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"No Mummy, No Papi" ist die unglaubliche aber wahre Geschichte eines etwa acht-jährigen indischen Straßenjungen, der dem Autor und seiner Frau vor fast einem halben Jahrhundert gewissermaßen auf ihrer Hochzeitsreise zugelaufen ist und den sie von der Straße weg in ihre Familie aufgenommen und in seiner Heimat aufgezogen haben. Geschildert wird darin das unvergleichliche biographische Geschehen, welches immer wieder neue dramatische Wendungen nimmt und durch die 10.000 Kilometer sowie die kulturelle Kluft, welche zwischen den Protagonisten lag, außerordentlich kompliziert wird. Darüberhinaus hat der Autor entlang dieser Geschichte mit allerhand Exkursen und Reiseberichten ein breites Panorama der indischen Gesellschaft und Kultur gezeichnet Themen, mit denen er sich seit Jahrzehnten intensiv beschäftigt hat. Schlaglichter werden dabei immer wieder auf die komplizierte indische Geschichte und auf das Verhältnis von Europa und Indien von der Antike bis in die neueste Zeit geworfen. Durch die persönliche Beziehung hat der Autor Einblicke in die unteren Schichten der indischen Gesellschaft erhalten, die einem Europäer normalerweise nicht möglich sind. Das Buch wird daher auch die interessieren, welche etwas über das rätselhafte Land Indien und seine Gesellschaft erfahren wollen. Der Zufall wollte, dass zeitgleich zur Veröffentlichung von "No Mummy, No Papi" der Friedensnobelpreis an den indischen Kinderrechtsaktivisten Kailash Satyarti verliehen wurde. Dadurch hat das Buch eine besondere Aktualität erhalten. No Mummy, No Papi ist gewissermaßen das Buch zum Preis. Der vorliegende Band umfasst die euphorischen ersten drei Jahre dieser Jahrzehnte andauernden deutsch-indischen Geschichte, die viele als märchenhaft empfinden (Frauen lesen sie offenbar mit einem Taschentuch in der Hand). Darin zeichnen sich aber auch schon die späteren Turbulenzen ab, bei denen "no mummy" und "no papi" sich mal auf den Findling und mal auf die Finder beziehen wird.
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Klaus Heitmann
No Mummy, No Papi
Die sechs Leben des Raju
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1.
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Anhang 1
Anhang 2
Anhang 3
Hinweis auf weiteres Indienbuch des Autors
Impressum neobooks
„No mummy, no papi, very very hungry" rief uns ein kleiner dunkelhäutiger Junge im November 1970 auf der Mount Road von Madras zu und streckte uns die Hand entgegen. Unsere Antwort war der Beginn einer langen und ziemlich turbulenten Geschichte.
Wir hatten die sieben Worte, die uns der Junge entgegen warf, in Indien schon oft gehört. Unzählige zerlumpte, kleine Wesen plapperten sie geradezu mechanisch vor sich hin, wo immer sich Europäer zeigten. Dass diese Kinder hungrig oder schlecht ernährt waren, traf in der Regel sicher zu. Wir glaubten aber nicht, dass der erste Teil des Satzes stimmte. Die Verhältnisse unter den zahlreichen Menschen, die in Indien auf der Straße wohnten, waren nach unserer Beobachtung nicht ohne jede Ordnung. Es schien uns daher wenig wahrscheinlich, dass die bettelnden Kinder, die häufig erst wenige Jahre alt waren, weder Vater noch Mutter hatten oder auch nur, dass sich niemand um sie kümmerte. Im Gegenteil - vieles sprach dafür, dass die Kinder im Auftrag von Erwachsenen bettelten, die auf diese Weise ihren Lebensunterhalt bestritten.
Wir hatten uns eigentlich entschlossen, das Betteln, vor allem bei Kindern, nicht zu unterstützten. Wir glaubten, dass die Menschen, wenn man darauf einging, davon abgehalten würden, bessere und würdigere Methoden der Lebensvorsorge anzustreben. Außerdem hatte sich im Laufe der Zeit bei uns Resignation breit gemacht. Was konnte ein Einzelner angesichts des allgegenwärtigen Elends in Indien ausrichten?
An diesem Abend im November 1970 aber muss uns der Teufel geritten haben – oder war`s ein Gott? Denn wir wichen von unserem Vorsatz ab. Warum wir es taten, ist uns nie ganz klar geworden. Vielleicht lag es daran, dass der kleine Tamile nicht einfach eine milde Gabe verlangte. Er hatte, wiewohl es nicht nötig war, die Scheiben unseres Wagens geputzt und sein Betteln als die Forderung nach Entgelt für seine Leistung dargestellt. Vielleicht lag es auch an dem erfrischend offenen Blick, mit dem uns der Junge in die Augen sah. Wahrscheinlich hat aber auch der Umstand eine Rolle gespielt, dass uns in der indischen Gesellschaft etwas vom Allmächtigkeitsnimbus der alten Kolonialherren umgab. Davon abgesehen befanden wir uns in einer persönlichen und sozialen Situation, die etwas Phantastisches und Exotisches hatte. Das verleitete uns zur großen Geste und zu Dingen, die man eigentlich nicht tat.
Spontan ließen wir dem Jungen über Shamela, eine indische Bekannte, die uns begleitete, sagen, dass er von uns zwar kein Geld bekomme; wenn er aber Hunger habe, dann solle er zum Essen mit uns nach Hause kommen. Der Junge bedeutete uns, einen Moment zu warten. Er verschwand um die Ecke, kehrte kurz darauf mit einem kleinen Paket unter dem Arm zurück und erklärte, dass wir losfahren könnten.
In diesem Augenblick wurde uns klar, worauf wir uns eingelassen hatten. Die kurze tropische Abenddämmerung hatte gerade begonnen. Wenn wir den Jungen, der sechs bis acht Jahre alt sein mochte, in unsere Wohnung, die eine halbe Stunde entfernt in einem Vorort lag, mitnähmen, käme er erst lange nach Anbruch der Dunkelheit zurück. Selbst bei einem Straßenkind war zu befürchten, dass die Erwachsenen, die sich für ihn verantwortlich fühlten, beunruhigt sein und uns später Vorwürfe machen würden. Außerdem wussten wir nicht, was man in der bürgerlichen Vorstadt, in der wir wohnten, von unserem Vorhaben dachte. Wir hatten, das war klar, ein Wort gegeben, dass wir so unmöglich halten konnten.
Was sollten wir also tun mit dem kleinen Tamilen, der uns mit großen Augen so erwartungsfroh anblickte? Der erlösende Gedanke kam beim näheren Anblick des Jungen. Seine Kleidung bestand aus einer kakifarbenem kurzen Hose, die ihm einige Nummern zu groß war, und einem Hemd von undefinierbarer dunkler Färbung. Schuhe besaß er nicht. Die Hose wurde am Bund mit einer einfachen Stecknadel zusammengehalten. Das Hemd hing offen, weil knopflos, über der Hose. In dem Paket unter seinem Arm, das nach seinen Angaben seine ganze Habe enthielt, befand sich ein Ersatzhemd, das auch nicht besser war. Der Junge konnte also ein neues Hemd gebrauchen. Wir entschlossen uns daher, ihn mit dem Kauf eines Kleidungsstückes zu vertrösten. Essen, so erklärten wir ihm, könne er bei uns ein anderes Mal.
Der Kauf eines Hemdes für den Jungen war nicht so einfach, wie wir uns das vorstellten. Wir befanden uns auf der vornehmen Mount Road, der Hauptstrasse von Madras, die nach dem Berg benannt ist, wo im Jahre 72 n. Chr. der Apostel Thomas den Märtyrertod gestorben sein soll. Als wir den nächstgelegenen Kleiderladen betraten, wurde der Junge vom Türwächter am Kragen gepackt und auf ziemlich unchristliche Weise wieder auf die Straße befördert. Erst als wir versicherten, er gehöre zu uns, durfte er eintreten. Man beobachtete ihn aber mit einer Mischung aus Argwohn und Amüsement.
Wir fanden ein Hemd, das nicht schon beim ersten Tragen allen Schmutz abbilden würde, mit dem ein Straßenjunge konfrontiert wird. Der Junge zog es an und schien hocherfreut. Allerdings hatte er über diese textile Vertröstung das Wesentliche nicht vergessen. Kaum hatten wir den Laden verlassen, wollte er wissen, ob er morgen zu uns nach Hause kommen könne. Wir versprachen, ihn am nächsten Nachmittag um drei Uhr abzuholen. Als Treffpunkt machten wir die große Bushaltestelle auf der Mount Road aus.
An jenem Tag im November 1970 wurde Raju zum zweiten Male geboren, ein Privileg, das die Brahmanen, die man in Indien die Zweimalgeborenen nennt, eigentlich für sich reserviert haben.
Judi und ich befanden uns seit etwa zwei Monaten in Indien. Der Aufenthalt dort war vordergründig beruflich bedingt. Ich konnte damals im Rahmen meiner Ausbildung als Rechtsreferendar eine Station im Ausland absolvieren. Dass dabei die Wahl auf Indien gefallen war, hatte sicher viel mit der Sehnsucht des Okzidents nach dem sagenumwobenen Land am Ganges zu tun, die schon Alexander den Großen nach Osten und Kolumbus nach Westen getrieben hatte. Hinzu kam bei mir möglicherweise die Spätwirkung einer Jugendlektüre. Als Kind hatte ich einige Bücher von Sabine Wörishöffer gelesen, in welchen Jungen, bei denen es sich meist um Waisenkinder handelte, in fernen Ländern in allerhand Abenteuer verwickelt wurden. Besonders beeindruckt hatte mich dabei das Buch „Kreuz und quer durch Indien“, in dem es um die Erlebnisse zweier Leichtmatrosen aus Deutschland in der Wunderwelt Südasiens ging. Darin wurden geheimnisvolle Zeremonien in düsteren Felsenhöhlen geschildert, in denen sich Bildnisse von vielarmigen Göttern und von merkwürdigen Wesen befanden, die teils Mensch teils Tier waren. Seitdem hatte Indien für mich eine Aura von Geheimnis und Abenteuer.
Im Übrigen lag die Beschäftigung mit Indien damals in der Luft. Unbefriedigt vom westlichen Aufklärungs-, Sicherheits- und Ordnungsdenken und enttäuscht über die Vereinzelung, in der sich das Individuum in den modernen Gesellschaften sah, machten sich im Westen seinerzeit viele Menschen tatsächlich oder in Gedanken auf den Weg nach Osten, wo sie Erlösung durch Aufgehen in einem wie auch immer gearteten großen Ganzen zu finden hofften. Die einen suchten sich in der Meditation, andere verloren sich in tantristischen Sexual- und Drogenexzessen, wieder andere meinten ihre Ewigkeitsbedürfnisse mit der Seelenwanderungslehre befriedigen zu können. Manch einer glaubte auch einfach, die Wiedergeburt eröffne ihm eine zweite Chance, nachdem ihm das erste Leben misslungen schien.
Schließlich gab es noch diejenigen, die das Abenteuer einer Reise in ein Land suchten, das unendlich weit entfernt schien. Die Fahrt nach Indien war nicht nur die längste Landreise, die man vom Westen Europas seinerzeit auf eigene Faust unternehmen konnte. Es war auch die Reise, mit der man sich am weitesten von den gewohnten Lebensverhältnissen zu entfernen schien. Diese Menschen faszinierte der Gedanke, die Welt aus einer fernen, völlig anderen Perspektive betrachten zu können. Zu dieser Sorte von Indienreisenden gehörten wir. Die Reise nach Indien sollte im Übrigen am Anfang unseres Familielebens stehen.
Wir hatten im Sommer 1970 in Berlin geheiratet. Mitte August begaben wir uns mit einem älteren VW-Bus, den der Vorbesitzer in liebevoller Eigenarbeit zu einem mobilen Heim ausgebaut hatte, auf die lange Fahrt nach Osten. Wir reisten durch den Balkan, durchschifften den Bosporus und das Schwarze Meer bis Trabzon, erkletterten von dort auf verschlungenen Wegen die Höhen Anatoliens und fuhren durch die endlosen, sommergelben Hochsteppen Vorderasiens. Im Osten der Türkei passierten wir den majestätisch aus der Hochebene aufragenden Berg Ararat, wo nach der Sage Noa's Arche gelandet sein soll, was nach christlich-jüdischer Vorstellung so etwas wie eine zweite Chance für das junge Menschengeschlecht nach einem misslungenen Anfang war. Es folgten die weiten, leeren Hochebenen des Iran und die Wüsten Afghanistans, wo sich die Berggirlanden kulissenartig endlos in die Tiefe staffelten, um schließlich in die gigantischen Ausläufer des Hindukusch überzugehen.
Mit uns zog eine Karawane westlicher Indiensucher, meist abgerissene junge Leute und Aussteiger, die dem Traum von einem Leben ohne westliche zivilisatorische Vorgaben und Zwänge nachhingen. Da es praktisch nur eine Route in das Land der gemeinsamen Sehnsucht gab, traf man sich unterwegs immer wieder und tauschte mit Anreisenden und Rückkehrern Erfahrungen aus. Schon in Westpersien erfuhr man so, in welchem Lokal man in Nepal den besten Kuchen bekam. Abends bildete man Wagenburgen, zündete ein Lagerfeuer an und philosophierte unter einem Himmel, der in einer Weise von Sternen übersät war, welche man in unseren Breiten nicht kennt, über die Probleme der Welt und des Lebens. In Indien verliefen sich die Orientabenteurer dann in alle Richtungen. Den einen oder anderen traf man an den Stationen wieder, an denen sich Reisende zusammenzufinden pflegen, an Bahnhöfen, in bestimmten Hotels oder an den großen Sehenswürdigkeiten. Dann berichtete man darüber, was man inzwischen erlebt und was man über das Schicksal anderer Mitreisender erfahren hatte.
Der Weg nach Osten war eine Reise in die Ferne und zugleich zu sich selbst. Mit jedem Kilometer entfernte man sich innerlich von der Welt des Westens. Schritt für Schritt verschoben sich die Lebenskoordinaten. Das Leistungs- und Sicherheitsdenken, welches das westliche Empfinden in so hohem Maße prägt, verblasste angesichts von Lebensumständen, die wesentlich fundamentalere Probleme aufwarfen. Beim Anblick von Menschen, die in Lehmhöhlen ohne Strom und eigenen Wasseranschluss lebten, stellte sich unweigerlich die Frage, ob man wirklich alles braucht, was in Europa als unverzichtbar gilt. Nie werde ich den Abend vergessen, den wir in einer afghanischen Karawanserei verbrachten. In düsteren Ziegelgewölben drängten sich im Kerzenlicht verwegen dreinblickende bärtige Gestalten mit weißen Turbanen und vergnügten sich bei Tee mit einem Brettspiel. Kaum einer von ihnen dürfte jemals die Schulbank gedrückt haben.
Wir betraten den indischen Subkontinent über den legendären Kaiberpass, der einzigen gut gangbaren Pforte in den gewaltigen Gebirgsriegeln, welche Indien nach Norden beinahe vollkommen abschirmen. Im Laufe der Jahrtausende waren über diesen Pass die Völker der kargen Steppengebiete Innerasiens immer wieder in die fruchtbaren Flussebenen Indiens vorgedrungen. Dort hatten sie sich als jeweils neue Oberschicht über die vorhandenen Schichten der Bevölkerung gelegt und so zur Bildung jener einzigartigen vertikalen Struktur der indischen Gesellschaft beigetragen, die sich bis heute im System der Kasten und nicht zuletzt in der Hautfarbe der verschiedenen gesellschaftlichen Einheiten spiegelt. Wir konnten den Drang der innerasiatischen Völker auf den Subkontinent nur zu gut verstehen. Nach tausenden Kilometern staubiger Trockenheit löste der Anblick seiner saftig-grünen, von Leben brodelnden Landschaften auch bei uns euphorische Gefühle aus.
Die Fahrt durch Indien war mühsam. Die Regenzeit war in vollem Gange. Das Land war weitgehend überschwemmt. Durch die Flusstäler wälzten sich wild braun-gelbe Fluten. Manche Flussüberquerung mit nicht selten hölzernen Fähren wurde zum Balanceakt, dessen Ausgang schwer zu kalkulieren war. Unpassierbare Brücken zwangen zu Umwegen, die mehrere hundert Kilometer lang sein konnten. Das Asphaltband der Strassen war in der Regel so schmal, dass darauf nur ein Fahrzeug Platz fand. Es wurde von den meist völlig überladenen Lastwagen in Anspruch genommen. Jedes Mal, wenn uns ein Fahrzeug entgegenkam, kam es zur Machtprobe. In der Regel mussten wir als die Besitzer des weniger robusten Gefährts unter schwersten Erschütterungen unserer mobilen Wohnung und des darin befindlichen Hausrates in die tief aufgewühlten schlammigen Bankette ausweichen. Morgens und abends waren riesige Viehherden auf den Strassen unterwegs und verwandelten dieselben mit ihren Exkrementen in Rutschbahnen. Die trägen Tiere, allen voran die urtümlichen Wasserbüffel, waren weder von unserem braven Boschhorn noch von den Stockschlägen sonderlich beeindruckt, die wir aus dem Auto verteilten, um sie zur Räumung der Fahrbahn zu veranlassen. Ohnehin diente die Straße allen möglichen anderen Zwecken. Man trocknete auf ihr Getreide, Chilischoten oder Wäsche und lagerte an ihren Rändern alle möglichen Gegenstände.
Unser Weg schien durch jedes der achthunderttausend indischen Dörfer zu führen. Das bunt gekleidete Volk lebte hier so, als habe die Zeit seit den Tagen Alexanders des Großen still gestanden. Die Strassen waren verstopft von Ochsenkarren, Lastrikshaws und Fahrrädern. Jederzeit musste man mit wiederkäuenden Kühen und Wasserbüffeln, spielenden Hunden und schlafenden Menschen rechnen. Auf diese Weise legten wir an einem Tag, an dem wir von Sonnenaufgang bis -untergang am Steuer saßen, kaum mehr als dreihundert Kilometer zurück.
In den überfüllten und schmutzigen Städten wurde man mit unsäglichem Elend aber auch ungeheurem Reichtum konfrontiert. Wo immer wir erschienen, verfolgten uns Bettler mit abenteuerlich verkrüppelten Gliedmaßen, toten Augen oder leprazerfressenen Gesichtern. Unzählige Menschen schliefen in schmutzige Tücher gehüllt am Straßenrand, der zugleich Küche und Wohn- und Schlafzimmer war. Nicht weit davon sah man gut gekleidete Reiche wohlgenährt und umringt von Dienern auf den Veranden klassizistischer Villen sitzen.
Auf dem Weg nach Süden kamen wir an manchen großen Zeugnissen aus der wechselvollen indischen Vergangenheit vorbei. Wir staunten über die weitläufigen, marmorhellen und figurlosen Bauten der Moghulen, allen voran das Taj Mahal, dessen überirdische Schönheit einen vergessen machen kann, dass es auch von der Ausbeutung des indischen Volkes durch Fremdherrscher zeugt, die aus trockenen und leeren Weltgegenden auf den feucht-heißen und wimmelnden Subkontinent gekommen waren. Dem gegenüber standen die verwinkelten, mystisch-düsteren und figurenüberladenen Heiligtümer der ursprünglichen indischen Religionen, in denen sich das pralle Leben des Subkontinentes aber auch die indische Neigung zur Verneinung des Irdischen spiegelt.
Eine Woche nachdem wir den indischen Subkontinent betreten hatten und vier Wochen nach unserer Abreise von Berlin kamen wir in Madras an, der Stadt, die der Ausgangspunkt für eine der erstaunlichsten Karrieren der Weltgeschichte war. Im Jahre 1743 begann hier der junge Robert Clive mit einer Tätigkeit als Schreiber bei der damals noch kleinen englischen East India Company. Er machte sie unter Ausnutzung der Rivalitäten, welche unter den indischen Potentaten bestanden, zu einem staatsähnlichen Gebilde, welches nach den Grundsätzen einer Handelsgesellschaft schließlich über den ganzen riesigen Subkontinent herrschen sollte. Er ist damit einer der Gründungsväter des „British Raj“, wie die Inder die Zeit der englischen Kolonialherrschaft nennen.
In Madras erfuhren unsere Verhältnisse eine unerwartete Wende. Mr. D., der Anwalt, in dessen ich hospitierte, bot uns einen bequemen Bungalow im Garten seines Hauses an, was für uns, die wir bislang nur in Studentenbuden gelebt hatten, eine neue Lebensqualität bedeutete. Das Anwesen lag in einer gutbürgerlichen und ziemlich ordentlichen Vorstadt, deren Straßen nur mit Nummern benannt waren. Mr. D. rief seine wichtigsten Klienten zusammen und stellte mich ihnen feierlich vor. Wir waren Ehrengäste bei herausragenden Feierlichkeiten, etwa der Einweihung einer neuen College-Bibliothek. Wohlhabende indische Familien luden uns in ihre Häuser ein und ließen uns an ihren prachtvollen Festen teilnehmen. Von der Position eines Rechtsreferendars, der in Deutschland mehr oder weniger als Student angesehen wurde und keine Beachtung fand, war ich plötzlich in den Status eines repräsentativen Gastes aus einem fernen Land geraten, mit dem man sich gerne sehen ließ.
Wir konnten die Rolle, die wir in der indischen Gesellschaft zugewiesen bekamen, nicht zuletzt deswegen mitspielen, weil uns das Gehalt eines deutschen Rechtsreferendars den entsprechenden Lebensstil erlaubte. Unser monatliches Budget betrug ein Vielfaches dessen, was die angestellten Anwälte im Büro von Mr. D. verdienten. Es entsprach nach Schwarzmarktpreisen etwa dem Gehalt des obersten Richters des Staates Tamil Nadu. Wir kauften auf der Mount Road ein, wo sich alles traf, was in Madras Rang und Namen hatte, insbesondere bei „Spencers“, einem Kaufhaus im Kolonialstil, in dem schon die Gattinnen der englischen Offiziere und Verwaltungsbeamten eingekauft hatten. Dort trafen sich nachmittags die Damen der indischen Gesellschaft und tranken Tee, während die Bediensteten des Kaufhauses an Hand von Einkaufslisten die gewünschten Waren zusammentrugen und von Trägern zu den schwarzen Ambassador-Limousinen bringen ließen, in denen die Chauffeure warteten.
Auch als Besitzer eines Autos gehörten wir zu den Privilegierten in der Stadt, schon deswegen, weil sich nur die Reichsten überhaupt einen Wagen leisten konnten. Da der Import von Fahrzeugen in Indien grundsätzlich verboten war, mussten zudem auch die Inder, welche sich ein teures Importfahrzeug hätten leisten können, in der Regel einheimische Produkte fahren. Das höchste der automobilistischen Gefühle war dabei jener „Ambassador“, ein auf der Basis eines englischen Nachkriegsmodells gebauter Mittelklassewagen, der technisch ziemlich veraltet war. Unser VW-Bus, der auch nicht gerade das neueste Baujahr hatte, wirkte dagegen wie ein technisches Wunderwerk. Hinzu kam, dass so etwas wie ein Wohnmobil in Indien völlig unbekannt war und in Übrigen alles, was aus dem Westen kam, bewundert wurde. Auf diese Weise trug ein Gefährt, mit dem man in Europa in der sozialen Hierarchie allenfalls auf der mittleren Ebene der Camping-Urlauber rangieren konnte, dazu bei, uns ein besonderes Ansehen zu verleihen. Nach wenigen Wochen war der Wagen auf der Mount Road allgemein bekannt.
Schließlich bekamen wir auch noch eine Dienerin. Sie wurde uns von Mr. D. vermittelt, der auch die Arbeitsbedingen festlegte - umgerechnet zwei Dollar pro Monat für die Erledigung aller anfallenden Arbeiten im Haus, wofür fünf Stunden am Morgen und weitere ein bis zwei Stunden am Abend veranschlagt wurden. Die junge Frau hieß Liz und lebte einige Straßen weiter in einer wilden Siedlung mit niedrigen Hütten, die aus Palmblättern gebaut waren. Da uns der Lohn absurd vorkam, wollten wir Liz das Doppelte zahlen. Mr. D. bat uns aber dringend, davon abzusehen, weil wir damit Unruhe unter den Dienern der Nachbarschaft erzeugen würden. Wir einigten uns schließlich darauf, dass wir Liz gelegentlich einen Sari schenken. Als wir ihr den ersten Sari gaben, zeigte sie das Geschenk allerdings sofort den Dienern in der Umgebung, mit der Folge, dass Mr. D. seinen zwei Dienerinnen ebenfalls Saris und seinem Diener sowie dem Chauffeur das entsprechende männliche Kleidungsstück, einen Lunghi, kaufen musste, was auch schon eine kleine Revolution war.
Im Laufe der Zeit nahmen wir immer mehr am Leben der indischen Oberschicht teil, ein Bevölkerungsteil, der sich von der Mehrheit schon durch ihre helle Hautfarbe unterschied. Vieles drehte sich in diesen Kreisen um Geld, Konsum und Familie. Man sprach vor allem darüber, wer westliche Waren besaß und was sie gekostet hatten, wie die neuesten amerikanischen Filme waren und wer wen mit welcher Mitgift geheiratet hatte oder demnächst heiraten werde. Uns gegenüber war man sehr offen und weihte uns selbst in Familiendetails ein. Einmal kam ein junger Anwalt aus dem Büro freudestrahlend zu mir und berichtete, er habe gerade erfahren, dass er nach dem Beschluss seiner Familie ein bestimmtes Mädchen heiraten werde. Er wollte mir die junge Dame vorstellen. Ich hatte aber schon vor ihm erfahren, dass und wen er heiraten werde.
Häufig besuchten wir den „Moore Market“, wo man so ziemlich alles kaufen konnte, was Indien zu bieten hatte. Reichlich spontan und ohne die Folgen zu bedenken, legten wir uns hier einen jungen Affen zu. Er war so klein, dass er in zwei Hände passte. Wir hegten und pflegten ihn, so gut wir es konnten. Er war aber, was wir nicht wussten, noch viel zu klein, um von seiner Mutter getrennt zu leben. Mangels einer wärmenden Mutterbrust und wohl auch aus Verzweiflung zog er sich schon bald eine Lungenentzündung zu, gegen die der Tierarzt, den wir verzweifelt mehrfach aufsuchten, nicht ankam. Er wurde immer apathischer und verstarb nach kurzer Zeit. Wir stellten fest, dass uns das kleine Wesen in der kurzen Zeit ans Herz gewachsen war und waren sehr betroffen, es wieder verlieren zu müssen.
Von der indischen Geisteswelt, die Europa so faszinierte, war in den Kreisen der indischen Gesellschaft, in denen wir verkehrten, wenig zu spüren. Auffällig war nur, welche wichtige Rolle man den Sternen gab. Vor allen wesentlichen Handlungen und Entscheidungen prüfte man, ob und wann die Auspizien dafür gut waren. Das führte unter anderem dazu, dass eine Hochzeit, zu der wir und tausend weitere Gäste eingeladen waren, nachts um drei Uhr stattfinden musste. Als ich einmal an einem Gerichtstermin teilnahm, ließ der Richter, dessen Astrologe errechnet hatte, dass der Zeitpunkt des offiziellen Sitzungstermins „unauspiziös“ war, dutzende von Anwälten stundenlang warten, bis die Sterne in der richtigen Position waren. Überhaupt waren nach indischer Vorstellung überall merkwürdige Mächte im Spiel. Ein gestandener Anwalt aus dem Büro von Mr. D etwa kam, kurz nachdem er die Kanzlei zum Mittagessen verlassen hatte, wieder er ins Büro. Auf meine Frage, warum schon wieder zurück sei, antwortete er, dass vor ihm gerade eine Person mit einem Bündel Holz auf dem Kopf über die Strasse gegangen sei, was Unglück bedeute. Er sei zurückgekommen, um ein paar Minuten im Büro abzuwarten. Wenn er danach erneut losgehe, sei das Unglück vorbei.
Meine Tage verbrachte ich, nicht zuletzt der Klimatisierung und der guten Ordnung wegen, zu einem erheblichen Teil im deutschen Kulturinstitut. Es war in Indien nicht, wie in allen anderen Ländern, nach der deutschen Vorzeigefigur Goethe benannt, der angesichts der mangelnden Realitätsnähe ihrer Artefakte nicht nur Lobendes über die indische Kultur gesagt hatte, sondern nach einer Person mit dem schönen deutschen Allerweltsnamen Max Müller, mit dem wiederum die Deutschen wenig anfangen können. Damit versuchte man, den großen deutschen Indologen dieses Namens zu repatrisieren, der im 19. Jahrhundert in England Karriere gemacht hatte. Im Max Mueller Bhavan, wie die Institute in Indien heißen, beschäftigte ich mich stärker als je zu Hause mit der Kultur und Literatur, für die Goethe steht. Die „indische“ Perspektive, aus der ich nun auf meine Heimat sah, hatte mich vor eine Fülle von Fragen über meine eigene Kultur gestellt. Zugleich verlor meine engere Heimat aus der Ferne viel von ihrer besonderen Natur und wurde zu einem nur noch wenig unterscheidbaren Teil des Kulturraumes Europa.
Im Max Mueller Bhavan lernten wir auch Shamela kennen, die uns bei unserem ersten Zusammentreffen mit Raju begleitet hatte. Shamela war Deutsch-Lehrerin am Institut. Sie war eine zierliche kleine Tamilin von exotischer Schönheit und bei aller indischen Prägung von wachem weltbürgerlichem Geist, der berufsbedingt der deutschen Kultur zuneigte. Wenn sie in ihren sorgfältig gefalteten, leuchtend bunten Saris wie alle bürgerlichen indischen Frauen mit gemessener und gewählter Bewegung einher schritt, war sie eine außerordentlich erfreuliche und trotz ihrer geringen Körpergröße beeindruckende Erscheinung. Während ihre Geschlechtsgenossinnen in der Öffentlichkeit jeglichen Augenkontakt mit der Männerwelt vermieden, fiel sie durch ihren offenen Blick auf. In unseren Breiten wäre sie eine hoch begehrte Frau und angesichts einer guten und gesicherten beruflichen Stellung auch eine gute Partie gewesen. In Indien aber war sie schon wegen ihrer dunklen Hautfarbe nicht der Typ, den sich gutbürgerliche Familien für ihre Söhne wünschten. Davon abgesehen hatte sie, nicht zuletzt bei ihren Besuchen in Deutschland, Vorstellungen über die gesellschaftliche Rolle der Frau übernommen, die es ihr zusätzlich schwer machten, in ihrem Heimatland eine Familie zu gründen. Insbesondere war sie nicht bereit, sich nach indischer Sitte einen Mann mittels einer Mitgift zu kaufen, zumal diese angesichts der Stellung, welche derselbe, um der ihrigen zu entsprechen, gehabt haben müsste, nur unter existenzieller Belastung ihrer Familie aufzubringen gewesen wäre. Sie hatte daher auf eine Eheschließung verzichtet und lebte in friedlicher Eintracht in ihrer Großfamilie. Mit Anfang dreißig war sie nach indischen Vorstellungen für eine Ehe inzwischen auch zu alt, ein Schicksal, das sie mit innerer Festigkeit akzeptiert hatte.
Wenn ich mich nicht im Max Mueller Bhavan physisch und psychisch erholte, hielt ich mich im Büro von Mr. D. auf. Es lag in einer Seitenstrasse unweit des High Courts, einem der größten Gerichtsgebäude der Welt, das die Engländer auf dem Höhepunkt ihrer Macht in Indien im indo-sarazenischen Stil erbaut hatten, vermutlich um die Behauptung zu untermauern, dass bei ihrer Herrschaft alles mit rechten Dingen zugehe. Von der Großartigkeit des Gerichtskomplexes war Mr. D.`s Kanzlei allerdings weit entfernt. Sie befand sich im Obergeschoss eines schmuddeligen, zweistöckigen, Geschäftshauses und war ziemlich verwinkelt. Manche Anwaltszimmer waren nicht mehr als drei oder vier Quadratmeter groß. Aushalten konnte man es eigentlich nur im Büro von Mr. D., das von einer rasselnden Klimaanlage mäßig gekühlt wurde. In den anderen Räumen hielten große Ventilatoren nur die schwül-heiße Luft und die Blätter der Aktenbündel in Bewegung, die überall gestapelt waren. Mittags kamen die Diener der Beschäftigten mit auf einander gesteckten Edelstahlbehältern ins Büro und brachten das Essen, das zu Hause zubereitet worden war. Ein Bürodiener, der eine uniformähnliche Schildmütze aber keine Schuhe trug, erledigte alle Besorgungen außerhalb des Büros und bewachte es. Er wohnte mit seiner Frau und fünf Kindern in dem Hohlraum unter dem Treppenaufgang. Wenn ich erschien, stand er stramm und salutierte. In dieser Zeit las ich den exemplarischen europäischen Großstadtroman der Moderne „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin. Von dessen Stil angeregt verfasste ich einen Text über das Straßenleben in einer indischen Großstadt. Er beschreibt die Szenerie vor dem Büro von Mr. D. - Anhang 1
Mr. D war ein Selfmademan, der aus sehr kleinen Verhältnissen stammte. Er war Christ, dunkelhäutig und sprach Englisch mit einer sehr starken Färbung, womit er in der indischen Gesellschaft an sich schon genügend Handicaps hatte. Dazu hatte er aber auch noch eine Frau aus einer höheren Kaste geheiratet, die es merkwürdigerweise auch bei Christen gibt, und damit einen Tabubruch begangen. Da die Ehe gegen den Willen seiner Schwiegereltern erfolgt war, wurde seine Frau, eine Ärztin, zunächst einmal von ihrer Familie verstoßen, was einem Ausschluss aus der guten Gesellschaft gleich kam. Mr. D kompensierte all dies nach Außen mit einem gravitätischen Habitus, mit dem er um sich eine Aura von hintergründiger Verschlossenheit schuf. Nach Innen richteten er und seine Frau ihre ganze Aufmerksamkeit auf die gemeinsame Tochter, die etwa drei Jahre alt war. Mit unendlicher Geduld ertrugen sie ihre Launen und lasen ihr jeden Wunsch von den Lippen ab. Allen Widrigkeiten zum Trotz war es Mr. D. , nicht zuletzt mit Hilfe der Kirche von Südindien, deren Mitglieder überwiegend den unteren Kasten angehörten, gelungen, eine gewisse Stellung in der indischen Gesellschaft zu erlangen. Dabei war ihm sicher zu Gute gekommen, dass er sehr zielbewusst und für indische Verhältnisse ziemlich rational agierte. Seine Reisen etwa legte er grundsätzlich auf Tage, an denen die Sterne angeblich schlecht standen, weil dann die Züge leer waren.
Dies war für uns Indien während der ersten zwei Monate unseres Aufenthaltes. Bettler und Straßenkinder lebten in einer anderen Welt.
Am Abend des Tages, an dem wir den Jungen getroffen hatten, berichteten wir Mr. D. begeistert von unserem Erlebnis mit dem Jungen und von unserer Absicht, ihn in unser Haus einzuladen. Mr. D. teilte unseren Enthusiasmus nicht. Er gab zu bedenken, dass wir auf diese Weise die Armen der Straße in die Vorstädte ziehen und auf Möglichkeiten zum Stehlen aufmerksam machen würden. Wir könnten auch das Opfer einer Erpressung durch den Anhang des Jungen werden. Im Übrigen sei die Sache auch aus gesundheitlichen Gründen alles andere als unproblematisch. Wer weiß, meinte er, welche Krankheiten der Junge ins Haus schleppte.
Wir fuhren am nächsten Tag dennoch zur Mount Road, mehr aus Neugierde und Abenteuerlust als in der Erwartung, den Jungen wieder zu sehen. Es war ja kaum wahrscheinlich, dass ein Kind dieses Alters und dieser Herkunft Verabredungen mit irgendwelchen Fremden einhalten würde, die einer momentanen Regung nachgegangen waren und mit dem Kauf eines Hemdes eigentlich schon mehr für ihn getan hatten, als er erwarten konnte. Auch war der Ort unserer Verabredung nicht eben klar bestimmt. Die Bushaltestelle auf der Mount Road war kein Punkt, sondern eher ein weitläufiger Bereich, der von zahlreichen Buslinien angesteuert wurde. Dort herrschte ein permanentes Gewühl von Autos, Bussen, Radfahrern, Karren, Straßenverkäufern und unzähligen Passanten, in dem ein kleines Tamilenkind leicht untergehen konnte. Wir fanden den Jungen dann aber doch. Er schlief auf einer Steinbank, gekleidet mit dem neuen Hemd, welches noch ohne einen Flecken war. Als Kopfkissen diente ihm die Tüte vom Vortag, in der sich nun zwei alte Hemden befanden.
Wir weckten den Jungen, der uns zugleich erstaunt und erfreut anschaute. Mit Hilfe einiger Straßenhändler, die den Jungen offenbar kannten, verhandelten wir über unser Vorhaben, ihn mit zu uns nach Hause zu nehmen. Man signalisierte uns, dass es keine Probleme gebe. Unter großer Aufmerksamkeit der Straßenbewohner und der Passanten stieg der Junge schließlich zu uns in den Wagen und wir fuhren zu unserem Haus.
In Hinblick auf die hygienischen Bedenken von Mr. D. schickten wir den Jungen erst einmal unter die Dusche. Er war, sah man von seinen unbeschuhten Füssen ab, eigentlich nicht schmutzig, sondern nur staubig. Sein schwarzes, leicht gewelltes Haar war gepflegt. Es war offensichtlich von einem Friseur geschnitten worden. Als er frisch geduscht an den Tisch kam, zeigte sich, dass er sehr hübsch war. Seine tiefbraune Haut glänzte, als sei sie mit Öl eingerieben. Das noch feuchte Haar hatte er zur Seite gekämmt, sodass sich eine harmonisch gewölbte Stirn zeigte. In ihrer Mitte war, vergleichbar den Schönheitspunkten, mit denen sich die indischen Frauen schmücken, ein Mal, eine etwa zwei Zentimeter große mandelförmige Narbe, welche die Linienführung seiner Augen vertikal wiederholte.
Der Junge musterte die neue Umgebung mit großer Aufmerksamkeit. Er beobachtete, wie wir uns am Tisch verhielten und machte es minutiös nach. Im Umgang mit Messer und Gabel hatte er einige Probleme. Er ließ sich davon aber nicht entmutigen. Obwohl das Essen kaum seinem Geschmack entsprochen haben dürfte, aß er tapfer, was auf den Tisch kam.
Das Tischgespräch war nicht ganz einfach. Der Junge konnte nur wenige Brocken Englisch. Zunächst fanden wir heraus, dass er Raju hieß. Der Name, der in tamilischen Buchstaben auf seinem Unterarm tätowiert war, bedeutete „König“. Die Frage nach seinen Eltern beantwortete er auch diesmal damit, dass er "no mummy" und "no papi" habe. Vertiefen konnten wir die Frage nicht. Den Rest des Nachmittags hatten wir damit zu tun, zu klären, auf welche Weise wir miteinander kommunizieren konnten. Wir versuchten es mit Händen und Füssen und damit, dass wir bekannte oder geklärte Worte in immer wieder neuer Weise kombinierten. Raju betätigte sich dabei als Komödiant. Wenn ihm die Worte fehlten, wusste er sich durch schauspielerische Einlagen verständlich zu machen. Es machte ihm offensichtlich Spaß, uns zum Lachen zu bringen. So verging der Nachmittag auf die unterhaltsamste Weise. Gegen Abend brachten wir Raju wieder auf die Mount Road. Das Zusammensein mit ihm war so erfreulich gewesen, dass wir uns für den nächsten Tag wieder verabredeten.
Als wir Raju am nächsten Tag abholten, kam er uns schon von weitem entgegen. Um ihn war ein kleiner Tross von Bekannten, die uns neugierig musterten. Es waren Jungen verschiedenen Alters, welche die Tatsache, dass wir mit Raju Kontakt hatten, ziemlich lustig fanden. Diese Szene wiederum hatte zur Folge, dass andere Passanten anhielten und wissen wollten, warum der kleine Straßenjunge mit uns Europäern verhandelte. Manche glaubten, wir seien bedroht und boten uns an, die Polizei zu benachrichtigen. Bald bildete sich eine so große Menschenansammlung um unseren Wagen, dass wir zum Verkehrshindernis wurden.
Wir nutzten die Gelegenheit dazu, einen Mann, den wir schon an den beiden vorangehenden Tagen in Rajus Umgebung gesehen hatten, ein wenig nach ihm auszufragen. Er konnte einigermaßen Englisch und war offenbar mit Rajus Verhältnissen vertraut. Auch er gab an, dass der Junge ohne Eltern sei. Er habe weder Verwandte noch andere Bezugspersonen, sondern lebe selbständig auf der Straße. Über seine Eltern könne er nichts Näheres sagen. Wahrscheinlich habe Raju sie einfach verloren. Das Kind lebe auf der Mount Road gemeinsam mit den Jungen, die sich hier versammelt hätten. Nachts schlafe er mit ihnen auf der Veranda des Palls Hotel, einem Restaurant, welches sich in einer Seitenstraße der Mount Road befinde. Im Übrigen schlage er sich mit Betteln, Wagenwaschen und sonstigen kleinen Dienstleistungen durch. Wir könnten ihn unbesorgt mit nach Hause nehmen, denn er sei ein guter Junge.
Auf dem Weg zu unserer Wohnung machten wir an einigen Marktständen halt, um etwas Obst und Gemüse einzukaufen. Als Raju feststellte, welche Preise man uns hierbei abverlangte, bedeutete er uns, wir sollten etwas abseits warten, er werde für uns einkaufen. Nach kurzer Zeit kam er mit Mangos, Bananen und Tomaten zurück, die er für einen Preis erstanden hatte, den wir selbst bei zähestem Verhandeln niemals hätten erzielen können.
Nach dem Einkauf hatten wir eine verkehrsreiche Straße zu überqueren. Raju meinte, wir hätten nicht aufgepasst. Daher zog er uns mit Vehemenz vor einem herannahenden Bus zurück. Dann nahm er uns an der Hand und führte uns behutsam durch das typische indische Durcheinander aller möglicher Vehikel auf die andere Straßenseite.
Zu Hause angekommen ging Raju unaufgefordert unter die Dusche. Anschließend inspizierte er die gesamte Wohnung. Aus dem Nachbarhaus kamen die Diener von Mr. D. vorbei und stellten viele Fragen. Raju war sehr gesprächig und unterhielt sich lange mit ihnen. Gestik und Mimik zeigten einen jungen Mann, der selbstbewusst Rede und Antwort stand. Zu gern hätten wir gewusst, was hierbei verhandelt wurde. Als später Mr. D. selbst mit skeptisch-distanzierter Miene vorbeischaute und ebenfalls Fragen stellte, war Raju ziemlich einsilbig.
An diesem Tag begannen wir, ausgehend von den Tischutensilien, Raju Englisch beizubringen. Er erfasste schnell und hatte ein offensichtliches Vergnügen daran, die neuen Worte zu benutzen. Auch dieser Nachmittag war außerordentlich amüsant. Raju imitierte Affen so gut, dass wir uns vor Lachen kaum zu halten vermochten. Abends brachten wir ihn wieder auf die Mount Road, nicht ohne einen neuen Termin für den nächsten Tag ausgemacht zu haben.
Diesmal holten wir Raju bereits gegen Mittag ab. Sein Besuch begann, wie nun schon üblich, mit der Dusche. Nach dem Essen war Unterricht angesagt. Wir brachten ihm die ersten Buchstaben bei, die er mit ungelenker Schrift zu kopieren versuchte. Es wurde schnell deutlich, dass er noch nie einen Bleistift in seiner Hand gehabt hatte. Auch begannen wir mit Rechenaufgaben. Beim Addieren und Substrahieren einfacher Zahlen dachte Raju lange nach und kam des Öfteren zu falschen Ergebnissen. Ersetzte man die Zahlen durch Rupien und Paisas, hatte er das Ergebnis schnell heraus.
In den Pausen des „Unterrichts“ machte sich Raju nützlich. Er wusch gemeinsam mit Liz unseren Wagen. Wir sandten ihn mit einem Zettel und einem kleinen Geldbetrag zum Einkaufen. Er brachte den Zettel, auf dem er die Preise für die einzelnen Waren hatte notieren lassen, zurück und rechnete auf Heller und Pfennig ab.
Als wir Raju am Abend wieder zur Mount Road brachten, beobachteten wir ihn, nachdem er sich verabschiedet hatte, heimlich eine zeitlang in der Hoffnung, zu sehen, wo er hinging und mit welchen Erwachsenen er Umgang hatte. Aber er sprach nur mit ein paar Jungen. Nach einiger Zeit legte er sich auf eine Bank und schlief ein.
Verabredungsgemäß holten wir Raju auch am nächsten Tag zu uns nach Hause. Er malte, versuchte sich im Schreiben und war, wie immer, vergnügt. Als Liz vom Einkaufen zurückkam, begann Raju mit ihr zu streiten. Nach einem Wortwechsel zog sich Liz beleidigt zurück. Später erfuhren wir von Mr. D., gegenüber dessen Dienerin sich Liz über Raju beklagt hatte, worüber sie gestritten hatten: Raju hatte ihr vorgeworfen, dass sie vom Einkaufen keine Abrechnung mitgebracht habe. Wir versuchten eine Aussprache hierüber zustande zu bringen. Liz lehnte jedoch ab und erklärte, dass sie nicht mehr für uns arbeiten wolle. Nur mit Mühe und mit Hilfe eines Sari-Geschenkes, das wieder Fernwirkungen bei Mr. D. hatte, konnten wir den häuslichen Frieden wiederherstellen. Raju erhielt die Anweisung, Liz nicht zu kontrollieren.
In der Folgezeit kam Raju jeden Tag zu uns. Statt ihn umständlich an der Mount Road abzuholen und ihn zurückzubringen, gaben wir ihm Geld für den Bus. Später erzählte er uns, dass er den langen Weg aber zu Fuß zurückgelegt und von dem gesparten Geld die kleinen Geschenke gekauft habe, die er uns gelegentlich mitbrachte. Raju erschien morgens gegen 10 Uhr mit einem fröhlichen "Hallo", verschwand als erstes unter der Dusche und blieb den ganzen Tag bei uns. Schon nach kurzer Zeit hatte er mit der englischen Sprache solche Fortschritte gemacht, dass wir uns - mit Hilfe von selbst gestrickten Begriffen, die aus bestimmten Situationen entstanden waren - ziemlich gut verständigen konnten. Raju teilte unseren Alltag und fühlte sich bei uns zu Hause. Einen großen Teil seiner Zeit verbrachte er mit Malen. Er zeichnete sich auf einer Schaukel im Garten und inmitten eines Kinderhauses, malte ein Kino, Bäume, Autos, vor allem unseren Bus und unser Kofferradio mit dem Namen „Universum“. Sorgfältig kopierte er das Titelblatt einer Broschüre der Deutsch-Indischen Handelskammer mit der Aufschrift „Investieren in Indien“, wobei ihm einige Buchstaben verkehrt herum gerieten. Als Anrede für mich benutzte Raju meinen Vornamen. Judi nannte er von Anfang an „mummy“, was zunächst eher einen familiären Hierarchiestatus bezeichnet haben mag, sich aber im Laufe der Zeit zum Ausdruck für eine emotionale Beziehung, ja geradezu zu einem Anspruch auf eine solche wandelte.
Unsere Neugier trieb uns dazu, Raju weiter zu überprüfen. Auch diese Tests bestand er mit Auszeichnung. Nirgends fanden wir einen Hinweis, dass er uns Kontakte zu Verwandten oder Personen verschwieg, die mit ihm etwas im Schilde führen konnten. Wir übergaben ihm zum Einkauf immer größere Geldbeträge, ohne dass es zu Unstimmigkeiten gekommen wäre. Zuletzt überließen wir ihm unter dem Vorwand, kein kleineres Geld zu haben, einen 100 Rupienschein. Dieser Betrag war für Raju außerordentlich hoch. Er hätte davon auf der Straße mehrere Monate leben können. Mit Herzklopfen schlich ich in einiger Entfernung hinter ihm her, um zu sehen, wie er sich verhalten würde. Er ging einkaufen wie gewohnt und brachte den Rest des Geldes genau abgezählt zurück. Spätestens seit diesem Zeitpunkt waren wir davon überzeugt, dass wir uns auf Raju verlassen konnten. Selbst Mr. D., dem wir von unserem Experiment berichteten, war beeindruckt, auch wenn er weiterhin Distanz zu Raju hielt.
Etwa eine Woche, nachdem wir Raju kennen gelernt hatten, brachte er uns einen Brief, den er sich von einem Mann auf der Straße hatte schreiben lassen. Der Brief war in englischer Sprache auf die Rückseite einer Zigarettenschachtel Marke Scissors geschrieben und lautete wie folgt:
17.12.70
von Raji, c/o Bushaltestelle
Liebe Frau,
Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Freundlichkeit und Hilfe. Punkt. Ich komme zur Sache. Ich habe keine Mutter und keinen Vater und niemand, der mich beschützen könnte. Ich möchte gerne mit Ihnen in Ihr Land gehen. Wenn sie mich mit in Ihr Haus nehmen. Ich bin Ihnen sehr dankbar. Ich bin sehr traurig, dass ich in Madras lebe. Denn ich schlafe auf der Straße. Die Polizei verfolgt mich. Ich erwarte Ihre gute Antwort.
Hochachtungsvoll
Raju
Der Gedanke, Raju auf Dauer bei uns zu behalten oder ihn gar mit nach Europa zu nehmen, lag uns damals völlig fern. Darüber, wie diese Geschichte, die so exotisch schien wie alles, was wir in den letzten Monaten erlebt hatten, weitergehen würde, hatten wir noch keinerlei Vorstellung. Raju war einfach da.
Unsere Versuche, von Raju näheres über seine Vergangenheit zu erfahren, ergaben kein klares Bild. Er sprach davon, dass er aus der Nähe von Madurai, einige hundert Kilometer südlich von Madras, komme. Dort sei er gemeinsam mit einer Schwester in einem Dorf aufgewachsen. Sein Vater sei Fischer gewesen. Über sein Gesicht ging ein Strahlen, als er schilderte, wie er gemeinsam mit dem Vater in Flüssen und Seen Fische gefangen hatte. Seine Mutter sei dann aber krank geworden und schließlich gestorben. Danach sei der Vater mit ihm und seiner Schwester nach Madras gegangen, wo man auf der Straße gelebt habe. Seit dem Tod der Mutter sei sein Vater ein schlechter Mann geworden. Er habe getrunken und sich mit anderen Frauen herumgetrieben. Oft habe er ihn auch geschlagen. Eines Tages sei er samt der Schwester verschwunden, wahrscheinlich mit der bösen Frau, mit der er zuletzt zusammengelebt habe und die ihn, Raju, nicht gemocht habe. Lange Zeit habe er dann in Madras nach seinem Vater und seiner Schwester, an der er sehr gehangen habe, gesucht, habe sie aber nicht finden können. Versteckt unter einem Sitz sei er mit dem Zug nach Madurai gefahren, um in dem Dorf, wo sie früher gelebt hatten, nach ihm und Verwandten zu suchen. Er habe das Dorf aber nicht finden können, weshalb er nach Madras zurückgekommen sei. Bei den Zugfahrten habe er festgestellt, dass man dort einiges mit der Unterhaltung der Fahrgäste verdienen könne. Eine zeitlang habe er sich danach am Egmore-Bahnhof, wo die Züge nach Süden abfahren, aufgehalten und habe in den Vortortzügen Affen gemimt und gesungen. Dann sei er auf die Mount Road gezogen, wo mehr los sei.
