Nixen fischen - Silke Andrea Schuemmer - E-Book

Nixen fischen E-Book

Silke Andrea Schuemmer

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Beschreibung

Ein heruntergekommener Laden voller Seekarten, Korallenschmuck, Perlmuttkämme, Galionsfiguren und Meeresgetier. Knut Seckig, zynischer, obszöner, angejahrter Ladeninhaber, der nicht nur Maritimes sammelt, sondern auch Nixen, junge Frauen. Studentin Ines beginnt dort zu arbeiten, ein gefährliches Unterfangen ... Sie hatte im Schaufenster dieses Antiquitätengeschäfts für Maritimes ein Fotoalbum entdeckt, darin ein altes Polaroid, das ihr den Atem raubt - denn das Bild, auf dem ein Taucher im Hintergrund zu sehen ist, hat mit ihrem Familiengeheimnis und ihrer verstummten Mutter zu tun. Sie betritt den Laden. Eine unheimliche, surreale Atmosphäre erwartet sie: feuchte Wände, Fische, Quallen, Tentakel und Kiemen in Formaldehyd und der unangenehm obszöne Ladeninhaber. Ines nimmt das Angebot an, vier Wochen im Laden und am Stand auf einer Kunstmesse zu arbeiten und im Gegenzug das Polaroid zu erhalten. Seckig und sein Gegenspieler Patte sind seit Ewigkeiten Händler; Ines erfährt viel von den Tricks und der Seele des Handelns. Doch Seckig sammelt nicht nur Meeresdinge, sondern auch Gestrandete. Er bietet drogensüchtigen Mädchen, die auf der Straße leben und sich mit Prostitution über Wasser halten, seinen Laden als Zufluchtsort an gegen Sex: Nixen fischen. Auch Ines gerät in sein gefährliches Netz. Sie droht unterzugehen, sie muss sich entscheiden, ob sie eine Nixe ist und in ihrem Unglück versinken wird oder eine Aufgetauchte, die sich noch retten kann.

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Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Silke Andrea Schuemmer

Nixen fischen

Roman

konkursbuch  VERLAG CLAUDIA GEHRKE

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Zum Buch

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I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

Danksagung

Zur Autorin

Impressum

Zum Buch

Nixen fischen ist eine unheimliche, schräge Geschichte, in der Kraken und anderes Meeresgetier und ein heruntergekommener Laden eine Rolle spielen.Studentin Ines entdeckt im Schaufenster des verstaubten Antiquitätengeschäfts für Maritimes ein Fotoalbum, darin ein altes Polaroid, das mit ihrer eigenen Familie und einem unaufgeklärten Familiengeheimnis zu tun hat. Sie betritt den Laden. Eine unheimliche, surreale Atmosphäre erwartet sie. Feuchte Wände, Galionsfiguren, Permuttkämme, Fische, Quallen, Tentakel und Kiemen in Formaldehyd und der unangenehm obszöne Ladeninhaber Knut Seckig. Ines nimmt sein Angebot an und wird im Tausch gegen das Foto für 4 Wochen dort und an seinem Messestand arbeiten … Doch Seckig sammelt nicht nur Meeresdinge, sondern auch Gestrandete. Er bietet drogensüchtigen Mädchen, die auf der Straße leben und sich mit Prostitution über Wasser halten, seinen Laden als Zufluchtsort an – gegen Sex: Nixen fischen. Auch Ines gerät in sein gefährliches Netz ... .

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(1.) Es waren zwei Königskinder

Die hatten einander so lieb,

sie konnten zusammen nicht kommen,

|: Das Wasser war viel zu tief. :|

(11.) Sie schwang um sich ihren Mantel       Und sprang wohl in die See:      »Gut’ Nacht, mein Vater und Mutter,|: Ihr seht mich nimmermeh’!« :|

(Deutsches Volkslied, um 1807)

I

Im Schaufenster schwebte die Nixe. Zwischen den Schulterblättern war eine rostige Schraube in ihren Rücken getrieben, ein Stahlseil verband den hölzernen Körper mit der Decke. An einer Spitze ihrer Schwanzflosse baumelte ein gelblicher Zettel. Sie war kaum größer als ein Kind, ein vierjähriges vielleicht. Krakeleespuren durchzogen ihre Haut, die Patina war an einigen Stellen abgeplatzt, darunter schimmerte die gemaserte Struktur des Holzes. Die Medusenhaare wehten ihr bis zur silbrig schuppigen Hüfte. In den milchigen Augen fehlten die Pupillen, und auch die Farbe der Iris war unter der Staubschicht kaum zu erkennen. Die Nixe hing barbusig im Schaufenster, die Stirn weit vorgestreckt, als wollte sie die Glasscheibe, ihr wasserloses stilles Aquarium, mit dem Kopf durchstoßen.

Ines trat näher an das Schaufenster. Es regnete nur leicht, aber der Wind sprühte die Tropfen vor sich her wie eine Nebeldüse, und von der Markise über ihr war nicht mehr übrig als ein zerfetztes Segel. Sie nahm die Tasche auf die andere Schulter und tastete nach den Nadeln in ihrem Nackenknoten. Die weißblonden Haare waren so straff zurückgebunden, dass ihre Schläfen spannten. Darunter klopfte es wieFingerkuppen auf einem Tambourin, ein leises hektisches Pochen, und dazwischen der Herzschlag, den sie bis zum Hals fühlte.

Sie holte tief Luft, die Metallstäbe des eng geschnürten Korsetts unter der Brust und am Rücken knirschten, ein Käfig, der keinen Zentimeter nachgab. Der Wind wickelte ihr die weiten Hosenbeine um die Knöchel, als hätte sie einen gedrechselten Unterkörper, einen Sockel statt Füße.

Es tropfte auf ihren Kopf, sie sah nach oben und ging einen Schritt zur Seite. Der Stoff der Markise war von Löchern und Rissen durchzogen, und an den Rändern fraß sich etwas Graues hinein. Eine Metallstange hatte sich gelöst und schlug bei jedem Windstoß gegen ein Blech, es hallte in einem vibrierenden Scheppern nach. Ines legte die Stirn an das Glas, das glühte, als käme Hitze aus dem Inneren des Geschäftes und wölbte die Scheibe nach außen.

Sie versuchte zu erkennen, ob jemand im Laden war, aber eine schulterhohe Stellwand, auf der Gemälde von sinkenden Schiffen, treibenden Flößen und Sturmfluten hingen, verbarrikadierte das Schaufenster. Eine Glühbirne an der Decke beleuchtete die Bilder mit einem gelblichen, trüben Licht. Eine zweite Lampe strahlte die Nixe an, die einen Schatten über die ausliegenden Waren warf.

Auf bräunlichem Pergament drängten sich nautische Gerätschaften, Kompasse und Fernrohre, Perlenketten, Ohrringe und Korallenbroschen mit langen Nadeln. In einer Schale türmte sich ein Berg aus grünspanigen Münzen, sogar ein Steuerrad gab es und weiter links eine kleine Kanonenkugel. Ganz am Rand stand eine Petrusfigur, umrahmt von Toilettenartikeln, Fläschchen und Zeichnungen mit badenden Mädchen. Neben einem Austernmesser und dazu passenden Handschuhen aus silbernen Ketten und Teilen eines antiken Fischbestecks war ein Set Kaviarschälchen gestapelt, alles eingehüllt in hauchdünne Kokons aus Staub. Halb verborgen unter Zirkeln, Messern und Eispickeln lag das Fotoalbum.

Sie hatte es vor ein paar Tagen entdeckt. Seitdem war sie schon oft zu dem Geschäft gekommen, einmal sogar nachts, weil sie da lange vor dem Schaufenster stehen konnte, ohne dass es jemandem auffiel. Sie hatte gehört, wie sich die anderen im Seminar über den maritimen Kitsch dieses Ladens lustig machten und versuchten, bei den Jugendstil-Galerien rund um den Markt einige Straßen weiter Praktikumsplätze und Messejobs zu bekommen, aber sie musste sich, seit sie das erste Mal die Nixe gesehen hatte, zwingen, schnell weiterzugehen. Sie hatte sich selbst versprochen, mindestens eine Woche darüber zu schlafen, bevor sie etwas wegen des Albums unternahm, doch sie konnte nicht mehr warten. Das Nieseln störte sie nicht, im Gegenteil, es war eine gute Ausrede, um sich unter die Markise zu stellen und die Fotos noch einmal ganz genau anzusehen.

Der wellige Karton des Albums war von Stockflecken übersät. Auf jeder der beiden aufgeschlagenen Seiten klebten je drei Fotos, Abzüge in orangenen Farben, teilweise überbelichtet oder verwackelt. Sie zeigten Dünen mit Schafen, Menschen, die in gelben Gummistiefeln durch Watt liefen, oder einen sonnenbeschienenen Strand mit Schiffen im Hintergrund. Nur das Bild unten rechts war ein Polaroid.

Zwei kleine Mädchen in einem Kanu, beide mit Zöpfen und Sonnenbrillen, das ältere in einem Bikini. Paddel in den Händen. Die See ganz ruhig. Weiter hinten ein Motorboot, der Bug schoss über das Wasser, ein Pfeil über einer Wolke aus Gischt. Neben dem Boot eine glitzernde, schaumige Welle, hoch aufgetürmt. An dessen Deck saß ein Taucher, ein schwarz glänzender, salamanderartiger Körper, dessen Beine in eine einzige große Flosse mündeten. Über seiner Brille war direkt vor der Stirn ein kleiner glänzender Kasten befestigt, Ines konnte nicht genau erkennen, was das sein sollte. Das Bild mit dem Kanu und dem Motorboot war verwackelt und trüb wie eine alte Erinnerung. Ines hatte sofort gewusst, dass das der Moment gewesen sein musste, der eine Moment, der zum einzigen geworden war, der immer noch andauerte und nie aufhören würde, ein lebenslänglich kalter, nasser Augenblick, in den sie eingesperrt blieb wie die beiden Kinder in diesem Polaroid.

Sie riss sich los, betrat den Laden und sah dabei die Spiegelung ihres blassen Gesichtes über dem Schriftzug Knut Seckigs Sammelsurium.

Die Tür schloss sich hinter ihr mit einem satten, saugenden Geräusch.

Drinnen war es stickig und dunkel. Feiner Staub flirrte in den wenigen Lichtschächten, die von draußen hereinbrachen.

Ines musste sich erst an das Dämmerlicht gewöhnen, aber sie fühlte sofort, dass jemand sie beobachtete, und wenig später erkannte sie zwei Mädchen, die hinten im Laden bewegungslos nebeneinander an einem großen Tisch saßen, Kaugummi kauten und sie aus schwarz umrandeten Augen anstarrten. Vergessene Porzellanpuppen, winzig im Vergleich zu ihr. Die bleichen Gesichter auf den mageren Körpern aufgespießt, keine der beiden rührte sich. Die eine hatte den Kopf kahlrasiert und hielt die knochigen Hände vor sich gefaltet. Die andere trug ein zerrissenes Oberteil und saß mit angezogenen Knien schräg zum Tisch. Ihr Schulterblatt stach spitz aus dem weißen Rücken hervor.

Gerade als Ines etwas sagen wollte, stöhnte jemand in einem Nebenraum. Es folgte hechelndes Atmen, eine Flasche fiel um, dann ein gepresstes Grunzen und zum Schluss ein hustendes Keuchen. Die Spülung. Fluchen. Wieder die Spülung. Ein Poltern. Und noch einmal die Spülung, ein Rauschen, als brächen die Wassermassen direkt aus der Wand.

Die beiden Mädchen starrten sie mit großen feuchten Augen an. Ines trat von einem Fuß auf den anderen und sah sich um.

Der Laden war zugestellt mit trübglasigen, überladenen Glaskästen, in denen sich Graphiken oder Bücher stapelten. Auf Regalen standen Sextanten, silberne Schälchen, Statuetten von Poseidon und den Nereiden, versteinerte Muscheln und Schnecken, rostige Glocken und buntgefiederte Angelhaken. An der Rückwand hinter den Mädchen fiel das gelbliche Deckenlicht auf einige Vitrinen, in denen Kacheln mit Wellenmustern oder Seesternen ausgestellt waren. Dazwischen Flaschen mit Sand oder eingerollten Pergamenten und alte, schuppige Handtaschen, einige davon offen wie die Mäuler von Zackenbarschen. Auf Regalen standen verdorrte Grünpflanzen und Büchertürme, dazwischen waren Müllsäcke vollgestopft mit Zeitungen. Und auf dem Tisch, an dem die Mädchen saßen, häuften sich leere Plastikschachteln mit Resten von Soße und Brotrinden.

Die Unordnung setzte sich an den Wänden fort, so dass Ines, die gar nicht wusste, wo sie zuerst hinsehen sollte, sich schwindlig und ein bisschen seekrank fühlte.

Die Gemälde und Graphiken mit Seekarten, Meeresungeheuern, Heiligen, Fischern, die ihre Netze flickten, oder Stillleben mit Hummern und Austern hingen weder in der puristischen Art, mit der die Jugendstil-Galerien am Markt ihre Waren präsentierten, ein Bild pro Wand und darüber ein gleißend heller Spot, noch in der Petersburger Hängung, die die Antiquare nahe des Seminargebäudes bevorzugten, um möglichst viele Bilder gleichzeitig zeigen zu können. In Seckigs Sammelsurium waren die Rahmen an ganz absurden Stellen angebracht: Ein Sonnenaufgang über den Dünen hing wenige Handbreit über dem Fußboden in einer Ecke. Zwei Stillleben mit glänzenden, aufgeschnittenen Fischkörpern und Miesmuscheln direkt über der Heizung. Das Portrait einer Nymphe hatte jemand so nah neben eine Seekarte mit eingezeichneten Ungeheuern gehangen, dass sich die beiden Bilder überdeckten. In einer Ecke sah Ines gleich drei Strandlandschaften, eine breite Nische war dagegen bis auf eine versteinerte Koralle und eine einzelne Kette mit einem kleinen Anker völlig leer. Die Wände waren auch nicht weiß oder wenigstens einfarbig gestrichen, sondern im ganzen Geschäft mit einem stark gemusterten hellgrünen Stoff tapeziert, der sich an einigen Stellen von der Wand löste und ganz oben ausfranste. Dicht an dicht gingen Seerosenknospen vom Boden bis zur Decke, grüne Schoten, fest geschlossen mit einem einzelnen bräunlichen Blatt an der Seite. Der grüne Untergrund schimmerte wie ein See, aus dem sich dunklere, sumpfige Inseln erhoben. Offenbar war die Tapete dort feucht oder fleckig.

Ines zuckte zusammen, als die Tür vom Nebenzimmer aufging, sich ein massiger Bauch durch den Spalt schob und ein beißender und säuerlicher Geruch in den Laden strömte. Der mittelgroße Mann, der mit auffälligem Hohlkreuz in der Türfüllung stand und seinen Reißverschluss über den trommelartigen Leib hochzog, trat auf Socken über die Schwelle in den Verkaufsraum und rieb sich dabei den Bauch.

»Makrele, pikant«, er schmatzte einige Male, »da kaut man die Angst des geangelten Tierchens mit.«

Sein Kopf war fast rechteckig, und um die fleckige Halbglatze führte ein dünner rötlicher Haarkranz. Augenbrauen und Wangenknochen waren wulstig, die Lippen dick und geschwungen.

Dann bemerkte er Ines, der er knapp bis zum Kinn reichte, und blieb abrupt stehen. Mit offenem Mund und aufgerissenen, weit auseinanderstehenden Augen besah er sie von oben bis unten.

»Eine weiße Riesin«, sagte er schließlich. »Hinabgestiegen aus Hemplers feuchten Träumen. Dich kann man ja exponieren. Wie groß bist du, Mädchen?«

Seine Stimme klang überraschend hoch.

»Ich wollte fragen wegen ...«, setzte Ines an, aber der Mann brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. Er kratzte mit dem Nagel seines kleinen Fingers zwischen den Schneidezähnen, die groß und gelblich waren, während er sie nicht aus den Augen ließ und auf seinen dünnen Beinen um sie herumging, seinen massigen Bauch vor sich herschiebend.

»Geduttet wie des Fischers Fru. Die Haare gehen wohl bis zum Arsch, wenn sie offen sind?«

Er pfiff leise und nickte. Ines presste ihre Tasche an sich.

»Egal, was du willst, hier bist du richtig. Wenn ich dich dem Hempler zeige, der wässert sich direkt den Latz mit seinem Saft, der speichelt sich eine Pfütze, der ...«

Er stockte und hielt ihr seine Hand entgegen.

Ines reichte ihm ihre zögerlich. »Es geht um das Fotoalbum im Schaufenster.«

Der Mann nickte, als wäre es ohnehin völlig klar, wieso sie sein Geschäft betreten hatte. »Ich bin Knut Seckig. Komm rein, heim-heim zum guten Knut, immer hinein.«

Unter seinem Pullover zeichnete sich deutlich seine fleischige Brust ab. Er schob einen Finger durch das Zopfmuster und befühlte seine Brustwarze, während er sie weiter musterte.

»Studierst du hier?«

Ines räusperte sich. »Erstes Semester.«

Er nickte. »Zu alt für mich. Der gute Knut liebt die frischesten Fischlein – aber der Hempler, der wird seine Schatzkiste öffnen.«

Er wies Ines mit einer leichten Verbeugung in den hinteren Teil des Ladens.

»Hempler ist ein Kollege. Macht in antike Stoffe. Ehrbarer Mann.«

Er schob Ines einen Stuhl hin. Noch bevor sie sich setzen konnte, schubste das kahlrasierte Mädchen das andere, die schlug zurück, sie knurrten und begannen miteinander zu ringen. Unter Fauchen und Jaulen fiel ein Stuhl um, und das Gerangel ging auf dem Boden weiter, so dass Ines ein Stück abrückte.

Seckig verschränkte die Arme vor der Brust und sah zu. Schließlich wies er sie zischend zurecht.

»Pütti! Mümmerle! Au pied! Sofort!«

Ines duckte sich unter seinem schneidenden Tonfall. Seine Hand zeigte neben sich auf den Boden, er blieb in dieser Pose stehen, bis die Mädchen aufstanden und zu ihm trotteten.

Beide waren so blass, dass die Adern an den Schläfen bläulich leuchteten. Die Haut auf den Wangen war trocken und schuppig. Ihre Augen waren dick mit zerlaufenem Kajal geschminkt, die Kahlrasierte hatte eine Sicherheitsnadel im Ohr mit einem Kettchen bis zum Nasenflügel. Sie schmiegten sich an Seckig, dem sie gerade bis zur Brust gingen, und rieben seinen Bauch und seine stockartigen Oberschenkel. Er lachte glucksend, drückte ihnen je einen Schein in die Hand und küsste sie auf den Mund, wobei seine dicke, noppige Zunge zuckte und kreiselte, und scheuchte sie schließlich mit Klapsen auf die mageren Hüften zurück auf ihre Stühle. Da saßen sie wieder unbewegt und schweigend. Er seufzte und rollte mit den Augen.

»Die beiden reizenden Kindchen sorgen für Momente glückseliger Kontemplation. Aber man muss wohl auch ein Auge haben.«

Er streckte Ines erneut die Hand hin.

»Also nochmals und offiziell: Ich bin der Inhaber dieses Etablissements.«

»Ines. Ich komme wegen des Polaroids.«

Sie ließ ihre Hand ganz schlaff werden in seiner, eine feuchte Flosse, damit er sie nicht länger als notwendig hielt, aber es schien ihm nichts auszumachen. Schließlich zog sie ihre Hand zurück und setzte sich.

Nachdem er ein paar Plastiktassen vom Boden und den Regalen eingesammelt und sie zwischen zwei ledergebundenen Atlanten gestapelt hatte, pustete er kurz in eine davon und füllte den Rest aus einer Weinflasche hinein.

»Seit einigen Jahren brauen Chinesen Wein aus Fischen. Dies fabrizieren sie in der ›Dalian Fisherman’s Song Maritime Biological Brewery‹, wusstest du das?«

Ächzend ließ er sich auf einen Stuhl sinken, fächelte sich Luft mit einem Quittungsblock zu, trank einen Schluck und zeigte mit dem Finger auf sie. »Warum bist du so blass? Wie ausgewaschen. Gibt es überhaupt passables Mannsvolk für dich?«

Ines hielt sich sehr gerade und nahm die Schultern weiter zurück.

»Sie haben da ein Polaroid im Schaufenster, in dem Fotoalbum.«

Sie ließ den Satz in der Luft hängen.

Während Seckig den Wein austrank, nickte er und hob den Zeigefinger. »Da hätt ich wohl so manches.«

Sie wartete. Er sagte nichts. Sie sagte nichts. Sie bewegte die Zehen in den Schuhen. Ihre Hände waren kalt und schwitzig.

»Ich möchte es kaufen.«

Seckig erhob sich unter Ächzen und Stöhnen. Er holte das Album mit umständlichen Verrenkungen an der Stellwand vorbei aus dem Schaufenster und legte es vor sie auf den Tisch. Als würde er ihr das Foto erklären, ließ er seinen Finger darüber kreisen: »Ein singuläres Bildnis«, er sah sie scharf an, »das wissen wir ja beide.« Sie fühlte eine Gänsehaut den Rücken hinaufkriechen.

»Das wertvollste Stück im ganzen Album.« Er tippte auf die Monoflosse des Tauchers. »Ich habe es nur wegen dieses Komponentiums erstanden, der Rest ist wertloser Krempel, aber dies hier, das hat mich interessiert.«

Er setzte sich neben Ines.

»Ich bin nicht nur ein Händler, weißt du, ich bin vor allem ein Sammler. Und für so etwas hat der Knut eine Schwäche. Ich kann dir einiges erzählen, ich weiß viel über das Watt, den Schlick, den Schnodder, das Gemodder, das Stille der Ebbe und das Löwengebrüll der Flut.«

Er klopfte mit den Knöcheln vor ihr auf den Tisch.

»Du bist auch so eine. Ich erkenne das. Deine feuchten Augen, die schwankenden Schritte, das Schweigen, das Zaudern. Ich wette, wenn dich jemand ins Gesicht schlägt, bleibst du beherrscht und kühl, in deiner Brust der Mahlstrom, doch das Gesicht glatt wie die zugefror’ne See.«

Er deutete auf ihr blausamtenes Korsett, das sie über einer weißen Bluse trug. »Alles an dir ist so festgezurrt, als würdest du jeden Moment einen Sturm erwarten, der dich überbords wirft. Keine Sorge, ich werd dir zeigen, wie man sich treiben lässt und schwimmt und taucht. Vielleicht weißt du es noch nicht, aber: Dein Element ist die Tiefe.« Er lächelte in sich hinein.

»Können Sie mir sagen, wann und wo das Foto aufgenommen wurde?«

Seckig spreizte seine Daumen und Zeigefinger zu einem Rahmen und sah zu ihr, als wollte er sie filmen. Ines rutschte bis auf die Stuhlkante und versuchte, seinem Blick auszuweichen.

»Du wirst dich viel besser fühlen, wenn du dich hinabsinken lässt. Dort unten tönt es still.« Er atmete durch die gespitzten Lippen, so dass ein Geräusch wie leiser Wind entstand. »Es ist ganz ruhig. All das Lärmen und Tosen in der Brust hat ein Finale. Man muss es nur akzeptieren, fernab der Welt zu sein. Man muss das Rauschen einlassen und mit der Strömung treiben.« Er hatte die Augen halb geschlossen und leckte sich mit der Zungenspitze den Mundwinkel.

Ines beobachtete, wie Mümmerles Hand über den Tisch kroch, die grätigen Finger vorgestreckt, ganz langsam. Schließlich erreichte sie eine der Plastikschalen mit einer Brotkante, griff sie und zog sie zu sich heran. Sie öffnete in Zeitlupe den Mund einen Spaltbreit und schob sich das Stück Rinde zwischen die Lippen.

»Wirklich noch ein Brot, Mümmi?«

Seckig besah sie von oben bis unten.

»Willst du unbedingt ein Fettpopöchen kriegen? Damit es überall schwabbelt und rausquillt? Ich steh ja nicht so drauf, wenn mirein Weibeli oben schwimmt, wie Fett-Äugelchen auf der Bouillon de la Vivre.«

Mümmerle legte den Brotrest zurück und hielt den Kopf gesenkt. Seckig strich ihr über die verfilzten Haare, griff in seine Hosentasche und holte einige bunte Pillen heraus, die er vor Mümmerle in eine Reihe legte. Sie schluckte eine nach der anderen.

Er wandte sich wieder Ines zu. »So schweigesämlich? Das Foto. Es impressiert dich also.«

»Was kostet es?« Sie suchte nach einer Beschriftung.

Seckig löste das Polaroid mit spitzen Fingern aus den Fotoecken. Er stand damit auf, suchte etwas. Dann fand er noch eine Flasche Wein, tänzelte um ihren Stuhl herum, nahm einen großen Schluck und ließ einen Rest langsam wieder in die Flasche zurücklaufen. Auf dem Wein trieben kleine Schaumblasen.

Sie fühlte seinen Atem im Nacken, und der Geruch von angesengtem Haar zog an ihrer Nase vorbei.

»Iest leidr niecht vekeiflich«, imitierte er den Ton einer alten Marktfrau mit seiner hohen, fast fistelnden Stimme und warf das Polaroid wie achtlos auf den Tisch.

»Aber es lag doch im Schaufenster.«

Seckig zuckte mit den Schultern.

»Da liegt so manches.«

»Kann ich es fotografieren?«

Seckig seufzte.

»Oder zum Kopieren ausleihen?«

Sein Gesicht kam ganz nah an sie heran, er riss die Lider auf, bis sie das Weiße sah. »Nicht kopieren, scannen, abzeichnen, twittern oder auffressen. Ich bin kein Musealienhaus, hier wird gehändlert.«

Während Seckig, die Weinflasche in der Hand, um sie herumschlich, zog sie das Foto zu sich heran und betrachtete es mit einem Staunen im Gesicht, als könnte sie es gar nicht fassen. Sie drehte es um, fand aber nichts. Leise stöhnend stellte er einen Fuß auf den Stuhl und massierte ihn durch den grauen Socken. Er nahm sich jeden Zeh einzeln vor. Der kleine guckte aus einem Loch heraus und hatte einen dicken gelben Nagel mit gebogener Spitze.

Gerade als sie aufstehen und gehen wollte, wandte Seckig sich ihr wieder zu. Er ließ sie nicht aus den Augen, seine ganze Körperhaltung änderte sich, wurde schlängelnder, schmeichelnder. Er beugte sich dicht zu ihr. »Es ist eine Famosität.«

Er machte eine Pause. Sie konnte ihn atmen hören. »Und es ist auch ein Schlüssel, wie von Petrus’ persönlichem Hosenlatz geklaut, zu einem Himmelreich, einem Geheimnis.« Wieder eine Pause. Dann leise und eindringlich wie ein Beichtvater: »Welche verborgene Türe willst du damit öffnen?«

Er drückte sie auf den Stuhl zurück. »So schnell willst du doch nicht aufgeben. Es ist mehr als ein Begehr für dich, es ist eine Notwendigkeit. Du erkennst etwas wieder auf dem Foto.« Sein Mund war an ihrem Ohr. »Da begab es sich vor langer-langer Zeit, und jetzt findest du hier beim guten Knut diesen Gruß aus tiefem Grab. Das ist eine Occasion de la Fortune, willst du die verschleudern? Es könnte die letzte ihrer Art sein, Occasionen sterben aus.«

Ines saß versteinert wie die beiden Porzellanpuppen an seinem Tisch und atmete flach.

Er zog einen Stuhl heran und setzte sich nah neben sie. »Erzähl’s mir.«

Ihre Finger hatten am Sitzpolster einen vorstehenden Nagel gefunden. Ines presste ihre Hand gegen die Metallspitze, bis sie den Schmerz nicht mehr aushielt. Seckigs Nase war rot geschwollen, fast violett. Sie glänzte an der Spitze, und die Poren schienen sich zu dunklen Trichtern erweitert zu haben. Die Wangen überzog ein Muster aus rötlichen Adern, und seine Mundwinkel zuckten wieder. Er hatte ihre Hand bemerkt, nahm sie und besah sich die rote Kerbe, die der Nagel hinterlassen hatte.

Ines’ Wangen wurden rot, ganz kurz nur, als wäre ein rotes Licht über sie geglitten. Seckig lächelte.

»Schau an, ich bin ein Rate-Reinecke.«

»Ich will es meiner Mutter zeigen«, sagte Ines endlich und atmete aus. Erst jetzt merkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte.

Er nickte verständnisvoll. »Aber warum?«

Sie schloss die Augen und merkte, wie die Hitze ihr in den Kopf stieg und sich gegen ihre Augen presste. Das Trommeln an den Schläfen nahm zu. Sie hörte es rauschen in ihren Ohren.

»Meine Familie kommt von der Küste.«

Seckig hielt ihre Hand fest und beugte sich zu ihr. »Gut-gut«, sagte er, »so schreiten wir voran.«

Er stand auf und stellte eine alte Tischlampe mit algenähnlichen grünen Troddeln am Schirm vor sie auf den Tisch.

»Illuminieren wir das Dunkle«, sagte er und schaltete die Lampe an. Sie schien ihr gelb und funzelig direkt ins Gesicht. In der Birne glühte der rote Faden, ab und zu flackerte er. Sie fühlte die Wärme auf der Haut und hatte augenblicklich Durst. Es kratzte in ihrem Hals.

»Erst mal: Mit wem habe ich zu tun?«

»Ines. Ines Merfein.«

Er lachte meckernd, beruhigte sich dann aber. »Ich bin der Knut, aber du sagst mir Sie.« Er räusperte sich. »Um Mutter Merfein geht es also.« Seckigs Stimme war jetzt betont sachlich. »Was drückt das merfeine Muttchen?«

Es flimmerten Punkte in der Luft, wenn sie an der Lampe vorbeisah, und kleine Tierchen schwammen auf ihren Augen.

»Sie schweigt. Seit über dreizehn Jahren. Sie sagt schon Guten Morgen und bring bitte Wasser mit, aber sonst fast nichts.«

Seckig wartete, trommelte auf die Tischplatte, seufzte, trommelte lauter, dann schwenkte er die Lampe in Richtung der Wand neben ihm.

»Wenn du keine Aventiure zu bieten hast, lohnt das ganze Mühen nicht. Was da alles an den Wänden hängt, dreh mal das Köpfchen, auf allen diesen Bildern, das sind Geschichten, Seenot und Untergang, Meuterei, Hexenprobe und Schaumgeburt. Was kannst du da noch offerieren? Hast du kein Futter für den guten Knut?«

Sie sah sich erst die Gemälde an, dann wieder das Foto auf dem Tisch.

»Meine Mutter schweigt. Meine Großmutter schweigt. Mein Vater hat geschwiegen, solange er da war. Früher hat er versucht zu reden, aber sobald er den Mund öffnete, kam nur Salzlake heraus. Überall kalte Pfützen nach jedem Wort.«

Seckig machte einen leisen hohen Laut fast wie ein Heuler. »Genau so ist es. Allein ist das Menschentier im All, verschalt in seinem Sein.«

»Seine Lippen waren so verkrustet davon, dass er Unmengen Fettcreme benutzt hat, manchmal hat er wochenlang gar nichts gesagt. Ich dachte schon, es sei jetzt vorbei. Aber wenn er dann den Mund wieder aufmachte, kam mehr Salzwasser. Er knirschte nur noch. Schließlich ist er gegangen. Er hat sich gerettet, bevor er an seinen eigenen Worten verdurstet wäre.«

Seckig applaudierte mit den Fingerspitzen vor seiner Brust.

»So begibt sich das also. Mir ist eine Märchenerzählerin angeschwemmt worden. Eine Garnspinnteuse, sehr schön. Stroh zu Gold, was, Jungfer?« Er machte eine lange Pause und brachte Pütti und Mümmerle, die sich unter dem Tisch kniffen, mit einem Handzeichen zur Ruhe. Dann stand er so hastig auf, dass der Stuhl hinter ihm umfiel. Er ging auf und ab und massierte sich die Schläfen, als müsste er nachdenken. »Das reicht nicht für so eine Singularia. Du willst es doch einsäckeln, da braucht es mehr.«

Ines sah ihn ohne zu blinzeln an. »Ich will das Foto unbedingt haben. Ich muss damit zu Hause etwas erklären, es ist wichtig.«

»Erklären? Dann meinst du entschuldigen. Warst du so ein fiesböses Maidelchen, so eine Höllenbrut, dass dein Mütterlein dich für Jahre ins Schweigen eingekerkert hat? Da hätten wir ja doch was, mit dem man händlern kann.«

Er hob den Stuhl auf und setzte sich wieder nah neben sie. Seine rechte Hand bedeckte das Polaroid.

»Wie gesagt, es ist nicht verkäuflich. So etwas geht nicht über den Ladentisch. Ich unterbreite dir also folgende Offerte: Du kannst das Bild abarbeiten. Hier im Laden. Das hier«, er machte eine weite Geste um sich herum, »das ist alles nur Beifang. Ab und zu wird einer reingeschwemmt und rafft irgendein Zeug mit sich, aber im Grunde geht es um etwas ganz anderes. Und da können du und ich zusammen Großes bewirken.«

Ines blieb regungslos sitzen. Pütti gähnte.

»Du arbeitest vier Wochen bei mir. Jeweils drei Nachmittage hier und die letzte Woche ganztags auf der Messe. Und dann wäre da noch der Hempler. Kollegius Hempler mit seiner Vorliebe für lang gelockte weiße Riesinnen.«

Er zog eine dicke Mappe hervor und wuchtete sie über das Polaroid. Aus den ersten Seiten löste er einen Zeitungsausschnitt, den er ihr hinschob. Auf einem Foto standen drei Männer und eine Frau vor einem Boot. Der ganz links war Seckig, jünger als heute. Er tippte auf sich, »der Hagestolz bin ich, daneben der Hungerhaken, Freund Hempler, den mach ich dir auf der Messe vorstellig, das Weibelchen nennt sich Lore, und rechts, das ist Patte, da steht er noch mit beiden Beinen auf dem Boden.«

Er lachte kurz wie ein Husten.

»Vormals haben Patte und ich zusammen gewerkelt. Wir wollten ein Geschäft aufmachen, wir beide, was Speziales, was mit hübschen, feuchten Fräuleins, aber dann, gluck-gluck, hatte Patte seinen Tauchunfall, die Beine hat’s ihm weggehäckselt unterm Schiff, und er ist verrückt geworden, vollkommen spinnert, irre, hirnmalad. Er hatte ein spirituöses Erlebnis, als er fast abgesoffen wäre, und danach war unsere gemeinsame Sache passé. Er will alles kontrollieren. Messianöser Größenwahn. Er ist jetzt Vorstandsvorsitzender vom Händlerverband, tugendlich vom Scheitel bis zum Stumpf, er will seine Augen in allen Büchern und seine Finger in allen Kassen, und vor allem will er mich einbrunnen, du verstehst.«

Sie sah ihn an, ihre Lippen waren fest aufeinandergepresst.

»Solange Patte seine großherrliche Macht hat, komm ich hier auf keinen grünen Zweig. Er soll wieder abtauchen und zwar endgültig. Und da kommst du ins Spiel.«

Jetzt tippte er auf den anderen Mann.

»Denn der Hempler hat etwas gegen Patte im Besitz. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber ich will es haben. Und der Hempler wiederum weigert es mir, wenn ich ihm nichts zum Tauschen stelle.«

Ines hob eine Augenbraue und sah ihn ungläubig an, bis er ihr plötzlich ins Haar fasste, eine Strähne aus dem Knoten zupfte und sie sich um den Finger wickelte. Seine rot geschwollene Nase kam ganz nah an sie heran, als er geräuschvoll an ihrem Haar roch.

Sie stand so schnell auf, dass er ihr dabei einige Haare ausriss, und presste ihre Tasche an sich.

»Sie haben sie doch nicht alle!«

Seckig stellte sich ihr in den Weg und machte kreisende Bewegungen mit den Händen, als müsste er ein durchgegangenes Pferd beruhigen.

»Nichts Heikles. Der Hempler vertreibt antike Korsetts aus Fischbein, auch Reifrockringe, Sonnenschirme und dergleichen. Er sucht besonders große Fräuleins. Schieß ein Bildchen für ihn als Werbung, im Hemd und irgendeinem Schnürleibchen, in so was gehst du doch ohnehin«, er zeigte auf ihren Oberkörper. Sie fühlte jede einzelne Stange ihres Mieders und auch oben den Knoten im Kreuz, wo die Bänder zur Schleife gebunden waren. »Die sind selten, Mädchen mit so einem weißen Blond, das hörst du ja bestimmt auch mal vom Kavalierstum, das hat schon einen Marktwert. Nur ein Foto. Man braucht nicht einen Hauch deines Gesichtes zu erblicken. Und außerdem ...«

Ines unterbrach ihn, »was denn noch?«

Seckigs Zeigefinger kreiste über der Frau auf dem Zeitungsfoto, die zwischen den Männern stand.

»Außerdem wirst du mir während der Messe helfen, dieses anhängliche Weibsbild in die Schranken zu weisen. Lörchen hat ihre Netze nach mir ausgeworfen, das alte Mädchen, die will mich ködern und an Land ziehen. Die nichtet mir die Chancen bei den Kaulquäppchen«, er strich Mümmerle über den Kopf. Die schloss die Augen und saß still da.

»Das Lörchen. Eine unheimliche Person, zum Fürchten. Du wirst mir helfen, sie loszuwerden.«

Ines stand neben dem Tisch, der Boden unter ihr schwankte.

»Das ist eine ganze Menge für ein Polaroid.«

Seckig wischte mit der Hand durch die Luft, und seine Stimme wurde härter.

»Du willst das Bildchen unbedingt. Dein Mutterlein schweigt, Väterchen Salz schweigt, und seien wir mal wahrhaftig, du schweigst auch meistens. Dieses hier brächte euch alle zum Reden, was wird das sprudeln, das wird die Erfüllung deiner Träume, das weißt du. Hier offeriere ich dir deinen Kontrakt, greif ihn jetzt oder lass es, ich schwätze und zerre hier nicht ewig rum: zwei Wochen, das Bild für den Hempler, damit ich finalemente Patte loswerde. Und das vertrocknete Lörchen verschiffen wir nach Niewiederfeucht. Dann kriegst du das Bild, und quitt wie die Quitten am Baume sind wir.« Er streckte die Hand aus.

Ihr Hals war so trocken, dass sie kaum schlucken konnte. Sie nestelte an den Bändern ihres Mieders, dann an den Nadeln, die ihren Haarknoten zusammenhielten, und schließlich nickte sie.

Seckig seufzte laut, seine eine Hand schwebte noch zwischen ihnen, mit der anderen hielt er sich eine Brust fest wie auf einem niederländischen Kupplerinnenbild: »Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen, sonst wird in den Schlamm gekrochen und am Hinterteil gerochen.«

Sie schlug zögerlich ein.

Seckig legte ihr den Arm um die Schultern, führte sie tänzelnd zur Tür und rezitierte dabei »Mit Gewitter und Sturm aus fernem Meer, mein Mädel, bin dir nah! Über turmhohe Flut vom Süden her – mein Mädel, ich bin da!«*