlebt?“

„Weiß ich nicht. Ich hatte Hunger.“

Ich merke schnell, ich komme hier nicht weiter. Mein Vater war fünf, als der Krieg zu Ende war. Meine Mutter noch nicht mal geboren. Was sollten sie mir erzählen, auch nur, was sie von ihren Eltern gehört hatten. Die Eltern meines Vaters lebten nicht mehr. Ich hatte nur noch einen Opa. Ich werde nie etwas für diese Projektwoche zusammenbringen. Hoffentlich wird das nicht benotet.

Am Freitagabend sitzen wir jungen Männer von Altdorf zusammen. Stark wie wir sind, trinken wir Cola und essen Chips. Alles, was wir zu Hause nicht dürfen. Wir fühlen uns so cool dabei. Aber wir haben unseren Spaß.

Spontan fällt mir das Schulprojekt ein. Ich erzähle allen davon. Viele haben ihre Wurzeln in Altdorf. Sie wollen mir helfen und den Opaoder die Oma fragen. Super, ich war gerettet. Ich werde etwas zu dem Schulprojekt beitragen können und muss noch nicht mal viel Zeit investieren.

Der Samstagmorgen war schrecklich. Glaubt man, man könnte mal ausschlafen, wird man schon um elf Uhr geweckt. Die Straße muss noch gekehrt werden und der Rasen muss gemäht werden. Das könnten wir machen, bevor es um zwölf Mittagessen gibt.

Am Nachmittag schrauben und putzen wir noch an unseren Fahrrädern. Das einzige Fortbewegungsmittel, was wir derzeit haben. Im Januar kann ich dann endlich Moped fahren. Aber jedes Mal hebt Mama den Zeigefinger. Wenn Schnee liegt, darf ich kein Moped fahren. Da wird man endlich sechszehn und man darf nicht fahren. Auf was soll man sich noch freuen?

Endlich ist es Abend. Alle sind zu uns gekommen. Wir dürfen in die Bar gehen, aber nur Cola trinken. Ich freue mich schon auf die Berichte von meinen Freunden. Die Aussagen haben mich etwas verwundert.

„Das geht niemanden etwas an.“

„Das ist lange vorbei und gut so.“

„Lernt etwas in der Schule und lasst den Unsinn sein.“

Kurz gesagt, meine Freunde konnten mir nicht helfen. Also, entweder ich erfahre etwas über meine Familie oder auch über Altdorf, oder ich habe nichts für die Schule. Wie soll ich das nur bewältigen? 

 

Onkel Karl

 

Es ist ein schöner Sonntag im September 1984. Meine Familie ist zu Besuch bei unserem Onkel Karl. Er wohnt zwar in der Nähe, aber wir sind selten bei ihnen. Der Grund, warum wir zu ihm gefahren sind, ist meine Fragerei zum Kriegsende. Meine Eltern meinen, Karl könne hier etwas mehr erzählen, schließlich war er schon elf Jahre, als der Krieg zu Ende ging.

Ich fragte ihn, ob er mir etwas von meinem Opa erzählen könne, wie er den Krieg erlebt hat.

„Der Opa, der war Sanitäter, er hat nie etwas erzählt. Wer weiß, was er alles gesehen hat. Deine Oma hatte vier Kinder zu ernähren.“

„Ihr seid doch zu fünft?“

„Edgar wurde mit sechszehn eingezogen und ging nach Russland. Dennoch hatte deine Oma vier Kinder zu ernähren und es gab kaum etwas. Ich habe immer nach Essen Ausschau gehalten. Als wir zum Beispiel im Bauernhaus untergebracht waren, als unser Haus zerbombt wurde, spielten wir in der Scheune. Dort fand ich das Nest der Hühner. Die Bäuerin wunderte sich schon, warum es so wenige Eier gab. Ich steckte diese unter mein Hemd und tat so, als hätte ich Bauchweh. Mama freute sich, unser Abendessen war gesichert.“

„Kannst du mir etwas zum Kriegsende sagen?“

„Wir sind tagelang nach Hause gelaufen. Dein Vater war gerade fünf Jahre alt. Wir hatten schrecklichen Hunger. Frag nicht, was wir alles gegessen hatten.“

Edgar wendet sich kurz ab, dann lacht er.

„Erich, weißt du noch, wie ich die Wurst bei den Franzosen geklaut hatte? Oder als ich den Eisenbahnwagon mit Rotwein angebohrt hatte? Das ganze Viertel kam und holte sich Rotwein. Die Franzosen haben alle befragt, niemand wusste etwas. Damals haben alle noch zusammengehalten.“

Mein Vater nickt und ihm fällt etwas ein.

„Weißt du noch, wie du den Käse geklaut hast?“

„Ja, der war so groß wie ein Wagenrad. Ich habe einen Stock angespitzt und durchgesteckt. Ein Freund hat mir geholfen, wir sind so mit dem Käse Rad die Straße entlang gelaufen. Der alte Fritz hat uns in seinen Unterstand gelassen und uns versteckt. Er setzte sich davor und rauchte weiter seine Pfeife. Die Franzosen wollten wissen, wo wir hin sind, er verstand nichts, zeigte aber die Straße entlang. Den Käse haben wir im ganzen Viertel aufgeteilt.“

Ich merke, mein Vater und mein Onkel erzählen nur vom Essen. Ich werde hier und heute keine Heldentaten erfahren. Aber ich verstehe nun meinen Vater etwas besser. Er will immer Vorräte zu Hause haben. Besonders im Winter. Könnte sein, dass wir eingeschneit werden.

Sie erzählen noch vieles, wie sie mit der Eisenbahn von Neustadt nach Duttweiler fuhren, dann nach Altdorf und Böbingen liefen und alles einsteckten, was sie fanden. Einmal stand in einem Hof ein ganzer Korb Kartoffeln. Mein Vater, damals ein kleiner Junge, konnte fast den Rucksack nicht tragen. Karl war auch immer wieder einige Tage unterwegs, um Essen zu suchen. Er kannte jeden, der wusste, wie die Franzosen reagierten. So konnte er immer wieder für seine Mutter und seine Geschwister etwas Essbares nach Hause bringen.

Ich habe keine Ahnung, was Hunger ist. Ich stelle mir das schrecklich vor. Ist das nun eine Heldentat, was mein Onkel getan hat? Kann ich dies nehmen zum Thema nie wieder Krieg? Ein Junge sorgt für die Familie. Ich weiß es nicht.

In der Schule erzählen meine Mitschüler, was sie schon alles herausgefunden haben. Zum Beispiel wurde eine Panzersperre in Freimersheim verhindert.

Ich kann nur von Hunger berichten, deshalb sage ich mal besser nichts zu dem Thema. Es gibt auch noch genug andere Themen, über die wir reden müssen. Die Lehrer verschonen uns nicht. Es gibt viel zu lernen.  

 

 

 

 

Die Tante 

Am nächsten Sonntag fahren wir zu Tante. Es ist schon lustig. Mein Bruder und ich, wir sagen nur Tante. Eigentlich heißt sie Tante Marie-Luise. Wahrscheinlich haben wir das als kleine Kinder nicht hinbekommen und sagten nur Tante. Aber wir waren immer gerne bei Tante, wir hatten dort immer viel Spaß. Meine Eltern meinen, sie könnte mehr zum Kriegsende sagen. Sie war 1945 zwar erst acht Jahre, sollte aber mehr wissen als mein Vater. Ich freue mich schon auf den Tag. Ich bin mir sicher, heute werde ich mein Schulprojekt starten.

Es gibt ein leckeres Mittagessen. Ganz besonders der Nachtisch schmeckt allen. Dann gehen meine Eltern, mein Bruder und mein Onkel ins Wohnzimmer. Sie meinen, sie wollen uns nicht stören, aber vielleicht wollen sie auch nicht hören, was sie zum Kriegsende zu sagen hat. Ich erinnere mich, was mir gesagt wurde: Wenn sie reden, lass sie reden. Mache dir Notizen und frage nach, wenn sie ruhig sind. Sonst erzählen sie dir nichts. Bei meiner Tante bin ich mir sicher, sie wird mir einiges erzählen.

„Was willst du hören? Dass die Franzosen den Krieg verloren haben und wir immer noch von ihnen besetzt sind? Dass die uns das Elsass abgenommen haben? Oder von dem Verbrecher Churchill, der unser Haus zerstört hat? Wir hatten es gerade noch geschafft, in den Bunker zu kommen. Dann haben die Engländer schon die Bomben auf Neustadt geworfen. Als es endlich vorbei war und wir zurückgingen, stand unser Haus nicht mehr. Alles zerstört, alles kaputt. Wir wurden über den Rhein gebracht, weit weg von Neustadt. Zu einem Bauernhof. Die Bäuerin wollte uns nicht. Wir hatten nur einen Raum, ein Bett, nichts zu essen.“

Sie wird ruhig, das Reden fällt ihr schwer, ich frage nichts und warte einfach ab. Es dauerte einige Zeit, dann schaut sie mich an.

„Das Saarland wollten die auch noch haben. Aber das haben wir zurückbekommen. Dein Uropa hat bei der Eisenbahn gearbeitet, er war oft in Straßburg. Der würde sich im Grab umdrehen, wenn der wüsste, dass dies nun Frankreich sein soll. Aber dein Onkel Karl hat vieles bei den Franzosen geklaut. Das war auch gut so. Keiner hat ihn jemals verraten. Die haben uns das Elsass genommen, er hat ihnen das Essen genommen, was sie von unseren Feldern holten.

Wenn du was Interessantes hören willst, dann musst du zu Onkel Edgar, der kann dir vom Krieg eine Geschichte erzählen, die ist sowas von Unglaublich. Ich will es jetzt nicht verraten. Gehe mal zu Edgar.

Dein Onkel Franz, der hat eine Kriegsverletzung. Schau nicht so, er war nie im Krieg. Zu jung. Er war bei den Hitlerjungen. Er hatte einfach nur Glück, er wurde zum Kriegsende nicht eingezogen. Aber ein Blindgänger explodierte hier in Neustadt nach dem Krieg. Ein Splitter sitzt heute noch in der Nähe von seinem Herzen. Der konnte nie entfernt werden. Du weißt bestimmt von seinem Bein, das er nachzieht beim Gehen. Auch hier waren Splitter von diesem Blindgänger drin. Er hat nie jemandem etwas getan, aber er wurde dennoch so hart bestraft. Ihn kannst du auch mal fragen, wie für ihn das Kriegsende war. Mein Mann, dein Onkel, er hat seinen Vater nie kennengelernt. Du weißt, er ist Österreicher, wie er manchmal sagt, ein Ausländer. Sein Vater wurde nach Anschluss von Österreich zur Armee eingezogen. Er war in der 6. Armee und kam nie wieder nach Hause.“

Was soll mir die 6. Armee sagen? Ich merke, ich habe keine Ahnung, was in Deutschland vor vierzig Jahren passierte. Wenn ich zuhause bin, muss ich mein Geschichtsbuch nehmen und ein paar Seiten vorblättern und lesen, was der zweite Weltkrieg war. Ich habe gelernt, 1871 kam das Elsass wieder zurück zu Deutschland. Das Deutsche Reich wurde gegründet. Während des dreißigjährigen Krieges hat Frankreich seine Grenze nach Osten verschoben. Im Elsass wird heute noch deutsch geredet. Wenn ich so drüber nachdenke, verstehe ich nicht, warum Frankreich das Elsass bekam.

„Du überlegst, was die 6. Armee ist. Die 6. Armee ging nach Stalingrad. Sie wurde dort eingeschlossen und fast alle wurden getötet. Die Mutter von meinem Mann hat nie eine Rente von ihrem Mann bekommen, weil sie sich weigerte, ihren Mann für Tod erklären zu lassen. Das ist die Gerechtigkeit, die wir erfahren haben. Seine Mutter kämpft sich auf primitive Weise durch das Leben.“

Ich erinnere mich, wir waren einmal in Österreich dabei. Seine Mutter lebt in einem kleinen Nebengebäude eines Bauernhauses. Es gibt kein WC, es gibt kein fließendes Wasser. Ich kannte so etwas nicht. Ich wusste nicht, wie ich mich dort verhalten sollte. Bevor wir nach Altdorf gezogen sind, hatten wir in Neustadt auch kein Bad. Aber eine Kloschüssel im Gang und fließendes Wasser in der Küche. Ich kann mir so ein Leben nicht vorstellen. Aber zu meinem Thema für die Schule, habe ich eigentlich wieder nichts erfahren.

„Kannst du mir etwas zu Opa sagen? Habe gehört, er war nur Sanitäter.“

„Was stellst du dir unter einem Sanitäter vor? Es war Krieg. Er hat keine Grippe behandelt.“

Ich schäme mich schon für meine Bemerkung. Nur Sanitäter. Jetzt erst wird mir bewusst, er musste die verletzten Soldaten von der Front versorgen. Ich glaube ich will überhaupt nicht wissen, was er gesehen hat. Vielleicht hat er deswegen nichts über diese Zeit erzählt.

„Er war in Nassau. Wer den Transport von der Front überlebt hatte, wurde dort von deinem Opa versorgt. Er hat nie etwas von dieser Zeit erzählt. Aber ich habe seinen Wehrpass. Hier schau ihn dir an.“

Zum ersten Mal in meinem Leben halte ich einen Wehrpass in der Hand. Heeres Sanitätsstaffel Nassau. Meine Güte, gegen was wurde er alles geimpft? Pocken, Typhus, Ruhr, Cholera, immer wieder. Allein das musste er schon überleben. Dann die Seite mit Urlaub. Er hatte kaum Urlaub. Also hat er seine Familie so gut wie nie gesehen. Ihn kann ich zu dem hier nicht mehr fragen, er lebt seit 1979 nicht mehr. Was bleibt, sind ein paar Dokumente, ein paar Bilder und die Erinnerungen von uns.

Ich erinnere mich an einen alten Mann mit Pfeife. Er war in meiner Erinnerung immer ruhig gewesen. Meine Oma starb noch früher. Sie habe ich überhaupt nicht kennen gelernt.

„Hast du Bilder? Von Opa, von den Onkeln, von dir? Ich meine Bilder vor dem Krieg. Bilder während des Krieges und Bilder nach dem Krieg.“

„Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich kann aber mal schauen, ob ich etwas für dich finde. Ihr kommt doch bestimmt mal wieder zu uns.“

Na klar werde ich wieder zu meiner Tante kommen. Ich habe heute einiges über meine Familie erfahren. Aber was ich nicht erfahren habe: Die Freude über die Befreiung. Kriegsende war doch die Befreiung, so habe ich es in der Schule gehört. Ich bekomme aber nur von Hunger erzählt. Ich verstehe nicht, warum die Franzosen den Krieg verloren haben sollen, die haben doch gewonnen und sind deshalb in Neustadt stationiert. Ich muss Bücher lesen, ich muss verstehen, was meine Tante gemeint hat.

Onkel Franz

 

Es ist ein schöner erster Sonntag im Oktober. Am Abend wird es bereits spürbar kühler. Der Herbst kündigt sich an. Heute besuchen wir Onkel Franz, den Bruder von meinem Vater. Ich bin schon ganz aufgeregt, was er über seine Kriegsverletzung zu erzählen hat. Ich kann es kaum erwarten.

„Uns ging es gut, bis die Engländer unser Haus zerstört hatten. Dann ging es uns nicht mehr so gut. In dem Bauernhaus, wo wir untergebracht waren, waren wir nicht willkommen. Die hatten Angst, wir essen ihnen die Vorräte weg. Alles wurde weggeschlossen. Iss mal eine Woche nichts und trinke nur Wasser, dann kannst du dir vorstellen, was wir als Kinder erlebt hatten. Zum Glück hat Karl immer wieder was gefunden und es Mama gegeben, damit sie für uns alle etwas machen kann.“

Ich merke gleich, auf das Kriegsende will er nicht eingehen, ebenso wenig wie auf seine Verletzung. Wieder höre ich nur vom Hunger. Gab es überhaupt Heldentaten? Alle müssen damals Hunger gehabt haben.

Ihnen ging es gut, bis das Haus zerstört wurde. Vielleicht waren Vorräte im Keller. Ich weiß es nicht, ich will jetzt auch nicht danach fragen.

Mein Vater sagt nun etwas, was mich wundert, er hatte bisher nichts zu dem Thema gesagt.

„Ich kann mich nicht mehr an das Haus erinnern, bevor es zerstört wurde. Was ich weiß, ist,dass wir lange gegangen sind. Ich habe immer wieder gesagt, Mama, ich habe Hunger. Mama sagte nur, ich weiß, wir gehen jetzt nach Hause.“

„Ohne Karl hätten wir den langen Marsch nicht überlebt. Er hat immer wieder etwas gefunden. Ein Brot, am nächsten Tag ein paar Eier, immer wieder hat er etwas für uns gefunden. Heute weiß ich, er hat es anderen Familien gestohlen, die hatten dann nichts zu essen. Aber was sollten wir tun? Verhungern? Dann wäre von euch heute niemand am Leben. Sei einfach froh, nicht in dieser Zeit geboren zu sein. Euch geht es gut, ihr bekommt jeden Tag genug zu essen. Ich will nie wieder einen Krieg erleben.“

„Peter, ich habe mir geschworen, meine Kinder sollen nie hungern. Es soll immer genug Essen im Haus sein.“

So, Herr Schneider, die Heldentaten bestanden darin, einer anderen Familie das Brot zu klauen und sich dabei nicht erwischen zu lassen. Oder soll ich das weglassen? Mein Onkel geht schlecht, er zieht das eine Bein nach. Die Kriegsverletzung, obwohl er nie im Krieg war. Zumindest das sollte ich erwähnen. Ich frage, ob sie alte Bilder haben. Wie er als Jugendlicher aussah. Vielleicht ein Hochzeitsbild und ein aktuelles Bild. Alle wollen wissen wieso. Ich erkläre ihnen, ich brauche es für ein Schulprojekt. Ich werde die Bilder von meiner Familie ausstellen und das Kriegsende schildern.

Meine Familie belächelt mich. Hunger kann man nicht ausstellen.

Einen vollen Vorratskeller, diesen könnte ich ausstellen. Mir fällt es gerade ein. Als wir mal beim Onkel Adam waren, die hatten einen ganzen Raum mit Einmachgläser. Sie hatten alles eingekocht, was man sich vorstellen kann.

Adam ist eigentlich der Onkel von meinem Vater. Er hat den Krieg als junger Mann erlebt. Er war auch in der Armee. Das ist es, dort müssen wir hin.

 

 

 

 

 

 

Eine freudige Überraschung

 

Am heutigen Sonntag, den vierzehnten Oktober, fahren wir zu meiner Tante Monika. Sie ist die Schwester von meiner Mutter. Ihr Mann heißt Thomas, sie haben eine Tochter, meine Cousine Sabrina. Wir sind erst nach dem Mittagessen losgefahren. Ich soll heute nichts über mein Schulprojekt sagen. Nicht immer die Verwandten nerven. Es will nicht jeder über das reden, was damals war.

Mein Bruder Paul versteht es nicht, ich muss es doch für die Schule wissen. Aber egal, heute wird nicht über Krieg gesprochen.

Thomas und mein Vater verziehen sich in die Küche, wahrscheinlich ein Bier trinken und die Frauen sollen es nicht sehen. Monika hat bereits einen Kaffee auf dem Wohnzimmertisch stehen. Meine Mutter freut sich. Monika schlägt vor, wir Jungs sollen doch zu Sabrina ins Zimmer gehen. Wir könnten dort mit ihr spielen.

Als ob wir noch spielen würden, aber ich bin mit Paul ins Zimmer von Sabrina. Sie war nicht allein, ein anderes Mädchen war bei ihr. Sie kam mir bekannt vor.

Paul redet gleich mit Sabrina, ich schaue mir immer noch das Mädchen an.

„Sag bloß, du erkennst mich nicht mehr?“

Ein junges blondes Mädchen mit langen gelockten Haaren steht vor mir. Ihre Haare scheinen endlos zu sein. Sie hat sich ganz schön verändert.

„Nicole?“

„Ja, Peter, ich bin es.“

„Wow, hast du dich verändert.“

„Du aber auch.“

„Danke.“

„Weißt du noch, was wir ausgemacht hatten?“

Klar wusste ich es. Es war 1979, da haben wir uns etwas versprochen. Aber hat sie das ernst gemeint? Ich habe sie immer wieder geärgert, wenn sie bei Sabrina war. An den Haaren gezogen, sie hatte immer so lustige Zöpfe. Oder ihre Strumpfhosen etwas runter gezogen und an den Füßen zusammen gebunden. Ich fand es lustig. Ehrlich gesagt wollte sie es nicht, hat aber dennoch immer gelacht.

Sie war acht Jahre und ich war zehn Jahrealt gewesen, das ist fünf Jahre her. Aber kann sie das ernst meinen?

Ich schaue kurz zu meinem Bruder, er unterhält sich noch mit meiner Cousine, sie bekommen nichts von uns mit. Wenn doch, ist es mir egal.

„Wir haben ausgemacht, wenn wir erwachsen sind, heiraten wir.“

„Genau, das hast du mir versprochen.“

„Du mir auch.“

„Ich weiß. Was machen wir jetzt?“

„Was hast du die letzten Jahre gemacht? Warum warst du nicht mehr bei Sabrina? Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen.“

„Wie du siehst, habe ich keine Zöpfe mehr und Strumpfhosen habe ich auch keine an.“

„Oje, das weißt du noch?“

„War doch lustig. Warum bist du nicht mehr zu Sabrina gekommen? Ich war oft hier.“

„Dann haben wir uns verpasst. Schade.“

„Ja, echt Schade.“

Sie erzählt mir von ihrer Schule. Nicole ist mittlerweile dreizehn Jahre, ich kann meinen Blick nicht von ihr wenden. So schön hatte ich sie nicht in Erinnerung. Ist es Spaß von ihr, oder will sie mich wirklich heiraten? Wenn ich nur wüsste, was in dem Kopf von einem Mädchen vorgeht.

Sie redet und redet. Der Klang ihrer Stimme verzaubert mich. Dann wird sie ruhig, schaut mich an und lächelt.

„Was hast du gemacht?“

Tja, einen schwierige Frage. Es ist einiges passiert, seit ich in Edenkoben zur Schule gehe. Egal, ich erzähle es ihr. Ich bin überrascht, sie hört sich alles an. Auch von meinem Schulprojekt erzähle ich ihr. Sie wird nachdenklich, ihr Geschichtsausdruck wird ernst.

„Meine Oma ist aus Breslau. Sie ist bei Kriegsende mit meiner Uroma aus Breslau geflohen. Sie wollten weg, bevor die Russen kamen.“

„Wie alt war deine Oma?“

„Fünf.“

„Ist sie auch 1940 geboren?“

„Ja. Warum?“

„Wie mein Vater, er war auch fünf Jahre, als er zu Fuß tagelang mit seiner Mutter nach Hause gegangen ist. Deine Oma ist auch zu Fuß unterwegs gewesen?“

„Ich denke schon. Wir können irgendwann mal zu meiner Oma gehen und sie fragen.“

„Deine Oma lebt noch?“

„Ja.“

Ich erklärte Nicole, wie gerne ich mit ihrer Oma reden würde, wenn sie es möchte. Nicole meinte nur, Oma redet gerne von früher. Sie wird sie fragen und wir können dann gemeinsam zu ihr gehen.

Endlich würde ich jemanden finden, der mit mir über den Krieg und das Kriegsende reden möchte. Wie ich diese Story in meine Familiengeschichte einbauen kann, weiß ich noch nicht, aber ich werde sie verwenden.

Nicole und ich, wir reden noch lange über alles Mögliche, wir lachen viel. Wir tauschen unsere Adressen aus, auch die Telefonnummern, aber wir wollen uns schreiben. Am Telefon hören immer die Eltern mit. Bei Nicole nur die Mama, ihren Vater kennt sie nicht. Eigentlich schlimm.