Nimm dir Zeit, um zu leben - Eve Sander - E-Book
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Nimm dir Zeit, um zu leben E-Book

Eve Sander

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Beschreibung

Wenn das Leben aus den Fugen gerät. Ein Roman, der unter die Haut geht. Anja Hajduk hat gerade ihr neues Büro als Partnerin in einer renommierten Hamburger Kanzlei bezogen. Mutig, originell und warmherzig setzt sich die junge Rechtsanwältin für ihre Mandanten ein. Oft sind das Menschen am Rande der Gesellschaft. So wie Hila, die ihrem Ehemann entkommen will. Oder Can, der völlig außer sich geraten ist. Dass im Leben nicht immer die Sonne scheint, weiß Anja nur zu gut. Noch immer liebt sie den Mann, der sie verlassen hat. Das Geburtstagsfest ihrer Mutter soll sie auf andere Gedanken bringen. Doch was als wunderbarer Abend beginnt, wird zum Albtraum. Für Anja bricht eine Welt zusammen. Ein altes Tagebuch, das ihr in die Hände fällt, spendet Trost und offenbart ein wohlgehütetes Geheimnis.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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EVESANDER

 

Nimm dir Zeit,

um zu leben

 

ROMAN

 

Wenn das Leben aus den Fugen gerät.

 

Anja Hajduk hat vor kurzem ihr neues Büro in einer renommierten Hamburger Kanzlei bezogen. Mutig, originell und warmherzig setzt sich die junge Rechtsanwältin für ihre Mandanten ein. Oft sind das Menschen am Rande der Gesellschaft. So wie Limar, die ihrem Ehemann entkommen will. Oder Can, der völlig außer sich geraten ist. Dass im Leben nicht immer die Sonne scheint, weiß Anja nur zu gut. Nach wie vor liebt sie den Mann, der sie verlassen hat. Das Geburtstagsfest ihrer Mutter soll sie auf andere Gedanken bringen. Doch was als wunderbarer Abend beginnt, wird zum Albtraum. Für Anja bricht eine Welt zusammen. Ein altes Tagebuch, das ihr in die Hände fällt, spendet ihr Trost und offenbart ein wohlgehütetes Geheimnis.

 

 

Die Autorin:

 

Eve Sander, geboren im Juni 1968 in Hamburg, verbrachte sie ihre Kindheit südlich der Elbe in Neuenfelde und Cranz. Sie besuchte das Gymnasium Finkenwerder und studierte an der Hochschule für Wirtschaft und Politik. Heute ist sie verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

 

Impressum & Copyright

 

 

Nimm dir Zeit, um zu leben

 

©2019 Eve Sander

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

 

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Lektorat: Silja von Rauchhaupt

Foto: Christina Conti/Shutterstock.com

 

ISBN E-Book: 9783739471747

ISBN Taschenbuch: 9789463983112

 

[email protected]

www.evesander.jimdoweb.com/

 

Eve Sander c/o AutorenServices.de Birkenallee 24 36037 Fulda

 

 

 

 

 

 

 

Nimm dir Zeit, um zu leben.

Nimm dir Zeit, um zu lieben.

Nimm dir Zeit, um zu erkennen,

worum es überhaupt geht.

Denn morgen wirst du noch da sein,

doch deine Träume nicht mehr.

 

1

 

Anja atmete gleichmäßig ein und aus, rührte sich jedoch nicht von ihrem Platz. Im Gegenteil, sie sank tiefer in den Sitz ihres Autos. Kein Mensch erschien ohne Begleitung zu einer Party. Nur sie. Sie kannte niemanden bei dieser Feier, außer der Gastgeberin. Sie war eine Mandantin. Am liebsten wäre sie zurück nach Hause gefahren.

Die Stimme ihrer Mutter erklang in ihren Ohren: »Anja, denk nicht immer nur an die Arbeit. Du musst auch mal raus, feiern gehen, andere Menschen treffen!«

Seufzend öffnete sie die Tür und stieg aus. Das helle Leinenkleid hüllte geschickt ihre Kurven ein. Die flachen Sandaletten waren auf das Kleid abgestimmt. Ihr rot-blondes Haar war zu einem schlichten Zopf gebunden. Ähnlich unaufdringlich wirkte ihr Make-up.

Langsam schritt sie über den Parkplatz auf das Haus zu. Je näher sie kam, desto lauter wurde die Musik. Andere Geräusche mischten sich in den Lärm, Gesprächsfetzen, die Stimmen der Leute.

Sie folgte dem elegant geschwungenen Weg hin zu einer Terrasse. Hier standen etwa zehn bis zwölf Personen beisammen. Da löste sich eine Frau von der Gruppe und trat auf sie zu. Ihre blonden Haare schimmerten im Dämmerlicht und das seidige Kleid umwehte die schlanken gebräunten Beine.

»Anja Liv Hajduk! Ich freue mich, dass Sie gekommen sind!«

Susanne Feyer breitete beide Arme aus und drückte sie fest an sich. Sie hatte allen Grund zum Feiern. Ihre Scheidung war durch und das moderne Einfamilienhaus am Rande Hamburgs war ihre Entschädigung.

»Hallo Frau Feyer, toll haben Sie es hier.«

»Ja, nicht wahr? Dafür hat sich der Kampf wirklich gelohnt.«

»Auf jeden Fall!«

Anja sah um sich. Das Grundstück war etwa 2000 qm groß. Bunte Blumenbeete durchbrachen geschickt das satte Grün des weichen Rasens und sorgten für lebendige Farbakzente.

Die Terrasse grenzte an ein Schwimmbecken. Der Pool lud zum Baden ein und im Whirlpool hatten sicher 6 -8 Personen Platz.

»Kommen Sie, wir holen Ihnen erst einmal etwas zu trinken, die Bar ist drin.«

»Das ist eine gute Idee!«, erwiderte Anja und folgte ihr dankbar.

Drinnen war es voll. Viele standen in Gruppen zusammen, einige tanzten lässig. Susanne vertiefte sich in ein Gespräch mit ein paar Leuten, kaum, dass sie das Haus betreten hatten.

Anjas Kehle war trocken und Schweiß staute sich in ihren Achselhöhlen. Sie stöhnte ungeduldig und suchte mit den Augen die Bar.

»Sie sehen durstig aus. Möchten Sie einen Prosecco?«

»Wie? Oh, ja gerne!«

Dankbar nahm Anja das zierliche Glas entgegen. Der Mann stellte sich neben sie. Für sich selbst hielt er ebenfalls etwas zum Trinken in der Hand. Lächelnd prostete er ihr mit angedeuteter Bewegung zu. Sie erwiderte die Geste und nippte schweigend an ihrem Glas. Angenehm rann das kühlprickelnde Getränk ihre trockene Kehle hinunter.

»Ich hoffe nicht, dass ich jemand anderem das Prosecco geklaut habe? Das wäre mir wirklich unangenehm«, sagte sie.

Der Mann neben ihr räusperte sich und kratzte sich am Kinn, bevor er antwortete: »Nein, das war schon für Sie bestimmt.«

Nach einer Pause fuhr er fort, »Ich bin Ralf Mertin, übrigens.« »Freut mich. Ich bin Anja Hajduk.«

»Oh ... Anja Hajduk?«, fragte er überrascht, »Ich glaube, Susanne hat mir schon einiges von Ihnen erzählt.«

Mit Susanne Feyer verband ihn eine lange Freundschaft. Obwohl sie sich einander nahe fühlten, gab es kein Raum für mehr zwischen ihnen. Dessen ungeachtet nahm es ihr Mann mit der Treue nicht so ernst. Über ihre Scheidung vor fünf Jahren war Ralf daher bestens informiert. Der Prozess verlief aufreibend, aber am Ende lohnte es sich für Susanne.

Anja reichte ihm ihre Hand. Sanft ergriff er sie. Sein Händedruck war kraftvoll und behutsam zugleich. Sein Blick strahlte Selbstbewusstsein und Stärke aus. Zur selben Zeit bemerkte sie eine Unsicherheit an ihm, die sie berührte.

Sie sah ihn an, sie war nicht sicher, wie lange. Noch nie hatte sie in ähnlich leuchtende, azurblaue Augen gesehen wie in diese. Sie war von der ersten Sekunde an verloren.

»Ralf, ich entführe dir die liebe Frau Hajduk, ich will ihr kurz jemanden zeigen ...!«, rief Susanne lachend und quetschte sich zwischen sie. Sie war schon angeheitert von etwas zu ausgiebigen Weingenuss und zerrte Anja fast gewaltsam von ihm fort. »Kommen Sie, ich habe Ihnen versprochen, dass ich Ihnen heute Abend wichtige Leute vorstellen möchte!«, raunte Susanne ihr zu. Anja ließ sich mitziehen, wandte sich einmal um und schaute zu ihm zurück. Ungläubig lächelnd stand er da und sah ihr hinterher. Im Moment, in dem sich ihre Augen trafen, durchzuckte sie so etwas wie ein Blitz. Verwirrt stolperte sie hinter Susanne her.

Glaubte sie an Liebe auf den ersten Blick? Bis zu jenem Zeitpunkt zumindest nicht. Weder an den ersten, noch auf den zehnten Blick.

»Hallo, freut mich, ich bin Anja Hajduk«, sagte sie kurz darauf zu einem Mann im Anzug. Sie war hin- und hergerissen: Auf der einen Seite war sie Susanne dankbar für die wertvollen Kontakte, die sie ihr vermittelte. Auf der anderen wäre sie lieber an ihrem Platz neben Ralf geblieben. Sie gab ihr bestes, sich auf die Gespräche ringsum zu konzentrieren.

Es war vergebens. Dieser Mann ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Mit wenigen Schritten entfernte sie sich von der Gruppe und gab vor, die Bar anzusteuern. Da vernahm sie seine Stimme aus nächster Nähe. Er stand direkt hinter ihr, scheinbar vertieft in ein Gespräch mit einer bildhübschen, dunkelhaarigen Frau. Er trat einen Schritt zurück und rempelte Anja leicht an.

»Oh, Verzeihung«, nuschelte er und drehte sich um. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Frau Hajduk!«, rief er aus und klang ehrlich überrascht.

»Herr Mertin! Hallo!«, erwiderte Anja lächelnd.

»Ich bin übrigens Ralf.«

»Ja, ich bin Anja, Frau Hajduk klingt so alt«, sagte sie und kicherte nervös. Am besten entfernte sie sich schnell. Sie hatte nicht vor, seine Unterhaltung stören.

»Ja, also, ich wollte nicht unterbrechen, ich bin unterwegs zur Bar«, sagte sie, wies mit der Hand in eine unbestimmte Richtung.

»Warte doch! Ich wollte mir auch etwas zu Trinken besorgen. Ich komme mit!« Er entschuldigte sich bei der Dunkelhaarigen und ließ sie allein zurück.

»Wirklich? Ok!«, sagte Anja und nickte. Sie bestellten sich Weißwein und schlenderten mit den Gläsern in der Hand über den Rasen.

»Ein glücklicher Zufall, dass wir uns noch einmal begegnet sind«, sagte Ralf.

»Ja finde ich auch! Aber ich wollte eben nicht eure Unterhaltung stören.«

»Du hast nicht gestört, wir haben uns gerade über Politik unterhalten. Was denkst du von Maaßen?«

»Maaßen?« Anja räusperte sich, um Zeit zu gewinnen. Ihr fiel keine Antwort ein.

»Hans-Georg Maaßen ist der Präsident des Verfassungsschutzes«, erklärte er.

»Ich weiss, wer Maaßen ist«, entgegnete Anja reserviert und fuhr fort: »Ehrlich gesagt finde ich, dass er von seinem Posten zurücktreten sollte. Aber egal! Weißt du was? Über Politik spreche ich nicht auf einer Party.«

»Ich stimme dir zu«, nickte er.

»Außerdem ein langweiliges Thema«, sagte sie.

»Ja, ich finde ich auch. Keine Ahnung, warum diese Frau auf solche Themen gekommen ist.«

Daraufhin entstand eine Pause. Siedend heiß fiel ihr der Termin am Gericht morgen früh ein.

»So!«, sagte sie und stellte ihr leeres Glas auf einem Beistelltisch ab. »Ich will mich auf den Weg nach Hause machen, ich wohne etwas weiter weg. Morgen muss ich früh aufstehen.«

»Jetzt schon? Ich hoffe, das liegt nicht an mir!«

»Nein, auf keinen Fall. Ich muss wirklich sehr früh los morgen«, widersprach sie lächelnd.

»Darf ich deine Telefonnummer haben? Ich lasse mich scheiden und brauche einen Anwalt.«

»Ach, du bist verheiratet? Ja, klar. Hier ist meine Visitenkarte.« Ihr Herz klopfte wie verrückt und ihr Verstand arbeitete auf Hochtouren.

2

Der Aufbruch fiel Can schwer. Damit hatte er nicht gerechnet. Womöglich sah er diesen alten, gebrechlichen Mann nie wieder. Er schüttelte ihm die Hand, wie einem Fremden. So, als wäre er nicht sein Sohn, sein einziger noch dazu.

Er räusperte sich. Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Vieles war unausgesprochen. Er gab vor, dieser wäre ein gewöhnlicher Abschied. Nur eine Trennung auf Zeit. Doch Can hatte keine Zukunft mehr. Er war gekommen, um seinem Vater Ümit Lebewohl zu sagen. Er hatte vor, sich von allen, die ihm etwas bedeuteten, zu verabschieden. Obwohl dieser überschaubare Personenkreis nur zwei weitere Personen umfasste: seine geliebte Frau Theresa und seine Schwester. Er hatte Celia mit ziemlicher Sicherheit ein Jahr nicht gesehen. Hin und wieder telefonierten sie miteinander, meist an den Geburtstagen.

Heute hatte er sie außer der Reihe angerufen. Sie wunderte sich über seinen Anruf. Aber er hielt es für notwendig. Denn das war sein Abschied, so hatte er es geplant. Er hatte sich vorgenommen, diesem Leben ein Ende zu setzen.

Die Worte der Ärztin waren in seinem Kopf eingebrannt. Er hatte Monate mit sinnlosen Untersuchungen verbracht. Am Ende nannte sie ihm eine Diagnose.

Diese drei Buchstaben, für sich allein unbedeutend, nichtssagend. Doch auf diese Art kombiniert, bedeuteten sie das Ende. Er verlor die Kontrolle über seine Existenz. Dieses Gefühl und diesen Augenblick würde er nie wieder vergessen. Diesen Moment, der hineinschneidet in das Fleisch des Lebens und es teilt in ein Davor und ein Danach.

Ihm wurde eisig kalt. Mit zittrigen Fingern drehte er die Heizung im Auto hoch auf die größte Stufe. Die Kühle kroch unbarmherzig aus seinem Inneren. »Wie schön wäre jetzt eine Sitzheizung«, überlegte er und betätigte den Blinker, bevor er auf die Autobahn Richtung Hamburg fuhr.

Seine Augen brannten, wie wenn er tagelang nicht geschlafen hätte. Genauso empfand er diese ewige Müdigkeit. Egal, um welche Uhrzeit er einschlief, er wachte nachts schweißgebadet auf. Er war nicht mehr in der Lage seinem Beruf nachzugehen. Seit fast drei Monaten war er mittlerweile krankgeschrieben. Sein Zustand hatte sich verschlechtert. Er hatte einiges an Gewicht verloren, mindestens zehn Kilogramm. An sich war das nicht einmal übel, im Gegenteil, er freute sich sogar über ein paar Kilos weniger. Grauenhaft waren nur die schmerzhafte Darmerkrankung und der ständige Durchfall.

»Verdammt, wo ist denn diese Schachtel?«, fragte er sich ungeduldig und wühlte vergeblich in den Taschen seiner Jacke herum. „Das gibt es doch nicht. Ist die etwa aus der Tasche gefallen?“Mit einer Hand tastete er hastig den Beifahrersitz und den Fußraum darunter ab. Nichts. Das Bedürfnis nach einer Zigarette überwältigte und frustrierte ihn gleichermaßen. Es fiel ihm schwer, sich zu beherrschen.

»Wo sind diese Scheißzigaretten geblieben?«, polterte er lautstark vor sich hin. Da vernahm er jäh ein lautes, kurzes Sirenengeheul und zuckte zusammen. Reflexartig schaute er nach links. Ein Auto fuhr langsam neben ihm. Mit niedriger Geschwindigkeit überholte es ihn. Erst da erkannte Can, dass es sich um ein Polizeifahrzeug handelte. Der ganze Ärger, die ungezügelte Wut fielen schlagartig von ihm ab. Angst erfasste ihn.

In der Heckscheibe des Polizeiwagens leuchtete deutlich ein Text auf: POLIZEI. BITTE FOLGEN.

Can blieb nichts anderes übrig, er folgte dem Auto.

Sie verließen die Autobahn und fuhren auf die Landstraße. Auf einem Parkstreifen stoppten sie. Zwei Polizisten in Uniform stiegen aus dem Wagen vor ihm aus und traten auf ihn zu.

»Führerschein und die Zulassungspapiere bitte!«, sagte einer der beiden Uniformierten. Er beugte sich zum Fenster und starrte Can in die Augen.

»Ja, einen Moment!«

Mit einer fahrigen Bewegung griff sich Can in die Innentasche seiner Jacke. Darin fand er neben seiner Brieftasche die Marlboro-Schachtel wieder.

Zweifelsohne stoppten sie ihn wegen seiner südländischen Erscheinung. Er hatte schwarze Haare, dunkelbraune Augen und diesen Bart, den er sich neuerdings wachsen ließ. Schon von Weitem sah er aus wie ein Terrorist, bildete er sich ein.

»Bitte schön«, sagte er und reichte den Männern seine Papiere. Geräuschvoll atmete er ein und aus: »Chlp.«

Manchmal, vor allem, wenn er aufgeregt oder nervös war, erzeugte er beim Atmen unbewusst ein schmatzendes Geräusch, dieses »Chlp«. Das ließ sich nicht steuern, er merkte es nicht einmal. Er übergab dem Polizisten die Dokumente. »Was habe ich denn falsch gemacht?«, fragte er.

»Steigen Sie bitte aus«, erwiderte der Uniformierte ungerührt.

»Wieso haben Sie mich angehalten?«

»Bitte aussteigen!«, wiederholte der Polizist lauter.

»Aber ich habe nichts gemacht«, erwiderte Can kraftlos. »Chlp«. Doch er befolgte die Anweisung und stieß die Tür auf. Ihm war hundeelend. Sein Herz wurde von einer großen, kalten Faust umschlungen. Mühevoll stellte er sich vor dem Polizisten auf. Erst diese Kopfschmerzen und jetzt das. Am liebsten wäre er in Tränen ausgebrochen.

»Hören Sie, ich bin krank, Sie dürfen mich nicht so behandeln«, wandte er mit matter Stimme ein.

»Bitte machen Sie mir mal diese Bewegungen nach.«

Der Polizist hob einen Arm und fasste sich mit dem Finger an die Nasenspitze, dann nahm er den anderen Arm und führte dieselbe Geste durch. Can hob seinen linken Arm und sah zwei Hände. Vorsichtig hob er einen der beiden an die Nase und berührte sie.

»Herr Kurt, haben Sie Alkohol getrunken?«, fragte ihn der Beamte.

»Nein!«

»Haben Sie Drogen konsumiert?«

»Nein ...«

»Pusten Sie bitte mal hier hinein.«

Can pustete. Das Gerät zeigte keinen Atemalkohol an.

»Gehen Sie mal ein paar Schritte.«

Can bemühte sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aber er verlor dabei so das Gleichgewicht, dass er torkelte.

»Herr Kurt, sind Sie damit einverstanden, dass wir einen Bluttest durchführen?«

»Aber ich bin nicht betrunken, das haben Sie doch schon getestet«, wandte Can fast weinerlich ein. »Chlp«.

»Sie können kaum gerade stehen oder gehen, so können wir Sie nicht ins Auto steigen lassen.«

»Wie bitte? Ich kann gerade stehen, sehen Sie doch!«

»Sie sind auf der Autobahn Schlangenlinien gefahren.«

»Da war mir die Zigarettenschachtel runtergefallen, und ich hab sie gesucht!«

»Hm, ok, warum auch immer, wir wollen nur ausschließen, dass Sie tatsächlich keinen Alkohol oder Drogen konsumiert haben.«

»Bitte, lassen Sie mich einfach weiterfahren, ich habe doch schon gesagt, dass ich krank bin, ich werde mich besser konzentrieren, ich passe bestimmt besser auf. Bitte!«

»Wir lassen Sie weiterfahren, wenn sich herausstellt, dass Sie keine Drogen konsumiert haben. Würden Sie uns jetzt bitte auf die Wache begleiten?«

»Verdammt noch mal, das ist doch scheiße! Ich habe keine Zeit für diesen ganzen Blödsinn!«, rief Can unbeherrscht und fuhr mit lautstarker Stimme fort: »Wissen Sie was? Ich setze mich jetzt in mein Auto und fahre nach Hause, ich habe genug Probleme, auch ohne diesen ganzen Schwachsinn von euch Bullen!«

Can wandte sich ab und drehte sich um, doch der zweite Beamte versperrte ihm den Weg.

»Bitte begleiten Sie uns jetzt zur Wache oder wir müssen Sie festnehmen.«

Resigniert sackte er in sich zusammen. Er ließ den Kopf sinken und nickte ergeben.

3

Anja reichte dem jungen Mann ein Glas Mineralwasser, bevor sie sich selbst einschenkte. Sie setzte sich und versank im weichen Polster ihres neuen Sessels. Kraftvoll wippte sie mit der Lehne durch leichten Schwung nach vorn und zurück. Ihr Haar war wie üblich zu einem Zopf gebunden. An ihrer rechten Wange kringelte sich eine einzelne rotbraune Haarsträhne, die sich unbemerkt gelöst hatte.

Vor fast einem Jahr hatte sie den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit gewagt und ihn bisher nicht eine Sekunde bereut. Ihr Verdienst reichte kaum zum Leben, die Zahl der Mandanten war nicht groß. Noch nicht. Aber mit ihrem Nebenjob als gesetzliche Betreuerin verdiente sie ausreichend hinzu, sodass sie über die Runden kam.

Mit Schwung beugte sie sich nach vorn und stützte ihre Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab. Ihren Blick richtete sie auf den Mandanten. Ihre braungrünen Augen blitzten dabei verschwörerisch und um ihre Mundwinkel zuckte ein Lächeln.

»Herr Rahimi, ist klar. Kann passieren, dass der Fuß immer schwerer wird auf dem Gaspedal, oder?«, sagte sie amüsiert, wurde aber rasch wieder ernst.

»Wissen Sie was? Ich beantrage erst einmal Akteneinsicht und dann schauen wir, wie schnell Sie genau gefahren sind. Außerdem wird das Radargerät geprüft. Auf jeden Fall werde ich mein Bestes tun, damit Sie Ihren Führerschein nicht abgeben müssen.«

»Wenn Sie das hinkriegen, haben Sie einen gut bei mir«, sagte Rahimi und grinste sie dankbar an.

Amoudi Rahimi stammte aus Afghanistan. In den 1980er Jahren waren seine Eltern aufgrund des Bürgerkriegs nach Deutschland geflohen. In Hamburg gründete sein Vater zusammen mit seinem Bruder ein Unternehmen, die „PKW-Connection“. Seit der Gründung beschäftigten sie sich mit dem Handel von Autos.

»Na, das hoffe ich aber auch«, erwiderte Anja und lachte mit kehliger Stimme. Sie brachte sie ihn zur Tür, bevor sie an den Empfang trat und sich an ihre Sekretärin wandte.

»Ist das wirklich schon 12 Uhr? Geht die Uhr da richtig?«

Frau Köhler nickte, ohne von ihrer Tastatur aufzublicken.

»Ich glaub, ich gehe jetzt was essen.«

Anja trat in ihr Büro, griff sich ihren Mantel und die Handtasche und eilte wieder hinaus.

»Halt, Frau Hajduk, bevor Sie weg sind, eben rief jemand vom Landgericht an, da ist eine Pflichtverteidigung …«

»Alles klar, lassen Sie sich die Akte zuschicken, ich bin dann weg«, rief Anja ihr zu und fegte hinaus. Ihr Blutzuckerspiegel begab sich in gefährliche Tiefen und der wachsende Hunger verdarb zunehmend ihre Laune.

Eilig hastete sie die Treppe hinunter. Gleichzeitig verschloss Sie den Reißverschluss ihres Mantels und band sich den Gürtel zu. Um Haaresbreite stolperte sie über die letzten Stufen.

Ihr Büro befand sich in einem dieser alten, herrschaftlichen Häuser, von denen es so viele in Hamburg gab.

Zugegeben, das Gebäude müsste, wenn schon nicht saniert, so doch zumindest renoviert werden. Im Hausflur roch es muffig. Die Luft blieb abgestanden, auch wenn alle Fenster tagelang geöffnet waren. Der Handlauf der Treppe war blankgescheuert und die alten, schwarzweißen Bodenfliesen hatten auch schon bessere Zeiten erlebt.

Auf der anderen Seite war das Gebäude mit Stuck verziert und lud mit breiten Stufen und einem großzügigen Entree zum Eintreten ein. Im ebenerdigen Bereich, direkt am Eingang, sah man, welche Firmen im Haus ansässig waren. Ihr eigener Name war in goldfarbenen Lettern auf eine Messingplatte graviert:

 

Thomas Ollbricht, Rechtsanwalt

Anja Liv Hajduk, Rechtsanwältin

 

Bis zum heutigen Tag hatte sie sich kaum an den Gedanken gewöhnt, dass sie beruflich selbstständig war. Vor zwei Jahren hatte sie ihr Referendariat beendet. Nach dem Staatsexamen war sie zunächst freiberuflich tätig, bevor sie auf das Angebot von Thomas Ollbricht aufmerksam wurde. Mit Glück hatte sie seinerzeit von einem Kollegen erfahren, dass Thomas einen neuen Partner oder Partnerin suchte. Es schien ein Glücksfall zu sein. Anja brauchte nicht lange zu überlegen. Sie packte die Gelegenheit beim Schopf und rief ihn an. Sie waren sich schnell einig. Sie hatte jetzt ihr eigenes Unternehmen.

Zwar waren ihre Ausgaben deutlich gestiegen, doch auch ihre Umsätze hatten zugenommen. Zudem hatte sie eine Schwäche für diese Gegend. Ihr Büro lag im Stadtteil Ottensen, unweit der Zeise-Hallen.

Anja stieß mit Kraft die schwere Tür auf und trat ins Freie. Der Wind und Regen rissen sie um ein Haar um. Das typische, graue Hamburger Wetter wurde verstärkt von herbstlichen Temperaturen. »Puh!«, japste sie und schnappte nach Luft. Kaum war sie draußen, klingelte ihr Handy. Billie Jean von Michael Jackson war Ralfs Klingelton. Ralf, mit dem sie vor drei Wochen Schluss gemacht hatte. Nachdem er wieder zu seiner Ex-Frau zurückgegangen war und ihr Herz gebrochen hatte.

»Hallo?«, meldete sie sich leise. Ihre ohnehin schon raue Stimme kippte vollends. Am liebsten wollte sie keinen Kontakt zu ihm. Und doch hüpfte ihr Herz aufgeregt.

Wieso freute sie sich bloß so, ihn zu hören? Ihre eigene raue Stimme hallte in ihrem Kopf nach. Der Klang von Ralfs tiefem Bass dagegen legte sich wie Balsam auf die Ohren.

»Anja! Endlich erreiche ich dich. Du bist schwer zu erreichen.«

»Ich habe zu viel zu tun«, antwortete sie heiser vor Aufregung. Sie räusperte sich leise, um den Frosch in ihrem Hals zu vertreiben. »Was gibt’s denn?«

»Oh, Liebling, ich habe dich vermisst. Ich wollte deine Stimme hören.«

»Das bringt doch alles nichts«, antwortete sie nach kurzem Zögern.

»Anja, bitte, ich muss dich sehen. Kann ich nachher vorbeikommen?«

»Ralf, ich will das nicht!«

»Anja, ich brauche dich, bitte. Gib uns noch eine Chance.«

»Ralf, hör doch auf, immer mit diesen Spielchen.«

»Das sind keine Spielchen, ich liebe nur dich! Bitte versteh doch!«

Nein! Ihr Verstand hatte kein Verständnis mehr. Aber ihr Herz hoffte. Worauf? Tränen rannen ihr über das Gesicht, verzweifelt wischte sie sie mit ihrem Handrücken weg. Offenkundig war das egal, denn der Regen hörte zweifellos nicht so schnell auf. Ihre Augen waren eh schon von Eyeliner und Wimperntusche schwarz verschmiert.

»Na gut, am Sonntag bei mir, so gegen 18.00 Uhr …?«

»Ich freu mich«, antwortete er und beendete sofort das Gespräch, bevor sie es sich wieder anders überlegte.

Seit wann war sie so inkonsequent?

Sie kam sich willenlos vor. Sie hatte sich selbst für unabhängig und selbstbewusst gehalten. Bis sie Ralf auf dieser Party kennengelernt hatte. Das war nicht einmal ein halbes Jahr her.

Mit einem Croquet Madame in der einen Hand und einer Flasche Cola Zero in der anderen stapfte sie wenig später zurück Richtung Büro. Wenn sie schon das fettige Baguette mit Knoblauch-Dressing verspeiste, hatte wenigstens ihr Getränk kalorienarm zu sein. Die Tüte mit dem Essen presste sie eng an den Körper. Nach wie vor schüttete es wie aus Eimern. Ihr kleiner Regenschirm bog sich unter der Last des Wassers. Sie trat kurz darauf ins Treppenhaus.

»Oh je, du bist ja nass bis auf die Haut«, sprach Thomas sie an. Glücklicherweise war der Boden des gesamten Eingangsbereiches rund um den Empfangstresen mit Fliesen ausgelegt. Aus den tropfenden Rinnsalen wurden mit der Zeit ganze Bäche und Seen auf dem Boden.

»Die Schweinerei tut mir leid, ich mach das gleich wieder sauber«, wandte sich Anja an Frau Köhler. Doch die hatte sich bereits Tücher und Eimer aus der Küche geschnappt und wischte schon den Boden.

»Hey, Frau Köhler, lassen Sie das, ich mach das. Geben Sie mal her!«

Belustigt beobachtete Thomas, wie sie den kleinen Schirm ausschüttelte und sich aus der nassen Jacke schälte. Ihre Haare klebten so am Kopf, dass die rosige Kopfhaut zu sehen war, fast wie bei einem Baby. Sie sammelte die Lappen und Tücher vom Boden ein. Frau Köhler wandte sich wieder ihrer Arbeit zu, doch Thomas schien im Augenblick nichts zu tun zu haben. Anja bemerkte seinen Blick und hielt inne.

»Ja, es regnet draußen, falls es dir nicht aufgefallen ist. Gibt’s hier ein Handtuch?«, fragte sie mit gerunzelter Stirn.

»Ja klar, hier«, sagte er und reichte ihr belustigt das Handtuch, das er sich mit einem Griff aus dem Gäste-WC geschnappt hatte.

»Danke.«

Sie nahm es und rubbelte sich die Haare trocken. Jetzt hatte sie sogar Ähnlichkeit mit diesem Kobold.

»Mensch, wie hieß der nochmal?«, überlegte Thomas laut, »Rumpelstilzchen? Garfield?«, dann fiel es ihm wieder ein, »Pumuckl!«, platzte es aus ihm heraus.

»Was ist mit Pumuckl?«, fragte sie und sah ihn irritiert an. »Du bist echt süß«, antwortete er lächelnd und schritt kopfschüttelnd wieder zurück in sein Büro.

»Was meinst du damit? Vergleichst du mich etwa mit ...?«, fragte sie ungläubig, doch er hörte sie nicht mehr. Nicht zu fassen. So ein sachlicher, rationaler, sogar vernunftgesteuerter Mensch, und dann schoss er auf einmal solche Dinger ab. Sie war sich nicht sicher, ob sie das empörend oder lustig finden sollte.

4

Der Regen trommelte gegen die Fensterscheibe. Die Stirn an das kalte Glas gelehnt, schaute Anja hinaus in das Dämmerlicht des jungen Herbstabends.

Die Dunkelheit wurde unterbrochen von den Lichtern der Schaufenster und der Straßenlaternen.

Von der Welt draußen unbemerkt beobachtete sie aus ihrer Küche im zweiten Stock die bunten Regenschirme und die Passanten, die emsig vorbeiliefen. Hier in Altona waren stets viele Leute unterwegs, da gab es jede Menge zu sehen. Anja liebte es, unbekannte Menschen zu beobachten und im Geheimen zu analysieren. Manchmal dachte sie sich Geschichten aus.

Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, sie erkannte Ralf. Fast hätte sie ihn übersehen, wie er durch das Unwetter auf ihr Haus zulief, bekleidet mit einer wattierten kurzen Daunenjacke und einer Wollmütze. Obwohl er mit eingezogenen Schultern und gesenktem Kopf dem Regen trotzte, überragte er mit seiner hünenhaften Gestalt all die Menschen um ihn herum. Eilig lief sie zur Haustür und drückte auf den Summer, bevor er an der Tür geklingelt hatte. Polternd stiefelte er die Stufen hoch zu ihrer Wohnung und stand dann vor ihr.

»Hey Du«, grüßte er sie.

»Hi«, erwiderte sie leise.

Wie hatte sie das Timbre seiner Stimme vermisst, das tief und männlich, manchmal so zärtlich klang. Er nahm sie sofort in den Arm und presste sie lange an sich. Sie umschlang ihn fest mit beiden Armen. Wie elektrisiert, drückte sie ihre Nase in seine Halskuhle und atmete tief seinen herben Duft ein.

Sie wehrte sich nicht gegen ihre Gefühle. Sie ließ sich nur treiben.

Später jetzt lagen sie dicht aneinander gekuschelt unter der riesigen Daunendecke in Anjas Bett. Sie seufzte vor Glück. Und dennoch war da etwas anderes. Tief in ihrem Inneren war ein Gefühl, das in ihr Fleisch stach wie ein Stachel. Eine Enttäuschung, die sich nicht vergessen ließ.

»Ralf, ich will das eigentlich alles nicht mehr. Ich will DICH nicht mehr. Das war jetzt eine einmalige Sache.«

»Anja, ich liebe nur dich! Ich werde Britta verlassen, bald ziehe ich wieder aus!«

»Ihr bekommt ein Kind, Ralf, deswegen bist du doch zu ihr zurückgegangen. Wieso meinst du, dass du sie jetzt verlassen wirst?« Sie war ungehalten und schüttelte verständnislos den Kopf.

»Ich will nur warten, bis das Baby größer ist. Noch braucht sie mich, verstehst du?«

»Ich fasse es nicht, dass ich dich geliebt habe. Denkst vielleicht auch mal an mich bei dieser Geschichte?«

Kopfschüttelnd verließ sie das Bett und suchte sich was zum Anziehen.

»Ich fühl mich wie eine gemeine Ehebrecherin, echt! Du hast dich für sie entschieden und jetzt steh auch dazu«, sagte sie.

Sie kroch auf dem Boden herum und suchte unter dem Bett nach ihrer zweiten Socke. Trotzdem bemühte sie sich, so entschlossen wie nur möglich zu erscheinen. Sie schaffte es nicht, ihm in die Augen sehen. Ihr Kopf war leer und ihr Herz war kurz vor dem Zebersten. Sie wandte ihr Gesicht ab.

»Anja, Liebling, was ist denn plötzlich los mit dir?«

»Ich will, dass du gehst.«

Erschrocken von der Kälte ihrer Worte sprang er hastig aus dem Bett und griff nach seiner Kleidung.

»Meinst du etwa, ich brauche dich nicht? Ich hätte dich auch gebraucht! Wo warst du, als ICH dich gebraucht habe, Ralf?«

»Liebling, natürlich brauchst du mich auch, aber glaub mir, Britta ist anders als du … Du bist stark! Du bist unabhängig und sorgst für dich selber, verstehst du? Britta arbeitet nicht, auch schon vor dem Baby war sie bedürftig, arbeitslos. Ohne mich wäre sie ein Sozialfall«, erklärte er aufgewühlt.

Er näherte sich ihr, doch sie wich zurück.

»Bitte geh weg und ruf mich nie wieder an.«

»Anja, mach nicht alles wieder kaputt! Uns verbindet eine ganz besondere Beziehung, es wird nie eine Frau geben, die dir das Wasser reichen kann, ich liebe dich!«

Jetzt stand er dicht vor ihr und schaute sie an. Mit der Hand strich er zärtlich über ihre Schulter. Mit gequältem Gesicht wandte sie sich ab.

»Ich mein das ernst. Bitte geh jetzt.«

»Aber Schatz, Anja, bitte …«, flehte er zärtlich und griff ihre Hand. Er wollte sie zu sich ziehen, zurück ins warme Bett. Anja stand da wie zu Eis erstarrt.

»Ralf, es ist vorbei mit uns. Diesmal für immer. Es sei denn, du verlässt deine Frau sofort, endgültig. Dann, und nur dann, überlege ich es mir vielleicht. Zieh dich an und hau ab. Ich kann dich im Moment echt nicht ertragen.«

Sie sah nicht, dass er zornig die Hände zu Fäusten ballte und die Augen zusammenkniff. Wütend wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und zog sich seine Kleidung über. Sobald er wortlos die Wohnung verlassen hatte, verriegelte sie die Tür hinter ihm und kroch mit dem Smartphone in der Hand zurück ins Bett. Die Decke war noch warm von ihren Körpern, sie zog sie über den Kopf und vernahm ein gedehntes, forderndes »Mau!«. Und dann wieder.

Pink Lady, ihre tierische Wohnungsgenossin, schaute sie auffordernd an.

»Na los, komm her, Pinky, komm hoch zu mir ins Bett.«

Anja klopfte auf die Matratze und wartete, bis sich die Katze dort schnurrend hingelegt hatte. Zart strich sie über die pinkfarbenen Pfoten, denen die Kleine ihren Namen verdankte. »Cchrrrr«, schnurrte das Tier, schüttelte Anjas Finger ab und schloss dann die Augen. Pinky war eine scheue, zarte Einzelgängerin. Außer Anja ließ sie niemanden an sich heran. Normalerweise. Aber nach der Bekanntschaft mit Ralf verlor sogar sie schnell ihr Herz an ihn. Sie ließ zu, dass er sie liebkoste und mit ihr schmuste wie sonst keiner.

»Ach Ralf«, seufzte Anja. »Wie soll ich dich jemals vergessen?« Sie öffnete das Adressbuch auf ihrem Handy und löschte seine Kontaktdaten.

5

Wie befreiend wäre es, wenn sich unser Geist auf Knopfdruck mühelos ausschalten ließe.

Gedanken, die wie Spukgestalten um uns Menschen herumflattern und für Unruhe sorgen. Wie Blitze und Donner, die in unsere Köpfe jagen. Die uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Die uns treiben, die uns fertigmachen. Wenn man die doch bloß, wie bei einem Computer, mit einem Reset-Knopf neu starten und sogar anderswohin auslagern könnte, in eine Art Bad Bank. Doch leider läuft es nicht so, nicht normalerweise.

In Cans Kopf hüpften die Gedanken hin und her, kreuz und quer, wie hunderte Tennisbälle.

»Ich will mein Geld! Mein Geld! Was mach ich nur, was soll ich nur machen? Ich werd die verklagen, ja! Verklagen, genau! Verklagen! Diese Arschlöcher! Wenn ich nur Geld hätte, wenn ich bloß alle Schulden auf einmal zahlen könnte«, fluchte er fortwährend vor sich hin, »die müssen mir meine Provision zahlen, die haben mir nicht genug Provision gezahlt, die denken wohl, die können mich verarschen?«

Wie ein Hamster im Käfig schritt er im Zimmer auf und ab, unaufhörlich. Hin und wieder zuckte es in seinem Gesicht, am Auge oder in einem der Mundwinkel. Seit Stunden schon war er in Aufregung.

Seine Wohnung bestand nur aus diesem einen Raum, das war seine Zuflucht, sein Wohnzimmer und Arbeitszimmer zugleich. Daran grenzten die kleine Küche, das winzige Badezimmer und das Schlafzimmer. Sein Bett mit einer Breite von 1,40 m nahm fast den gesamten Raum in Anspruch. Daneben hatte nur der schmale Kleiderschrank Platz, der wie gequetscht in der Ecke stand. Ein Fenster über seinem Bett gab den Blick auf eine winzige Loggia frei, auf der sich nicht mehr als zwei Personen gleichzeitig aufhalten konnten, so klein war sie. Mehrmals am Tag stellte er sich dort hin und rauchte eine Zigarette. Doch meistens saß er an seinem Schreibtisch und surfte im Internet. Themen und Inhalte gab es genug.

Seit ihm der Arbeitsplatz gekündigt wurde, hatte er den ganzen Tag Zeit dafür. Vier Jahre war er im Vertrieb eines Logistikunternehmens beschäftigt, bis man ihn entlassen hatte.

Diese verflixte körperliche Schwäche bemerkte er erstmals vor sechs Monaten. Seitdem baute er physisch und psychisch ab. Und zwar Stück für Stück.

Um seinen Job nicht zu gefährden, hatte er sich anfangs trotzdem ins Büro geschleppt – und zu seinen Außendienstterminen. Bis an seine Grenzen war er gegangen und es hatte sich gelohnt.

Hatte er etwa nicht ein paar bedeutende Kunden für die Firma gewonnen? Unternehmen wie H&M oder diesen großen Windpark-Betreiber.

Die Gedanken wirbelten nach wie vor in seinem Kopf herum und er geriet zunehmend in Rage. Vergeblich strich er sich die hängende Haarsträhne hektisch aus dem Gesicht.

In immer kürzeren Zeitabständen erklang »Chlp«.

Es war ihm schleierhaft, dass die ihn gefeuert hatten. Sicher nur deswegen, weil ihm diese Polizisten den Führerschein abgenommen hatten. Einen wirklichen Grund dafür sah er nicht. Denn die Schlangenlinien war er nur gefahren, weil er nach seinen Zigaretten gesucht hatte. Das hatte er nicht bemerkt. In derselben Sekunde winken sie ihn von der Autobahn herunter, die Scheiß-Bullen. Außerdem war ja hinreichend bekannt, dass die alle ausländerfeindlich waren. Der wahre Grund war sicher sein südländisches Aussehen, nicht das kurvige Fahren.

»Arschlöcher«, raste er innerlich vor Wut, »Nazis!«.

Aber er hatte nicht vor, es ihnen leicht zu machen, sicher nicht. »Ich will eine Abfindung, jawohl! Allein schon das potenzielle Geschäft mit H&M! Bei einer Marge von 3,5 Prozent sind das 250.000 Euro an entgangener Verkaufsprovision für mich, mindestens«, folgerte er zornig. Sobald er den Sachverhalt zu Papier gebracht hatte, würde er alles an seine Anwältin schicken und eine Kündigungsschutzklage einreichen. »Noch besser ist es, wenn ich gleich 500.000 verlange, dann kann ich mich ja herunterhandeln lassen«, kam ihm in den Sinn. Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, die Türglocke ertönte. Als das Klingeln erneut erklang, beeilte er sich, an die Tür zu kommen. Trotzdem klingelte es ein drittes und sogar ein viertes Mal.

»Is ja gut! Bin ja schon da!«, rief er und öffnete die Tür.

»Hey, ich bin es nur«, sagte Celia, seine Schwester, entschuldigend und sah ihn, an und fragte, »Na, stör ich?«.

»Hallo, na?«, erwiderte Can und lächelte sie freudestrahlend an. Von einer Sekunde zur anderen war er wie ausgewechselt. Scheinbar gelassen stand er an der Tür. Er nahm sie kurz in den Arm, drückte sie an sich und ließ sie eintreten.

»Nein, du störst gar nicht, komm rein, setz dich«, erwiderte er und fuhr fort, »Willst du was trinken? Einen Cappuccino?«

»Ja, gerne.«

Celia setzte sich auf das Sofa. Can verschwand in der Küche und bereitete das Kaffeegetränk zu.

»Also, erzähl mal, was machst du so?«, erkundigte sich Celia. Sie sorgte sich um ihren Bruder. Es war unverkennbar, dass es ihm nicht gut ging.

Er lehnte sich auf dem Sofa zurück und »Chlp«, dieses merkwürdige Geräusch, kam über seine Lippen. Sein Blick verlor sich in der Ferne, seine Augen wurden dunkler, schienen schwarz. Die zwanghaften Bewegungen oder besser: Tics hatte er sich seit wenigen Jahren angewöhnt. Aber erst in der letzten Zeit traten sie häufiger auf. Es schmerzte Celia jedes Mal, wenn sie die Tics bemerkte.

»Na los, erzähl mal, wie geht’s dir so?«

»Ich hab was mit dem Magen oder Darm, wahrscheinlich Darmkrebs, Spätstadium.«

Celia starrte ihn ungläubig an. »Was erzählst du da? Aber das hieße ja ... ist das noch heilbar?«, fragte sie bestürzt und schnappte nach Luft.

»Ich denke ja. Ich muss ein Antibiotikum nehmen. Nächste Woche habe ich einen Termin, da ist wieder MPU. Diesmal gehe ich vorher zu dem Psychologen, bei dem war ich ja schon, jetzt soll ich wohl eine Therapie machen und der hat mir Tabletten verschrieben, aber damit sind meine Chancen natürlich deutlich besser die MPU diesmal zu bestehen.«

»Was?«, fragte Celia und unterbrach ihn, »warte mal, warte mal. Man wird doch nicht mit Antibiotikum behandelt, wenn man Krebs hat!«

»Doch, ist aber so, das muss ich einen Monat nehmen.«

»Echt? Habe ich noch nie gehört und was ist überhaupt eine MPU? Und wieso musst du zum Psychologen deswegen?«, fragte Celia kopfschüttelnd.

»MPU ist eine medizinisch-psychologische Untersuchung, ich will doch meinen Führerschein zurückhaben, die haben mich gefeuert und ich finde ohne Führerschein keinen Job mehr!«, erwiderte er unwirsch.

»Ach so. Ist ja gut, reg dich nicht auf. Aber dass du eine Therapie angefangen hast, finde ich gut, ich glaube, die wird dir helfen, völlig unabhängig vom Führerschein oder so«, erwiderte Celia in beschwichtigendem Ton.

»Ja, das stimmt, aber diese Tabletten machen mich total müde.«

»Das ist doch egal, die Hauptsache ist doch, dass es dir auf Dauer besser geht.«

»Ich weiß nicht, der Psychiater ist so unsympathisch. Ständig will er mir reinreden, außerdem fühlt sich das alles in meinem Kopf irgendwie betäubt an mit den Tabletten.«

»Ach Can, willst du denn nicht auch, dass es dir besser geht?«, fragte Celia seufzend, wandte sich ab und zuckte zusammen. Wie aus dem Nichts fuhr Can sie mit laut erhobener Stimme an: »Was mischst du dich denn immer ein? Fängst du auch schon an wie dieser Psychologe? Ich weiß ja wohl am besten, was gut für mich ist!«

»Ja, natürlich, so meinte ich das nicht«, versuchte sie ihn zu beruhigen, »ich will doch nur das Beste für dich.«

Can griff sich die Marlboro-Schachtel und erhob sich. »Ich gehe jetzt eine rauchen«, sagte er.

Celia blieb nachdenklich auf dem Sofa zurück und sah ihm hinterher. In ihrem Magen hatte sich ein Klumpen gebildet, zumindest nahm sie es so wahr. Sie hasste es, dass Menschen laut wurden. Sie wurde handlungsunfähig, wenn jemand in ihrer Nähe die Stimme nur um ein paar Tonlagen anhob. Der Schweiß rann kalt unter ihren Achseln herab. Sie erinnerte sich an ihre Kindheit, hatte das ständige wütende Geschrei ihrer Mutter in den Ohren. Sie atmete tief ein und fächelte sich mit dem Stoff des T-Shirts Luft unter die Arme.

Im Fernseher lief VIVA. Eine Frau räkelte sich lasziv auf einem Sofa und intonierte einen Song. Völlig überdimensioniert erschien ihr das Gerät in dem Raum. Im Fach darunter sowie drum herum waren ein paar Fotos drapiert. Bilder von ihrer Mutter. In ihrer Jugend war sie hübsch gewesen. Meistens blickte sie lachend in die Kamera. Um die Fotos herum waren Kerzen und Teelichter aufgestellt.

»Sie ist viel zu früh von uns gegangen«, sinnierte Celia. Ihre Mutter war an einer schweren Depression erkrankt und gestorben war sie später an Darmkrebs. Cans Stimme holte sie wieder zurück in die Gegenwart.

»Außerdem sage ich ihm nichts davon! Und Celia, weißt du was? Ich habe ihm von meinen Gedanken erzählt und er wurde so traurig und meinte, er wird ein positives Gutachten für mich schreiben und der Behörde empfehlen, dass ich den Führerschein zurückbekomme, weil ich weder drogenabhängig noch alkoholabhängig bin. Ich nehme ja auch nix mehr, das ist jetzt echt vorbei!«

Can kehrte ins Wohnzimmer zurück und führte die Unterhaltung fort, so als hätte es keine Unterbrechung gegeben. Der Blick, mit dem er sie anstierte, war unangenehm bohrend, fast hypnotisierend. Er ließ sich wieder auf dem Sofa nieder.

»Ach Mensch, Can, lass doch bitte endlich die Finger von den Drogen.«

Erneut erhob er die Stimme und spuckte sie fast an, während er ihr seine letzten Worte direkt ins Gesicht spie: »Sag mal, wie kann man denn nur so blöd sein? Verstehst du das denn immer noch nicht? Das ist doch wirklich nicht so schwer! Ich nehme keine Drogen mehr! Ich nehme auch diese Tabletten nicht mehr! Schluss! Aus! Ende!«

»Ja, ist gut, ich verstehe, ich muss jetzt los«, sagte Celia. Hastig griff sie nach ihrer Handtasche und stolperte aus der Wohnung, ohne sich zu verabschieden.

6

Dass auf Hamburgs Straßen so wenig los war, wie heute Morgen war recht ungewöhnlich. Vor allem um diese Uhrzeit. »Ist schon wieder Ferienzeit?«, fragte sich Anja und nahm ihre Aktentasche und die lange schwarze Robe aus dem Auto. Mit großen Schritten eilte sie zu dem Café und Restaurant mit dem Namen September, gegenüber vom Landgericht Hamburg. Hier war sie vor dem Gerichtstermin mit ihrer Mandantin verabredet. Der Wind blies ihr Haare aus dem Dutt heraus, den sie sich kurz vorher mühsam hergerichtet hatte.

»Einen Kaffee, bitte!«, rief sie dem jungen Kellner zu, sobald sie den Gastraum betreten hatte.

Normalerweise verließ sie morgens die Wohnung nicht, ohne ihren Koffeinschub. Heute war das anders. Mit Schrecken stellte sie in der Frühe fest, dass ihr der Kaffee ausgegangen war. Es wurde jetzt höchste Zeit, ihrem Körper die gewohnte Ladung Koffein zuzuführen, bevor die Kopfschmerzen einsetzten. Sie erahnte ein leichtes Ziehen an den Schläfen.

Bettina Stephan saß schon an einem Tisch am Fenster und starrte ihr entgegen. Sie war der Typ Frau, der in ihrem Leben vielfach Sonne und Make-up gesehen hat. Mehr, als ihr guttat. Ihre Haut war braun, nahezu ledern und schien von ehemaliger Akne vernarbt zu sein. Ihre Haare waren vom ständigen Färben und von chemischen Dauerwellen gebleicht, so dass die genaue Haarfarbe schon nicht mehr zu bestimmen war. Strohig standen sie ihr vom Kopf ab. Mit beiden Händen umklammerte einen großen Becher Milchkaffee. Beim Näherkommen bemerkte Anja den kalten Zigarettenrauch, der ihr wie eine Wolke entgegen waberte. Sie vermied zu atmen und lächelte ihre Mandantin freundlich an.

»Guten Morgen, Frau Stephan. Na, wie fühlen Sie sich?«

»Geht so, offen gesagt. Ich habe Angst!«, sagte sie heiser und schluchzte »Ich will nicht ins Gefängnis!«

Bettina Stephan arbeitete in einem Supermarkt, bis ihr gekündigt wurde. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich in ihrem Job wohlgefühlt. Obwohl sie mit den Kolleginnen und ihrer Chefin nicht jeden Tag gut auskam. Ständig nörgelten sie an ihr herum.

Außerdem stellte man Unstimmigkeiten in der Kasse fest. Der Verdacht fiel an sie. Das geschah nicht zum ersten Mal, leider. Ihre verhasste Filialleiterin hatte ihr damit gedroht, dass ihr, wenn das nächste Mal wieder Geld in ihrer Kasse fehlte, das Gehalt um die fehlende Summe gekürzt werden würde. So dermaßen unter Druck gesetzt, fing Bettina an, tatsächlich kleine Beträge aus der Kasse zu stehlen. Sie arbeitete am Informationsschalter und hatte eine Storno-Berechtigung. Einen Teil der Kassenzettel hatte sie über den Tag hinweg zur Seite gelegt, um in unbeobachteten Momenten die entsprechenden zwei- oder mal dreistelligen Geldbeträge herauszunehmen. Das System funktionierte. Etliche Male hatte sie auf die Art Bargeld aus der Kasse an sich gebracht. Im Laufe von zwei Jahren stiehlte sie etwa 30.000 Euro.

Von dem Geld war nichts übrig. Ihre drei erwachsenen Kinder verdienten gerade eben den Mindestlohn. Über die vielen Geschenke hatten sie sich gefreut. Und sich selbst hatte sie ebenfalls das eine oder andere gegönnt. Mit dem Job und der Pflege ihres Ehemannes kam sie häufig an ihre psychischen und physischen Grenzen.

»Wer soll sich denn dann um meinen Mann kümmern? Ich kann nicht ins Gefängnis gehen«, schluchzte sie verzweifelt und putzte sich schniefend die Nase. Bettina hatte es nie einfach gehabt bisher. Sie zählte zu den Menschen, die unter schwierigen Umständen ins Leben gestartet waren. Für besonders einnehmend hielt Anja diese Frau zwar nicht, aber Mitgefühl empfand sie trotzdem. Tröstend legte sie eine Hand auf ihre.

»Frau Stephan, ich tue alles, damit das einigermaßen erträglich für Sie ausgeht, glauben Sie mir. Ihre Chancen stehen nicht schlecht. Bisher haben Sie sich nichts zuschulden kommen lassen, das ist von Vorteil. Und der Richter ist ein wirklich Netter, der will Sie ja gar nicht ins Gefängnis schicken«, sprach sie beruhigend. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Na, geht’s langsam besser?«

Bettina nickte und holte ihre Zigarettenschachtel aus der Handtasche.

»Ich geh mal vor die Tür«, nuschelte sie und verschwand nach draußen.

Kurz überlegte Anja, ihr zu folgen und um eine Zigarette zu bitten, besann sich aber anders.

Sie brauchte Ruhe, um sich auf die bevorstehende Verhandlung zu konzentrieren.

Wie sich später herausstellte, behielt Anja Recht. Ins Gefängnis musste Bettina nicht. Sie verließ das Gerichtsgebäude wenige Stunden danach als freie Frau.

Sie wurde nicht wegen Diebstahls in einem besonders schweren Fall, sondern nur wegen veruntreuender Unterschlagung verurteilt.

Das hieß, dass ihre Freiheitsstrafe von einem Jahr zur Bewährung ausgesetzt wurde. Außerdem erhielt sie die Auflage, 1.500 Euro an eine gemeinnützige Organisation ihrer Wahl zu zahlen. Natürlich musste sie auch das gestohlene Geld zurückzahlen.

»Vielen lieben Dank!«, rief Bettina erleichtert und drückte ihre Anwältin an sich.

Anja war ebenfalls mit dem Ergebnis zufrieden. Sie lachte und nahm ihre Mandantin in den Arm. »Passen Sie gut auf sich auf!«, sagte sie und verabschiedete sich eilig von allen Anwesenden. Sie hatte vor dem Feierabend einen Termin wahrzunehmen.

Beim Gedanken an den Mandanten, den sie gleich treffen würde, verzog sie das Gesicht. Erst vor Kurzem hatte sie dessen Cousin vertreten. Die beiden Männer besaßen Kfz-Werkstätten und handelten mit Autos. Nicht immer hielten sie sich an die Straßenverkehrsregeln. Diesmal fuhr ihr Mandant auf der Autobahn auf einer gesperrten Fahrbahn. Unmittelbar vor der Tunneleinfahrt war er auf die richtige Spur gewechselt. Ein riskantes Manöver.

Kurz darauf kam Anja in ihrem Büro an und begrüßte den Mandanten.

»Also, Herr Rahimi, dann erzählen Sie mir mal, was genau passiert ist«, forderte sie ihn auf, sobald er ihr gegenübersaß.

»Ich war so in Gedanken versunken und habe das viel zu spät erkannt!«

Dieser Fall war wie alle anderen in der Familie Rahimi. Sie bekam die Aktennummer, so dass sie eine Akteneinsicht bei der Polizei beantragen würde. Nach nur wenigen Minuten war das Gespräch beendet und Rahimi verließ das Büro.

Seufzend räumte Anja die Ordner auf ihrem Schreibtisch wieder zusammen. Sie war wie ausgelaugt, hatte leichte Kopfschmerzen und ihr Magen meldete sich mit einem Knurren.

»So, Feierabend!«, rief Thomas und steckte seinen Kopf in Anjas Büro.

»Ja, wird Zeit«, antwortete Anja mit einem Blick auf ihre Uhr. Es war 18.20 Uhr.

»Komm, gehen wir zusammen essen.«

»Okay, warum nicht? Zum Griechen?«

Anja liebte diese kleine, griechische Taverne in Ottensen. Hier konnte man im Sommer draußen im Hof sitzen, ohne von Autoabgasen oder Straßenlärm belästigt zu werden. Hier saß man geschützt.

Anja betrat das Lokal und ließ ihren Blick schweifen. Bunte Teppiche und Decken bedeckten die Sitzbänke und Böden, und obwohl die Einrichtung schlicht war, strahlte sie eine behagliche Wärme aus.

Der Kellner, der auf sie zukam, passte perfekt in dieses Bild. Sein Auftreten war unprätentiös: Er trug zerrissene Jeans, ein seltsames Piratentuch auf dem Kopf und einen dichten Bart, der sein Gesicht fast vollständig verdeckte.

»Hallo Madame, schön Sie wiederzusehen«, sagte er und seine Augen verrieten seine ehrliche Freude.

Die altmodische Anrede klang merkwürdig hochgestochen in Anjas Ohren. Sie wirkte in dieser Umgebung fehl am Platz, wie aus einer anderen Zeit. Doch genau diese Kombination, der Kontrast zwischen dem Äußeren des Kellners und der förmlichen Anrede, rief in Anja ein Gefühl von Sympathie und Wärme hervor.

»Hallo, Dimi. Bitte einen trockenen Weisswein für mich. Den Retsina, 0,5 Liter.«

»Und zwei Ouzo bitte«, rief Thomas ihm hinterher.

»Ouzo bringt er sowieso immer, braucht man nicht extra zu bestellen.«

»Ja? Ach so, sorry, das wusste ich nicht.«

»Ja, ist so, ich war früher manchmal hier, besser gesagt: gelegentlich hier, früher ...«

In Wirklichkeit war es eines ihrer Lieblingsrestaurants. Damals war sie häufig mit Ralf hiergewesen. Es schien so lange her zu sein. Entweder hatten sie eine Pizza bestellt oder sie waren zum Essen ausgegangen. Meistens eben zu diesem Griechen, anderenfalls zum Italiener an der Ecke. Aber die vorwiegende Zeit hatten sie zusammen im Bett verbracht.

»Hey, alles in Ordnung mit dir? Du guckst plötzlich so traurig.«

»Ja, alles gut«, winkte Anja ab und wechselte das Thema. »Weißt du schon, was du essen willst?«

Sie griffen beide nach den Speisekarten. Während Thomas konzentriert die Gerichte studierte, legte Anja ihre Karte wenige Sekunden später zur Seite. Sie wusste, was sie essen würde. Moussaka war immer Ralfs Lieblingsgericht hier in diesem Lokal.

»Du weißt, dass es ein guter Grieche ist, wenn das Moussaka gut ist«, pflegte er zu sagen. Sie bekam Ralf nicht aus ihrem Kopf. Henrike, ihre Mutter, hatte ihr geraten, zu warten, bis seine Scheidung rechtskräftig wäre. Sie schien recht zu behalten.

»Wisst ihr beiden schon, was ihr essen wollt?«, fragte der Kellner mit dem Piratentuch. Er war lautlos an den Tisch getreten, mit einem Notizblock und einem Kugelschreiber in der Hand.

»Ja, also ich schon«, sagte Anja und hob fragend den Blick zu Thomas. Der nickte zustimmend und deutete mit dem Zeigefinger auf den Gyros-Teller.

»Ich nehme dieses hier.«

Nachdem sich der Kellner wieder entfernt hatte, beugte sich Thomas vor.

»Du kommst mir total abwesend vor, was ist los mit dir?«

»Ach nichts, ich musste grad an meine Mutter denken. Sie hat mich vor Ralf gewarnt und hat wohl recht gehabt. Wir haben uns getrennt, hatte ich dir das schon erzählt?«

»Nein!«

»Ja. Er ist wieder zu seiner Frau zurück, und die ist schwanger.«

»Was? Ach, du dickes Ei! Das tut mir leid für dich. Er ist ein echter Idiot.«

»Tja, so ist das.«

Verstohlen wischte sich Anja eine Träne aus dem Augenwinkel und atmete mehrmals tief ein und aus. Der harte Klumpen in ihrer Brust blieb da, wo er war. Überrascht sah sie zu Thomas, der zaghaft seine Hand auf ihre legte und sie liebevoll streichelte. So, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Sobald der Kellner kurz darauf mit den Getränken wieder an ihren Tisch trat, zog sie ihre Hand behutsam zurück.

7

Jeder Schritt fiel ihm schwer. Nach nur wenigen Metern klopfte sein Herz wie verrückt, so, als wäre er ein greiser Mann. Dabei war er grade mal 49 Jahre alt. Das ist doch kein Alter, sprach Can sich in Gedanken selber Mut zu und stieg langsam die Stufen hinab. Im Treppenhaus roch es nach Kohl, genauer gesagt Weißkohl. Eigentlich stank es in diesem Hausflur immerzu nach einem Kohlgericht. Gleich, wann er es betrat. Wer kochte denn bloß jeden Tag dasselbe Essen hier im Haus?

Er erreichte das Kellergeschoss, von dem aus ein Zugang in die Tiefgarage führte. Glücklicherweise hatte er seinen Garagenplatz nicht gekündigt, nachdem er den Firmenwagen und seinen Führerschein los war. Konnte sich nur um eine kurze Zwischenphase ohne Fahrerlaubnis handeln. Ein neues Auto hatte er schon, und den nächsten Termin für die medizinisch-psychologische Untersuchung hatte er ebenfalls. Kein Wunder, dass er beim letzten Mal durch diesen Test gefallen war, so ganz ohne vorangegangene Schulung. Er hatte nicht einmal einen Sachverständigen konsultiert. Alles nur, um Kosten zu sparen.

Dieses Mal ging er auf Nummer sicher. Lieber gab er das Geld für einen Lehrgang und den psychologischen Gutachter aus und erhielt seinen Führerschein zurück.

Mit aller Kraft, die ihm zur Verfügung stand, stieß er die schwere, feuerfeste Eingangstür zur Garage auf und trat ein. Feinstaubhaltige, benzingetränkte Luft umwehte ihn und kitzelte seine Atemwege. Sofort hustete er. Der Husten kam explosionsartig aus den Tiefen seiner Lunge und transportierte gelben Auswurf nach oben. Seine Brust fühlte sich wund an.

Er stützte sich mit einer Hand an der nackten Betonwand ab und wartete ab, bis er wieder Atem schöpfen konnte. Tief und rasselnd sog er den Sauerstoff gierig durch Mund und Nase, bis sich sein Körper beruhigt hatte.

Mit einem zufriedenen Seufzen rutschte er auf den Fahrersitz und ließ sich in die Sitzpolsterung sinken. Er schaltete den Motor an und trat so gewaltig auf das Gaspedal, dass der alte VW Polo laut aufjaulte. Gleichzeitig wummerten die Bässe der Trance-Musik ohrenbetäubend aus den Boxen der Stereo-Anlage. Er drehte den Regler der Lautstärke hoch bis zum Anschlag, jetzt übertönten sie jeglichen Lärm.

Mit Tempo schoss er aus der Garage und raste auf die Straße. Er hielt seine Hand im Zugwind aus dem Fenster und klopfte im Rhythmus von außen an das Blech. Wenn der Berufsverkehr schon vorbei war, kam man störungsfrei durch die Stadt. Und die Ampeln sprangen automatisch auf Grün, sobald er sich näherte. »Wie praktisch«, freute er sich, »wenn es in der Geschwindigkeit so weitergeht, bin ich sogar pünktlich.«

Um 10.30 Uhr hatte er einen Termin bei seiner Ärztin, Dr. Andrea Meyer.

Wie konnte es angehen, dass diese blöde Kuh ihm überhaupt schon eine Diagnose mitgeteilt hatte?

Für ein zuverlässiges Ergebnis war ein zweiter Test unerlässlich. Erst danach gab es Gewissheit. Das hatte er im Internet gelesen. So ein Scharlatan, diese Ärztin. Das wollte er ihr sagen, hatte er sich vorgenommen. Wieso hat sie nichts von einem Bestätigungstest erwähnt? Stattdessen hatte sie ihm diesen Befund gedankenlos ins Gesicht geschleudert. HIV. So, als wäre er eine dieser Schwuchteln. »Ich bin doch nicht schwul«, grübelte er wütend, »ich bin hetero verdammt, bin verheiratet. Das kann doch nicht sein!«

Er hatte keine Angst vor dem Sterben. Tod und Krankheit gehörten zum Leben, das war ihm bewusst. Zudem nahm er die Zeichen deutlich wahr, er war nicht blöd. Etwas stimmte nicht in seinem Körper. Mit vielem hatte er gerechnet – mit Krebs, unheilbaren Erkrankungen oder lebensbedrohlichen Zuständen – aber nie damit, dass er HIV haben würde.

Doch nicht er, Can, der Frauenversteher, der Womanizer. Und einen Psychologen oder Psychiater würde er brauchen, hatte die Ärztin zu ihm gesagt. Die hatte keinen blassen Schimmer. Unabhängig davon war alles Schwachsinn. Diesen Virus gab es doch gar nicht. Nicht ohne Grund wurden bei einem HIV-Test immer nur Antikörper erkannt, nie der Erreger selbst. »Dieser Virus konnte bisher nie nachgewiesen werden, weil es ihn einfach nicht gibt«, schlussfolgerte er verärgert. Das hatte er im Internet gelesen. Da wurde sogar gemutmaßt, dass die USA hinter dieser Lüge stecken.

Vor etwa einem halben Jahr bemerkte er die Anzeichen, und seit Monaten überwies ihn Dr. Meyer zu verschiedenen Fachärzten, doch bisher blieb jede Untersuchung ergebnislos. Und weil ihr nichts weiter eingefallen ist, kam sie jetzt mit dieser Diagnose an. Mal sehen, was sie sagte, wenn er ihr die Ausdrucke zeigte, überlegte er und freute sich schon fast auf das Streitgespräch, das er gleich mit dieser versnobten Ärztin führen würde. Sein Mund verzog sich zu einem leichten Grinsen und er hämmerte im Rhythmus der Musik auf die Fahrertür.

Er erinnerte sich an seine Jugend. Laute Housemusik, wummernde Bässe und die Hamburger Clubszene damals, rief er sich ins Gedächtnis. Er war so jung und hatte sich für kraftvoll und unbesiegbar gehalten.

Eine Tausendstelsekunde schloss er die Augen, um sich der Musik hinzugeben. Nur einen Augenblick zu spät sah er die Frau. Sie lief ihm genau vor das Auto, hastete zu dem Bus, der soeben zum Abfahren angesetzt hatte. Bevor sie bei dem Bus ankam, erwischte er sie. Kopfüber knallte sie auf die Motorhaube und flog dann wie von einem Trampolin abgefedert wieder zurück auf die Straße.

Der Lärm des sich verbiegenden Metalls und der bremsenden Reifen war unerträglich. Aber Can bekam nichts davon mit, in seinen Ohren übertönten die wummernden Bässe jedes andere Geräusch. Geschützt vor der Außenwelt, fast wie in einem Kokon, versank er in seinem Auto. Der Airbag presste sich eng gegen seine Brust und es wurde unvermittelt still um ihn herum. Er blieb sitzen und beobachtete die Leute draußen auf der Straße.

Die Frau lag mitten auf dem Asphalt. Von Weitem sah sie aus wie ein Bündel Wäsche. Der Bus war mittlerweile weggefahren, aber viele Menschen standen herum und blockierten die Straße.

Kurz darauf erklang das Sirenengeheul von Polizei und Krankenwagen.

Die Leere, die sich in Can ausbreitete, betäubte und schützte ihn zugleich. Ein lautes, energisches Hämmern an die Fensterscheibe ließ ihn zusammenzucken. Ein Polizist stand vor Can am Fenster und forderte ihn gestenreich auf, auszusteigen. Can erblickte die Menschen draußen. Das trübe Tageslicht wurde von dem Flackern der Blaulichter durchbrochen.

Die Sonne hatte bisher nicht die Kraft gehabt, die vielen dichten Wolken zu durchdringen. Jetzt setzte ein leichter Nieselregen ein.

8

Eine geraume Weile schon hörte sie die Musik und sang sogar an manchen Stellen leise mit. Es war einer ihrer Lieblingssongs. Ed Sheeran und I See fire aus dem Blockbuster der Hobbit. Der Film hatte sie begeistert. Sie hatte ihn im UCI-Kino gemeinsam mit Ralf gesehen. Die Musik tönte immer lauter, klang unangenehm in ihren Ohren, bis ihr jäh bewusst wurde, dass es ihr Wecker war. Seufzend legte sie den Füller beiseite und kramte ihr Handy aus der Handtasche. Genau 14:55 Uhr. Kurz darauf verließ sie das Büro und marschierte zu ihrem Auto. Der kleine Spaziergang brachte sie auf andere Gedanken.

Auf ihrem Schreibtisch stapelten sich zahlreiche Akten. Ihr Terminkalender war voll. Anja hatte das Gefühl, ein Termin jagte den nächsten.

»Egal«, entschied sie, ihre Mutter hatte Geburtstag. Das war im Moment wichtiger als alles andere. Henrike wurde heute 50 Jahre alt.

»Bestimmt sitzt sie mit einer Flasche Merlot im Wohnzimmer und denkt über vergangene Zeiten nach«, war sich Anja sicher.

---ENDE DER LESEPROBE---