Ninon de Lenclos - Eugen de Mirecourt - E-Book

Ninon de Lenclos E-Book

Eugen de Mirecourt

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Beschreibung

»Mein Name ist Ninon de Lenclos. Ich war Kurtisane und Saloniére im Frankreich des 17. Jahrhunderts und galt als Meisterin des geistvollen Gespräches. An meinen JOURS teilzunehmen, galt als große gesellschaftliche Ehre. Ich legte wert auf meine Unabhängigkeit und hatte unzählige Liebhaber. Dies ist die Geschichte meines Lebens“ Ninon de Lenclos gilt in Frankreich als eine der herausragendsten Frauen des 17. Jahrhunderts. Dieser klassisch-historische Roman nimmt uns mit ins Frankreich von Ludwig XIV. und wurde sprachlich modern bearbeitet und stilistisch ins Moderne übertragen.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Saint-Evremond an Ninon de Lenclos

 

»London, 26. August 1685.

 

Sie fordern mich auf, nach Frankreich zurückzukommen, meine liebe Ninon. Ach, was soll ich dort? Ich bin 72, ich werde schwach, obendrein grillig, wie mir viele vorwerfen: es geht mir eben wie allen alten Leuten. Sie würden mich wohl gar nicht wiedererkennen. Da möchte ich doch meinen Freunden lieber die Erinnerung an mich lassen, als ihnen meine Person zurückbringen. Können sie dadurch nur gewinnen, so werde ich nichts dabei verlieren. Außerdem bin ich hier unter Leuten, die an die Wolfsgeschwulst gewöhnt sind. Warum soll ich mich für die Pariser zum Gelächter hergeben, indem ich vor ihren Augen den bizarren Auswuchs spazieren trage, den die Natur mir mitten ins Gesicht zu setzen geruht hat, so recht auf die Nase. Mit dem zunehmenden Alter hat er sich ins Fabelhafte entwickelt, so dass ich sagen kann, ich trage wie Atlas die Welt, nur nicht auf den Schultern.

Wenn sie an mich denken, so stellen sie sich Saint-Evremond vor, den sie vor dreißig Jahren gekannt haben, wie auch ich meinerseits nur an die Ninon von einst denken will.

Ach, wie bewundernswert waren sie, meine Liebe! Welcher Wuchs voll Adel, Anmut und Üppigkeit! Welche göttlichen Reize, welche sieghaften Vorzüge, in der gleichen Frau vereinigt! Ihrem Gesicht mangelt ein wenig die Regelmäßigkeit; aber der Beobachter konnte darin Annehmlichkeiten aller Art entdecken, Feinheiten, um deren willen man ihm vor den korrektesten und blendendsten Angesichtern den Vorzug gab.

Ihr Teint war weiß, Ihre Haute zart und glatt, Ihr Bein von eleganter Form und großer Feinheit. Sie hatten kastanienbraunes Haar von wunderbarer Fülle, Ihre Augenbrauen standen hübsch voneinander, Ihre Wimpern waren lang. Und was hatten Sie nicht noch, teure Ninon? Große, schwarze Augen von rührendem Ausdruck, eine wohlgeformte Nase, kirschrote Lippen, ein mit Grübchen geschmücktes Kinn, einen hübschen Mund und ein süßes Lächeln; schöne Zähne, schöne Arme, schöne Hände, einen zu Herzen gehenden Klang der Stimme, einen zugleich offenen, stolzen und zärtlichen Gesichtsausdruck; eine muntere, manierliche und anständige Miene; viel Lieblichkeit des Charakters, Anmut in allen Bewegungen und Esprit gleich einem Engel.

Dies, meine Teure, ist die Ninon, die ich gekannt habe; und man versichert mir, ich würde sie heute noch ebenso finden; aber ich zittere davor, mich durch den Augenschein zu überzeugen. Denn dies erscheint mir wundersam und jenseits der Grenzen des Möglichen.

Bemühen Sie sich also nicht, das über mich verhängte Urteil aufzuheben. Es ist für mich klüger, mit meinen schönen Illusionen der Vergangenheit im Exil zu bleiben, als mich da drüben der Gefahr einer niederschmetternden Wirklichkeit auszusetzen. Lassen Sie mich nur in Gedanken, nur in Erinnerung Ihr anbetungswürdiges »retiro« hinter dem Königsplatz wiedersehen, wo wir so süße Stunden verlebt haben und wo die Königin des Esprits und der Schönheit allabendlich ihren Hofstaat um sich sah. Nach der langen Abwesenheit habe ich doch, was Sie betrifft, nicht den geringsten Umstand vergessen; die Vorwürfe Ihres letzten Briefes treffen mich nicht; statt in meinem Herzen die Erinnerung zu verringern, hat die Zeit sie vielmehr noch fester wurzeln lassen.

 

Soll ich Ihnen dies beweisen?

 

Unser Verkehr ist mir noch in allen Einzelheiten gegenwärtig. Ich sehe Ihre Wohnung in der Rue des Tournelles vor mir, ein anständiges, behagliches Häuschen, mit zwei separierten Zimmern, von denen eins auf die Straße, eins auf den Boulevard hinausführt. Im ersten Stock lag ein sehr großer, schöner Salon, wo sie Ihre Besuche empfingen und der auch als Gesellschaftszimmer diente. Diese Gesellschaft fand sich um fünf ein und ging um neun. Der Salon hatte keine Tapeten; die Wände waren mit Goldfäden besponnen. Man sah dort die Bildnisse Ihrer hervorragendsten Verehrer, Ihrer teuersten Freunde, mehrere Gemälde großer zeitgenössischer Maler, das Klavier und die Bibliothek. Polstersessel waren nur für die Damen da, die Herren nahmen Platz auf Stühlen, deren Lehnen mit schwarzem Maroquin beschlagen waren.

Im Hintergrund des zweiten Gemachs führte eine Tür in ein Zimmer, das üppiger ausgestattet war als alle anderen: das Boudoir. Sie hatten es mit Spiegeln in Holzgetäfel verzieren lassen und auf diesen Holztäfelungen waren in Malerei die galantesten Abenteuer der Mythologie dargestellt. Auf dem Plafond spielte sich die ganze Geschichte der Psyche ab, rechts umarmten sich Mars und Venus, links raubte Jupiter die Europa und der Hirt Paris betrachtete die drei Göttinnen und schien – darüber sind wir uns einig – seit er sie gesehen hatte, überhaupt nicht mehr zu wissen, wem er den Apfel geben soll. In diesem üppigen Asyl erinnerte nichts an den Zwang der Liebe; Sie verbannten ihn andauernd und alles atmete selbst in den Malereien die glückliche Liebe.

Also, was sagen Sie, teure Ninon? Stimmen meine Erinnerungen?

Wenn die Gesellschaft wenig zahlreich war und Ihrem Geschmack entsprach, dann geruhten Sie uns im zweiten Gemach zu empfangen. Dort waren Polstersessel für alle; man plauderte; Sie belebten die Konversation durch das Feuer Ihres Esprits, durch den Glanz Ihrer Fantasie. Ihr Geplauder war wie ein Feuerwerk, das uns in einem Augenblick hundert Bilder darstellte – eines immer launiger als das andere. Jede Ihrer Redewendungen war entzückend und schien Innigkeit des Ausdrucks von Ihrer warmblütigen Natur zu entlehnen. Ihre Stimme, ja Ihr bloßer Atemzug entfachten das Begehren. Fügen Sie den zärtlichen Frohsinn hinzu, das flottestes Scherzen, die kleinen Spielereien der Koketterie, die verführerischen Reize, die das Verlangen, zu gefallen, einer an sich schon hübschen Frau in die Hand gibt und Sie können sich den Eindruck vorstellen, den Sie gemacht haben. Ich habe niemals behauptet, Sie seien vollkommen; aber eben Ihre Unvollkommenheiten waren voll »Charme«. Sie waren stets Feuer und Flamme für alles, was nach Ihrem Geschmack war, begeistert für die geringsten Dinge, die Ihnen nahegingen, andererseits aber kalt, schwerfällig, träge, wenn Ihre Seele unberührt blieb. Sie waren leichtfertig in Ihren Verpflichtungen, unbeständig in Ihren Liebschaften, ordentlich in Geschäften, närrisch in Ihren Zerstreuungen; dabei aber immer graziös, immer schön, immer anziehend und immer geliebt.

Sie hatten die Gewohnheit, die Laute zu spielen und dies taten Sie bei den Zusammenkünften Ihrer intimen Freunde mit solcher Vollendung, dass wir entzückt waren. Sie legten allen Esprit, ja Ihre ganze Seele in das Instrument. In diesen Stunden, meine Teure, hat man Sie nicht nur geliebt, sondern angebetet. Sie waren der Mittelpunkt unserer Freuden; wir bewegten uns unablässig um Sie her, wie die Schmetterlinge um das Licht schweben. In der Stadt wie bei Hofe gab man uns deshalb den Namen »die Falter von Tournelles«. Ich weiß auch, dass eine Menge von unholden Geistern Sie als Kurtisane betrachteten: das sind Kröpfe oder Narren. Für die Leute von Geist und Sinn waren Sie eine Leuchte des Jahrhunderts. Wenn diese Leuchte von der Hand Amors gehalten wurde, so geschah dies, um sie desto heller, allen sichtbar, erstrahlen zu lassen.

 

Sie haben – das steht heutzutage fest – so viel Einfluss auf die Gesellschaft gehabt und so viel Wertschätzung in der vornehmen Welt gefunden, dass nicht nur berühmte Männer aller Art, sondern auch Frauen von höchstem Rang den Wunsch gehegt haben, bei Ihnen Eingang zu finden. Naturgemäß sind Sie dann die Geliebte der ersteren und die Freundin der letzteren geworden.

Ihr Boudoir ist der Brennpunkt, wo der Ruhm, das Genie, die hohe Geburt sich versammeln und sich vergnügen. In einem Jahrhundert, wo alles durch Schranken getrennt ist, wie Etiketten, Klasse und Rang schwerwiegende Dinge sind, verkünden Sie die Ebenbürtigkeit kraft des Geistes. Sie verlangen von Ihren Gästen nicht, dass sie Herzöge oder Marquise sind, sondern nur, dass sie gefallen und liebenswürdig sind.

Wissen Sie, meine liebe Ninon, Sie sind in Wahrheit das Haupt einer Sekte. Sie predigen die Religion des Geschmacks und gleichzeitig die Religion der Wonne. Fürchten Sie nichts, Ihre Jünger werden allzeit zahlreich sein.

Die glorreichen Siege der ersten Regierungsjahre Ludwigs XIV. werden jetzt durch einen schmachvollen Frieden entehrt; der Rigorismus, die Pedanterie der Witwe Scarrons ist auf den galanten Hof der Lavalliéres, der Montespan, der Fontanges gefolgt. Ehedem war Ihr Salon im Wettstreit mit dem von Versailles. Verlieren Sie nun nichts von der eroberten Stellung, entwickeln sie jetzt doppelt Esprit und Geschicklichkeit, damit nicht auch in Paris der unglückliche Einfluss die Oberhand gewinnt, den die alte Mätresse des Königs ausübt.

Die Rue des Tournelles möge den Kampf gegen Saint-Ehr aufnehmen. Der düsteren Tracht, dem Schleier der Trübsal und Strenge, in den die Frömmlinge von Versailles sich einhüllen, setzten Sie Ihre lachende Grazie und die leichtlebige Moral Epikurs entgegen! Wenn unsere Zeitgenossen Ihren Bemühungen nicht gerecht werden, die Nachwelt wird Sie Ihnen hoch anrechnen.

Nur vergessen Sie über all diesen ernsthaften Beschäftigungen nicht ganz Ihren alten Freund, dessen Herz Ihnen bis auf diesen Tag nachgegangen ist und Ihnen bis zu der Stunde nachgehen wird, da es zu schlagen aufhört. Machen Sie mich auch weiter zu Ihrem Vertrauten, wie ich es ehemals gewesen bin. Auf diese Weise könnten wir immer zusammenbleiben. Da ich nicht zu Ihnen komme, so kommen Sie doch zu mir! Lassen Sie Ihren Geist die Entfernung überfliegen und mich in meinem Exil trösten! Sagen Sie mir noch einmal, was ich schon weiß, und vergessen Sie nichts von dem, was ich noch nicht weiß. Zeigen Sie sich, wie Sie sind, mit Freimut und ohne Verstellung. Ich bürge Ihnen, die Geschichte, die ich schreiben werde, soll ganz dem Urteil entsprechen, dass ich mir über Sie gebildet habe.

Sie sehen, liebe Ninon, es ist viel Eigennutz und Eigenliebe in dem Ansinnen, dass ich an Sie richte, doch, glauben Sie mir, auch ebenso Empathie und aufrichtige Freundschaft. Ich erwarte Ihre Entscheidung, der ich mich im Voraus unterwerfe und sende Ihnen tausend Kusshände.

 

Saint-Evremond«

 

Antwort Ninon de Lenclos an Saint-Evremond

 

»Paris, 15. September 1685.

 

Also entsagen Sie Frankreich, mein armer Freund: das ist hart für die, die Sie gernhaben. Ich werde über Ihre Gründe nicht richten, obwohl sie mir kaum triftig erscheinen. Hienieden lebt eben jeder für sich, jeder schafft sich sein Glück, so gut er´s versteht. Eine Freundschaft, die durch Ratschläge lästig wird, ist eine falsche Freundschaft. Leben Sie daher von Erinnerungen. Ziehen sie sich zurück in die Vergangenheit, da Sie Furcht haben, der Gegenwart die Stirn zu bieten. Immerhin muss ich Ihnen aber sagen, Sie sind ungerecht gegen sich selbst. Was macht es aus, dass der Leib zerfällt, wenn sich nur der Geist über den Trümmern hält und nichts von seiner Kraft verloren hat? Das ist mir eine nette Koketterie, was Sie da treiben. Nur hätten Sie die meine berücksichtigen sollen, statt die Mitteilungen in Zweifel zu ziehen, die Ihnen zugegangen sind. Denn diese Mitteilungen entsprechen den Tatsachen: ich habe noch nicht nötig, um meine Schönheit zu trauern. Jawohl! Glauben Sie an das Unmögliche, ärgern Sie sich darüber, oder zweifeln Sie an meinem Worte: ich habe darauf immer nur die eine Antwort zu geben: kommen Sie über die Meerenge und überzeugen Sie sich von der Wahrheit meiner Behauptung. Sie können getrost Ihre Lupe in die Hand nehmen: Sie werden nicht eine einzige Runzel an mir finden.

Verzeihen Sie mir, lieber Freund, dieses boshafte Wortspiel; allein Sie haben die weibliche Eitelkeit in mir gereizt und ich räche mich.

Ja, ich habe immer noch Anbeter. Es werden Ihrer sogar mehr und mehr. Die Erklärungen, die Seufzer nehmen kein Ende. Ich glaube allmählich, es steckt ein Teufelsspiel dahinter, und mich überläuft es kalt, wenn ich an die Unterschrift denke, die ich einstmals jenem schwarzen Menschen gegeben habe, von dessen seltsamem Besuch ich Ihnen erzählt habe. Sollte ich mich Luzifer verschrieben haben? Das wäre doch etwas Absonderliches, nicht wahr? Nun, auf gut Glück weiter!

Für Ihr Lob bin ich sehr empfänglich, allein mir scheint, es läuft dabei eine leise Übertreibung mit ein; ich glaube nicht, dass ich auf mein Jahrhundert den Einfluss habe, den Sie mir zuteilen. Es gibt Tage, da halte ich Einkehr bei mir selbst und finde mein Verhalten närrisch und sündhaft. Die philosophischen Gründe, auf die ich mich gestützt habe, als ich anders handelte als andere Frauen, erscheinen mir dann lediglich als Sophismen und Paradoxen. Ich zittere, dass ich doch auf dem falschen Weg sein könnte. Vielleicht gibt es eine Hölle und ich gehe schnurstracks auf sie zu. Ich fühle etwas wie Gewissensbisse. Wenn ich mit kaltem Blick die Freuden betrachte, denen ich alles geopfert habe, dann finde ich in ihnen eine grässliche Leere, eine unglaubliche Bitternis.

Und wenn das erste Zeichen einer neuen Wonne auftaucht, so verschwinden alle düsteren Gedanken. Meine Illusionen erwachen wieder, die Torheit hat abermals Macht über mich. Die Liebe, die mir blöde erschien, scheint mir aufs Neue die einzige Luft auf Erden, und ich bin Epikureerin wie früher.

Aus dem allem ergibt sich, mein Freund, dass es ziemlich schwierig ist, meine Geschichte zu schreiben. Ich habe nicht viel Lust, Ihr Ansinnen zurückzuweisen und es indiskret zu nennen. Glauben Sie denn nicht, dass ein Weib immer einen kleinen Winkel seines Herzens im Schatten lassen möchte? Sie aber wollen eine Gesamtbeichte von mir – das ist doch nicht so einfach. Ich habe Sie nämlich im Verdacht, Sie wollen dies eines Tages veröffentlichen. Bei der ersten Zeile, die ich mich zu schreiben anschickte, kamen mir Bedenken und eine innere Stimme rief mir zu: Unsinnige, was willst du tun? Fühlst du dich nicht schon schuldig genug? Weg mit der Feder! Hüte dich, erloschene Erinnerungen ins Leben zurückzurufen! Lass deine alten Sünden unter der Asche deines Jahrhunderts schlummern! Welche Kunde soll zukünftige Generationen aus dem Bericht, den du bereitest, schöpfen? Bildest du dir ein, diese Blätter könnten einen moralischen Lebenslauf darstellen, welcher geeignet wäre, die Jugend zu erbauen und ihr Liebe zur Tugend einzuflößen? Gewiss nicht! Du tust weit besser daran, über deine Verwirrungen einen Schleier zu breiten und den Rest deiner Tage der Reue zu weihen.

Was sagen Sie dazu, lieber Freund? Ist der Rat, den mir diese Stimme gibt, nicht heilsam? Vielleicht kommt er mir von oben.

Aber der Teufel, von dem ich – wer weiß weshalb – immer den Eindruck eines sehr konsequenten Logikers gehabt habe, nähert sich mir und spricht ganz leise: Gib acht, Ninon, gib acht! Es wimmelt auf der Welt von apokryphen Denkschriften, in denen man gar nicht schonend mit dir umgeht. Die Schmähungen mögen noch hingehen; aber die baren Verleumdungen solltest du keinesfalls dulden. Dass du schwach und wollüstig warst, weiß man, nun beweise, dass du niemals unzüchtig und falsch gewesen bist. Kurz, um allen Missdeutungen die Spitze abzubrechen, so offenbare doch nur ein paar Einzelheiten, entwirf doch wenigstens einige Schilderungen. Ist der Stoff auch nicht immer untadelig, so lass deine Feder keusch bleiben und man wird aus einem solchen Werk – das versichere ich dir – noch immer eine gute Anzahl nützlicher Lehren entnehmen können. Du würdest nicht nur deine Feinde zuschanden machen, sondern auch in vielen Punkten die Wahrheit der Geschichte darlegen.

 

Mein treuer, lieber Freund, der Teufel hat recht. Ich füge mich Ihrem Verlangen. Indem ich von mir spreche, werde ich gleichzeitig von allen und sogar von Ihnen sprechen. Ich werde Sie malen, wie ich Sie gesehen habe. Wenn das Gemälde nicht getreu ist, so klagen Sie meine Augen an, nicht mein Gewissen.

Was meine eigene Person anbetrifft, so bin ich auch nicht völlig sicher, ob ich immer bei der Wahrheit bleiben werde. Mein Herz ist eine Art Chamäleon: oft glaubt man es zu fassen und doch hält man nur einen Schatten in der Hand. Von verschiedenen Seiten betrachtet, bietet es auch ganz verschiedene Farben. Ich habe immer nur das Äußere eines Weibes gehabt – von Charakter und Geist bin ich Mann.

Für die Fehler des Weibes beanspruche ich daher von vornherein Nachsicht und Verzeihung. Ich werde Ihnen das Manuskript von Kapitel zu Kapitel schicken. Adieu, mein Freund! Lesen Sie, urteilen Sie und lieben Sie mich weiter!

 

Ninon«

 

 

Die erste Sorge eines Autors, der seine Memoiren beginnt, ist, bescheiden seinen Namen kundzutun. Ich heiße Anna de Lenclos. Geboren zu Paris im Jahre der Gnade 1612, in einem Häuschen des Notre-Dame-Viertels, kann ich mich meiner Kindheit nur dunkel erinnern. Mein Vater, ein biederer Ehemann aus der Touraine und Soldat mit Leib und Seele, war immer in der Schlacht, bald im Languedoc, bald unter den Mauern von La Rochelle, bald in Piemont. Ein unruhiger Geist, der sich aus Liebhaberei in tausend Händel stürzte, war er zu den großen Söldnerkompanien getreten, die seit Mahenne und der Liga allzeit bereit waren, sich in den Dienst des ersten, besten Tollkopfs vom Hofe zu stellen.

Mein Vater war von mittlerem Wuchs und von einnehmenden, gutmütigen Zügen. Zufrieden mit sich selbst und den anderen, hatte er ein lautes Soldatenlachen an sich, das lustig und ansteckend war und keine Melancholie in seiner Nähe aufkommen ließ.

Zu jener Zeit war kaum ein Krieg beendet, so fing auch schon ein neuer an. Im Feldlager zurückgehalten, konnte Herr de Lenclos uns nur sehr spärliche, kurze Besuche abstatten; aber so klein ich damals auch war, so habe ich doch von diesen Besuchen eine liebe Erinnerung. Ich wünschte immer den Augenblick herbei, wo er wiederkäme und mich mit Liebkosungen und Pralinen überschüttete, mich auf seinen Knien tanzen ließ, mit mir lachte, sang und sprang und mich seine kleine Ninon nannte. Wenn er da war, so glaubte ich einen heiteren Sonnenstrahl zu sehen, der plötzlich das finstere, trübselige Dasein erhellte, das ich mit meiner Mutter führte.

Madame Lenclos stammte aus der Familie der Abra de Raconis, die in der Gegend von Orléans bekannt sind. Mein Vater hatte sie mehr aus Standesrücksicht als aus Liebe geheiratet und daran hatte er unrecht getan; denn jede Ehe, bei der das Herz nicht mitspricht, macht schließlich aus einem der Gatten ein Opfer und gewöhnlich fällt diese Rolle der Frau zu. Als meine Mutter sah, dass ihr Mann sie nicht liebte, warf sie sich einer übertriebenen Frömmigkeit in die Arme. Sie ging täglich drei Mal in die Kathedrale zur Messe, betete mindestens acht-oder zehn Mal ihren Rosenkranz ab und ließ mich an all diesen Andachtsübungen teilnehmen, die fraglos sehr löblich waren, aber ein Kind meines Alters mit Überdruss erfüllen mussten. Es gelang ihr dabei nicht, ein frommes Mädchen aus mir zu machen, ich brachte im Gegenteil der Religion nur sehr wenig Interesse entgegen. In der Folgezeit bin ich denn auch stets nur aus Laune fromm gewesen und meine Launen waren nie von langem Bestand.

Lesen lernte ich an dem »Traktat über die Liebe Gottes« vom heiligen Francois de Sales und meine Schreibübungen waren Stoßgebete. Nach einem halbjährigen Unterricht schrieb ich an Herrn de Lenclos, der damals zu Tours in Garnison war, den folgenden Brief:

 

»Mein sehr geehrter Vater!

Ich bin elf Jahre alt, groß und stark; aber ich werde sicherlich krank werden, wenn ich noch länger allmorgendlich drei Mal zur Messe gehen muss, besonders zu der, die von einem dicken, von der Gicht geplagten Domherrn gelesen wird, welcher mindestens zwölf Minuten dazu braucht, um von der Epistel zum Evangelium zu kommen. Dabei müssen die Chorkinder auch noch hinter jeder Kniebeugung wieder aufstehen. Ebenso gut könnte einer der Türme von der Notre-Dame-Kirche am Altar stehen, er würde sich schneller bewegen und ich käme nicht so spät zum Frühstück. Ich versichere Ihnen, das macht mir sehr wenig Spaß. Aus Rücksicht auf die Gesundheit Ihrer einzigen Tochter ist es an der Zeit, diesen Zuständen ein Ende zu machen. Aber auf welche Weise, werden Sie mich fragen und wie dies anfassen? Nichts ist einfacher. Denken wir uns, der Himmel hätte Ihnen an meiner Stelle einen Buben beschert; dann dürfte ich von Ihnen, statt von meiner Mutter, erzogen werden, und jetzt würden Sie mich schon im Waffenhandwerk unterrichten und mich ein Pferd besteigen lassen, was mir weit besser gefallen würde, als die Küglein eines Rosenkranzes zwischen den Fingern zu drehen unter endlosem Herbeten des Ave, Pater und Credo. Kurz, dieser Brief soll Ihnen mitteilen, dass ich entschlossen bin, nicht länger ein Mädchen zu sein, sondern ein Junge zu werden.

Richten Sie sich also bitte danach und rufen Sie mich zu sich, um mir eine meinem neuen Geschlecht besser entsprechende Erziehung zu geben. Ich bin mit Respekt, mein sehr geehrter Vater,

Ihre kleine Ninon.«

 

Dieses großartige Schreiben wurde ohne Wissen meiner Mutter zur Post gegeben. Acht Tage später sah ich Herrn de Lenclos eintreten. Er schloss mich freudestrahlend in die Arme und rief: »Schnell, schnür dein Bündel, Kleine. Ich nehme dich mit nach Tours!«

Meine Mutter schrie auf, weinte, wurde böse, begann zu predigen und ließ tausend Erklärungen – eine immer verständiger als die andere – vom Stapel, um mir zu beweisen, dass mein Platz an ihrer Seite sei. Noch am selben Abend verließ ich die arme Frau, die sich in Tränen auflöste. Herr de Lenclos nahm Postpferde und wir machten eine rasche, köstliche Reise.

»Willst du bestimmt ein Mann werden?«, fragte er mich.

»Ganz bestimmt, mein Vater.«

»Hältst du denn das Ding für möglich?«

»Ja, wenn Sie einverstanden sind.«

»Aber wieso – ich stimme ja von ganzem Herzen bei. Dann musst du wohl den Kittel ausziehen...«

»Den ziehe ich aus.«

»Und Hosen tragen und ein Wams.«

»Das meine ich auch.«

»Na, du kleine Närrin!«, rief er und lachte laut auf.

»Aber, mein Vater, mir ist es sehr ernst.«

»Das sehe ich wohl. Und das genügt, Fräuleinchen. Von jetzt ab bist du ein Junge, mein Ehrenwort. Wenn du je wieder Mädel wirst, kriegst du´s mit mir zu tun!«

Er war im siebenten Himmel und amüsiert sich köstlich.

Gleich nach unserer Ankunft brachte er mich zum ersten Schneider von Tours. Sieben Arbeiter machten sich ans Werk und am folgenden Tag fand ich beim Erwachen einen vollständigen Edelmannsanzug. Nichts fehlte, der Filzhut, beschattet von einem Schwanenfederbusch, die Pluderhosen, das Wams von Satin, der Mantel von Samt, der Degen – alles war da. Die Waffe und meine Fersen konnten sich zunächst nicht recht vertragen, aber bald lernte ich es, sie vornehm und stolz zu tragen und nur wenige Anweisungen waren in diesem Punkt von Seiten meines Vaters nötig.

Die Offiziere vom Regiment des Herrn de Lenclos zollten mir vielfach Lob wegen meiner hübschen Figur. Ich hielt mich aufrichtig für einen Mann und handelte demgemäß. Mein Vater führte mich zur Parade. Ich lernte reiten und fechten; ich wetteiferte mit den Herren im Schimpfen und Fluchen und als echte Soldaten leisteten sie darin etwas Erkleckliches. Man nannte mich das »eingefleischte Teufelchen«, so lebhaft und unbändig war ich. Ich hätte wünschen mögen, dieses Kasernenleben dauerte ewig. Unglücklicherweise rüsteten die Hugenotten gegen den König. Sie versammelten sich in Loudun und in La Rochelle. Bald erhielt das Regiment meines Vaters Befehl, nach Poitou zu rücken. Herr de Lenclos teilte mir mit, dass es zur Schlacht kommen werde. Da könne er mich nicht mitnehmen.

»Ach«, sagte ich weinend, »nun soll ich wohl wieder Mädel werden und zu den Messen des Domherrn zurückkehren?«

»Nein, tröste dich«, antwortete mein Vater, »morgen bringe ich dich in die Gegend von Loches, zu einer Schwester von mir, zur Baronin von Montaigu, die ein Schloss am Ufer der Indre besitzt. Sie hat keine Kinder und möchte dich gern kennenlernen; denn wenn alles rechtmäßig zugeht, muss sie dich zur Erbin einsetzen. Bei ihr solltest du bleiben, bis der Krieg zu Ende ist. Wir werden diese Tölpel, die Hugenotten, zu Paaren treiben und dann komme ich wieder zu dir.«

Diese Worte trockneten meine Tränen.

Am folgenden Tag bestiegen wir wieder die Post. Gegen Abend fuhren wir durch eine Allee von großen Kastanienbäumen in ein reizendes Besitztum ein, welches von einem Nebenflüsschen der Indre umschlossen wurde. In der Mitte erhob sich ein kleines, anspruchsloses Schloss, in welchem sich aber Wohlsein und Behaglichkeit ein Stelldichein zu geben schienen. Eine Dame von etwa 45 Jahren, sehr gerade und noch sehr schön, kam uns unter dem Vestibül entgegen. Sie umarmte meinen Vater und überhäufte mich mit Liebkosungen. Das war die Baronin, meine Tante.

Ich habe selten eine liebenswürdigere, anmutigere Person gesehen. Seit fünfzehn Jahren verwitwet, schien sie um ihr Eheglück nicht zu trauern. Wie mein Vater, lachte sie immer. Schon nach einer Stunde stand ich mit ihr auf bestem Fuße. Sie wusste darum, dass ich einen Mann vorzustellen wünschte, und kam dieser Laune entgegen, nannte mich mit ernster Miene ihren hübschen Neffen und stellte mich dem jungen Prinzen von Marsillac vor, den seine Mutter, die Herzogin von Larochefoucauld, eine nahe Freundin der Baronin, alle Jahre die Ferienzeit am Ufer der Indre verleben ließ. Francois von Larochefoucauld studierte in Lafléche auf dem Jesuitenkollegium. Er war ein Jahr älter als ich. Sein Gesicht hatte einen Zug von Schüchternheit und sanfter Treuherzigkeit, der auf dem meinen weit besser am Platz gewesen wäre. Ich musste ihn erst dazu auffordern, dass er mit mir spielte. Endlich brachte ich ihn aber dahin, dass er aus sich herausging.

Ich wusste, dass er auch schon ein wenig vom Fechten verstand, und tat so, als bezweifelte ich seine Kenntnisse. Das ging ihm wider den Strich, sofort lief er weg und holte Florette, und nun schlugen wir mit den Degen aufeinander ein, vom Morgen bis zum Abend, in den Salons, in den Korridoren, überall, ohne Ruhe, ohne Unterlass, bis meine Tante und Francois´ Mutter des ewigen Degengerassels überdrüssig waren und die beiden unverbesserlichen kleinen Raufbolde zur Vernunft brachten. Wir mussten die Waffen hergeben.

Mein Vater war einen Tag nach meiner Ankunft im Schloss von Loches wieder zu seinem Regiment zurückgekehrt.

Mit jedem Tag schien meine Tante weniger entzückt über die Metamorphose, der Herr de Lenclos so vergnügt zugestimmt hatte. Wenn ich nicht mit dem jungen Prinzen focht, so fand ich andere, meinem Geschlecht ebenso fremde Zerstreuungen. So nahm ich in den Wipfeln der hohen Bäume im Park die Meisennester aus, machte das kleine Boot am Teich los oder nahm heimlich das Gewehr des Jagdhüters und ging auf die Waldlichtungen, Rehe zu schießen. All diese Ungezogenheiten mussten die Geduld meiner Tante erschöpfen.

Eines Tages wurde uns gesagt, wir hätten Arrest. Trotz unserer Bitten und Gelübde, uns besser zu betragen, wurden wir in der Bibliothek eingeschlossen. Das Wetter war prachtvoll. Niemals hatte die Sonne strahlender geschienen. Noch nie waren die Bücher so traurig, so langweilig gewesen. Meine erste Sorge war, ein Fenster aufzumachen und nachzusehen, wie hoch unser Gefängnis über dem Erdboden läge. Wir waren im ersten Stockwerk, der Garten befand sich unter uns. Mit einem Sprung von fünfzehn bis achtzehn Fuß war´s getan.

Ich schwankte keinen Augenblick. Indem ich Marsillac half, aufs Fensterbrett zu steigen, nahm ich ihn bei der Hand, um ihn zu ermutigen, denn er fürchtete sich, und auf die Gefahr hin, den Hals zu brechen, ließen wir uns hinab. Der Sturz war schrecklich. Zum Glück fielen wir auf eine frisch aufgeharkte Rabatte, die die Heftigkeit des Falls abschwächte. Sonst wäre dies wohl mein letzter Narrenstreich geblieben. Als wir aus der augenblicklichen Betäubung erwachten, rief ich: »Francois, tot sind wir nicht – also flink, flink, sonst fangen sie uns wieder ein.«

Mit diesen Worten lief ich über die Beete, zertrat die Ranunkeln, zerstampfte die Hyazinthen, rannte die Rosen um, vernichtete die Tulpen und richtete überall, wohin ich ging, den ärgsten Schaden an. Den Pfaden zu folgen, hätte viel zu lange gedauert. Marsillac machte mir wacker alles nach. Mit der Geschwindigkeit zweier Gazellen huschten wir vor dem Gärtnerhäuschen vorbei. Das Gitter des Parks stand offen, wir eilten aufs Feld hinaus und befanden uns in weniger als fünf Minuten in einem dichten Wald, der uns allen Blicken verbarg.

»Wohin nun?«, fragte ich meinen Gefährten.

»Wohin du willst«, antwortete er außer Atem.

»Wie wäre es, wenn wir nach Tours gingen?«

»Einverstanden. Aber was wollen wir dort machen?«

»Meiner Treu, Soldaten werden und im Heer des Königs mitkämpfen.«

»Geh doch, dazu sind wir ja noch zu jung.«

»Wieso? Du bist bald dreizehn und ich bin elf gewesen. Den Degen führen können wir. Was braucht es mehr?«

»Aber bis nach Tours sind es gut neun Meilen und mir tun die Beine schon jetzt sehr weh.«

»Im ersten Dorf nehmen wir einen Wagen.«

»Und wie steht´s mit dem Geld zum Bezahlen? Ich habe nur ein Talerchen in der Tasche.«

»Ach, ich habe Gold – sieh doch!«

Bei diesen Worten hielt ich ihm einen Doppellouis unter die Augen, den mir Herr de Lenclos bei der Abreise gegeben hatte. Nun fand Marsillac nichts mehr einzuwenden. Ein Doppellouis! Das war eine unerschöpfliche Summe, mit der wir im Notfall bis ans Ende der Welt kommen konnten. Ein Doppellouis und die Freiheit, was für Freuden und Vergnügungen winkten bei diesem Gedanken! Nun waren die Beine des Prinzen auch wieder gut.

Es kam uns gar nicht in den Sinn, an den Gram zu denken, den wir Madame Larochefoucauld und der Baronin bereiten mussten, so sehr verlockend war für unsere närrischen Köpfe der Begriff, unser eigener Herr zu sein. Wir drangen auf gut Glück tief in den Wald ein, ohne uns an die Dornen zu kehren, die uns die Kleider zerrissen und das Gesicht zerschrammten. Noch niemals hatten wir nach dieser Seite des Landes hin einen Ausflug gemacht, so dass wir gar nicht Bescheid wussten. Das Wichtigste war aber, uns möglichst weit von dem Schloss meiner Tante zu entfernen und uns vor Verfolgung zu sichern. Als wir aus dem Wald heraustraten, wurde es Nacht.

Soweit unser Blick reichte, sahen wir keine Spur von einer menschlichen Wohnung. Ich muss gestehen, mich ergriff ein leises Bangen. Marsillac fing zu singen an: ein Zeichen, dass ihm auch nicht recht geheuer zumute war. Die Schatten wurden immer dichter, und alle Gegenstände um uns herum nahmen jene abenteuerliche Form an, welche ihnen die Dämmerung und die Angst verleihen. Jede Ulme am Wege erschien mir als ein Riese, dessen lange Arme sich nach mir reckten. Ein Felsblock, ein Meilenstein, eine Bodenerhebung verwandelten sich in böse Tiere, die uns auflauerten, und der junge Prinz stellte sein Singen ein und fragte mich, ob ich nicht hinter den Hagedornhecken Strolche sähe, die ihre Stutzen auf uns richteten.

»Memme!«, sagte ich zu ihm. Aber im nächsten Augenblick klammerte ich mich an seinen Arm und setzte zitternd hinzu: »Versperrt uns nicht dort ein Wolf den Weg?«

»Ich glaube nicht«, murmelte er. »Es ist eher ein Löwe.«

Da stieß ich ein tolles Lachen aus. Und plötzlich hielt ich inne, denn das Echo des Tals lachte auch und gab mein Entsetzen zurück.

»Ach!«, sagte Marsillac. »Jetzt würden wir nun gemächlich im Salon sitzen, in einem weichen Fauteuil, und brauchten uns weder um Straßenräuber noch um Wölfe zu sorgen.«

»Gewiss, aber wir dürften weder plaudern noch lachen. ›Still, Kinder!‹, würde deine Mutter oder meine Tante rufen, ›euer Lärm wird uns zu viel, geht zu Bett.‹«

»Das käme mir auch sehr erwünscht«, sagte Marsillac mit einem Seufzer.

Im Grunde meines Herzens war ich derselben Meinung, aber ich wollte mir das nicht anmerken lassen. Plötzlich stieß ich einen Schrei des Jubels aus, wie der Seemann, wenn er nach bedrohlicher Fahrt Land erblickt. Bei unserem unsicheren Gang durch die Finsternis hatten wir uns offenbar dem Wald wieder genähert, denn wir sahen große Massen von Bäumen vor uns, durch die ich einen matten, zitternden Lichtschein bemerkte, welcher uns aller Wahrscheinlichkeit nach zumindest die Hütte eines Holzfällers ankündigte.

Marsillac fasste sich ein Herz. Ein Mondstrahl, der fast im selben Augenblick durch das Gewölk drang, beruhigte uns vollends und verscheuchte alle Phantome, die unserer Fantasie um uns hervorgezaubert hatte. Der Prinz sah keine Banditen und Löwen mehr. Und ich vergaß die Riesen und Wölfe und verfolgte mit dem Blick das willkommene Licht, dass uns ein Nachtlager, vielleicht auch ein Abendbrot verhieß. Wir waren bis jetzt so von unserem Wagnis in Anspruch genommen gewesen, dass wir den Hunger gar nicht merkten, der uns arg peinigte. Zugleich mit der Tapferkeit kam der Appetit wieder.

Das Licht wurde inzwischen größer. Wir konnten uns bald überzeugen, dass es aus dem Fenster eines am Waldesrand gelegenen Häuschens kam, vor welchem sich ein bescheidener Gemüsegarten erstreckte, von einer lebenden Hecke umschlossen. Diese Einfriedung konnte für uns kein Hindernis sein. Wir sprangen geschickt darüber hinweg: eine Unvorsichtigkeit, die, kaum begangen, ihre Strafe fand, denn sobald wir auf der anderen Seite waren, erklang entsetzliches Gebell. Zwei riesige Bulldoggen, die Hüter dieser einsamen Behausung, fielen über uns her und warfen uns zu Boden.

Auf unser Schreckensgeschrei öffnete sich die Tür des Hauses und ein Mann rief von der Schwelle: »Hierher, Plump! Rieder, Packan! So hört doch auf, ihr Strauchdiebe!«

Die Bulldoggen gehorchten. Dennoch hatte Plump mich schon in eine Pfütze geschleppt und Packan hatte mit einem Biss dem armen Marsillac den Hosenboden zerrissen, ja sogar die Haut gestreift, wahrscheinlich um sich des Namens, den sein Herr ihm gab, doppelt würdig zu zeigen.

»Oh, was sehe ich?«, sagte der Mann, zu uns tretend. »Ihr seid ja hübsch zugerichtet, meine Herren Vagabunden. Wohin geht die Reise? Woher bringt euch der Wind? Ist´s jetzt an der Zeit, im Feld herumzustreichen? Seht mir doch diese Taugenichtse!«

Ich richtete mich stolz auf und antwortete: »Wir sind weder Taugenichtse noch Vagabunden. Sie sehen in uns zwei Söhne aus vornehmem Haus, die sich im Wald verirrt haben. Wir werden anständig die Gastfreundlichkeit bezahlen, um die wir Sie für diese Nacht bitten.«

»Aha!«, sagte er lachend. »Ich will es euch ja gerne glauben, aber in diesem Augenblick seht ihr gerade nicht danach aus.«

Er hatte nicht unrecht. Ich war mit Schlamm bedeckt und Marsillac konnte sich nicht umdrehen, ohne die einfachsten Vorschriften des Anstandes zu verletzen.

»He, Jacqueline!«, rief der Mann, indem er uns zum Haus führte. »Hier sind zwei junge Edelherren, die schon den Duft des Rostbratens geschnüffelt haben. Gib ihnen zu essen, Frau, und schiebe die Riegel vor. Ich gehe fort – du weißt schon, wohin.«

Wir achteten nicht auf diese Worte, noch darauf, dass der Herr des Hauses sich entfernte. Ein sehr appetitlicher Bratengeruch kitzelte unsere Nasen. Das genügte, uns bald das missglückte Abenteuer vergessen zu lassen.

»Kommt nur rein, ihr kleinen Kerle, kommt nur rein«, sagte eine Frau von etwa vierzig Jahren zu uns, die immer noch sehr anmutig aussah und mit großer Sorgfalt die Tür verschloss, wie um uns am Ausreißen zu hindern.

»Die armen lieben Kerlchen, wie sie hergerichtet worden sind! Ihr verwünschten Köter! So schlimm haben sie es noch nie gemacht! Kommt nur ans Feuer, meine Engelchen! So – und nun will ich euch die Kleider von Jerome borgen. Das war mein letzter Sohn, ein hübscher, braver Junge, der die Dummheit begangen hat, sich von den Werbern beschwatzen zu lassen. Die Spanier haben ihn mir getötet – achtzehn Monate ist es nun her. Lasst euch das zum warnenden Beispiel dienen, wenn euch je die Lust anwandeln sollte, eure Eltern zu verlassen und in den Krieg zu ziehen.«

»Gute Frau«, unterbrach ich sie, »Ihr Sohn ist eines ruhmreichen Todes gestorben, der König braucht Soldaten und würde Ihre Worte missbilligen. Bringen Sie uns Jeromes Kleider und lassen Sie uns rasch zu Abend essen.«

Jacqueline antwortete nicht. Sie öffnete sogleich einen Wandschrank und nahm ein Bündel Kleider heraus. Im Handumdrehen hatte ich meinen beschmutzten Anzug abgelegt und Marsillac tauschte seine Hosen gegen solche, die nicht zerrissen waren und ihm endlich wieder volle Bewegungsfreiheit gestatteten. Unsere Wirtin beobachtete uns während dieser Umkleidung; es war, als wollte sie in ein Geheimnis dringen.

»Zu Tisch, ihr Kerlchen, zu Tisch!«, rief sie, als unsere Toilette beendet war.

Sie nahm ein saftiges Rehviertel vom Bratspieß und stellte es nebst einem Krug voll leidlichen Weines aus Brenne vor uns hin.

»Esst und trinkt«, sagte sie. »In eurem Alter hat man immer Appetit und manchmal auch dumme Einfälle!«

»Was wollen Sie damit sagen, Frau Jacqueline?«, fragte ich, indem ich mir ein prächtiges Stück Rehfleisch abschnitt und auf meinen Teller legte.

»Ich weiß schon, was ich sagen will, das genügt«, erwiderte sie. »Gedenkt ihr, auf diese Weise weit zu wandern?«

»Ach, nein, nur bis nach Tours. Morgen werden wir dort sein, wenn Gott uns das Leben lässt. Komm, Francois, wir wollen auf glückliche Reise trinken«, fuhr ich fort und stieß mit dem Glas an das meines Gefährten, »fänden wir doch wie Jerome dort unten einen braven Werber, der uns recht schnell in die Liste schreibt!«

»So ist es!«, rief er. »Wir würden uns nicht von den Spaniern töten lassen, sondern Riemen aus ihrer Haut schneiden.«

»Gütige Jungfrau«, rief Jacqueline, in die Hände schlagend, »in was für einer Zeit leben wir, dass die Kinder solches Zeug schwatzen, ehe ihnen noch der Bart am Kinn sprießt! Das ist ein Skandal! Glücklicherweise reden andere auch noch ein Wort mit und schaffen da Ordnung.«

»He?«, stieß ich hervor, den Kopf hebend.

»Ich sage«, fuhr unsere Wirtin fort, »die Leute des Königs haben, Gott sei Dank, noch nicht den Verstand verloren. Sie suchen sich ihre Soldaten nicht unter den Säuglingen und kleinen Mädchen.«

Dabei sah sie mich fest an. Ich zitterte. Doch sogleich gewann ich wieder kaltes Blut.

»Das ist eine Frechheit, Frau Jacqueline«, versetzte ich. »Sie dürfen sich selbst glücklich schätzen, keinen Bart am Kinn zu haben, sonst würde ich wegen dieser Worte Rechenschaft von Ihnen fordern.«

Der energische Ton meiner Worte nötigte ihr nur ein Lächeln ab.

»Schön, schön«, sagte sie, »nur nicht böse werden. Zu jung sein, ist ein Fehler, den man unglücklicherweise mit jedem Tag mehr ablegt.«

»Frau Jacqueline, Sie sprechen wie ein Buch«, sagte Marsillac. »Aber Sie täten doch besser, eine Nadel zu nehmen und meine Hosen zu flicken, denn die Kleider Jeromes passen uns nicht und entsprechen auch nicht dem, was wir vorhaben.«

»Was ihr vorhabt?«, murmelte sie. »Nun, das wird man ja sehen. Esst nur erst und dann legt ihr euch gleich hin. Ich kann euch aber nur ein einziges Bett anbieten.«

»Und wenn Ihr zwei hättet«, sagte Marsillac, »so würden wir sie nicht annehmen.«

Bei diesen Worten des Prinzen warf Jacqueline mir einen verschmitzten Blick zu. Ich fühlte, wie ich bis in die Stirn errötete. Eine Menge von vagen, unbestimmten Gedanken durchkreuzten meinen Geist, mir war sonderbar unbehaglich zumute. Ohne mir meine Unruhe zu erklären, schlug ich die Augen nieder in plötzlicher Scheu und zum ersten Mal erschien mir meine Anmaßung, zum männlichen Geschlecht zu zählen, als das, was sie in Wirklichkeit war: als eine Illusion und eine Lüge. Das Gefühl der Scham erwachte in meiner Seele. Man kann eben nicht aus seiner Jacke heraus.

»Nicht wahr, lieber Freund«, fragte Marsillac, »wir würden uns doch zusammen in ein Bett legen?«

»Ich möchte lieber«, antwortete ich mit veränderter Stimme, »das Bett mit Frau Jacqueline teilen, wenn sie es mir erlaubte.«

»Das Bett mit mir teilen? Seht nur solch ein kleines Ungeheuer an! Und was würde mein Mann dazu sagen, du jugendlicher Schwerenöter?«

»Das ist ja großartig!«, setzte Marsillac laut lachend hinzu. »Haha! Du willst bei Frau Jacqueline schlafen?«

»Mein Gott«, sagte ich, »wenn sie gleich solch ein Aufsehen macht, verzichte ich. Ein Zimmer, rasch, und Schluss damit!«

»Wir haben kein anderes Zimmer als dieses hier, mein Engelchen. Der Hausherr und ich, wir treten euch unseren Alkoven ab, mehr können wir nicht tun. Gegessen habt ihr – wenn ihr schläfrig seid, zieht euch aus – und somit, gute Nacht!«

Frau Jacqueline schickte sich an, den Tisch abzuräumen. Sie schien sich nicht mehr um uns zu kümmern, allein ich sah wohl, dass sie uns verstohlen beobachtete. Das Benehmen dieser Frau und ihre Reden machten mir Unruhe. Ganz leise sagte ich Marsillac ins Ohr: »Höre, Francois, wenn du meinen Rat befolgen willst, dann zahlen wir unsere Zeche und erkundigen uns gleich jetzt, wo der Weg nach Tours führt. Jetzt scheint der Mond herrlich, und es ist eine Lust, zu dieser Stunde zu reisen.«

Er sah mich entsetzt an, als wenn ich ihm den Vorschlag gemacht hätte, sich aufzuhängen.

»Wo der Weg nach Tours führt?«, murmelte er. »Du hast den Verstand verloren. Reise du meinetwegen bei Mondschein. Ich lege mich schlafen.«

Gesagt, getan – in einer Minute entledigte er sich seiner Kleider und sprang in den Alkoven. Ich blieb neben ihm stehen, ohne mich zu rühren, ohne ein Wort zu sprechen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.

»Nun«, fragte Jacqueline, »muss man Euch beim Ausziehen helfen, junger Herr?«

»Danke«, sagte ich. »Ich lege mich nicht ins Bett, sondern ich schlafe hier auf der Bank!«

»Du bist verrückt!«, rief Marsillac. »So komm doch – es liegt sich so schön weich und wir werden wie die Könige schlafen.«

»Gewiss! Weshalb willst du nicht ins Bett, mein Engel?«, fragte die Verführerin Jacqueline. »Es scheint, du bist mir böse, aber ich darf nicht dulden, dass du eine schlechte Nacht verbringst. Morgen müsst ihr bei Kräften sein, um eure Reise fortzusetzen. Auf der Bank werde ich schlafen und du kannst dich zum Hausherrn legen. Sieh, da kommt er eben zurück.«

In der Tat hörte man im Garten das freudige Gebell der Bulldoggen.

»Gott bewahre, nein!«, rief ich entsetzt.

Ich zog mich noch schneller aus als Marsillac und wickelte mich hastig an seiner Seite in die Decke. Nun schlug die Wirtin die Vorhänge des Alkovens zur Seite, schnitt uns ein spöttisches Gesicht und trat laut lachend zurück.

»Die armen Kerlchen«, sagte sie, »wie niedlich sie sind! Was für ein hübsches Paar! Schlaft noch nicht gleich, meine Schäfchen, ihr werdet einen Besuch erhalten, auf den ihr nicht rechnet. Da klopft es. Es ist mein Mann und er bringt ein paar Bekannte mit.«

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, so wurde die Tür geöffnet.

»Wo sind sie? Wo sind sie?«, rief eine ärgerliche Stimme, an der ich alsbald meine Tante erkannte.

»Hier, Madame«, sagte Jacqueline und führte sie zum Alkoven.

Marsillac und ich kauerten uns ganz dicht zusammen, starr vor Entsetzen. Die Baronin riss die Decke weg und zerrte mich aus dem Bett.

»Pfui, du Unart!«, rief sie. »Du schläfst da mit einem Jungen!«

 

 

Verwirrt, niedergeschmettert, fiel ich auf beide Knie. Hinter meiner Tante stand die Herzogin von Larochefoucauld. Der Mann der Jacqueline und eine Menge von Dienstboten waren mit ihrer Herrin gekommen. Dieser Schwarm fand die Situation sehr spaßhaft und lachte Tränen.

»Hinaus!«, rief meine Tante ihren Leuten streng zu. »Ihr auch!«, setzte sie hinzu, sich an die Hausbewohner wendend.

Sie gehorchten. Frau von Larochefoucauld folgte dem Beispiel der Baronin, zog den jungen Prinzen aus dem Bett und bedeutete ihm durch eine gebieterische Handbewegung, sich anzukleiden. Ich schickte mich an, auch wieder in die Sachen zu schlüpfen, als meine Tante mir die Hosen Jeromes aus der Hand riss.

»Andere!«, rief sie. »Denkst du, ich dulde noch länger diesen Mummenschanz, der die Ursache deiner Narrenstreiche ist? Nein, meine Liebe, nein! Ich bringe dir die Kleider, die deinem Geschlecht zukommen. Die ziehst du an und die behältst du an.«

Bei diesen Worten öffnete sie ein Paket, das die Dienstboten auf den Tisch gelegt hatten und entnahm ihm Unterröcke und eine Robe, in die sie mich kleidete, ohne dass ich den Willen oder den Mut fand, mich zu sträuben. Marsillac sah mich ganz verdutzt an.

»Ist es möglich«, fragte er, nähertretend, »du bist ein Mädel?«

»Ach, ja!«, murmelte ich ganz trostlos.

»Aber, liebe Freundin, warum hast du das nicht gesagt?«

»Es war mir ganz entfallen.«, murmelte ich schluchzend.

»Tröste dich«, antwortete er gerührt, »jetzt werde ich dich noch tausend Mal mehr lieben.«

»Ist das gewiss?«, fragte ich, meine Tränen trocknend.

»Ich schwöre es dir.«

»Hören sie sie, Madame?«, fragte, ein wenig besänftigt, die Baronin zur Herzogin. »Wahrlich, sie sind noch Kinder! Und ich sehe mit Vergnügen, dass ihr Herr Sohn sich mit der Metamorphose abfindet. Ziehen sie sich doch ein wenig schneller an, Fräulein, sie werden gar nicht fertig.«

»Tante, ich bin diese Kleider nicht mehr gewöhnt«, antwortete ich zaghaft.

»Das glaube ich, du kleiner Irrwisch, aber du wirst dich schon wieder reinfinden.«

»Wenn du willst«, sagte Marsillac, »helfe ich dir, das Kleid zuzuhaken.«

Er wollte sich schon ans Werk machen, als die Frau Baronin rasch dazwischentrat. »Herr Francois von Larochefoucauld, Prinz von Marsillac«, sagte sie mit gewichtiger Miene, »ich hoffe, es wird ihnen gefallen, kein vertrauliches Verhältnis mit ihrer Nichte anzuknüpfen. Dies ist ihnen nicht erlaubt. Desgleichen nimmt das du und du von heute ab ein Ende, nachdem sie erfahren haben, welchen Geschlecht ihr Spielgefährte angehört. Sie sind Edelmann und kennen die Vorschriften des Anstandes. Holla!«, rief sie, in die Hände klatschend. »Die Karosse soll vorfahren!«

Widerstand war weder für Marsillac noch für mich möglich. Ich steckte rettungslos wieder in Weiberkitteln. Damit endete die Jungenszeit meines Lebens, die nur zu kurz war. Doch jetzt gedenke ich ihrer mit Wehmut wie einer verlorenen Illusion.

In meinem neuen Kostüm sah ich aus wie ein Fuchs, der sich im Eisen gefangen hat. Die Dienstboten wagten nicht mehr zu lachen; aber ich begegnete überall ihren spöttischen Blicken und ich hatte nicht übel Lust, die niederträchtige Wirtin zu ohrfeigen, die mir und Marsillac einen so schändlichen Streich gespielt hatte. Wir erfuhren erst jetzt, dass der Mann der Jacqueline Jagdhüter meiner Tante war. Der Wald, den wir nach unserer Flucht aus dem Schloss durchquert hatten, gehörte der Baronin. Dass wir uns aus dem Staub gemacht hatten, wurde sogleich bemerkt, und die Damen, von ihren Leuten benachrichtigt, ließen das Ganze Gesinde uns nachspüren. Der Wald wurde sorgfältig abgesucht; und in den Häusern der Umgebung und in den benachbarten Dörfern verkündeten Boten den Vorfall. Zu den auf diese Weise benachrichtigten Personen gehörten auch der Waldhüter und seine Frau. Während die Frau uns zurückhielt und mit ihrem Geschwätz zerstreute, lief der Mann auf einem kürzeren Weg, als auf dem wir gekommen waren, ins Schloss. Nun war es kinderleicht, uns in dieser Falle abzufangen.

Meine Tante hieß uns in den Wagen steigen. Sie ließ mich neben sich Platz nehmen, Marsillac setzte sich an die Seite seiner Mutter, und wir kehrten ins Schloss zurück. Die Diener beleuchteten den Weg mit Fackeln rechts und links von den Wagentüren.

So keck mich der Knabenanzug gemacht hatte, so demütig stimmte mich der Mädchenrock. Ich schlug die Augen nieder und wagte kaum von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick auf meinen Leidensgefährten zu werfen. Marsillac, dem ich vor kurzem hatte Mut machen müssen – Marsillac, der zuerst noch zaghafter gewesen war als ich, schien jetzt mit einem Mal Herr der Situation. Mir gegenübersitzend, presste er die Knie an die Meinigen, und ich fühlte, dass er mich unverwandt ansah. Er hörte gar nicht auf die langen Moralpredigten, die uns abwechselnd seine Mutter und die Baronin hielten. Als wir aus dem Wagen stiegen, erhaschte er eine Gelegenheit, mir den Arm zu drücken und ganz leise zu mir zu sagen: »Oh, ich liebe dich nun noch viel mehr. Du bist schön wie ein Engel.«

Mit diesen Worten klopfte mir das Herz absonderlich. In meine Kammer zurückgekehrt, betrachtete ich mich im Spiegel, um mich zu vergewissern, ob der Prinz recht hätte: der Spiegel strafte ihn nicht Lügen. Ich trug eine rosafarbene Kappe mit Fransen auf dem Kopf und an den Aufschlägen meines Kleides saßen Bandschleifen von der gleichen Farbe. Die Koketterie flüsterte mir ihr erstes Wörtlein zu; ich fühlte, wie sich die Instinkte des Weibes in mir entfalteten, und ich legte mich fast glücklich zu Bett, ohne noch mein Jungensleben zu beklagen und ohne noch Lust zum Soldatenstand zu haben. Die ganze Nacht träumte ich von Kostümen und Bändern; die Natur rächte sich und nahm das Zepter wieder an sich.

Als ich am folgenden Tag mein Fenster öffnete, fiel ein großer Strauß von Stiefmütterchen und Veilchen zu meinen Füßen. Als ich mich über den Balkon neigte, erblickte ich Marsillac, der auf mein Erwachen gewartet hatte, um mir dieses Geschenk zu machen. Er führte die Hand an die Lippen, schickte mir eine rasche Kusshand zu und verschwand.

Ich betrachtete den Strauß. Ein Stück Papier sah zwischen den Blumen hervor. Es war ein Billett des Prinzen. Mit zitternder Hand machte ich es auf, wie wenn ich ein Verbrechen beginge, und las die Worte: »Nach dem Frühstück halten Frau von Montaigu und meine Mutter Siesta im Salon. Entschlüpfe du so rasch wie möglich und komme zur Hagebuttenhecke.«

Es fällt mir schwer, die Wirkung zu schildern, die diese wenigen Worte auf mich machten. Es war gleichzeitig Glück und Furcht, was ich empfand. Ich fühlte, ich täte unrecht, das Stelldichein Marsillacs anzunehmen, und dennoch hätte ich es um alles in der Welt nicht verpassen mögen. Die Zeit schien endlos, bis die Stunde des Frühstücks gekommen war. Endlich erklang die Glocke. Ich lief in das Speisezimmer. Frau von Larochefoucauld, ihr Sohn und meine Tante waren schon dort.

»Tag, kleine Närrin!«, sagte die Baronin zu mir. »Ja, ja, nur hübsch manierlich und bescheiden, das rate ich ihnen. Wenn wir nicht wären, würden sie jetzt wohl die schönsten Dummheiten treiben. Und nun hängen sie das Köpfchen, dass sie keine Jungenskleider mehr tragen dürfen?«

»Ich? Keineswegs, Frau Tante. Ich bedaure vielmehr, dass ich sie so lange zu ihrem Missfallen getragen habe.«

»Ei sieh!«, rief meine Tante und zog mich in die Arme. »Diese Antwort lasse ich mir gefallen, mein Kind. Ich bin erstaunt, dich so gefügig zu finden.«

»Ich sehe mein Unrecht ein, liebe Tante und bitte sie von Herzen um Verzeihung.«

»Immer besser! Du hast wahrscheinlich bemerkt, dass du in deiner neuen Tracht hübsch bist wie ein Amor. Ist es nicht wahr, Frau Herzogin?«, setzte sie hinzu, sich an Frau Larochefoucauld wendend.

Das Frühstück war ein vollständiges Versöhnungsfest. Ohne es selbst zu wissen, spielte ich schon die Heuchlerin. Ich fühlte, es sei nötig, den Trotz fallen zu lassen, um mehr Freiheit zu erhalten. Der Prinz seinerseits zeigte sich ernst und vernünftig. Ohne uns verständigt zu haben, verstanden wir uns doch wunderbar.

Marsillac verließ zuerst die Tafel. Im Salon nahm ich eine Stickerei vor und tat so, als widmete ich mich mit Eifer der Arbeit. Aber von Zeit zu Zeit warf ich einen Blick auf die Damen, die in großen Polsterstühlen versanken. Bald waren sie eingeschlafen. Leise schlüpfte ich durch die Fenstertür, die auf den Garten hinausführte. Wenige Sekunden später traf ich Marsillac an der Hagebuttenhecke.

Wir waren beide blass vor innerer Erregung; unsere Augen wurden feucht, und ich fühlte seine Hand in der Meinen zittern. Ein langes Schweigen ließ uns beide nur das Klopfen unserer Herzen hören.

»Oh, ich liebe dich, ich liebe dich!«, rief plötzlich der junge Prinz, mich mit Entzücken in die Arme drückend. »Wie, du bist ein Mädel? Lass mich doch ansehen – lass mich dich wiedererkennen – ja, ja, du bist es, du bist es! Es ist ein Traum!«

Er küsste mir die Arme, die Stirn, die Augen. Mit Beben nahm ich diese Liebkosungen hin.

»Mein Freund«, sagte ich, »wir müssen uns trennen. Ich fürchte, die Damen könnten wach werden. Wenn man uns überrascht, würden wir uns nicht wiedersehen dürfen.«

»Was sagst du da? Potzblitz, sie sollen sich hüten, unseren Verabredungen Hindernisse in den Weg zu legen – sie sollen sich hüten!«

»Und was willst du denn dagegen tun?«

»Sehr gut! Das errätst du nicht? Bei hellem Tage, vor ihre Nase weg, den Degen in der Hand, würde ich dich rauben!«

»Du machst mir Angst, Francois!«

Er überschüttete mich mit Liebkosungen. »Zittere doch nicht so«, sagte er. »Du weißt doch recht wohl, die Herzogin und die Baronin schlafen gewöhnlich eine volle Stunde. Mein Gott, wie schön du bist! Wie gut dich dieses Käppchen kleidet! Wie flott du darin aussiehst! Du wirst meine Frau, nicht wahr, du schwörst es mir?«

»Ach, ich weiß nicht, wie mir zumute ist«, sagte ich zu ihm, »aber ich schäme mich. Mir scheint, wir tun Böses.«

»Glaubst du?«, fragte er voll Unruhe.

»Wenn man Gutes tut, Francois, dann scheut man nicht das Licht, wir aber verstecken uns.«

»Aber wenn wir heiraten wollen...«

»Ja, doch wann?«

»Gleich jetzt. Wir wollen einen Priester aufsuchen und ihn bitten, uns zusammenzugeben.«

»Unmöglich! Wir sind zu jung. Die Kirche hat Gesetze, gegen die ihre Diener nicht verstoßen dürfen.«

»Wir waren doch nicht zu jung, um Soldaten zu werden.«

»Oh, das ist etwas ganz anderes.«

»Wie machen wir es dann?«

»Wir warten, sind vernünftig und küssen uns nicht mehr. Ich habe sagen hören, das Küssen zwischen Mann und Frau ist erst nach der Trauung gestattet.«

»Ach, das ist ja lächerlich. Wer hat denn das gesagt?«

»Jeanette, die Zofe der Baronin, die Marcel, der Gärtner, neulich abends geküsst hat, wie du mich jetzt küsst.«

»Und, was hat Marcel geantwortet?«

»Kein Wort. Er hat gelacht und immerfort geküsst.«

»Da siehst du es!«

»Aber er hatte unrecht. Wenn du willst, fragen wir den Kaplan meiner Tante.«

Der Prinz sah mich mit Blicken der Verzweiflung an. Er warf sich auf eine der Bänke, die neben der Hagenbuttenhecke standen, und brach in Tränen aus.

»Jesus!«, rief ich. »Was hast du denn?«

»Nichts«, sagte er, »lass mich, ich gehe in mein Zimmer und stoße mir den Degen durch den Leib.«

»Unglücklicher!«

»Bin ich dran schuld, dass wir zu jung sind? Bin ich dran schuld, wenn ich dich liebe? Bin ich daran schuld, dass du aus einem Jungen ein Mädel geworden bist? Wenn ich dich nicht mehr küssen soll, so mache ich lieber meinem Leben ein Ende!«

»Oh, mein Gott!«, rief ich. »Wenn es so steht, dann küsse mich, küsse mich immerzu, denn sterben sollst du nicht!«

Strahlend vor Freude stand er auf. Der Friede war geschlossen, der Kummer verscheucht. Es wurde mir sehr schwer, mich von der Hagebuttenhecke loszureißen. Glücklicherweise schliefen die Damen noch immer, als ich zurückkehrte.

So begann meine erste Liebe. Ich erblickte in diesen Augenblicken, die mir im Schloss von Loches beschert waren, die süßesten meines Lebens. Marsillac und ich, wir waren unschuldig und keusch, unsere Liebkosungen waren rein wie der Grund unserer Seele. Alle Tage trafen wir uns an der Hecke, ungerechnet jener anderen Gelegenheiten, da wir zusammengekommen konnten, und deren wir uns keine einzige entgehen ließen. Der letzte Ferienmonat war ein Monat der Wonne.

 

Doch dann war die Zeit um. Man sprach von der Rückkehr nach Lafléche, und Tränen folgten auf die Freude. »Ninon, meine liebe Ninon«, rief Marsillac, »was soll aus mir werden, wenn ich fern von dir bin?«

»Und aus mir, wenn ich dich nicht mehr sehe, dich nicht mehr höre? Mein Gott, welch trauriges Leben werde ich führen!«

»Du wirst mich vergessen, Ninon.«

»Niemals, François, niemals!«

Er weinte und ich schluchzte bitterlich.

»Wenn ich wenigstens ein Andenken an dich hätte«, fuhr er fort, »etwas, das ich an die Lippen und ans Herz drücken könnte – eine Haarlocke zum Beispiel.«

»Schneide sie dir selbst ab«, sagte ich und reichte ihm eine goldene Schere, die mir am verflossenen Tag die Baronin mit einem Stickmuster gegeben hatte. Ich nahm die Kappe ab und löste die Spitzen. Er schnitt mir die eine Seite der Schläfen ganz kahl. Die Verzückung lässt sich kaum beschreiben, mit der er die ersehnte Locke in seinem Wams verbarg. Es war, als hätte ich ihm den reichsten Schatz der Erde geschenkt. Dies geschah im Salon. Die Herzogin von Larochefoucauld kehrte ganz plötzlich mit meiner Tante zurück und erklärte, sie beabsichtige noch am selben Abend abzureisen. Sie wolle in Thinon übernachten, um am übernächsten Tag rechtzeitig in Laflèche zu sein. An diesem Tag begann der Unterricht wieder und die Jesuiten verstanden in diesem Punkt bei ihren Schülern keinen Spaß.

Der Prinz und ich fanden keine Gelegenheit zu einem letzten Zusammentreffen. Mein Herz blutete. Marsillac weinte heiße Tränen. Man erklärte sich unseren Schmerz aus der Freundschaft, die wir zueinander gefasst hatten, und aus der Erregung, in die diese plötzliche Abreise uns versetzen musste. Als François in den Wagen stieg, flüsterte er mir die Worte ins Ohr: »Mut! Hoffnung! Ich habe ein Mittel gefunden, wie wir miteinander korrespondieren können. In acht Tagen wirst du einen Brief erhalten.«

Die Stunde der Trennung schlug. Wir nahmen uns beide zusammen. Bis zum Ende der Hauptallee folgte ich mit den Blicken dem Wagen, der Marsillac und seine Mutter wegtrug; dann stieg ich zu meinem Zimmer hinauf, um meine Tränen nicht sehen zu lassen.

Das Mittel, miteinander zu korrespondieren, dass der Prinz gefunden hatte, war höchst einfach. Er hatte Jeanette, die Zofe der Baronin, ins Vertrauen gezogen. Es machte sich wunderbar. Jeanette nahm die Briefe Marsillacs in Empfang, steckte sie mir so geheimnisvoll wie möglich zu und nahm es auch auf sich, mein Antworten zur nächsten Post zu bringen.

Nun war ich allein mit meiner Tante im Schloss von Loches, und ein sehr eintöniges Leben stand mir bevor, als plötzlich ein unerwarteter Gast eintraf. Mein Vater war in einer Schlacht gegen die Hugenotten schwer verwundet und von seinem Kommandanten beurlaubt worden. Nun wollte er diesen Urlaub bei uns verleben. Sein Erstaunen war groß, als er mich wieder in Mädchenkleidern vorfand. Er hatte schon selbst bei sich gedacht, ich sei inzwischen von meinen närrischen Kinderideen abgekommen. Soldat im vollen Umfang des Wortes, trauerte er noch ein wenig um diesen vermeintlichen Sohn, der so keck reiten und so wacker fechten konnte. Aber was sollte er auf den Bericht über meine Narrenstreiche antworten, in welchem die Baronin natürlich nicht die kleinste Einzelheit verschwieg? Er erklärte lachend, wenn man den Scherz bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr fortgesetzt hätte, dann wäre ich ein sehr niedliches Mannweib geworden.

Da er mir nicht länger die Lebensweise seines Geschlechts beibringen konnte, so wollte er mir wenigstens dessen Geistesstärke und Charakterfestigkeit anlernen. Während des ganzen Jahres, dass die Heilung seiner Wunde in Anspruch nahm, beschäftigte er sich mit nichts anderem als meiner Erziehung. Ich verbrachte mit ihm ganze Tage auf der Bibliothek und verspürte nie wieder Lust, zum Fenster hinauszuspringen. Wir lasen zusammen die Essays von Montaigne und die »Abhandlung über die Weisheit!« von Charron. Ich fand großes Gefallen an diesen philosophischen Studien und vor allem an den Erläuterungen des Herrn de Lenclos, dessen epikureischer Freimut, dessen freudige Begeisterung und originelle Ausdrucksweise mir über alle Trockenheit der Lektion hinweghalfen.

»Liebes Kind«, sprach er zu mir, »das Leben ist kurz, die Zeit hat Flügel. Gar rasch führt sie unsere Freuden und Vergnügungen mit sich hinweg. Die wahre Weisheit – da wir doch immer im Ungewissen sind, wie lange es dauert – ist daher, niemals das Heute dem Morgen opfern, die Gegenwart der Zukunft. Lass uns nicht geizen mit dem Glück, lass es uns nicht sparsam einteilen, sondern so rasch wie möglich auskosten, sonst entflieht es mit den flüchtigen Stunden, und wir wissen nicht, was hinter ihm kommt.«

Mir erschien diese Moral sehr angenehm und sehr leicht zu befolgen. Während meines ganzen Lebens ist daher auch der Einfluss, die Spur dieser Lehren des Herrn de Lenclos zu entdecken. Wenn ich es bisweilen unterlassen habe, sie in die Tat umzusetzen, so bin ich nachher nur mit um so größeren Eifer zu ihnen zurückgekehrt und habe sie schließlich ganz zur Richtschnur meines Verhaltens gemacht.

Mein Vater war ein ausgezeichneter Musiker und tat es im Lautenspiel den größten Meistern gleich. Wenn wir vom ernsthaften Studieren müde waren, dann nahm er das Instrument und gab mir Unterricht im Spiel, worin ich bald eine überraschende Fertigkeit entwickelte. Nach einem halben Jahr war ich nach seiner Meinung stärker als er. Darauf lernte ich noch Theorbe, Klavier, Gitarre und wurde eine vollkommene Virtuosin. Wenn ich an Marsillac schrieb, hütete ich mich, ihm mitzuteilen, welche raschen Fortschritte ich in den Wissenschaften und Künsten machte. Das hätte ihm die Freude der Überraschung genommen. Er sollte aus den Wolken fallen, wenn er wiederkam. Die Ferien nahten heran. Seit sechs entsetzlichen Monaten war ich von meinem jungen Freund getrennt, und der Gedanke, dass ich ihn wiedersehen sollte, machte mich überglücklich.

Ach, ich ahnte die Enttäuschung nicht, die das Schicksal mir bestimmte!

 

 

Die Zofe, durch deren Vermittlung Marsillac mir seine Briefe zustellte, heiratete den Schlossgärtner. Marcel war von Natur überaus eifersüchtig und obendrein blitzdumm, konnte er doch nicht einmal seinen Namen buchstabieren. Er bildete sich ein, seine Frau schreibe sich mit einem Liebhaber, entriss ihr eines schönen Tages einen der Briefe, ehe sie diesen an mich hatte abgeben können, und lief damit zur Baronin, die ihn sogleich las. Nun gab es einen tollen Skandal. Außer sich, legte meine Tante das verhängnisvolle Schreiben Herrn de Lenclos vor.

»Da sehen Sie«, rief sie, »da sehen Sie die schönen Früchte der Erziehung, die Sie Ihrer Tochter geben. In Wahrheit, mein Herr, Sie sollten erröten. Ninon ist noch nicht zwölf Jahre, ihre erste Einsegnung ist noch nicht erfolgt, und schon – es ist unerhört – schon hat sie eine Liebschaft. Ja, eine regelrechte Liebschaft! Lesen Sie doch – lesen Sie von A bis Z! Da ist die Rede von dem Stelldichein an der Hagebuttenhecke, von Küssen, von Haarlocken, die der Geliebte bekommen hat – und was weiß ich alles! Und man hofft sogar auf eine neue Auflage. Sie richten Ihr Kind zugrunde, mein Herr, Sie richten es zugrunde, sage ich! Wenn Sie mich Ninon nicht künftighin erziehen lassen, wie es nach meinem Sinne ist, dann enterbe ich sie. Das ist mein letztes Wort.«

Nach dieser zornigen Rede ging sie hinaus mit der Erklärung, sie werde Frau von Larochefoucauld verbieten, François mitzubringen. Als sie fort war, fasste sich mein Vater, den ihr Ungestüm auf einen Augenblick verwirrt hatte, und zog mich auf sein Knie.