Noch einmal nach Santiago - Sebastian Utermann - E-Book

Noch einmal nach Santiago E-Book

Sebastian Utermann

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Beschreibung

"Mit zwanzig Jahren bin ich den Camino del Norte, den Jakobsweg entlang der nördlichen Atlantikküste, von Irun nach Santiago de Compostela gepilgert." Mit diesen Worten beginnt eine Reise, die ich vor vierzehn Jahren auf dem Jakobsweg begonnen habe und nun in der Erinnerung weiterführe. Mit Wegen, die mich durch eine Landschaft geleitet haben, welche ebenso facettenreich war wie meine Gedankenwelt. Eine Reise, deren Ziel damals Santiago de Compostela war und gleichzeitig immer noch vor mir liegt. Ich blättere erneut durch mein Tagebuch und blicke zurück auf einen Weg, der mich noch heute begleitet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sebastian Utermann

Noch einmal nach Santiago

Meine Erinnerungen an den Jakobsweg

© 2022 Sebastian Utermann

Lektorat, Korrektorat: Franziska Hülshoff

Weitere Mitwirkende: Laura Botzet, Christina Kuhn

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

ISBN

Paperback: 978-3-347-56619-4

e-Book: 978-3-347-56620-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:

tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice",

Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die ersten Schritte

03. Juni – Irun

04. Juni – San Sebastian (22 Kilometer)

05. Juni – Orio (13 Kilometer)

06. Juni – Deba (31 Kilometer)

07. Juni – Cenaruzza (28 Kilometer)

Auf dem Weg

08. Juni – Lezama (39 Kilometer)

09. Juni – Bilbao (17 Kilometer)

10. Juni – Pobeña (26 Kilometer)

11. Juni – Liendo (36 Kilometer)

12. Juni – Güemes (41 Kilometer)

13. Juni – Santander (14 Kilometer)

14. Juni – Santillana del Mar (46 Kilometer)

15. Juni – Cóbreces (14 Kilometer)

16. Juni – Serdio (35 Kilometer)

17. Juni – Llanes (34 Kilometer)

18. Juni – La Isla (49 Kilometer)

19. Juni – Gijón (52 Kilometer)

Rückblick

20. Juni – Avilés (26 Kilometer)

21. Juni – Soto de Luiña (45 Kilometer)

22. Juni – Almuña (38 Kilometer)

23. Juni – La Caridad (29 Kilometer)

24. Juni – Ribadeo (26 Kilometer)

25. Juni – Mondoñedo (39 Kilometer)

26. Juni – Vilalba (37 Kilometer)

27. Juni – Miraz (38 Kilometer)

Nach Santiago

28. Juni – Sobrado dos Monxes (26 Kilometer)

29. Juni – Santa Irene (35 Kilometer)

30. Juni – Santiago de Compostela (25 Kilometer)

02. Juli – Osnabrück

Nachwort

Vorwort

Nach vierzehn Jahren

Mit zwanzig Jahren bin ich den Camino del Norte – den Jakobsweg entlang der nördlichen Atlantikküste – von Irun nach Santiago de Compostela gepilgert. Das war vor vierzehn Jahren im Juni 2008 und hat mich seitdem in manchen Phasen meines Lebens mehr oder weniger beschäftigt, war manchmal präsenter oder ging im Alltag unter. Bis dahin habe ich noch nie Tagebuch geschrieben. Und ich bin froh, die Zeit und den Weg genutzt zu haben, um meine Erlebnisse und Gedanken zu notieren. In den kleinen Taschenkalender, den ich dabeihatte, reihten sich wegen des Platzmangels knappe und kryptische Sätze. Nicht viel mehr als eine kurze Zusammenfassung eines Tages. Wenige Wochen nach meiner Rückkehr habe ich sie als kleines, persönliches Tagebuch ausformuliert und dieses ins Regal gestellt. Wenn ich ehrlich bin, hat es diesen Platz seitdem nicht verlassen, da ich nicht das Bedürfnis hatte, darin zu lesen.

Vielleicht empfand ich auch eine gewisse Hemmung, mich mit meinem damaligen Ich, meinen Gedanken und dem, was mich bewegt hat, auseinanderzusetzen. Ich befürchtete, mich selbst beim Lesen lächerlich zu finden oder etwas zu entdecken, das mir befremdlich vorgekommen wäre. Mit der Zeit ist diese Hemmung größer geworden. Vor allem, da ich die Reise in einer Phase meines Lebens gemacht habe, in der sich Vieles geändert hat.

Jetzt nehme ich das Tagebuch zum ersten Mal wieder aus dem Regal und bin genauso gespannt wie du, was mich erwartet. Denn diese Reise und die Erfahrungen haben mich geprägt. Ich habe mich bewusst für den Jakobsweg entschieden und trotz der langen Zeit begleitet er mich immer noch. Ich merke jetzt noch mehr als zuvor, wie wichtig mir die Erinnerungen an diese Zeit sind. Denn ähnlich wie damals beschäftigen mich heute Fragen der Sinnsuche und der Suche nach Gott.

Dieses Vorwort darfst du also wortwörtlich verstehen: Ich schreibe diese Sätze, bevor ich den ersten Tagebucheintrag erneut lese und mich damit auseinandersetze. Mein Wunsch ist, das Geschriebene in eine Form bringen, die veröffentlicht werden kann und auch für dich als Leser*in interessant ist. Gleichzeitig möchte ich jetzt bereits betonen, dass meine Geschichte letztendlich nur eine Art von vielen Möglichkeiten beschreibt, diesen Weg zu gehen.

Das Geschriebene zu überarbeiten, bedeutet vielleicht, dass ich an den Formulierungen feilen oder weitere erklärende Erinnerungen ergänzen muss. Vielleicht heißt es auch, dass ich Persönliches herausstreiche. Ich habe nicht vor, aus meiner Erfahrung eine gemütliche Wanderung ohne Hindernisse und Sorgen zu machen. Denn das war sie nicht nur. Jedoch möchte ich meine Gedanken – die ich damals in erster Linie ausschließlich für mich formuliert habe – ab einem gewissen Punkt schützen. Das Gleiche gilt für die Menschen, die ich unterwegs getroffen habe. Da ich dieses Buchprojekt mit den wenigsten von ihnen abstimmen kann, habe ich beschlossen, ihre Namen zu ändern. Dennoch bin ich mir sicher, dass sie sich in den Erzählungen wiedererkennen, sollten sie dieses Buch lesen.

Um nicht allein bei meinen Erfahrungen stehenzubleiben, soll dieses Buch über die Tagebucheinträge hinausgehen. Ich möchte das Geschriebene in einen größeren Kontext setzen, indem ich die zwanzig Jahre davor sowie die Zeit bis jetzt miteinbeziehe. Viele Verknüpfungen lassen sich erst jetzt ziehen und aus meiner heutigen Perspektive kann ich die damaligen Geschehnisse besser überblicken. In den einzelnen Kapiteln werde ich Abschnitte, in denen ich meine jetzige Perspektive einnehme, zum besseren Verständnis kursiv hervorheben.

Ich freue mich darauf, meine Reise auf diese Art noch einmal anzutreten. Ich freue mich darauf, sie aus dem heutigen Blickwinkel zu sehen und tiefer in die Elemente vorzustoßen, die mich und meine Geschichte mit der Reise verbinden. Ich freue mich darauf, über meinen Umgang mit den Herausforderungen während der Wanderung zu schmunzeln, denn dafür gibt es zahlreiche Beispiele.

Und ich freue mich, dich daran teilhaben zu lassen. Vielleicht spielst du selbst mit dem Gedanken, auf dem Jakobsweg zu pilgern. Vielleicht suchst du einen nahbaren Reisebericht oder einfach kurze Geschichten für vereinzelte Lesepausen.

In jedem Fall wünsche ich dir viel Spaß beim Lesen.

Die ersten Schritte

03. Juni – Irun

Ein holpriger Anfang

Die Reise beginnt nicht zu Fuß, sondern mit dem Zug. Am späten Abend des 02. Juni 2008 begebe ich mich in einen Schlafwagen nach Paris. Durch die Fenster des anfahrenden Zuges sehe ich meine Mutter und Schwester am Gleis stehen, deute ein unsicheres Lächeln an und hinterfrage meinen Plan ein weiteres Mal. Ich hätte die nächsten Wochen auch zu Hause verbringen können. Stattdessen fahre ich über Nacht allein nach Spanien, um dort einen Weg zu gehen, der mir noch unbekannt ist.

Kurz bevor ich in den Nachtzug steige und mich auf den Weg nach Spanien begebe.

Ich versuche, mich im Dunkeln zu orientieren. In den anderen Betten schlafen bereits Personen und ich möchte sie nicht wecken. Ich stelle meinen Rucksack ab, lege mich schnell hin und befürchte bereits nach wenigen Minuten, meine Wanderschuhe am Bahnsteig vergessen zu haben.

Der Gedanke verfolgt mich bis zum nächsten Morgen, doch dann kann ich meine Schuhe schließlich in der Dämmerung schemenhaft neben meinem Bett erkennen. Im Gegensatz dazu bin ich mir schnell und ohne jeden weiteren Zweifel sicher, dass es nicht meiner Natur entspricht, liegend in einem fahrenden Zug zu schlafen. Auch wenn ich damit langanhaltende Nackenschmerzen riskiere, schlafe ich lieber im Sitzen. In meinem Bett liegend, täuschen mir meine Sinne ab einem gewissen Zeitpunkt Bewegungen vor. Ich weiß nicht, ob der Zug fährt oder steht, beschleunigt oder abbremst. Irgendwann in der Nacht scheint der Zug auch die Fahrtrichtung geändert zu haben. Oder habe ich ein völlig falsches räumliches Verständnis? Jedenfalls bin ich froh, in Paris anzukommen und mich zu Fuß fortzubewegen.

Hier möchte ich mit dem Zug weiter nach Irun fahren, dem Startpunkt der ersten Etappe. Auf der Anzeigetafel entdecke ich jedoch einen Zug, der früher nach Hendaye fährt. Die französische Stadt liegt an der Grenze zu Spanien und ist – getrennt durch den Fluss Bidasoa (in der spanischen und baskischen Schreibweise) nur wenige Kilometer von Irun entfernt. Ich beschließe, den Zug umzubuchen und den Aufenthalt am Pariser Hauptbahnhof zu verkürzen. Wie jede große Stadt wimmelt Paris von Menschen, die es sehr eilig haben. Ich bereue nicht, dass eine Stadtbesichtigung ausfällt, die sich wegen der Größe von Paris sowieso schwierig gestaltet hätte. Stattdessen bin ich früher in Irun und kann mich dort zurechtfinden.

Ich habe gehofft, dass die Geschwindigkeit dort allmählich abnimmt. In meiner Vorstellung ist Irun eine überschaubare Stadt, in der ich die Atmosphäre des Jakobsweges förmlich spüren kann. Aber es ist laut wie in einer Großstadt und die Menschen übertreffen in ihrer hektischen Art fast die in Paris.

Nach kurzer Suche finde ich meine erste Herberge. Ich bin aufgeregt, denn obwohl die Herbergen die Pilger*innen erwarten, müssen wir dort aktiv nach einem freien Bett fragen. Diese erste Anfrage kostet mich als introvertierter Mensch viel Überwindung. Doch der Wunsch, endlich anzukommen und mich auszuruhen, ist größer und ich trete ein.

Die Herberge ähnelt eher einer kleinen Wohnung, die für Pilger*innen geöffnet ist. Anna, die Herbergsmutter, ist eine herzliche Frau und bittet mich nach der Anmeldung, eine Broschüre aus dem Spanischen ins Deutsche zu übersetzen. Ich freue mich, behilflich sein zu können, lasse meinen Pilgerausweis zum ersten Mal abstempeln und arbeite kurz an der Übersetzung. Später koche ich mit zwei anderen Pilger*innen, die ich beim Einkaufen getroffen habe, ein einfaches Abendessen. Ich genieße den gemeinsamen Abend und das nette Gespräch sehr. Nach der langen Anreise und den vielen Eindrücken komme ich endlich zur Ruhe. Schnell schlafe ich ein und kann mich für meine erste Etappe ausruhen.

Wenn ich später vom Jakobsweg erzähle, wiederholen sich die Reaktionen der Menschen, die mir auch beim Pilgern begegnet sind. Oft werde ich gefragt, wie ich eigentlich auf die Idee gekommen bin. Darin spricht wahrscheinlich auch die Überraschung, so etwas mit zwanzig Jahren zu machen. Tatsächlich hat mich ein Reiseblog von zwei Freunden dazu inspiriert, die gemeinsam den Küstenweg gepilgert sind.

Für die Beiden bedeutete es in erster Linie Spaß und Abenteuer. Gerade das Abenteuerliche an den Erzählungen hat in mir den Wunsch geweckt, mehrere Wochen allein unterwegs zu sein und ebenfalls auf dem Küstenweg zu laufen, der mir im Vergleich zum Camino Francés wilder und weniger überlaufen vorkam. Gleichzeitig hatten bei mir auch Sinnesfragen einen entscheidenden Einfluss darauf, diese Wanderung zu machen und die Zeit vor einem weiteren Lebensabschnitt so zu gestalten: Wer war ich wirklich? Was ist der Sinn meines Lebens? Welche Rolle spielt Gott in meinem Leben?

Nach dem Abitur habe ich in einem Krankenhaus meinen Zivildienst absolviert. Dieser erste Kontakt mit pflegerischen Tätigkeiten hat schnell in dem Wunsch gemündet, als Gesundheits- und Krankenpfleger zu arbeiten. Sowohl dieses Krankenhaus als auch die Ausbildungsstätte hatten einen christlichen Bezug. Es ist rückblickend nicht verwunderlich, dass ich für die Monate zwischen Ende des Zivildienstes und Beginn der Ausbildung einen Pilgerweg und keine beliebige Wanderung gewählt habe. Die Möglichkeit, mich in einem Umfeld, das von geistlichen Erfahrungen und anderen Sinnsuchenden geprägt war, mit den eigenen Fragen auseinanderzusetzen, hat meine Entscheidung mehr als alles andere beeinflusst.

Im Nachhinein finde auch ich die Tatsache bemerkenswert, allein in eine unbekannte Stadt zu fahren und mich auf diesen Weg zu begeben, obwohl ich davor nur mit meiner Familie oder mit anderen Gruppen größtenteils innerhalb Deutschlands gereist bin. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt kaum abschätzen, was das für Auswirkungen haben könnte. Woher auch? Aber jetzt bin ich ebenso froh wie damals in der Herberge, dass ich den Mut gefasst habe, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Auch wenn ich heute weiß, wie sehr es mich körperlich und mental herausgefordert hat.

05. Juni – Orio (13 Kilometer)

Kreisende Gedanken und Queen

Die Herbergen auf dem Jakobsweg sind keineswegs einheitlich gestaltet. Umfunktionierte Wohnungen und Hostels bieten den Pilger*innen ebenso Unterkunft wie größere Hotels. Die Zimmer – von Einzelzimmern bis zu großen Schlafsälen – füllen alte und geschichtsträchtige Klöster, aber auch moderne Neubauten. Manche Herbergen werden privat geführt, manche geschäftlich. In einigen ist die Übernachtung kostenlos oder wird durch eine kleine Spende abgedeckt, andere Herbergen haben wiederum einen festen Preis, der aber nicht besonders hoch ist.

Im Preis dieser Herberge in San Sebastian ist ein Frühstück mit inbegriffen, welches ich gemeinsam mit Daniel und Amelia, einer kanadischen Pilgerin, zu mir nehme. Danach mache ich mich allein auf den Weg, treffe aber unterwegs wieder auf Daniel, der kurz vor mir gestartet ist und gerade mit einem Spanier und Michael, einem deutschen Pilger, an einer Quelle eine Pause macht. Ich setze mich dazu, um mich ebenfalls kurz auszuruhen. Die Quelle befindet sich in einem dichtbewachsenen Waldstück, das uns vor der Sonne schützt und uns nach den ersten anstrengenden Kilometern angenehm abkühlt.

Der weitere Weg führt zunächst über hügelige Weidelandschaften. Er geht in schmale Trampelfade über, die von hohem Gras gesäumt sind und mich mit ihrem losen Untergrund immer wieder ins Straucheln bringen. Ich bin nach der Pause wieder allein weitergelaufen und habe viel Zeit nachzudenken. Als würden die schmalen Pfade mich durch mein Leben führen, rufe ich mir unterschiedliche Episoden meiner Vergangenheit ins Gedächtnis. Meine Rückblicke auf vergangene Ereignisse lösen abwechselnd Aufgebrachtheit und Ruhe in mir aus.

Zwischendurch unterbreche ich den Gedankenfluss, indem ich vor mich hin singe. Dies entspricht absolut nicht meinem öffentlichen Auftreten, doch es stört mich in dem Moment nicht. Das liegt auch daran, dass der Küstenweg nun durch weniger dicht besiedelte Gebiete führt, die in dieser Zeit des Jahres kaum begangen werden. Ich könnte rufen und würde damit höchstens ein paar Kühe stören.

Abgesehen davon empfinde ich das Singen als eine gute Abwechslung. Es beschäftigt mich, erfordert aber längst nicht so viel Aufmerksamkeit wie die inneren Gespräche und Gedankenketten, die in diesen teils einsamen Stunden nicht abzubrechen scheinen.

Ich war schon immer ein sehr nachdenklicher Mensch. Mit jedem meiner Schritte ziehen kreative Ideen ebenso vorbei wie Sorgen, Erinnerungen und Pläne. Manchmal sind meine Gedanken zielgerichtet und strukturiert, manchmal assoziativ und kaum greifbar. Ich kann mir vorstellen, dass manchen Menschen diese Stille, in der die innere Stimme zu hören ist, unangenehm ist. Es kann konfrontativ sein, insbesondere wenn wir wenig Möglichkeiten haben, uns davon abzulenken. Aber es hilft uns dabei, Klarheit zu schaffen.

Gerade beim Laufen überwiegt meines Erachtens der befreiende und lösende Charakter der Gedanken. Als würden sich die äußere und innere Bewegung einander annähern und zunehmend bedingen. Komme ich ins Grübeln oder verarbeite einen komplexen Gedanken, verlangsamt sich mein Schritt. Überschlagen sich die Gedanken, laufe ich schneller. Bleibe ich stehen, fällt es mir deutlich schwerer, den Gedankenfluss fortzusetzen. Es ist faszinierend, dieses Wechselspiel immer wieder zu bemerken und Gedanken unterwegs zu ordnen.

Natürlich können Laufzeiten von acht bis zehn Stunden auch monoton und langweilig sein. Die langsam vorbeiziehende Landschaft verändert sich kaum und lenkt die Aufmerksamkeit nur sporadisch auf sich. Immer wieder rückt sie vollständig in den Hintergrund und der eigene Blick ist hauptsächlich nach innen gerichtet. Auf Gedanken, Gespräche und Erinnerungen. Ich habe den Eindruck, dass ich als Person mit der Zeit immer mehr in den Mittelpunkt rücke, denn jeder verfolgte Gedanke kehrt nach einigen Minuten zu meiner Person zurück. Auch aus diesem Grund kommen mir einzelne Unterbrechungen in Form von Liedern gelegen, die allein durch das Singen den Fokus deutlich nach außen lenken. An diesem Tag geistert zum Beispiel „Bohemian Rhapsody“ von Queen immer wieder in meinem Kopf herum. Und obwohl mir schon in der Schule gesagt wurde, dass ich nicht singen kann, lasse ich meine Umgebung unbeirrt teilhaben.

Als der Weg sich der Küste zuwendet, mache ich an einer steinernen und flächenweise mit Gras bewachsenen Stelle eine ausgedehnte Pause. Ich genieße das Rauschen der Brandung und den aufkommenden Wind, der mich angenehm abkühlt. Der unverwechselbare Geruch von Salzwasser steigt in meine Nase und erinnert mich an das Gefühl der tiefen Verbundenheit, die ich für das Meer empfinde. So aus der Routine des Laufens herausgezogen, entschließe ich mich spontan, die Etappe abzukürzen und in eine Herberge in Orio einzukehren, die in dem Wanderbuch empfohlen wird.

Während einer Pause mit Blick auf den Atlantik.

Die sprachlichen Barrieren, die sich im Kontakt mit der freundlichen Herbergsmutter erneut sehr deutlich zeigen, bedauere ich sehr. So entgehen mir viele wertvolle Begegnungen, da ich über eine oberflächliche Unterhaltung nicht hinauskomme. Allerdings merke ich auch, dass uns etwas abseits des gesprochenen Wortes verbindet. Etwas, das keiner Sprache bedarf, das auf andere Weise kommuniziert. Ich spüre ein stummes Einverständnis jenseits aller sprachlichen Differenzen. So fühle ich mich willkommen und wertgeschätzt, auch wenn ich es durch gesprochene Worte nicht verstehen kann. Allein die Gesten und die Mimik der Herbergsmutter vermitteln mir das Gefühl und ich versuche, dies ebenso deutlich zurückzugeben.