Nirgendwo - Kristin Schmidt - E-Book

Nirgendwo E-Book

Kristin Schmidt

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Beschreibung

Rom, Aschaffenburg, Ägypten - und doch nirgendwo". Short Cuts bewegen sich wie Zahnräder, angetrieben von einer gehörigen Portion Galgenhumor. Wo findet das wirkliche Leben statt? Diese Frage stellt sich die arbeitslos gewordene Tanja. Hinein geboren in die Zeit der Vollbeschäftigung erlebt sie, wie ein akademisches Proletariat auf Halde produziert wird. Sie boxt sich durch die Vorzimmer von Werbeagenturen und diverser Medien. Außer der Zugehörigkeit zur Arbeitslosenstatistik befinden sich die Arbeitslosen in der Verbotszone der Gesellschaft, bis diese schließlich einer perfiden Logik folgt und das größte Problem unserer postindustriellen Zeit löst. Die provokante Schlussperspektive ist Höhepunkt der ironischen Auseinandersetzung, die auf verschiedenen Zeit- und Sprachebenen in dem Roman stattfindet.

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Impressum

NirgendwoKristin Schmidt

Copyright 2011Kristin Schmidt

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Kristin Schmidt

Nirgendwo

Kapitel 1

Scheppernd fiel ein Putzeimer zu Boden. Ein halblauter Fluch, Frauen lachten. Emsig wurden die Pfeiler gewienert, eifrig die Simse gewischt, die Decken mit Stangen, an denen Schwämme befestigt waren, sorgfältig gereinigt. Auf die Fliesen des Atriums wurden Sägespäne gestreut, die, nachdem sie sich mit dem Schmutz verbunden hatten, wieder weggekehrt wurden. Wie jeden Morgen fühlte sich die Römerin in ihre Kindheit versetzt. Seitdem waren diese Geräusche ihr vertraut und begleiteten sie in den Tag. In diese Gedanken verwoben und leise vor sich hin lächelnd, erschien eine Frau, die einen Teller mit Feigen und Datteln sowie einen Becher Wasser trug. Die Sklavin Livia stellte das Frühstück neben das Bett und sagte:

„Salve, Domina, wie hast du geschlafen?“

„Salve, Livia, verhältnismäßig gut“, antwortete Servilia.

„Wenigstens haben mich diese Nacht keine Krämpfe geplagt.“

Die Herrin nahm eine Dattel und dachte daran, dass dieser Tag ein ganz besonderer sei. Die Iden des März. Heute vor zwanzig Jahren war das Unfassbare geschehen. Der göttliche Cäsar, wie Servilia nicht ohne Ironie dachte, war ermordetworden. Zu den sogenannten Verschwörern gehörte auch ihr Sohn Marcus Brutus.

„Ach Brutus, wie gründlich hast du dich getäuscht. Es ist bitter, wenn die republikanischen Ideale von der Wirklichkeit überholt werden. Statt von Volk und Senat gefeiert, wurdest du mit den anderen an den Pranger gestellt. Der Senat bestätigte ausdrücklich das Werk Cäsars. Nur aufgrund der mutigen Intervention Ciceros kamt ihr mit einer Amnestie davon. Das Testament des Imperators, das das Volk reichlich mit Geld und Grundstücken versorgte, wurde öffentlich verlesen.

Bei der Leichenfeier hieltAntonius dem Volk die grausig-zerfetzte Toga Cäsars entgegen. Das Kleidungsstück wies die Spuren von dreiundzwanzig Wunden auf, die dem Opfer beigebracht worden waren. Bei dem Anblick der blutbefleckten Toga schrie die Menge auf und wollte die Häuser der Mörder stürmen. Es blieb euch nur die Flucht aus der Stadt. Die Zeit der Tyrannenmorde war endgültig vorüber. Ihr hattet es nur zu spät bemerkt.“

Servilia seufzte und stand auf. Es war Zeit, sich zurechtzumachen. Sie streifte ihre Sandalen über und warf sich den Amictus, einen Umhang, um. Dann holte sie die Lapsa aus der Truhe, ein Kästchen aus massivem Silber, in dem sie ihre Schminkutensilien aufbewahrte. Mit dem Kästchen in der Hand ging die Herrin ins Bad, wo bereits Livia auf sie wartete.

„Die Ornatrix wird sofort da sein. Sie wartet schon auf dich, Herrin“, sagte die Sklavin bei ihrem Eintreten.

Jeden Tag entdeckte Servilia eine neue Falte.

„Waren ihre Haare nicht gestern noch dunkler gewesen? Und die Krähenfüße um die Augen, die verräterischen Spuren des Alters um die Lippen.“

„Salve, Domina“, begrüßte sie die Ornatrix ehrerbietig.„Wie darf ich dich heute frisieren?“

„Salve, Ornatrix“, gab Servilia zur Antwort.„Wie immer auf die republikanische Art. Mittelscheitel mit einem Knoten im Nacken“.

„Wenn ich mir eine Anmerkung erlauben darf, Herrin. Es würde sehr vorteilhaft aussehen, wenn einige Locken dein Gesicht umrahmten.

„Meinst du wirklich?“, fragte Servilia besorgt und musterte sich aufmerksam im Spiegel.

„Wäre das nicht etwas zu frivol für mein Alter?“

„Überhaupt nicht. Es würde nur die Strenge der Frisur ein wenig mildern.“

„Nun gut. Warum nicht. Ich bin einverstanden“, erklärte Servilia schließlich.

Während die Friseuse ihres Amtes waltete, dachte die Republikanerin erneut an ihren Sohn und an jenen denkwürdigen Tag vor zwanzig Jahren. Sie hatte nichts von den Attentatsplänen gewusst. Freilich geahnt hatte sie, dass etwas im Gange war. Und dennoch hatte sie die Nachricht vom Tode Cäsars getroffen wie ein Blitz. Sie lag gerade beim Mittagessen, als ihr eine Sklavin die Neuigkeit berichtete, die sich mit Windeseile in der Stadt verbreitet hatte. Ihr erster klarer Gedanke galt Brutus.

„Was wird aus meinem Sohn? Wie kann ich ihm helfen?“, schoss es ihr durch den Kopf.

„Dein Sohn ist bei der Ermordung des Diktators an der Hand verletzt worden“, berichtete die Sklavin weiter.„Im Augenblick hält er eine Rede auf dem Forum, um das Volk zu beruhigen.“

„Begib dich sofort dorthinund nimm Claudius als Begleiter mit. Berichte mir auf der Stelle, wenn es etwas Neues gibt“, befahl die Herrin.

Wie die besorgte Mutter später erfuhr, hatte diese Rede keinen rechten Erfolg. Deshalb begab sich Brutus mit seinen Anhängern auf das Capitol. Dort hielt er eine viel beachtete Rede, die die Veteranen Cäsars für seine Sache einnehmen sollte. Indessen ließ Servilia nichts unversucht, um Brutus und ihrem Schwiegersohn Cassius, der ebenfalls zu den Verschwörern gehörte, zu helfen. Vor allen Dingen versuchte sie, Cicero, der ihren politischen Sachverstand schätzte, für ihre Sache zu gewinnen.

Mit Erfolg. Denn der berühmte Redner setzte den bereits erwähnten Amnestiebeschluss des Senats durch. Damit waren jedoch noch nicht alle Gefahren gebannt. Anfang Juni wollte Brutus, der das Amt des Prätors Urbanus innehatte, auf jeden Fall nach Rom zurückkehren und seine Spiele ausrichten. Das musste Servilia unbedingt verhindern.

Beieiner Beratung in Antium am 8. Juni ging es umdiese Frage.AußerBrutus warenCicero und Cassius, Tertullia, die Halbschwester des Brutus, Porcia, dessen Frau, und natürlich Servilia dabei. Nur mit großer Mühe gelang es Servilia schließlich, ihren Sohn von der Abreise zu überzeugen.

Die alte Frau seufzte.

„Bist du mit deiner Frisur nicht zufrieden?“, fragte die Ornatrix ängstlich.

Zerstreut blickte die Herrin in den Spiegel und sah nicht die neue Haarpracht, sondern das Gesicht ihres Sohnes, als er sich von ihr verabschiedete.

„Sie ist sehr schön geworden, Ornatrix“, erwiderte Servilia.

„Jetzt lege noch ein wenig Schminke auf. Ich will jünger aussehen, als ich bin!“

Sogleich machte sich die Ornatrix an ihre mühevolle Arbeit. Sie öffnete die Capsa und entnahm ihr die zahlreichen Töpfchen, Fläschchen und Döschen, deren sie für ihre Tätigkeit bedurfte. Zunächst bleichte sie Gesicht und Arme der alten Frau mit Kreide und Bleiweiß, dann färbte sie Wangen und Lippen mit dunkelroter Weinhefe. Das Resultat konnte sich durchaus sehen lassen: Der geschminkten Servilia war ihre einstige Schönheit deutlich anzusehen. Es war nun verständlich, warum sich Cäsar vor fast vierzig Jahren in die überaus kluge und pflichtbewusste Frau verliebt hatte. Zum Schluss legte die Herrin den Schmuck an: die Ohrringe, die Halsketten, den Brustschmuck, die Armbänder, die Fingerringe und die Armreifen. Danach eilten die Kammerfrauen herbei und legten ihr eine blaue Stola aus Baumwolle um. Schließlich umhüllten sie Servilia mit der Palla, ihrem gefalteten Mantel in Dunkelblau.

Die Toilette war beendet. Servilia betrachtete sich im Spiegel. Sie fragte sich, ob Cäsar wirklich und wahrhaftig ermordet worden war.

„Lebte er nicht vielmehr in seinem Adoptivsohn und Erben Augustus weiter? War sie der einzige Mensch in Rom, der sich noch an die Iden des März erinnerte, an Brutus, an Cicero, an die glorreichen Tage der Republik? War sie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit?“

Kapitel 2

Die Sonne schien schon durchs Fenster, der Verkehrslärm brandete gegen die Scheiben, vom nahen Bahnhof fuhr ein Zug ab. Zwei Tauben gurrten. Als Tanja Thiller erwachte, war es neun Uhr. Entschlossen stand sie auf, um in der Küche den Kaffee zuzubereiten. Während die Kaffeemaschine dampfte, fragte sie sich, warum sie sich überhaupt die Mühe machte aufzustehen. Der Tag dehnte sich vor ihr wie ein weißes Blatt Papier, das niemand mit Zeichen beschrieb, und sie selbst hatte nicht die Kraft gefunden, den Tag zu beschreiben. Tanja fühlte sich, als fiele sie in einen nicht enden wollenden Abgrund und niemand war da, der sie auffing.

Die junge Frau hatte keine Arbeit und kein Geld. Dafür hatte sie allerdings Zeit im Übermaß. Seit Jahren dauerte dieser Zustand, der nur für eine kleine Weile geplant gewesen war und sich jetzt ins Endlose fortzusetzen schien. Wäre es nicht besser, fragte sich die 39jährige und goss sich eine Tasse Kaffee ein, den Rest des Lebens einfach zu verschlafen, sich in die Daunendecke einzukuscheln und zu träumen. In ihren wenigen wachen Stunden könnte sie lesen, fernsehen oder Besuch empfangen, der sich freilich bereit erklären müsste, Kaffee oder Tee zu kochen und für das leibliche Wohl zu sorgen.

Jedes Mal wäre sie dann erleichtert, wenn die Tür hinter dem Besucher ins Schloss fiele und sie sänke, von dieser Berührung mit der Außenwelt befremdet, wohlig-erschöpft in ihre Kissen zurück. Ein solches Leben wäre ihrem Frührentnerdasein nicht nur angemessen, es würde ihr auch keinesfalls dasGefühlgeben, etwas zu versäumen. Letztlich wäre dieses Dasein nur die totale Konsequenz aus einer Lage, welche die Gesellschaft ihr zugeteilt hatte.

Als promovierte Germanistin gehörte Tanja zum akademischen Proletariat: dem Taxifahrenden Philosophen, dem Kistenstapelnden Betriebswirtschaftler, der kellnernden Slawistin. Ohne Unterlass produzierte die geile Alma Mater Akademiker und Akademikerinnen, um sie – oftmals nach einer schweren Geburt – auf der Müllkippe auszuwerfen. Dort rieben sich die Diplomierten, Promoviertenund Habilitierten erstaunt die Augen und stellten sich verdutzt die Frage, wie es sie nur an diesen stinkenden, verdreckten, verschleimten Ort hatte verschlagen können. Die meisten mussten feststellen, dass in der Gesellschaft keinerlei Bedarf an ihrer Arbeitskraft bestand, weil sie keine Rentabilität garantierte. Mit anderen Worten, von einem Tag auf den anderen waren sie überflüssig geworden.

Seit Langem war es die Gesellschaft gewohnt, den größten Teil ihrer Elite als Ausschuss zu betrachten, der allein der Aussonderung diente. Außerdem galten Akademiker weithin alsgefährliche Aufrührer und potenzielle Störenfriede, die geeignet schienen, den Betriebsfrieden zu brechen.

Tanja stellte das Radio an und biss in ihr Käsebrot. Als sie ihr Frühstück beendet hatte, zündete sie sich eine Zigarette an. Der Rauch vermischte sich mit den Klängen der„Zauberflöte“von Mozart. Nach ihrer Landung auf dem Müllberg hatte sie sich keineswegs damit zufriedengegeben, rostige Konservendosen nach fetten Ratten zu werfen, sondern hatte sich als Nachrichtenredakteurin bei Radio Sonnenschein beworben.

So kam Tanja Thiller nach Aschaffenburg, einer Provinzstadt, die außerhalb ihrer Grenzen weithin unbekannt ist. Schon als sie zum ersten Mal aus dem Bahnhofsportal trat, kam ihr die leicht verwahrloste Gegend vertraut vor. Überall auf dem Trottoir lagen Kippen, Zigarettenschachteln undMcDonald-Tütenherum. Und sie wusste insgeheim, dass sie hier lange bleiben würde.

Nachdem sie ihren Kaffee ausgetrunken hatte, ging die blonde füllige Frau ins Bad und duschte sich. Nach dem Anziehen folgte die unvermeidliche Schminkprozedur. Tanja legte flüssiges Make-up auf, puderte sich und verlieh ihrem blassen Gesicht mit etwas Rouge einen frischen Schimmer. Sie umrahmte sich die Augen mit schwarzem Kajal und schminkte sich die Lippen mit einem braunroten Lippenstift. Zum Schluss tupfte sie sich noch ein Paar Tropfen des Parfüms„Opium“hinter die Ohrläppchen. Nach einem prüfenden Blick in den Spiegelnahm sie ihren Beutel und war bereit, zum Arbeitsamt zu gehen.

Ich komm aus dem NIRGENDWO, geh nirgendwohin, ich weiß nicht, wer oder was ich bin, ich rede dazwischen, ich mische mich ein, ungefragt, ich stecke meine Nase gern in anderer Leute Angelegenheiten, ich erfinde den Sonnenuntergang in Rom und Aschaffenburg, ich überwinde 2000 Jahre wie nichts. Das ist keine Magie, die Geschichte ist eine Erfindung wie alle Geschichten, ein Lügenmärchen für Liederjane und Lustgreise, wobei es auch vorkommt, dass die Lügen die Wahrheit sagen, unvermeidlicherweise oder aus Versehen, dabei versteht es sich von selbst, dass alles, was ich sage, erstunken und erlogen ist, zum Beispiel Servilia und die Arbeitslosigkeit, Cäsar und die Kaffeemaschine, die Ornatrix und dieMcDonald-Tüten, einfach erfunden, mutwillig aus heiterem Himmel, so gibt eskeine Beziehung zwischen Servilia und Tanja, schließlich trennen sie 20 Jahrhunderte. Das ist keine Kleinigkeit oder doch, denn beide leben im Schatten der Geschichte, schon, weil sie Frauen sind, verschwinden sie wie ich eines Tages namenlos und ohne eine Spur zu hinterlassen im weißen Papier.

Kapitel 3

„Es ist Besuch gekommen“, sagte Livia.„Die edle Faustina ist da.“

„Ich freue mich, sie zu sehen“, erwiderte Servilia.

Eine reife, kleine Frau in einer feuerroten Palla betrat den Raum. Ihre dunklen Haare waren zu einer eindrucksvollen Hochfrisur aufgetürmt, die von hinten an ein Wespennest erinnerte. Um den Hals hatte die Römerin wagemutig eine gelbe Stola geschlungen. Mit flinken Schritten, die man der molligen Faustina kaum zugetraut hätte, eilte sie herbei und umarmte Servilia.

„Salve, liebste Freundin“rief sie aus und lächelte.„Wie wunderbar du wieder aussiehst. Selbst wenn ich zwanzig Librae weniger wöge, würde ich nicht diesen würdigen Eindruck machen.“

„Bleibe so, wie du bist“, antwortete Servilia.„Was würde Senator Balbus sagen, wenn an seiner Seite plötzlich eine Bohnenstange liegen würde. Damit dein Mann auch wirklich keinen Grund zur Klage findet, möchte ich dich zu einem kleinen Imbiss einladen.“

Die beiden Frauen gingen an der Säulenhalle vorbei zum Speisezimmer, wo bereits eine schlichte Mahlzeit auf sie wartete. Mostbrötchen, Käse, Trauben und Wein. Als sich die Römerinnen auf den Betten ausgestreckt hatten, reichte Servilia ihrer Freundin einen Becher Wein.

„Die Morgentoilette macht mich immer hungrig“, bemerkte die Ältere und steckte sich eine Traube in den Mund.

„Was führt dich zu mir außer unserer Freundschaft natürlich?“

Faustina lächelte und nippte an ihrem Wein.

„Ich will dich an diesem denkwürdigen Tag ein wenig aufheitern.“

„Du hast daran gedacht“, versetzte die 76jährige überrascht.

„Wer könnte je die Iden des März vergessen“, gab Faustina zur Antwort.„Ich glaube, dass sie selbst in der Seele des einfachen Römers eine Spur hinterlassen haben, ohne dass er sich bewusst an jene Ermordung erinnert.“

Die Mutter des Brutus blickte versonnen auf ihre goldenen Armbänder.

„Deine Zuversicht überrascht mich. Was ist der Grund dafür?“ihre 37jährigeFreundin strich sich eine Locke aus der Stirn und sah für einen Augenblick wie ein junges Mädchen aus.

„Mein Glaube an Isis natürlich.“

„Das musst du mir genauer erklären“, fügte Servilia hinzu und nahm sich ein Stück Käse.

„Isis ist die Himmelskönigin, die allmächtige, allwissende und allumfassende. Meine Göttin ist die Herrin aller Länder, des Meeres und der Winde, der Lebendigen und der Toten. Sie war es, die den Menschen die ersten Gesetze gab. Sie erfand die Schrift und schenkte den Menschen die Buchstaben. Sie brachte die Männer dazu, die Frauen zu lieben. Isis, die Vielnamige wacht. Die Mutter des Horus, die Schwester des Osiris, die Zauberin, die Große Jungfrau. Isis wacht über mich, die Eine, die jede Göttin ist.“

Die beiden Freundinnen schwiegen eine Weile. Schließlich sagte Servilia zögernd:

„Kannst du mir nicht mehr über Isis erzählen. Ich möchte dich besser verstehen.“

Faustina stellte ihren Becher auf das Bronzetischchen und erwiderte:

„Als die Welt noch jung war, lebte die Göttin Isis an den Ufern des Nils. Sie war glücklich mit ihrem Mann und Bruder Osiris. Und ihre Herrschaft hätte ewig währen können, wäre nicht der dunkle Seth gewesen, der Osiris zu einem glanzvollen Gastmahl einlud. Dort lockte Seth seinen Bruder in eine kostbare Lade, die er von seinen Dienern sofort verschließen und auf dem Nil aussetzen ließ.

Die untröstliche Isis machte sich auf die Suche nach ihrem toten Mann, begleitet von Anubis, dem schakalköpfigen Gott. Die Trauernde weinte so sehr, dass ihre Tränen die Fluten den Nils ansteigen ließen. Als die Liebende den Toten gefunden hatte, trat sie die Rückreise nach Ägypten an. An den Ufern des Nils lauerte ihr jedoch der finstere Seth auf, der den Leichnam des Osiris in tausend Stücke zerhackte. Und wiederum begab sich die unermüdliche Göttin auf die Suche:

Sie fand die Stücke – bis auf den Schwanz – und setzte sie zusammen. Aus Holz bildete sie den Schwanz und hauchte ihm Leben ein. Mit Falkenflügeln schlagend, setzte sich die Zauberin auf die Lade und flößte dem Toten das Wasser des Lebens ein. Noch einmal schlug Osiris die Augen auf und zeugte Horus, den falkenköpfigen Gott. So wurde Osiris zum mächtigen Gott der Unterwelt und Isis zur liebenden Mutter, die ihren Sohn Horus behütete und beschützte, bis er alt genug war, die heimtückische Ermordung seines Vaters zu rächen und den schwarzen Seth zu töten.“

„So sterben wir durch Seth und werden in Isis wiedergeboren“sagte Servilia leise.„Es gibt noch viel mehr, was du wissen solltest. In den Mysterien erfahren die Adepten das Geheimnis des Lebens. Ich hoffe, dass ich einmal zu ihnen gehören werde.“

Servilia streichelte die schmalen Hände der Jüngeren.„Ich bin mir dessen sicher.“

Faustina blickte der alten Frau direkt in die Augen.

„Ich möchte dir heute unser Heiligtum zeigen. Vielleicht kann dich der Anblick der Göttin in deinem Kummer trösten.“

„Niemand wünscht sich dies mehr als ich“, erwiderte die Republikanerin und sah plötzlich trotz ihrer Schminke, so alt aus,wie sie war.

Nachdem Servilia ihren Sklaven einige Anweisungen erteilt hatte, machten sich die beiden Frauen auf den Weg.

Kapitel 4

Draußen schien die Sonne, Passanten eilten vorbei, vor dem Stadtmarkt saß ein junger Mann und bettelte. Kurz, es war ein ganz normaler Tag. Im Bus unterhielten sich ein paar alte Frauen über Krankheiten und Kochrezepte. Im„Apollo“spielte man den Film„Das Leben der Anderen“mitUlrich Mühe und Sebastian Koch. Von der Haltestelle Lindenallee aus durchquerte Tanja einen Park und erreichte bald darauf das Arbeitsamt, ein modernistisches Gebäude, das sich in der Memeler Straße befand. Vor dem Arbeitsamt stand ein großer Aschenbecher, der von einigen Türken regelrecht umlagert wurde. Die junge Frau nahm hastig noch einen Zug. Dann drückte sie die Kippe aus und ging durch die Schwingtür.

Das Zimmer ihres Sachbearbeiters lag im rechten Gang hinter der Rezeption. Nachdem sie ihre Karte mit der Nummer 841 222 bei der Sekretärin abgegeben hatte, setzte sie sich auf einen Plastikstuhl und wartete.

„Warum“, fragte sich die Arbeitslose,„ist hier alles so grau, die Stühle, der Boden, die Menschen?“

Es war, als hätte sich alle Trost- und Hoffnungslosigkeit der Welt an diesem Ort versammelt. Je länger sie saß, desto grauer glaubte sie zu werden,und sich in die Nummer auf ihrer Karte zu verwandeln. 841 222. Nach einer Dreiviertelstunde rief sie ihr Sachbearbeiter zu sich herein. Tanja war zunächst erleichtert, der Tristesse dieses Flurs entfliehen zu können, doch das Zimmer des Beamten sah auch nicht fantasievoller aus. Natürlich war es in Grau gehalten und atmete dieselbe Traurigkeit, wenn auch auf einem höheren Preisniveau.

Herr Weber war ein ausgemergelter Enddreißiger in einem dunkelblauen Anzug. Auffallend waren sein ständig hüpfender Adamsapfel und eine seltsam-pergamentene Gesichtsfarbe, die von eifrigem Aktenstudium zeugte.

„Was führt Sie zu mir, Frau Dr. Thiller“, sagte er mit näselnder Stimme und streckte ihr eine blasse Hand entgegen.

„Grüß Gott“, antwortete Tanja.„Ich möchte Ihnen kurz schildern, was ich inzwischen unternommen habe. Ich habe etwa zwanzig Bewerbungen abgeschickt und achtzehn zurückbekommen. Zwei Bewerbungen stehen allerdings noch aus.“

„Tja“, meinte Herr Weber,„was machen wir denn da? Ich weißbeim besten Willen nicht, was ich mit Ihnen machen soll„, bekannte der Sachbearbeiter.

„Könnten Sie mir nicht zum Beispiel eine Umschulung vermitteln“, schlug die 39jährigevor.

„Mir sind leider die Hände gebunden“, erklärte der Beamte, wobei sein Adamsapfel unentwegt hüpfte.„Für eine Umschulung fehlen mir bedauerlicherweise die finanziellen Mittel.“

„Ich werde mich bei Ihnen melden, sobald es etwas Neues gibt“, versicherte die Erwerbslose und verabschiedete sich hastig.

Im Laufschritt eilte Tanja den abweisenden Gang entlang. Als sie die Schwingtür aufstieß, atmete sie tief durch, froh, dem tristen Gebäude für diesmal entflohen zu sein.

Kapitel 5

Die beiden Sänften kamen nur langsam voran, da auf den Straßen ein unbeschreibliches Getümmel herrschte, das an das Treiben in einem orientalischen Basar erinnerte. Sklaven, Soldaten, Senatoren, Mohren, Marktfrauen, Taschendiebe, Kinder, Hunde, alles wirbelte durcheinander und schien doch einem unerklärlichen Gesetz zu gehorchen, das es jedem erlaubte, beinahe ungehindert seinen Geschäften nachzugehen. Nach über einer Stunde gelangten Servilia und Faustina in ein dunkles Gässchen. Bevor sie eine kleine Pforte öffnete, ermahnte die Senatorengattin ihre Freundin noch einmal zu striktem Stillschweigen.

Die Frauen durchschritten einen großen, ein wenig verwahrlosten Garten, bis sie zum Tempel kamen, der sich auf einer Anhöhe befand. Vor dem Eingang saß eine weißhaarige Nubierin auf einer Bank. Beim Anblick der beiden Frauen erhob sie sich und legte den rechten Zeigefinger auf den Mund. Die Römerinnen erwiderten die Gebärde und betraten das Heiligtum, in dem ein angenehmes Halbdunkel herrschte.

Der rechteckige Raum wurde von einer Granitstatue der Göttin an der Stirnseite geprägt. Isis saßauf dem Thron und säugte den Horusknaben. Die all