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Neue Liebe, neues Glück: Die Liebeskomödie "Noch einmal mit mehr Leidenschaft" von Jeanette Sanders jetzt als eBook bei dotbooks. 40 ist das neue 30, heißt es. Grund genug für Gundi, noch mal ganz von vorn anzufangen, nur dieses Mal mit einem Job, der sie wirklich ausfüllt, einem Mann, der sie nicht nach Strich und Faden belügt und betrügt, und vor allem mit viel Zeit für sich selbst! Als sie den Rockstar Steve trifft, glaubt sie, all ihre Träume gehen in Erfüllung … bis plötzlich eine fremde Frau an Stevens Handy geht. Ist ihr neues Leben am Ende doch nur Schall und Rauch? Witzig, spritzig, prickelnd – Jeanette Sanders weiß, was ihre Leserinnen wollen! Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Noch einmal mit mehr Leidenschaft" von Jeanette Sanders. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 460
Veröffentlichungsjahr: 2017
Über dieses Buch:
40 ist das neue 30, heißt es. Grund genug für Gundi, noch mal ganz von vorn anzufangen, nur dieses Mal mit einem Job, der sie wirklich ausfüllt, einem Mann, der sie nicht nach Strich und Faden belügt und betrügt, und vor allem mit viel Zeit für sich selbst! Als sie den Rockstar Steve trifft, glaubt sie, all ihre Träume gehen in Erfüllung … bis plötzlich eine fremde Frau an Stevens Handy geht. Ist ihr neues Leben am Ende doch nur Schall und Rauch?
Witzig, spritzig, prickelnd – Jeanette Sanders weiß, was ihre Leserinnen wollen!
Über die Autorin:
Jeanette Sanders ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin. Sie studierte in München, lebte lange auf Teneriffa und widmet sich als Autorin verschiedenen Genres. Die Autorin ist Mitglied bei DeLiA (Vereinigung deutscher Liebesroman-Autorinnen und Autoren).
Bei dotbooks erscheint auch:
Das Chaos, das sich Liebe nennt
Die Website der Autorin: www.jeanette-sanders.de
Die Autorin im Internet: facebook.com/SandersJeanette
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eBook-Neuausgabe März 2017
Dieses Buch erschien bereits 2006 unter dem Titel Die Reise der Aphrodite in der area verlag gmbh
Copyright © der Originalausgabe 2006 by Moments in der area verlag gmbh, Erftstadt
Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/conrado
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (sh)
ISBN 978-3-95824-979-0
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Jeanette Sanders
Noch einmal mit mehr Leidenschaft
Roman
dotbooks.
Leben ist, was geschieht,während wir andere Pläne machen …
John Lennon
»Und merk dir eins, Gundi: 40 ist schließlich kein Alter für eine Frau von heute!«, sagte Marlen zum Abschied zu mir.
Wir standen auf dem Münchner Flughafen vor dem Eincheck-Schalter. Ich hatte 40 Kilo Übergepäck. Auf die zweite Stelle hinter dem verdammten Komma genau. Und sollte dafür unverschämte 200 Euro Aufpreis bezahlen.
So etwas konnte einem den ganzen Tag verderben, also ehrlich!
Dazu noch diese reichlich überflüssige Bemerkung meiner besten Freundin. Die leicht reden hatte, denn Marlen war erst 36 – ich hingegen neununddreißig Komma neunzig oder so … ich muss das jetzt so voll ausschreiben, weil Mathematik nämlich schon immer meine schwache Seite gewesen ist.
Also jedenfalls würde ich in einigen wenigen Wochen meinen runden 40. feiern dürfen, können, müssen! Je nachdem, ob man das Ereignis durch die optimistische, realistische oder pessimistische Brille sehen wollte …
Und das fern der Heimat, auf einer Insel, auf der angeblich ewiger Frühling herrschen sollte. Schluchz … Marlen fand zwar, es gäbe Schlimmeres im Leben. Aber man muss schließlich nicht immer einer Meinung sein mit seiner besten Freundin. Oder doch?
Na, jedenfalls schien die Zahl 40 mich momentan zu verfolgen. So penetrant, wie sie mich von der Digitalanzeige der elektronischen Gepäckwaage her anblinkte.
Es war der reine Hohn!!!
»Nun mach schon«, sagte Marlen zu mir, »du hältst ja den ganzen Flugverkehr auf, Gundi!«
Genervt zückte ich meine Kreditkarte und reichte sie der blau befrackten Lady hinter dem Tresen.
»Normalerweise müsste ich Sie zurück an den Ticketschalter schicken«, sagte die Dame mit einem schmalen Lächeln, »aber da Ihr Flug in Kürze zum Einsteigen bereit ist …« Sie brach ab, und dann folgte eine wahrhaft bedeutungsschwangere Pause. Während der sie meine Kreditkarte um 200 Euro erleichterte. Ich durfte bloß noch den Papierwisch unterschreiben, den sie mir schließlich unter die Nase hielt.
»Sobald du mir die erste Story in die Redaktion geliefert hast, ist das Geld wieder drinnen«, versuchte Marlen, die Großherzige, mich zu trösten.
»Ja, ja«, sagte ich ungeduldig, ehe ich mich wieder an die Flughafendame wandte: »Ich hoffe bloß, dass mein ganzes Gepäck auch sicher mit mir auf Teneriffa landet. Bei dem horrenden Preis!«
Sie besaß doch glatt die Chuzpe zu sagen: »Das hoffe ich auch!«
Ich bückte mich rasch und hob die Umhängetasche hoch, in der sich mein brandneuer Laptop befand. Die nächsten paar Kilos, die ich als Handgepäck an Bord des Fluges DE 2001 nach Teneriffa-Süd zu schleppen gedachte. Ohne Aufpreis. Wäre ja noch schöner. Andere brachten ihren ganzen Hausrat in Rucksäcken mit sich an Bord. Auf dem Rücken versteht sich! Wobei sie jedes Mal, wenn sie sich nach Partner oder Kind umdrehten, in einem Aufwasch mindestens drei unvorsichtigerweise in ihrer Nähe stehende andere Passagiere ummähten. (Wenn Sie jetzt denken, dass ich Rucksäcke insgeheim verachte, dann haben Sie übrigens völlig Recht mit Ihrer Meinung!)
»Die Dinger sollten ›Schlepptops‹ anstatt Laptops heißen!«, stöhnte ich, wobei ich genervt die Augen verdrehte. »Himmel, warum tue ich mir das bloß alles an?«
»Weil du ein neues Leben beginnen willst, meine Liebe!«, teilte mir meine liebste Busenfreundin umgehend mit.
Als ob sie mir diese Schnapsidee nicht selbst eingeredet hätte … Na ja, um der Wahrheit die Ehre zu geben – es war schon meine eigene Idee gewesen. Allerdings hatte sie nichts getan, um sie mir auszureden! Ganz im Gegenteil – sie hatte mich noch darin bestärkt! Und das war beinahe so verwerflich wie das Von-Anfang-an-Einreden.
»Weil du in Kürze 40 wirst, deinen langweiligen und obendrein auch noch treulosen Exfreund endlich in die Wüste geschickt hast und jetzt frohgemut noch einmal von vorne anfangen wirst«, teilte sie mir ungefragt weiter mit.
Nicht, dass ich das nicht alles selbst gewusst hätte! Alle unerfreulichen Details waren mir durchaus wohlbekannt!!!
»Halt, Moment mal«, warf ich mit hörbarer Todesverachtung in der Stimme ein. »Es stimmt zwar, dass ICH Paul verlassen habe, aber angefangen hat eindeutig ER damit …« Ich brach ab und räusperte mich vernehmlich. Nur, um die Dame hinter dem Schalter in ihre Schranken zu weisen. Die hatte nämlich plötzlich so einen neugierigen Gesichtsausdruck bekommen … und ihre Lauscher allzu deutlich auf Empfang gestellt.
»Einen angenehmen Flug wünsche ich Ihnen«, strahlte sie mich ungerührt an, als mein strafender, scharfer Blick sie traf.
»Danke!« Ich schulterte den »Schlepptop« und wandte mich zum Gehen. Marlen hastete hinter mir drein.
Über die rechte Schulter zischte ich ihr zu: »… schließlich hat der Schweinehund in UNSEREM Wohnzimmer und auf UNSEREM sündhaft teuren Berberteppich diese Tussi von einer Öko-Schnepfe ge…«
»Sag’s nicht«, empfahl mir Marlen ein wenig außer Atem, »ich kenne die Story zur Genüge und in all ihren unappetitlichen Einzelheiten. Du musst deinen Blick nach vorne richten, Gundi! In etwas mehr als vier Stunden wirst du auf der Insel landen. Du wirst dir ein neues Leben aufbauen, neue Männer kennen lernen, neue Geschichten erleben …«
»Ach was?«, spottete ich und warf ihr einen bösen Blick zu. »Bist du dir da so sicher? Mit 40? Meine arme Mutter hat fast der Schlag getroffen, als ich ihr meine Pläne mitteilte. Und mein Vater redet erst gar nicht mehr mit mir! Nicht mal am Telefon. Er hat meiner Mutter und dem Rest der Familie prophezeit, dass ich in Kürze – oder zumindest im nächsten Winter – unter einer Brücke schlafen und unweigerlich erfrieren werde!«
In Wirklichkeit hatte mein Vater – laut meiner Mutter – auch noch eine höchst überflüssige andere Bemerkung abgelassen: »Wenn es dem Esel zu gut geht, dann will er aufs Eis, zum Tanzen!« Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, dass mein Vater einen eher schrägen Humor besitzt. Und er weiß ganz genau, wo es besonders wehtut!
»Was?! Auf Teneriffa? Spinnt der Mann? Der weiß wohl nicht, wo die Insel liegt!« Marlen kreischte jetzt regelrecht vor Vergnügen hinter mir. »Auf Teneriffa kann man nicht erfrieren, nicht einmal im Januar! Höchstens auf dem Teide, alldieweil der nämlich 3.700 Meter hoch ist, wie du selbst weißt, Mäuschen. Aber dass du jemals so hoch raufkommst, steht bei deiner Berge-Phobie ohnehin nicht zu befürchten, Adelgunde Fröhlich!« Sie musste glatt stehen bleiben, meine heißgeliebte beste Freundin, weil sie sich vor Lachen die Seiten hielt.
Ich strafte sie mit Verachtung und hastete weiter. Schließlich wollte ich meinen Flieger nicht verpassen!
In München bestand nämlich durchaus eine gewisse reelle Chance, dass der nächste vor der Tür stehende Winter mein Schicksal besiegeln könnte. Wie mein armer Vater es prophezeit hatte. (Und das Vergnügen, mal wieder Recht gehabt zu haben, gönne ich ihm einfach nicht!)
Immerhin hatte ich – außer meinem treulosen Expartner – auch noch gleich die gemeinsame Wohnung und meinen letzten – allerdings schlecht bezahlten – Job verloren.
»Die Insel ist meine einzige Chance!«, orakelte ich düster und hastete weiter, wobei ich beinahe eine ältere Dame umrannte, die offenbar zum gleichen Flugsteig wollte wie ich auch.
»Eben«, hörte ich Marlen hinter mir rufen.
Ich blieb ziemlich abrupt stehen, wir hatten nämlich soeben die Sicherheits-Checkpoints erreicht, und sie knallte von hinten etwas unsanft in mich rein. »He, pass doch auf, Adelgunde!«, schimpfte sie.
»Du sollst mich nicht Adelgunde nennen, ich bin gestraft genug vom Leben und meinem Namen«, wies ich sie streng zurecht. Ehe ich – impulsiv, wie ich nun mal bin – beide Arme um ihren Nacken warf. »Mensch, du wirst mir fehlen! Wann geht eigentlich deine Maschine nach Hamburg?«
»In ungefähr einer halben Stunde.«
»Dann solltest du jetzt vielleicht mal losspurten.«
Sie nickte überschwänglich. »Wenn du mich nicht vorher erwürgst, schaffe ich es bestimmt. Der Flugsteig ist nicht weit von deinem.« Dann griff sie in ihre überdimensionale Handtasche und förderte einige bunte Blätter zutage. »Hier«, sagte Marlen, »ich habe dir diesen Artikel mitgebracht. Zum Lesen auf dem Flug. Die Lektüre wird dich aufmuntern. Es gibt überhaupt keinen Grund, dein hübsches Köpfchen hängen zu lassen, Mäuschen. Ich verspreche dir, in 40 Jahren treffen wir uns wieder hier auf dem Flughafen und schwärmen zusammen hinaus in die Welt. Immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Wir haben noch viel vor uns!«
Ich warf einen vorsichtigen Blick auf die Überschrift des Artikels:
»40 IST DIE NEUE 30«, und darunter stand zu lesen:
»40 ist doch kein Alter! – Forty-Somethings von heute sind schöner, erfolgreicher – und jünger, als ihre Mütter es mit 30 waren.«
Ich kicherte. »Also bei meiner Mutter und mir stimmt das auf alle Fälle!« Aber natürlich plagte mich sofort das schlechte Gewissen, als liebevolle und wohlerzogene Tochter, die ich nun mal eben auch war … »Allerdings hat mein armes Mütterchen mit 40 bereits eine 20-jährige Tochter gehabt – mich nämlich! Und einen 18-jährigen, schwer erziehbaren Sohn. Nebst einem Tyrannen von einem vor sich hin alternden Ehemann. Ich glaube definitiv, sie hatte keine echte Chance.«
»Ach was«, Marlen schnipste burschikos mit zwei Fingern. »Jede hat schließlich die Wahl. Auch deine Mutter hatte eine. Dereinst.«
»Meinst du?«, sagte ich zweifelnd. »Ich bin mir nicht mal so sicher, ob ICH wirklich eine Wahl hatte. Ich bin irgendwie in alles so reingeschlittert. In mein Leben, meine ich. Aber ich wurde nie schwanger, das war mein ganzes Glück. Oder auch mein Unglück. Je nachdem, wie du es sehen willst.«
»Du hast alles getan, um NICHT schwanger zu werden, Mäuschen«, klärte mich meine Busenfreundin ein weiteres Mal auf. »Oder hast du schon vergessen, wie du eines Nachts bei mir Sturm geläutet hast? Weil du dich aus meiner Pillenpackung bedienen wolltest? Deine konntest du nicht finden, oder sie war dir ins Klo gefallen. So genau erinnere ich mich nicht mehr an die lächerlichen Einzelheiten. Jedenfalls … ach ja, hast du übrigens Kondome eingepackt?«
Der Sicherheitsbeamte hinter mir räusperte sich laut und vernehmlich. »Bitte! Die Damen halten ja den ganzen Verkehr auf!«, sagte er und grinste dämlich dazu. Er hielt sich ganz offenbar für ungeheuer witzig!!!
»Das hätten Sie wohl gerne, was?«, fuhr ihn daraufhin Marlen spitz an.
Ehe sie noch weiter zum Gegenschlag ausholen konnte, gab ich ihr rasch zwei Wangenbussis, auf jede Backe eins. Damit sie abgelenkt wurde und den armen Kerl in Ruhe ließ. Damit der wiederum MICH nicht allzu sehr filzte jetzt gleich, wenn meine voll gestopfte Handtasche durchleuchtet wurde. Und der Laptop.
An Bord der Maschine verstaute ich als Erstes den Laptop unter dem Vordersitz. Ich behandelte das verdammte Ding dabei wie ein rohes Ei. Und das, obwohl ich im Prinzip überhaupt kein Technik-Freak bin. Und außerdem was gegen Computerspezialisten habe. Denn mein frischgebackener Ex – also Paul, den Sie ja bereits flüchtig kennen gelernt haben – war einer von der Sorte, respektive er ist es immer noch. Nehme ich jedenfalls schwer an. Außer seine Neue, die Öko-Tussi, hat ihn mittels vergifteter Löwenzahnmarmelade zwischenzeitlich ins Jenseits befördert.
Also, um es kurz zusammenzufassen: Ich bin weder Computern noch Computerspezialisten sonderlich gewogen. Benötige aber dennoch beide – zu meinem Leidwesen –, um meinen Lebensunterhalt zu sichern. Man hat als freie Journalistin und Autorin heutzutage keine andere Wahl, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Der gute alte Hemingway, Urvater aller schreibenden Machos, hatte es meiner bescheidenen Meinung nach viel leichter seinerzeit. Der durfte mit einer alten, klapprigen Reiseschreibmaschine arbeiten, nebenher rauchen wie ein Schlot und Whisky und Rum gleich literweise konsumieren. Ohne dass ihm irgendein cholerischer Chefredakteur oder Verlagslektor gleich die rote Karte zeigte.
Ja, ja, die guten alten Zeiten, seufzte Adelgunde Fröhlich und zog den Sicherheitsgurt um ihre schlanken, beinahe 40-jährigen Hüften enger …
Die Triebwerke wurden angelassen, und die Maschine begann rückwärts aus der Parkposition zu rollen.
Ich erinnerte mich in diesem Moment an Marlens »Morgengabe« und zog den Artikel aus meiner Handtasche, um noch einmal eingehend die Headline zu studieren. Ich musste mir das einfach gönnen, immerhin sprach der Titel mir voll aus dem Herzen. Fast so sehr wie der Satz auf der zweiten Seite: »Die Regeln unserer Mütter gelten nicht mehr!« Anschließend las ich zuerst den Schluss. Und war nicht im Mindesten überrascht, auf die alles entscheidende Frage zu stoßen, ob dann etwa 50 mittlerweile die »neue 40« sei?!
»Natürlich«, murmelte ich süffisant vor mich hin, »muss ja wohl! Oder wollt ihr etwa die Regeln der Mathematik aus den Angeln heben? Laut Adam Riese muss es so sein, Mädels! Basta.«
Gleichzeitig machte sich ein äußerst angenehmer Nebengedanke in meinem Kopf breit: Ich hatte noch mindestens zehn wunderbare Jahre vor mir, in denen ich so richtig aus dem Vollen … ja was eigentlich?! … ach ja, schöpfen konnte! Hurra, hurra!!!
Als Nächstes sah ich mir die Fotos an von den abgebildeten »Forty-Somethings«-Schönheiten:
Meg Ryan – war 42
Madonna – eben 46 geworden
Geena Davis – hat mit 48 Zwillinge bekommen
Um nur einige wichtige Namen zu nennen – ich will Sie hier schließlich nicht langweilen mit zu vielen Einzelheiten.
Mir fiel spontan gleich noch eine Lady ein, die weder abgebildet noch erwähnt worden war – aber auch mit über 40 noch ein Baby bekam vor einigen Jährchen: Cherie Blair, die Frau von Tony Blair, dem derzeit amtierenden britischen Premierminister.
Warum sie nicht erwähnt wurde, war mir schleierhaft, ehrlich! Vielleicht, weil Cherie nicht blond genug ist? Vielleicht handelte es sich ja auch bloß um eine Unterlassungssünde oder kleine Schlamperei vonseiten der Journalistin, die für den Artikel verantwortlich war!
Oder aber es gab einfach zu viele wunderbare 40-Jährige mittlerweile, die super aussahen – wie 30 nämlich –, Babys in die Welt setzten und tolle Karrieren hinlegten!
Die Autorin hatte sich demnach schwer getan mit der Qual der Wahl! Da konnten eben bloß die wirklich Schönsten reinkommen ins Heft, verständlicherweise. Cherie Blair konnte da möglicherweise nicht ganz mithalten, überlegte ich mir weiter. Allerdings hatte man als Gattin eines englischen Spitzenpolitikers ohnehin vermutlich andere Sorgen …
Mit solchen und ganz ähnlichen Gedanken vergingen die nächsten vier Stunden und zwanzig Minuten Flugzeit von München nach Teneriffa-Süd (Airport Reina Sofia, nur der Vollständigkeit halber) tatsächlich auffallend rasch.
Ich war dermaßen damit beschäftigt, mir mein neues Leben als wunderschöne, liebreizende, im zweiten Anlauf auch endlich rasend erfolgreiche 40-jährige Aussteigerin auszumalen, dass ich kaum bemerkte, wie zwischendurch ein Mittagessen serviert, Drinks gereicht und ein Film gezeigt wurden.
Ich stopfte alles widerspruchslos in mich hinein, ohne genauer darauf zu achten, was es war, guckte mir den Film an, in dem ein Walross und eine Art Murmeltier (vielleicht war es auch eine Bisamratte) irgendwelche tragenden Rollen zu spielen schienen – und dachte dabei immer weiter über die Rolle der neuen 40 nach, die mittlerweile die alte 30 ersetzt hatte. Oder war es umgekehrt?
Da ich mir zur Feier des Tages von der etwas griesgrämigen Stewardess – sie war bestimmt noch lange keine 40, sah aber so mürrisch drein, als wäre übermorgen ihr 50. Jahrestag – ein Piccolo-Fläschchen Sekt hatte servieren lassen, ging es in meinem Kopf mittlerweile etwas durcheinander.
Aber ich war mir in einem entscheidenden Punkt trotzdem ganz sicher: Das Prinzip hatte ich zweifelsfrei begriffen!
Und nur darum ging es schlussendlich bei dem Spielchen. (Falls Sie verstehen, was ich damit sagen will …? Falls nicht, macht es auch nichts, weil wir ja beide – Sie und ich, meine ich – noch reichlich Zeit haben – bis zum Schluss dieses Buches nämlich –, um gemeinsam daran herumzutüfteln. An dem Prinzip als solchem!)
Meine endgültige Ankunft auf Teneriffa vollzog sich überraschend einfach und unspektakulär. Wenn man mal davon absieht, dass ich unverhältnismäßig lange am Gepäckband herumlungern musste, bis ich endlich meine 40 Kilo »Übergewicht« beisammen hatte.
Auf dem Kofferkuli sahen die beiden Koffer und die eine Reisetasche dann völlig harmlos, ja geradezu niedlich aus. Verglichen mit dem Gepäck, das so manche so genannte »junge Familie« mit sich herumschleppte! Bis hin zum Surfbrett des modernen jungen Vaters, der sich ein Baby vor den Bauch gebunden hatte, während ein zweites hinten auf seinem Rücken herumbaumelte.
Ich könnte jetzt natürlich auch gleich noch einiges erzählen zum Thema »Taxifahrer auf Teneriffa«, aber das hebe ich mir lieber für ein späteres Kapitel auf. Wenn Sie und ich schon etwas mehr vertraut sind mit der einheimischen Mentalität. Ich will mich schließlich nicht dem Vorwurf der Intoleranz aussetzen müssen am Ende. Und man be- und verurteilt einfach manchmal viel zu leichtfertig, wenn man gerade frisch aus deutschen Landen aus- und ganz woanders eingereist ist.
Nur so viel vorweg: Ich gelangte samt meinem »Übergewicht« relativ anstandslos direkt vom Flughafen bis nach Las Americas hinein. (Kleine Anmerkung für die Statistiker unter Ihnen: Entfernung vom Südflughafen ungefähr zwanzig Kilometer, knapp über den Daumen gepeilt.)
Vor der Tür jener kleinen Pension, deren Adresse Mark, der hilfreiche Exinsulaner, mir erst vor wenigen Tagen in München in dieser Kneipe am Viktualienmarkt in die Hand gedrückt hatte, bremste der Taxifahrer, der übrigens Juan hieß, scharf ab.
Nur wenige Minuten später brauste Juan davon. Da hatte ich bereits ein Zimmer mit Hochhausblick und Außendusche ergattert und schickte mich an, mein Gepäck die ungefähr 40 Stufen hochzuschleppen. (Die Zahl verfolgt mich, merken Sie das?!)
Das Zimmer lag im dritten Stock, ohne Lift selbstverständlich.
Merke: Es ist eben nicht ganz einfach, so mir nichts, dir nichts ein neues Leben anzufangen. – Auch mit fast 40 nicht!, möchte ich noch hinzufügen. Obwohl man dann schon etwas abgebrühter ist – oder zumindest sein sollte – als mit zarten 30.
Ich hatte mir gerade überlegt, ob ich wenigstens teilweise auspacken sollte, als sich nach langen Tagen des völligen Schweigens total überraschend Leo, mein Schutzengel, auch wieder mal zu Wort meldete. Mit folgendem Text: »Gundi, vertrödele nicht deine kostbare Zeit mit völlig nutzlosen Aktivitäten! Geh einfach runter auf die Straße und mach dich so schnell wie möglich mit der nächsten Umgebung vertraut! Wer so kurzsichtig ist wie du und dann auch noch ständig seine Kontaktlinsen verschlampt, muss sich immer und überall als Erstes im Blindensuchverfahren üben. Was du also zunächst brauchst, ist ein MINDMAP! Eine virtuelle Landkarte in deinen Gehirnwindungen. Weil nicht nur deine Sehkraft, sondern auch dein Orientierungssinn leicht unterdurchschnittlich ausgebildet sind.«
»Also gut, Leo!«, erwiderte ich etwas verzagt, »ich muss leider zugeben, dass du, wie so oft, Recht hast. Außerdem muss es hier irgendwo auch ein Meer geben und lange Sandstrände mit Palmen, so stand es jedenfalls im Reiseführer.«
»Einfach zwischen den Hotelburgen durch, dann noch ungefähr einen Kilometer immer geradeaus«, sagte Leo allen Ernstes.
So kam es also, dass ich noch vor Sonnenuntergang wenigstens die große Zehe meines rechten Fußes kurz in den Atlantik tauchen und mich somit von dessen materieller Anwesenheit persönlich überzeugen konnte.
Der Sand unter meinen nackten Fußsohlen fühlte sich weich und auch irgendwie verheißungsvoll, sprich: tröstlich warm an.
Ich habe, glaube ich, zu erwähnen vergessen, dass es in München geregnet hatte heute Morgen und die Außentemperatur sich so um etwa 12 Grad plus eingependelt hatte. Was für Mitte September durchaus als normal gelten konnte. An der unteren Schmerzgrenze zwar, aber immerhin noch nicht abnormal. Für die Jahreszeit. Weiter hatte ich, glaube ich, nicht erwähnt, dass in Las Americas die Temperatur auch jetzt noch, am frühen Abend, so um die 30 Grad herum schwankte, eine leichte Brise herrschte, in der sich die Palmen pflichtschuldigst wiegten – und der Himmel – na ja, was soll ich sagen? Der Himmel war ganz einfach BLAU. Ich glaube, ich habe vergessen, dies alles zu erzählen, weil es mir einfach so unsagbar NORMAL erschien. Dieses sagenhafte Mitte-September- Wetter hier auf Teneriffa. Es fühlte sich für mich an, als hätte ich immer schon hier gelebt. Oder besser: hier leben sollen! Es fühlte sich an, wie speziell für mich gemacht. Es fühlte sich einfach RICHTIG an …
ICH, GUNDI FRÖHLICH, WAR ENDLICH ANGEKOMMEN!
Jetzt brauchte ich mir bloß noch selbst die Frage zu beantworten, warum – zum Teufel – ich die kostbaren ersten 40 Jahre meines Erdendaseins so nutzlos vertrödelt hatte …
Als ich zurück in die Pension wollte, passierte es dann.
Ich sah ihn zuerst von hinten …
Und wunderte mich, dass der Junge in der Wärme eine knallenge schwarze Lederhose und dazu eine ärmellose und ebenfalls schwarze Lederweste trug.
Außerdem hatte er schulterlanges schwarzes Haar! Was mir schon deshalb besonders auffiel, weil mir auf meinem Spaziergang unverhältnismäßig viele Spiegelglatzenträger begegnet waren. Meistens Engländer, aber auch viele junge Spanier frönten diesem Look. Nicht zu vergessen die diversen Tätowierungen nebst Nasenringen und gepiercten Augenbrauen und Zungen.
Dieser Mann hier war weder tätowiert noch gepierct, das fiel mir als Nächstes – und durchaus angenehm – auf. Zwar hatte ich irgendwo in einer Frauenzeitschrift erst kürzlich gelesen, dass Männer mit gepiercten Zungen besonders gut für den Oralsex geeignet seien, aber irgendwie hatte mich auch dieses Argument nicht wirklich überzeugen können.
Im nächsten Moment drehte er sich um und blickte direkt in meine Augen.
Seine Pupillen weiteten sich, er starrte mich an. Und ich, ich starrte zurück …
Er hatte wunderschöne, dunkle Augen mit langen, gebogenen Wimpern. Außerdem sah er aus wie eine Mischung aus Antonio Banderas, Costa Cordalis und Paul McCartney. Ungelogen!
Von der Körpergröße her kommt die Beschreibung übrigens ebenfalls gut hin. Marlen sollte später einmal verzückt sagen: »Richtig süß! Wie eine Tafel Ritter Sport. Quadratisch, handlich, praktisch, gut!« Oder so ähnlich jedenfalls.
Hätte mir jemand in diesem magischen Augenblick prophezeit, dass ich von diesem schnuckeligen Kerl noch heute Nacht, an einen echten Leuchtturm gelehnt – dem in Los Christianos nämlich –, vernascht werden würde, ich hätte ihm nicht zu widersprechen gewagt.
Ich wusste ganz einfach in diesem Augenblick, dass ich am Anfang eines heißen erotischen Abenteuers stand! Man weiß so etwas IMMER, mit beinahe 40, wenn es einem unverhofft irgendwo doch noch begegnet …
Aber natürlich mussten auch wir, der Ledermann und ich, zuerst noch einige alberne und im Grunde höchst überflüssige Rituale abarbeiten, wie es sich gehörte. So verlangten es nun mal die Spielregeln, und wahrscheinlich ist das auch gut so.
»Hi«, sagte er also, um es hinter sich zu bringen, und winkte mir zu, »wie geht es dir?«
Er sprach übrigens Englisch mit mir, was ich nur der Vollständigkeit halber und jetzt gleich am Anfang kurz erwähnen möchte. Bei der Niederschrift meiner gesammelten Teneriffa-Abenteuer werde ich aber grundsätzlich alles sofort ins rein Hochdeutsche übersetzen, einverstanden? Nur manchmal, wenn es sich gut macht, werden einige englische Brocken ein fließen, die ohnehin jeder weltweit versteht. Etwa »Fuck you!« oder »Piss off!« oder Ähnliches, Sie verstehen schon. Die Engländer nennen solche Ausdrücke übrigens »four-letter words« – wobei wir schon wieder die magische 4 ins Spiel gebracht hätten, merken Sie das?
Steven war Engländer, wie ich sofort an seiner Aussprache hören konnte.
»Hi«, lächelte ich charmant zurück, »mir geht es toll, und dir?«
»Wo kommst du denn her?« Sein Grinsen verriet, dass er meinen Akzent drollig fand. »Doch nicht etwa aus Germany?«
»Doch«, sagte ich und war kein bisschen beleidigt. Obwohl Mark mich in München noch vorgewarnt hatte: dass sich auf Teneriffa nämlich unverhältnismäßig viele Engländer (mehr als auf Mallorca und in Griechenland) herumtreiben würden. Und dass die Tommys beinahe allesamt keine Deutschen mochten. Was angeblich immer noch mit den Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg zu tun hätte. Unter anderem …
»Du bist nett«, sagte dieser Engländer hier gerade zu mir, »ich mag deutsche Leute. Kommst du heute Abend vorbei? Ich spiele hier in der Hotelbar auf der Terrasse.«
»Klar«, sagte ich. Gleichzeitig dämmerte mir, dass er Musiker war. Womit die Sache mit den Lederklamotten und den langen Haaren plötzlich Sinn machte. »Gerne. Wie heißt du eigentlich?«
»Steven. Und du?«
»Gundi.«
Plötzlich stand er ganz dicht vor mir, dann beugte er sich vor und flüsterte: »Ich werde dich jetzt küssen!«, und gab mir tatsächlich einen Kuss. Mitten auf den Mund. Ein kleines bisschen Zunge war auch schon dabei.
Ich muss gestehen, ich zuckte sekundenlang vor Überraschung zurück, like a virgin, um es mit Madonna, der 46-Jährigen, zu sagen.
Steven grinste nur. »Keine Angst, ich tu dir nichts, was du nicht auch willst«, raunte er. Dann küsste er mich gleich noch einmal. Und zwar richtig.
Verlassen wir kurz die durchaus innige Kuss-Szene, um eine wichtige Information einzustreuen, die ich nicht gerne in Form eines langweiligen Dialogstückes später einwerfen möchte: Steven war fast genauso jung wie ich! Um genau zu sein – er war gerade mal 2 Wochen älter als ich, was hieß, dass er in Kürze ebenfalls seinen runden 40. feiern würde! Und er sah tatsächlich keinen Tag älter aus als 30.
Okay, gut – ich habe später in diesen ersten rauschenden Tagen einige Fotos von ihm gesehen, darauf war er wirklich 30. Er sah damals total superjung aus und war nicht nur schlank, sondern fast schon dürr! Ich fand ihn jetzt, immerhin fast ein volles Jahrzehnt später, tausendmal attraktiver und männlicher, auch wenn er mittlerweile einen ganz leichten Bauchansatz entwickelt hatte. Aber den süßen, superhandlichen Knackpo, den besaß er immer noch, und zwar in voller Pracht!
Es handelte sich übrigens bei den Bildern fast durch die Bank um Bühnenfotos, wo er strahlend und mit der Gitarre im Arm seinen meist weiblichen Fans zuwinkte. Damals lebte er noch in Südafrika, oder auch in Melbourne/Australien, je nachdem, und hoffte auf den baldigen Durchbruch als Songschreiber und Sänger. Der Durchbruch ließ leider weiter auf sich warten, aber immerhin blieb die Hoffnung, wie Steven mir anhand der Fotos treuherzig erklärte.
Nach der Kuss-Szene nahm er mich an der Hand und bat mich, ihm dabei zu helfen, seine Lautsprecherboxen und sonstigen Utensilien, die er für den abendlichen Auftritt brauchte, auf die winzige Bühne zu schleppen. Die sich wiederum auf der Terrasse des Hotelbunkers befand, der direkt gegenüber meines Pensionszimmers lag und mir den Ausblick auf den Atlantik standhaft verweigerte.
So viel nur der Vollständigkeit halber und damit Sie sich ein Bild machen können von den örtlichen Gegebenheiten. Später wird das Ambiente dann deutlich romantischer und erotischer werden, ich verspreche es!
Aber dies hier war eben mein Anfang auf Teneriffa, der »Insel des ewigen Frühlings«. Da gibt es nichts zu beschönigen. Außerdem ist – wie bereits erwähnt – aller Anfang immer schwer. Warum sollte es da ausgerechnet für mich, Gundi Fröhlich aus München im schönen Bayern, irgendwelche Sonderregeln geben? Und Sie müssen sicher selbst zugeben, dass es mich hätte schlimmer treffen können!
Immerhin war ich mittlerweile bereits dermaßen geblendet von meiner englischen Eroberung, dass ich alles andere ohnehin nur mehr sehr schemenhaft wahrnahm. Die etwas gewöhnungsbedürftige nähere Umgebung blendete ich einfach aus. Wahrscheinlich hatte auch die verstärkte Hormonausschüttung, der man im ersten Drittel von hochgradiger Verliebtheit nun mal unweigerlich ausgesetzt ist, bereits in vollem Umfang eingesetzt …
Ich freute mich sogar schon unglaublich darauf, Marlen die ganze Geschichte zu mailen. Oder besser noch, brühwarm am Telefon zu erzählen! Ich meine, wozu braucht eine Frau denn sonst eine beste Freundin, wenn sie diese nicht unmittelbar an allem teilhaben lassen könnte?
So, aber jetzt will ich Sie nicht mehr länger auf die Folter spannen und direkt hinüberblenden zur großen Leuchtturm-Szene.
Vorhang auf …
Ähm … tja, tut mir jetzt wirklich Leid! Ich muss Sie doch noch etwas auf die Folter spannen. Aus rein dramaturgischen Gründen, wirklich!
Der Rückblick auf die vorangegangenen jüngsten Ereignisse ist einfach nötig, um Ihnen ein Rüstzeug für das bessere Verständnis der kommenden Kapitel sozusagen in die Hände zu drücken … Und damit Sie sehen, wie sich manchmal so ein kleines Menschenleben innerhalb von wenigen Minuten um 180 Grad wenden kann. So wie bei mir geschehen …
Wir saßen also in dieser Kneipe am Münchner Viktualienmarkt, Marlen und ich.
Sie: frohgemut und etwas kaltschnäuzig wie immer.
Ich: Ein frierendes Bündel mit dunkler Sonnenbrille auf der Nase. Um die verschwollenen Augenlider darunter zu verstecken.
Marlen sagte gerade – hörbar genervt: »Es reicht jetzt, Adelgunde Fröhlich! Paul, der Langweiler im Kingsize-Format, hat diese Öko-Tussi vom dritten Stock gevögelt. Und du hast die beiden rein zufällig in voller Aktion erwischt. Weil du früher als angekündigt nach Hause gekommen bist …«
»… auf dem fast nagelneuen, sündteuren Berberteppich!«, warf ich, bereits wieder wehleidig schniefend, ein.
»… was den Filmanfang auch nicht wesentlich origineller macht, meine Liebe. Ich muss dir sagen: Das Drehbuch ist einfach einsame Super-Scheiße! Steck es in den Reißwolf, reiß dich selbst zusammen, und zwar am besten sofort! Hör zu jammern auf, richte den Blick nach vorne. In die nächste Zukunft.«
»Haha, wie denn?! Meine Kontaktlinsen sind so verschmiert von der Heulerei, dass ich fast gar nichts mehr sehe. Geschweige denn eine wie auch immer geartete verdammte Zukunft!«
Marlen ließ sich nicht vom einmal eingeschlagenen Kurs abbringen: »… Und erfinde dir endlich eine richtig tolle Story für dein weiteres Leben. Paul war schon immer ein Oberblödmann! Der eine süße Maus wie dich gar nicht verdiente. Gib ihm und seiner Öko-Tussi den unverdienten Segen – Geht mit Gott, aber geht! – und lass die beiden ziehen. Und mich auch, für einen Moment. Ich muss nämlich ganz dringend pinkeln. Anschließend bestelle ich uns eine Flasche Sekt. Keine Widerrede, Gundi! Ich weiß selbst, dass wir gerade mal elf Uhr vormittags haben. An einem Werktag. Allerdings hast du ja auch keinen Job mehr, wenn ich alles richtig verstanden habe. Also!« Sie erhob sich, würdevoll wie eine Königin, und starrte strafend auf mich Versagerin in allen Lebenslagen herunter. Dann setzte Marlen noch einen drauf: »Man darf die schlechten Dinge im Leben ruhigen Gewissens genauso feiern wie die guten. Denn wer weiß schon, was sich gerade DARAUS alles ergeben kann! Wenn ich vom Klo zurückkomme, will ich eine heitere Miene sehen. Klar?« Sprach’s und legte einen bühnenreifen Abgang hin …
Die beiden jüngeren Männer am Nebentisch starrten ihr jedenfalls bewundernd auf die langen Beine, ehe sie sich wieder ihrem eigenen Gespräch widmeten.
Dem ich, trotz des allgemeinen Lärmpegels in der Kneipe, beinahe mühelos folgen konnte. Meine Fähigkeit zum klaren Sehen war momentan dermaßen eingeschränkt, dass sich dafür quasi im Gegenzug meine Hörschärfe tausendfach vertieft zu haben schien. Jedenfalls bekam ich das, was da nebenan diskutiert wurde, in voller Länge mit.
Naja, oder jedenfalls fast in voller Länge … Leo, meinem Schutzengel, beliebte es nämlich gerade, sich kurzfristig in meine Ohren zu schmuggeln mit der höchst überflüssigen Ansage: »Pfui, Gundi! Fremde Privatgespräche zu belauschen ist selbst in der geistigen Astralwelt – der ich, wie du weißt, angehöre – verpönt! Ich dachte eigentlich, ich hätte dir in den zurückliegenden Jahren zumindest das und ähnliche Benimmregeln beigebracht.«
»Lass mich in Ruhe, Leo!«, zischte ich. »Wenn du besser aufgepasst hättest auf mich, dann besäße ich jetzt zweifelsohne noch einen Lebensgefährten, eine warme, gemütliche Wohnung und einen Job. Aber du hast ja beliebt, auf der ganzen Linie zu versagen! Wenigstens die Pleite des ›Schwabinger Marktplatzes‹ hättest du abwenden können. Ich habe gerne für das Blättchen geschrieben, auch wenn Paul die Nase darüber gerümpft hat …«
»Undankbares Ding!«, murmelte Leo noch, ehe er seine Schallwellen völlig aus meinen Gehörgängen abzog.
Das Gefühl der plötzlichen Leere, die diese Aktion hinterließ, kannte ich gut und wusste deshalb auch sofort, wie ich es zu interpretieren hatte: Leo war eingeschnappt. Sollte mir auch recht sein! Die nächsten Tage, vielleicht sogar Wochen, würde er sich wenigstens nicht mehr in meine Angelegenheiten einmischen …
»Vermisst du Teneriffa eigentlich überhaupt nicht, Mark? Ich meine, es waren immerhin fünf Jahre!«, drang eine männliche Stimme vom Nebentisch her jetzt wieder an meine empfindsame Ohrmuschel.
»Das kommt vor, zwischendurch. Klar!«, erwiderte die andere Stimme, die dem gut aussehenden Dunkelhaarigen gehörte. Der Mark hieß. Wie ich nunmehr auch bereits wusste …
»Das Klima ist das beste auf der ganzen Welt«, fuhr Mark fort. »Vor allem die Wintermonate werden hart werden für mich hierzulande.«
Der Frager vom Anfang – sein blonder Freund – lachte. »Dafür wärmt dich ja jetzt deine Süße. Wie läuft’s denn so zwischen Katrin und dir?«
»Bestens. Sonst wäre ich nicht hier. Sie ist ein richtiger Schatz, meine kleine Maus. Dafür lohnt sich sogar das Opfer der Rückkehr in die heimatlichen kühlen Gefilde.«
»Und im Bett? Heiß …?« Der Freund Marks blieb hartnäckig! Mann will schließlich wissen, was Sache ist …
»Alles bestens! Du siehst doch, wie ich strahle«, zog sich Mark geschickt aus der Affäre.
Womit für mich vollkommen klar war, dass es was Ernstes sein musste zwischen dieser Katrin und ihm … Mit einer reinen Bettgeschichte brüsten sich Männer nämlich gerne und erzählen in dem Fall auch eifrig pikante Details. Vor allem in der Kneipenatmosphäre.
Die beiden Männer hoben ihre Gläser und prosteten sich zu. Jetzt war wohl auch beim Freund der Groschen gefallen. Darauf mussten sie natürlich unbedingt zusammen einen heben. Männer haben eben auch ihre Rituale. Siehe oben.
Dumm gelaufen, Gundi! Dieser Mark hätte dir glatt gefallen können. Wenigstens als Übergangslösung, bis sich was Besseres findet. Frei nach dem Motto: Manchmal kann der falsche Mann die langweilige Warterei auf den Richtigen wunderbar versüßen. Außerdem hätte ich gerade jetzt ein hübsch verpacktes Trostpflaster mehr als nötig gehabt …, dachte ich noch, als das Gespräch nebenan auch schon in die nächste Runde ging.
Mark schwärmte gerade überschwänglich von Teneriffa und seinen subtropischen Reizen. »Mehr als 300 Sonnentage im Jahr, das ist gigantisch. Der wärmste Zipfel Europas, definitiv! Selbst im Januar sinken die Temperaturen nie unter 18 Plusgrade. Du brauchst keine Winterklamotten, keine Heizkosten, nichts. Dein Auto rostet nicht wie blöd vor sich hin, und deine Gelenke im Übrigen auch nicht. Mein Freund Heiner, du weißt schon, der Lufthansa-Pilot, behauptet, die Kanaren verfügten über das beste und ausgeglichenste Klima weltweit. Und der muss es schließlich wissen, bei seinen Hunderttausenden von Flugkilometern. Außerdem gibt es kein wildes oder sonst wie gefährliches Viehzeugs auf den sieben Inseln des Archipels. Nicht einmal Moskitos machen dir das Leben schwer. Also auch keine Malaria oder andere Tropenkrankheiten …«
KLICK!, machte es laut und vernehmlich in meinem Denkzentrum im vorderen Stirnlappen. Eine leise Stimme wisperte dazu: »Gundi, wäre das nicht was für dich?! Wo du doch so verfroren bist. Und dann deine absolute Abneigung gegen Mückenstiche, gefährliche Tiere in freier Wildbahn und kalte, schneereiche Winter. Skifahren hasst du ebenfalls wie die Pest.«
»… teilweise kilometerlange Sandstrände mit Palmen. Und eine weltweit einzigartige Pflanzenwelt. So richtig was für alle eingefleischten Gartenfreaks.«
KLICK, KLICK, KLICK …, machte es in meinem Kopf, als wieder eine Münze fiel …
»Na ja, du als Computerspezialist kannst natürlich auch überall auf der Welt einen Job finden«, sagte Marks blonder Freund. Ein neidischer Seufzer folgte.
»Wovon willst du dort existieren, Gundi?«, wisperte ein zaghaftes Sümmchen irgendwo in meinem Innenohr.
»Halt die Klappe!«, raunte ich, »es wird sich schon was finden. Notfalls als Zimmermädchen in einem Hotel. Den Job hat schon meine Großmutter selig gemacht, da sollte ich mir auch nicht zu fein dafür sein. Überhaupt bin ich seit vorgestern ja auch hier arbeitslos! Vielleicht lande ich sogar noch bei der Müllabfuhr. Angeblich versuchen die Typen im Arbeitsamt mittlerweile mit allen Mitteln, die Statistik zu verschönern. Also lass mich gefälligst in Ruhe, ja?«
In diesem hehren Augenblick kam Marlen vom Klo zurück.
Ich grinste sie an, wobei ich auch noch – möglichst theatralisch – meine Sonnenbrille abnahm. Eine Aktion, die schlagartig meine Sehschärfe um etwa 50 Prozent verbesserte. Anscheinend waren die Brillengläser verschmiert und nicht etwa die Kontaktlinsen …?!
»He«, sagte ich, »Marlen, du hattest Recht, wie so oft. Und jetzt setz dich hin und halte dich gut fest. Am Stuhl oder meinetwegen auch an der Tischkante … Ich sag dir jetzt was, ich haue nämlich hier ab. Breche meine Zelte ab, kaufe mir ein Flugticket und fange woanders neu an. Was sagst du jetzt?«
»Und wohin soll die Reise gehen?« Marlen hielt die vorbeihuschende Bedienung am Ärmel fest und flüsterte dem Mädchen etwas ins Ohr.
»Nach Teneriffa. One-Way-Ticket!«, sagte ich.
Meine Freundin starrte mich nur an. Am Nebentisch war das Gespräch abrupt verstummt. Mark und sein Freund starrten mich ebenfalls an.
Ich lehnte mich gemütlich zurück und schloss die Augen. Ich brauchte jetzt einfach einige Minuten der inneren Einkehr. Außerdem musste ich dringend mein neues Leben zumindest andeutungsweise »visualisieren«!
Das war bei mir schon immer so: Ich bin dieser Typ Mensch, der normalerweise nur höchst ungern spontane Entscheidungen trifft. Ich muss grundsätzlich zumindest die wichtigsten Eckdaten (wo, wie, wann, weshalb) festhalten, indem ich sie möglichst umfassend in geistiges Bildmaterial umwandle. »Visualisierung der veränderten Lebensumstände« nenne ich das für mich.
Sie können es meinetwegen auch Tagträumen nennen, wenn Ihnen das plausibler erscheinen sollte. Mir ist egal, wie Sie es nennen: Es ist nur wichtig, dass Sie wirklich verstehen, um was es mir hier geht!
Diese Art der Ideenfindung und Ideenprüfung ist – das muss ich zugeben – etwas zeitaufwändig. Aber so ist das nun mal im Leben. Immerhin gibt es da dieses alte Sprichwort, von wegen: Gut Ding will Weile haben, nicht wahr? Also, es ist schon was dran an diesen Volksweisheiten …
Irgendwo schräg hinter mir erklang ein sanftes PLOPP. Dann hörte ich Marlen rufen: »Zum Kuckuck, Adelgunde! Lass uns endlich anstoßen auf deine Reisepläne.« Wobei sie mich gleichzeitig auch noch heftig am Arm rüttelte.
»Du sollst mich nicht Adelgunde nennen!«, wies ich sie milde zurecht und öffnete trotzdem meine Augen. »Meine Nerven liegen ohnehin schon blank.«
Also am besten überspringe ich jetzt einfach mal die nächsten ein bis zwei Stunden. Und gebe nur eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse wieder.
Die beiden Männer – Mark und sein Freund Tom – rückten an unseren Tisch herüber. Vor allem deshalb, weil ich umgehend damit begonnen hatte, Mark über die allgemeinen Lebensumstände auf Teneriffa auszuquetschen.
Was mir nicht einfiel an intelligenten Fragen, brachte Marlen umgehend auf den Punkt. Ganz die gewiefte, erfahrene Journalistin, die sie nun mal ist. Sie hat schließlich nicht umsonst vor einem halben Jahr diesen gut dotierten Job als stellvertretende Chefredakteurin eines Yellow-Press-Frauenblattes in Hamburg angeboten bekommen.
Marlen versteht es meisterhaft, anderen Menschen genau die Informationen zu entlocken, die sie haben will. Völlig unabhängig davon, ob die betreffenden Personen sich hernach über die eigene Redseligkeit schwarz ärgern – oder einfach nur verlegen das Weite suchen.
An diesem späten Vormittag in München jedenfalls war ich von Herzen dankbar für ihre fachkundige Unterstützung. Denn nach dem »Interview« mit Mark verfügte ich über dermaßen viel Grundwissen über Teneriffa, dass ich mein neues Inselleben absolut bildhaft – und vor allem in Farbe – vor mir sehen konnte. Ich brauchte nur noch die Augen zu schließen und den Blick sozusagen nach innen zu richten.
Eine Vorgehensweise, die bei mir besonders viel Sinn macht: Mit offenen Augen bin ich – wie schon mehrfach angedeutet – ziemlich kurzsichtig. Auf dem linken Auge noch mehr als auf dem rechten! Was ohne Kontaktlinsen oder eine Brille mit unterschiedlichen Glasstärken unweigerlich zum Schielen verführt. Und außerdem starke Kopfschmerzen verursacht.
Ich habe nämlich dummerweise von Geburt an eine starke Hornhautkrümmung mit auf diese Welt bekommen, pikanterweise auf dem linken Auge – siehe oben – auch noch mehr davon als auf dem rechten. Selbst eine Laseroperation würde diesen Umstand bei mir nicht aus der Welt schaffen können. Das haben mir wenigstens vor vielen Jahren verschiedene Augenärzte unabhängig voneinander erklärt.
Ich nahm das damals relativ gelassen zur Kenntnis, weil ich bei meiner – ebenfalls angeborenen – Scheu vor allem, was mit Spritzen, weißen Kitteln und diesem gewissen Krankenhausduft einhergeht, sowieso dazu neige, umgehend Reißaus zu nehmen. Von den Schweißausbrüchen beim Frühstück vor einem anstehenden Arzttermin ganz zu schweigen.
Ich nehme jetzt mal einfach an, dass die besagte Hornhautkrümmung mir dabei hilft, den Blick intensiver nach innen zu richten, als dies bei anderen Menschen mit normalen und völlig gesunden Augen der Fall ist. Zu irgendetwas muss meine Sehbehinderung ja wohl gut sein, zum Kuckuck noch eins!
Sie können sich gar nicht vorstellen, wie oft ich in der Vergangenheit mit Leo gehadert habe: weil er es zugelassen hat, dass ich mit dermaßen schlechtem Equipment mein derzeitiges Erdendasein fristen muss! Ich meine, wozu ist ein Schutzengel schließlich gut, wenn er nicht einmal dazu in der Lage ist, einem die notwendigste Ausrüstung in einwandfreier Qualität – und zwar möglichst noch vor! der Geburt – zu verschaffen.
Leo hat übrigens mal frech behauptet, ich würde unlogisch denken: eben WEIL so viele Menschen nicht mit dem vollen oder vollständig funktionierenden Equipment – sprich Ausrüstung – gesegnet seien, existierten Schutzengel überhaupt!
Um es noch klarer zu machen, erinnerte mich Leo anschließend höchst unpassend an gewisse Vorkommnisse aus jenen Tagen, als ich – noch verdammt jung und verdammt eitel – das Tragen einer Brille glatt verweigerte. Weil ich immer an den Ausspruch meines Vaters denken musste: Eine Frau mit Brille, mein letzter Wille …
Also gut, ich muss zugeben: ich wäre einmal fast in ein Auto gerannt, das ich glatt übersehen hatte beim Überqueren einer Hauptverkehrsstraße. Im buchstäblich allerletzten Moment schrie eine Stimme laut in meinem Innenohr – Leo? – HALT, STOPP!!!
Das herannahende Auto hupte wie blöd, ich blieb abrupt stehen – und war gerettet.
Die Stimme in meinem Innenohr – Leo? – tobte: »Siehst du jetzt endlich ein, wie schlecht du siehst, Adelgunde Fröhlich? Du wirst dich noch umbringen, wenn du nicht bald Vernunft annimmst und einen Augenarzt aufsuchst, dummes Ding!«
Ich versuchte es mit einem Kuhhandel: »Verschaffe mir zuerst einen Märchenprinzen. Rasend gut aussehend, charmant, gebildet, liebevoll und zärtlich. Ein Liebhaber von allerhöchstem Format müsste er allerdings auch noch sein, was heißen soll: mindestens so gut wie der bretonische Fischer aus dem Roman ›Salz auf unserer Haut‹ – aber viiiel reicher und außerdem unverheiratet. Also täglich und nächtlich verfügbar. Außerdem darf er natürlich nur Augen für mich haben. Und er muss glaubhaft versichern können, dass keine andere Frau ihm je geben könnte, was ich ihm gebe. In puncto Schönheit – und zwar auch und gerade mit! Brille –, Eleganz, Charme etcetera pp. Und natürlich vor allem und gerade auch in der Horizontalen!«
Leo reagierte unverhältnismäßig entrüstet, wobei er mir auch noch mit schonungsloser Offenheit erklärte, dass – würde ein solcher Mann tatsächlich existieren – der Betreffende schlichtweg nicht überlebensfähig wäre auf unserem Planeten Erde!
»Okay!«, sagte ich daraufhin völlig demoralisiert, »ich sehe ein, dass du damit Recht haben könntest. In dem Fall brauche ich aber erst recht keine Brille, weil ich unter solchen widrigen Umständen nämlich gar nicht mehr allzu lange überleben WILL! Du hast mir soeben jede Hoffnung und jeden feuchten Traum und damit gleichzeitig auch jede Lebensfreude geraubt. Deine Tage als Schutzengel sind ebenso gezählt wie meine Überlebenstage, das kann ich dir versichern, mein Lieber!«
Nach dieser kleinen Ansprache hörte ich monatelang nichts mehr von Leo.
Noch weiter zurück reichen gewisse Erinnerungen an die Zeit noch vor dem Abitur, als ich gerade meinen Führerschein machte. Mein Fahrlehrer hieß Leopold. Er hatte bereits meiner Mutter das Steuern beigebracht und übernahm zunächst deshalb auch freudig meine Initiation.
Leopolds Begeisterung ließ allerdings in dem Umfang nach, wie die von mir verursachten Beinahe-Mini-Karambolagen während der Übungsfahrten sich drastisch häuften. Grund dafür war natürlich jedes Mal, dass ich einfach nicht genug und vor allem nicht scharf genug sah. So fiel es mir ziemlich schwer, Abstände und Entfernungen zu anderen – bewegten oder unbewegten – Objekten richtig einzuschätzen.
Nur ein Beispiel: Einmal fuhr ich so nahe an einigen am rechten Straßenrand geparkten Autos vorbei, dass Leopold es buchstäblich bereits schrammen hören konnte. Behauptete er jedenfalls dreist hinterher. Mein bedauernswerter Fahrlehrer war jedenfalls nahe an einem spontanen Herzinfarkt, als er mir gerade noch ins Steuer greifen und es nach links herumreißen konnte.
Ende gut, alles gut! Leopold hatte ganze Arbeit geleistet, also hatte Leo gar nicht erst persönlich einzugreifen brauchen. Weshalb er auch seinen Mund hielt und mir nicht weiter mit besserwisserischen Ratschlägen das Leben schwer machte.
Leopold erholte sich rasch von seinem Schock, moserte zwar ein bisschen – allerdings liebevoll (er soll seinerzeit heftig in meine Mutter verliebt gewesen sein!) – und vergaß den Vorfall dann ziemlich rasch.
Ich dagegen fand heraus, dass es ein guter Trick war, sich beim Fahren mehr zum Mittelstreifen auf der Straße hin zu orientieren. Die entgegenkommenden Autos wichen dann zwangsläufig mehr nach rechts hin aus (von ihrem Blickwinkel aus betrachtet rechts), und damit kam man eigentlich recht gut durchs kurzsichtige Autofahrerleben. Wozu sich also aufregen?
Etwas schwieriger war es schon für mich, den Abstand zum Vordermann groß genug zu halten. Vor allem im Stop-and-Go während eines Staus!
Wenn ich wieder einmal fast die Stoßstange des Wagens vor mir geknutscht hatte, pflegte der arme Leopold zuerst mit einem tiefen Seufzer seine eigene Bremse zu betätigen – und dann liebevoll zu spötteln: »Du sollst doch keine jungen Autos machen, Gundilein!«
Ich kicherte verschämt und ließ mir von ihm das rechte Knie tätscheln. Und damit waren wir dann wieder quitt!
Ich meine, ich bitte Sie: Für einen 60-Jährigen ist es immerhin ein nahezu unfassbar erotisches Erlebnis, einer knapp 18-jährigen Blondine ungestraft ans Knie fassen zu dürfen. Auch das hätte ihm mit Leichtigkeit einen Herzinfarkt bescheren können. Vielleicht sogar eher als die abrupten Bremsmanöver, zu denen er sich durch meine Schuld gezwungen sah!
Und wozu – bitte schön – haben denn die Übungswagen der Fahrschulen das entsprechende Equipment auf der Beifahrerseite eingebaut? Na? … Eben!
Erst die Führerscheinprüfung brachte dann das Ende meiner brillenlosen Zeit. Ich musste in so einen verdammten Apparat schielen und sollte ganze Reihen von immer kleiner werdenden Buchstabenfolgen und Ziffernreihen laut vorlesen. Was mir bei der jeweils obersten Reihe auch noch relativ mühelos gelang. Jedenfalls wenn ich mich stark konzentrierte.
Anschließend wurde mein zartes Sümmchen dann immer leiser, um sich endlich in einem unterdrückten Hustenanfall völlig aufzulösen.
Man brachte mir ein Glas Wasser, das ich so langsam wie möglich und mit Todesverachtung austrank. Wobei mir zwischendurch der kalte Schweiß ausbrach. Was mir aber auch nichts half, ich musste wieder ran, wollte ich meinen Führerschein wirklich haben!
Die praktische Fahrprüfung hatte ich da übrigens schon hinter mir – und bestanden! Der Prüfer sagte, als er ausstieg, seufzend: »Sie bekommen den Wisch, junge Frau. Allerdings sollten Sie in Ihrem ureigensten Interesse unbedingt noch an Ihrem Abstandsproblem arbeiten. Und orientieren Sie sich, um Himmels willen, draußen in freier Wildbahn etwas mehr am rechten Straßenrand. Ich meine es wirklich bloß gut mit Ihnen!«
Ich glaubte ihm aufs Wort und dankte ihm herzlich. Ich glaube, er mochte mich …
Zurück zum Sehtest!
Ich schielte also wieder in den verdammten Apparat, versuchte es nochmals mit der immer leiser werdenden Stimme und dem Reizhusten. Sogar aufs Rätselraten griff ich in meiner Verzweiflung zurück – »Eins, ähm … halt! Nein! Ich glaube, es ist doch eher eine Acht!« – so in dem Stil eben.
Allerdings half mir dieses Mal rein gar nichts mehr.
»Ach du grüne Neune! Sie sind ja blind!«, sagte der Amtsaugenarzt kalt. Und sah mich dabei auch noch strafend an.
Der blöde Kerl: Als ob es meine Schuld gewesen wäre! Also wirklich … ich litt schließlich unter einer angeborenen Behinderung, ich armes Ding!
Anscheinend mochte DER TYP mich NICHT!! Bloß gut, dass er irgendwann in grauer Vorzeit offenbar beschlossen hatte, nicht Fahrprüfer zu werden, sondern Augenarzt. Noch besser wäre allerdings Blindenführer gewesen! Da hätte er wenigstens eine Prise Mitgefühl entwickeln können.
»Wir stellen jetzt Ihre Dioptrien fest, und mit den Daten gehen Sie dann zum nächsten Optiker. Wenn Sie Ihre neue Brille haben, kommen Sie wieder und bestehen den vorgeschriebenen Sehtest. Mit der Bestätigung können Sie schlussendlich Ihren Führerschein abholen.«
Schlussendlich! Der hatte sie doch nicht alle …
Leopold schlug sich hinterher mit der flachen Hand an die Stirn und rief: »Jetzt verstehe ich! Na klar! Mensch, Leopold, wie konntest du bloß so blind sein?«
Tja, das hätte ich auch zu gerne gewusst!
Dumm an der ganzen Geschichte war darüber hinaus, dass ich die Brille dann außer beim Autofahren so gut wie nie trug.
Halt, na ja – im Kino schon. Muss ich zugeben. Natürlich erst, nachdem das Licht ausgegangen war. Dann fummelte ich sie verschämt aus meinen jeweiligen Handtäschchen, setzte sie leise auf und sah mir den Film damit an. Sobald der Abspann lief, riss ich sie wieder herunter und verstaute sie hastig in besagten Behältnissen.
Ansonsten stolzierte ich weiterhin halb blind durchs Leben. Schon damit Leo nicht arbeitslos wurde, schließlich habe ich ein weiches Herz.
Jetzt fragen Sie sich vielleicht, warum ich nicht von allem Anfang an Kontaktlinsen …?
Tja, gute Frage! Die Antwort dazu lautet: Weil ich damals in jüngeren Jahren noch gelegentlich dazu neigte, so genannten Experten meinen vollen, naiven Glauben zu schenken!
Zwei verschiedene Augenärzte hatten mir nämlich gesagt, bei meiner seltenen Form von Astigmatismus (sprich Hornhautkrümmung) und außerdem extremer Augentrockenheit (dabei liebte ich es, von Herzen und wie ein Schoßhündchen auf Kommando loszuheulen!) seien Kontaktlinsen für mich NICHT geeignet.
Es hat mich Jahre meines Lebens gekostet, bis ich endlich so weit war, die Meinung anderer Menschen NICHT mehr VOR meine eigenen Ansichten, Wünsche und Bedürfnisse zu stellen.
Aber eines Tages war es endlich so weit. Da marschierte ich forsch in einen Optikerladen und zischte den Mann im weißen Kittel an: »Ich werde dieses Geschäft nicht ohne einen Satz weicher Kontaktlinsen verlassen, verstanden? Okay, ich leide unter einer starken Hornhautkrümmung und verfüge über nicht allzu viel Tränenflüssigkeit, aber das alles interessiert mich nicht die Bohne! Wenn Sie nicht tun, worum ich Sie bitte, heule ich Ihnen hier glatt die Bude voll!!!«
Was soll ich sagen, es hat geklappt damals …
Leider habe ich mittlerweile das Problemchen, dass ich die Linsen allzu gerne verliere und dann auf allen vieren wie in einem dieser blöden Hollywood-Filmstreifen herumkrabbeln muss, um sie dann vielleicht doch nicht mehr wiederzufinden.
Vielleicht sollte ich es doch einmal mit einer Laseroperation versuchen …? Das Experten-Problem habe ich ja immerhin für mich gelöst, siehe oben. Und zwar hoffentlich ein für alle Mal!
Als die zweite Flasche Sekt auf den Tisch kam – von Mark und Tom bestellt dieses Mal –, hatte ich bereits verschiedene Mail- Adressen (darunter die von Mark) sowie diverse Telefonnummern mit einer 0034-, sprich Spanien -Vorwahl nebst den dazugehörigen Adressen im Handtäschchen. Außerdem den heißen Tipp, mit der Jobsuche bei einem der privaten deutschen Radiosender auf der Insel zu beginnen.
Mark war wirklich ein ganz süßes Schätzchen! Leider schon vergeben und bis über beide Ohren verliebt in eine andere Frau, aber das konnte sich ja irgendwann auch wieder ändern, nicht wahr? Wie heißt es doch so schön: Das einzig Beständige im Leben ist die Veränderung … Also, mir gefällt der Spruch!
Den größten Vogel aber schoss meine liebe Marlen ab. Sie war ja immer großartig darin, für sich selbst das Beste aus jeder Veränderung in ihrer nächsten Umgebung herauszuholen. »Wie viele Deutsche leben auf Teneriffa noch mal?«, wandte sie sich mit unschuldigem Augenaufschlag an Mark. Der darüber noch kein Wort hatte fallen lassen …
Er wackelte mit den Ohren und grinste: »Weiß ich nicht genau. Man munkelt aber von einer Zahl, die eine mittlere deutsche Großstadt füllen könnte. Mit steigender Dunkelziffer. Je schlechter die Lage am heimischen Herd, desto mehr Nestflüchter ziehen in den Süden.«
Marlen nickte zufrieden, ehe sie sich an mich wandte: »Es muss also mindestens Zig-Hunderte, wenn nicht mehr, von deutschen Frauen geben auf der Insel, die bereits getan haben, was du jetzt vorhast, Gundchen. Die das Näschen voll hatten und alleine aufgebrochen sind, um ein neues Leben da unten zu beginnen. Hinter Afrika, sozusagen …« Sie brach ab und kicherte.
Mark grinste zurück. »Das stimmt. Man braucht bloß auf die Weltkarte zu gucken. Geographisch gesehen gehören die Kanaren zu Afrika und liegen, von hier aus betrachtet, tatsächlich hinter Afrika.«
Oje, Gundi!, dachte ich verzagt. Das sieht dir ja wieder ähnlich. Klingt fast nach Hintertupfingen …
»Du bringst mir solche Storys, Gundi! Für meine Zeitschrift. Wir zahlen dir ein flottes Honorar. Wie viel genau, muss ich erst noch mit dem Chefredakteur aushandeln. Aber bestimmt genug, dass du dort unten über die Runden kommen kannst. Jedenfalls, wenn du fleißig genug recherchierst und flotte Geschichten von weiblichen Aussteigern lieferst. Am besten mit einer gehörigen Prise Liebe dabei. Etwa so: Attraktive 50-Jährige verliebt sich in knackigen spanischen Barkeeper und zieht mit ihm auf seine Finca in den Bergen. Kapiert, das Prinzip?«
»Schon, aber solche Storys könnte ich gut und gern auch hier in München einfach so am Schreibtisch erfinden …«
»Nichts da, erfinden! Wir sind zwar Yellow Press, aber unsere Geschichten sind allesamt WAHRE Geschichten. Jedenfalls, solange ich stellvertretende – und hoffentlich in absehbarer Zukunft sogar nur noch – Chefredakteurin bin. Du wirst deine sorgfältig recherchierten Storys mit Original-Fotos der beteiligten Personen zu liefern haben, Mäuschen. Du brauchst natürlich einen Laptop, Digitalkamera und Internetanschluss für den Job. Mark, kannst du Gundi auch gleich noch einen deutschen Computerfachmann dort unten empfehlen? In technischen Dingen ist sie manchmal etwas zögerlich. Sie braucht jemanden, der ihr im Notfall unter die Arme greift.«
Keine Frage, Mark – der Super-Mann – konnte auch das! Und ich bekam eine weitere Adresse nebst Telefonnummer in die schweißnassen Händchen gedrückt. Nebst dem heißen Tipp, mich an die örtliche Telefongesellschaft namens Telefonica zu wenden.
Lieber Himmel, wo war ich da bloß hineingeraten? Und bloß, weil mein Ex-Paul diese Öko-Tussi und ihre grauenhafte Löwenzahnmarmelade vernaschen musste! Ich hoffe von Herzen, dass er wenigstens anständig Dünnpfiff bekommt davon. Nebst Haarausfall, Krampfadern und nicht zu vergessen … Impotenz!! … Inkontinenz wäre auch nicht schlecht, fällt mir da noch ein …
»PFUI, ADELGUNDE!«, schimpfte Leo laut in meinen Gehörgängen herum. In Großbuchstaben! Ich konnte sie bildlich vor mir sehen!!! Dann zog sich mein Schutzengel wieder in Schweigen und seine höheren Gefilde zurück …
Tja, ich denke, zum Schluss dieses Kapitels sind nun auch noch ein paar erklärende Worte zur Person Leos angebracht.
Ich selbst kann mich nicht mehr so genau daran erinnern – aber meine mittlerweile verstorbene Großmutter, die ich Ama nannte, hat mir die Geschichte oft erzählt. Ich muss so etwa vier Jahre alt gewesen sein, als ich anfing, halblaute Selbstgespräche in Dialogform mit einer imaginären Person zu führen, die ich Leo nannte.
Übrigens schloss ich dabei stets meine Augen! (Da Sie ja bereits von meiner durch eine Hornhautkrümmung verursachten Kurzsichtigkeit wissen, dürfte Sie das nicht weiter überraschen. Außerdem musste ich schließlich meinen Blick nach innen richten, um dort nicht nur mit Leo zu kommunizieren, sondern ihn auch zu »sehen«!)
Jedenfalls erzählte mir Ama viel später, ich hätte ihr dereinst einmal eine genaue Beschreibung von Leo geliefert. Rundlich und gedrungen wäre die Figur gewesen, mit freundlichen, strahlenden Augen und Pausbäckchen. Gewandet in eine Art Kleidchen, das cremig-weiß schimmerte. Auch um den Kopf Leos herum habe es kreisförmig und hell geschimmert. Außerdem sei Leo ständig hin- und hergeschwebt, während er mit mir sprach …
Ama schloss daraus messerscharf, dass es sich um einen waschechten Engel, ein Lichtwesen, handeln musste. Und zwar den ganz speziellen »Schutzengel Leo« ihrer kleinen Gundi!
