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Michael liebt Bücher und die Suche nach dem Schatz der Nibelungen im Vorgarten. Karin hasst Pferde, putzen und das Zubereiten von Mahlzeiten. Georgette will dreimal um die Welt und das sofort. Die Zwillinge sind so anschmiegsam wie mexikanische Feuerkakteen. Luna ist schon mit neun Jahren eine begnadete Tierärztin. David verkauft selbst dem Bäcker Brot. Effanielle ist das klügste Mädchen Mitteleuropas und darüber nicht wirklich glücklich. Aaron möchte nur normal sein. Und "Niemand" ist ein wasserköpfiger, stummelarmiger Geist und keinen stört das. Also eine ganz gewöhnliche Familie.
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Seitenzahl: 1161
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94
Kapitel 95
Kapitel 96
Kapitel 97
Kapitel 98
Kapitel 99
Kapitel 100
Kapitel 101
Kapitel 102
Kapitel 103
Kapitel 104
Kapitel 105
Kapitel 106
Kapitel 107
Kapitel 108
Kapitel 109
Kapitel 110
Kapitel 111
Kapitel 112
Kapitel 113
Kapitel 114
Kapitel 115
Kapitel 116
Kapitel 117
Kapitel 118
Kapitel 119
Kapitel 120
Kapitel 121
Zwei Tage vor dem ersten Advent brachte der Postbote einen Brief, der sehr amtlich aussah. Karin nahm ihn aus dem Briefkasten und erschrak. Zu viele ähnliche Schreiben hatten sie in letzter Zeit erhalten. Rechnungen, Mahnungen, Briefe von Inkassobüros, Anwälten und Gerichten. Sie öffnete ihn nicht, sondern wartete bis Michael nach Hause kam.
Es war dann doch nur eine sehr förmlich gehaltene Einladung.
Ein Anwaltsbüro bat, sie in nächster Zeit in Frankfurt aufzusuchen.
Michael telefonierte am folgenden Tag mit der Kanzlei. Worum es denn ginge, fragte er. Eine Sekretärin verband ihn mit Erwin Glockenhell.
„Ich bin der Syndikus ihrer Tante Margot.“
„Ist sie tot? Ist sie verstorben?“
Michael lief rot an, stammelte und hätte am liebsten aufgelegt.
„Oh nein“, antwortete der Anwalt lachend. „Sie lebt und erfreut sich bester Gesundheit.“
Nach einer kurzen Pause fuhr er fort.
„Für ihre 76 Jahre ist sie noch überaus agil.“
Michael glaubte so etwas wie Neid heraus zu hören.
Am folgenden Montag fuhren sie nach Frankfurt. Mit der Bahn. Der Wagen war mal wieder in der Werkstatt. Die hinteren Radlager und eine marode Bremsleitung.
„Wäre sie doch gestorben“, sinnierte Michael. „Dann hätten wir vielleicht ein nettes Sümmchen geerbt.“
Jeder in der Familie wusste, dass Tante Margot reich war, nicht nur ein bisschen reich, sondern stinkreich und dabei knausrig, verteufelt knausrig. Eine Ebeniza Scrooge.
Sybille sollte die Kinder hüten. Sie liebte Kinder, was aber nicht immer auf Gegenseitigkeit beruhte.
Die Zwillinge waren zufrieden, wenn sie ihre Fläschchen und eine Schüssel Brei bekamen, wenn ihnen jemand dann und wann die Windeln wechselte und ihnen Lieder vorsang. Egal ob 50er Jahre Schnulzen, Weihnachtslieder, kommunistische Revolutionsgesänge oder etwas von den Rolling Stones. Sie klebten an Sybilles Lippen und nach einiger Zeit schliefen sie ein, während ihr Kindermädchen unverdrossen weitersang.
Georgette schrie, dass es noch zwei Straßen weiter zu hören war.
„Ich will mit! Ich will mit!“
Wie eine Ertrinkende hatte sie sich an Karins Mantel geklammert.
„Mama und Papa sind ja heute Abend wieder da.“
Karin und Michael rissen sich los, schlugen die Haustür hinter sich zu und ließen ein kreischendes Kind und eine verzweifelte Nanny zurück.
Georgette heulte noch einige Stunden weiter, so kam es Sybille vor, dann verzog sich das Mädchen in ihr Zimmer, nahm ihre Trollpuppe und kroch unters Bett.
Kurz vor zwölf erreichten sie Frankfurt. Vor dem Hauptbahnhof fragten sie einen Taxifahrer nach dem Weg. Der begutachtete sie kurz.
Die haben kein Geld!
So erklärte er ihnen, wie sie am schnellsten in die Friedrich-Engels-Allee kämen.
„Zwanzig Minuten, wenn sie es nicht eilig haben.“
Sie brauchten über eine Stunde und mussten noch mehrmals nach dem Weg fragen. Schließlich standen sie vor einem mehrstöckigen Haus, das schon bessere Zeiten erlebt hatte. Säulen links und rechts des Eingangs, hohe Fenster, Erker und Balkönchen mit schmiedeeisernem Geländer. Zuckerbäckerstil, aber vor sich hinsterbend. Die Farbe blätterte, das Dach war vermoost, die Dachrinnen durchhängend und voller Löcher.
Der Aufzug streikte. Das Treppenhaus roch nach Verfall und Vergänglichkeit, aber auch nach Schmorbraten und nassen Windeln. Im 4. Stock, am Ende eines langen, dämmrigen Flures stand auf einem winzigen Messingschild links neben der Tür „Kanzlei Glockenhell“.
„Sollen wir nicht besser wieder gehen?“, fragte Michael.
Karin sah ihn erstaunt an.
„In solchen Häusern werden Menschen ausgeraubt, unter Drogen gesetzt und schließlich ermordet.“
Er hatte den Satz noch nicht beendet, da wurde die Tür aufgeschoben und eine junge Frau, Typ Model und betörend schön, stand vor ihnen.
„Keine Angst“, sagte sie lachend. „Die meisten Klienten verlassen dieses Haus lebendig und oft sogar ohne größere Verletzungen.“
Ihr Lachen war angenehm wie ein kühles Bad im Hochsommer.
Karin wollte im Boden versinken und Michael räusperte sich mehrmals verlegen, während er der jungen Frau die Hand schüttelte.
„Michael. Und das ist meine Frau Karin.“
Zögernd betraten sie ein mehr als spartanisch möbliertes Vorzimmer.
Ein schmächtiger Schreibtisch und zwei Bürosessel.
Die junge Frau klopfte an eine Tür und öffnete ohne eine Antwort abzuwarten. Das Büro war geräumig und hell. Eher ein Wohnzimmer, als ein Arbeitsplatz. Der Mann hinter dem Schreibtisch hatte etwas von einem Althippie oder einem Zauberer aus Mittelerde. Sein langes, dichtes Haar reichte ihm bis auf die Schultern. Auf der Nase hing eine Nickelbrille, im Mundwinkel ein Zigarillo. Michael bewunderte den riesigen Schreibtisch. Der Anwalt bemerkte den Blick des Besuchers.
„Das Haus wurde um den Schreibtisch herum errichtet.“, sagte er und lachte.
Er erhob sich und ging auf Karin zu. Sie schätzte ihn auf knapp siebzig. Er hatte weiche, fleischige Hände und sein Lächeln war nicht das eines Advokaten, dafür strahlte es zu viel Ehrlichkeit aus.
„Ich freue mich, euch endlich persönlich kennen zu lernen“, sagte er und schüttelte den Besuchern die Hand. „Margot hat mir schon so viel von euch erzählt.“
Karin sah ihn zweifelnd an. Nur einmal in ihrem Leben war sie Madame begegnet und diese Begegnung war ebenso kurz wie unerfreulich. Die Frau war eine Kreuzung aus Elisabeth der I., der Eisernen Lady und einem weiblichem Nero. Ein durch und durch herrisches Ungeheuer. Taktgefühl war für sie ein unübersetzbares Fremdwort.
Es war auf einer dieser furchtbaren Familienfeiern, der inoffiziellen Taufe Georgettes. Margot (sie verlangte, dass ihr Name französisch ausgesprochen wurde) musterte die kleine Isländerin vom Scheitel bis zu den billigen und recht unbequemen Schuhen, murmelte ein paar belanglose Nichtigkeiten „Herzlichen Glückwunsch!“ und „Ganz die Mutter!“ und ging davon. Zu ihrem sehr jungen Begleiter gewandt, meinte sie: „Arm wie eine Kirchenmaus und ebenso fruchtbar.“
Karin war im fünften Monat schwanger und sie wusste natürlich, dass es Zwillinge waren.
Margots Begleiter errötete und warf Karin einen entschuldigenden Blick zu.
„Ich weiß, ich weiß“, sagte der Anwalt lachend. „Sie ist ein Drache.
Und selbst das ist eine Beleidigung für diese armen Viecher. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede.“
Das gurrende Gelächter zweier junger Frauen ertönte. Erst jetzt bemerkten die Besucher, dass sich noch eine weitere Person im Raum befand. Sie sah der Vorzimmerdame zum Verwechseln ähnlich, die gleiche schlanke Figur, das gleiche blonde Haar, die gleichen vollen Lippen, die gleiche Stupsnase. Sie hätten Zwillinge sein können, eineiige sogar, doch eine der Frauen hatte dunkelbraune Augen, die andere lichtgrüne. Und die Brüste der Vorzimmerdame waren Michael Schätzungen zufolge zwei Körbchengrößen fülliger. Karin kniff ihrem Mann in den Arm.
„Den meisten Klienten erzähle ich, sie wären meine Enkeltöchter.
Doch Euch kann ich ja die Wahrheit sagen. Sie sind meine Betthäschen.“
Die zwei Frauen gurrten wieder.
„Großvater.“
Karins Augen wanderten von dem alten Mann zu den Mädchen und wieder zurück.
„Sie Glücklicher“, seufzte Michael.
Er hatte sich als Erwin Glockenhell vorgestellt.
„Ich bin Jude. Mein Vater glaubte, wenn er mir diesen Vornamen gibt, hätte ich es einfacher im Leben.“
Er lächelte matt.
„Ich fürchte auch Franz, Karl oder selbst Adolf hätten mir nicht wirklich geholfen.“
Am folgenden Sonntag trafen sie sich an einer Autobahnraststätte. Seit ihrem Besuch bei dem Advokaten fragten sie sich immer wieder, was sie wohl zu erwarten hatten. Das Angebot, das Dr. Glockenhell ihnen unterbreitete, klang nach Eintrittskarten fürs Paradies.
Ein Haus, geräumig, mietfrei, in ruhiger Lage, womöglich sogar noch einen gut bezahlten Job. Einen ganzen Haufen Sorgen weniger.
Eines der „Betthäschen“ kam an ihr Auto.
„Kommen Sie!“, sagte sie und wies auf einen recht großen Wagen. Der Innenraum schien geräumiger als ihr gesamter Golf. Glockenhell reichte ihnen die Hand.
„Setzt euch. Wollt ihr was zu trinken? Ein paar Häppchen? Eine Zigarette? Manchmal ist es recht angenehm für Madame zu arbeiten.“
Aurelia verzog den Mund zu einem müden Lächeln und startete den Wagen.
So also klingt ein richtiges Auto, dachte Karin. Manche Katzen schnurren lauter.
Nach knapp 58 Minuten erreichten sie das Dorf.
„Was.....weiler?“, fragte Michael.
„1845 Einwohner, zwei Kirchen, drei Friedhöfe, sechs Kneipen, acht Bauern“, leierte Aurelia herunter.
An der evangelischen Kirche bogen sie nach rechts ab und fünf Atemzüge später hatten sie das Dorf auch schon wieder verlassen. Aus der Asphaltstraße wurde ein arg holpriger Kopfsteinpflasterweg.
„Hat Madame bauen lassen. Sollte wohl Reichtum oder etwas Ähnliches symbolisieren.“
Die Straße war schmal und eindeutig nicht für solche Wagen gebaut.
Links und rechts Äcker, Wiesen und Wald. Karin bemerkte ein paar kleine Weiher. Dann erblickten sie die Mauer und das Tor. Und in der Ferne das Haus.
Für einen Augenblick glaubten sie an eine Fata Morgana. Ihre Herzen blieben stehen und sie schnappten nach Luft. Das war kein Einfamilienhaus, auch keine Mietskaserne, das war ein Palast, ein Schloss, drei, vier, fünf Stockwerke.
Und darüber hinaus ein durch und durch hässlicher Bau. Ein riesiger Haufen bunter Legosteine und ein recht unbegabtes Kind. Nichts passte wirklich zusammen.
„Neureichs bauen sich ein Haus.“
Am Tor hielt der Wagen. Aurelia öffnete das zweiflügelige, knapp drei Meter hohe Eingangstor. Es jaulte und quietschte in den Scharnieren.
Michael fragte sich, wie man so viel Scheußlichkeit auf so wenig Gitter unterbringen konnte. Eisernes Blattwerk, Ranken und Blumen, dazwischen aus Blech geschnittene Eichhörnchen, Hasen und Füchse, ein paar Raben, zwei Adler mit ausgebreiteten Schwingen und weit aufgerissenen Schnäbeln und eine Schar aufgeregt umher flatternder Spatzen. Und als Bordüre Buchstaben, ein E, ein B, ein R und ein G.
Einst vergoldet, nun nur noch rostig und vermoost. Die übrigen Buchstaben fehlten. Es galt als besondere Mutprobe der Dorfjugend sie zu stehlen.
Eines Tages war einer der Jungs vom Gitter gepurzelt, Leitern waren nicht erlaubt, und hatte sich den rechten Oberschenkel und ein paar Rippen gebrochen. Daraufhin hatte der Bürgermeister ein Schild anbringen lassen.
Beklettern des Tores strengstens verboten
Zuwiderhandlung wird zur Anzeige gebracht
Der Bürgermeister
In den darauffolgenden Wochen waren weitere Buchstaben verschwunden und schließlich auch das Verbotsschild.
Links neben dem Tor stand das Pförtnerhaus. Ein zweistöckiger Bau, der wohl schon einige Jahre leer stand. Scheiben waren eingeschlagen, der Putz bröckelte an vielen Stellen und in den Dachrinnen wuchsen Birken. Der erste Stock war umgeben von einem Wandelgang. Wie bei einem spätrömischen Kastell. Im Zentrum des Bauwerks ragte ein Turm knapp fünf Meter über das Dach hinaus, mit einer umfriedeten Aussichtsplattform als Spitze.
„Da hatte jemand scheinbar ziemliche Probleme“, meinte Michael.
„Margots Großvater hatte bisweilen gewisse Schwierigkeiten mit der Realität. Seine Welt bestand nur aus Feinden. Räuber, Mörder und schlimmeren. Er traute niemandem. Überall nur Monster und Ungeheuer. Seine Schlafzimmerfenster waren doppelt vergittert. Die Tür mit Schlössern und Riegeln gesichert. Auf seinen Nachttischen lagen stets geladene Revolver. Wenn er zu Bett ging, nahm er mehrere beißwütige Köter mit auf sein Zimmer. Genützt hatte es ihm nicht viel. Er starb an einem Herzinfarkt, doch niemand konnte ihm helfen.
Bis sie die Tür aufgebrochen hatten, war der Alte längst tot und schon fast kalt.“
Glockenhell lachte.
„Ich hab euch gewarnt. Normal ist hier ein Fremdwort.“
Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Kies knirschte unter den Rädern. Bis zum Herrenhaus waren es knapp vierhundert Meter.
Der Kiesweg beschrieb einen weiten, sanft geschwungenen Bogen, wobei er einen Park durchquerte. Vor Jahren einmal eine Zierde der Gartenkunst, nun aber nur noch ein kaum zu bändigendes Tier.
Bäume und Buschwerk wucherten in alle Richtungen. Der Rasen war übersät mit abgerissenen Ästen und Zweigen. Brennnesseln und Brombeergestrüpp verdrängten Rosen, Tulpen und Narzissen. Da und dort hatte wohl jemand gemäht, Hecken geschnitten, Blätter zusammen geharkt. Aber es war ein aussichtsloser Kampf. Winzige Inseln der Ordnung in einem Meer aus Chaos.
Zerbrochene Gartenmöbel, umgefallene Skulpturen, umgeknickte Tannen, eine vom Blitz geköpfte Eiche.
Das Haus wuchs vor ihnen in den Himmel und sein Anblick raubte ihnen den Atem.
„Sind Sie sicher, dass wir hier richtig sind?“
Erwin Glockenhell lachte.
„Hab ich zu viel versprochen?“
Nein, das hatte er nicht. In der Kanzlei hatte er ihnen Fotografien des Gebäudes gezeigt, doch auf wunderbare Weise war es dem Fotografen gelungen aus dem monströsen Horrorhaus eine liebliche Vorstadtvilla mit gepflegtem Rosengarten zu machen.
Vor ihnen ragte ein fünfstöckiges Gebäude auf, mit spitzgiebligen Dächern und viel zu vielen Erkern, Balkonen, Säulen und Türmchen.
„Görings Wochenendhaus von Speer persönlich entworfen.“
Aurelia hielt vor dem Eingang. Eine sechs oder sieben Meter breite Marmortreppe führte hoch zur Haustür. Diese hatte die Maße eines Scheunentors und war eingerahmt von jeweils vier hohen Säulen, die einen Balkon stützten. Unkraut wucherte zwischen den Stufen, hatte einige schon aus der Verankerung gerissen und verschoben.
„Wie viele Zimmer hat dieses Ding?“, fragte Karin mit belegter Stimme.
„Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht.“
Er wandte sich an seine Enkelin, Geliebte, Chauffeuse.
„Schatz!?“
Sie blätterte in einem auf ein Klemmbrett gehefteten Papierstapel.
„Hier“, sagte sie, stockte einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf. „Mit dem im Bau befindlichen Nordflügel sind es 255.“
Michael und Karin schnappten nach Luft. Selbst Glockenhell war ein wenig irritiert, doch er fasste sich rasch wieder.
„Das klingt nur viel.“
Michael starrte ihn an.
„Ja, klar, der Buckingham Palast hat nur 219!“ (Am gleichen Abend kamen Michael Zweifel und er wühlte sich durch zwei Dutzend Bücher. Es waren 770. Allein 19 Prunksäle, 240 Schlafzimmer, 92 Arbeitszimmer und 78 Badezimmer. 255 sind aber auch eine ganze Menge, sagte er sich)
„Grau ist alle Theorie“, rief Dr. Glockenhell und ergriff Karins Hand.
„Machen wir einen kleinen Rundgang.“
Das Haus hatte etwas von einer Filmkulisse. Die Vorderfront sah fast perfekt aus, doch kaum bogen sie um die Ecke, erschauderten sie.
Bröckelnder Putz, blätternde Farbe, vernagelte Fenster, herunterhängende Stromkabel, verbeulte Dachrinnen.
An das Hauptgebäude waren Stallungen, Garagen, Geräteschuppen, Lager für Holz und Kohle geklebt. Einige der Gebäude waren mit Ziegeln gedeckt, andere mit Schiefer oder roten Eternitplatten. Doch allen gemeinsam war, sie sahen unfertig aus, so als hätten die Handwerker mitten in der Arbeit Hammer, Kelle und Säge hingeschmissen und wären auf Nimmerwiedersehen verschwunden.
Auf Paletten stapelten sich Klinker und Hohlblocksteine, Berge von Bauholz verrottete, Fenster und Türen noch in Folie eingeschweißt, daneben Betonmischer, Kisten mit Werkzeug, Leitern, Gerüste.
„Kennen sie Gormenghast?“, fragte Michael.
Glockenhell schüttelte den Kopf.
„Müsste ich?“
„So ähnlich habe ich es mir vorgestellt.“
Der Nordflügel war ein Rohbau, Wände, Decken, ein Dach, leere Fensterlöcher, die Mauern unverputzt.
„Sie sind nicht ganz fertig geworden“, entschuldigte sich Glockenhell.
Die Besichtigungstour dauerte mehr als zwei Stunden. Sie umkreisten zuerst das gesamte Bauwerk.
„Das ist der Westflügel. Er ist beinahe fertig. Nun, ziemlich...“, erklärte Aurelia.
Einige Stockwerke waren bewohnbar, andere noch Baustellen.
„Madame und ihr Gatte waren der Meinung, sie würden nicht eher sterben, bis das Haus fertig wäre. So waren stets Handwerker auf dem Lerchenberg.“
Neue Zwischenwände wurden hochgezogen, Treppen gebaut und wieder abgerissen, Fenster und Türen eingesetzt, Decken durchbrochen, Stromkabel und Wasserleitungen verlegt, Fliesen entfernt und durch Parkett ersetzt. Und immer neue Zimmer wurden gebaut, vergrößert, verkleinert...
Eine ewige Baustelle.
Der Rote Salon, der Ballsaal, zahllose Gästetoiletten, das Türkische Bad, die Kleine Küche im vierten Stock, zwei weitere Aufzüge...
Besonders stolz war Harald auf den Nordflügel.
„Das wird die Krönung des Ganzen!“
Doch dann war er im fünften Stock von einem der Gerüste gefallen.
Im Dorf waren sie der Meinung, er hätte mal wieder zu tief ins Glas geschaut.
„Stockbesoffen war er“, höhnte Egon.
Margot war untröstlich. Drei Wochen nach seiner Einäscherung standen drei riesige Möbelwagen vor der Tür. Auf jedes Möbelstück, auf jedem Gegenstand, den sie mitzunehmen gedachte, hatte sie bunte Zettel geklebt. Blau kam in ihr Münchner Stadthaus, grün in ihre Villa an der Côte d'Azur. Wohin der dritte Laster fuhr, gelb, wussten nur Madame und der Fahrer.
Sie betraten das Haus durch den sogenannten „Lieferanteneingang“.
„Das ist die Premiumküche. Sie ist ein wenig großflächig“, erklärte Aurelia.
Selbst gewaltig war noch eine ziemliche Untertreibung. In dieser Küche hätte man 500 Menschen bekochen können. Es gab Öfen mit zehn, zwölf Kochplatten, Waschbecken, in denen man baden konnte, begehbare Kühlschränke. Endlose Reihen Pfannen, in jeder Größe und Form, Kochtopfstapel, bis zur Decke. Weiße Fliesen, soweit das Auge reichte, Edelstahltische und -schränke. Küchenmaschinen, groß wie Betonmischer. Fritteusen, in denen mit Leichtigkeit ein Zentner Pommes Platz fanden. Schränke zum Bersten voll mit Tellern, Tassen, Schüsseln. Schubladen, die überquollen von Besteck.
Den Besuchern kam es jedoch vor, als habe hier noch nie jemand gekocht.
Glockenhell führte sie durch düstere Flure und Treppenhäuser.
Zimmer reihte sich an Zimmer. Karin hatte das Gefühl, das der Advokat und seine Assistentin kurz davorstanden, sich zu verirren.
„Ah, die Eingangshalle“, rief Dr. Glockenhell mit einem Mal.
Karin lachte laut auf. Disneyland hatte sich mit prolligem Größenwahn gepaart. Und die Eingangshalle war die Frucht ihrer Vereinigung.
Es war ein Raum, groß wie der Wartesaal eines Hauptbahnhofs und so hoch, dass ein mittelhoher Leuchtturm hätte hineingestellt werden können und seine Spitze nicht die Decke berührt. Viel Marmor, sinnlose Säulen, zentnerschwere Kristalllüster. Durch den Kamin passte der korpulenteste Weihnachtsmann, samt Schlitten und neun Rentieren.
„Was ist das? Und wer soll das heizen?“, fragte Karin, doch niemand wollte ihr antworten.
So begaben sie sich in den ersten Stock des Ostflügels, schauten rasch in ein paar Zimmer, manche gähnend leer, andere mit Möbeln zugeschüttet, um dann über eine geschwungene Freitreppe in die zweite Etage zu gelangen. Weitere Zimmer, eine „kleine“ Küche, richtiggehend intim, ein Musikzimmer, Schlafzimmer, fünf oder sechs Bäder, in verschiedenen Größen, ein Herrenzimmer...
Der dritte Stock brachte auch nicht viel Neues. Noch mehr Zimmer.
Flure, Treppen. Die übrigen Etagen und die Dachböden ersparten sie sich. Ebenso die Nebengebäude und die Keller.
Alle waren erleichtert, als sie schließlich wieder vor der Eingangstür standen.
Auf der Treppe erwartete sie ein dicklicher Mann, Mitte sechzig und eine knochige Frau mit schlechtsitzender Perücke. Dr. Glockenhell ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu.
„Frau Ziegler, Herr Lambrecht, ich freue mich Sie wieder zu sehen.
Wie lange ist es her seit unserer letzten Begegnung?“
Der dickliche Mann öffnete den Mund, doch der Anwalt unterbrach ihn.
„Nein, sagen Sie nichts! Es war vor, lassen Sie mich nachrechnen.“
„Es war Ostern vor acht Jahren“, sagte Aurelia. „In dem Jahr ist das Observatorium abgebrannt.“
Frau Ziegler war die Köchin, Herr Lambrecht kümmerte sich um den Garten. Nur sie waren übriggeblieben, das übrige Personal hatte schon vor langer Zeit gekündigt. Köchin und Gärtner lebten in einem Häuschen, gleich neben den Gemüsegärten. Karin nannte es „das Puppenhaus“.
Das Puppenhaus bestand aus zwei getrennten Wohnungen und ihre Bewohner taten so, als seien sie nur Nachbarn. Eine Tür in ihren Schlafzimmern, versteckt hinter geblümten Vorhängen, verband die zwei Wohnungen. Eine Woche schliefen sie im rechten Schlafzimmer, die folgende im linken; kochten, aßen und lebten einmal in Frau Zieglers Küche und Wohnzimmer, dann wieder in der Wohnung von Herrn Lambrecht. Die Wohnungen glichen sich wie eineiige Zwillinge, nur die Vorhänge der Köchin waren rosa und mattgelb, die von Herrn Lambrecht hellblau, kiefergrün und erdbraun.
Die Blicke, mit denen sie Karin und Michael bedachten, schwankten zwischen „Was wollen die denn hier?“ und „Haut ab, aber schnell!“.
Sie schüttelten pflichtschuldig Hände, doch die Lufttemperatur sank rasch um einige Grade.
Auf der Rückfahrt war Karin sehr still, Michael dagegen plapperte ohne Punkt und Komma.
„Hast du bemerkt, dass das Haus mindestens dreißig Baustile aufweist?
Diese furchtbaren Säulen, das soll dorisch sein? Und dann das Gesims.
Grauenhaft! Die Balkone sind wohl Jugendstil, ham sie aus irgendwelchen Häusern? Einmal Marmor und gleich daneben roter Sandstein und das noch von der billigsten Sorte. Ich glaub der Architekt war auf Drogen oder dauernd besoffen. Vermutlich beides.“
Karin schwieg auch noch, als sie wieder in ihrer 2 Zimmer/Küche/Bad waren. Die Kinder schliefen schon, Sybille auch. Sie lag auf dem Wohnzimmerteppich und schnarchte.
Karin duschte und ging sofort ins Bett. Sie legte sich auf den Rücken und schloss die Augen.
Michael kannte das. So ließ er sie einfach in Ruhe.
In den ersten Monaten ihrer Beziehung, dachte er in solchen Momenten, er hätte was Falsches gesagt oder getan. Er hatte sich, weiß der Himmel wofür entschuldigt und ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen, auch wenn da keine Wünsche zu lesen waren.
Eines Tages fuhr sie ihn an.
„Lass mich einfach in Ruhe. Es ist alles in Ordnung. Es hat nichts mit dir zu tun. Ich bin nicht so schnell. Ich muss erst mal alles sortieren, ordnen und selektieren. Und dann muss ich darüber nachdenken, das Für und Wider abwägen und schließlich noch einen Entschluss fassen. Das dauert seine Zeit.“
Um halb vier schnellte ihr Oberkörper in die Senkrechte und sie riss die Augen auf.
„Wir machen es!“
Michael schrak hoch, ruderte mit den Armen und starrte sie mit verquollenen Augen an.
„Alles klar!“, sagte er, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter.
Michael war ein unauffälliger Schüler. Er wusste, dass er intelligenter war als seine Klassenkameraden, doch es war ihm nicht wirklich wichtig. Er ging gerne zur Schule, hauptsächlich wegen Frau Gleif. Sie war so ganz anders als seine Mutter freundlich, verständnisvoll, einfach nett. Und sie hörte zu, wenn er mit ihr sprach. Um ihr zu gefallen, bemühte er sich stets der Bravste und Strebsamste in der Klasse zu sein. Im Nachhinein musste er sich eingestehen, dass er nur einer von mehr als dreißig Schülern für sie war. Und sicher hatte sie seinen Namen schon vergessen, wenn sie mittags das Schulgebäude verließ.
Auf dem Gymnasium gab es keine Frau Gleif. Warum sich also groß anstrengen. So schaltete er oft auf Autopilot und beschäftigte sich im Unterricht mit anderen Dingen, wichtigeren Dingen. Lesen zum Beispiel. Bücher waren sein Leben. Die Welt zwischen zwei Buchdeckeln.
Mit vier Jahren lernte er lesen. Während seine Mutter mit seinem zwei Jahre älteren Bruder lesen und schreiben übte, immer und immer wieder, Buchstabe für Buchstabe, „das ist ein H, siehst du das denn nicht, so sieht ein H aus und das ist ein K“, saß er dabei, schaute zu, hörte genau hin und nach knapp fünf Monaten konnte er lesen. Ein wenig holprig, doch mit jedem Wort, jedem Satz, jeder Seite besser.
Zu Weihnachten wünschte er sich Bücher, viele Bücher und war maßlos enttäuscht, dass seine Eltern ihm nur Bilderbücher schenkten, mit weniger Text als eine handelsübliche Briefmarke aufwies. Zum Festtagsessen am ersten Weihnachtstag hatte er alle seine Bücher „ausgelesen“ und am Nachmittag des ersten Januars auch die seiner pferdevernarrten Schwester Emelie. „Susi auf dem Reiterhof“,
„Sturmwind findet heim“, „Ein Pony für Carla“.
So machte er sich auf die Suche nach neuem Lesefutter. Es gab reichlich Bücher im Haus. Die wissenschaftlichen Schwarten im Büro seines Vaters waren dann doch eine etwas zu schwere Kost. Er las die Worte, kämpfte sich durch ein halbes Kapitel, doch verstand nichts.
Die Sätze verwandelten sich nicht in Bilder oder Geschichten, was ihn sehr enttäuschte. Auch die Bücher seiner Mutter fanden nicht seine Zustimmung.
War das Literatur? Vielleicht. Liebesgeschichten, Schnulzen...
Dann fand er den Großen Brockhaus. Fünfundzwanzig Bände, schwer wie Ziegelsteine, übereinander gestapelt reichten sie bis zur Decke.
Buch für Buch schleppte er sie in sein Zimmer und begann bei „A“.
Am Abend des ersten Tages wusste er wie ein Aal aussah, kannte das Wappen von Aargau, wusste, dass Abstammungslehre etwas mit kaputten Schädeln zu tun hatte und abstrakte Kunst so ähnlich aussah, wie das, was er manchmal malte. Seine Mutter entdeckte die Lexika in seinem Zimmer, als er sich gerade über Band 6 hermachte.
„Das ist kein Spielzeug!“, schnauzte sie ihn an und brachte den gesamten Brockhaus zurück ins Wohnzimmer. Zur Strafe gab es drei Tage Stubenarrest. Ihre Lieblingsstrafe. Michael ertrug sie, wie Kinder solche Strafen ertragen.
Zu den glücklichen Fügungen seines Lebens gehörte der Besuch seines Patenonkels. Onkel Hermann galt in der Familie als ziemlicher Versager. Er hatte Lehramt studiert. Nach zwei Jahren, er stand kurz vor der Verbeamtung, wurde ihm bewusst, dass er diese Arbeit nun bis zur Rente würde leisten müssen, und so schmiss er den Job.
Die folgenden Jahre arbeitete er als Barkeeper, Tellerwäscher, Postausträger, Taxifahrer, Gemüseverkäufer auf dem Wochenmarkt, schuftete auf dem Bau, fuhr zur See, stach Spargel und erntete Äpfel und Weißkohl. Selten blieb er länger als vier, fünf Monate bei einer Arbeit und meist wurde er gefeuert.
„Du bist ein gottverdammter Anarchist! Wir sind hier nicht in Russland.“
Zu Geburtstagen und zu Weihnachten schickte er seinem Patenkind kleine Päckchen, meist Tage zu spät, bisweilen aber auch Monate zu früh. Manchmal fragte er sich, wieso sie ihn zum Paten gemacht hatten. Lange Zeit hatte er darauf keine schlüssige Antwort. Michael, Micha damals noch, beäugte den verrückten Onkel misstrauisch und dieser hatte für kleine Kinder so viel übrig wie für Mehlwürmer, Blutegel oder Nacktschnecken.
Doch als er nun Michas Zimmer betrat, war er der erste, der sofort bemerkte, dass dieser Knirps etwas Besonderes war. Der Raum war viel zu ordentlich für ein Kind seines Alters. Alle Spielsachen lagen fein säuberlich sortiert in Holzkisten. Playmobil, Lego, Teddybären, Holzeisenbahnen. Alles hatte seinen Platz. Dann bemerkte er die Bücher, zu viele Bücher für einen noch nicht Sechsjährigen.
„Kannst du denn schon lesen?“
Noch nie hatte ihn das jemand gefragt. Alle sahen in ihm noch das Baby.
Micha schloss die Tür, holte sein Lieblingsbuch vom Regal und setzte sich auf Bett.
„Familie Freitag in der Südsee“.
Er begann bei Kapitel 11. „Der Kampf mit den Piraten“.
Onkel Hermann war begeistert. Ein richtiger Mensch in dieser Familie aus Robotern und Fachidioten. Das war keine Nacktschnecke und noch weniger ein Mehlwurm. Als der Patenonkel sich erhob, legte Micha den Zeigefinger auf seine Lippen und Hermann lächelte verschwörerisch. Von da an trudelten alle drei, vier Monate große Pakete bei seinem Patenkind ein.
„Nur von Micha zu öffnen!“, stand auf den Pappkartons. So lernte Micha die Welt kennen. Den Mississippi, die Schatzinsel, den indischen Dschungel, Schweden, Londons Unterwelt und die Baker Street.
Auf dem Gymnasium nannten seine Klassenkameraden ihn nur die „Bücherratte“. Er empfand es als ein Kompliment. Bald konterte er mit „Du Analphabet“, was die Angesprochenen auch nicht wirklich als Beleidigung empfanden.
Jeder hielt ihn für einen Streber. Doch er war eher das Gegenteil.
Die Stunden eines Tages sind gezählt, ebenso die Wochentage, die Monate, die Jahre eines Lebens, nutze sie, sagte er sich. Und das tat er dann auch.
Er begleitete Siegfried auf dem Weg zu Fafnir und Hannibal über die Alpen, kämpfte mit dem Kraken 20000 Meilen unter dem Meer und zusammen mit einem einbeinigen Kapitän gegen einen weißen Wal.
Mit Alice, Dorothy und Wendy verbrachte er jeweils einen Nachmittag und den folgenden Abend. Unter der Bettdecke traf er sich mit Dracula, Quasimodo und Frankensteins Monster.
Zwei Wochen folgte er einem Detektiv und seinem Partner. Dann besuchte er Rom, La Mancha, Troja, Liliput, Verona und Camelot.
Ein, zwei Tage ohne ein Buch und er glaubte zu verdursten.
Seine Ansprüche wuchsen. Kafka und Brecht, Tolstoi und Dostojewski, Hemingway und Orwell, Lenz und Lessing. Reiseberichte, dreimal um die Welt und zweimal zum Mond. Biographien.
Ihr Leben ist tausendmal spannender als meins!
Seine Neugier war grenzenlos. Die Eroberung Mexikos, der erste Weltkrieg, das Leben Botticellis, Relativitätstheorie und der Bau der ersten Atombombe, Darwin und der Flug in den Weltraum, Lucy, der Boxeraufstand und Stalin.
„Es ist ganz einfach.“
Das jedenfalls behauptete Dr. Glockenhell. Das Haus, dazu alle Nebengebäude, die Gärten, die Gewächshäuser und der Park.
„Vollkommen umsonst! Ist das ein Angebot?“
Michael versuchte einen Lachanfall zu unterdrücken, doch es gelang ihm nur bruchstückhaft.
„Es ist besser als unsere Mansarde, aber das Hilton ist es nun auch wieder nicht. Tante Margot will Geld sparen und das unkeusche Paar geht in Rente. Und nun sucht sie ein paar neue Dumme. Und spielt gleichzeitig die großherzige Wohltäterin.“
Karin schrumpfte zusammen. Michael hatte manchmal die unschöne Angewohnheit peinlich zu sein und zielsicher in jedes zur Verfügung stehendes Fettnäpfchen zu treten. Dr. Glockenhell schmunzelte.
„Eure Tante ist der Meinung, du seist das schwarze Schaf in der Familie. Sie könnte Recht haben. Ich für meinen Teil mag diese Tiere.
Sie laufen meist nicht freiwillig zur Schlachtbank.“
Anfang April bezogen sie ihr neues Heim. Ein Kleinlaster genügte. 63 Umzugskisten mit Büchern, sieben mit Geschirr und Hausrat, fünf für Bettzeug und Kleidung. Einige liebgewonnene Möbelstücke.
Odysseus` Bett, den Traumsessel, eine Truhe von Karins Eltern, vier Stühle.
Am späten Nachmittag stapelte sich ihr gesamtes Habe in drei eher bescheidenen Zimmern im zweiten Stock des Ostflügels.
„Das wird unsere Wohnung“, hatte Karin entschieden und Michael legte kein Veto ein. Die Räume waren hell und weit weniger chaotisch, als die im ersten und dritten Stock. Das Erdgeschoss war wohl sauber und gepflegt, doch die Zimmer hatten allesamt etwas von einer Krypta.
Sie schrubbten die Böden, entsorgten Staub, Spinnweben und eine ganze Menge Möbel. Die Fenster wurden geputzt und die schweren, muffigen Vorhänge abgenommen. Und sie lüfteten. Kaum aber hatten sie die mannshohen Fenster geöffnet, klopfte es.
„Hereinspaziert!“, rief Michael.
Die Zimmertür wurde aufgeschoben. Es war Frau Ziegler.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte Michael.
„Kennen Sie die Verordnung 213?“
Michael sah sie verblüfft an.“
„Nein, ich bin erst bei Verordnung 118“, witzelte Michael und lachte.
Sigrid Ziegler verzog keine Miene. Ihre Mundwinkel berührten das Kinn.
„Klären Sie mich auf!“
„Verordnung 213 besagt: „die Fenster im Erdgeschoss und in den Stockwerken eins und zwei dürfen nicht geöffnet werden!“
Die folgenden drei Worte betonte sie.
„Nur auf Kippe.“
„Gute Frau Ziegler, riechen Sie das? Es stinkt wie auf einem Mäusefriedhof...“
Michael sucht verzweifelt nach treffenderen Vergleichen.
„...wie eine defekte Kläranlage, einem Totenhaus, einer mittelalterlichen Schindgrube.“
Karin bezweifelte, dass die Vergleiche ihres Mannes wirklich hilfreich waren.
„Ich bin nicht ihre gute Frau“, rief Frau Ziegler, drehte sich um und stürmte aus dem Zimmer.
„Da haben wir ja nette Nachbarn.“
Verordnung 213 besagte genau das. Im Erdgeschoss und den darüber liegenden Etagen des Ost- und Westflügels war es strengstens verboten, die Fenster zu öffnen. Auf Kippe ging noch in Ordnung. Es gab ein paar Ausnahmen. Sollten die Fenster von außen geputzt werden etwa. Oder wenn eine Scheibe beschädigt war und ausgewechselt werden musste.
Erwin Glockenhell hatte ihnen einen prallgefüllten Ordner überreicht.
Margot und ihr Mann waren ein wenig eigen. Wunderlich. Bei Wohlhabenden nannte man so etwas extravagant.
„Was soll das sein? Eine Gebrauchsanleitung?“, fragte Karin.
Dr. Glockenhell drehte ihnen den Rücken zu und schaute aus dem Fenster „Margot bat mich, euch auf ein paar Details hinzuweisen. In Bezug auf ihr Häuschen. Sie liebt es sehr und möchte nicht, dass irgendjemand es verunstaltet. Es soll so bleiben, wie sie es verlassen hat.“
Die Neusiedler lachten laut auf.
„Haben Sie den Klotz gesehen. Es ist ein sterbender Riese. Er zerfällt wie Dracula in der Morgensonne. So hat sie ihr Häuschen sicher nicht in Erinnerung.“
„Ich weiß“, sagte der Advokat, lachte matt und wies auf den Ordner.
„Werft einfach mal einen Blick rein. Es ist nicht in Stein gemeißelt.“
Wenn es nach Frau Ziegler und ihrer Dienstherrin ginge, schon, dachte Karin.
Sie schauten rein.
874 Verordnungen oder wie man es sonst nennen sollte.
Es begann am Tor.
Nr. 1: Das Eingangstor ist stets verschlossen zu halten.
Nr. 2: Die Kette, die die Torflügel verschlossen hält, ist mit einem Schloss zu sichern.
Größe des Schlosses.
Dicke der Kette.
Angaben, wer einen Schlüssel für das Vorhängeschloss haben durfte.
Angaben, wo etwaige Ersatzschlüssel aufbewahrt waren.
Nr. 3: Auf dem Weg zum Haupthaus darf die Höchstgeschwindigkeit von 10 km/h nicht überschritten werden. Es wird empfohlen den Wagen am Pförtnerhaus (siehe Parkplätze Skizze 39a) abzustellen und sich zu Fuß...
Nr. 4: Auf den Wegen bleiben. Das Betreten der Rasenflächen und Beete ist strengstens verboten!
Nr. 5, Nr. 6, Nr. 7...
Seite um Seite.
Verordnungen, Verbote, Unterverordnungen. Gebote, Gesetze, Hinweise, Ermahnungen...
„Wer denkt sich denn so was Krankes aus?“, fragte Michael.
„Nun ja, unsereins muss auch von irgendwas leben“, entschuldigte sich Glockenhell kleinlaut. „Versteht mich nicht falsch. Meine Mitarbeiterinnen und ich haben es nur in eine lesbare Form gebracht.
Margot hatte uns einen ganzen Wäschekorb mit Zetteln geschickt. Wir mussten sogar noch selektieren, sonst wäre es dicker als das BGB geworden.“
Karin blätterte weiter.
„Und was ist das?“, fragte sie.
Die Pläne des Hauses waren überaus detailliert. Jede Kleinigkeit war in ihnen verzeichnet.
„Ich versteh nicht.“
„Wie ich schon sagte. Margot ist ein wenig eigen.“
„Ein wenig?“
„Sie hasst Veränderungen. Deshalb diese Risszeichnungen.“
„Hat sie Angst, dass wir Wände einreißen oder Türen zumauern?“
„Nein, darum geht es nicht. Es geht um die Einrichtung. Sie soll an ihrem Platz bleiben. Man darf sie schon ein wenig verschieben. Aber natürlich nicht aus dem Zimmer räumen oder auf den Dachboden schaffen. Das gleiche gilt natürlich auch für die Teppiche und Gemälde. Es ist alles hier verzeichnet. Wenn ihr euch daran haltet, gibt es keine Probleme.“
Karin schloss den Ordner und verdrehte die Augen.
„Das ist doch wohl nur ein Scherz! So verrückt kann doch niemand sein!“
Sie kannte die Antwort.
„Seht mal! Ihr bekommt eine recht geräumige Behausung. Mietfrei!
Strom und Wasser gratis! Und nicht zu vergessen, Margot bezahlt das Material für Instandhaltung und Renovierungsarbeiten. Ich finde, das ist mehr als großzügig.“
Michael öffnete den Mund, doch in diesem Moment, war der sonst so eloquente Mann ziemlich sprachlos.
Ich wusste, überlegte Karin, dass es einen Haken gibt, doch dass er so groß ist, dass selbst ein Blauwal Probleme hätte ihn zu schlucken.
Was haben wir zu verlieren. Eigentlich nichts. Sollen wir uns hier zum Affen machen lassen. Nein! Mehr als unsere Würde haben wir nicht.
Also los.
Karin schob ihren Stuhl näher an den Schreibtisch.
„Ich bin Isländerin, mein Vater stammt in direkter Linie von Erik dem Roten ab. (Jeder Isländer behauptete das von sich, doch das erzählte Karin nicht). Wir Isländer sind für ein paar Dinge bekannt. Wir fangen alles, was im Meer schwimmt und essen es. Wir baden gern in heißen Quellen, sind ziemlich melancholisch veranlagt, trinken gern und viel. Züchten kleine Pferde und verspeisen sie. Doch nur sehr wenige Menschen wissen, dass wir die besten Händler der Welt sind!“
Dr. Glockenhell schüttelte ungläubig den Kopf.
„Und ich dachte immer das wären wir Juden!“
„Das ist ein weitverbreiteter Irrglaube“, sagte Karin. „Ein Beispiel gefällig. Als unsere Wikingervorfahren nach Amerika kamen, handelten sie den Ureinwohnern für ein paar Glasperlen, etwas billigem Schmuck, drei Dolchen und einem Fässchen Met ein Territorium von der dreifachen Größe des Saarlandes ab. Und das innerhalb von nur zwei Stunden und ohne die Sprache der Indianer zu beherrschen. Wären sie länger geblieben, in einem Monat hätte ihnen ganz Nordamerika gehört, samt Kuba und Puerto Rico.“
Nun Karin brauchte nicht ganz so lang, es ging ja auch nicht um Nordamerika, nicht einmal um Kuba oder Puerto Rico.
Am Ende der Verhandlungen schüttelte der Anwalt ungläubig den Kopf.
„Das wird Margot nicht gefallen.“
Einen Monat später hatte Dr. Glockenhell einen Vertrag ausgearbeitet.
Bei der Unterzeichnung schien niemand wirklich glücklich zu sein, denn auch die Isländerin musste Kompromisse eingehen.
Als sie die Kanzlei verließen, knuffte Karin ihrem Mann in die Seite und grinste breit. Michael fragte sich immer wieder wie sie es geschafft hatte, den Anwalt und Margot über den Tisch zu ziehen.
Sie bekamen ein Gehalt wie die Köchin und der Gärtner.
Wie konnten die davon leben?
Für anfallende Reparaturarbeiten sollten sie gesondert bezahlt werden.
Es gab Weihnachts- und Urlaubsgeld.
„Ich hab immer gedacht, das gäbe es nur bei normalen Menschen. Sind wir jetzt normal?“
Natürlich Krankenversicherung und Invalidenrente. Möbel durften verschoben und unter bestimmten Voraussetzungen aus den Zimmern geräumt werden. Das Schwimmbad durfte nun auch von den Kindern benutzt werden. Sie durften Blumen in die Beete pflanzen und sogar kleinere Haustiere halten.
Verordnung 213 blieb bestehen und einige andere auch.
Sie befolgten Anweisung 213 nicht und ignorierten auch sonst einiges.
„Liegt in unserer Natur“, erklärte Michael.
Frau Ziegler war empört und strafte sie mit Verachtung.
Als sie am ersten Abend schließlich das Licht löschten und dicht aneinander gekuschelt in ihrem halb zusammengebautem Odysseusbett lagen, seufzte Karin zufrieden.
„Hörst du das?“
Michael lauschte, doch er hörte nichts.
„Weißt du, was das ist? Das nennt man Stille! Ich hab davon schon mal gelesen, konnte es mir aber nie so richtig vorstellen.“
In ihrer 2 Zimmer/Küche/Bad war es nie still. Die Stadt brummte und dröhnte Tag und Nacht. Und dann gab es da noch die Nachbarn. Die Wände waren dünn wie Papier. Überall Stimmen, Gebrüll, Geschrei.
Natürlich war es auch im Klotz nie still. Doch hier gab es ganz andere Töne. Sanftere, angenehmere.
Karin erwachte in der Nacht. Der Wecker zeigte halb vier. Sie ging auf die Toilette. Als sie wieder im Bett lag, hörte sie das Haus. Es ächzte und stöhnte, knarrte und quietschte. Es raschelte in den Wänden und fiepte in den Decken. Sie hörte das Getrappel unzähliger winziger Pfoten. Das Flattern irgendwelcher Flügel. Eulen oder Vampire.
Undichte Wasserhähne tropften, Abwasserleitungen gluckerten.
Ziegel klapperten und der Wind ließ die Blätter rascheln.
Es ist still, herrlich still, sagte sie sich und dann: Auf was haben wir uns da eingelassen?
Shackelton war einer der hässlichsten Kater der Welt. Seine Ohren waren zerfranst und voller Löcher. Das rechte Auge stand schief und mehrere tiefe Narben verunzierten sein Gesicht. Er war ein Koloss von einem Kater, hatte ein feuerrotes Fell, das, egal wie oft und wie lang man es striegelte und kämmte, stets aussah, als hätte das Tier die letzten drei Monate auf einer Müllkippe oder bei Pennern unter der Brücke gelebt.
Shack war, das erzählte Michael den Kindern, der letzte direkte Nachfahre des Schiffskaters von der Endurance. Die Urenkelin des berühmten Polarforschers habe ihm das Tier geschenkt. Ein einzigartiges Wesen, der letzte Nachkomme des berühmten Miss Chippy.
Die Kinder kamen später zu ganz anderen Ergebnissen. Tagelang rechneten sie. Ihre Zahl der Nachkommen lag zwischen 2983 und 52462.
Als Georgette ihrem Vater die Berechnungen vorlegte, schüttelte dieser nur den Kopf. Der Kater sei uralt gewesen, als er von der Expedition zurückkehrte. Er habe nur noch eine Katze geschwängert.
Und nur eines ihrer Jungen habe überlebt. Nein, da war er sich ganz sicher. Shack war der letzte Nachfahre.
Im Winter rührte der Kater sich kaum von der Stelle. Vom Schlafplatz zum Futternapf, danach aufs Katzenklo und sofort wieder zurück in sein mit Schaffell gefüttertes Körbchen. Shack liebte die Wärme. Alle Katzen lieben warme Plätzchen, doch dieser Kater wäre am liebsten in den Ofen gekrochen. Gab es einen besseren Beweis, dass dieses Tier tatsächlich vom Schiffskater der Endurance abstammte. Sein Vorfahre hatte so viel Kälte ertragen müssen, dass es für die nächsten fünfzig Generationen reichte.
Im Frühjahr verschwand Shack für ein paar Wochen. Er besuchte das Dorf und die umliegenden Höfe, prügelte sich mit jedem Kater, dem er begegnete und schwängerte jede willige Katze. Shack mochte bisher der Letzte seiner Sippe gewesen sein, nun tat er alles um seine Gene hinaus in die Welt zu tragen. Rote struppige Katzen und Kater mit viel Temperament, wildem Kampfgeist und noch mehr Wärmebedürfnis, wohin man schaute.
Kam er heim von seiner Brautschau, wurde er von der Familie freudig begrüßt. Er sah aus, als sei er unter ein Auto geraten oder aber von einem Güterzug überrollt worden. Seine Ohren wiesen neue Risse und Löcher auf. Der Pelz strotzte vor Dreck, war voller Winkelhaken und verkrustetem Blut. Er humpelte und sein Schwanz schien mehrfach gebrochen.
Michael und Karin stöhnten, zogen sich Schmiedeschürzen und feste Lederhandschuhe an und ließen Wasser in die Badewanne.
Shack saß an seiner Futterschüssel und schlang Hackfleisch, Wurst und Milch in sich hinein. Die Kinder wurden aus dem Zimmer geschickt.
Shack sah hoch und hörte noch die Worte „Baden gehen“, doch an Flucht war nun nicht mehr zu denken. Vier kräftige Hände packten zu und trugen ihn ins Badezimmer. Der Kater verwandelte sich in etwas Wirbelloses, Glitschiges, doch die Katzenbader kannten das und griffen nur noch fester zu.
Vor Jahren war ihnen der Stubentiger einmal entkommen, bevor sie den Badezuber erreichen konnten und sie hatten Stunden gebraucht, um ihn wieder einzufangen.
Vorsichtig wurde das fauchende und kratzende Untier ins babywarme Schaumbad getaucht. Die Augen quollen ihm aus dem Kopf. Er knurrte, spuckte und geiferte, als habe er auf eine Chilischote gebissen, doch bald schon schlug er nur noch mit eingezogenen Krallen um sich.
Michael hielt ihn mit eisernen Fäusten umklammert, während Karin das Tier abschrubbte. Die Kinder standen an der Tür zum Badezimmer und bemitleideten ihn. Nach einer Viertelstunde verließ ein nach Veilchen duftender, blitzblank gereinigter Kater die Wanne, eingehüllt in flauschige Tücher. Nach weiteren zehn Minuten begann er auch schon wieder zu schnurren. Katzen vergessen recht schnell.
Natürlich war Shackelton nicht der Nachfahre des berühmten Schiffskaters.
Als sie die Türen ihres Umzugslasters vor dem Klotz öffneten, sprang ihnen aus dem Durcheinander von Möbeln, Kisten, Taschen und Koffern ein winziges, rotes Wollknäuel in die Arme. Niemand wusste, wie das kaum vier Wochen alte Katzenbaby dort hineingeraten war.
Georgette war begeistert und auch ihre Eltern hatten gegen einen Mäusefänger nichts einzuwenden, Shack ließ sich adoptieren und gehörte nun zur Familie.
Michael erzählte oft, er sei Karin zum ersten Mal in Ägypten begegnet. Seine Eltern hatten ihm die Reise geschenkt.
„Du musst mal raus in die Welt!“, hatte sein Vater gesagt. „Das ist was anderes als Bücher. Das ist das Leben.“
Michael bezweifelte, dass sein Vater wirklich wusste, was das Leben ist. Dennoch flog er.
Vier Wochen, den Nil rauf bis zum dritten Katarakt und dann wieder zurück zum Meer. Pyramiden, Tempel, Ruinen ohne Zahl, das Tal der Könige. Das volle Programm. Und dazu Menschen, die das Leben kannten, nicht nur aus Büchern.
Nach ein paar Tagen verließ er das Boot. In Ägypten wollte er unter Ägyptern sein. Nur seinen Rucksack nahm er mit, ein paar Klamotten zum Wechseln, Zahnbürste, ein Stück Seife, den Fotoapparat und sein Tagebuch. Auf den Spuren Richard Lepsius und Giovanni Battista Belzoni.
Er übernachtete in billigen Herbergen, manchmal auch unter freiem Himmel und musste dabei immer wieder feststellen, dass er nicht zum Helden geboren war.
Auf den Märkten kaufte er Obst, Fladenbrot, manchmal auch gegartes Gemüse, Kuschari und Falafel. Als sein Reisegeld aufgebraucht war, verkaufte er die Uhr, die er zur Konfirmation bekommen hatte. Am Ende auch die Kamera samt fast verknipstem Film und schließlich auch seine silberne Halskette. Ein Geschenk seiner ersten großen Liebe. Bald aber war auch dieses Geld ausgegeben.
Entweder ich muss stehlen oder betteln, sagte er sich.
Wird in diesem Land Dieben nicht die rechte Hand abgehackt?
So entschied er sich fürs Betteln. Er setzte sich an den Straßenrand, legte seinen Sonnenhut vor sich auf den Boden und hoffte auf ein paar Münzen. Doch niemand gab ihm was.
Als er schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, kam eine junge Frau auf ihn zu. Das rotblonde Haar hatte sie unter einem bunten Kopftuch versteckt. Sie trug ein bodenlanges Kleid und ausgelatschte Turnschuhe.
Sie fragte ihn, ob er irgendetwas könne. Feuer schlucken, Schlangen beschwören, die Zukunft aus der Hand lesen.
„Nein, ich kann nur betteln“, sagte er.
„Schade, dann kann ich dir leider nichts geben“, sagte sie und ging weiter.
„Ich bin ein recht guter Fremdenführer“, rief er ihr nach.
„Von wem redest du da. Welcher Michael war in Ägypten. Muss ich ihn kennen?“
Sie kannten Frank und Grisi schon viele Jahre. Frank war so etwas wie Georgettes Pate. Seit er Grisi das erste Mal begegnete, war er in sie verliebt. Heimlich.
„Wir sind gute Freunde, mehr nicht!“
„Du bist ein noch größerer Feigling als ich“, sagte Michael. „Frag sie doch einfach mal.“
„Das wäre vernünftig, ja sogar klug, doch solange ich sie nicht frage, kann sie nicht Nein sagen.“
Es sollte noch sieben lange Jahre dauern, bis er endlich den Mut fand, ihr zu sagen, dass er in sie verliebt sei.
„Hättest du mir auch schon früher sagen können“, sagte sie. „Dann hätte ich mir viel Ärger erspart. Und du dir auch.“
So waren sie viele Jahre beste Freunde.
Frank und Grisi, ihr Taufname war Griseldis, blieben ein paar Wochen.
„Allein werdet ihr mit diesem Ungeheuer niemals fertig.“
Sie kamen sich vor wie Pioniere.
Das wird unsere Zukunft, hier werden wir das restliche Leben verbringen.
Draußen lauerten blutrünstige Indianer. Frau Ziegler und der Gärtner umkreisten das Haus, trauten sich aber nicht das Gebäude zu betreten.
Kaum kam einer der Neusiedler vor die Tür, verschwanden sie. Man erahnte sie hinter Bäumen und Büschen, Schatten, die um Ecken huschten, doch sprach man sie an, kam nie eine Antwort. Türen wurden zugeschlagen und Scheiben klirrten, als habe jemand Steine dagegen geworfen. Schließlich fasste Grisi sich ein Herz und klopfte an die linke Tür des Puppenhauses An der Uni nannten sie Grisi „Master of Mediation“ und das war sie wohl auch. Es gelang ihr mühelos jeden Streit zu schlichten, egal ob es um die Liebe, Geld oder Politik ging. Nicht nur das, am Ende hatten die Streithähne stets das Gefühl gewonnen zu haben.
„Wie machst du das nur?“, fragte Karin sie.
Grisi zuckte nur die Schultern.
„Ich mag alle Menschen und habe mächtig viel Geduld.“
Nach drei Stunden kehrte sie in den Klotz zurück.
„Erzähl schon!“
„Frau Ziegler backt wirklich tolle Kuchen. Und der Kaffee. Der drittbeste, den ich jemals getrunken habe.“
Niemand wollte wissen, wo sie den besten und zweitbesten Kaffee getrunken hatte.
„Du bist doch nicht zum Kaffee trinken rübergegangen. Sag schon.“
„Da gibt´s eigentlich nicht viel zu erzählen. Die Sigrid ist ein wirklich feiner Mensch. Der Theo ist schon ein bisschen eigen, aber nicht wirklich biestig. Ich denke, ihr werdet gut miteinander auskommen.
Im Herbst wollen sie heiraten. Sie haben sich im Schwarzwald ein Häuschen gekauft.“
Mehr wollte Grisi nicht erzählen.
Am nächsten Morgen stand vor ihrer Küchentür ein frisch gebackener Quarkkuchen. Am Rand war er ein wenig angeknabbert. Ratten, Mäuse, Shack oder eines der Kinder?
Karin und Michael merkten schon bald, dass es ein aussichtsloser Kampf gegen ihre "Mitbewohner" war. Sie konnten nicht gewinnen. Sie streuten Ameisenköder, versprühten Insektenspray, stellten Fallen auf. Die Ameisen bauten neue Straßen, Fliegen und Mücken labten sich am Gift und vermehrten sich umso schneller.
Shack wurde der beste Schädlingsbekämpfer im Umkreis von vierzig Kilometern. Tag für Tag lagen morgens vor der Schlafzimmertür fünf bis zwölf Nager. Manchmal nach der Größe sortiert oder nach Alter, Geschlecht, links die männlichen, rechts die weiblichen Mäuse, bisweilen auch nach der Länge der Schwänze. Doch auch Shack kam an seine Grenzen. Es gab Bereiche im Haus, die der Kater mied.
Bisweilen kam das Tier arg zerzaust, humpelnd und aus vielen Wunden blutend von der nächtlichen Pirsch heim.
Sie fragten sich, wer ihn so zugerichtet hatte, bis sie eines Tages eine Halbmeter große Ratte vor der Tür fanden, die in einem See von Blut schwamm.
„Die Welt in ein paar Mauern“ nannte es Frank. Und das war es wohl auch.
Obwohl es genaue Anordnungen gab, welche Teile des Hauses sie betreten durften und welche Stockwerke, Flure, Zimmer, Dachböden und Keller verboten, ja als absolut tabu galten, wagten sie sich in immer neue Bereiche. Gerade dieses „Du darfst nicht!“ und „Auf keinen Fall betreten!“ reizte sie besonders. Sie fragten sich, warum manche Türen zugemauert waren, warum es für andere keine Schlüssel gab oder sie mit riesigen Vorhängeschlössern gesichert waren. Später, sagten sie sich, später werden wir uns darum kümmern. Und das taten sie dann auch.
Das Erdgeschoss und einige Zimmer im ersten Stockwerk des Ostflügels waren sauber und geputzt. Dort lag kein Staub, die Böden gewischt, nirgends Mäusekot oder Spinnweben. In diesen Zimmern roch es wie in einem Krankenhaus.
„Wir hatten unsere Anordnungen“, erklärte Frau Ziegler. „Hätten wir das ganze Haus putzen müssen, eine ganze Putzkolonne wäre nötig.
Oder wir hätten zwanzig Stunden am Tag arbeiten müssen. Im Grunde ist das gar nicht unsere Aufgabe. Ich bin die Köchin und der Theo, äh Herr Lambrecht ist für den Garten zuständig.“
Es erwies sich als Ding der Unmöglichkeit den Dreck und Mief von vielen Jahren aus den Räumen zu kehren und gleichzeitig gegen nicht allzu viele Anordnungen zu verstoßen.
Als erstes pinnten sie Schilder an ihre Türen. An das Schlafzimmer eine 1 und in Kleinkindaugenhöhe einen sitzenden Hasen, das Wohnzimmer bekam eine 2 und einen Sessel, die Küche Messer und Gabel und eine 3. Dennoch verirrte sich Georgette in den ersten Wochen vierunddreißig Mal. Ihre Eltern verbarrikadierten die Treppen zu den oberen Stockwerken mit ausrangierten Möbeln und malten dicke Kreidestriche und „Durchfahrt verboten“-Schilder auf den Fußboden. Doch Georgette war ebenso neugierig wie ihre Eltern und ignorierte wenn möglich Verbote. Michael verriegelte alle Türen, die nicht zu ihrer Wohnung gehörten, doch auch solche Kleinigkeiten schreckten das Mädchen nicht.
Das Haus war groß und ein einziges Labyrinth. Es gab Flure, schöne gerade Flure, die sich dann aber verzweigten, nach links und rechts, weite Bögen beschrieben und sich wieder und wieder teilten und schließlich vor einer Wand endeten. Es gab Zimmer und Zimmer in Zimmern und Zimmer hinter Zimmern und neben Zimmern. Dazu Abstellkammern, Lagerräume, Nischen, Geheimgänge, Treppenhäuser und Aufzüge, Alkoven und begehbare Schränke. Viele Küchen, noch mehr Bäder und reichlich Toiletten. So verirrten sich bisweilen auch Karin, Michael, Freunde und Bekannte.
Sie malten Pfeile auf Wände und Fußboden, schrieben „Ausgang diese Richtung!“ oder „Stopp! Nicht weiter gehen!“ (Wischen wir wieder weg, sobald wir uns besser auskennen) und zeichneten Lagepläne.
Manchmal kam es ihnen vor, als würde das Haus wachsen und dauernd neue Zimmer gebären.
„Das gab es letzte Woche noch nicht. Da bin ich mir Hundertprozentig sicher.“
Zur deutschen Hochzeit hatte Michael seiner Frau ein Bett geschenkt. Natürlich nicht irgendein Bett, sondern das Bett des Odysseus.
In jener uralten Geschichte kehrt der Held nach zwanzig Jahren Irrfahrt nach Hause zurück und seine Frau erkennt ihn nicht wieder. So sagt sie ihm, wenn er ihr Mann sei, solle er ihr Ehebett nach unten tragen, dort könne er dann schlafen. Er antwortet ihr, das sei unmöglich und sie wisse auch warum.
Odysseus hatte von einem uralten Olivenbaum die Krone abgeschnitten und in den Stamm ein Bett gezimmert. Und um dieses Bett sein Haus gebaut.
Michael war von dieser Erzählung fasziniert. So etwas wollte er auch haben. Gleichzeitig jedoch wusste er, dass in Deutschland recht wenige solch dicker Olivenbäume wuchsen. Schon gar nicht in größeren Städten. Obendrein hätte so eine Schlafstatt die Hälfte ihrer 2 Zimmer/ Küche/ Bad eingenommen.
Und doch wollte ihm diese verrückte Idee nicht aus dem Kopf.
„Wir verbringen ein Drittel unseres Lebens im Bett. Wie wäre es in solch einem Bett.
Michael kratzte all sein Geld zusammen und baute das Bett. Besser gesagt er ließ es bauen, denn seine handwerklichen Fähigkeiten tendierten gegen Null. So entwarf er seine Bettstatt und suchte sich einen fähigen Schreiner. Dieser betrachtete die Skizzen und kratzte sich am Kopf.
„Das soll ein Bett sein?“, fragte er. „Das sieht eher aus wie ein ausgehöhlter Baum.“ Michael nickte.
„Ich bewundere deinen Scharfsinn. Genau das ist es.“
Das Ding hatte einen Durchmesser von knapp vier Metern und war rund. Nicht kreisrund, eher ein wenig eiförmig, dazu voller Dellen und Ausbuchtungen.
„Wenn ich das so baue, brauchst du einem Kran, um es von der Stelle zu bewegen.“
„Denk dir was aus“, sagte Michael und das tat dieser dann auch.
Odysseus Bett bestand aus neununddreißig Einzelteilen, die man wie ein Puzzle zusammenfügte. Ohne eine Schraube, einen Nagel oder Bindedraht.
Am deutschen Hochzeitstag überreichte Michael seiner Angetrauten dieses wuchtige Präsent. Seine Trauzeugen und ein Dutzend Freunde hatten es im Garten seiner Eltern aufgebaut.
„Für dieses Ding braucht man Abitur oder aber eine Ausbildung bei Ikea“, lästerte Gabriel.
Doch Karin war begeistert.
Sie verbrachten die Nacht darin. Am Morgen begann es zu regnen.
Verschlafen und mit noch recht viel Alkohol im Blut zerlegten sie das Ungetüm und schleppten die Einzelteile in die Garage.
Damals schworen sie sich, das Ding erst wieder aufzubauen, wenn sie eine richtige Wohnung hätten und nicht nur 2 Zimmer/Küche/Bad. Und das hatten sie nun.
Sie glaubten in zwei oder drei Monaten ihr Stockwerk bewohnbar machen zu können. Doch die Zimmer vermehrten sich. So studierten sie die Baupläne und zählten dreiunddreißig plus vier Abstellkammern, fünf Toiletten und zwei Bäder. Drei Zimmer galten als tabu.
„Ich könnte schwören, dass wir schon mindestens fünfzig Räume geputzt haben“, sagte Michael.
Und immer noch gab es im zweiten Stock Räume, die sie noch nicht einmal betreten hatten. In vielen Räumen stank es, als hätten Ratten und Mäuse in Legionsstärke dort gehaust. Knöcheltief lag Nagerkot auf den Fußböden. So rissen sie trotz Verbots die Fenster auf.
Teppiche und Vorhänge hatten die Schädlinge in Wohn- und Schlafnester umgearbeitet. Tische, Stühle, Schränke, Sofas waren zerbissen, zernagt, durchlöchert. Sie versuchten Glockenhell zu erreichen, doch der Advokat weilte in England oder Schweden. Oder wollte einfach seine Ruhe haben.
So ignorierten sie den Verbotskatalog, warfen die Möbel aus dem Fenster und karrten die Trümmer mit Schubkarren hinter die Geräteschuppen. Doch auch nachdem sie Fußböden geschrubbt und die Wände eingeseift hatten, stank es noch immer wie in der Londoner Kanalisation.
Sigrid und Theo beobachteten das Treiben aus sicherer Entfernung. Eines Tages jedoch betraten sie das Haus. Sie hielten sich an der Hand und über das Gesicht der Köchin huschte dann und wann sogar ein Lächeln.
Es war Wochenende und einige Freunde aus Studentenzeiten waren zu Besuch. Im zweiten Stock war es laut und sehr lebendig. Zu den drei eigenen Kindern hatten sich sieben „fremde“ gesellt. Dazu einige Hunde und zwei Katzen. Shack verzog sich unter einen der Küchenschränke und ließ sich erst Montagnachmittag wieder blicken. Er mochte keine Fremden. Jedenfalls keine so wilden Fremden.
Sie hatten sich vorgenommen, die letzten sieben Zimmer in ihrem Flur zu säubern. Besenrein reicht, meinte Michael.
21, 24, 26, 27, 29, 31, 33.
Die dazwischen liegenden Räume waren mit Schlössern und Riegeln versperrt oder aber so chaotisch, dass ihnen der Mut fehlte, sie auch nur zu betreten.
„Später“, meinte Michael. „Sie werden uns schon nicht weglaufen.“
Der Gärtner und die Köchin rissen Mund und Augen auf. Möbel flogen aus den Fenstern, Plastiksäcke wurden mit Müll gefüllt und in den Fluren zwischengelagert, Kinder schrien, Eltern stritten und vertrugen sich. Ohrenbetäubende Musik, aus turmhohen Lautsprechern, dröhnte durchs Haus.
Karin bemerkte die Zaungäste. Sie unterbrach ihre Arbeit, wischte sich die Hände an Hose und Hemd ab und streckte sie den Beiden entgegen. Herr Lambrecht sah sie mitleidig an.
„Sie sind sehr mutig. Wenn Madame das sehen würde, sie würde Sie auf der Stelle rauswerfen.“
Karin lächelte matt, doch bevor sie antworten konnte, fuhr der Gärtner fort.
„Sie haben ja Recht. Raus mit dem Plunder, weg mit dem ganzen Dreck und Krempel. Vielleicht hätten wir das schon vor Jahren tun sollen. Aber uns fehlte irgendwie der Mut. Ich fürchte, Sie haben sich nicht nur bei Madame unbeliebt gemacht, sondern auch bei denen da.“
Eine Schar mittelgroßer Ratten hastete durch den Flur, verfolgt von zwei kläffenden Hunden und mehreren, mit Knüppeln bewaffneten Kindern.
Annette stammte aus Hannover. Wie so viele junge Mädchen war sie pferdevernarrt. Die Sommerferien verbrachte sie auf einem Reiterhof. Um kurz nach halb sieben setzte sie sich auf ihr Fahrrad und fuhr die acht Kilometer zu den Stallungen. In der Schulzeit bekam ihre Mutter sie nur mit Mühe und roher Gewalt aus den Federn.
Sie mistete Boxen, brachte die Pferde auf die Koppeln, half bei der Heuernte und äppelte den Reitplatz ab. Zur Belohnung durfte sie dann und wann reiten. Und kam sich dabei vor, als habe sie einen Sechser im Lotto. Viele Mädchen lieben Pferde, doch mit 14, 15 oder 16 sind Jungs mit einem Mal sehr viel interessanter als der schönste Gaul. Bei Nette jedoch blieb die Begeisterung. Sie wollte nicht nur auf einem Reiterhof arbeiten, um manchmal reiten zu dürfen. Sie wollte ihr eigenes Pferd. Irgendwie klappte es damit aber nicht.
Sie sparte eisern, wünschte sich zu Geburtstagen und Weihnachten nur Geld, statt der üblichen Geschenke, verzichtete auf Kino und Eis essen gehen. Sie hätte auch in der Fußgängerzone gebettelt oder im Steinbruch gearbeitet, doch als sie 19, schon fast 20 war, fehlten noch immer an die 2000 Mark. Dann war sie mit der Schule fertig. Jetzt begann das Leben. Ihr Traum war dabei sich in Nichts aufzulösen. Studium, Beruf, irgendwann heiraten, Kinder kriegen, ein Haus bauen, alt werden, sterben...
So sollte es nicht enden. Sie hob ihr Erspartes vom Konto ab, buchte einen Flug nach Island und war weg. Sie wollte ein halbes Jahr auf einer Farm arbeiten. Und reiten, reiten, reiten. Pferde beschlagen, Pferde hüten, Pferde...
Natürlich kam alles anders. Das Wetter war furchtbar. Es regnete ununterbrochen, manchmal schneite es. Dann wurde es Sommer. Die Sonne brannte vom Himmel und mit den ersten Sonnenstrahlen kamen die Mücken. So verschieden sie auch sein mochten, eines hatten sie alle gemeinsam. Sie stachen. Es war als hätten sie seit Jahren auf Annette gewartet. Die Stiche entzündeten sich und bald schon waren Hände, Arme, Beine und Gesicht mit eitrigen Pusteln bedeckt.
Die Arbeit war hart, doch das Mädchen beklagte sich nicht. Die Pferde waren keine Schmuseponys, sondern Arbeitstiere und manchmal auch Fleischlieferanten.
Einar oder Jakobina hätten ihr vielleicht sagen sollen, dass das Steak auf ihrem Teller nicht von einem Rind stammte. Das Fleisch war herrlich zart und schmeckte köstlich. Nur leider war es der zweijährige Hengst mit der sandfarbenen Mähne. Sie hatte ihn Fjölnir getauft, ihre Besitzer hatten ihm keinen Namen geben wollen. Warum auch, Braten brauchen keine Namen. Sie versuchte sich zu erbrechen, steckte einen Finger tief in den Schlund, doch es klappte nicht.
Einar konnte sie verstehen. Er redete nicht viel und war ähnlich rau wie das Land, auf dem er lebte. Thorchen hieß der Jährling. Einar liebte ihn.
Er wird nie ein gutes Reitpferd, hatte sein Vater gesagt. Als Hengst würde er nur seine schlechten Eigenschaften vererben Er hatte sich nicht einmal von Thorchen verabschieden können.
„Wir sind kein Ponyhof, wir leben von den Tieren!“
Als er älter wurde, verstand er seinen Vater und doch trauerte er noch viele Jahre um sein Thorchen.
Wochen nach dem Fjölnir-Mittagessen klopfte Einar um halb fünf in der Früh an Annettes Zimmertür.
„Komm!“, rief er und führte sie hinter die Ställe. Dort warteten zwei Pferde. Vinur und Gjósta. Gjósta war gesattelt. Auf Vinurs Rücken hatte Einar Taschen und Bündel geschnürt.
„Da ist alles drin, was du brauchst.“
Er gab ihr einen Kompass und ein paar Karten. Dann umarmte er sie.
„Komm zurück, sobald der erste Schnee fällt!“
Dann drehte er sich um und ging zurück ins Haus.
Auf ihrer Reise traf sie nicht mehr als eine Handvoll Menschen.
Weder schlechtes Wetter noch blutsaugende Insekten konnten ihr die gute Laune verderben. Abends rollte sie ihren Schlafsack aus, entzündete ein Feuer und bereitete sich ein, meist recht karges Abendessen. Auf entlegenen Höfen kaufte sie Brot, Reis, Eier und ein wenig Obst.
„Es war die glücklichste Zeit meines Lebens“, erzählte sie später immer wieder.
Gunnar runzelte dann nur leicht die Stirn.
„...bis ich dich kennenlernte.“
Sie sang lauthals, während sie mit ihren struppigen Ponys durch die karge Landschaft trabte.
Gäbe es hier mehr Bäume und weniger Insekten, es wäre ein fast perfektes Land.
Dann und wann brausten heftige Gewitter über sie hinweg. Sie suchte unter überhängenden Felsen und in düsteren Höhlen Schutz.
Sie badete in eisigen Bergseen und ließ sich in heißen Quellen köcheln.
