9,99 €
Nimue fühlt sich traurig und einsam. Es ist der Rubikon, eine Entwicklungszeit. Durch einen Zufall landet sie im Klartraum und trifft dort Pierre. Er zeigt ihr, wie man Energie formt, innerhalb von wenigen Tagen eine neue Sprache lernt, durch Raum und Zeit reist, manifestiert, was immer man will. Spielerisch lernt sie, mit dem Gesetz der Anziehung umzugehen. Außerdem begegnet sie dort Rubicon, einem weißen Wolf, der als ihr Krafttier, oder auch als der Spiegel ihrer Seele, Nimue durch die Traumwelt begleitet. Er fängt sie dort auf und gibt ihr Halt. Die drei erleben zusammen spannende Abenteuer und kämpfen gegen den dunklen Priester, der sie in den Nebel des Vergessens zieht, und gegen die hübsche Emily, die Nimue und Pierre trennen will. Du begleitest Nimue und Pierre. Du erlebst alles, was sie erleben, lernst alles, was sie lernen und gewinnst dasselbe Selbstbewusstsein wie Nimue. Der Rubikon ist das Alter zwischen 9 und 13 Jahren, auch bekannt als Vorpubertät. In dieser Zeit wird sich der junge Mensch selbst bewusst. Das schmerzt oft und löst die verschiedensten Emotionen aus. In Nimue wird der Leser direkt mitgenommen und aufgefordert, bei der Entwicklung von Nimue zuzuschauen. Gemeinsam mit Nimue und Pierre lernt der Leser, mit der Energie zu arbeiten, sie zu sehen und anzuwenden. Der Leser wird direkt von Nimue und Pierre gebeten mitzumachen, auch um all die Abenteuer zu bestehen. Es braucht in diesem Alter keine Tabletten, es braucht Verständnis, Zuneigung, Offenheit, Mut und Selbstbewusstsein. Und es braucht einen Traum!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 429
Veröffentlichungsjahr: 2020
© 2020 Eyva R. Noe
Autorin: Eyva R. Noe
Umschlag- und Buchgestaltung: Regina Hirche // www.konzept-kreativ.com Illustration: Eyva R. Noe
Korrektorat: Juliane Kästner
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
978-3-347-02189-1 (Paperback)
978-3-347-02190-7 (Hardcover)
978-3-347-02191-4 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Dick
Durch Deine Augen habe ich gesehen,
Durch Dein Herz habe ich gefühlt und
Durch Deine Seele habe ich verstanden.
So ist dieses Buch entstanden.
Fee-Julie, Du bist wunderbar
Deine Reise durch das IBuch
Der Rubikon
Die Alpträume
Das Traumbuch
Ein neues Bewusstsein
Der Nebel senkt sich
Andere Gedanken
Mama plant den Tag
Die Decke
Mein Freund der Wolf
Der Klartraum
Rubikon
Immer mehr Klarheit
Die verlängerte Zeit
Ein Wochenende am Meer
Emily
In der Schule
Arthus Flötentraum
Anna und die Träume
Dream Sailor
Wo ist das Tor
Du und ich, wir schaffen das!
Endlich Ferien
Der Kampf
Neue Pläne
Neue Wege
Die Reise
Wir richten uns ein
Wie ein Zauber
Dr Rubikon
Der Rubikon ist die Zeit der Selbstentdeckung, des Ankommens und der Ich-Bewusstwerdung. In DEINEM neunten Lebensjahr beginnt der Rubikon und kann bis zum dreizehnten Lebensjahr andauern. Es ist eine turbulente und spannende Zeit - wenn DU weißt, was der Rubikon mit DIR anstellt…
Ich bin Nimue. Seit einiger Zeit lebe ich in zwei Welten, und das macht mich sehr glücklich. Das war nicht immer so. Als ich neun Jahre alt wurde, habe ich mich mehr und mehr in mich zurückgezogen. Ich wurde immer trauriger und fühlte mich alleine. Um mich herum veränderten sich alle ein wenig. Der eine ist jetzt zickiger, der andere unsicher, manche sind eher wütend oder schnippisch. „Ein schwieriges Alter“, „die kleine Pubertät“, „Frühpubertät“ hört man die Eltern sagen.
Auf meiner einzigartigen Reise bekomme ich genau darauf Antworten und vor allem Lösungen…
Ich bin nun neuneinhalb Jahre alt, die dritte von acht Geschwistern. Wir leben auf einem Hof außerhalb eines kleinen Dorfes in der Nähe von Dublin in Irland, nur ein paar Hundert Meter von den Klippen am Meer entfernt.
Meine braunen Haare fallen fast glatt bis zu den Hüften, in der Sonne glänzen sie, als wären sie aus dunklem Gold. Ich habe dunkelbraune Augen, eine kleine Stupsnase, volle Lippen und ein ovales Gesicht. Ein paar Sommersprossen haben sich frech über meine Nase verteilt. Ich bin eine der größten in meiner Klasse, leider nicht die dünnste. Nicht dass ich dick wäre, aber es ist eben dieser Bauch, der mich so stört. Ich fühle mich dadurch so rund und unsportlich. Obwohl ich sehr beweglich bin. Ich tanze im Ballett und das kann ich richtig gut.
Wir leben seit kurzem mit Mama alleine in unserem großen Haus.
Meine Geschwister sind alle sehr verschieden und trotzdem sind wir eng miteinander verbunden.
Das sind meine Reisebegleiter
Morgana ist vierzehn Jahre alt, zickig, etwas selbstbezogen und voll in der Pubertät. Sie hat langes hellbraunes Haar, das sie von ihren Freundinnen regelmäßig in viele feine Zöpfe flechten lässt. Sie hat ein ernstes, bildschönes Gesicht mit großen grünen Augen.
Morgana explodiert leicht, sie malt wunderschöne Bilder, die eine Zukunft spiegeln, die sie in Büchern über Verschwörungstheorien sieht. In ihrem Zimmer hat sie Vorräte deponiert, falls der große Crash kommt. In ihrem Freundeskreis sind Menschen verschiedenster Art und unterschiedlichsten Alters, aber sie halten sehr eng zusammen.
Sie selbst spielt Gitarre, aber eher für sich selbst.
Mein Bruder Camelot ist zwölf Jahre alt, ein stiller ruhiger Junge. Er ist fein-gliedrig mit schwarzen, fast schulterlangen Haaren und grau-blauen Augen. Wir alle lieben ihn. Er ist sehr hilfsbereit, immer für uns da und hat die besten Ideen. Er verschlingt ein Buch nach dem anderen, wenn er nicht gerade im Garten oder in einem der Gewächshäuser beschäftigt ist.
Er spielt Klavier und Gitarre.
Arthus, acht Jahre alt, ist blond mit langen festen Haaren, einem markanten Gesicht und blitzenden braun-grünen Augen. Schlank, muskulös und wendig ist er ein hitziger Typ. Schon immer wusste er ganz genau, was er will. Ständig baut er sich etwas, ob es kleine Flöten sind, die er sich schnitzt, Pfeil und Bogen, mit denen er dann stundenlang trainiert oder ein Baumhaus, das bis ins letzte Detail perfekt sein muss. Er will Musiker werden und lernt selbstständig verschiedene Instrumente. Arthus ist sehr musikalisch. Wenn er eine Melodie hört, singt er sie sofort nach. Er spielt Dudelsack und verschiedene Flöten. In sich ist er sehr ruhig, fast ruhend, aber wenn man ihm zu nahe kommt und ihn aufregt, explodiert er stark. Zu seinen Geschwistern hat er ein gutes Verhältnis.
Parcival ist sechs Jahre alt. Verträumt führt er oft Selbstgespräche. Er macht Dinge, die manchmal für die Erwachsenen nicht nachvollziehbar sind. Er erforscht alles, was er sieht und ihm scheint nichts zu entgehen. Parcival hat tiefe seltsame Träume. Er schreibt unendliche Zahlenkolonnen und Buchstabenkombinationen, schreibt Briefe und Inschriften, die kein Mensch entziffern kann, er erzählt Geschichten von Welten, die wir nicht kennen. Er erzählt von Verstorbenen, die er sieht und weiß, dass er mit all seinen Geschwistern schon mehrfach verbunden war.
Avalon, vier Jahre alt, ist die nächstkleinere Schwester. Avalon ist wie ein verzaubertes Wesen, beinahe leuchtend. Sie ist so lieb und zart wie eine Fee, weint aber ganz schnell. Sie möchte immer gerne bei mir sein und in meinem Zimmer spielen. Ihre hellgrünen Augen strahlen und ihr fast weißblondes Haar lässt sie wie ein Fabelwesen erscheinen. Sie tanzt gern. Und sie liebt die Musik. Immer wieder holt sie sich die Gitarre und zupft vorsichtig darauf herum. Außerdem sind für Sie kleine Pflanzen zauberhaft und sehr wichtig. Sie pflückt jedes Blümchen und jedes Blättchen, legt es daheim in ihre Bücher und trocknet sie. Mama darf sie dann einkleben und beschriften. Dann blättert sie in Mamas Pflanzenbüchern und schaut, was für Blümchen sie gesammelt hat. Sie will Creme daraus machen, wie Mama.
Außerdem liebt sie alles, was glitzert.
Lancelot ist zweieinhalb Jahre alt. Er ist ein kleiner Herzensbrecher, charmant, zuckersüß, und natürlich total frech. Lancelot wird von allen heiß geliebt. Er schaut nachdenklich aus seinen tief grünen Augen. Sein süßes Gesicht wird umrahmt von verwuschelten, dunkelblonden Haaren. Lancelot hat uns alle als Vorbild. Wenn die anderen tanzen, tanzt er, wenn die anderen essen isst er, wenn die anderen schreien, schreit er. Mit den Fingern knetet er die Haare in alle Himmelsrichtungen und sieht immer sehr verwuschelt aus. Im Moment läuft er Mama noch hinterher oder auch uns Geschwistern. Man muss nicht sehr auf ihn aufpassen, da er immer mit jemandem aus der Familie zusammen sein möchte und nie wegläuft. Allerdings fängt er schon an zu diskutieren und das mit nur ganz wenig Worten.
Gwynwifahr, auch Gwenny genannt, ist achtzehn Monate alt. Blond, sehr ruhig und in sich gekehrt, beschäftigt sie sich ewig allein. Das kleine Baby Gwynwifahr ist noch sehr zurückhaltend. Gibt man ihr einen Ball oder einen Baustein, kann sie sich ewig damit beschäftigen. Man findet sie immer in irgendeiner Ecke, leise vor sich hinbrabbelnd und spielend. Manchmal sieht man sie auch mit dem kleinen Hund PIM irgendwo auf einem Sofa oder auf dem Teppich in der Ecke liegen und schlafen.
Mama Grace ist achtunddreißig Jahre alt. Sie sieht in allem immer das Positive. Eigentlich sieht man sie immer lachen. Sie freut sich an kleinen Dingen, an großen Dingen und plant alles so, dass alle immer das Beste davon haben. Sie ist mittelgroß, mittelschlank und seit Jahren immer irgendwie schwanger oder stillend. Mit ihren langen dunkelbraunen, rot gefärbten Haaren und gold-grünen Augen sieht sie immer ein bisschen verwunschen aus. Meistens trägt sie lange Kleider und läuft barfuß.
Nie sieht man sie sitzen, außer beim Essen. Immer hat sie was zu tun, entweder macht sie mit irgendeinem Kind Musik, oder sie steht in der Küche, räumt irgendwas auf, oder sitzt an ihren Büchern. Seit einiger Zeit schreibt sie immer intensiver. Seitdem ist sie besonders fröhlich. Sie liebt es, diese Bücher zu schreiben und liest sie uns Kindern dann auch vor.
Im Traum
Pierre ist dreizehn Jahre alt, hat schulterlange, dunkelbraune Haare und goldgrüne Augen. Er hat ein feines Gesicht und ist bestimmt einen Kopf größer als ich. Feingliedrig und muskulös sieht er aus wie ein Surfer. Er ist mein bester Freund, weil ich ihm ganz und gar vertraue. Wir lieben die gleiche Musik, das Tanzen und unsere Traumreisen.
Rubicon ist ein großer, weißer Wolf. Er weiß alles über mich. Wir sprechen in Gedanken miteinander. Rubicon begleitet mich durch die Welt der Wahrheit- oder eben durch jeden Traum. Er erklärt mir, was der Rubikon ist und wie schön der Weg dadurch sein kann. Wenn er da ist, ist alles gut.
Ariella ist eine kleine junge Füchsin, die zwischen den Welten wechselt und Botschaften überbringt.
Marweena ist die Priesterin vom Orden des Lichts. Sie hat eine große Gemeinschaft um sich und zusammen vertreiben sie den Nebel des Priesters. Dazu haben sie eine Decke entwickelt mit geheimnisvollen Zeichen darauf. In die Decke sind Botschaften eingewebt und sie dient als Tor zum Klartraum. Der Priester ist dunkel, bestimmend und machtvoll. Er lenkt die Kinder, die in die Zeit des Rubikons kommen, in seinen Nebel, um sie dort am besten beeinflussen zu können. Er manipuliert sie und hat bereits eine große Anhängerschaft. Um ihn herum ist immer viel Nebel, ein Nebel, der einen dumpf und müde macht und es einem kaum erlaubt, etwas anderes zu denken und zu fühlenals eine große Angst.
Emily ist die rechte Hand des Priesters. Man sieht sie allerdings nie zusammen. Sie ist dreizehn Jahre alt, wunderschön wie eine Elfe mit langen blonden Haaren und blitzenden Augen. Sie will Pierre ganz für sich haben und macht dafür beinahe alles. Sie wird von einem grollenden Gewitter begleitet.
Orino ist ein Delfin. Pierre besucht Orino und seine Gruppe oft. Mit Orino lernt er, sich im Meer frei zu bewegen und mit den Tieren des Meeres zu kommunizieren. Wann immer Pierre traurig ist, geht er zu Orino und seiner Familie, denn die Delfine schenken einem das Glück. Alea ist Orinos Delfin-Partnerin.
Die Alpträume
„Nimue, sei so gut und trage mir bitte noch einen Korb voll Wäsche hoch! Morgana, du nimmst bitte die Handtücher und das Geschirr mit hoch. Camelot, die schwere Kiste mit den Büchern, schaffst du die? Und Arthus und Parcival, ihr zwei, seid so gut und tragt die kleinen Kisten, die ich neben dem Wohnwagen habe stehen lassen.“
„Ach Mama, muss ich das wirklich noch machen? Ich kann nicht mehr.“
Das kommt natürlich von Arthus. Mit seinen acht Jahren ist er über Nacht plötzlich trotzig geworden. Er hat ein unglaubliches Durchhaltevermögen, verbeißt sich manchmal richtig in etwas. Hilfsbereit kann er auch sein und ganz liebevoll, aber wenn er etwas nicht will, dann haben wir alle wirklich keine Chance, an ihn heran.zukommen. Schlank und muskulös sieht er mit seinen langen blonden Haaren aus wie ein Surferboy. Seine braun- grünen Augen blitzen vor Tatendrang. Leider gilt das nicht fürs Auspacken von unserem Wohnwagen.
„Ich auch nicht“, hängt sich Parcival gleich dran, Arthus ist als großer Bruder natürlich sein großes Vorbild. Parcival ist ein sanfter, verträumter, etwas tollpatschiger kleiner Kerl, der mit seinen riesigen blauen Augen und den hellbraunen Wuschelhaaren unendlich viele Fragen stellen kann. Er ist dabei so wissensdurstig, dass er die Antwort kaum abwarten kann. Seine Fragen sind manchmal so groß, dass ich nie auf den Gedanken gekommen wäre, nie so etwas hätte denken können. Wir sind alle erstaunt, was so einem Sechsjährigen alles durch den Kopf gehen kann. Parcival ist ein Träumer, er spricht mit seinen Freunden, die außer ihm keiner sieht, er schreibt Briefe, die keiner lesen kann, mit Zeichen, die sehr sonderbar sind, doch er kann alles verstehen. Er ist in sich gekehrt und versinkt ganz im Spiel. Ein Gegensatz zu Arthus, seinem Bruder, der der handwerklich und musisch Begabte ist. Tiere zieht er magisch an. Er findet auch immer wieder kleine Häschen auf den Feldern, aus dem Nest gefallene junge Vögelchen, die er dann liebevoll aufpäppelt. Immer sind irgendwelche Tiere um ihn.
Camelot ist schon etwas genervt und will zum Ende kommen. Er ist unser Zugpferd, immer vernünftig, immer für alle da und mit einer stillen Autorität, auf die wir alle hören. Er ist erst zwölf Jahre alt, aber eben doch schon der Mann im Haus. Camelot gibt sich manchmal etwas geheimnisvoll, was durch seine schwarzen, fast schulterlangen Haare und seine rauchblauen Augen noch unterstrichen wird.
„Mensch Jungs, jetzt macht, dass wir uns endlich hinsetzen können.“
Mama hat selbst einen riesigen Wäschekorb in der Hand und rechts und links je eine große Tasche. Der Wäschekorb ist natürlich übervoll, unterbepackt läuft Mama überhaupt gar nicht erst los. Nach der Runde dürfte der Wohnwagen endlich leer sein.
Wieder zu Hause ist es schon fast beängstigend, wie sehr sich die Dinge verändern können, in so kurzer Zeit. Das Nachhausekommen auf unseren großen Hof, etwas abseits vom nächsten Dorf in der Nähe von Dublin ist ein ganz anderes Gefühl als sonst. Dabei waren wir nur vier Wochen unterwegs. Es war eine unglaublich schöne Zeit und seltsamerweise hat sie sich unendlich lang angefühlt, obwohl sich Urlaube doch sonst immer so kurz anfühlen. Wir waren in Frankreich, in der Bretagne, gegenüber von England. Dort ist es ähnlich keltisch wie bei uns in Irland.
Die Sache mit Papa war schon seltsam. So plötzlich, völlig unerwartet, zumindest für uns Kinder. All die Jahre waren immer stressig und oft hat einer von uns gesagt, wie schön wäre es, wenn er jetzt weg wäre. Aber haben wir das wirklich so gemeint? Manchmal vielleicht schon, aber wenn es dann soweit ist, dann ist man vielleicht doch etwas erschrocken. Keiner hat nach ihm gefragt, nicht ein einziges Mal. Den ganzen Urlaub nicht. Ich habe genau darauf geachtet. Heißt das etwa, dass er uns nicht fehlt? Ich weiß es nicht, ich kann es einfach nicht sagen. Sicher weiß ich, dass mir seine Dauerkritik und seine megaschlechte Dauerlaune bestimmt nicht fehlen.
Wenn ich jetzt das Haus anblicke, dann wirkt es so ruhig und direkt sortiert. Dabei war sonst alles irgendwie immer im Chaos. Mama hat noch aufgeräumt wie eine Wahnsinnige, bevor wir losgefahren sind. Und Papa hat im letzten Jahr alle Räume erweitern lassen, das Bad vergrößert, eine neue Küche eingebaut, alles auf einmal in einem riesigen Stress. Das Haus sieht nun wirklich toll aus, innen, wie außen. Es ist ein richtiges Wohlfühlhaus geworden.
Fast ein edles Herrenhaus. Wir wuseln wild durchs Haus und verraurnen die Urlaubssachen.
Endlich sitzen wir draußen auf der Terrasse und Mama schenkt selbst gemachte Limonade ein. Die Stimmung ist etwas gedrückt, alles ist jetzt anders. Wir haben noch nicht darüber geredet, aber wir wissen trotzdem alle, dass ab jetzt alles anders sein wird. Mama schaut uns der Reihe nach an, wir können Ihre Stimmung nicht wirklich einschätzen, aber ich glaube, das kann sie selbst noch nicht. Wir sind heute aus dem Urlaub zurückgekommen, nach vier Wochen Bretagne. Es war eigentlich wie immer in den Sommerferien, oberflächlich friedlich und harmonisch und wegen jedem kleinen Ding haben Mama und Papa gestritten. Wir Kinder haben es soweit wie möglich ignoriert. Nur war dieses Mal der Streit irgendwie anders, andauernder, kraftloser. Und nach einer Woche ist es so schlimm gewesen, dass Papa abgereist ist. Er hat uns nur vage erklärt, was los ist, nur, dass er nach Hause fährt, seine Sachen packt und auszieht.
Zuerst haben wir ihn nicht ernst genommen, aber dann, als die beiden auf einen Spaziergang verschwunden sind und erst nach Stunden zurückkamen und dabei etwas bedenklich dreingeschaut haben, konnten wir sehen, dass es Papa ernst ist. Wir haben nur erfahren, dass er jetzt endlich nach Frankreich zieht, um in Zukunft seinen Traum zu leben und Rennen zu fahren. Und ganz am Rande als Nebensatz haben wir mitbekommen, dass es wohl schon länger eine andere Frau gibt, mit der er zusammenziehen will. Mehr wissen wir nicht.
Den Rest des Urlaubs haben wir sehr genossen. Es gab keinen einzigen Streit mehr, wir haben alles gemeinsam gemacht und alle haben geholfen. Papa blieb völlig unerwähnt und wir wollten uns auch keine Gedanken machen, wo er nun ist. Wir haben unsere Ausflüge gemacht, haben am Campingplatz gekocht, haben am Strand gelegen und Drachen steigen lassen. Es war einfach ein wunderschöner, total entspannter Traumurlaub, so, wie wir ihn uns schon immer gewünscht haben.
Am Ende wurde es etwas schwierig, wir mussten alles alleine zusammen packen. Die schweren Dinge hat sonst immer Papa gemacht. Fahrräder aufladen, das Vorzelt abbauen, den Hänger anhängen und dann aus dem Campingplatz rangieren. Und dann natürlich die lange Fahrt nach Hause. Doch Mama hat alles super gemeistert, wir sind wirklich stolz auf sie. Wir haben alle überall mitgeholfen, so gut es nur ging. Sogar die Überfahrt mit der Fähre ging wunderbar.
Jetzt sitzen wir hier, zu Hause auf unserer Terrasse und schauen alle etwas betreten drein.
„Kinder, hört zu, in Zukunft wird es bei uns wohl ein bisschen anders sein. Ich habe noch keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Aber, ich weiß, wir bekommen das hin! Wir haben jetzt noch vier Tage, bis die Schule wieder losgeht und fünf Tage, bis Heba aus Ägypten kommt. Ich hoffe, dass sie eine Erleichterung für uns ist. Da Papa nun weg ist und ich nicht weiß, wie es hier mit allem weitergeht, werde ich wohl ein bisschen schneller an meinen Büchern schreiben müssen. Das heißt, Heba wird von nun an den Haushalt machen und ich kümmere mich um das Drumherum. Macht euch keine Sorgen, wir finden einen Weg, wie wir das für alle angenehm gestalten können.”
Keiner von uns will etwas sagen.
„Wichtig ist jetzt nur, dass wir alle an einem Strang ziehen und zusammen halten. Wir sind eine Familie und ich brauche eure Hilfe.“
„Weißt du Mama, vielleicht ist es auch ganz gut so, denn dann gibt es jetzt keinen Streit mehr. Und du kannst endlich in aller Ruhe deine Bücher schreiben, ohne dass du diskutieren musst.“
Das kam natürlich von Morgana, sie bringt die Dinge immer direkt auf den Punkt. Mit ihren vierzehn Jahren ist sie die älteste von uns Geschwistern. Sie ist nicht viel größer als ich, mit langen, dunkelblonden Haaren und einem ernsten bildschönen Gesicht mit großen grünen Augen, einem geschwungenen Mund, einer kleinen Stupsnase und einer Haut wie eine Elfe. Man kann sie als unnahbar beschreiben und wer sie nicht kennt, hält sie leicht für arrogant. Sie hat bereits eine feste Meinung zu allem und steht kämpferisch dazu. Wir haben ein gemischtes Verhältnis zueinander.
Morgana explodiert leicht, sie malt, gibt sich ganz einer Bilderwelt hin, die die Bilder einer Zukunft spiegeln, die sie in Büchern über Verschwörungstheorien sieht. Sie ist immer bereit und kann sich jede dunkle Szene noch so malerisch vorstellen. In ihrem Zimmer ist sie auf alle Eventualitäten vorbereitet. In ihrem Freundeskreis sind Menschen verschiedenster Art und vor allem auch viele Ältere, was Mama ein wenig Sorgen bereitet.
Schön ist allerdings, dass alle zusammenhalten und ein gemeinsames Ziel haben. Regelmäßig treffen sie sich im großen Garten, sitzen stundenlang um ein Lagerfeuer, singen, ihr bester Freund Joe spielt Gitarre und dazwischen diskutieren sie über die nahende Katastrophe. Sie selbst spielt Gitarre, aber eher für sich selbst.
Camelot schmunzelt ein wenig.
„Da hat sie Recht. Dann wird es bei uns jetzt doch ziemlich viel ruhiger, und du hast die Abende für dich, das wolltest du doch immer so.“
Mama schmunzelt ebenfalls.
„Ja, wir waren nicht immer sehr umgänglich miteinander. Und ihr wisst ja, ich sage es euch immer, es kommt alles so, wie es kommen muss!“
Wir lachen alle. Ja das wissen wir, dieser Satz ist uns mittlerweile allen in Fleisch und Blut übergegangen.
„Auf kommt, Kinder, lasst uns den Rest hier oben wegräumen, dass wieder Ordnung herrscht. Diese Ordnung brauchen wir jetzt alle ganz dringend, daran sollten wir in den nächsten Wochen unbedingt arbeiten.“
Wir verdrehen alle ein bisschen die Augen, stehen aber auf und packen mit an.
„Ach Mama, wann sind wir denn endlich fertig? Ich habe soo Hunger.“
„Ich auch, ich auch, ich will Spaghetti!“
„Mensch Jungs, jetzt macht mal, dass wir endlich essen können.“
Gemeinsam räumen wir die restlichen Sachen vom Urlaub auf, die zwei Waschmaschinen laufen bereits auf Hochtouren, ebenso die Spülmaschine. Nachdem wir gemeinsam angepackt haben, ist alles ganz schnell erledigt.
Mama beschließt, dass wir am Abend essen gehen, sie will jetzt weder einkaufen noch kochen. Und so lassen wir den Ankunftstag mit einem Essen beim Inder ausklingen.
Ich höre jemanden gehen, doch sehen kann ich niemand. Ist es eine der Gestalten, die ich wahrgenommen habe? Oder vielleicht irgendein Tier? Die Gefühle sind hier so viel deutlicher als das, was ich sehen kann. Trotz aller Benommenheit, arbeitet jeder Sensor meines Körpers auf Hochtouren. Jedes Härchen ist aufgerichtet, im Inneren meiner Ohren scheint es zu vibrieren vor lauter Anstrengung, auch jedes Geräusch wahrzunehmen. Der Nebel umgibt mich wie eine Glocke und schneidet mich vollkommen von meiner Umgebung ab. Meine Gefühle dagegen sind so intensiv, dass mein Herz rast. Selbst den Geruch nehme ich ganz intensiv wahr. Und dann beginne ich zu rennen. Ich renne einfach drauf los, denke nicht nach, in welche Richtung. Ich renne immer weiter, spüre nur Kopfsteinpflaster unter meinen nackten Füßen. Meine Angst wird immer größer, steigert sich zur Panik, mein Herz rast, mein Atem ist so schnell, dass ich kaum noch hinterherkomme und dann falle ich, falle immer tiefer, tiefer, tiefer und dann ist es einfach nur noch schwarz.
Schweißgebadet und zitternd wache ich auf, das Fenster steht schräg, der Mond hängt als dünne Sichel am Firmament und die Sterne leuchten glitzernd und funkelnd am nachtschwarzen Himmel. Es ist dunkel, trotzdem kann man draußen schemenhaft fast alles sehen. Ich wickle die Decke fester um mich, setze mich auf und versuche, zu mir zu kommen. Doch ich bin zu unruhig, also steige ich aus dem Bett, gehe ins Bad, wasche mir die Hände und das Gesicht mit eiskaltem Wasser. Dann laufe ich in die Küche, nehme mir ein Glas und schenke mir Wasser ein. Ich trinke in großen Schlucken, dann setze ich mich an den Küchentisch. Jetzt komme ich endlich etwas zur Ruhe. Hier in der Küche, ist es so gemütlich und heimelig, dass ich wieder langsamer atme und auch mein Herzschlag wieder ruhiger wird. Habe ich eben geträumt? Wieso bin ich so außer Atem? Und warum so verschwitzt? Ich fühle mich, als wäre ich stundenlang gelaufen. Ich muss geträumt haben, aber ich erinnere mich an nichts.
Plötzlich geht das Licht an, Mama steht in der Tür. Sie schaut etwas verwundert und fragend.
„Nimue, was ist los? Kann ich dir was helfen? Geht‘s dir nicht gut?“
Ich schaue sie kurz an und überlege, was ich ihr erzählen soll. Der Traum ist gar nicht greifbar, ich kann mich kaum an etwas erinnern. Und das, was in Bilderfetzen in meiner Erinnerung ist, kann ich nicht zuordnen. Ich kann nicht mal mehr die Bilder erkennen, es ist einfach alles weg, nur ein dumpfer Nebel ist noch zurückgeblieben. Dann sage ich:
„Ich hatte solch einen furchtbaren Alptraum. Ich kann aber gar nicht sagen, worum es ging. Es war da einfach nur so wahnsinnig viel Nebel und ich bin gerannt und hatte Angst und - ich weiß auch nicht…“
Mama kommt auf mich zu, nimmt mich in ihre Arme und hält mich fest. Erst jetzt merke ich, wie sehr mich der Traum aus der Fassung gebracht hat.
„Kannst du wieder schlafen gehen ?“
Ich nicke nur. Sie begleitet mich bis zu meiner Schlafzimmertür und wartet, bis ich in meine Höhle hochgestiegen bin. Ich lege mich auf meine Matratze und wickle mich in meine Decke ein. Die Decke ist noch warm, Gott sei Dank habe ich sie nicht nass geschwitzt, sondern von mir gestrampelt, so, dass sie nur über meinen Beinen lag. Ich ziehe mir die Decke bis zur Nase und lasse die Nachttischlampe an.
Dichte Nebelwolken ziehen an mir vorbei, sobald ich die Augen schließe. Erschrocken öffne ich sie schnell wieder und schaue ins Licht. Doch irgendwann muss ich doch eingeschlafen sein, denn als ich aufwache, ist es draußen schon hell und die Vögel zwitschern. Da klingelt auch schon mein Wecker und das heißt: Aufstehen! í5Í
Den ganzen Tag geht mir dieser seltsame Traum nach. Vor allem das Gefühl, denn an den Traum selbst kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern.
Ich versuche, den Traum wegzuschieben, doch das gelingt mir nicht wirklich.
So verkrümele ich mich in mein Zimmer, versuche, etwas zu lesen. Das will nicht so recht klappen, also nehme ich zögerlich mein Cello zur Hand. Immer wenn ich nicht weiter weiß, spiele ich Cello. Der dunkle, erdige Ton meines Cellos beruhigt mich. Der Klang sortiert meine Gedanken und lässt meine Seele wieder zu Wort kommen.
Das mit dem Üben ist nicht so mein Ding, aber selbst Musik machen, das liebe ich. Vor allem mit Arthus zusammenzuspielen ist so schön, und ich werde innerlich ganz ruhig und glücklich.
In allen folgenden Nächten habe ich den gleichen Traum. Ohne dass ich ihn mir merken kann, weiß ich ganz genau, dass es genau der gleiche Traum ist. Er hinterlässt genau den gleichen, faden Geschmack im Mund, wenn ich nachts schweißgebadet aufwache und die gleiche Angst in mir aufkommen spüre. Kurze Momente kann ich mir merken, an die schwarze Katze mit den gelben Augen, die um meine Beine streicht und mich fortlocken will, kann ich mich mittlerweile erinnern, die jede Nacht auftaucht, die dunkle Gasse wird immer deutlicher, aber es bleibt immer neblig, düster, feucht und unheimlich.
Ich erzähle Mama von den Alpträumen, so gut ich eben kann. Sehr ausführlich geht das nicht, denn ich habe ja keine Erinnerungen an die Bilder, die jede Nacht auftauchen. Sie hört mir genau zu und wiegt ihren Kopf hin und her. Sie denkt nach, wie sie mir am besten helfen kann. Zumindest bekomme ich jetzt jeden Abend einen Schlaftee, aber der hilft mir nicht wirklich, trotz des vielen Honigs, den sie da hineingibt.
“Dieser Nebel, Mama. Das ist unglaublich. Ich weiß nur, dass ich mich gefühlt habe, als würde mir jemand den Hals zudrücken, ich weiß, dass mir das Atmen im Schlaf schwer gefallen ist. Aber ich kann mich ja an nichts erinnern, außer an Dunkelheit und an diesen Nebel. Ich habe solche Angst gehabt, dass ich schreien wollte, aber ich konnte nicht schreien, ich konnte nicht fort rennen, ich konnte einfach nichts tun. Ich war wie gefangen an diesem Platz, wie erstarrt und bewegungslos.“
„Mensch, Nimue, komm doch zu mir, wenn du solche Sachen träumst. Du musst nicht nachts allein hier in der Küche sitzen und darauf warten, dass es weggeht.“
„Ja ich weiß Mama, aber ich war so in dem Traum gefangen, dass ich mich doch gar nicht bewegen konnte. Und selbst als ich wach war, konnte ich noch nicht klar denken. Und deshalb gehe ich meistens schnell in die Küche, um mich hier zu beruhigen und etwas zu trinken.“
„Soll ich dir abends vielleicht eine Kerze anzünden?“
„Nein, meine Nachttischlampe sollte reichen. Ich schaffe das schon. Bestimmt wird das bald wieder besser, das kann ja nicht ewig so gehen.“
„Na gut , wenn was ist oder du noch mal schlecht träumst, dann komm aber bitte gleich zu mir, okay? „
„Ja Mama. Ich sag dir schon Bescheid.”
„Ich bin immer für Dich da, das weißt Du.“
Dabei lächelt sie mich an und drückt mich kurz. Ihre Worte beruhigen mich und die Anspannung fällt etwas von mir ab. Wie schön, eine Mama zu haben, die mich immer versteht.
Dann, nachdem ich ihr zwei Wochen jeden Tag erzählt habe, was für Alpträume ich habe, ruft sie mich eines Nachmittags zu sich in die Küche und bittet mich, mich zu ihr an den Tisch zu setzen. Sie hat uns Limonade gemacht und hat ein kleines Geschenk in der Hand. Der Größe nach sieht‘s aus wie ein Buch. Ich schaue sie fragend an.
Sie schaut mich aufmunternd an, doch ich bin nicht so sehr begeistert. Ich soll jetzt wirklich jeden Tag über Träume schreiben, an die ich mich nicht erinnern kann? Eigentlich habe ich keine große Lust. Aber wenn es hilft. Mama schiebt mir das Päckchen über den Tisch, ich nehme es entgegen und mache es auf. Es kommt ein wunderschönes Tagebuch heraus, mit einem weißen Wolf vorne drauf. Es ist eine feine Aquarellzeichnung: Der Hintergrund ist grün-blau, man sieht einen Vollmond und darunter den weißen Wolf. Da blitzt in meiner Erinnerung etwas auf: Habe ich im Traum nicht einen Wolf gesehen? Einen großen, weißen Wolf mit Weichem Fell und einem wachen Blick. Ganz schemenhaft ziehen Bilder an meinem inneren Auge vorbei und hinterlassen ein warmes beschützendes Gefühl. Es ist ein wunderschönes Bild und es hängt ein kleines Schloss daran mit einem kleinen Schlüssel. Jetzt habe ich doch Lust, Tagebuch zu schreiben. So ein schönes Tagebuch, ich schaue Mama mit leuchtenden Augen an und falle ihr um den Hals.
„Danke Mama. Ich werde sofort versuchen, alles aufzuschreiben, vielen Dank.“ Ich stehe vom Küchentisch auf, nehme das Buch und verkrümele mich in mein Zimmer. Ich schließe die Tür, setze mich an meinen Schreibtisch, suche mir meine schönsten Stifte raus, schlage das Tagebuch auf und beginne zu schreiben…
Müde hänge ich in der Klasse herum. Mila, quirlig wie immer, ruft durch die ganze Klasse:
“He Nimue, was ist denn mit Dir schon wieder los? Ich dachte, du kommst erholt aus dem Urlaub zurück! Was ist denn mit dir passiert? Wurdest du vom Bus überfahren?” Gina lacht, abschätzig schaut sie mich an. Wie immer halt. Mit hüftlangen blonden Haaren, Designer-Jeans und einem schicken Blüschen sieht sie natürlich wieder aus wie einem Modejournal entsprungen. Arrogant wie sie ist, kommt bestimmt gleich wieder ein fieser Spruch.
„Na, Nimue, wurdest du von Wilden überfallen? Du siehst ja total zottelig aus! Und was hast du denn für ein seltsames Kleid an?“
Lilly und Paula pflichten ihr bei. Die beiden sind immer ziemlich gleich angezogen. Sie sehen fast aus wie Zwillinge. Beide mit halblangen braunen Haaren, kurzen Röckchen und einem hübschen Pulli dazu, sind sie ein kaum trennbares Gespannt.
„Was für hässliche Blumen auf dem Kleid! Und außerdem macht dich das ganz schön dick.”
“Und diese ausgebleichten Haare, kannst du dir denn die Haare nicht pflegen?“
Da mischt sich James ein:
„Lasst sie doch in Ruhe. Sie sieht toll aus! Ihr seid doch nur eifersüchtig, dass sie so schön braun gebrannt ist und ihre Haare so golden aussehen.“
Er schiebt sich zwischen Gina und mich und legt seinen Arm um meine Schulter
„Lass dich von denen nicht ärgern, die sind doch nur neidisch. Diese Zottelzicken wären doch nur auch so gern im Urlaub gewesen.“
Woher weiß er denn jetzt schon wieder, dass ich im Urlaub war? Irgendwie weiß James immer alles. Das ist ganz, ganz seltsam. Nick, sein bester Kumpel schleicht heran, stellt sich zu uns und fragt:
„Was habt denn ihr da zu quatschen? „
James wendet sich von mir ab und dreht sich zu Nick hin.
“Ach die Zottelzicken ärgern mal wieder Nimue.“
Nick grinst ein bisschen spöttisch. Ihn kann ich immer nicht so ganz einordnen. Gleich hinter ihm steht Steve. Der sagt meist gar nichts zu all dem.
Gina und ihre zwei Schatten Lilly und Paula haben sich schon auf die nächsten gestürzt und attackieren sie. Das heißt, Mila muss mal wieder leiden und Maja. Ich will gerade zu Maja rüber gehen, um ihr zu helfen, da legt James seinen Arm wieder halb um mich. Ich winde mich sofort raus, das kann ich einfach gar nicht leiden. Er ist immer so vertraulich mit mir, keine Ahnung was er von mir will.
„Die gute Nimue muss mal wieder helfen.“
Ich weiß auch nicht, einmal ist er spöttisch, weil ich anderen helfe und dann springt er wieder ein, wenn mich die anderen ärgern. Irgendwie scheint er nicht ganz zu wissen, was er will.
„Ach lass mich doch in Ruhe, James.“
Ich drehe mich weg und bin mit ein paar Schritten bei Maja. Maja laufen bereits die Tränen übers Gesicht. Was auch immer Gina zu ihr gesagt hat oder eine ihrer zwei Zickenfreundinnen, sie haben mal wieder einen wunden Punkt getroffen. Ich lege den Arm um Maja und streichle ihr über den Rücken.
Irgendwie fühle ich mich seit einiger Zeit von James immer beobachtet, dabei kann ich gar nichts sagen, er war eigentlich immer ok zu mir. Er mir in letzter Zeit unheimlich geworden, seine Augen haben immer so einen seltsamen Glanz. Wann immer ich mich umdrehe, steht er nicht weit entfernt und schaut schnell weg.
Seit einigen Monaten sage ich öfters mal komische Sachen, es ist immer gerade so, als ob ich erst anfange zu sprechen und dann zu denken. Eine ganz blöde Sache, oftmals echt peinlich. Ich weiß auch nicht, ob das was mit dem Alter zu tun hat. Normalerweise gebe ich schon die richtigen Antworten aber zurzeit… Wenn mich jemand was fragt, werde ich rot. Ich fühle mich total verunsichert. Als wenn ich nicht im rechten Körper stecke. Es ist echt eine unangenehme Sache. Ob es anderen auch so geht?
Steve scheint sich genauso zu fühlen, wahrscheinlich redet er deshalb nichts: Er war zwar schon immer still, aber seit einigen Monaten sagt er überhaupt nichts mehr. Er ist einfach nur noch der Schatten von James.
Und Nick, der ist auch irgendwie kratzig geworden, ich weiß auch nicht, wie ich das besser erklären soll. Sonst haben wir immer noch auf dem Pausenhof Fangen gespielt und Nick war ganz nett zu mir, ein lustiger Typ, dunkelhaarig, sonnig, mit lustigen Sommersprossen, immer ein Grinsen im Gesicht und ein Glitzern in den Augen. Doch jetzt scheint er sich in sich nicht mehr ganz so wohl zu fühlen, er ist ein wenig distanziert geworden und so cool, dass er nicht mehr auf einen zugehen kann.
James war schon immer anders, eigentlich nett und aufmerksam, ein James eben, aber er hat sich auch schon immer angeschlichen. Er hat unauffällige, aschblonde Haare und eine helle Haut. Er sieht ein bisschen langweilig aus, fast unscheinbar. Es fällt kaum auf, dass er auch da ist. Das passt aber auch zu seinem Heranschleichen.
Wir haben Mathe-Epoche. Ich versuche, mich auf die Zahlen zu konzentrieren, da sollten mich die anderen Gedanken nicht so leicht überfallen können. Doch von wegen, kaum hat Mister Eagle angefangen sein neues Thema vorzustellen, überfallen mich schon wieder die nächsten Gedankenströme. Der Traum schwappt über mich, macht mich genauso hilflos, als wäre ich direkt im Traum. Schemenhaft blitzen Bilder auf. Das muss doch mal ein Ende haben! Selbst im Unterricht kann ich das nicht von mir abschütteln. Ich konzentriere mich auf die Subtraktionsrechnungen und versuche, die Bilder abzuschütteln. Wieder sehe ich den Nebel von mir und diese Katze. Sie schleicht um meine Beine, diesmal will sie nicht, dass ich ihr folge. Sie ist so deutlich, dass ich zweimal hinschauen muss, ob sie echt ist oder ein Schatten aus meinem Traum. Dann blitzt plötzlich im Hintergrund eine Gestalt in einer dunklen Kutte auf, ich zucke zusammen.
Ich reiße mich zusammen und bin bei meiner Aufgabe, rechne. Was ist noch mal 8 - 6? ,Mensch Nimue, konzentriere Dich. Das kann doch nicht so schwer sein!' Ich höre den Gong, diese dunkle Glocke. Kurz schließe ich meine Augen, im Hintergrund sehe ich den Schatten eines Priesters vorbeigehen. So undeutlich wie ein Scherenschnitt im Nebel.
Ich öffne schnell meine Augen wieder. ‘Das kann doch nicht sein, also, nochmal. 8 - 6, ok: 2. Nächste Aufgabe: 5 - 3, nochmal eine… Was riecht da plötzlich so? Es riecht modrig. Ich weiß sofort, was das ist, das ist der Geruch aus dem Traum. Leichter Moder und - Weihrauch. Wieder ein Puzzleteilchen.
So kann das nicht weitergehen, ich muss mich auf die Schule konzentrieren! Ich hatte schon im letzten Schuljahr das Gefühl, nicht immer ganz mitzukommen. Und jetzt kommt diese komische Träumerei dazu.
Ich muss dringend mit Mama reden, sie kann mir bestimmt helfen.
Das Traumbuch
Erschrocken fahre ich zusammen. Was war das? Ich schaue mich um, horche, doch es ist wieder still. Ich konzentriere mich wieder auf mein Buch und schreibe weiter in meinem Tagebuch. Seit mittlerweile fast acht Wochen habe ich jede Nacht diese dunklen, traurigen und beängstigenden Träume. Sie sind inzwischen klarer, so real. Als wäre ich wirklich dort und wäre kilometerweit gerannt. Manchmal wache ich morgens auf, völlig außer Atem, mit wirrem, feuchtem Haar und fühle mich gehetzt, habe müde Beine und bin total verschwitzt. Über den Tag bin ich dann verkrampft und habe heftigen Muskelkater. Ich kann mir das einfach nicht erklären. Was passiert da mit mir?
„Liebes Tagebuch … „ immer wieder überlege ich, ob ich so einen Satz tatsächlich in mein Tagebuch schreiben soll. Aber wie soll ich denn sonst anfangen? Eigentlich ist das Tagebuch ja schon eine Art Vertrauter. Eigentlich ein richtiger Freund. Dann würde es ja passen. Also setze ich ein Komma hinter mein “liebes Tagebuch” und schreibe weiter.“ Meine Träume werden immer intensiver, der Nebel zu real, so, dass ich ihn noch fühlen kann, wenn ich morgens meine Augen aufschlage. Das ist echt unheimlich. Fast erwarte ich, diesen dicken dichten Nebel um mich herum und bis in mein Bett fließen zu sehen, wenn ich die Augen öffne. Gott sei Dank ist das nicht der Fall. An viel mehr kann ich mich nicht erinnern, nur an Momentaufnahmen: Zwar jeden Tag eine Momentaufnahme mehr, aber das war‘s auch schon. Heute Nacht zum Beispiel habe ich einen schwarzen Raben fliegen sehen. Er hat sich direkt mir gegenüber auf eine Steinmauer gesetzt und mir direkt in die Augen geschaut. Das war richtig gruselig. Dann weiß ich nur noch, dass er seine Schwingen ausgebreitet hat und wieder weggeflogen ist. Jeden Tag sehe ich die schwarze Katze, die um meine Füße streicht. Weit im Hintergrund sehe ich Gestalten in dunklen Kutten, sicher bin ich mir aber nicht.
Ich ahne nur, dass dort eine Menschengruppe ist. Es ist so dunkel, so schwarz, aber da bewegt sich etwas und es grummelt. Nur diese eine dunkle Gestalt, die sich in der Ferne erhebt wie ein Priester, dunkel gewandet mit einer großen schwarzen Kapuze und einem weiten schwarzen Mantel, ich kann ihn nur schemenhaft erkennen. Mehr weiß ich nicht.“
Ich schaue auf und überlege, was mir noch einfällt. Doch vielmehr ist es wirklich nicht, es bringt mich fast zur Verzweiflung, dass ich hier nicht weiter komme und ich gerate schon in Versuchung, doch mal in Mamas Bett zu schlafen. Vielleicht ist es in einem anderen Bett besser. Ich schreibe weiter:
„Das meiste vergesse ich bis zum Aufwachen, aber das Gefühl bleibt. Ein dumpfes Gefühl von Traurigkeit und Angst, etwas, das mich gedanklich den ganzen Tag beschäftigt. Und dann blitzen da immer wieder diese zwei Gesichter auf. Ich kann sie nicht erkennen, ich weiß nur, dass dieses eine Gesicht bildschön ist, mit goldenen welligen Haaren und einer zarten Figur. Sie sieht fast aus wie eine Figur aus einem Märchen. Sie führt nichts Gutes im Schilde. Ihre Augen erkenne ich nicht und ihre Gesichtszüge nur verschwommen, wie durch einen Nebel. Sie spricht zu mir, doch ihre Stimme dringt nicht bis zu mir durch. Jede Nacht begegne ich ihr und nie kann ich mehr von ihr sehen. Doch das Gefühl, dass sie mich in etwas hineinzwingen möchte, was ich nicht will, wird immer klarer.
Die andere Gestalt kann ich noch weniger erkennen. Es muss eine männliche Person sein, jung und mit dunklen Haaren. Ein Gesicht sehe ich nicht. Ich erinnere mich an Dämmerung, alte Häuser aus grauem, grobem Stein und dunklem, alten Holz. Es riecht rauchig und nach vielen Menschen. Doch ich sehe diese vielen Menschen nicht, wo sind sie? Kann mir niemand helfen? Ich bekomme Panik, wo bin ich? Wo soll ich hin? Ich drehe mich um, schaue um mich, nehme nur schemenhaft meine Umgebung wahr. Die Gassen scheinen enger zu werden, alles wirkt eng und scheint mich zu erdrücken. Da, ganz hinten in der engen Gasse ist es heller als in den anderen Gassen. Und ich kann schemenhaft jemanden ausmachen. Ganz in der Ferne winkt mir jemand zu, bedeutet mir, ihm zu folgen. Jede Nacht versuche ich verzweifelt zu sehen, wer da steht. Ich kann die Gestalt nicht erkennen, doch spüre ich, dass sie mir helfen will. Die Gestalt wirkt anmutig, schlank und groß mit dunklen Haaren. Es ist ein Junge oder ein junger Mann. Er ist die Lösung, das spüre ich, doch ich habe nicht die Kraft, mich in seine Richtung zu bewegen. Hinter ihm ist es hell, wie nach einem Gewitter, das am Himmel noch wirkt, aber bereits abzieht. Und ganz weit in der Ferne, sehe ich den rotgoldenen Sonnenuntergang. Es ist wie eine Erlösung. Ich drehe mich zu ihm um und will in diese Richtung gehen, doch ein unsichtbarer Sog hält mich fest und dieses bildschöne Mädchen stellt sich mir in den Weg…
Nebelschwaden und der Geruch von Weihrauch und Moder umgeben mich. Aus dem Augenwinkel sehe ich ganz in meiner Nähe die Gestalt eines Halbwüchsigen in einer dunklen Kutte, sein Gesicht ist vollkommen in der Kapuze verborgen, so dass ich ihn nicht erkennen kann. Von ihm geht eine unheimliche Kälte aus. In der Ferne hinter ihm eine größere Gestalt in einer ebenfalls schwarzen Kutte. Ich fühle mich von beiden bedroht. Obwohl ich nur daran denke und versuche, mich zu erinnern, überfällt mich wieder die kalte Angst, die mich nachts so oft schweißgebadet aufschrecken lässt.
Das Schlimmste ist aber, dass die Träume tagsüber weitergehen. Die Träume hören nicht auf, wenn ich aufwache, den ganzen Tag ist es, als verbindet sich der Traum mit der Wirklichkeit. Ich sehe die dunklen Gestalten schemenhaft aus dem Augenwinkel, wenn ich mich aber umdrehe, ist da nichts, es weht der Geruch von Moder und Weihrauch an meiner Nase vorbei, aber das kann ich ja nicht greifen. Und manchmal höre ich die dunkle Glocke schlagen. Das alles ist wirklich nicht sehr cool.”
Diese Bilder gehen mir wieder und wieder durch den Sinn und ich versuche, die richtigen Worte zu finden, um es aufzuschreiben. So viel wie möglich davon in Worten festzuhalten, so, dass die Erinnerung vielleicht wiederkommt. Ich spreche mit Mama über die Träume. Mit ihr kann ich immer über alles reden, sie hört mir zu und weiß immer Rat. Sie glaubt mir und ermuntert mich, ihr mehr zu erzählen. Seit sie mir das Tagebuch geschenkt hat, sitze ich wirklich jeden Tag an meinem Schreibtisch und schreibe alles auf, woran ich mich erinnern kann. Es ist dann damit tatsächlich auch ein wenig aus meinem Kopf, jedoch nicht ganz.
„Ach Mama, das Schreiben tut wirklich gut. Das hätte ich nie gedacht. Mein Kopf leert sich etwas. Die Träume werden nicht besser, aber sie werden ein wenig klarer und vielleicht kann ich irgendwann mal verstehen, was sie bedeuten.”
„Siehst du, dann hat es ja doch geholfen. Ich war mir erst gar nicht so sicher, habe das aber echt für eine gute Idee gehalten und dachte, das könntest du mal probieren. Sonst hätten wir sicher auch noch eine andere Lösung gefunden.“
„Ja weißt du, es ist so unheimlich, manchmal weiß ich gar nicht genau, wie ich aus dem Traum wieder rauskommen soll.”
Die Alpträume plagen mich wirklich und ich bin mittlerweile so energielos, dass ich schon wieder urlaubsreif wäre. Am Schreiben jedoch habe ich mittlerweile wirklich Gefallen gefunden, es macht mir richtig Spaß. Manchmal sitze ich über eine Stunde an meinem Tagebuch und schreibe, male teilweise Bilder hinein.
„Willst du vielleicht lieber bei mir schlafen? Zumindest so lange, bis deine Träume sich wieder normalisiert haben. Für mich ist das kein Problem, ich habe jetzt Platz genug im Bett.“
Dabei grinst sie etwas schief. Kurz schweifen meine Gedanken zu Papa ab. Ob er ihr wohl fehlt? Ich will sie jetzt nicht danach fragen. Eigentlich hat er eh meist auf dem Sofa geschlafen.
„Nein, ist schon in Ordnung. Ich fühle mich ja wirklich wohl in meinem Zimmer. Ich weiß nur nicht genau, wie ich das verstehen kann, dass diese Träume nicht aufhören. Jeden Tag ist es ein bisschen klarer, aber bis zur totalen Klarheit fehlt noch ganz schön viel.“
Mama nickt, was soll sie auch dazu sagen?
Ich nehme also meinen Stift wieder in die Hand, schreibe meinen Satz zu Ende und schaue, was ich die letzte halbe Stunde geschrieben habe. Es war nicht so viel, es fällt mir so schwer, mich zu erinnern und dann weiß ich nicht recht, wie ich es erzählen soll. Es ist fast so, als wollte jemand, dass ich mich nicht erinnern kann. Die Gedanken waren einfach oft nicht zu greifen und das Geschehene so schwer zu beschreiben. Ich bin gerade fertig mit lesen, als ich wieder dieses Geräusch höre. Ich kenne es irgendwoher, doch kann ich es nicht zuordnen. Ich hatte das ganz sicher schon gehört. Genervt stehe ich auf, schiebe meinen Stuhl zurück und gehe aus dem Zimmer, um dem Geräusch nachzugehen. Es ist fast wie ein Klopfen an der Tür, begleitet von einer tiefen Glocke.
Draußen auf der Terrasse sitzt Parcival auf dem Holzboden. Auf seinem Schoß sein neuer kleiner Hund Pim, den er vor ein paar Tagen draußen gefunden hat. Die beiden sind seitdem ein Herz und eine Seele. Der kleine Hund, ein Golden Retriever, vielleicht 15 Wochen alt, versucht, den Stock zu erreichen, den Parcival hoch in die Luft hält. Der Stock knallt dabei gegen das Windspiel, das laut klingelt. Dann saust der Stock auf den Holzboden der Terrasse und verursacht dabei ein Klopfen. Der Hund freut sich, wedelt wie wild mit dem Schwanz und hüpft wie ein Gummiball auf und ab. Dann schaut er wieder mit seinen dunklen Knopfaugen und schräg gelegtem Kopf zu Parcival. Mein kleiner Bruder nimmt den kleinen Hund in den Arm und steckt seine Nase in sein Fell. Es ist ein süßes Bild und ich verharre still in der Türe, um den beiden zuzuschauen. Parcival hat eine dunkelrote Stoffhose an und ein blau gestreiftes Langarmshirt. Socken trägt er keine, wie immer. Die braunen, langen Haare liegen ihm verwuschelt um den Kopf und seine tiefblauen Augen blitzten abenteuerlustig.
Das Bild um ihn herum ist harmonisch, wie ein Rahmen. Die großen roten Pflanzkübel aus Terrakotta, entlang der keltisch anmutenden Metallbrüstung, waren schon für den Herbst vorbereitet. Die meisten sind bereits ohne Pflanzen, da wir die Tomaten und Gurken, Zucchini und Auberginen und alles andere schon gegessen haben. Die Reste der abgeernteten Pflanzen sind auf dem Kompost und die Erde liegt blank und dunkel in den großen Töpfen. Einige Tröge sind jedoch noch voller Kräuter und Blumen. Mama liebt frische Kräuter, zum Kochen, im Salat, auf dem Tisch, im Garten, auf dem Balkon, einfach überall und die Blumen und Heilkräuter verwendet sie, um erst einmal Öl und dann Salben daraus zu machen. Mama macht immer irgendetwas, sie scheint nie still zu stehen oder zu sitzen.
Um den großen Holztisch stehen ordentlich die 12 Stühle, ebenfalls aus Holz. Auf ihnen liegen bunte Kissen und auf dem Tisch steht ein kleiner Strauß mit Kräutern und bunten Blumen und eine gläserne Laterne mit einer großen hellen Kerze darin.
Der cremefarbene Sonnenschirm ist aufgespannt, auf den kleinen Säulen der Balkonumrandung stehen Laternen mit angezündeten Kerzen darin und im Hintergrund stehen ruhig die Bäume im Licht der abendlichen Herbstsonne. Ich bin so in den Anblick vertieft, dass alle Genervtheit und Anspannung von mir abfällt. Parcival ist so in seinem Spiel gefangen, dass er mich nicht bemerkt. Eigentlich will ich ja was sagen, aber das kann ich nun echt nicht mehr. Die beiden sind so lieb miteinander, dass es eine echte Freude ist, ihnen zuzuschauen. Pim, der kleine Hund, springt von Parcivals Schoß und huscht dann zu mir. Was für ein süßes Kerlchen. Er hüpft an mir hoch, gerührt bücke ich mich zu ihm hinunter und streichle ihm über den Kopf. Wir alle waren sofort in ihn verliebt gewesen, als Parcival ihn gefunden hat. Als wir dann niemanden fanden, dem er gehört, haben wir einen Namen gesucht. Mama hat gerade ein Buch gelesen, das wieder einmal so spannend war, dass sie dauernd davon redete. Und geschrieben hat es ein Pim van Lommel. Wir fanden den Namen so cool, dass wir den Hund genauso nannten. Schon nach ein paar Tagen ist aber einfach Pim übriggeblieben.
Es ist keine Seltenheit, dass Parcival ein Tier mit nach Hause bringt, ein verletztes Eichhörnchen, einen aus dem Nest gefallenen Raben, kleine Mäuse und auch die eine oder andere junge Katze. Doch dieses Mal war es ein richtig echter Hund. Das ist natürlich etwas anderes, denn so einen Hund kann man ja nicht mehr in die Natur zurückschicken, wenn er groß und gesund ist. Mama wollte noch nie einen Hund haben und so suchten wir alle erst einmal mehr oder weniger intensiv nach dem Besitzer. Parcival hoffte natürlich sehr, dass es keinen Besitzer gibt und die Geschwister standen hinter Hund und Parcival. So gab es zuerst ein großes Bangen, wem der Hund wohl gehört. Doch so wie es aussah, wurde der Hund ausgesetzt, denn niemand meldete sich und so durfte Parcival nach einigem Hin und Her den Hund behalten.
Ich setze mich zu den beiden auf den Holzboden und beobachte sie beim Spiel. Pim hüpft wieder auf Parcivals Schoss und stupst weiter nach dem Stock. Parcival hat mittlerweile aufgehört, gegen das Windlicht zu schlagen und krault den kleinen süßen Kerl hinter den Ohren.
„Kinder, das Essen ist fertig, es gibt Abendessen, bitte wascht euch die Hände und kommt zum Tisch.“
Was, schon wieder Abend? Plötzlich merke ich, dass ich doch ziemlich Hunger habe. Ich stehe auf, gehe ins Bad und wasche mir die Hände. Nicht ganz ungestört, denn da stehen schon meine anderen Geschwister. Der kleine zweieinhalb-jährige Lancelot mit seinen großen, tiefgrünen Kulleraugen und seinen verwuschelten dunkelblonden Haaren, steht auf einem Schemel am Waschbecken und versucht, zum Wasserhahn hochzugelangen. Dabei läuft ihm das Wasser die Ärmelchen entlang und macht seinen Pulli ganz nass. Morgana, meine große Schwester nimmt ihn hoch und hilft ihm, sich die Hände und das Gesicht zu waschen. Dabei fallen ihr die langen hellbraunen, fein geflochtenen Zöpfe ins Gesicht, die sie sich regelmäßig von ihren Freundinnen flechten lässt. Sie liebt es, die kleinen herumzutragen und sich von ihren Babyärmchen umarmen zu lassen. Morgana wird von hinten geschubst, sie faucht nach hinten „Kannst Du nicht aufpassen?“
Dabei scheinen ihre grünen Augen zu sprühen. Es ist Arthus, der sich dazwischen drängelt. Morgana ist etwas empfindlich, manchmal eine richtige Zicke. Aber das kommt bestimmt daher, weil sie jetzt in die Pubertät kommt. Zumindest murmelt das Mama manchmal vor sich hin. Arthus lässt das völlig unbeeindruckt. Er ist eher der stillere Typ. Mit seinen von der Sonne ausgebleichten blonden langen Haaren schaut er sie aus grünbraunen Augen eher belustigt an. Die zwei haben immer irgendeine Zickerei miteinander. Arthus findet es cool, wenn seine große Schwester so explodiert. In der Tür steht lässig Camelot, der große Bruder und beobachtet die Szene. Er ist immer gelassen und ruhig. Ich habe ihn noch nie schreien gehört. Unser ruhiges Element in der Familie ist immer um uns herum und scheint alles auszugleichen, indem er einfach nur da ist. Er beugt sich zu Gwynwifahr, der kleinsten, die zu seinen Füßen sitzt, und sich mit einem Waschlappen die Hände und das Gesicht wäscht. Sie kommt noch nicht ans Waschbecken hoch, weiß sich aber immer zu helfen. Camelot nimmt sie hoch und wuschelt ihr durchs blonde lockige Haar. Sie lacht und vergräbt ihre kleinen Händchen in Camelots fast schwarzen dichten Haaren.
Die zwei Kleinen brauchen noch viel Hilfe. Lancelot ist erst zweieinhalb und fängt gerade an zu plappern. Er ist ein kleiner Herzensbrecher, charmant, zuckersüß, und natürlich total frech. Lancelot wird von uns allen heiß geliebt. Er schaut nachdenklich aus seinen tiefgrünen Augen, die von verwuschelten dunkelblonden Haaren umrahmt sind.
