Noch Da - Silke Stahl - E-Book

Noch Da E-Book

Silke Stahl

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Beschreibung

Wer denkt, im letzten Lebensabschnitt ist das Leben nicht mehr lebenswert, der täuscht sich. Hilfe Fuchs ist eine Dame und eine ganz große dazu. Sie gestaltet sich und ihr hohes Alter meisterlich mit ihren Höhen und Tiefen. Und wer denkt, dass Seniorenresidenzen nur zum Abschieben da sind, der erfährt in diesem Buch, was es heißt, Fürsorge, Freundschaften und das Abschied nehmen zu erleben.

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EPUB
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Seitenzahl: 109

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Silke Stahl

Noch Da

"... Wir sind nicht tot. Wir sind noch da!"

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Verständnis

Spontanität

Heimweh

Ignoranz

Akzeptanz

Vergebung

Gerechtigkeit

Aufstand

Leichtigkeit

Glaube

Wahrnehmung

Eingeständnis

Wahrheit

Mut

Familie

Veränderung

Liebe

Loslassen

Trauer

Vergänglichkeit

Impressum neobooks

Verständnis

'Unaufdringlich schleicht die Fähigkeit ins Bewusstsein,

Einblick und zugleich Erkenntnis zu bekommen,

um zu verstehen,

was den Mensch zur Handlung treibt.'

"Mist, jetzt habe ich doch vergessen, meine Zimmertüre abzuschließen!" So stöhnte Hilde, auch wegen ihrer Vergesslichkeit genervt. Sie drehte mit ihrem treuen Begleiter, dem Rollator im Flur, um. Ihre größte Sorge war, dass Herr Ludwig ihr wieder einen ungewollten Besuch in ihrem Zimmer abstattete. Zu spät, von weitem sah sie schon, dass ihre Türe weit geöffnet war und beim Eintreten erkannte sie die verschmutzten Schuhe von Herrn Ludwig in ihrem frisch bezogenen Bett. Ihr Herz schlug heftig. Dieser Anblick brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Ihr Kopf glich einem roten Feuerball kurz vor der Explosion.

Hilde, die mit ihren 93 Jahren noch recht rüstig war, schnappte sich wutentbrannt den nächstbesten Gegenstand, der in ihrer Nähe lag. In diesem Fall war es der Schuhlöffel, den Herr Ludwig nun deutlich zu spüren bekam. Er brüllte voller Angst seine Seele aus dem Leibe: "Angriff! Angriff aus dem Hinterhalt! Der Feind. Hilfe!" Schwester Tessa und Pfleger Robert eilten sofort ins Zimmer und befreiten den verstörten Herrn Ludwig von den Schlägen der wütenden Hilde. Hilde konnte sich gar nicht beruhigen und klopfte mit dem Schuhlöffel weiter um sich. Wie oft verirrte sich schon Herr Ludwig in ihrem Zimmer. Auch nachts stand er schon an ihrem Bett. Das ging jetzt zu weit. Es war ihr Zimmer. Das einzige was sie noch hatte. Beim Aufsetzen von Herrn Ludwig aus ihrem Bett sah man das gelbe Malheur, welches Herr Ludwig vor lauter Angst auf Hildes Matratze hinterließ. Geschockt ließ Hilde den Schuhlöffel fallen und setzte sich erschöpft in ihren samtroten Sessel, der in der Ecke stand. Tränen liefen ihr über das Gesicht. "Ich möchte nach Hause. Einfach nach Hause!", schluchzte sie und schaute dabei ihre Bilder an der Wand an. Bilder von ihrem Haus, ihren Kindern und Enkelkindern und ein großes Portraitbild von ihrem verstorbenen Mann Friedrich. Wie sehr sie ihn vermisste, vor allem jetzt in dieser konfusen Situation. Wie konnte er sie nur alleine lassen. Warum muss sie das alles erleben? Die Tränen hörten nicht mehr auf zu laufen. In der Zwischenzeit wurde der verängstigte Herr Ludwig auf sein Zimmer gebracht. Schwester Tessa blieb bei Hilde. Sie beruhigte sie ein wenig und bezog in Windeseile das Bett frisch. Für Hilde war es immer sehr wichtig, ihre eigene Bettwäsche zu nutzen, daher war Schwester Tessa sehr bemüht, dies umzusetzen. Nach getaner Arbeit setzte sich Schwester Tessa auf den Stuhl neben Hildes Sessel, nahm ihre Hand und sagte einfühlsam: "Ich kann gut nachvollziehen Hilde, dass Sie nach Hause möchten. Da wäre alles vertraut und eine solche Aktion, wie soeben mit Herrn Ludwig, wäre nicht vorgekommen. Schauen Sie, hier werden Sie zwar oft fremdbestimmt und das ist was, was Sie von zu Hause nicht kennen, aber das Schöne ist doch auch, versorgt zu werden. Es wird sich um sie gekümmert. Vor allem, wenn der Körper dem Geiste nicht mehr folgen kann oder andersrum, wenn der Geist dem Körper nicht mehr folgt. Und wir, liebe Hilde, sind für sie da und zwar jeden Tag und jede Nacht!" Schwester Tessa strich zärtlich über Hildes Wangen. Dieses Gespräch tat Hilde sichtlich gut, denn sie nickte kurz mit einem kleinen Lächeln im Gesicht, darauf verließ Schwester Tessa das Zimmer. Ausgelaugt von dieser Schuhlöffelaktion schloss Hilde ihre Augen und döste ein. Eine halbe Stunde später wachte sie leicht desorientiert im Sessel wieder auf, schaute sich um und sah jetzt erst ganz bewusst, ihr frisch bezogenes Bett, als wäre nichts gewesen. Zufrieden legte sie sich eine Strickjacke um und marschierte nun mit ihrem Rollator Richtung Gruppenraum, nachdem sie sich versichert hatte, dass ihre Zimmertüre richtig verschlossen war.

Im Flur traf sie auf Frau Bohn, eine eher ruhige Persönlichkeit. Hilde genoss ihre Bekanntschaft. Wie sie war auch Frau Bohn nicht mehr gut zu Fuß und ebenfalls auf einen Rollator angewiesen. Das hatte den Vorteil, dass sie beide das gleiche Tempo beim Laufen hatten. An ihrem Lieblingsplatz angekommen, setzten sich die zwei Damen auf das große, grün-gold verzierte Sofa. Das sogenannte Flursofa. Es war der Stammplatz von Hilde und Frau Bohn, denn der Ausblick von dort war lebendig. Zum einen sahen sie ins Schwesternzimmer, welches mit Fensterglas ausgestattet war, und konnten somit wunderbar die Arbeit der Pfleger*innen beobachten, zum anderen hatte man noch einen guten Blick in den Gruppenraum. Sie ließen ihre Gedanken schwelgen bis Frau Bohn anfing, über die Schuhlöffelattacke gegen Herrn Ludwig zu sprechen. Voller Stolz lobte sie Hilde für ihre Heldentat. "Hilde, sie sind so mutig! Das hätte ich mich niemals getraut!" Mit leicht errötetem Haupt wusste Hilde wiederum nicht, wie sie darauf reagieren sollte und nickte etwas peinlich berührt. Plötzlich sank Frau Bohns Kopf und sie sagte dann ganz kleinlaut: "Das hätte ich mit meinem Mann auch mal gerne gemacht. Ihn einfach schlagen. Was der mir und meinen zwei Töchtern angetan hatte, war unverzeihlich." Dabei schüttelte sie fassungslos den Kopf, bevor sie weiterfuhr. "Und ich habe mich nicht gewehrt. Aus Scham." Ihr Gesichtsausdruck war wie versteinert.

"Erst hat er nur mich geschlagen, nachdem er betrunken aus der Wirtschaft abends heimkam. Doch als die Mädchen fünf und sieben Jahre alt waren, bekamen auch sie die Gewalt vom eigenen Vater zu spüren. Mit dem Gürtel schlug er auf sie ein. Ihre Angstschreie höre ich heute noch in der Nacht. Ich konnte ihnen nicht helfen." Schuldbewusst schaute Frau Bohn Hilde an. "Hilde, ich konnte nichts machen. Ich war abhängig von ihm und das wusste er. Es war die Hölle auf Erden mit ihm. Meine kleine Sandra hat es nicht mehr ausgehalten und mit ihren jungen 15 Jahren hat sie sich das Leben genommen. Sie warf sich eines späten Abends vor den Zug..." Frau Bohn konnte nicht mehr weitesprechen, der innere Schmerz überrollte sie mit einer Wucht, sodass sie ihren Kopf an Hildes Schulter ablegte und bitterlich zu weinen begann. Hilde ließ die Situation zu, dabei umarmte sie etwas ungelenkig Frau Bohn. Auch ihr kamen die Tränen. Mit so einer Lebensbeichte hatte sie überhaupt nicht gerechnet. So verweilten beide schweigend einige Zeit auf dem Sofa und teilten sich Frau Bohns Schicksal. Jeder trägt doch seine ganz persönliche Lebensgeschichte in sich, dachte sich Hilde in diesem Moment.

Der Duft von Kaffee durchflutete den Flur. Pfleger Robert, der just in diesem Moment aus dem Schwesternzimmer kam, animierte Hilde und Frau Bohn doch in den Gruppenraum zu kommen um Kaffee und Kuchen einzunehmen. Die zwei Frauen schauten sich an, nickten und marschierten mit ihren Rollatoren in Richtung Gruppenraum. Auf eine ganz spezielle Art und Weise fühlten beide zum ersten Mal eine Verbundenheit, die ihnen in dieser Institution von großer Bedeutung und vor allem eine Hilfe war. Beim Kaffee wurde nicht mehr über das Geständnis von Frau Bohn gesprochen. Es war ein Geheimnis zwischen den zwei Frauen.

Das Hauptthema im Gruppenraum war Hilde und ihre Schuhlöffelattacke. Nun musste auch sie über diese Aktion lachen. Dieses Ereignis löste bei den anwesenden Bewohnern ebenfalls ein großes Gelächter aus. Aber auch ein Mitgefühl für Herrn Ludwig stieg in Hilde hoch, der die Zimmer ja nicht mit Absicht verwechselte. Hilde nahm sich ganz fest vor, sich bei Herrn Ludwig zu entschuldigen. Sich so daneben zu benehmen war wirklich nicht ihre Art. Leider konnte sie ihn nicht beim Kaffee entdecken. Normalerweise saß er zwei Tische weiter. Heute war die Kaffeerunde ganz heiter, lag aber auch daran, dass Pfleger Robert und Schwester Tessa die Nachmittagsschicht hatten. Die beiden waren immer sehr bemüht um die Bewohner, sie mit Achtung und Respekt zu begegnen. Schwester Tessa mit ihren langen blonden Haaren, meist zu einem Zopf zusammengebunden, war die einfühlsame und Pfleger Robert, er hatte einen wunderbaren Humor, der den Bewohnern unglaublich gut tat.

Nach einer guten Stunde löste sich langsam die Kaffeerunde auf. Hilde hatte nun das dringende Bedürfnis, sich bei Herrn Ludwig zu entschuldigen und fragte daraufhin Schwester Tessa, ob sie Herrn Ludwig ein Stückchen Kuchen auf sein Zimmer bringen durfte - als Entschuldigung. Ganz gerührt von dieser Geste stellte Schwester Tessa einen Teller mit dem Kirschgrießkuchen auf Hildes Rollator. Sie strahlte Hilde liebevoll an und wünschte ihr viel Glück bei Herrn Ludwig.

Etwas nervös stand Hilde kurze Zeit später vor der Türe von Herrn Ludwig. Sie klopfte. Nichts. Sie klopfte noch einmal. Wieder nichts. Dann drückte sie vorsichtig die Klinke runter und öffnete die Tür. Sie hörte, wie er mit jemandem sprach. Erst wusste sie nicht, was sie jetzt tun sollte. Sie entschied sich einfach rein zugehen und ihm den Kuchen zu geben. So trat sie in sein Zimmer ein und sah Herrn Ludwig im Bett liegen. Er war allein und sah sehr verängstigt aus. Auch Tränen liefen ihm über das Gesicht. Er setzte sein Gespräch fort ohne Kenntnis von Hilde zu nehmen. "Karl steh auf. Komm schnell, die Russen werden uns finden. Karl, du bist doch mein bester Kamerad. Oh Gott, du bist ja voller Blut. Helft mir doch. Zu Hilfe. Der Karl stirbt! Hilfe!" Herr Ludwig fuchtelte wild mit seinen Armen und Beinen um sich. Die Angst nahm überhand. Herr Ludwig schwitzte und war extrem kurzatmig. Geistesgegenwärtig holte Hilde im Bad von Herrn Ludwig einen feuchten Waschlappen. Zurück am Bett von Herrn Ludwig legte sie behutsam den kühlen Waschlappen auf seine verschwitzte Stirn. "Pscht. Alles ist gut Herr Ludwig. Ganz ruhig. Ja so ist es gut!", flüsterte Hilde ihm besänftigend zu. Seine Atemzüge wurden ruhiger und tiefer. Er schaute sie mit großen Augen an und Hilde wusste, dass er sie nicht erkannte. Doch sie spürte seine Dankbarkeit. Ihm bei der traumatisierten Erinnerung des Krieges beizustehen, die immer wieder hoch kam. Ihn in diesem Moment aufzufangen war ein Geschenk. Hilde verweilte noch eine kurze Zeit an seinem Bett, bevor sie ihm den Kuchen auf den Beistelltisch stellte. "Herr Ludwig, ich habe ihnen einen leckeren Kirschgrießkuchen auf den Tisch gestellt. Lassen sie ihn sich schmecken!" Die Antwort ließ kaum auf sich warten: "Oh vielen Dank Schwester. Ich mag aber keine Kirschen. Können sie gerne selber essen." Mit einem Lächeln im Gesicht nahm Hilde den Kuchen und stellte ihn wieder auf ihren Rollator. Freundlich gestimmt verabschiedete sie sich von Herrn Ludwig.

Auf dem Flur kam Pfleger Robert entgegen. Er kam gerade von der Raucherpause zurück und sah den Kuchen auf dem Rollator. Augenzwinkernd und mit überspitzter Zunge sagte er: "Hilde, mehr wie ein Stück Kuchen sollen sie doch nicht essen. Denken sie an ihre Figur!" Hilde kicherte und bot ihm daraufhin den Kuchen an. Er schaute kurz um sich und schnappte sich unauffällig den Teller. Mit einer Handkussgeste und einem Augenzwinkern verschwand er zügig im Schwesternzimmer. Hilde war nach dem ereignisreichen Tag erstmal froh, wieder in ihrem Zimmer zu sein. Sie zog ihre Strickjacke aus und hängte sie feinsäuberlich in ihren Schrank. Dann legte sie sich in ihr frischgemachtes Bett und da spürte sie, wie erschöpft ihr Körper war. Ihr Geist musste die letzten Stunden, die gefüllt waren mit den unterschiedlichsten Emotionen, verarbeiten. Frau Bohn und ihre Lebensbeichte. Was sie alles im Leben ausgehalten hatte. Die Gewalt ihres Mannes. Die Misshandlungen ihrer Kinder durch den Vater und dann noch den Suizid des eigenen Kindes. Das Gefühl versagt zu haben, weil sie ihre Kinder nicht vor dem Vater geschützt hatte. Wie kann ein Mensch mit diesen bitteren Erfahrungen leben? Irgendwie ging das Leben weiter. Und der Herr Ludwig, so anstrengend er für die Mitmenschen im Pflegeheim auch war, aber das Erlebte im Krieg, da möchte keiner mit ihm tauschen. Seine demenzielle Erkrankung förderte das Erlebte erheblich. Nachdenklich lag Hilde im Bett und ihr wurde klar, dass die Bewohner und sie alle im selben Boot saßen. Mit einem Rucksack, gefüllt mit unzählig vielen Erinnerungen, Schicksalsschlägen und auch mit schönen Erlebnissen im Leben, endete die Fahrt für viele im Seniorenheim.

Spontanität

'Impulse fließen aufgeregt,

eines wilden Wasserfalls gleich,

durch die unzähligen Bahnen,

das Ziel im Auge,

ohne Vernunft und Verstand

resultiert schon die Tat am Ende.'

Am nächsten Morgen fühlte sich Hilde unwohl, daher entschloss sie sich, im Bett zu bleiben. Sie dachte über vergangene Zeiten nach. Als junges Mädchen, im zweiten Weltkrieg, half sie ihrer Mutter schon mit, die verletzten Soldaten zu versorgen. Der Anblick war entsetzlich. Amputierte Beine und Arme, Granatsplitter vom Kopf bis zu den Beinen, doch die Dankbarkeit der Männer für die Fürsorge war überwältigend. Und daraus schöpfte Hilde immer wieder Mut, sie kämpfte für jeden einzelnen Menschen und das machte sie stark. Ihr Mann Friedrich war auch einer der Verwundeten. Bei diesem Gedanken erhellte sich ihr Gesicht. "Friedrich!", hauchte sie in ihr Zimmer. Sie vermisste ihn noch sehr.