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Spiritueller Liebesroman vor historischem Hintergrund: Die beiden Hauptfiguren leben um das Jahr 1360 im damals maurischen Spanien, das die dort lebenden Araber selbst "al-Andalus" nennen. Nirtan reist als fahrender Sänger nach Granada, um an einem großen Sangeswettstreit teilzunehmen. Vor dem Wettbewerb trifft er Latifa auf einem Marktstand und beide verlieben sich ineinander. Auf seinem Weg in die Stadt trifft Nirtan auf einen weisen Derwisch, der dem jungen Mann viele Erkenntnisse über die Musik und die Liebe offenbart. Beide werden zu Freunden. Historische Hintergründe der Zeit und die Schönheit der Palastanlage der Alhambra bilden einen passenden Rahmen für diese Liebesgeschichte, die in allen Zeiten hätte stattfinden können. Wir lernen Nirtan und Latifa nicht nur als klassisches Liebespaar kennen, sondern als Menschen, die gemeinsam den Weg der Liebe beschritten haben und die dabei deren Geheimnissen ein Stück weit auf die Spur gekommen sind…
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Manfred Ley
Nirtan und Latifa
Eine Liebe in al-Andalus
© 2021 Manfred Ley
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Bildnachweis:
Cover: nevarpp, Istockphoto.com (Blick aus der Alhambra)
Rückseite: IvanBastien, Istockphoto.com (Generalife, Alhambra)
ISBN
Paperback:
978-3-347-28823-2
Hardcover:
978-3-347-28824-9
e-Book:
978-3-347-28825-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
1 Im Herzen Andalusiens
2 Der fahrende Sänger
3 Zuhause am Fluss
4 Ein unverhofftes Treffen
5 Wieder auf dem Markt
6 Ein junger Sänger in einer fremden Stadt
7 Der Wettkampf
8 Auf der Bühne
9 Nach dem großen Fest
10 In der Alhambra
11 Noch ein Wiedersehen
12 Am Hof des Fürsten
13 Über die Musik
14 Über die Liebe
15 Hamsas Rat
16 Von der Liebe geführt
17 Das Kennenlernen
18 Im Raum der Liebe
19 Latifas Wunsch
20 Das Wasser der Liebe
21 Was bei der Eiche geschah
22 Die Falkenjagd
23 Endlich zusammen
24 Der Garten der Stille
25 Ein offenes Geheimnis
26 Glaubensfragen
27 Eine unerwartete Nachricht
Nachwort des Autors
Anhang
Glossar der verwendeten Begriffe
Literaturhinweise
Empfohlene Musik
Vita Manfred Ley
Kapitel 1Im Herzen Andalusiens
Granada Mitte des 14. Jahrhunderts. Auf dem Marktplatz der andalusischen Metropole drängen sich die Verkaufsstände der Händler dicht an dicht. Hier feilscht ein Berber lautstark mit einem Schuhverkäufer um einen besseren Preis, dort preist ein einheimischer Bauer seine Auslage an, die vor Granatäpfeln, Feigen, Zitronen, Äpfeln und Oliven schier überfließt. Die Menschen gehen jetzt, um die Mittagszeit, scharenweise durch diesen wogenden Bazar, der neben allen Gütern der Region auch viele Kostbarkeiten des Orients feilbietet, die über die Straße von Gibraltar aus dem nahen Marokko eingeschifft worden sind: Teppiche aus Marrakesch, Gewürze aus Tunis, Körbe aus Fez.
Ein besonderer Bereich des Platzes ist allein Waren aus der lokalen Seidenproduzenten vorbehalten. Viele Kunden reisen extra von weit her an, um diese besondere Kostbarkeit zu erwerben. Um diese Zeit ist Granada der Mittelpunkt der Seidenproduktion in Europa, denn der hohe Lebensstandard, der hier herrscht, ermöglicht es erst vielen Bürgern, solch hochpreisige Waren zu erwerben. Die Seide glitzert in allen Farben des Regenbogens und bildet ein prachtvolles Bild, wenn sich die Strahlen der Sonne in ihr spiegelt. Wie Fahnen wölben sich die Bahnen der Seide, wenn der Wind sie in ihren hohen Ständern durchströmt und dabei wie Segeln aufspannt.
Die Stadt befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung. Wie wohl in keiner Zeitepoche zuvor befruchten sich moslemische, christliche und jüdische Einflüsse zu einer Hochkultur, die weltweit ihresgleichen sucht. Der Süden Spaniens steht seit der Eroberung durch Tariq Ibn Zayad seit hunderten von Jahren unter arabischem Einfluss, der eine großzügige Toleranz gegenüber anderen Religionen walten lässt. Juden wie Christen ist erlaubt, ihre traditionellen Feste zu feiern, wenn auch die Amtssprache Arabisch und die vorherrschende Religion der Islam bleiben. In diesem Schmelztiegel der Einflüsse des nordafrikanischen, europäischen und orientalischen Kulturraums entstand hier in Andalusien eine reiche und lebensfreudige Gesellschaftsform, die wichtige Kenntnisse der alten Griechen bewahren und fortentwickeln konnte. Viele der medizinischen, mathematischen und astronomischen Errungenschaften der Griechen war über Karawanen von Nordafrika bis nach Südspanien gelangt, wurde von Schriftgelehrten ins Arabische übersetzt und standen nun einer Vielzahl von Wissensdurstigen zur Verfügung. Die Kunde davon drang bis weit in den europäischen Kontinent hinein an die Ohren vieler christlicher Gelehrter, die bald darauf gern die Strapazen der beschwerlichen Reise auf sich nahmen, um hier zu lernen und das angeeignete Wissen nach ihrer Rückkehr bald darauf in ihrer Heimat weiterzugeben.
In einer abgelegeneren, stillen Ecke des Marktes steht eine junge, kaum erwachsene Frau und verkauft die typischen regionalen Produkte. Neben vielen Sorten an farbenfrohem Obst und Gemüse bietet sie auch gebundene Blumen, Stickwaren und Eier an. Ihre wichtigste Ware ist aber das kostbare Olivenöl des elterlichen Bauernhofes, das vor ihr in der Auslage in kleinen verzierten Karaffen verschiedenster Größen dargeboten auf dem Boden liegt und nach Käufern sucht. Sie wird Latifa genannt und ist gerade einmal siebzehn Jahre jung. Ihre Augen blicken immer wieder fasziniert auf das vielfältige und wirre Treiben des Marktes, in dem sich spanische und afrikanische Gesichtszüge abwechseln. Dann tut sie es wieder allen anderen Händlern auf diesem Markt gleich und ruft unermüdlich in die Menge, um die besondere Güte ihrer Produkte hervorzuheben. Dazu hält sie gern einmal einem potentiellen Kunden eine wohlriechende Frucht zum Probieren vor die Nase oder lässt sie vom Öl selbst kosten. Sie kennt diesen Bazar von Kindesbeinen an und hat ihre Eltern oft an solchen Markttagen in die nicht allzu ferne Stadt begleitet.
Der Händler gleich zu ihrer Rechten ist ihr Onkel Hazrad, der hin und wieder leicht besorgt ein waches Auge auf seine Nichte wirft. Denn zum ersten Mal konnte deren Mutter Hamsa, seine Schwester, selbst nicht mit nach Granada kommen, da sie sich gerade gestern den Fuß verstaucht hatte. An eine Reise über mehrere Stunden war darum nicht zu denken, waren doch die drei Esel, die schon eine kleine Ewigkeit zur Familie gehörten, schon übervoll mit Waren beladen. So fand sie selbst keinen Platz mehr und konnte unmöglich auf einem ihrer Rücken bis in die Stadt getragen werden.
„Hallo, Latifa“, ruft darum der Onkel gerade herüber, „geh besser nicht zu weit vom Stand weg hinein in die Menge, die kleinen Rotzbengel von der Unterstadt treiben wieder ihr Unwesen und stehlen und greifen alles, was sie kriegen können. Und ich kann nicht auf beide Stände zugleich aufpassen, es ist einfach zu viel Betrieb heute. Ich muss mich um den Verkauf kümmern. Wir werden guten Gewinn heute machen, deine Mutter wird sich freuen!“
Latifa wirbelte lachend herum und ihre dunkeln Augen leuchteten. Ihr runder Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Du hast ja Recht, Hazrad, aber gerade habe ich einen schönen Korb ein paar Stände weiter entdeckt, den ich Mutter gern kaufen möchte. Sie sucht schon lange danach. Bitte lass mich eben hinübergehen, Majida kann doch so lange auf die Auslagen aufpassen.
Majiada, Latifas jüngere Schwester, drehte verwundert den Kopf, ihr gefiel diese Ansage rein gar nicht. Sie runzelte die Stirn und spitze schon die Lippen zu einem laustarken Einwand. Immer dasselbe! Jedes Mal aufs Neue musste sie sich von der großen Schwester in dieser Art herumkommandieren lassen! Aber Latifa sah, welcher Wirbelsturm sich im Kopf der Schwester anbahnte, nahm Majida darum gleich vorsorglich in ihren Arm und gab ihr rasch einen Kuss auf die Stirne. „Bleib ruhig, meine Taube, der Onkel ist da und passt auf dich auf. Ich bin in einer Minute zurück und bringe dir einen leckeren kandierten Apfel mit zur Belohnung!“ Die Aussicht auf solch eine Leckerei ließ Majidas Augen aufleuchten. Die große Schwester hatte sie mal wieder um den Finger gewickelt. „Na gut“, ließ sie verlauten, „aber gegen Nachmittag, wenn es leerer geworden ist, möchte ich dann selbst auch gern mal über den Markt gehen. Ich suche noch immer nach einem schönen neuen Gewand, jetzt wäre eine gute Gelegenheit dazu!“
Natürlich willigte Latifa sofort ein und versprach es. Beide besiegelten diesen Beschluss mit einem Lachen und am Ende des Tages hatten beide den Markttag auch selbst genutzt, um neben dem Korb für die Mutter und dem neuen Kleid für Majida viele Kleinigkeiten zu besorgen, die es auf ihrem Hof weit auf dem Land vor Granada einfach nicht zu kaufen gab: einige verschieden große neue Nähnadeln zum Ausbessern der Löcher in der Kleidung, Gewürze zum Kochen, ein neues Seil zum Führen der treuen Esel und einen neue Öllampe, damit sie Licht in ihrem Wohnzimmer machen konnten, wenn die Dunkelheit am Abend über ihren elterlichen Hof hereinbrach.
Langsam neigt sich der Markttag zu seinem Ende. Es wurde nun Nachmittag und die beiden Schwestern packten die letzten wenigen Waren zusammen, die keinen Abnehmer gefunden hatten. Die Esel würden es auf dem Heimweg leichter haben und darum für kurze Strecken jeweils eine der beiden Mädchen ein Stück weit tragen können. Und das war ein Glück, denn der Markttag war lang und ihr Heimweg noch weit. Erst gegen den späten Abend würden die Mädchen endlich müde, aber erfüllt und glücklich von diesem erlebnisreichen Abenteuer wieder am elterlichen Hof ankommen.
Kapitel 2Der fahrende Sänger
Es wurde langsam Morgen auf der weiten Lichtung, die sich in einem der weiten Ausläufer der Sierre Nevada befand. Der nahende Herbst schickte bereits seine Vorboten. Erste Nebelschwaden lagen schwer auf den Gräsern, die sich nass vor Tauwasser tief bis zum Boden hinneigten. Langsam erwachte Nirtan an seinem behaglichen Platz, den er sich für seine Nachtruhe geschaffen hatte. Gleich unter ihm befand sich ein sehr ansehnlicher Haufen von Kiefernzweigen, die er erst am Abend zuvor wie gewohnt zusammengesucht hatte, um sie dann zu einem weichen Bett zusammen zu schieben. Zugedeckt war er mit einer warmen Decke aus Schaffell, die er tagsüber zum Wandern zu einer Rolle zusammenband, um sie dann bequem über der Schulter tragen zu können. Die ersten Lichtstrahlen des Tages hatten ihn wie immer geweckt. Verschlafen blickte er nun auf die Lichtung, auf der sich einige Rehe zum gemeinsamen Frühstück eingefunden hatten. Sie grasten im ersten Sonnenlicht des Tages und fühlten sich ganz ungestört. Nirtan hatte für sein Nachtlager eine große Mulde in den Wurzeln einer stattlichen Eiche am Waldrand gewählt, so dass ihn die Wildtiere weder erspähen noch wittern konnten. So blieb er einfach liegen, um wach zu werden und noch ein paar köstliche Augenblicke lang die friedliche Idylle dieses stillen Augenblickes zu genießen.
Schlaftrunken begannen seine Gedanken nun zu kreisen und er erinnerte sich schemenhaft daran, wo er gerade war und was ihn heute erwarten würde. Bereits seit vielen Tagen war er jetzt schon unterwegs nach Granada, um an einem Wettstreit der Sänger teilzunehmen, der jedes Jahr um diese Zeit des Jahres stattfand. Diesmal sollte das Fest jedoch besonders groß gestaltet werden und darum strömten ungewöhnlich viele Musiker in diese Metropole Südspaniens. Der in dieser Region herrschende Emir Mohammed V. war bekannt dafür, offen für jede Form der schönen Künste zu sein und einige bekannte Poeten und Musiker lebten unter seinem Dach, um ihn mit ihrer Kunst an den Abenden in seinem Palast, der Alhambra, zu erfreuen. Dieser Wettstreit war schon vor Monaten weit und breit im ganzen Land angekündigt worden, bewertet wurde dabei neben der Stimme der Sänger und seiner Kunst des Vortrags auch die Poesie der Verse und natürlich vor allem die Musik selbst. Nirtan wollte um sein Leben gern dabei sein und versprach sich durchaus gute Chancen. War er doch als Sänger in den Nachbarstädten Toledo, Ronda und Cordoba ein gerngesehener Gast gewesen. Die Herrscher all dieser Städte wetteiferten untereinander, wer die besten Sänger und die poetischsten Dichter an ihrem Hof versammeln konnte. So standen die Zeichen momentan durchaus günstig für fahrende Sänger wie Nirtan, der sich anschickte, sich auch in der Region Granada einen Namen zu machen.
Er liebte die freie Natur und war es gewohnt, häufig im Freien zu übernachten. Hin und wieder ergab es sich, in einem der kleinen Bauernhöfe auf seinem Weg eine Unterkunft zu finden, wo er sich im Stall sein Lager richten durfte. Gasthäuser und ihren Lärm mied er aber tunlichst. Da sparte er lieber sein Geld und schlief im Schoße von Mutter Natur. Auf dem Land waren Herbergen außerdem kaum zu finden. Welches Gasthaus hätte ihm auch solch einen Anblick schenken können, dachte er so vor sich hin, als er die Gruppe Rehe weiter anblickte. Die Natur beflügelte zudem seinen kreativen Geist und in Momenten wie diesem war es ganz natürlich für ihn geworden, Verse zu suchen, die ganz wie von selbst aus ihm herausflossen. Schnell griff er neben sich in seine Umhängetasche, um einen Bogen kostbares Papier, Tinte und Feder zu suchen. Aber immer mit Bedacht, um die friedliche Szene auf der Lichtung nicht zu stören. Wie immer drehten sich dabei seine Worte um die höfische Liebe, wie es zu dieser Zeit bei allen Sängern und Dichtern in diesem Zipfel der Welt Mode war. In späteren Zeiten würde man diese Form der Kunst als Minnegesang bezeichnen, aber hier, im Süden Spaniens, lag ihre Wiege. Und fahrende Sänger trugen diese Kunst der kunstvollen Verehrung der Frau erst später auf ihren Reisen bis in den mittleren Teil des europäischen Kontinents.
So blickte Nirtan auf die Lichtung, dachte an eine ersehnte ferne Auserkorene und ließ die Worte, die in ihm anklangen, einfach nur zu Papier fließen. Er schrieb:
Sag an, ob du ein Mensch oder stammst du aus dem Engelreich
Denn meine Urteilskraft gilt nichts, wo sie erlahmt
Wohl sieht mein Auge ein Gebilde menschengleich
Doch denk ich nach, scheint‘s, dass der Leib vom Himmel stammt
Preis sei ihm, der seine Schöpfung so werden ließ
Das Wunderbare und Wahre in dir das Licht erstand
Ich zweifle nicht, dass du ein Geist, den kommen hieß
Zu mir die Ähnlichkeit, die unsere Seelen band. 1
Schon hörte er innerlich eine zauberhafte Melodie, die bestens zu diesen Zeilen zu passen schien. Nirtans Herz pochte schneller vor Freude. Dieses Lied wäre doch sehr passend, um es im anstehenden Wettstreit der Sänger erstmals vor Publikum zum Besten zu geben! Granada lag jetzt nur noch einen Tagesmarsch entfernt. Heute würde er es bequem erreichen und morgen bereits würden die Vorkämpfe des Wettstreites beginnen. Er wollte darum die knappe Zeit seiner Wanderschaft gut nutzen, um weiter an seinem neuen Werk zu arbeiten. Sicher würde es dem Emir gefallen, der bekannt dafür war, besonderen Wert darauf zu legen, immer neue und ihm noch unbekannte Kunst hören zu dürfen. Ganz bestimmt war dies ein Pluspunkt für ihn. Nirtan lächelte in sich hinein und freute sich an seiner neuen Musik. Wie schön es war, Sänger zu sein und seine eigenen Lieder komponieren zu können.
Er drehte sich zur Seite, um nach seinen Instrumenten zu greifen. Wohlbehütet lagen sie da, sicher eingeschlagen in weichem Lammfell, jede für sich in einem eigenen. Denn an ihnen hing sein Herz ganz besonders. Da war zunächst seine Ney, eine Art Flöte, die wie eine Querflöte gespielt wurde, schräg am Mund angesetzt. Ihr hoher Klang war wie ein Ruf, der alle Gedanken der Zuhörer verstummen ließ, um ganz vereint mit diesem Ton zu werden. Schlichtere Instrumente dieser Art waren aus einfachem Schilfrohr gebaut, diese hier hatte er aber selbst in mühevoller Kleinarbeit aus Zedernholz gefertigt. Zärtlich nahm er sie in seine Hände.
Dann war hier seine Rebab, eine Variation der Laute, mit zwei Saiten, die an einem kleinen hölzernen Klangkörper befestigt waren. Auch sie hatte er selbst angefertigt und griff leise in eine der Saiten, um sie nach der Feuchtigkeit der Nacht neu zu stimmen. Sie war sein Lieblingsinstrument und aus seiner Form von Unterhaltungsmusik nicht wegzudenken.
Und – als dritte im Bunde – spielte er auf einer Trommel, die aus einem gegerbten Schaffell bestand, das er auf einem dünnen Rahmen aus Zedernholz gespannt hatte. Ihr Klang ging besonders nahe, da sie den Herzschlag imitierte und sehr stark Einfluss auf die Stimmung der Zuhörer nehmen konnte, je nachdem, ob er sie laut oder leise anschlug.
Nirtan wusste genau, welche Wirkung seine verschiedenen Instrumente auf seine Zuhörer haben konnten und hatte gelernt, sie entsprechend in seiner Musik einzusetzen. Jedes seiner drei Instrumente war besonders und erst durch ihren gemeinsamen abwechselnden Einsatz bekam seine Kunst ihre besondere Note.
Nun hatte er aber lange genug vor sich hingedöst, wie er sich lächelnd eingestehen musste. Die Rehe waren schon lange verschwunden und die aufgehende Sonne hatte die Feuchtigkeit auf den Gräsern trocknen lassen. Nirtan ging zum nahegelegenen Bach, um zu trinken und sich zu waschen. Dann packte er sein Bündel, nahm seine geliebten Instrumente in die eine und einen Rest Brot in die andere Hand und machte sich auf, um pünktlich zum Wettstreit am Hofe des Emirs Mohammed anzukommen.
1 Gedicht von Ibn Hazm, 11. Jahrhundert, siehe Glossar
Kapitel 3Zuhause am Fluss
„Der Weg zurück nach Hause kommt einem immer kürzer vor“, dachte Latifa ganz bei sich, als sie nach Stunden endlich am Ziel ihrer beschwerlichen Wanderung ankamen. Es war gut, gegen Nachmittag zu reisen, denn die Tage waren noch sehr heiß, wenn auch die Sonne nicht mehr ganz so hoch und brennend am Himmel stand zu dieser Zeit des Jahres. Der Abend brach nun langsam herein und es wurde zusehends kälter. Die Schwestern schlugen sich daher rasch ihre wollenen Stolas um die Schultern, die sie selbst unter Anleitung ihrer Mutter hergestellt hatten. Die kälter werdenden Nächte waren die ersten Anzeichen des nahenden Winters, der aber zumeist frei von Frost verlief. Es schneite selten in diesem südöstlichen Zipfel der iberischen Halbinsel. Latifa konnte sich nur an wenige Momente erinnern, wo der Himmel ihr den weißen Zauber des Schnees geschenkt hatte. Und bis zum Winter war es noch weit.
Sie waren nun lange durch ein üppiges Land gegangen, immer wieder durchquert von ihrem heimatlichen Flüsschen Genil, der als grüne Lebensadern der durstigen Flora und Fauna sein Wasser schenkte und so deren Überleben sicherte. Die letzte halbe Stunde waren sie bequem an seinem Ufer entlanggewandert und würden bald an ihrem elterlichen Hof ankommen, den er auch mit seinem wertvollen Wasser versorgte. Hier war der Weg leicht zu gehen und hatte kaum noch Steigung. Außerdem ließ die Aussicht auf ihr Zuhause ihre Füße sowieso schon leichter werden und sie spürten kaum noch die Strapazen dieses langen Tages, der noch vor Sonnenaufgang mit dem Bepacken ihrer Esel begonnen hatte. Nun neigte sich die Sonne zur Erde und bald würde die Dämmerung beginnen. Das Licht wurde zart und die Welt schien wie mit einem Weichzeichner gemalt plötzlich voll von Schönheit. Die magische Stunde rund um die letzten Sonnenstrahlen hatte begonnen.
Dieses schönfärberische Licht unterstütze nur noch das Heimatgefühl der beiden Schwestern. Wie sehr sie diese Gegend liebten! Seit die beiden geboren wurden, war dieses grüne Tal schon ihr schützendes Zuhause. Viele Plätze, Bäume und Höhlen waren ihnen hier bereits von ihren gemeinsamen Erkundungsreisen in ihrer Jugend sehr vertraut. Bald kannten sie jeden Stock und jeden Stein, sie näherten sich nun immer mehr ihrem elterlichen Gehöft. Majida rief aufgeregt: „Schau nur, Lafifa, ich kann schon Vater sehen, er ist im Olivenhain und wie immer mit der Ernte beschäftigt. Wir werden viel zu tun haben in der nächsten Zeit, das Öl zu pressen und einzulagern!“ Es war die wichtigste Zeit des Jahres für ihre kleine Bauernfamilie, die Oliven waren reif und es war höchste Zeit, sie nun zu ernten und den Winter über zu verarbeiten.
Nefretat, ihr Vater, hatte schon länger die Augen offengehalten, da er wusste, um diese Zeit des Tages würde er seinen Nachwuchs zu Hause zurückerwarten dürfen. Eben stand er unter einem großen Olivenbaum und klopfte mit einer langen Stange in die schweren Äste, die sich vor der Last der Oliven bogen. Die schwarzen reifen Früchte fielen danach fast wie von selbst zu Boden, wo sie eine große aufgespannte Decke aus dünnen gut vernähten Ziegenfellen erwartete. Waren alle Oliven vom Baum abgeschlagen, wurde die Decke nur noch zusammengelegt und die reiche Ernte zur Weiterverarbeitung in großen geflochtenen Körben zum nahen Hof gebracht. So hatten schon seine Väter und Großväter auf diesem Hof ihre Oliven geerntet und Nefretat führte diese Tradition nun gerne weiter fort.
Nun fuhr der Vater hoch, als endlich die wohlvertraute Stimme seiner Zweigeborenen an sein Ohr drang. Majida rief nun laut seinen Namen und winkte ihm zu. Die Schwestern beschleunigten jetzt ihren Schritt und liefen mehr, als dass sie noch gingen. Die Esel kamen kaum noch mit und blieben lieber stehen. Ein paar Augenblicke später schlossen sie ihren Vater glücklich in ihre Arme, der Allah für die sichere Heimkehr der beiden ein Dankesgebet schickte.
Gemeinsam gingen sie dann hinüber zum Haus, um die Mutter von der Rückkehr zu unterrichten. Von hier aus war der Bauernhof gut zu überblicken. Das Wohnhaus war aus Lehmziegeln gemauert und hatte ein Dach aus Ried, das in den sumpfigen Auen des nahen Flusses geschnitten wurde. Eine Höhle im anschließenden Berg war ummauert worden und diente als Viehstall für eine Kuh, ein paar Ziegen und eine Menge Hühner, die frei ums Haus herumliefen. Auch die Esel hatten hier ihren Platz für die Nacht. Ein weites Gatter schloss sich an die Höhle an, wo sich die Tiere am Tag das saftige Gras dieses schattigen Tales schmecken ließen. Rund um das Haus verteilen sich eine Vielzahl von Olivenbäumen, die sich bis weit hinauf auch die Hänge des ganzen Tals entlang erstreckten. Daneben gab es eine stattliche Anzahl von Orangen- und Mandelbäumen, Felder mit Sonnenblumen und Weizen schlossen sich weiter entfernt an, so dass man sie nur erahnen konnte.
Hamsa saß auf einer Bank vor dem Haus und blickte in die letzten Strahlen der Abendsonne. Sie hörte das laute Lachen ihre Töchter bereits lange, bevor sie die beiden endlich sehen konnte. Ihr Fuß leuchtete noch immer in allen Farben des Regenbogens, so dass sie nur aufstehen und ihnen ein paar kleine Tippelschritte entgegen humpeln konnte. Mit einer Träne im Auge küsste sie beide Töchter auf die Stirn und sprach einen Segen.
In der Küche dampfte bereits ein Topf mit köstlicher Suppe, der auf die Heimkehrer nur gewartet hatte. Während die Mutter ins Haus ging, um den Tisch für das Essen vorzubereiten, luden die Schwestern gemeinsam mit dem Vater die Esel ab, striegelten sie und brachten sie zum Füttern in den Stall. Bald darauf saßen alle beim Schein einer Öllampe gemeinsam beim Essen und feierten die Rückkehr. Vieles gab es zu erzählen und vor allem die jüngere der Schwestern wurde nicht müde, begeistert von all den fremden Eindrücken und Gerüchten der Stadt zu erzählen. Die Mutter zeigte sich sehr erfreut über ihren Korb, den Latifa für sie gekauft hatte und lobte das schöne neue Kleid, das Majida nun zur Feier des Tages gleich angelegt hatte.
